{"id":4207,"date":"2014-12-07T09:45:49","date_gmt":"2014-12-07T14:45:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4207"},"modified":"2014-12-07T09:53:01","modified_gmt":"2014-12-07T14:53:01","slug":"anna-rosmus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/anna-rosmus\/","title":{"rendered":"Anna Rosmus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Passau: Wieder Tor zum Osten?<\/strong><\/p>\n<p>11. September. In den USA steht er f\u00fcr die Terrorangriffe der Al Qaida von 2001. In Passau steht er f\u00fcr die Massen, die 1989 aus der DDR kamen. Zumindest auf der internationalen B\u00fchne w\u00e4lzten sich die Kolonnen damals angeblich spontan und vollkommen \u00fcberraschend \u00fcber die Grenzen.<br \/>\nIn Wirklichkeit hat sich die Entwicklung freilich \u00fcber viele Monate hinweg derart systematisch abgezeichnet, dass selbst mir als Studentin klar war, wohin diese Reise geht. <\/p>\n<p>Nachdem Michail Sergejewitsch Gorbatschow 1988 Vorsitzender des Pr\u00e4sidiums des Obersten Sowjets wurde, erm\u00f6glichte er den L\u00e4ndern des Warschauer Pakts, ihre Staatsform k\u00fcnftig selbst zu bestimmen. Im Mai 1989 begann Ungarn, seinen Eisernen Vorhang zu \u00d6sterreich zu entfernen. Am 4. Juni 1989 fand die erste halbwegs freie Parlamentswahl im Ostblock statt. <\/p>\n<p>Ich mochte \u201cGorbi\u201d, wie er auch in Passau bald genannt wurde, auf Anhieb und hatte meinen 1988 in Polen adoptierten Hund nach ihm \u201cMischa\u201d genannt. Als die Passauer Neue Presse in Zusammenarbeit mit der Universit\u00e4t Passau versuchsweise ein Presse-Seminar veranstaltete, hatte uns Dr. Heinrich Gartz aufgefordert, einen Leitartikel zu schreiben. Ich betitelte meinen: \u201cErst Gorbatschow, und dann?\u201d<br \/>\nAls ich bei Professor Eroms eine Seminar zum Thema Sprache in der BRD und in der DDR belegte, schien dort ein Konsensus zu bestehen, dass die beiden Gesellschaften sich seit dem Mauerbau derart weit auseinander entwickelt hatten, dass es mittlerweile sogar Verst\u00e4ndigungsprobleme gab: Nicht nur beschrieben gleiche Begriffe unterschiedliche Inhalte, sondern f\u00fcr gleiche Inhalte gab es unterschiedliche Begriffe. Um diesen Sachverhalt genauer unter die Lupe zu nehmen, konzentrierte ich mich bei der verpflichtenden Seminararbeit die Aspekte Umwelt, Sport, Frauen und Juden. <\/p>\n<p>Weil authentisches Quellenmaterial aus der DDR so gut wie nirgends in der Stadt aufzutreiben war, besorgte ich mir solches umgehend privat. Unter den von mir Befragten waren Menschen wie der renommierte Schauspieler Erwin Geschonneck, den ich bei einer gemeinsamen Tournee mit Berthold Brechts Tochter Hanne Hiob als \u00dcberlebenden des versenkten KZ-Schiffes Cap Arcona kennengelernt hatte.<\/p>\n<p>Ich bat auch Akademiker wie die Soziologin Irene Runge, die ich einige Jahre zuvor beim Kongress Europ\u00e4ischer j\u00fcdischer Studenten in Br\u00fcssel kennengelernt hatte, mir Material zu schicken. Dazu zitierte ich flei\u00dfig aus Zeitungen der BRD und aus dem Neuen Deutschland der DDR.<br \/>\nWie immer ich die Lage betrachtete, von der Entsorgung west-deutschen Problemm\u00fclls in der DDR bis hin zur staatlichen F\u00f6rderung der Synagoge in Ost-Berlin: Sowohl die grenz\u00fcbergreifende Politik wie auch die \u00f6rtliche Berichterstattung in beiden deutschen Staaten lief derart rasant aufeinander zu, dass immer mehr Artikel genauso gut im jeweils anderen Land erscheinen h\u00e4tten k\u00f6nnen. Der gesamte Trend lie\u00df nur eine Schlussfolgerung zu: Die Mauer verschwindet, und zwar bald!<\/p>\n<p>Popul\u00e4r schien eine solche Vorgehensweise nicht gerade zu sein: Ich war offenbar die Einzige im Seminar, die Kontakt zu Individuen wie auch Repr\u00e4sentanten in der DDR aufgenommen hatte. \u201cBegleitet\u201d wurde unser Austausch umso intensiver, und zwar von Geheimdienstlern auf beiden Seiten: Nicht einer den an mich adressierten Umschl\u00e4ge erreichte mich intakt. Jeder einzelne war arg l\u00e4diert, um nicht zu sagen zerfetzt, und demonstrativ mit breiten, farblich auffallenden Klebestreifen der Bundespost versehen, die besagten, die Sendung sei beim Transport besch\u00e4digt worden. Die Kollegen in der DDR arbeiteten zumindest diskreter.<\/p>\n<p>Professor Eroms machte zwar keinen Hehl daraus, dass er meine These f\u00fcr abwegig hielt, er bewertete meine Arbeit aber dennoch mit einer \u201csehr gut\u201d, &#8211; mit dem ausdr\u00fccklichen Hinweis, dass die von mir eingereichten Nachweise tats\u00e4chlich zwingend waren.<br \/>\nAls der ungarische Ministerpr\u00e4sident mit seinem Au\u00dfenminister am 25. August nach Bonn reiste und angek\u00fcndigte, die Grenzen zu \u00f6ffnen, wurden ihnen Mega-Kredite zur Losl\u00f6sung vom Ostblock zugesichert. Seither lie\u00df die ungarische Regierung immer mehr Ostdeutsche in den Westen reisen. Damals kamen sie mit dem Zug nach Passau, und fuhren weiter in ein Auffanglager.<\/p>\n<p>Am 4. September verst\u00e4ndigte das Innenministerium den Passauer Landrat, dass mehrere tausend Fl\u00fcchtlinge kommen werden. An die 4.000 ehrenamtliche Helfer waren fast f\u00fcr das Bayerische Rote Kreuz im Einsatz. Der ADAC r\u00fcstete sich. Alles wurde choreographiert: Von Nachtquartieren bis hin zu Bergen an Kinderspielzeug, Kleidung und St\u00e4nden mit Berufsangeboten. Die Stadt glich einem aufgew\u00fchlten Ameisenhaufen. Die Stadtwerke legten zehn Kilometer Leitungen. 60 Toiletten und mehrere Telefonzellen wurden installiert. Lastwagen brachten Betten aus M\u00fcnchen. Im Foyer der Passauer Nibelungenhalle wurden Formalit\u00e4ten erledigt und im vorderen Bereich wurde Essen ausgegeben. Der \u201cRest\u201d stand voller Liegen. Auf einem Parkplatz in Vilshofen, ein paar km die Donau hinauf, entstand ein Lager von \u00fcber 100 Gro\u00dfzelten mit 1.600 Feldbetten. Weitere Ank\u00f6mmlinge wurden in Zeltst\u00e4dten bei Hengersberg und Tiefenbach erwartet. Sogar Kasernen in Grafenau, Landshut, Schwandorf und Amberg wurden umfunktioniert. Das lie\u00df sich nicht verheimlichen.<\/p>\n<p>Am 10. September 1989, um 11 Uhr kam die Meldung, dass es losgehe. Um Mitternacht stand die Grenze offen. In Passau und Umgebung wurden Beh\u00f6rden informiert, Fahrgemeinschaften gebildet und hei\u00dfe Getr\u00e4nke vorbereitet. Die Passauer Neue Presse druckte eine Sonderausgabe mit 24 Seiten voller Angebote zu Wohnungen und Arbeitspl\u00e4tzen. Offiziellen Angaben zufolge durchquerten allein in den ersten drei Tagen etwa 14.000 Menschen zun\u00e4chst \u00d6sterreich. Passau setzte sich als Grenzstadt gro\u00df ins Licht. Berufsfotografen erwarteten bereits in der Nacht Autoschlangen und am Grenz\u00fcbergang Suben bildete sich schnell eine Kolonne. Als erstes Auto rollte der wei\u00dfe Toyota des Ostberliner Gastwirts Gerhard Meyer \u00fcber die Grenze, der mit seiner Familie kam. Auch 37 Doppeldeckerbusse brachten Fl\u00fcchtlinge. <\/p>\n<p>Auch ich zog \u201cmit Kind und Kegel\u201d los, um Ank\u00f6mmlinge zu treffen. Meine beiden T\u00f6chter schenkten anderen Kindern einige ihrer Stofftiere und Kinderb\u00fccher. Ich erinnere mich noch heute an die Haufen von Reportern, die alle \u201c\u00fcber Nacht\u201d in Passau eintrafen und sich zumindest nach au\u00dfen perplex gaben. Einer der Ersten, die sich aus dem Ausland bei mir direkt meldeten, war \u00c5ke Williams, ein Reporter aus G\u00f6teborg in Schweden, der seit drei Jahren immer wieder aus\/\u00fcber Passau berichtete. Er wollte mit einem Fotographen kommen und wissen, was in Passau \u201cwirklich\u201d vor sich ging. Offiziellen Darstellungen traute er nicht. Von da an habe ich nicht nur schwedische und amerikanische Journalisten &#8220;hinter die Kulissen&#8221; gef\u00fchrt. <\/p>\n<p>Was mir im allgemeinen Trara \u201csauer\u201d aufstie\u00df, waren alte Schlagworte wie \u201cPassau, das Tor zum Osten\u201d.<br \/>\nIm M\u00e4rz 1938 waren Passauer Truppen ins benachbarte \u00d6sterreich einmarschiert. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter waren Passauer Truppen in die benachbarte Tschechoslowakei einmarschiert. 1939 waren Passauer Truppen an der Zerschlagung der Rest-Tschechei und am Einmarsch in Polen beteiligt, nicht zu reden vom \u00dcberfall auf die Sowjetunion 1941. <\/p>\n<p>Die von Hitlers Getreuen errichtete Nibelungenhalle mit ihrem Schie\u00dfanlagen im Zentrum der Stadt hatte schon Mitte der 30-er Jahre der \u00d6sterreichischen Legion als Trainingszentrum gedient, ehe sie zum Massenquartier f\u00fcr die einmarschierenden Truppen und dann f\u00fcr die ebenfalls strategisch orchestrierte, aber angeblich spontane Massenflucht aus der Tschechoslowakei umfunktioniert worden war. Passau hatte sich damals nicht nur als \u201cTor zum Osten\u201d feiern lassen, sondern einen gigantischen Torbogen als Wahrzeichen der Stadt geplant. Der ausgebliebene Endsieg und das Eintreffen der Alliierten hatten dies freilich verhindert. <\/p>\n<p>Auch Ungarn war kein unbekannter Faktor. Einer der ersten Partner bei jenem Aufbruch in den Osten war der ungarische Reichsverweser von Horthy gewesen. Noch ehe dieser beim F\u00fchrer in Berlin eingetroffen war, hatte ihn Passau zeremoniell willkommen gehei\u00dfen. Nachdem Imre Nagy im Ungarischen Volksaufstand vom Herbst 1956 erkl\u00e4rt hatte, dass Ungarn den Warschauer Pakt verlasse und die sowjetischen Soldaten zum Verlassen des Landes aufforderte, waren zwar hunderte Aufst\u00e4ndische hingerichtet und andere interniert worden, aber eine Massenflucht ergoss sich \u00fcber \u00d6sterreich in den Westen. 1957 hatte die Stadt Passau ihretwegen das 1933 Albert Leo Schlageter gewidmete Kreuz auf dem Hammerberg mit einem Stephanskreuz ersetzt. Das damals von Fl\u00fcchtlingen gegr\u00fcndete Orchester Philharmonia Hungarica wurde von der Bundesrepublik subventioniert und erreichte den Rang eines Staatsorchesters. International mochte das alles zwar weitgehend in Vergessenheit geraten sein, aber in Passau war die Erinnerung an diese \u201cglorreichen\u201d Tage geradezu peinlich schnell erwacht.<\/p>\n<p>Und 1989 fand Deutschland auch einen Grund, den 9. November, der bislang als Jahrestag des fehlgeschlagenen Hitlerputsches von 1923 und der ber\u00fcchtigten Reichspogromnacht von 1938 vielen ein Dorn im Auge war, legitim zu feiern: Mit Gorbatschows Segen stand die Mauer n\u00e4mlich jetzt auch in Berlin offen. Drei Tage sp\u00e4ter st\u00fcrzte der seit 1954 amtierende KP-Chef in Bulgarien, und unmittelbar darauf begann die Samtene Revolution.<br \/>\nAls Michael Verhoeven\u2019s Film Das Schreckliche M\u00e4dchen im Fr\u00fchjahr 1990 bei der Berlinale Premiere hatte, lief der Film als erster deutscher Beitrag sowohl in West- wie auch in Ostberlin. Michael Verhoeven, der in Berlin studiert hatte, und Lena Stolze, die in der DDR aufgewachsen war und \u201cmich\u201d spielte, gingen damals mit mir vom Westen zu Fu\u00df durch das Brandenburger Tor in den Osten, und ich erinnere mich bis heute, wie krass unterschiedlich die Publikumsreaktionen vor allem zu jenen in den USA waren. Was f\u00fcr viele Amerikaner nach wie vor zum Schieflachen komisch ist, machte dort hautnah betroffen. Die \u00dcberwachung, einschneidende Bevormundung, Isolierung und das daraus resultierende Risiko des Individuums, das von der Staatsdoktrin offen abwich, war allzu real und gegenw\u00e4rtig, um dar\u00fcber lachen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch weil ich aus der Grenzregion komme, polnische wie tschechische Vorfahren hatte und mich schon so lange intensiv mit der Rolle Deutschlands im Dritten Reich besch\u00e4ftigte, wurde ich immer wieder zu Filmfestivals und anderen grenz\u00fcbergreifenden Veranstaltungen eingeladen.<br \/>\nAls Barbara Stamm im Herbst 2014 in Vilshofen die Ausstellung 25 Jahre Tor zur Freiheit er\u00f6ffnete, hie\u00df es, dass allerhand Fotos, Dokumente und sonstige Erinnerungsst\u00fccke an den Sp\u00e4tsommer 1989 erinnerten, \u201cals das Passauer Land im Mittelpunkt des weltpolitischen Geschehens stand.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passau: Wieder Tor zum Osten? 11. September. In den USA steht er f\u00fcr die Terrorangriffe der Al Qaida von 2001. In Passau steht er f\u00fcr die Massen, die 1989 aus der DDR kamen. Zumindest auf der internationalen B\u00fchne w\u00e4lzten sich die Kolonnen damals angeblich spontan und vollkommen \u00fcberraschend \u00fcber die Grenzen. In Wirklichkeit hat sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":3907,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4207","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4207"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4207\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}