{"id":4362,"date":"2014-12-15T15:08:58","date_gmt":"2014-12-15T20:08:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4362"},"modified":"2014-12-15T15:08:58","modified_gmt":"2014-12-15T20:08:58","slug":"alexander-kluge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-392014\/alexander-kluge\/","title":{"rendered":"Alexander Kluge"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8220;Glossen&#8221; ver\u00f6ffentlicht hier die schriftliche Fassung der Rede Alexander Kluges bei der Verleihung des Heine-Preises in D\u00fcsseldorf am 13. Dez. 2014. Die tats\u00e4chlich gehaltene Rede, von der eine schriftliche Fassung nicht existiert, stimmt damit weitgehend \u00fcberein.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Sehr geehrter Herr Oberb\u00fcrgermeister,<br \/>\nlieber Anselm Kiefer,<br \/>\nliebe Anwesende!<\/strong><\/p>\n<p>Vor zwei Jahren  habe ich f\u00fcr J\u00fcrgen Habermas hier die Laudatio gehalten. Jetzt bin ich selber der Preistr\u00e4ger. Die Entscheidung der Jury und auch Deine Rede, lieber Anselm, ber\u00fchren mich tief. Meine Dankrede gilt Heinrich Heine und der Frage: Was hei\u00dft Moderne im 21. Jahrhundert? Wie k\u00f6nnen wir unsere Erfahrung an Heinrich Heine eichen?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ein Wort zu unserem musikalischen Begleitprogramm. F\u00fcr das Gespr\u00e4ch, das Anselm Kiefer und ich mit unseren beiden Reden hier vor Ihnen f\u00fchren, ist es keine Nebensache. Ein gro\u00dfer Philosoph hat gesagt: \u201eOhne Musik ist alles Leben ein Irrtum\u201c. In Anselm Kiefers Bild \u201eWege der Weltweisheit. Die Hermannsschlacht\u201c ist in der obersten Reihe Heinrich Heine zu sehen. Drei Pl\u00e4tze daneben Richard Wagner. Deshalb spielt Tobias Koch eines der seltenen Klavierst\u00fccke von Richard Wagner, \u201eAnkunft bei den Schwarzen Schw\u00e4nen\u201c. Der Generalmusikdirektor im Theater meiner Heimatstadt Halberstadt, Johannes Rieger, hat mich auf das St\u00fcck aufmerksam gemacht. Dann Rudi Stephan! Bis zu dem Tag, an dem er im 1. Weltkrieg 1915 bei Tarnopol zusammengeschossen wurde, galt Rudi Stephan als eine der herausragenden Begabungen der deutschen Musik. Sein Tod mahnt uns an den Schlund, das Laboratorium bitterer Erfahrung, welches wir den Gro\u00dfen Krieg von 14-18 nennen. Wir k\u00f6nnen diese Erfahrung nicht genug memorieren, wenn wir an die neuen Konflikte in der Ukraine denken. Darauf bezieht sich das Lied der Maria aus Tschaikowskis &#8220;MAZEPPA&#8221;. Der Stoff zu dieser Oper stammt von Lord Byron und Alexander Puschkin. Heine und diese beiden Poeten bilden ein Dreigestirn. In &#8220;MAZEPPA&#8221; geht es um eine Trag\u00f6die der Unvertr\u00e4glichkeit in der Ukraine. Ein ukrainischer Herrschersohn, zu Gast am polnischen Hof, verf\u00fchrt dort Frauen. Von deren Ehem\u00e4nnern wird er auf ein Pferd genagelt, das mit dem nackten Prinzen, zum Wahnsinn gebracht durch Schmerz der N\u00e4gel, zum Dnjpr galoppiert und dort tot niedersinkt. Der Prinz aber wird Hetmann der Ukraine. Kaum an der Macht \u00fcberwirft er sich mit allen Anderen und bringt einige um. Er verb\u00fcndet sich mit dem Westen, mit der Armee des Schwedenk\u00f6nigs Karl XII. In der Schlacht von Poltawa schl\u00e4gt Zar Peter der Gro\u00dfe beide aufs Haupt. Die einzige Frau, die Mazeppa wirklich liebte, verf\u00e4llt dem Wahnsinn. Ihr Lied am Ende der Oper bleibt als einziger Trost. <\/p>\n<p>\u201eJede Zeit ist eine Sphinx,<br \/>\ndie sich in den Abgrund st\u00fcrzt<br \/>\nsobald man ihr R\u00e4tsel gel\u00f6st hat.\u201c<br \/>\n(Heinrich Heine)<\/p>\n<p>Heinrich Heine ist luzide. Er ist \u00d6ffentlichkeitsmacher. Er ist publizistischer Architekt seiner Epoche. Er ist aber auch Dichter von Dunklen, verschlossenen Farben, verdichteter Erfahrung, die keine Marktg\u00e4ngigkeit besitzt und die notwendig zur Orientierung unserer Seelen geh\u00f6rt. Das entspricht dem Begriff des Kritischen und der Romantik, einer KRITISCHEN ROMANTIK. Heine ist angetan vom Fortschritt, von Revolution und Freiheit, von Industrie, Telegrafie und den Eisenbahnen. Das, was Walter Benjamin in seinem Passagenwerk an Ph\u00e4nomenen auff\u00fchrt, von Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, \u00fcber den B\u00fcrgerk\u00f6nig Louis Philippe bis zur fr\u00fchen Fotografie, zum Eisen, Salon, Mode, Weltausstellung und der Utopie der \u201eQuatre Mouvements\u201c des Charles Fourier spiegelt auch die Lebenswelt Heinrich Heines. Stellen wir uns diesen Poeten vor. Er ist eine Art Messger\u00e4t, eine Sonde, er misst seine Zeit. Er ist auf unserem Planeten gelandet, wie jene filigrane Raumsonde, die k\u00fcrzlich auf einem Planeten auf der Suche nach der Urzeit unseres Sonnensystems landete, in Schr\u00e4glage, und Daten funkte bis die Batterie leer war. So etwas nenne ich Empfindsamkeit. Alfred D\u00f6blin beschreibt Heine so: \u201eEr war kein Krokodil oder eine Schildkr\u00f6te mit Panzer, sondern ein Mensch mit weicher, reizbarer, empfindender Haut. Die Epidermis trennt nicht nur, sondern verbindet.\u201c<\/p>\n<p>Heine hat in jeder Moderne seinen Sitz. Die Verbindung von Romantik und energiereicher Kritik schl\u00e4gt die Br\u00fccke zwischen Caspar David Friedrich und der Frankfurter Kritischen Theorie, zu der ich mich bekenne. Zwischen den Zeiten: der Abgrund. Ich kenne keinen tieferen als den der 30er und 40er Jahre des 20. JH in unserem Lande. Wenn wir unsere Erfahrungen mit denen Heines eichen wollen, m\u00fcssen wir in den Zeiten springen. Zu zweit, lieber Anselm, springt es sich deutlich entspannter und besser.<\/p>\n<p>\u201eAbgrund gl\u00e4nzt zu meinen F\u00fc\u00dfen \u2014<br \/>\nnimm mich auf, uralte Nacht\u201c<\/p>\n<p>Als Karl Marx geboren wird, ist Heinrich Heine gerade vollj\u00e4hrig. Als Richard Wagner geboren wird, ist er 16 Jahre alt. Als Heinrich von Kleist seine <em>BERLINER ABENDBL\u00c4TTER<\/em> 1810 bis 1811 herausgibt \u2014 jeden Abend wird dieses journalistisch-poetische Produkt auf den Stra\u00dfen in Berlin-Mitte verkauft \u2014 ist Heinrich Heine gerade einmal 13 Jahre alt (so alt wie ich 1945). Die <em>BERLINER ABENDBL\u00c4TTER<\/em> sind mein Idol. Kleist verkn\u00fcpft hier Nachrichten und Poetik auf dichteste Weise. Der Leitsatz dieses ungew\u00f6hnlichen Literaturformats hei\u00dft: \u201eErl\u00f6st die Nachrichten von der menschlichen Gleichg\u00fcltigkeit\u201c.  <\/p>\n<p>Als Napoleon nach St. Helena verschleppt wird, das j\u00e4hrt sich 2015 zum 100. Mal, beobachtet Heinrich Heine das als 18-j\u00e4hriger Zeitgeist. Von 1821 bis 1829 dann der Aufstand der Griechen gegen die Osmanische Herrschaft. Von der europ\u00e4ischen Presse angeheizt, von Dichtern wie Lord Byron poetisch und hoch zu Ross auf dem Pelepones befl\u00fcgelt (er stirbt daran), \u00e4hnlich wirr in den Zielen und Ergebnissen wie die Eins\u00e4tze 2013 in Libyen f\u00fcr die Freiheit gegen Gaddafi. Man muss das mit Heines Augen betrachten. <\/p>\n<p>Die Nachricht von der Revolution in Frankreich erreicht Heine auf Helgoland. Sp\u00e4testens von diesem Zeitpunkt f\u00fchlt er sich als Patriot zweier L\u00e4nder (immer kritisch ihnen gegen\u00fcber), n\u00e4mlich Deutschland und Frankreich. Vor wenigen Wochen hielt der Heine-Preistr\u00e4ger J\u00fcrgen Habermas im Heinrich-Heine-Institut Paris eine aufsehenerregende Rede: \u00dcber die Zukunft Europas und die Notwendigkeit, sich an einer doppelten Souver\u00e4nit\u00e4t, einer europ\u00e4ischen und einer nationalen, gleichzeitig zu orientieren. Wir sind als Europ\u00e4er nicht weniger national, und das blo\u00df Nationale war immer schon ein peinigendes und enges Korsett. Das ist der Blick Heines, wenn er sagt: \u201eIch bin der inkarnierte Kosmopolitanismus\u201c. Er ist eingefleischter Weltb\u00fcrger und Liebhaber zweier L\u00e4nder, \u00fcber den Rhein hinweg.  <\/p>\n<p>\u201eWo wird einst des Wanderm\u00fcden<br \/>\nletzte Ruhest\u00e4tte sein?<br \/>\nUnter Linden an dem Rhein.<br \/>\nUnd als Totenlampen schweben<br \/>\nnachts die Sterne \u00fcber mir.\u201c<\/p>\n<p>Diese Verse stellt sich Heine als seine Grabinschrift vor. In den drei Jahren vor seinem Tod, mit schwerer Krankheit, die ihn unbeweglich auf die Matratze bannt, tobt 1853-1856 der Krim-Krieg. Die Namen Sewastopol und Krim haben f\u00fcr uns eine zeitgen\u00f6ssische Konnotation. Es lohnt sich, mit Heines witzerf\u00fclltem Auge den Koalitionskrieg des damaligen Westens zu betrachten: England, das theatralische Weltausstellungs-Frankreich Napoleon III., Piemont-Sardinien, also das Embryo Italiens und das Osmanische Reich gegen das Russland des Zaren. Das ist der erste moderne Krieg. Anders noch als in den napoleonischen Kriegen ist eine Massenpresse Garant der Kriegsverl\u00e4ngerung. Neue Erfindungen wie die fr\u00fche Fotografie, es ist Kriegsfotografie, die Telegrafie (noch in der Schlacht von Waterloo befindet sich die Brieftaube Rothschilds an deren Stelle!). Karl Marx hat in einer New Yorker Zeitung Tag f\u00fcr Tag \u00fcber diesen Krieg berichtet. Er beschreibt, wie zaristische Staatsanleihen \u00fcber die Bankh\u00e4user in Hamburg, Wien und London die B\u00f6rse anfachen. Diese Anleihen gew\u00e4hrleisten die russische R\u00fcstung. Der Boom, befeuert durch die hohen Zinsen der russischen Papiere, finanziert die R\u00fcstungen der Alliierten gegen Russland. Diese ersten Schritte zur Globalisierung der Kriegskosten wird Heine in seiner Gruft genauso beurteilt haben wie Marx. Der \u00e4ltere Heine und der junge Spund Marx stehen im Dialog. Heines Lied von den Schlesischen Webern, \u201eDeutschland, wir weben Dein Leichentuch\u201c, wird 1844 in Marxens <em>VORW\u00c4RTS<\/em> publiziert. Die Pr\u00e4zision des politischen Blicks der beiden, mikroskopisch, teleskopisch, ist auf die Elementarteilchen der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gerichtet. Sie sind erste Teilchenbeschleuniger. Das macht sie zu Verwandten. Ich w\u00fcnschte mir zweierlei: als \u201etools of orientation\u201c, Werkzeuge ad\u00e4quater \u00dcbersicht, dass auch Marx Dichtungen geschrieben h\u00e4tte (neben der Analyse der Ware und des Kapitals auch eine Analyse der Arbeitskraft) und dass umgekehrt Heine, seine publizistischen und poetischen Beobachtungen der Zeit zu einer Gesellschaftstheorie ausgebaut h\u00e4tte, so wie er es in  \u201eDie Romantische Schule\u201c f\u00fcr Deutschland begonnen hat. Dazu w\u00e4ren Formate n\u00f6tig, die nicht blo\u00df B\u00fccher, aber auch nicht blo\u00df Zeitungsartikel sind. Heine h\u00e4tte <em>DIE FACKEL <\/em>von Karl Kraus ebenso vorausnehmen wie er Heinrich von Kleists <em>BERLINER ABENDBL\u00c4TTER<\/em> h\u00e4tte fortsetzen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>\u201eDie Utopie wird immer besser, w\u00e4hrend wir auf sie warten\u201c<\/p>\n<p>Sie beruht darauf, dass die Poeten, die geistigen Macher aller Zeiten, wechselseitig ihre Arbeit fortsetzen, Kontinuit\u00e4ten schaffen. Als die Reformation vor im n\u00e4chsten Jahr 500 Jahren die Kirchen von Bildern und zun\u00e4chst auch von Musik leerfegte, suchte die Gegenreformation auf dem Konzil von Trient anschlie\u00dfend ihrerseits protestantisch zu werden. Es stand zur Entscheidung, ob die m\u00e4chtige figurative Musik des Mittelalters verboten geh\u00f6rt. Ein einzelner Kardinal, Borromeo, machte diese Entscheidung abh\u00e4ngig davon, dass das Musterst\u00fcck einer Messe neu komponiert w\u00fcrde, ein letzter Versuch, die Kunst zu erhalten. Pal\u00e4strina wurde mit der Komposition beauftragt. Dies war das Nadel\u00f6hr, dem wir sp\u00e4ter die &#8220;Hohe Messe in H-Moll&#8221;, Mozarts &#8220;Requiem&#8221;, das ist Polyphonie, verdanken. In der Oper <em>PAL\u00c4STRINA<\/em>, die Hans Pfitzner \u00fcber dieses Ereignis schrieb, treten die alten Meister in der Nacht zu dem sich verzweifelt bem\u00fchenden Komponisten heran, geben ihm die T\u00f6ne ein. Auch himmlische Geister, und ich meine auch Alchemisten und Sterndeuter gesehen zu haben, bewerkstelligen diese Bahnung, die den Reichtum der Musik gegen ihre Zerst\u00f6rer verteidigt. Am Ende sagt Pal\u00e4strina: \u201eGott, mach mich zum letzten Stein in Deiner langen Kette\u201c. Auf dem Gebiet der Kunst bilden wir alle, ob wir nun eine geringere oder eine h\u00f6here Anmutung des Geistes haben, solche Ketten. Und diese Ketten zeigen \u2014 anders als der Pessimist Hans Pfitzner meint \u2014 kein Ende, sondern sie sind Anf\u00e4nge. <\/p>\n<p>Eigentlich wollten Anselm Kiefer und ich Ihnen das alles nicht in Form von Reden, sondern als ein Gespr\u00e4ch vorf\u00fchren. Dann warst Du, Anselm, zu Deiner eigenen Verbl\u00fcffung \u00fcber Nacht mit einem langen Text fertig. Aber auch das, was wir in Form von Reden hier betreiben, bleibt Gespr\u00e4ch, Glied in einer langen Kette. <\/p>\n<p>Solche Ketten sind nicht linear. Sie haben eine vertikale Struktur, wie Echolote. Nicht die Erdoberfl\u00e4che, sondern das Grundwasser flie\u00dft. Man muss sich auch das Labyrinth nicht, behauptet Arno Schmidt, in Aufsicht, wie auf dem Fussboden mancher Kathedralen vorstellen (dann w\u00fcrde man sich im Labyrinth kaum verirren und es w\u00e4re kein Abgrund). Vielmehr besteht das Labyrinth aus Katakomben. In ihnen ist es tats\u00e4chlich Dunkel, es lebt dort ein Monstrum. Vielleicht ist es aber keines. Vielleicht sind wir, die Eindringlinge, das Monster, und der Minotaurus ist ein Lebewesen, auf dessen R\u00fccken wir siedeln und mit dem wir uns verb\u00fcnden sollten. Was ist in diesem Kontext der Faden der Ariadne? Ein aus Liebe gekn\u00fcpftes Geflecht? Liebe macht blind, sagt man. Liebe macht hellsichtig, w\u00e4re Heinrich Heines Antwort. <\/p>\n<p>Man kann auf jedes spirituelle Konzentrat, jeden poetischen Moment, auf ein Bild, eine starke Musik, einen Text, der Sogwirkung besitzt, die Moderne gr\u00fcnden. Gleich aus welcher Zeit der \u201ekairos\u201c, der gegl\u00fcckte Augenblick, stammt. Das ist der Begriff der Moderne. Sie ist keine Avantgarde, nur vorn, sie ist keine Nachhut, die gegen\u00fcber der Barbarei verteidigt, sondern in allen Zeiten pr\u00e4sent. Auf Caspar David Friedrich baut sie genauso wie auf einen einzelnen Satz von Elfriede Jelinek oder Friederike Mair\u00f6cker. Auf ein Bild von Anselm Kiefer oder Gerhard Richter, auf einen Einfall von John Cage genauso wie auf einen Vers von Heinrich Heine. Die Poetik hat eine Kugelgestalt. Die darauf gegr\u00fcndete Kunst ist kein Stil, sondern folgt einer elementaren Voraussetzung der Poetik. Montage, Zerrei\u00dfung und zugleich Zusammenhang! Das zum Begriff der Realit\u00e4t, Anselm, von dem Du gesprochen hast.  Das, was abgebildet wird, ist nie das Gleiche wie das Abgebildete. Deshalb nicht, weil die Realit\u00e4t selbst Kugelgestalt hat. Das, was wir Aktualit\u00e4t, Gegenwart oder umgangssprachlich als \u201ewirklich\u201c bezeichnen, ist davon nicht einmal ein Abglanz, sondern eine Verk\u00fcrzung. Der besten &#8220;Tagesschau&#8221;, der besten &#8220;Heute-Sendung&#8221; fehlt eben die Musik, die f\u00fcr den blinden S\u00e4nger Homer bei der \u00dcberbringung von Nachrichten eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war. <\/p>\n<p>\u201eViel tausend Sterne schauen<br \/>\nsehns\u00fcchtig, gl\u00e4nzend, klug.\u201c<\/p>\n<p>Du hast vorhin einen Wissenschaftler im CERN zitiert, lieber Anselm, dass \u201ewir Menschen \u00e4lter sind als die Erde\u201c. Das ist wahr, das gilt f\u00fcr unsere Augen, Glieder und Seelen. Dass wir so alt sind, das ist die Sichtweise der Poetik. Zugleich sind wir jung. Ich habe das empfunden, als Hermann Parzinger vor einigen Wochen sein Mammut-Werk <em>DIE GESCHICHTE DES MENSCHEN VOR ERFINDUNG DER SCHRIFT<\/em> \u00f6ffentlich vorstellte. Diese Zeitma\u00dfe unserer Vorfahren sind k\u00fcrzer als die Zeiten, in denen die Teilchenbeschleuniger des CERN im Kleinen forschen und die das Hubble-Teleskop im Gro\u00dfen beobachtet. Das w\u00e4ren etwas mehr als 14 Milliarden Jahre. Wir Menschen blicken auf die kurze Strecke von nur 5 Millionen Jahren zur\u00fcck, wenn wir die Direkten Vorfahren suchen. Und die liebensw\u00fcrdige, nur wenig \u00fcber ein Meter gro\u00dfe Lucy in \u00c4thiopien, ist 2,5 Millionen Jahre alt. Und dann gibt es ein pl\u00f6tzliches Ereignis etwa 800.000 Jahre vor heute. \u201ePl\u00f6tzlich\u201c das hei\u00dft binnen 1000 Jahren, in der Alchemistenwerkstatt der Evolution ein kurzer Zeitraum, wird das Feuer gez\u00e4hmt. Die Menschen haben das gleiche Gehirn wie wir. Die Welt ist nachts Dunkel. Wenn es nicht irgendwo brennt im Wald und man fliehen muss, gibt es nirgends Licht. Jetzt aber, in den H\u00f6hlen und \u00fcberdachten Felsvorspr\u00fcngen, l\u00e4sst sich abends das Feuer anfachen. Es ist nicht allein daf\u00fcr da, Fleisch zu kochen oder Menschen zu w\u00e4rmen. Es ist der Versammlungsort. Der Mensch wird nackt geboren. Er hat keine Bei\u00dfwerkzeuge, die ihn auf nat\u00fcrliche Weise zum Raubtier machen, aber er hat die F\u00e4higkeit zu kommunizieren und zu kooperieren. Diese Vorfahren von uns, um die Feuerstelle gruppiert, beginnen zu erz\u00e4hlen. Das ist der Beginn der Poetik, der Politik und der Gemeinwesen. Weil unser Selbstbewusstsein in diesem Zirkel ums Feuer entstand (und vielleicht au\u00dferdem am Tage, wie Rousseau sagt, um manchen Brunnen), gibt es den elementaren Unterschied zwischen nackter Information und Erz\u00e4hlen. <\/p>\n<p>\u201eVon allen Welten, die der Mensch erschaffen hat<br \/>\nist die der B\u00fccher die Gewaltigste.\u201c<\/p>\n<p>Du hast mir, lieber Anselm, einen Satz in der Tradition der Vorsokratiker  zugeschrieben: \u201eJe wahrscheinlicher einem etwas vorkommt, desto misstrauischer sollte man werden\u201c. Das habe ich nie gesagt, aber es trifft den Kern dessen, was ich denke. Ich h\u00f6re lautstark aus Lemberg und aus der N\u00e4he von Charkow: Kriegsger\u00e4usch, Reibung, Knirschen. Dar\u00fcber wird berichtet. Von anderen Minenfeldern des Planeten h\u00f6re ich nichts. Mir ist die Stille dort noch unheimlicher als der L\u00e4rm der offenkundigen Krisen. Das Unbeachtete marschiert getrennt und schl\u00e4gt vereint zu. Wie es Heine sagt:<br \/>\n\u201eNichts ist stiller als eine geladene Kanone.\u201c<\/p>\n<p>Du stellst in Deiner Laudation die alte Frage aus dem UNIVERSALIENSTREIT der Scholastik. Was war zuerst, die Begriffe oder die Dinge? Das Selbstbewusstsein der Menschen oder ihre Ohnmacht? In dieser Frage, sagst Du, sei ich kein NOMINALIST, aber auch kein REALIST. Ich m\u00f6chte Dir das best\u00e4tigen an dem Beispiel, dass Du anf\u00fchrst, von den BOMBENENTSCH\u00c4RFERN IM LUFTSCHUTZKELLER. Das sind erfahrene Klempner, selbstbewusste Fachleute. Sie schrauben jede Bombe auseinander, wenn sie als Blindg\u00e4nger am Boden liegt. Im Moment aber, sind sie dem Bombengeschwader oben ausgeliefert, dass seine Bombensch\u00e4chte \u00fcber der Stadt entleert. Hier weht kein Weltgeist, sondern die Dinge schlagen zu. Die Macht der Dinge (das Geschwader, die Bombe) und die Ohnmacht der Menschen (die Lage der Kellerinsassen) bilden eine ANTAGONISTISCHE REALIT\u00c4T. Alle diese Elemente sind keine Nomina und sie sind keine Realia. Sie sind ein Widerspruchszusammenhang. Wir Menschen sind deshalb nicht ohnm\u00e4chtig. Der von Dir genannte SPINOZA warnt uns vor den melancholischen Gef\u00fchlen. Die \u201eAffekte\u201c (wir w\u00fcrden heute sagen Motivationen) sind dann vertrauensw\u00fcrdig, sagt Spinoza, wenn mein \u201eConatus\u201c, n\u00e4mlich die Intensit\u00e4t aller W\u00fcnsche und meine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr den gl\u00fccklichen Moment, die Hauptsache bilden. Bei Heine, der zu Spinoza eine starke Affinit\u00e4t empfand, hei\u00dft das so:<\/p>\n<p>\u201eGr\u00f6\u00dfer als die Pyramiden,<br \/>\nals alle W\u00e4lder und Meere,<br \/>\nist das menschliche Herz.\u201c<\/p>\n<p>Ein Bombenkrieg von 1945 ist f\u00fcr Menschen kein unab\u00e4nderliches Verh\u00e4ngnis. Du nennst in Deiner Laudation als Beispiel die 70.000 Lehrer, die sich im Jahre 1918 gegen den kommenden Hitler h\u00e4tten zusammenschlie\u00dfen k\u00f6nnen, um ihn zu verhindern. Begriffe und Dinge sind gleichzeitig. Aber das, was wir Menschen im rechten Augenblick hinzuf\u00fcgen, macht sie \u00e4nderbar und dynamisch, oder wie Du es in Deinen Bildern nennst, lieber Anselm: alchemistisch.<\/p>\n<p>In einem Film der 70er Jahre steht der Gro\u00dfaffe KingKong auf den Twin Towers und verteidigt das, was er liebt, die wei\u00dfe Frau, die in seiner Pranke Platz findet. Mit der anderen Hand greift er Regierungsflugzeuge und zerschmettert sie. Er will das Unheil vom Liebsten, was er hat, dieser Frau, abwehren. Ist das ein realistisches Bild? Ist es phantastisch? Ich glaube, und ich nehme an, dass Du, Anselm, mir zustimmst, es ist ein wahres Bild.<br \/>\nIch sehe in unserem Dialog heute Vormittag Heinrich Heine hier anwesend als einen Mann der Gegenwart. Ich bin interessiert, wie er \u2014 und vom Elysium aus kann er das ja jederzeit tun \u2014 unsere Weltverh\u00e4ltnisse im Jahre 2014\/2015 beurteilt. Ich glaube, er w\u00fcrde nicht diskursiv antworten. Er w\u00fcrde anfangen zu arbeiten, zu dichten. Inzwischen k\u00f6nnen wir selbst, indem wir uns in das Jahr 1856, sein Todesjahr, und in das Jahr 1797, sein Geburtsjahr hineinversetzen (wenn er nicht in der Silvesternacht von 1799 auf 1800 geboren wurde, wie er behauptet). Wir k\u00f6nnen mit seiner Schubkraft und stellvertretend f\u00fcr ihn, unsere Sinne sch\u00e4rfen und unsererseits poetisch, malerisch oder bildhauerisch seine Texte fortsetzen. Jedes Gramm, was die Poetik in die Waagschale legt, kann, so unser vermessener Glaube, Zentner von irre werdender Realit\u00e4t oder die Erde umkreisender Zufallswolken aufwiegen. In diesem Aberglauben, von dem wir aber leben, arbeitet die moderne Poetik. Dies entspricht der rebellischen Kraft in uns Menschen, dem Antirealismus des Gef\u00fchls. Die Wahrscheinlichkeiten des Herzens haben mehr Gravitation als die der Statistik. H\u00e4tten nicht unsere Vorfahren an den fr\u00fchen Feuerpl\u00e4tzen diese Art des Denkens und Meinens erfunden, st\u00fcnden Anselm Kiefer und ich nicht vor Ihnen, w\u00e4ren wir alle an diesem Vormittag hier nicht versammelt. Alles Denken und F\u00fchlen ist alt und sehr jung. Es geh\u00f6rt zu den Engeln, die uns begleiten.<br \/>\nIch danke f\u00fcr Ihre Geduld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Glossen&#8221; ver\u00f6ffentlicht hier die schriftliche Fassung der Rede Alexander Kluges bei der Verleihung des Heine-Preises in D\u00fcsseldorf am 13. Dez. 2014. Die tats\u00e4chlich gehaltene Rede, von der eine schriftliche Fassung nicht existiert, stimmt damit weitgehend \u00fcberein. Sehr geehrter Herr Oberb\u00fcrgermeister, lieber Anselm Kiefer, liebe Anwesende! 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