{"id":4194,"date":"2014-12-07T09:02:41","date_gmt":"2014-12-07T14:02:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4194"},"modified":"2014-12-07T10:06:14","modified_gmt":"2014-12-07T15:06:14","slug":"utz-rachowski-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/utz-rachowski-2\/","title":{"rendered":"Utz Rachowski"},"content":{"rendered":"<p><strong>Meine Lager Gie\u00dfen und Marienfelde November 1980<\/strong><\/p>\n<p>Ich kam am 20. November nach 14 Monaten Haft im Aufnahmelager in Gie\u00dfen an. Dort gab es einen Lauf-Zettel, man musste Beh\u00f6rdenwege innerhalb des Lagers machen. Ich stand sehr fr\u00fch auf und war der erste der am Vortag angekommenen Gefangenen.<br \/>\n\u00c4rztliche Untersuchung zuerst, dann B\u00fcrokratie, Personalien, alles etwa 6-8 Stunden lang. Am Ende eine Kommission, die fragte, in welches Bundesland in Westdeutschland man gehen wollte. Ich sagte (West)-Berlin, weil ich dort einen einzigen Menschen kannte (den ber\u00fchmten Schriftsteller J\u00fcrgen Fuchs, der seit meiner Schulzeit mein Freund war). Verwandte, Bekannte oder andere Freunde in Westdeutschland hatte ich nicht.<br \/>\nNur drei Gefangene hatten es geschafft, an einem einzigen Tag diese B\u00fcrokratie zu durchlaufen und alle Stempel auf dem Laufzettel zu bekommen. Am sp\u00e4ten Nachmittag gingen wir, wir hatten neben 30 Mark ein Zugticket und ein Flugzeugticket erhalten, zum Bahnhof Gie\u00dfen, um nach Frankfurt\/Main zum Flughafen zu fahren. Dort fanden wir nach langem Suchen unseren Flug auf dem riesigen Flughafen. Man mu\u00df sich vorstellen, dass wir nach Jahren im Gef\u00e4ngnis pl\u00f6tzlich dort unter Tausenden Menschen standen, 24 Stunden vorher hatten wir noch in unseren Zellen gesessen.<br \/>\nFlug nach Berlin, dann sahen wir von oben die orangefarben beleuchtete Berliner Mauer deutlich beim Anflug. Wir flogen Pan Am, denn keine deutsche Fluggesellschaft durfte Westberlin anfliegen.<br \/>\nDie anderen zwei Mitgefangenen wurden von Verwandten abgeholt, und ich stand pl\u00f6tzlich allein vor dem Fughafen in Tegel. Ich fragte einen Taxifahrer, wie viel es ins Aufnahmelager kosten w\u00fcrde, es war viel zu teuer. Also fragte ich einen umherstehenden Busfahrer, der war freundlich und schrieb mir einen Zettel: Bus bis Jacob-Kaiser-Platz, dann U-Bahn 7 bis Mehringdamm, dort umsteigen in U-Bahn 6 Richtung Alt-Mariendorf, dann wieder Bus. Ich fragte zwei \u00e4ltere Leute im Bus nach dem Lager, sie sahen mich an wie einen Verbrecher, sagten mir aber, wo ich aussteigen mu\u00df an der Haltestelle des Lagers Marienfelde.<br \/>\nPf\u00f6rtner in Uniform\u2026 Er gab mir den Schl\u00fcssel f\u00fcr ein Zimmer, das schon mit zwei ehemaligen Gefangenen belegt war, ich war der dritte. Beide waren in der DDR schwere Kriminelle mit jeweils acht Jahren Haft wegen Schl\u00e4gereien und Diebstahl. Ich wusste sofort: Hier musst Du wieder raus! Von einem Knast in den anderen, dachte ich\u2026<br \/>\nN\u00e4chsten Morgen schon bel\u00e4stigten mich die beiden ehemaligen Gefangenen mit Fragen, wie viel Geld ich noch h\u00e4tte, ob ich mit ihnen heute Bier trinken gehen w\u00fcrde usw. Ich ging schnell zum Fr\u00fchst\u00fcck. Dort war eine nette Frau, die mir zus\u00e4tzlich Milch gab, obwohl ich schon \u00fcber 25 war (wie sie sagte, durfte sie nur Personen unter 25 Milch zum Fr\u00fchst\u00fcck geben). Sie sah wohl auch, wie ich aussah: nach den Monaten der Zwangsarbeit blass und w\u00e4chsern im Gesicht, und jeden Morgen liefen durch Kreislaufschw\u00e4che meine Finger und H\u00e4nde bis zum Handgelenk schwarz an. Ich rief danach, es war auch meine einzige Hoffnung, meinen Freund J\u00fcrgen Fuchs an, und er und seine Frau Lilo sagten sofort, dass ich zu ihnen kommen solle, sofort raus dort! Ich besuchte sie am Mittag und fuhr am sp\u00e4ten Nachmittag zur\u00fcck ins Lager, um meine wenigen Sachen zu holen, es war nur ein kleiner Kunst-Lederbeutel. Die beiden \u201eMitbewohner\u201c hatten mich bereits bestohlen, meine Schuhe und meine Jacke waren weg, die ich am Vormittag in einer Kleiderkammer des Lagers Marienfelde erhalten hatte. Man gab sie mir, weil ich nur Sommerkleidung hatte, meine Verhaftung war an einem warmen Tag Anfang Oktober des vorletzten Jahres gewesen.<br \/>\nIch wohnte sechs Wochen bei der Familie Fuchs, die mich mit Kinder-Vitamins\u00e4ften und gutem Essen wieder aufp\u00e4ppelte, und dann war ich auf Vermittlung von Sarah Kirsch zu Gast im Literarischen Colloquium am Wannsee. Nach 10 Wochen fand ich eine eigene Wohnung in Tempelhof. Von diesen drei Orten aus musste ich jedoch noch sehr oft aus b\u00fcrokratischen Gr\u00fcnden zur\u00fcck ins Lager Marienfelde (und auch zu vielen anderen \u00c4mtern der Stadt). Um als Ostdeutscher ein Deutscher zu werden brauchte ich, obwohl ich jeden (!) Wochentag 4 \u2013 6 Stunden unterwegs war, \u00fcber sechs Wochen. Gerade im Lager Mariendorf waren die Bearbeiter der b\u00fcrokratischen Angelegenheiten \u00fcberwiegend unfreundlich und herablassend.<br \/>\nIch musste auch zu den sogenannten \u201eSichtungsstellen\u201c der West-Geheimdienste. Au\u00dfer zu den Briten. Die Franzosen waren l\u00e4ssig drauf und schenkten mir Gauloises-Zigaretten ohne Filter, sie fragten mich kaum etwas, und wir lachten viel zusammen. Die Deutschen, der BND, sie waren steril, graue Anz\u00fcge und graue Gesichter, distanziert und sie fragten auch nicht viel. Einer beeindruckte mich, mit dem Wissen, als er mir sagte, wo genau es am Waldrand meiner kleinen Stadt eine gute Pilzgegend gibt. Der amerikanische Geheimdienst jedoch bestellte mich nach einem kurzen Erstgespr\u00e4ch im Lager Marienfelde an einen anderen Ort in der Stadt, \u00e4hnlich einer Kaserne. Dort wurde ich von einem sehr unfreundlichen, verhalten aggressiven Mann im mittleren Alter \u00fcber Stunden verh\u00f6rt, es war eine Situation \u00e4hnlich der Stasi-Vernehmungen\u2026 Nach dem ersten \u00dcberraschungsmoment (etwa 40 Minuten), bis ich die Situation begriff, verweigerte ich zunehmend jede Aussage, wodurch der Mann noch sch\u00e4rfer und verbal aggressiver wurde. Nach etwa drei Stunden sagte ich zu ihm: Wenn die Russen Westberlin \u00fcberfallen, dann springen Sie als Amerikaner ins letzte Flugzeug nach Westen und mich stellen die Russen an die Wand. Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und mir.<br \/>\nDaraufhin beendete der Mann seine Vernehmung. Er schien auch beeindruckt. Ich musste etwas unterschreiben, was offenbar mit Geld zusammenhing (\u201efor working\u201c). Am Ausgang des Hauses (eines von vielen in der Kaserne) erhielt ich vom Pf\u00f6rtner 30 Mark. Ich \u00e4rgere mich noch heute, dass ich das Geld angenommen habe, diese Situation pl\u00f6tzlich am Ausgang hatte mich \u00fcberrumpelt. Ich war und bin ein wirklicher Amerika-Fan, brachte es 2012 sogar bis zu einem Lehrauftrag in der Stellung eines Professors f\u00fcr deutsche Sprache am Gettysburg College, aber diese fr\u00fchere Westberliner Erfahrung ging mir noch lange nach.<br \/>\nErst viel sp\u00e4ter im Leben dachte ich dar\u00fcber nach, ob die verschiedenen Dienste der westlichen Alliierten nicht doch an einem Seil zogen, ihre folkloristischen Rollen bei den Verh\u00f6ren spielten und sich danach austauschten. Auf jeden Fall schien ihnen bewusst, dass sie in Westberlin alle zusammen an einem seidenen Faden hingen.<br \/>\nNach etwa sechs Wochen seit meiner Ankunft in Berlin war ich nun ein \u201eechter Deutscher\u201c und musste nicht mehr ins Lager fahren.<br \/>\nEinen meiner Mitbewohner des Zimmers im Lager Marienfeld sah ich noch einmal wieder, mitten in der Stadt, ich achtete erschrocken darauf, dass er mich nicht erkannte. Er trug meine Winterjacke und meine neuen Schuhe. Ich g\u00f6nnte sie ihm, aufrichtig.<\/p>\n<p>Nach dem Fall der Mauer erfuhr ich durch die Medien, dass der oberste Leiter des Lagers ein Spitzel der \u201eStasi\u201c war und unz\u00e4hlige Berichte nach Osten geschrieben hatte.<\/p>\n<p>10. Mai 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Lager Gie\u00dfen und Marienfelde November 1980 Ich kam am 20. November nach 14 Monaten Haft im Aufnahmelager in Gie\u00dfen an. 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