{"id":4402,"date":"2015-04-10T14:33:07","date_gmt":"2015-04-10T18:33:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4402"},"modified":"2022-02-13T19:03:58","modified_gmt":"2022-02-14T00:03:58","slug":"frederick-a-lubich3-glossen40-2015","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-402015\/frederick-a-lubich3-glossen40-2015\/","title":{"rendered":"Frederick A. Lubich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><strong>Le Quattro Stagioni \u2013 Da Capo Al Fine<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Zweiter Teil der Serie \u201cL\u2019Apr\u00e8s Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eTief im Herzen muss ich\u2018s sp\u00fcren:<br \/>\nLiebe, wundersch\u00f6nes Leben,<br \/>\nwieder wirst du mich verf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Joseph von Eichendorff, \u201eAnkl\u00e4nge\u201c<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">F\u00fcr Lynne<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image0021.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4481\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image0021.png\" alt=\"mage0028\" width=\"441\" height=\"230\/\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image0021.png 441w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image0021-300x156.png 300w\" sizes=\"(max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>\u201eSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen\u201c<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nLang lieb ich dich schon, dich und Heidelberg \u2026<br \/>\nWie herrlich war uns dort der Fr\u00fchling erwacht,<br \/>\nwir schw\u00e4rmten hinaus in die Felder und W\u00e4lder<br \/>\nund schwelgten in ihrer bl\u00fchenden Pracht.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nUnd \u00fcberall war ein Summen und Singen,<br \/>\nmir klingen noch heute berauscht die Ohren,<br \/>\nund ich wusste schon damals, ich hatte auf immer<br \/>\nmein Herz in Heidelberg verloren.[1]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr width=\"20%\" \/>\n<p style=\"font-size:9px\">[1] Zum ersten Teil der Serie \u201eL\u2018Apr\u00e8s Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201c siehe auch Glossen, Nr. 34, April 2012, zum Bildnachweis siehe den folgenden dritten Teil der Serie \u201eSchlag noch einmal die Bogen\u201c. Das Titelzitat \u201eSchl\u00e4ft eine Lied \u2026\u201c stammt aus Joseph von Eichendorffs bekanntem Vierzeiler \u201cSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen \/ die da tr\u00e4umen fort und fort \/ und die Welt hebt an zu singen \/ triffst du nur das Zauberwort.\u201c Diese Strophe chiffriert nicht nur die Quintessenz der romantischen Naturmagie, sondern auch die musikalische Nostalgie unserer 68er Generation, deren Jugenderinnerungen sich vor allem in der Rockmusik jener Zeit kristallisieren. Eichendorffs Gedichte geh\u00f6ren wiederum zu den liedhaftesten der deutschen Romantik und fanden deshalb auch die meisten Vertonungen. Er hatte Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Heidelberg studiert, ich Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Und auch er hatte sich in Heidelberg verliebt. W\u00e4hrend seine Liebste aus Rohrbach stammte, einem Vorort von Heidelberg, war meine in San Diego, Kalifornien geboren und aufgewachsen und ist dann nach Genf und Heidelberg gekommen, um dort Romanistik und Germanistik zu studieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image004.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4485\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image004.png\" alt=\"image004\" width=\"465\" height=\"265\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image004.png 465w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image004-300x171.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 465px) 100vw, 465px\" \/><\/a><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong> \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nVom wei\u00dfen Strand am blauen Pazifik<br \/>\naus dem goldenen Land der Orangenbl\u00fcten<br \/>\nbrachte sie mir den zeitlosen Augenblick<br \/>\nund seine Traumwelt der M\u00e4rchen und Mythen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSo wurde sie bald mein Sirenengesang,<br \/>\nRapunzel, Burgfr\u00e4ulein und Blumenm\u00e4dchen<br \/>\nund ich ihr romantischer Sturm und Drang<br \/>\nrund um die Berge und drunten im St\u00e4dtchen.[2]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr width=\"20%\" \/>\n<p style=\"font-size:9px\">[2] Eichendorffs Gedicht \u201cSch\u00f6ne Fremde\u201d beginnt mit den Versen \u201cEs rauschen die W\u00e4lder und schauern \/als machten zu dieser Stund \/um die halbversunkenen Mauern \/die alten G\u00f6tter die Rund\u201c. Und die letzten Verse dieser n\u00e4chtlichen Sternstunde lautet: \u201e Es redet trunken die Ferne \/ wie von k\u00fcnftigem, gro\u00dfen Gl\u00fcck.\u201c Ich nahm mir dieses Gedicht sehr zu Herzen und bin seiner Gl\u00fccksverhei\u00dfung bald in die sch\u00f6ne Fremde gefolgt, grad so wie es Eichendorff in den folgenden Zeilen noch einmal nachdr\u00fccklich vorgeschlagen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image006.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4487\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image006.png\" alt=\"image006\" width=\"428\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image006.png 428w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image006-300x180.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/a><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong> \u201eWer in die Fremde will wandern, der muss mit der Liebsten gehen\u201c<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSo zogen wir zwei \u00fcbers weite Meer und mit den Jahren<br \/>\nwurde der Sommer zum kunterbunten Altweibersommer,<br \/>\naus den prunkenden Bl\u00fcten wurden prangende Fr\u00fcchte<br \/>\nund wir beide, wir wurden immer weltmutterfrommer.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nOh sch\u00f6ne Frau Welt mit der rinnenden Jahresuhr,<br \/>\noh uralte Demeter, Mutter der ewigjungen Persephone,<br \/>\nTochter aus Elysium \u2026 verweile \u2026 doch sie l\u00e4chelt nur<br \/>\nund schon tanzen die Bl\u00e4tter mit dem fallenden Schnee.[3]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr width=\"20%\" \/>\n<p style=\"font-size:9px\">[3]\u201cHeimweh\u201d lautet Eichendorffs Gedicht, dem der Titel dieser zwei Strophen entnommen ist. Das Wechselspiel von Fernweh und Heimweh spiegelt in Eichendorffs Weltbild auf geschichtlicher Ebene auch den Widerspruch zwischen heidnischer und christlicher Weltanschauung wider. W\u00e4hrend die Wiederauferstehung Christi eine R\u00fcckkehr ins Jenseits verspricht, versinnbildlicht Persephones herbstlicher Abstieg in die Unterwelt des Hades und ihre R\u00fcckkehr im Fr\u00fchjahr eine Wiedergeburt im Diesseits. Entsprechend erscheint vor allem in der Kunstgeschichte der Renaissance Persephone immer wieder mit Blumen geschm\u00fcckt und dergestalt mit dem Erwachen des Fr\u00fchlings assoziiert. Knospe, Bl\u00fcte, reifende Frucht, das sind die nat\u00fcrlichen Sinnbilder der muttermythischen Jahreszeiten, ehe sich die Welt in eine erstarrende Winterlandschaft verwandelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image008.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4488\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image008.png\" alt=\"image008\" width=\"441\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image008.png 441w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image008-300x187.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>\u201eVerschneit liegt rings die ganze Welt\u201c <\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSchneewittchen schlafwandelt im Winterwald,<br \/>\nim lockigen Haar die flockigen Sterne,<br \/>\nvereist ist der Bach und der Strom zieht kalt<br \/>\nimmer weiter hinaus in die unendliche Ferne.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWoher kommst du, traumhafte Winterfee,<br \/>\naus dem Weltall oder dem Scho\u00df der Erde?<br \/>\nUnd wohin gehst du, holde Persephone<br \/>\nin deinem ewigen Stirb und Werde?[4]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr width=\"20%\" \/>\n<p style=\"font-size:9px\">[4] Das Titelzitat stammt aus Eichendorffs Gedicht \u201cWinternacht\u201d, in dem es von einem im Feld vereinsamten Baum hei\u00dft: \u201eEr tr\u00e4umt von k\u00fcnft\u2019ger Fr\u00fchlingszeit \/ von Gr\u00fcn und Quellenrauschen \/ wo er im neuen Bl\u00fctenkleid \u2026\u201c Oh k\u00f6nnten wir nur mit ihm tauschen! Doch noch ist die sch\u00f6ne Frau Welt in ihrem langen Winterschlaf versunken. Girlanden aus Schnee umranken ihre dunkle Gestalt, Eisblumen funkeln im D\u00e4mmerlicht, still und starr steht der hohe Wald und jedes Kristall ein verg\u00e4ngliches Vergissmeinnicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>\u201eSchlag noch einmal die Bogen\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Reisebilder und Wandergeschichten im Wandel der Zeiten <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Dritter und letzter Teil der Serie \u201cL\u2019Apr\u00e8s Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201eO T\u00e4ler weit, oh H\u00f6hen \/ o sch\u00f6ner, gr\u00fcner Wald \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">schlag noch einmal die Bogen \/ um mich, du gr\u00fcnes Zelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Joseph von Eichendorff, \u201eAbschied\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">For my Gypsy Queen<br \/>\nTo all our sunny summer days and all our starry winter nights<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image009.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"225\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-4489\" src=\"\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image009-225x300.jpg\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image009-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image009-767x1024.jpg 767w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/04\/image009.jpg 953w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Der Verfasser Anfang der siebziger Jahre<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eLehn ich sanft an dich die Wange \/ und du singst mir fein ins Ohr \u2026<br \/>\nKatze miaut, Hund heult und bellt \/ Nachbar schimpft mit wilder Miene,<br \/>\ndoch was k\u00fcmmert uns die Welt \/ s\u00fc\u00dfe, traute Violine.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 <em>Joseph von Eichendorff, \u201eDer wandernde Musikant\u201c<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAls das obige Bild geschossen wurde, war ich noch ein recht gr\u00fcnes Wunderhorn, das vom richtigen Tuten und Blasen herzlich wenig Ahnung hatte. Doch Eichendorffs Gedicht \u201eAbschied\u201c, seine verlockende Aufforderung, von meiner vertrauten, heimatlichen Welt Abschied zu nehmen, wurde immer deutlicher und unmissverst\u00e4ndlicher:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201e \u2026bald werd\u2018 ich dich verlassen \/ fremd in der Fremde gehen,<br \/>\nauf buntbewegten Gassen \/ des Lebens Schauspiel sehen.\u201c<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so machte ich mich denn auch schon bald nach der Entstehung dieses Bildes voller Wanderlust auf und zog hinaus in die verhei\u00dfungsvolle Ferne. Zuerst ging es f\u00fcr ein Jahr nach England, danach vier weitere Jahre nach Heidelberg, und von dort schlie\u00dflich \u00fcbers gro\u00dfe Meer hin\u00fcber in die Neue Welt. Blicke ich heute zur\u00fcck, so muss ich feststellen, dass ich mehr oder weniger aus Versehen ausgewandert bin, ja geradezu traumwandlerisch, ohne Fahrplan und vollkommen ziellos. Vielmehr hatte die sch\u00f6ne Fremde meinen Lebensweg entschieden \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">The American Dream,<br \/>\nthat was it,<br \/>\nthe pursuit of happiness<br \/>\nin a world where only the sky is the limit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Fotos des zweiten und dritten Teiles dieser Serie \u201eL\u2019Apr\u00e8s Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201c stammen aus dem Privatbesitz des Autors. Die ersten drei Aufnahmen entstanden in Heidelberg und seiner nahen Umgebung, die zwei letzten Bilder in den Feldern und W\u00e4ldern rund um den Hohenstaufen \u2013 \u201ealler schw\u00e4bischen Berge sch\u00f6nster\u201c, wie Ludwig Uhland ihn einst so begeistert besungen hatte. Dieser ber\u00fchmteste der drei Kaiserberge n\u00f6rdlich der Schw\u00e4bischen Alb war im Mittelalter der Stammsitz Kaiser Friedrich Barbarossas gewesen und ist auch heute noch das Wahrzeichen der an seinem Fu\u00dfe gelegenen Stadt G\u00f6ppingen, meiner schw\u00e4bisch-staufischen Heimatstadt.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Illustrationen der ersten vier Bildgedichte sind Werke von Alphonse Mucha, einem der emblematischsten K\u00fcnstler des europ\u00e4ischen <em>fin de si<\/em><em>\u00e8<\/em><em>cle<\/em>, der auch l\u00e4ngere Zeit in Amerika gelebt und gewirkt hat. Und mehrmals hat er die vier Jahreszeiten in der Gestalt harfenspielender und fr\u00fcchtetragender Sch\u00f6nheiten allegorisiert. Er stammte aus den B\u00f6hmischen L\u00e4ndern, die jahrhundertelang auch die Heimat all meiner Vorfahren gewesen waren. Und das Gleiche gilt f\u00fcr Joseph von Eichendorff. Er hatte ein Schl\u00f6sschen im m\u00e4hrischen Sedlnitz, dem heutigen Sedlnice, einem Nachbarort von Partschendorf, dem heutigen Barto\u0161ovice, das einst das Heimatdorf meiner Mutter gewesen war. Der Dichter verbrachte seine Sommer gerne auf seinem Sedlnitzer Sommersitz, wo er so manches romantische Wander- und Liebeslied schrieb. Und so sind denn auch meine vier Bildgedichte frei nach dem Freiherrn von Eichendorff &#8211; und nicht zuletzt auch Freddie Mercury eine Art von \u201eBohemian Rhapsody\u201c.<\/p>\n<p>Sowohl Lichtbilder wie Kunstwerke k\u00f6nnen dem verg\u00e4nglichen Augenblick etwas vom Wesen der Unverg\u00e4nglichkeit verleihen. Auf gleiche Weise verdichten sich auch die Erinnerungen an die Jugendzeit, das Gl\u00fcck der jungen Liebe und der gro\u00dfen Freiheit immer wieder zur Sehnsucht nach jener l\u00e4ngst versunkenen Vergangenheit &#8211; all ihren jugendlichen Wirren und so manchen Widerspr\u00fcchlichkeiten zum Trotz. Denn ohne Dialektik geht\u2019s nun mal nicht, das ist schon eine alte Hegel-Geschicht, die sich auch in meinen Erfahrungen immer wieder bewahrheiten sollte. Alsdann, es lebe die<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Lebensreise als Liebesgeschichte durch Jammertal und Venusberg<br \/>\nvoll bunter Bilder und Gedichte und die Liebste als wandelndes Gesamtkunstwerk!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn die Welt ist eine gro\u00dfe B\u00fchne f\u00fcr all unsere Lust- und Trauerspiele. Und jeder Text, ob episch prosaisch, ob poetisch melodramatisch, ist ein Gedankenfest und ein immer weiter wachsender Palimpsest. Und stellt man sich das so verg\u00e4ngliche Sein auf dieser Welt aus dem Blickwinkel des unendlichen Nichtseins vor, dann muss einem das mannigfaltige Leben in dieser Wirklichkeit gar wohl als ein einzigartiges Traumspiel erscheinen.<\/p>\n<p>In seinem Gedicht \u201eStufen\u201c hat Hermann Hesse den menschlichen Lebensweg und seine verschiedenen Reisestationen sehr zutreffend zum Ausdruck gebracht. Eine Zeile daraus lautet: \u201eAllem Anfang wohnt ein Zauber inne\u201c. Das trifft auch auf meine fr\u00fche, gl\u00fcckliche Kindheit zu. Doch schon bald sollte sich auch folgender Vers bewahrheiten: \u201cDas Sch\u00f6ne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.\u201c Diese Zeile aus Rainer Maria Rilkes Erster Duineser Elegie beschreibt auch ganz genau Traum und Alptraum jener Zeit. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich schon als Kind von der Sch\u00f6nheit junger M\u00e4dchen und Frauen bezaubert war. Der katholische Religionsunterricht in der Volksschule sollte allerdings meinem sch\u00f6nen Fr\u00fchlingserwachen bald ein schreckliches Ende setzen.<\/p>\n<p>Wie heute steht er im Geiste noch vor mir, der Herr Monsignore von der Marienkirche, und verk\u00fcndet, dass unsere Seele einer hohen Burg gleiche, die der Teufel Nacht f\u00fcr Nacht so lange umschleiche, bis er einen lockeren Stein in der Mauer gefunden h\u00e4tte. Diese Stelle w\u00fcrde er dann weiter aush\u00f6hlen, bis er in unsere Seele eindringe und sie erobere, um sie schlie\u00dflich f\u00fcr immer in den Rachen der H\u00f6lle zu rei\u00dfen. Mein Gott, was sollte mir diese schwarze Schaudergeschichte von der ewigen Verdammnis damals Furcht und Schrecken einjagen und mir den Rest meiner Kindheit und ihrer vergn\u00fcgten Unbek\u00fcmmertheit rauben.<\/p>\n<p>Zudem erfuhr ich auch zum ersten Mal die gro\u00dfe Macht der Vorstellungen und Einbildungen, die wirklicher werden k\u00f6nnen als alle Wirklichkeiten. Erst im heraufziehenden Morgengrauen meiner Jugendzeit entpuppte sich schlie\u00dflich der vermeintliche F\u00fcrst der Finsternis als ein offenkundiges Nachtgespenst aus dem dunkelsten Mittelalter und so machte ich mich bald aus seinem modrigen Staube \u2013 und hinter mir Glaube und Aberglaube! Und das war die Dialektik meiner Aufkl\u00e4rung frei nach Adorno und Horkheimer \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Nie wieder Graus!<br \/>\nSto\u00dfgebet, Scho\u00dfgebet<br \/>\nauf Gott und Teufel komm raus,<br \/>\nso lang bis einem wieder H\u00f6ren und Sehen vergeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sapere aude! Cogito, ergo sum! Et vivat amor et imaginatio et semper ad infinitum!! Sed nota bene: vita somnium breve est.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Tempus fugit,<br \/>\nEt figura mundi praeterit!<br \/>\nAd horrorem vacui? Ad aureum silentium?<br \/>\nIgnoramus! Ergo carpe diem! Per annum et saecula saeculorum!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cThe Four Seasons\u201d, so hie\u00df eine italo-amerikanische Gesangsgruppe, die sich Anfang der sechziger Jahre bildete und sich von Vivaldis \u201eQuattro Stagioni\u201c zu ihrem Namen inspirieren lie\u00df. Mit dem Song \u201eSilence is Golden\u201c hatte die Gruppe ihren ersten internationalen Hit und ich kann mich noch gut erinnern, wie der amerikanische Radiosender AFN (American Forces Network) in meiner Jugendzeit dieses Lied in Baden-W\u00fcrttemberg ausstrahlte.<\/p>\n<p>Dieses goldene Schweigen erklingt denn auch immer wieder, trifft man nur im modernen Liederkasten weiterhin die richtigen Tasten. Eichendorff h\u00e4tte nicht schlecht gestaunt, was da alles an Melodien im \u00c4ther herumschwirrt, und auch ich h\u00e4tte mir damals f\u00fcr mein Leben nicht tr\u00e4umen lassen, welche Bedeutung das Land dieser S\u00e4nger f\u00fcr meine weiteren Lebzeiten noch bekommen sollte \u2026 \u201eSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen \u2026\u201c Das Schweigen der Lieder zu erh\u00f6ren, es ist genauso schwer, wie die geheimen Wege der verborgenen Liebe zu erkennen \u2026<\/p>\n<p>\u201cIn Tausend Formen magst du dich verstecken, doch Allerliebste, gleich erkenn ich dich \u2026\u201c, so beginnt ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe aus seinem \u201eWest-\u00f6stlichen Divan\u201c. Ich freilich h\u00e4tte die \u201esch\u00f6ne Fremde\u201c und \u201eAllerliebste\u201c, wie sie Eichendorff in seinen Gedichten genannt hatte, damals in Heidelberg tats\u00e4chlich fast nicht erkannt, obwohl wir uns immer wieder begegnet sind und auch Eichendorff sie in seinen Gedichten schon genau beschrieben hatte. (Mehr dazu in \u201eQuattro Stagioni \u2013 Da Capo al Fine\u201c, dem zweiten Teil dieser Serie.)<\/p>\n<p>Jedoch im Fr\u00fchjahr 1975 ist es dann doch geschehen. Also genau vor vier Jahrzehnten. Und da meine \u201esch\u00f6ne Fremde\u201c v\u00e4terlicherseits tats\u00e4chlich aus der sch\u00f6nen, r\u00f6mischen Campagna stammt, von ihrem Vater auch noch so manche s\u00fcditalienische Redewendung \u00fcbernommen hat und nicht zuletzt auch nach unserer kalifornischen Hochzeit seinen so klangvollen Familiennamen Dell\u2019Acqua beibehalten hat, habe ich ihr meine \u201eVier Jahreszeiten\u201c im zweiten Teil dieser Serie im Originalton Antonio Vivaldis gewidmet. Zudem sind meiner italo-amerikanischen Paisana Vivaldis Ritornelle wie auf den Leib geschrieben, vom frisch-fr\u00f6hlichen Murmeln der Quellen im Fr\u00fchling bis zum herbstlich ungest\u00fcmen Sturm auf dem Meer, oder in den Worten des Komponisten, vom \u201eAllegro\u201c bis zur \u201eTempesta di Mare.\u201c Ecco, ecco, viva la pastorale! Viva la ragazza di mezzogiorno! E viva la musica, la musica di Quattro Stagioni Dell\u2019Acqua!<\/p>\n<p>Et nota bene! Nomen est omen: Dell\u2019Acqua bedeutet \u201evom Wasser\u201c. Und so wie meine \u201eDell\u2019Acqua\u201c von San Diego kommt, der gr\u00f6\u00dften und s\u00fcdlichsten Hafenstadt am amerikanischen Pazifik, so stammt Vivaldi aus Venedig, der bedeutendsten Lagunenstadt der italienischen Renaissance. Auch der venezianischen Metropole wohnte von Anfang an ein Zauber inne, denn sie wurde im Namen der schaumgeborenen Venus gegr\u00fcndet, die dem griechischen Mythos zufolge h\u00f6chst wunderbar als Aphrodite einst dem brandenden Meer entstiegen war. Venus-Aphrodite, sie ist die Ultima Donna Dell\u2019Acqua und entsprechend haben die Venezianer ihrer geliebten Heimatstadt den sch\u00f6nklingenden Beinamen \u201eSerenissima\u201c gegeben. Und auch Goethe hatte der \u201eAllheiteren\u201c in Erinnerung an seine italienischen Reisen ein dichterisches Denkmal gesetzt, wenn es \u201eIn Tausend Formen\u201c so einf\u00fchlsam hei\u00dft: \u201eIn des Kanales reinem Wellenleben, Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.\u201c<\/p>\n<p>La Nascita di Venere, die Geburt der Venus: Es waren vor allem die bildenden K\u00fcnstler der italienischen Renaissance, welche die sch\u00f6ne Schaumgeborene und so wundersam auf einer Muschel Emporgehobene immer wieder darstellten. Ihre Sch\u00f6nheit illuminiert denn auch noch die Primavera-Allegorien und die zeitgen\u00f6ssischen Portrait-Galerien der Patrizierinnen aus jenem Cinquecento, allen voran Leonardo da Vincis La Gioconda, seine l\u00e4chelnde Mona Lisa. Und ich meine, ihr lockendes L\u00e4cheln spielt auch noch um die Gesichtsz\u00fcge meiner \u201eSerenissima Dell\u2019Acqua\u201c \u2013 freilich k\u00f6nnt ich\u2019s nicht beschw\u00f6ren, da ja die Liebe bekanntlich blind macht. Nicht umsonst wurden im sp\u00e4ten Mittelalter die Verliebten \u201eVenusnarren\u201c genannt, vor allem, wenn sie meinten, sich unsterblich verguckt zu haben. F\u00fcr sie alle wurde die Liebesg\u00f6ttin, wie so manche Schimpf- und Schandschw\u00e4nke jener Zeit zu berichten wissen, zur s\u00fcndhaft-erg\u00f6tzlichen Venusfalle. \u201eAmantes, Amentes\u201c! Entz\u00fcckte Verr\u00fcckte, das waren so die lautmalerischen Sch\u00fcttelreime, die sich die damaligen Scholaren auf die irren Liebesnarren jener Umbruchszeit und ihrer reformatorisch-gegenreformatorischen Verworrenheit zu machen pflegten.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>\u201eBack to the Future\u201c, so lautet die wohl bekannteste Parole der Postmoderne. Sie ist genau besehen eine folgerichtige Weiterf\u00fchrung des alten Sprichwortes: \u201eWhat goes around comes around\u201c. Zusammengenommen sind diese beiden Sprichw\u00f6rter wohl die besten Wegweiser f\u00fcr die Reise rund um die Welt in Raum und Zeit und &#8211; ultima ratio &#8211; f\u00fcr die Erfahrung der ewigen Wiederkehr von der Zukunft in der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Am Beispiel der Renaissance und am Vorbild der Wiedergeburt der Venus wird dieses Ph\u00e4nomen der Wiederkehr besonders offenkundig. Seit jener gro\u00dfen Wende zwischen Mittelalter und Neuzeit kehrt die verlockende Venus\/Aphrodite auch immer \u00f6fter als fruchtbare, malerisch-sinnbildliche Alma Mater, als archaische Cornucopia wieder, deren sch\u00f6pferisches F\u00fcllhorn stets von \u00fcppig ausladenden Fr\u00fcchten \u00fcberquillt. Dieser maternale Archetyp feiert seine modernen Urst\u00e4nd zweifelsohne in Carmen Miranda, einer portugiesisch-brasilianischen S\u00e4ngerin und Schauspielerin, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts mit ihren Auftritten weltweit Aufsehen erregte. Bereits ihr sprechender Geburtsname war poetisches Programm, umschrieb er doch die K\u00fcnstlerin als singendes Wunder. Zudem war ihr das einstige F\u00fcllhorn der Magna Mater sehr zu Kopf gestiegen, sodass sie es nun als kunterbunten Kopfputz trug, der ihr schlie\u00dflich unter dem Markenzeichen \u201eTutti Frutti\u201c zu internationalem Ruhm verhalf. Dergestalt wurde sie buchst\u00e4blich zum Augenschmaus f\u00fcr eine jederzeit liebeshungrige Zuschauerwelt. Genau betrachtet fungiert ihr kulinarischer Kopfputz auch als eine Art Narrenkrone der mittelalterlichen Liebesk\u00f6nigin und nicht zuletzt repr\u00e4sentiert er, wenn man entsprechend so will, auch Luxus und Opulenz der mittelmeerischen Sch\u00f6nheitsg\u00f6ttin, so wie sie einst dem \u00fcberquellenden Scho\u00df der alln\u00e4hrenden Weltmutter entstiegen war: Orcus uterus \u2026 hocus pocus \u2026 mutatis mutandis \u2026 Mamma Mia, viva l\u2019amore! E con tutti frutti, per favore!!<\/p>\n<p>Dem singenden Wunderweib Carmen Miranda folgten bald weitere s\u00fcdliche Sch\u00f6nheiten, angefangen von Sofia Loren bis zu Sofia Vergara. Auch sie kluge Selbstdarstellerinnen voller Mutterwitz, wie bereits ihre gemeinsamen Vornamen in Anspielung an die griechische Weisheitsg\u00f6ttin erkennen lassen. Vor allem die formidable Sophia Vergara hat zur Zeit den Bogen am besten raus, baut sie doch ihren Status als gro\u00dfe Latina-Ikone durch ihre komischen Talente immer weiter aus. Die Liebesg\u00f6ttin des Altertums h\u00e4tte an ihrem erotischen Possenspiel und ihrem \u00fcberkandidelten Kom\u00f6diantentum ihre helle Freude gehabt, denn bekanntlich l\u00e4sst sich das Sinnengl\u00fcck durch ein lustiges Schauspiel noch weiter steigern. Und mit fr\u00f6hlichem Gel\u00e4chter kann man schlie\u00dflich auch noch den letzten Hagestolz aus der Deckung holen und mehr oder weniger ausf\u00fchrlich zum Narren halten!<\/p>\n<p>Obgleich auch meine sonnige S\u00fcdl\u00e4nderin mit \u00fcberm\u00fctigen Scherzen schon immer einiges am Hut hatte, \u00fcppige S\u00fcdfr\u00fcchte geh\u00f6rten nicht zu ihren am\u00fcsanten Requisiten. \u201eVon der Hand in den Mund\u201c war da schon eher das kulinarische Motto aus der italienischen K\u00fcche, eine Lebensweisheit aus der Alten Welt, die sich in ihrer Familie noch in der folgenden Mundart-Variante erhalten hatte: \u201eSi non mange, non cresce\u201c. An diesen Ratschlag scheint sich meine lebenskluge Italo-Amerikanerin von Kindesbeinen an gehalten zu haben und so ist sie denn auch ganz dem Sprichwort entsprechend recht hochgewachsen.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach dem sonnigen S\u00fcden: L\u00e4sst man die Zeiten Revue passieren, so kann man feststellen: Die Gottheiten der s\u00fcd-\u00f6stlichen Fr\u00fchgeschichte waren vorwiegend weiblicher Natur gewesen, angefangen von Babylons Ishtar und Astarte bis zu den alt\u00e4gyptischen G\u00f6ttinnen Nut, Isis und Hathor, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Und manche von ihnen sollen den alten \u00dcberlieferungen zufolge recht ausschweifend gewesen sein. So ritt zum Beispiel die sternenschimmernde Astarte auf ihrem st\u00fcrmischen Schimmel Nacht f\u00fcr Nacht \u00fcber den funkelnden Himmel. F\u00fcrwahr, eine recht exaltierte Burleske, wissen doch morgenl\u00e4ndische Geschichten hinter vorgehaltener Hand zu berichten, dass sie anfangs ganz ohne Schleier im hohen Bogen h\u00f6chst wunderbar durchs Weltall gestoben. Welch extravagante Eskapaden, welch exorbitantes Spectaculum dort drau\u00dfen im finsteren Universum. Fiat Lux! Mehr Licht, so lautete denn auch verst\u00e4ndlicherweise das erste Gebot unserer Sch\u00f6pfungsgeschichte. Doch vielleicht war es ja auch nur wieder einer dieser verr\u00fcckten Spr\u00fcche aus jener uralten Ger\u00fcchtek\u00fcche unserer beginnenden Menschen- und G\u00f6tterd\u00e4mmerung. Man erinnere sich, Babel war schon immer die skandalumwitterte Metropole der Konfusionen und kosmogonischen Temptationen.<\/p>\n<p>Doch des Menschen Willen war seit jeher sein Himmelreich. Und so ist es letztendlich m\u00fc\u00dfig zu spekulieren, ob das Ganze eine himmlisch herrliche Blamage oder vielmehr eine irdisch sensationsl\u00fcsterne Kolportage gewesen war. Ob mit ob ohne wehende Blusen, den Sternenguckern von Babylon war Astarte zweifelsohne die beste aller metaphysischen Musen. Die sumerischen Balladen und chald\u00e4ischen Scheherazaden erbauten sich jedenfalls an ihrer himmlischen Sch\u00f6nheit und g\u00f6ttlichen Ausgelassenheit und dergestalt befl\u00fcgelte sie m\u00f6glicherweise auch noch den englischen Dichter John Keats zu seinem ber\u00fchmten Sinnspruch: \u201eBeauty is truth, truth beauty.\u201c Indeed, it is well known, romantic poets love the deeper truth and they adore its higher beauty and for those who know their biblical gnosis, Astarte will always be the ultimate apotheosis, the \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Beauty over Babylon<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nRiding through her galaxies<br \/>\nlike a Parisian \u201cCrazy Horse\u201d!<br \/>\nOr are these just male phantasies?<br \/>\nAnd the Goddess smiles: \u201cof course\u201d!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>O nuda veritas! With all its bare necessities, horsing around with all those timeless verities! Oh tempora, o mores! And all the glitter and the glamour of all that galactic galores. Oh dreamy stargazers and heavenly trailblazers! We all know, Gods and Goddesses come and go, but that was quite a midnight show! It was a comic cabaret truly out of cosmic love and it was the great realization that \u201creality is something you rise above.\u201d Liza Minnelli had that insight and she probably got it from Botticelli, that good old Renaissance visionary who resurrected that ancient imaginary!<\/p>\n<p>Ob Wahrheit, ob Dichtung, Hauptsache ist, es stimmt die Richtung. Und Tatsache bleibt, dass sich die pr\u00e4chtige Astarte mit allen ihren Gestirnen sehr gerne in den n\u00e4chtlichen Meeren spiegelte und dergestalt bis heute in unserer abendl\u00e4ndischen Vorstellungswelt ihre Spuren hinterlassen hat. So hat sich zum Beispiel im christlichen Sternbild der Stella Maris, der Meersternk\u00f6nigin, noch ein archaischer Abglanz dieses mesopotamischen Mirage erhalten, in dem vor allem die katholische Muttergottes erstrahlt, deren Namen \u201eMaria\u201c denn auch eine Wortsch\u00f6pfung ist, der nicht zuf\u00e4llig das Meer als sprachliches Vorbild zu Grunde liegt. Die frommen Madonnenmaler von der italienischen Renaissance bis zu den deutsch-romantischen Nazarenern haben denn auch immer wieder die Jungfrau Maria in einen sternenbestickten Himmelsmantel geh\u00fcllt.<\/p>\n<p>\u201eMeerstern ich dich gr\u00fc\u00dfe\u201c, so stimmte auch ich noch in meiner Kindheit in den freudigen Chor der katholischen Marienandachten im allj\u00e4hrlichen Wonnemonat Mai mit ein. Und wenige Monate sp\u00e4ter folgte das hochsommerliche Kirchenfest \u201eMari\u00e4 Himmelfahrt\u201c. Wie wundervoll da die wallenden Gew\u00e4nder der Jungfrau Maria im Aufwind gen Himmel wogten. Tizians gro\u00dfartiges Altargem\u00e4lde von der \u201eAssunta\u201c hat diesen heilsgeschichtlichen Augenblick f\u00fcr immer ins Bild gebannt. Als ich das letzte Mal in Venedig war, in einem nebligen Monat November, als nur noch wenige Touristen diese zauberhafte, mittelmeerische M\u00e4rchenstadt heimsuchten, da habe ich Tizians Meisterwerk in der dortigen Kirche Santa Maria Gloriosa de Frari mit eigenen Augen gesehen. Noch einmal mit staunenden Kinderaugen und einem letzten heimlichen Glaubenssprung hinauf in die g\u00f6ttliche Madonnend\u00e4mmerung \u2026 Oh sancta ecclesia, gratia plena \u2026<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch kehren wir noch einmal zur\u00fcck zu den Venus-Visionen und ihren mittelmeerischen Reinkarnationen: Die Sch\u00f6nen der Renaissance waren allesamt ferne Ebenbilder der r\u00f6misch-griechischen Liebesg\u00f6ttin. Und diese wiederum war nach uraltem Mutterrecht &#8211; so die <em>opinio communis<\/em> der matriarchalen Mythografie &#8211; die allm\u00e4chtige Herrin des Ewigen Werde, die sch\u00f6ne Sch\u00f6pferin der Menschheit von Geschlecht zu Geschlecht. Und das Meer, dem sie muttermythischen \u00dcberlieferungen zufolge einst so wunderbar entstiegen war, figurierte in den Worten ihrer wissenschaftlichen Gefolgschaft schon immer als \u201egremium matris terrae\u201c, als Scho\u00df der Mutter Erde.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Kampf der Kulturen.\u00a0 Bereits Eichendorff hatte in seinem poetischen Universum immer wieder Venus und Madonna in ihrer fromm-frivolen Gegens\u00e4tzlichkeit dargestellt. Kehren wir also noch einmal aus dem Wolkenreich der himmlischen Visionen zur\u00fcck in die irdischen Regionen seiner Heidelberger Studentenzeit. Auch f\u00fcr ihn gewannen diese Jahre im Laufe seines Lebens immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung. Die englische Sprache hat solche Herzenserfahrungen auf den Ausspruch gebracht: \u201eDistance makes the heart grow fonder.\u201c<\/p>\n<p>What is in a name? Auch Rohrbach, das Geburtsst\u00e4dtchen der Liebsten Eichendorffs, hat einen sprechenden Namen, der un\u00fcberh\u00f6rbar der Welt des Wassers entstammt, nur erscheint dieses Wasser hier bereits in Rohren unterirdisch einged\u00e4mmt. Vom Rohrbach zum M\u00fchlrad ist es dann nur noch ein kleiner Sprung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eIn einem k\u00fchlen Grunde,<br \/>\nda geht ein M\u00fchlenrad,<br \/>\nmein Liebchen ist verschwunden,<br \/>\ndas dort gewohnet hat.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So beginnt Eichendorffs bekanntes Erinnerungslied an sein geliebtes K\u00e4thchen, das ihm die Treue gebrochen hatte. Das von Friedrich Silcher vertonte Gedicht wurde unter dem Titel \u201eDas zerbrochene Ringlein\u201c zu einem der bekanntesten Lieder der deutschen Romantik. Der Dichter f\u00e4hrt wehm\u00fctig in seinem Liebesleid fort:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eIch m\u00f6cht als Spielmann reisen<br \/>\nwohl in die Welt hinaus<br \/>\nund singen meine Weisen<br \/>\nund gehen von Haus zu Haus.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und entsprechend hatte auch Eichendorff einst von der Reise \u00fcbers weite Meer, von der Auswanderung nach Amerika getr\u00e4umt. Der romantische Plan hatte sich jedoch schlie\u00dflich an der rauen Wirklichkeit zerschlagen. Was blieb, war des Dichters versonnene Erinnerung an seine verlorene Heidelberger Jugendliebe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eH\u00f6r ich das M\u00fchlrad gehen,<br \/>\nich wei\u00df nicht, was ich will.<br \/>\nIch m\u00f6cht am liebsten sterben,<br \/>\nda w\u00e4r\u2019s auf einmal still.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das M\u00fchlrad ist eines der wesentlichsten und bedeutungsreichsten Sinnbilder der romantischen Dichtung. Zum einen verbindet es auf offenkundige Weise die Vereinigung von Natur und Kultur, indem es das nat\u00fcrliche Element des Wassers zu einer industriellen Energiequelle umfunktioniert. Dar\u00fcber hinaus verweist das Rund des M\u00fchlrads auch auf den steten Kreislauf dieses so wesentlichen Naturelements, seinen Wandel und seine Verwandlung rund um die Erde, so wie Goethe es in seinem gro\u00dfartigen Gedicht \u201eGesang der Geister \u00fcber den Wassern\u201c so anschaulich und gleichnishaft beschrieben hat. Ob Rohrbach, ob M\u00fchlrad, Tatsache ist, in der Regel wollen sich weder frisch-fromme Liebchen noch wildromantische Undinen gleich von Rohren erfassen oder von R\u00e4dern st\u00e4ndig durchwalzen lassen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Vielleicht war ja Eichendorffs Verflossene auch so ein fr\u00f6hlich-freies, wellenwonniges Wasserwesen gewesen. Vielleicht \u201ekanalisierte\u201c ja seine muntere Rohrbacherin im Laufe der Zeit gar meine lebenslustige Kalifornierin und tummelte sich noch wer wei\u00df wie lange in den Wellen und Wogen des fernen Pazifik. Denn dort in San Diego und vor allem rund um die Bucht von La Jolla und seinen wildfelsigen Becken ist die muscheltuschelnde Meeresbrandung besonders aufsch\u00e4umend und berauschend. \u201eLa Jolla\u201c bedeutet im Spanischen \u201ePerle\u201c oder \u201eJuwel\u201c und f\u00fcr Bewunderer der \u201eSchaumgeborenen\u201c gewinnen solch schmucke Bezeichnungen gern tiefere, sinnlich-sinnbildliche Bedeutungen.<\/p>\n<p>Entsprechend gab sich denn auch meine Liebste in der Tat immer wieder als offenkundige Tochter der pazifischen Wellen zu erkennen. Man konnte es bereits an ihrem sprudelnden Wesen erkennen. Und wenn ihre L\u00e4cheln dann auch noch in ein perlendes Lachen ausbrach, dann war der Grund daf\u00fcr kristallklar \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">She was my Pearly Gate, she was my past and future fate!<br \/>\nOr as ancient mariners used to say: She takes your breath away.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man darf freilich auch nie vergessen, mit solch berauschenden Wasserwesen ist entweder ganz wunderbar &#8211; oder gar nicht gut Kirschen essen. S\u00fc\u00dfe Kirschen, saure Kirschen, am besten sind die tollen Kirschen! Oh Ma Belladonna Dell\u2019Acqua \u2026 gremium matris \u2026 hic est corpus velut orcus \u2026velut genus de profundis \u2026 oh schaukelndes Narrenschiff der gaukelnden Venus!! Wie leicht h\u00e4tten wir auf unseren langen und oft st\u00fcrmischen Kreuz- und Querfahrten zwischen Traum und Wirklichkeit Schiffbruch erleiden k\u00f6nnen, denn wir waren von Anfang an beides gewesen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Dream Team and Double Trouble<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSoaring and falling like Icarus,<br \/>\nbut we kept rising time and again<br \/>\nout of all the strive and struggle,<br \/>\njust like Phoenix way back then.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oh fantasies, oh ancient mysteries! But what will we do when we run out of melodies? \u201cCancel my subscription to the resurrection!\u201d That\u2019s what the Doors had to say in their famous farewell song \u201cWhen the Music is Over\u201d. But for a change I don\u2019t agree with Jim Morrison, my American Idol and Dark Angel from Los Angeles. I\u2019d rather subscribe to the Mamas and the Papas from San Francisco, and their most beautiful winter song<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201cCalifornia Dreamin\u2019\u201d<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n\u201cAll the leaves are brown \/ and the sun is grey<br \/>\nI\u2019ve been for a walk \/ on a winter\u2019s day.<br \/>\nI\u2019d be save and warm \/ if I was in L.A.<br \/>\nCalifornia Dreamin\u2019 \/ on such a winter\u2019s day.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oh what pacific memories. After the two of us had come to the United States, she continued her studies in San Francisco, Northern California, and I did the same in Santa Barbara, Southern California. While Santa Barbara was already then a major surfer paradise, San Francisco was still hanging on to its status as the most western outpost of America\u2019s last hippies, who still wore flowers in their hair, as Scott McKenzie had asked them to do a decade earlier in his famous signature song: \u201cIf you are going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair.\u201d<\/p>\n<p>The two of us were separated again and during wintertime we too were dreaming of spring, when even the deserts bloom again and all the mermaids sing, frolicking in an April shower and everywhere Persephone, dancing in all her flower power. And then mighty Venus-Aphrodite was turning again for all her fools those medieval vale of tears into modern swimming pools \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Infinity Pools<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nthose ports for all those ship of fools<br \/>\nand I can hear and see them sink and rise<br \/>\nand forever setting sail towards that promise of paradise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So look out for that sparkling trajectory and don\u2019t forget its magical mystery: \u201cFor those who love, time is eternity!\u201d That was one of those far-out-lines by \u201cIt\u2019s a Beautiful Day\u201d, another rock band from San Francisco, that west coast capital of cosmic vertigo.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201cIn the summertime when the weather is hot,<br \/>\nyou can stretch right up and touch the sky.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Mungo Jerry, \u201cIn the Summertime\u201d<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cFar out\u201d, that was the key word of those years, when the sky was truly the limit. William Blake, the mystical poet-painter of English Romanticism, must have anticipated it, when he famously wrote: \u201cIf the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.\u201d And every grain of sand a tiny precious pearl of that famous Promised Land.<\/p>\n<p>And as we were traveling up and down the coast, there were everywhere those beautiful blooming groves! Don\u2019t forget them forever, make sure to remember! And forget that month of dark September, forget Persephone\u2019s decent into that heathen hell and remember those halcyon days, remember that good old magic spell: \u201cTurn on, tune in, drop out\u201d, and the world begins to sparkle again just like way back then, morphing into a luminous globe, a psychedelic kaleidoscope, revolving through inner and outer space \u2026 and everywhere your smiling face \u2026oh how you loved to sing and dance, like a fairy queen in a rock \u2018n\u2019 roll trance! Oh my beautiful flower girl, you turn the world into a floral swirl and lo and behold \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eIch wandle unter Blumen<br \/>\nund bl\u00fche selber mit,<br \/>\nich wandle wie im Traume<br \/>\nund schwanke bei jedem Schritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Oh halte mich fest, Geliebte!<br \/>\nVor Liebestrunkenheit<br \/>\nfall ich dir sonst zu F\u00fc\u00dfen<br \/>\nund der Garten ist voller Leut.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kein Wunder! Das ist eindeutig das poetisch-erotische Delirium von Heinrich Heine! Zugegeben, sp\u00e4tromantisch, doch das ist die Liebe, die ich meine! \u201eDu bist wie eine Blume\u201c \u2026 so fl\u00fcsterte er einst immer wieder mehr oder weniger risqu\u00e9 auf so manch franz\u00f6sischer Soir\u00e9e:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Oh mon tableau vivant!<br \/>\nOh ma belle fleur si bleue mourante!!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wieder ward einem ganz bl\u00fcmerant, drum nimm dich stets in Acht vor dem Zauber der blauen Bl\u00fctenpracht \u2026 denn im Handumdrehen wird aus dem M\u00fchlrad ein Moulin Rouge, et voil\u00e0, mon dieu, regardez, mon amour \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ma Belle du Jour,<br \/>\nprenez de l\u2019eau, beaucoup, bon chance,<br \/>\nparce que elle a chaud \u2026 tres chaud au cul \u2026 et honi soit qui mal y pense!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was soll es bedeuten, dass ich so lustig bin \u2026: Vielleicht gibt es ja f\u00fcr meinen Gesinnungswandel auch eine geistesgeschichtliche Erkl\u00e4rung. Es ist jedenfalls in landl\u00e4ufigen und landeskundlichen Kreisen schon seit langem bekannt, dass Heine ein gro\u00dfer Verehrer der holden Weiblichkeit gewesen war. Das Ber\u00fcckend-Entz\u00fcckende der Damenwelt, das hatte er \u00fcberaus gern und so war auch er ein rechter Liebesnarr vor seinem christlich-j\u00fcdischen Herrn. Doch der Dichter war auch ein engagierter Verfechter der politischen Poesie, ein libert\u00e4rer Rabauke, und so haute ich meiner Zeit als Revoluzzer immer wieder sehr gern mit ihm auf die Pauke. Und nicht zuletzt war Heine auch ein begeisterter Meister der romantischen Ironie. Von ihm konnte man von der Pike auf lernen, zu \u00fcbertreiben und entsprechend auszuschweifen und dennoch auf dem Teppich zu bleiben, zumindest auf dem Bl\u00fctenteppich.<\/p>\n<p>Es sei denn, der schw\u00e4rmerische Eichendorff kam einem mal wieder in die Quere, denn der schwang sich schon immer sehr gerne recht weit hinauf ins Reich der Sterne. Und zugegeben, besonders gut gelang ihm das in<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eMondnacht\u201c<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n\u201eEs war, als h\u00e4tt der Himmel<br \/>\ndie Erde still gek\u00fcsst,<br \/>\ndass sie im Bl\u00fctenschimmer<br \/>\nvon ihm nur tr\u00e4umen m\u00fcsst.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welch b\u00f6hmische Rhapsodie, das ist f\u00fcrwahr das Hohe Lied auf die Hochzeit zwischen Himmel und Erde. Von wegen Bodenhaftung! Es ist die Dichtung als letzte Wahrheit von der ewigen Hoffnung auf die immerw\u00e4hrende, irdisch-himmlischen Gl\u00fcckseligkeit!<\/p>\n<p>\u201eAlles Verg\u00e4ngliche ist nur ein Gleichnis\u201c! Erinnerst du dich? So stand\u2018s doch damals im Vorlesungsverzeichnis! Oder war\u2019s auf irgend so einem feucht-fr\u00f6hlichen Fest? God knows! All that wine and my memory is no longer the best! So come on and let\u2019s turn back the page! Let\u2019s be young again! Let\u2019s rebel against that growing Old Age!! \u2026 Komm, wir sind gegen das Vergehen der Zeit und kehren zur\u00fcck in die Vergangenheit \u2026 immer weiter zur\u00fcck \u2026 das ist noch immer der beste Zeitvertreib! Lass uns fliehen ins mittelmeerische Altertum und immer weiter zur\u00fcck bis ins ferne Elysium! \u2026 Do you remember those Elysian Fields? They sure were the best \u2026 way down south and far out west \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201c\u2026 das Land, wo die Zitronen bl\u00fchn,<br \/>\nim dunklen Laub die Gold-Orangen gl\u00fchn \u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So schw\u00e4rmte schon Goethes Mignon in ihrem Fernweh nach dem sonnigen S\u00fcden, jenen sommerlichen Landschaften, die schon die Dichter der r\u00f6mischen Antike in ihren Hirten- und Sch\u00e4fergedichten besungen und deren gl\u00fcckliche Zeiten auch noch einmal Goethes R\u00f6mischen Elegien heraufgerufen hatten \u2026 Und dann wieder das Heimweh nach dem verschneiten Norden, nach dem<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201e \u2026Brunnen vor dem Tore \/ da steht ein Lindenbaum,<br \/>\nich tr\u00e4umt in seinem Schatten \/ so manchen s\u00fc\u00dfen Traum.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grad so wie im Wanderlied von Wilhelm M\u00fcllers Liederzyklus \u201eDie Winterreise\u201c, das auch noch dem Romanhelden in Thomas Manns verschneiten <em>Zauberberg<\/em> so wehm\u00fctig nachging. Oh Meister M\u00fcller, wie lang ist\u2019s her!<\/p>\n<p>Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann denke ich oft an seine dunkle Vergangenheit. Es ist jene grauenhafte Vergangenheit, die Heine einst in seinem <em>Winterm<\/em><em>\u00e4<\/em><em>rchen<\/em> so hellsichtig heraufbeschworen hatte. Doch in den letzten Jahren erinnere ich mich hinter der schrecklichen Geschichte auch wieder mehr und mehr an die wundersch\u00f6nen Gedichte meines Vaterlandes und nicht zuletzt an die Verse der Schw\u00e4bische Dichterschule, welche die Berge und T\u00e4ler meiner alten Heimat besingen, grad so, als folgten sie Eichendorffs alter Zauberformel \u201eSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen\u201c . Eines meiner Lieblingsgedichte ist Eduard M\u00f6rikes<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eUm Mitternacht\u201c<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n\u201eGelassen stieg die Nacht an Land,<br \/>\nlehnt tr\u00e4umend an der Berge Wand \u2026<br \/>\nund kecker rauschen die Quellen hervor,<br \/>\nsie singen der Mutter, der Nacht ins Ohr<br \/>\nvom Tage \/ vom heute gewesenen Tag.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt eine zeitgen\u00f6ssische Vertonung dieses Gedichts von Claudia Pohel, einer \u00fcberaus begabten Liedermacherin von Wiesensteig am Fu\u00df der Schw\u00e4bischen Alb, die heute drunten am Bodensee lebt. Ich hatte sie vor Jahren mehrmals auch live geh\u00f6rt, einmal sogar im W\u00e4scherschloss, dem urspr\u00fcnglichen Familiensitz der Staufer. Wenn sie mit ihrer geradezu seraphischen Stimme dieses Lied von der Mitternacht sang und sich dabei auf der Harfe begleitete, dann durchrieselten einem ihre wunderbaren Kl\u00e4nge geradezu wie Elfen- und Engelsges\u00e4nge.<\/p>\n<p>Und tr\u00e4um ich von Deutschland in der Nacht, dann tr\u00e4um ich auch hin und wieder von meinem heimischen Hohenstaufen. Er sucht mich gerne immer wieder heim und l\u00e4dt mich anheimelnd ein, ein Weilchen in seiner Welt zu verweilen und dann erinnert er mich auch wieder an Friedrich R\u00fcckerts l\u00e4ngst vergessene Zeilen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eDer alte Barbarossa \/ der Kaiser Friederich<br \/>\nim unterird\u2019schen Schlosse \/ h\u00e4lt er verzaubert sich.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oh Barbarossa, mein staufischer Tausendsassa! Der Sage nach ist er des Heiligen R\u00f6mischen Reiches legend\u00e4rster Langzeitschl\u00e4fer. Aber wer wei\u00df, was ihn dort durch all die Jahreszeiten so lange h\u00e4lt? Vielleicht ist ja sein im Winter oft so zauberhaft verschneiter Hohenstaufen der geheimnisumwitterte H\u00f6rselberg, von dem es einst im Mittelalter hie\u00df, er sei die H\u00f6hle der schneewolkensch\u00fcttelnden Frau Holle. Und deuteten ihn sp\u00e4tere \u00dcberlieferungen nicht gar als Tannh\u00e4users fr\u00fchlingserwachenden Venusberg? Wer wollte da nicht l\u00e4nger in der Welt seiner Zauberkl\u00e4nge verweilen! Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass im neunzehnten Jahrhundert in Deutschland \u00fcberall die M\u00e4r umging, dass der schlafende Kaiser der Staufer zur rechten Zeit wieder auferstehen w\u00fcrde, um sein zerfallenes Reich erneut zu einen. Oh Glaube, Liebe, Hoffnung &#8211; in Christus, Venus und Persephone h\u00e4tte der alte Rotbart f\u00fcrwahr altehrw\u00fcrdige Vorbilder f\u00fcr derartige Wiedergeburten und Wiederauferstehungen gefunden! Aber vielleicht h\u00e4lt er es ja insgeheim tats\u00e4chlich mit dem wandernden Wasser, in dem er damals so sang- und klanglos ertrunken war, und kehrt eines Tages wieder an seinen Ursprung zur\u00fcck. Wenn auch in anderer Gestalt und im Geist einer anderen Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201eKein Wesen kann zu nichts zerfallen,<br \/>\ndas Ew\u2019ge regt sich fort in allem,<br \/>\nam Sein erhalte dich begl\u00fcckt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Johann Wolfgang von Goethe<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hatte nicht auch Albert Einstein, unser Ulmer Landsmann, Goethes poetische Epiphanie in die physikalische Theorie von der Verwandlung aller Energie in immer wieder andere Formen weiterentwickelt?! Das R\u00e4tsel der Materie, das Enigma der Magna Mater! Bis heute wei\u00df niemand wirklich Bescheid \u00fcber die letzten Geheimnisse unsrer Frau Welt in ihrem ewigen Wandel durch Raum und Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">The Lady is a sphinx, a riddle and a vamp,<br \/>\nwell-versed in all four seasons, the lady is a tramp.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>she is a global lunatic, longing for the universe, she is a truly cosmic trip and a magical mystery tour, she is a rocking rollercoaster \u2026 und wir folgten nur allzu gern ihrer Spur, ihrer kreisenden Wunderwelt und ihren verschlungenen Bahnen so voller rollender K\u00fcsten von Virginias Blauen Bergen bis zu Kaliforniens buntbl\u00fchenden W\u00fcsten, Atlantik, Pazifik, r\u00fcber und n\u00fcber und immer wieder ging\u2018s auch drunter und dr\u00fcber \u2026 und zwischen blauem Meer und grauer Wolkendecke blieben wir auch immer mal wieder auf weiter Strecke \u2026<\/p>\n<p>\u201eFrei vom Mammon will ich schreiten \/ auf dem Feld der Wissenschaft \u2026\u201c, so geht eine Zeile aus Eichendorffs Gedicht \u201eDer wandernde Student\u201c. Nach dieser Weise bin auch ich lange durch die Welt gezogen. \u201eGypsy Scholar\u201c, also Wandergelehrte, nennt man in Amerika jene Akademiker, die jahrelang von Universit\u00e4t zu Universit\u00e4t ziehen auf der Suche nach einem festen Lehrstuhl. Ich habe diese Wanderschaft dem Ruf der \u201esch\u00f6nen Fremde\u201c folgend mit Absicht noch um weitere Jahre verl\u00e4ngert. Als ich schlie\u00dflich zur\u00fcckblickte, stellte sich heraus, dass ich im Laufe der Jahrzehnte insgesamt an einem runden Duzend Universit\u00e4ten gelernt, gelehrt und geforscht hatte<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>.<\/p>\n<p>Vivat academia! Non scholae, sed vitae discimus! In anderen Worten und auf gut Deutsch, ich habe die akademische Freiheit meiner Lehr- und Wanderjahre sehr genossen. Folgt man einem lateinischen Sprichwort der mittelalterlichen Scholaren, so k\u00f6nnte man diese Lebenserfahrung vielleicht auch noch didaktisch ausweiten und zum folgenden Merkspruch zusammenfassen: Von der Wiege bis zur Bahre \u2013 semper prodesse et delectare!<\/p>\n<p>Et in dubio pro duo! Jedenfalls hatte der wanderlustige \u201eGypsy Scholar\u201c in seiner unternehmungsfreudigen Lebensgef\u00e4hrtin eine seelenverwandte \u201eGypsy Queen\u201c gefunden &#8211; grad so wie Carlos Santana sie damals in seinem gleichnamigen Lied besungen hatte. Und so haben wir denn auch im Laufe der Jahre so manche St\u00e4dte erlebt und erfahren. Am lehrreichsten und unterhaltsamsten war es sicherlich in New York City, wo wir insgesamt acht Jahren lebten. George Gershwin hatte schon in den zwanziger Jahren die unb\u00e4ndige Kreativit\u00e4t und spr\u00fchende Energie dieser gro\u00dfartigen Kulturmetropole der Neuen Welt mit seiner himmelst\u00fcrmenden Hymne \u201eRhapsody in Blue\u201c auf kongeniale Weise eingefangen.<\/p>\n<p>Blicke ich heute zur\u00fcck, so verdichten sich unsere verschiedenen Wegstationen durch die Alte und Neue Welt zusammen mit ihren zahlreichen Reiseimpressionen immer wieder zu magisch-musikalischen Momenten, zu einer Art transatlantischer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Rhapsody in Blue<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nand my beautiful stranger<br \/>\nshe is my Bohemian Rhapsody<br \/>\nand my American Dream come true.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cLike a rolling stone \u2026 with no direction home\u201c. So hatte Bob Dylan schon vor Jahrzehnten ge\u00e4chzt und gekr\u00e4chzt. Auch uns beide beginnt von neuem die Frage umzutreiben, wo wohl unsere letzte Heimat auf dieser Erde sein wird. Europa oder Amerika? Zur\u00fcck nach Osten oder weiter nach Westen \u2026 oder vielleicht w\u00e4r\u2019s letztendlich gar im Himmel am besten?!<\/p>\n<p>\u201eTranszendentale Obdachlosigkeit\u201c, das war Georg Lukacs\u2019 geradezu sprichw\u00f6rtlich gewordene Charakterisierung der spirituellen Heimatlosigkeit des modernen Menschen in einer Welt ohne Gott. Beim Barte der Propheten von Moses bis Marx \u2026, da kehr ich doch gerne noch einmal zu meinem alten Rotbart zur\u00fcck, denn ich meine \u2013 trotz des W<em>interm<\/em><em>\u00e4<\/em><em>rchens<\/em> von Heinrich Heine \u2013, er blinkt und zwinkert mir im Schlaf recht traulich zu: Komm heim in meinen Stauferberg, komm heim in unseren Venusberg, hier f\u00e4ndest du deine selige Ruh \u2026 hier rund um die heimischen H\u00e4nge und ihre geheimen Zauberkl\u00e4nge! Erinnerst du dich noch, dort \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eUnder der linden an der heide<br \/>\n\u2026 d\u00e2 mugt ir vinden sch\u00f4ne beide gebrochen bluomen unde gras \u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So sang es schon Walther von der Vogelweide. Und so h\u00f6flich durch die Blume! Oh Walther, chume, chume! Komm, sing mir wieder von Fr\u00fchlingstr\u00e4umen, von den Sommerm\u00e4rchen junger, in ewiger Liebe verschworener P\u00e4rchen \u2026, komm sing mir wieder die alten Wanderlieder vom Reich in dieser sch\u00f6nen Welt! Denn sie sind mein vagantisches Credo, so komm, und sei mein alter ego, sei meine pantheistische Partitur! Gaude, gaudeamus igitur \u2026<\/p>\n<p>Und schau nur, Meisters\u00e4nger der h\u00f6fischen Minne, schau wieder hinauf zur hohen Zinne, dort zu deiner hohen Fraue, so erhaben \u00fcber der trutzigen Br\u00fcstung und &#8211; umgekehrt &#8211; drunten in blauender Aue in ihrer so heiter gespielten Entr\u00fcstung \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eD\u00fb bist m\u00een, ich bin d\u00een\u201c<br \/>\nOh holde-holder Buhle m\u00een!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und ich erinnere mich wieder jener Wildnis der W\u00e4lder, der hohen Tannen, der wogenden Felder, dem Licht- und Schattenspiel der Mutter Natur, der \u00fcberall bl\u00fchenden Fingerh\u00fcte und dann wieder sie in ihrer herrlichen Fr\u00fchlingsbl\u00fcte \u2026 gleich einer wandelnden Maya in den wehenden Schleiern einer jungen Madonna \u2026 im sonnig wonnigen Monat Mai und wieder ihr wei\u00dfes Sommerkleid, ich \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">seh ihr lockendes L\u00e4cheln,<br \/>\nich h\u00f6r ihr so frohlockendes Lachen,<br \/>\noh alte Burschen- oh junge M\u00e4dchenherrlichkeit,<br \/>\noh Heiderose, oh Knabe Wunderhorn \u2026 doch jetzt schweigt des S\u00e4ngers H\u00f6flichkeit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und sei die Liebste noch hold, die S\u00e4nger der Liebe, sie wissen es l\u00e4ngst, Reden ist Silber und Schweigen ist Gold. Doch der Tanz der Liebe ist auch ein t\u00f6dlicher Reigen, der seit uralter Zeit gellend stumm zum Himmel schreit:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Madonna Dolorosa, oh misericordia<br \/>\nper saecula saeculorum, ad majorem dei gloriam!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mulier non est porta paradisi sed \u2013 nota bene \u2013 forma femina est janua diaboli! Vulgo: Das Weib ist Teufelswerk und S\u00fcndenpfuhl, eine Sumpfbl\u00fcte der Mutter Erde und seine wunderbare Pracht ist nichts als der schwarze Zauber der heidnischen Walpurgisnacht. Drum sei das gottesferne Weib vermaledeit in alle Sternenewigkeit!<\/p>\n<p>So rumorten einst die theologischen Dunkelm\u00e4nner und ihre chiliastischen Seelenw\u00fcrger, die biederen Pfaffen und spie\u00dfigen Pfahlb\u00fcrger, und jeder war ein gro\u00dfer Beteuerer jener schwelend kommenden Fegefeuer \u2026 und wieder das Heulen und Z\u00e4hneklappern, das Jammern der armen Seelen \u2026 das Klagen der toten Hosen \u2026 mit all ihren ekklesiogenen Neurosen \u2026 Ach, welch verkehrte Welt mit der H\u00f6ll als verkrachtes Himmelszelt. Und oh, ihr sinistren Philister, ihr schwefligen Scheister mit eurem katechistischen Scheibenkleister! H\u00f6rt, die ihr noch immer so h\u00f6chst emp\u00f6rt. Zum Teufel mit all dem Plageplunder, ich glaube viel lieber ans Weltenwunder, an junge Fr\u00fchlingsm\u00e4dchen und alte Sommerweiber, so voller Lebenslust und Mutterwitz, denn ich hab es aus sicherer Quelle, sie sind der magisch-mystische Trip und dies ist ihr allergeheimste Tip:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">die Triebe der irdischen Liebe,<br \/>\nsie sind des Teufels Elixiere und Gottes himmlisches Lustprinzip.<\/p>\n<p>Und wer\u2019s nicht glaubt, der wird nicht selig! Ich jedenfalls lausche weiter h\u00f6chst unerh\u00f6rt und bleibe entsprechend zu tiefst bet\u00f6rt \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">von all den schlummernden Liedern, die da erwachen fort und fort<br \/>\nunter bunten R\u00f6cken und schmucken Miedern,<br \/>\ntriffst du nur das Zauberwort \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und immer wieder ist es die eine, die ich \u00fcberall suche und meine im ewigen Wandel von Raum und Zeit zwischen Zukunft und Vergangenheit. \u201eNiedere Minne\u201c, \u201ehohe Minne\u201c, Rittergl\u00fcck und Hexenflug und immer wieder die alte Kippe und der Schnitter schwingt schon wieder Hippe, dieser uralte, unsterbliche Popanz und aus dem Liebestanz wird wieder der Totentanz und wieder dreht sich alles im Kreise auf dieser gro\u00dfen Weltenreise \u2026<\/p>\n<p>What goes around comes around, just listen to that rising sound, welling up deep from that musical underground, can you hear the \u201eBlack Magic Woman\u201c by Carlos Santana returning again out of that silent nirvana \u2026 Mir klingt noch heute sein mexikanischer Hexengesang in den Ohren. F\u00fcrwahr, ein wahrer Ohrenschmaus f\u00fcr alle Venustoren! Damals in den Siebziger Jahren hatten mehrere Rockbands die Welt der mittelalterlichen Walpurgisweiber neu entdeckt und ihr sagenhaft sinnlich-\u00fcbersinnliches Zauberreich immer wieder in rockende Rhythmen und berauschende Melodien verwandelt. Allen voran die Doors mit ihrem Song \u201eLight my Fire\u201c:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eGirl, we couldn\u2019t get much higher \u2026<br \/>\ntry to set the night on fire \u2026 and our love becomes a funeral pyre.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>And every now and then \u2026 remember way back when \u2026 again those medieval fires, the horror of their holy terror and one could hear again their prayers \u201cAshes to Ashes\u201d Forget those ashes! Remember Phoenix! No, not Phoenix, Arizona in those wind swept deserts way out west, where life and love and lust turns into nothing but dust. Think Phoenix, the reborn bird, the magic bird, rising beyond the fire and we are his wings again, his wings of desire \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">the yearning for spring awakening<br \/>\nthe longing for a summer of love,<br \/>\nthe pursuit of lasting happiness,<br \/>\ndown here on earth and high above.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So come on and soar with me all the way from here to eternity \u2026 yes, let\u2019s forget that fear of flying, it is only that age-old fear of dying! Let\u2019s fly away and all along we will be again that passion play between death and birth and that trial by fire between heaven and earth!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sic transmutat<br \/>\nfigura hujus mundi!<br \/>\nErgo, vivat amor et repetitio delectat!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so bin ich noch einmal in dieser Welt jener fidele Springinsfeld und streiche &#8211; semper fidelis &#8211; meine s\u00fc\u00dfe, traute Violine und du machst erneut zu meinem Spiel wieder wie einst deine gute Miene \u2026 Oh M\u00e4dchen, mein M\u00e4dchen \u2026Wie herrlich leuchtet mir deine Figur \u2026\u201dwie gl\u00e4nzt die Sonne? Wie lacht die Flur \u2026 so golden sch\u00f6n\u201d \u2026 in jenen T\u00e4lern auf jenen H\u00f6hen \u2026\u201cwie ich dich liebe mit warmem Blut, die du mir Jugend und Freud und Mut zu neuen Liedern \u2026\u201c I know, I know, it\u2019s Goethe, Young Goethe in Love, you bet! But, we too have been there, we too have done that. So let me add, just to make sure that we will never ever forget that \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">you will always be my guiding star, my shining light,<br \/>\nsparkling in the deepest ocean, illuminating the darkest night,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>and I will always be your devil\u2019s advocate,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">because I know through all the fires and waters<br \/>\nthat you will always be one of God\u2019s wonderful daughters!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ecce Femina! Ecco Madonna, La Passionata! Die irdische Liebe als Divina Commedia und die archaische Astarte &#8211; ecco, ecco &#8211; als italienische Commedia Dell\u2019Arte! Doch sag es niemand \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eSag es niemand, nur den Weisen,<br \/>\nweil die Menge gleich verh\u00f6hnet,<br \/>\ndas Lebend\u2019ge will ich preisen,<br \/>\ndas nach Flammentod sich sehnet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Goethe, \u201eSelige Sehnsucht\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon die Barden Barbarossas, seine wandernden Spielleute rund um den Hohenstaufen, wussten so manches Lied von der Liebe und ihren Geheimnissen zu singen. Die Minneburg der Frau Minne, sie war ein m\u00e4chtiges P\u00e4dagogikum zur h\u00f6fischen Verfeinerung aller menschlichen Sinne. Friedrich Rotbarts fahrende S\u00e4nger und wandernde Seher &#8211; und nicht zuletzt seine h\u00f6fischen Narren, denn sie waren oft die besten Frauenversteher! -, sie alle standen mit ihrem Minnesang ganz in der Nachfolge der Trouv\u00e8res aus der franz\u00f6sischen Provence, diese wiederum waren den Troubadours des maurischen Spanien gefolgt und jene hatten ihre andalusischen Melodien einst der mythischen Welt des sonnigen Mittelmeeres abgelauscht, ihrem arkadischen Kl\u00e4ngen und bukolischen Bocks- und Sirenenges\u00e4ngen. Ah, quelle joie de vivre \u2026 la dolce vita \u2026 sempre diritto \u2026 oh acqua di gioia \u2026<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume sind Sch\u00e4ume, sie taugen nichts, so meinen die N\u00fcchternen und die stets so vern\u00fcnftig T\u00fcchtigen. Und auch noch so manche dort droben in den Burgen ihrer h\u00f6heren Bildung haben ein hochmodern schlechtes Gewissen und wollen vom Zauber der H\u00f6henfl\u00fcge im Grunde herzlich wenig wissen. Meine verehrten Gelehrten, insbesondere ihr theoretischen Munkelm\u00e4nner und letzten Verfechter der nihilistischen Illusion und avantgardistischen Dekonstruktion \u2026 da bleib ich doch viel lieber ein Epigon, ein freier Vagant und b\u00f6hmisch freigeistiger Spekulant rund um die Letzten Dinge, und wenn ich nicht mehr weiter wei\u00df, dann spiele ich wieder auf und singe, grad so wie Eichendorffs Taugenichts \u2026<\/p>\n<p>\u2026 bin noch einmal sein wandernder Wiederg\u00e4nger, sein schw\u00e4rmerischer St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger, schwenk heiter meinen Doktorhut, mach mich erneut auf seine Beine und folge frohgemut immer weiter den Spuren meines alten Freund Heine, immer weiter in Richtung Paris und Provence, schweif immer weiter aus durch fremde St\u00e4dte und L\u00e4nder, immer weiter hinaus ins unendliche Blaue und spiele mir wieder und immer wieder das uralte Lied aller Liebeslieder, das trunkene Lied von der Traumerkorenen, das versunkene Lied von der Schaumgeborenen, aufsteigend vom tiefen Grund einer l\u00e4ngst vergessenen Erinnerung \u2026 oh blaue Blume, oh blaues Meer \u2026 und niemand wei\u00df \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wohin und Woher<br \/>\n&nbsp;<br \/>\ndurch all die Engen, durch all die Weiten,<br \/>\ndurch all die H\u00f6hen und Tiefen im ewigen Wandel der Jahreszeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch so viel hab ich gelernt auf meinen Reisen von all den Narren und all den Weisen: Die Liebe, sie ist kein leerer Wahn, sie ist ein inniges Weltgef\u00fchl, ein lehr- und unterhaltsames Lebensspiel, und darum streich ich als Spielmann so gut ich\u2019s nur kann im Geiste weiter auf meiner Fiedel, zieh noch einmal vom hohen Stauferberg hinunter ins bl\u00fchende Heidelberg, wo der Strom hinaus in die Ebene flie\u00dft, grad so wie in H\u00f6lderlins Jubellied auf die \u201eL\u00e4ndlichsch\u00f6nste\u201c aller Vaterlandsst\u00e4dte \u2026 und immer weiter hinaus nach Westen und wieder vorbei am hohen Fels der wundersamen Lorelei und weiter hinunter, vorbei an den T\u00f6chtern des Vater Rheins und weit hinaus ins Offene, Ferne und S\u00fcdliche \u2026 und dereinst auf meiner letzten Reise, auf meiner letzten Reisestation, da lausche ich mehr denn je, lausche jener uralten Weise, jenem Meeresgesang von Ebbe und Flut und in so manch stiller, sonniger Mittagsglut erkenn ich dich wieder und immer wieder, meine<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sch\u00f6ne Fremde<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nMa Bella Donna,<br \/>\nvive, mon Immortelle,<br \/>\nma Primavera Dell\u2019Acqua,<br \/>\nmon beau d\u00e9j\u00e0-vu du Midi \u00c9ternel.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201eAlles wandelt sich, nichts vergeht.\u201c<br \/>\n<em>Ovid, Metamorphosen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNur Narr, nur Dichter\u201c, so kommentierte schon Friedrich Nietzsche, der dichtende Denker, seine Betrachtungen. Man h\u00f6re ihn nur, den raunenden Nachtwart unter seinem buschigen Schnauzbart, suchend nach einem tieferen Sinn hoch droben im Graub\u00fcndner Engadin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eOh Mensch! Gib Acht!\u201c<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n\u201eWas spricht die tiefe Mitternacht?<br \/>\nIch schlief, ich schlief \u2013<br \/>\naus tiefem Traum bin ich erwacht: \u2026<br \/>\nDie Welt ist tief,<br \/>\nund tiefer als der Tag gedacht \u2026<br \/>\nTief ist ihr Weh \u2013<br \/>\nLust \u2013 tiefer noch als Herzeleid,<br \/>\nWeh spricht: Vergeh!<br \/>\nDoch alle Lust will Ewigkeit \u2013<br \/>\nwill tiefe, tiefe Ewigkeit!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oh Herzelust, oh Herzeleid und dann ruft er noch trunken von weiter drunten, die Musik sei ein Weib und dann versinkt auch er trotz aller Acht in immer tiefere Mitternacht.<\/p>\n<p>Und dennoch, hatte er nicht Recht mit seiner Weltanschauung aus Wunsch und Wahn, mit dem narrischen Traum der Dichter und Denker vom Gro\u00dfen Hinab und Gro\u00dfen Hinan? Ist dies nicht das uralte Weltengesetz: Die jungen M\u00e4dchen auf bunter Flur, sie werden zur sch\u00f6nen Frau Welt und schlie\u00dflich wieder zur Mutter Natur, zum fruchtbaren Grund und furchtbaren Abgrund \u2026 und immer wieder sind Leben und Tod ein heimlich-unheimlich Gleiches, sind Diesseits und Jenseits rund um die Wasser des Gro\u00dfen Teiches \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">und immer wieder h\u00f6rt man sie singen,<br \/>\nund immer wieder sieht man sie reiten<br \/>\nauf den wogend schwellenden Wellen<br \/>\nim wiegenden Wechsel der Gezeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es sind die Sirenen mit ihrem Gesang vom ewigen Auf- und Untergang. Schon Homer, der blinde Seher, wusste von ihnen zu berichten in seiner gro\u00dfen Rhapsodie von der Lebensreise als Fernweh und Heimweh, als nostalgische Odyssee, als Irrfahrt und Heimkehr zu Penelope an die Gestade von Ithaka, um endlich mit seiner Liebsten wieder vereint zu sein. Endstation Sehnsucht: Destination Home.<\/p>\n<p>Destination, destiny, \u201eover the ocean \u2026 over the sea.\u201d Meine \u201cLiebste\u201d, meine \u201cSch\u00f6ne Fremde\u201d, sie ist in der Tat geradeso, wie es in Gedichten von Eichendorff beschrieben steht, \u00fcber die Jahre mein Schicksal geworden. Denn mein Leben h\u00e4tte auch ganz anders verlaufen k\u00f6nnen. Sie hat es auf entscheidende Weise grundlegend ver\u00e4ndert und vielfach bereichert und mir durch die Auswanderung nicht zuletzt auch noch in ihrem Land der vielberufenen \u201eunbegrenzten M\u00f6glichkeiten\u201c die berufliche Laufbahn eines langj\u00e4hrigen Wandergelehrten erm\u00f6glicht, dem sich schlie\u00dflich die Welt weit \u00fcber die Grenzen Europas und Amerikas \u00f6ffnen sollte. F\u00fcr all das, aber vor allem f\u00fcr ihre bezaubernde Liebe, bin ich ihr unendlich dankbar.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201eMit gelben Birnen h\u00e4nget \/ Und voll mit wilden Rosen<br \/>\ndas Land in den See \u2026 Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist,<br \/>\ndie Blumen \/ und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde.\u201c<br \/>\n<em>Friedrich H\u00f6lderlin, \u201eH\u00e4lfte des Lebens\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So besingt der bald von der geistigen Umnachtung heimgesuchte Dichter die Pracht des Herbstes und beklagt noch mehr das Hinscheiden von Fr\u00fchling und Sommer, die erste H\u00e4lfte des Jahres und sinnbildlich gesprochen die erste H\u00e4lfte des Lebens. Aber bedeutet \u201eH\u00e4lfte des Lebens\u201c nicht auch, dass die andere Lebensh\u00e4lfte fehlt, in anderen Worten, dass man ohne die Liebste \u2013 ohne den Liebsten \u2013 durchs Leben geht? Ist dies der Fall, dann verwandelt sich der euphorische Sirenengesang wohl mehr und mehr in einen elegischen Schwanengesang, und entsprechend f\u00e4hrt denn auch der wehm\u00fctige Dichter fort:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eIhr holden Schw\u00e4ne \u2026trunken von K\u00fcssen<br \/>\ntunkt ihr das Haupt \/ ins heilign\u00fcchterne Wasser.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welch bedeutungsschwangere Wortsch\u00f6pfung. W\u00e4hrend das \u201en\u00fcchterne\u201c Wasser bereits auf seine winterliche Erstarrung, den Tod der Natur verweist, ruft das \u201eheilige\u201c Wasser die Erinnerung an den vergangenen Sommer und vielleicht auch die Hoffnung auf den kommenden Fr\u00fchling herauf, das Wunder der Wiedergeburt aller Natur.<\/p>\n<p>\u201eVer Sacrum\u201c, heiliger Fr\u00fchling, das war die gro\u00dfe Beschw\u00f6rungsformel des Jugendstils um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Noch nie zuvor hatte eine Kunstepoche so die gl\u00fcckselige Jugend gefeiert und den bl\u00fctenspr\u00fchenden Fr\u00fchling verherrlicht wie jenes Zeitalter rund um die Jahrhundertwende. Seine Kunst entfaltete sich unter dem Namen \u201eArt Nouveau\u201c weit \u00fcber die Grenzen Europas hinaus und wurde in einer zunehmend s\u00e4kularisierten Zivilisation geradezu zur Ersatzreligion. Im Wandel der Zeit sollte schlie\u00dflich aus dem \u201eVer Sacrum\u201c der \u201eSummer of Love\u201c werden &#8211; die Woodstock-Generation, celebrating good vibrations, and everywhere their children had flowers in their long and flowing hair \u2026 we were young and life was so much fun \u2026 and now we wonder: Where have all the flowers gone?! Not to mention all that hair, all long gone as it were.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201cWhen summer\u2019s gone, where will we be \u2026\u201d<br \/>\n<em>The Doors, \u201cSummer\u2019s Almost Gone\u201d<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Flower Power, Sonnenschein und Regenschauer, auf dieser Welt ist nichts von Dauer. Was \u00fcbrig bleibt von der rinnenden Zeit ist die kommende Vergangenheit. Drum ein letztes Mal zur\u00fcck ins Reich der Geschichte, in die Welt der Bilder und Gedichte, der M\u00e4rchen und Mythen, noch einmal zur\u00fcck in den magischen Kreis, von dem die Welt der B\u00fccher und Lieder so viel zu k\u00fcnden und singen wei\u00df.<\/p>\n<p>So war zum Beispiel in diesem Jahrtausende alten Gesang der Weltgeschichte die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert eine wesentliche Schwellenzeit zwischen Altem und Neuem. Die fortschreitende Verweltlichung der christlich-abendl\u00e4ndischen Kultur, ihre progressive Repaganisierung, fand damals ihre ikonische Repr\u00e4sentation in der Figur des arkadischen Pan, der bocksbeinigen Verk\u00f6rperung der faunischen Liebe und all ihrer m\u00e4nnlichen Tr\u00e4ume und Triebe. Im Altertum hoffte der Faun in der Stille des Mittags stets eine sch\u00f6ne, schlafende Nymphe zu \u00fcberraschen. Zusammen waren sie, wenn sich ihre erotischen Tr\u00e4ume von einander erf\u00fcllten, das ideale Traumpaar des legend\u00e4ren Elysiums. Kein moderner Komponist hat ihre arkadisch traumselige Atmosph\u00e4re kongenialer eingefangen als Claude Debussy in seinen impressionistischen Kompositionen \u201eLa Mer\u201c und \u201eL\u2018Apr\u00e8s Midi d\u2019un Faune\u201c!<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>\u201eDer Gro\u00dfe Pan ist tot\u201c, dieses mythische Raunen ging durch die antike Welt, als Christus auf Golgotha starb. Rund zwei Tausend Jahre sp\u00e4ter begann erneut eine weltbewegende Botschaft die moderne Welt zu durchschaudern: \u201eGott ist tot\u201c \u2026 \u201e\u201cEs lebe die G\u00f6ttin\u201c! Das letztere k\u00f6nnte Jehovahs verzweifelte Antwort auf Nietzsche sein und dies auch durchaus im Sinne seiner dionysischen Dialektik von der \u201eUmwertung aller Werte\u201c. Die ewig junge G\u00f6ttin der Liebe, sie w\u00fcsste den uralten W\u00fcstengott sicherlich neu zu beleben und zu begeistern! Schenkt man der kabbalistischen Exegese des Alten Testaments Glauben, dann kommt der Gott des Zornes und der Rache erst wieder zu sich, wenn er mit Shekinah, seiner verlorenen besseren H\u00e4lfte erneut vereint ist. Alsdann, ihr chald\u00e4ischen Sp\u00e4her vor Babels Toren und auf seinen hohen T\u00fcrmen, haltet Ausschau nach der Verlorenen in all ihren W\u00fcsten- und Sternest\u00fcrmen. Und h\u00f6re Yawhe, Schma Israel! L\u2019chayyim arukim, chayym shel osher vershalom!<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u201eWohin gehen wir? Immer nach Hause.\u201c<br \/>\n<em>Novalis<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geisterfahrt und Seelenwanderung: F\u00e4hrt man auf unseren heutigen Schnellstra\u00dfen in die entgegengesetzte Richtung, so ist man ein verwirrter Geisterfahrer, der schnell ans Ende seiner Lebensreise gelangen kann. Ganz anders sind die geistigen Zeitreisen in die Vergangenheit, in die entgegengesetzte Richtung der verrinnenden Zeit. Vom Zeitgeist zum Weltgeist, vielleicht k\u00f6nnte man ja so diese Geisterfahrt umschreibend zusammenfassen. Jedenfalls hat Hegel mit seiner Vorstellung vom Weltgeist das M\u00e4rchen der Moderne schlechthin geschaffen, das ultimative Meta-Narrativ unserer s\u00e4kularisierten Zivilisation. Und wenn wir geistig nicht v\u00f6llig umnachtet sind, dann k\u00f6nnen wir uns ja vielleicht einbilden, im weitesten Sinne ein Teil dieses Weltgeistes und seiner Geistesgeschichte zu sein. Zudem l\u00e4sst sich der Weltgeist Hegels im weiteren Sinne mit der Vorstellung von der Weltseele erg\u00e4nzen, die muttermythischer Provenienz ist und unter anderem auch der Archentypenlehre der Jung\u2019schen Tiefenpsychologie zugrunde liegt. In diesem psychomythischen Sinn sind Zeitreisen denn auch Seelenwanderungen jenseits von Raum und Zeit auf der Suche nach seelischen Wahlverwandten in einer tieferen oder h\u00f6heren, in jedem Fall einer anderen, alternativen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>\u201eAnima Mundi\u201c, das ist die Weltseele der Gro\u00dfen Mutter grad so wie sie im Buche, in allen mutterrechtlichen B\u00fcchern steht. Die Wurzel des Wortes \u201eanima\u201c hat sich auch noch in dem Ausdruck \u201eanimal\u201c in zahlreichen indo-europ\u00e4ischen Sprachen erhalten. Sie erinnert bis heute an die uralten Vorstellungen von der seelischen Verbundenheit aller Lebewesen. Und so wurde denn auch die Gro\u00dfe Mutter in matriarchalen Kulten und Kulturen nicht nur als G\u00f6ttin der Menschen, sondern auch als Herrin der Tiere dargestellt.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Die Urmutter aller Erdm\u00fctter ist zweifellos die schleierhafte Gestalt der g\u00f6ttlichen Maya aus dem fern\u00f6stlichen Nirwana. Sie ist der orientalische Avatar aller weiblichen Gottheiten. Besonders die Maler des europ\u00e4ischen Orientalismus und ihre zeitgen\u00f6ssischen Komponisten haben im neunzehnten Jahrhundert immer wieder versucht, Zauber und Geheimnis ihres Schleiertanzes am Beispiel ihrer sch\u00f6nsten T\u00f6chter des Orients durch ihre bildenden und klingenden Kunst zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<p>Jedoch noch viel \u00e4lter als die schim\u00e4rischen G\u00f6ttinnen des Mittleren und Fernen Ostens sind die formgewordenen Venus-Figuren aus Zentraleuropa. Die ber\u00fchmteste von ihnen war bislang die sogenannte \u201eVenus von Willendorf\u201c, die man vor rund hundert Jahren an den Ufern der Donau in der Wachau gefunden hatte. Im Jahr 2008 fand man jedoch im Tal der Ach, einem Nebenfluss der im Blautopf entspringenden Blau &#8211; also ausgerechnet im sagenumrankten Herzen der Schw\u00e4bischen Alb &#8211; im dortigen \u201eHohlen Felsen\u201c eine weibliche Figur, von der die Zeitschrift <em>National Geographic<\/em> in einer ihrer j\u00fcngsten Ausgaben schrieb: \u201eAt least 35,000 years old, the Venus of Hohle Fels ist the most ancient figure yet discovered that is indisputably human\u201c.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise waren derartige Figuren urspr\u00fcnglich nur Ausdruck einer pers\u00f6nlichen Idealisierung und k\u00fcnstlerischen Idolisierung, womit ein H\u00f6hlenbewohner der Steinzeit seiner Liebsten ein bleibendes Denkmal setzen wollte. Wie dem auch sei, heute symbolisieren diese Skulpturen steinzeitgeschichtliche Venusfiguren und diese wiederum pr\u00e4figurieren die evolution\u00e4r-imagin\u00e4re Geburt des Weiblich-G\u00f6ttlichen aus dem Scho\u00df der Mutter Erde. Und so finden denn auch die romantischen M\u00e4rchen von Quellennymphen und unteririschen Venusbergen einen tieferen, archaisch-indoeurop\u00e4ischen Wurzelgrund. Auch in M\u00f6rikes Mitternachtsgedicht klingen diese uralten Erinnerungen an ein m\u00fctterliches, irdisch-himmlisches Weltall noch einmal traumhaft nach<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201e&#8230;Und kecker rauschen die Quellen hervor<br \/>\nund singen der Mutter, der Nacht ins Ohr \u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Tag zur Nacht, vom Irdischen ins Himmlische, das sind seit Anbeginn die tellurisch-utopischen Projektionen all unserer religi\u00f6s-transzendentalen Aspirationen. \u201ePer aspera ad astra \u2013 von den rauen, niederen Pfaden hinauf zu den hohen Sternenbahnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von den Inspirationen des kosmogonischen Eros zum langen Atem der irdischen Liebe: die Sehnsucht des verg\u00e4nglich Leiblichen nach dem Ewig Weiblichen, sie ist in der Tat die \u00e4lteste Sehnsucht der Menschheitsgeschichte &#8211; allen Gottesverehrern und Teufelsbeschw\u00f6rern zum Trotz. Goethe hat die nat\u00fcrlich-\u00fcbernat\u00fcrliche Steigerung dieser Sehnsucht in seinem Gedicht \u201eIn Tausend Formen\u201c in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen auf beispielhafte Weise zum Ausdruck gebracht. Sein \u201eWest-\u00f6stlicher Divan\u201c ist genau betrachtet ein abendl\u00e4ndisches Weltgedicht, das die morgenl\u00e4ndische M\u00e4rchenwelt aus \u201eTausend und einer Nacht\u201c so anschaulich wie sinnbildlich erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eAn des gebl\u00fcmten Schleiers Wiesenteppich<br \/>\nAllbuntbesternte, sch\u00f6n erkenn ich dich \u2026 \u201e<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Goethe ist sicherlich der begabteste Narr unter den deutschsprachigen Dichtern, wenn es gilt, die Zauber der Liebe zu beschw\u00f6ren und den hohen, weltumspannenden Bogen des Ewig Weiblichen so wortgewaltig wie einbildungsreich zu schlagen. Und da mich die Verse seines \u201eWest-\u00f6stlichen Divan\u201c auch immer wieder an mein fr\u00f6hliches Fr\u00fchlingsm\u00e4dchen und unser gemeinsames, immer wieder so wanderlustiges Sommerm\u00e4rchen erinnern, soll er mit seinem Gedicht \u201eIn Tausend Formen\u201c das letzte Dichterwort haben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eWenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,<br \/>\nAllspielende, wie froh erkenn ich dich;<br \/>\nWenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,<br \/>\nAllmannigfaltige, dort erkenn ich dich.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und noch einmal im hohen Welten- und Himmelsbogen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u201eWenn am Gebirg der Morgen sich entz\u00fcndet,<br \/>\ngleich, Allerheiternde, begr\u00fc\u00df ich dich,<br \/>\ndann \u00fcber mir der Himmel rein sich r\u00fcndet,<br \/>\nAllherzerweiternde, dann atm\u2018 ich dich.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Narrheit hin und Weisheit her, ich meine, das ist der lange Atem der Liebe, die Geheime Offenbarung der Allherzerweiternden, das ist die dunkle Ewigkeit im leuchtenden Augenblick \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Himmel und Erde der Liebestoren,<br \/>\ndrum sag ich\u2018s noch einmal, welch ein Gl\u00fcck,<br \/>\ndass ich mein Herz &#8211; auf immer &#8211; in Heidelberg verloren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr width=\"20%\" \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zum zweiten Teil dieser Serie siehe \u201eQuattro Stagioni \u2013 Da Capo Al Fine\u201c in dieser Glossen-Ausgabe. Violine, Mandoline und Klavier, das waren die Instrumente meiner Kindheit und Jugendzeit, wobei ich mich mit meiner Geige in mehrere Schulorchester hineinfiedelte. So spielte ich auch hin und wieder vor so manch h\u00f6heren Herren und feineren Damen, doch hielten sich meine konzertante Talente insgesamt stets im bescheidenen Rahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zu einschl\u00e4gigen Bildgedichten dieser Zeit siehe unter anderem auch den gro\u00dfen Bilderbogen <em>Das Narrenschiff<\/em> des Stra\u00dfburger K\u00fcnstlers Sebastian Brant aus dem Jahre 1494 sowie die Druckgrafik der N\u00fcrnberger Renaissance, allen voran Albrecht D\u00fcrer. Zu heutigen R\u00fcckblicken in jene Welt siehe unter anderen auch die Bildgedichte in der Reihe \u201eN\u00fcrnberger Narrenspiegel\u201c vom Verfasser dieser Zeilen, die der Berliner Frieling-Verlag in seiner Serie Ly-La-Lyrik von 2011 -2015 gleichsam als ein fernes Spiegelbild unserer Gegenwart herausgebracht hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Auch mein Gro\u00dfvater war noch ein gro\u00dfer Verehrer der Gottesmutter gewesen. Wenn die Tage k\u00fcrzer wurden, stand er oft in der Abendd\u00e4mmerung vor dem gro\u00dfen Marienbild im Wohnzimmer und betete zu seiner sternengekr\u00f6nten Muttergottes. Es ist ein Andachtsbild, das ich in r\u00fchrender Erinnerung habe. Mein Gro\u00dfvater war mir \u00fcberhaupt in vielem ein gro\u00dfes Vorbild gewesen. Da er mit meiner Gro\u00dfmutter in unserem Hause wohnte, habe ich viel von ihm gelernt und erfahren. Besonders beeindruckt hat mich schon fr\u00fch sein begeistertes R\u00fchmen von Gottes herrlicher Wunderwelt und nicht zuletzt seiner \u201eholden Weiblichkeit\u201c, wie er das sch\u00f6ne Geschlecht gern zu nennen pflegte. Besonders, wenn er ein wenig angeheitert war. Und wenn es meiner Gro\u00dfmutter schlie\u00dflich zu bunt wurde, dann nannte sie ihn schmunzelnd in ihrer alten m\u00e4hrischen Mundart einen \u201eolden Norren.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Sic transit gloria mundi: Im Laufe der Jahrtausende verloren freilich die heidnisch-weiblichen Gottheiten den kosmischen Kampf der Geschlechter um die universale Allmacht. Es siegte bekanntlich das m\u00e4nnliche Geschlecht und errichtete seine vaterrechtliche Vorherrschaft im Himmel wie auf Erden. Doch die Geschichte des christlichen Abendlandes h\u00e4tte sich auch ganz anders entwickeln k\u00f6nnen. Was w\u00e4re zum Beispiel geworden, wenn die Mutter Gottes an Stelle eines Sohnes eine Tochter geboren h\u00e4tte. Das w\u00e4re ihr eh viel lieber gewesen. So zumindest wei\u00df es schon seit l\u00e4ngerer Zeit ein jiddischer Fl\u00fcsterwitz. M\u00f6glicherweise w\u00e4re aus der Sternstunde dort \u00fcber dem weihnachtlichen Bethlehem eine ganz andere geworden. H\u00e4tte Gottvater ebenfalls seine Tochter ans Kreuz schlagen lassen, um durch ihren Opfertod der Menschheit die Erl\u00f6sung zu versprechen? Wenn er ihr dieses Martyrium erspart h\u00e4tte, w\u00e4ren dann auch dem christlichen Abendland die Kreuzz\u00fcge und Religionskriege, die Hexen- und Judenverfolgungen erspart geblieben? Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, der Kunstepoche der sogenannten <em>D<\/em><em>\u00e9<\/em><em>cadence<\/em>, haben denn auch Maler wie Felicien Rops und Albert von Keller dieses weibliche Gegenbild zum gekreuzigten Gottessohn mehrfach ausgemalt. Zum letzteren siehe auch die Abbildung des in dieser <em>Glossen<\/em>-Nummer erschienenen Essays \u201eMauerschauen und Kassandrarufe: Von Oswald Spenglers <em>Untergang des Abendlandes<\/em> zu Samuel Huntingtons <em>Clash of Civilizations <\/em>und dar\u00fcber hinaus<em>.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Das bekannteste weibliche Wasserwesen in den Quellgebieten S\u00fcddeutschlands ist sicherlich die Sch\u00f6ne Lau vom Blautopf in Blaubeuren auf der Schw\u00e4bischen Alb. Der Dichter Eduard M\u00f6rike, zwischen Romantik und Realismus hin- und hergerissen, wusste von diesem fabelhaften Wesen eine gar wundersame Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Dass ich in dieser Zeit zus\u00e4tzlich ein rund halbes Hundert L\u00e4nder in verschiedenen Erdteilen sehen sollte, \u00fcber drei\u00dfig davon im Zusammenhang mit Vortragsreisen, auch das h\u00e4tte ich mir damals als zielloser Spielmann nie tr\u00e4umen lassen! Alsdann, es lebe die wandernde Wissenschaft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ausgerechnet das Land, wo die Kanonen bl\u00fchen, wie es damals in unseren romantisch-rebellischen Heidelberger Kreisen hie\u00df. Das gro\u00dfe Stich- und Schlagwort war \u201eVietnam\u201c. Dass Amerika auch wesentlich mitgeholfen hatte, unser verkommenes Vaterland von der Gewaltherrschaft des Dritten Reiches zu befreien und mit der Luftbr\u00fccke nach Berlin auch noch einmal nachhaltig seinen Willen zu unserer Verteidigung bekundet hatte, all das ging damals in unseren anti-faschistischen, anti-kapitalistischen und anti-imperialistischen Schimpfkanonaden mehr oder weniger lautlos unter. Und dass sp\u00e4ter ausgerechnet die konservative Reagan-Regierung mit ihrem aggressiven Aufr\u00fcstungsprogramm das Sowjet-Imperium schlie\u00dflich wirtschaftlich vollkommen in die Knie zwang und damit einen wesentlichen Beitrag zum Fall der Berliner Mauer und somit zur Vereinigung Deutschlands und Europas leistete \u2013 auch das sind Realit\u00e4ten, die so manche Alt-68er mit ihren abgetakelten Scheuklappen lieber weiterhin ideologiekritisch verschleiert s\u00e4hen. Dichtung und Wahrheit der geschichtlichen Wirklichkeit! Doch zur\u00fcck in die Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u201eMon beau d\u00e9j\u00e0-vu\u201c: Mir f\u00e4llt mit den Jahren immer mehr auf, dass ich mir bereits in meiner Kindheit und Jugendzeit Dinge vorgestellt oder eingebildet hatte, die sich in meinem sp\u00e4teren Leben tats\u00e4chlich bewahrheiten sollten. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Kaum war ich in der Oberschule, gab ich mit meinen noch sehr schlichten Englisch-Kenntnissen einem M\u00e4dchen aus der Nachbarschaft ein Seemannslied zum Besten, das mit den folgenden Versen beginnt: \u201eMy bonnie is over the ocean, my bonnie is over the sea \u2026\u201c Dieses Lied ist, soweit ich mich erinnern kann, das einzige, das ich in meiner Kindheit aus freien St\u00fccken jemandem vorgesungen hatte. Warum gerade dieses Lied? Jedenfalls h\u00e4tte ich mir damals nie tr\u00e4umen lassen, dass es jemals wirklich werden w\u00fcrde. Das zweite Beispiel stammt aus den fr\u00fchen siebziger Jahren, als mich an einem felsigen Meererstrand in S\u00fcdfrankreich angesichts der Brandung und einer ihr entsteigenden mittelmeerischen Sch\u00f6nheit der lebhafte Wunsch \u00fcberkam, die Wunder der Welt und den Zauber der Liebe in Wort zu fassen und zu einer Serie von poetischen Texten zu verdichten. Ich war jedoch sehr bald \u00fcberzeugt davon, dass mir zu diesem uralten Thema nichts Neues einfallen w\u00fcrde und so gab ich das Unterfangen sehr schnell wieder auf. Wieviel weitere Erlebnisse und Erfahrungen, Zuf\u00e4lle und Notwendigkeiten mussten in meinem Leben noch hinzukommen, bis ich schlie\u00dflich vierzig Jahre sp\u00e4ter dieses Unternehmen mit der Serie \u201eL\u2018Apr\u00e8s du Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201c erneut in Angriff nehmen sollte. Und ob all die Verse taugen, das wird mir immer unwichtiger angesichts der Notwendigkeit, ihre innere Wahrheit in Worte zu fassen. Diese Suche nach Wahrheit, nach der Erinnerung an die vergangene Wirklichkeit, selbst noch in Sagen, romantischen M\u00e4rchen und archaischen Mythen, sie ist letztendlich unser aller D\u00e9j\u00e0 Vu, unsere kollektive \u201eRecherche du Temps Perdu.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Zum weiteren Textzusammenhang dieser Eichendorff-Zitate siehe die Bildgedichte zu Sommer und Herbst im zweiten Teil der Serie \u201eL\u2019Apr\u00e8s Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201c in dieser Glossennummer. Sch\u00f6ne Fremde: Ob Schaumgeborene, ob Himmelserkorene, ob Rose mit ob ohne Dorn, Gr\u00fcnhorn hin und F\u00fcllhorn her, selige Sehnsucht und reifende Fr\u00fcchte, Hexenkraut und Zaubertrank, Walpurgisn\u00e4chte lassen gr\u00fc\u00dfen \u2026 und bestimmt werden auch noch die letzten Kirschen, jene schrecklich Sauren zu k\u00f6stlich S\u00fc\u00dfen. Wie dem auch sei, ich jedenfalls liege meiner Madonna Dell\u2019Acqua nach altem Brauch schon lange zu F\u00fc\u00dfen und m\u00fcsst ich\u2019s auch sp\u00e4ter dort droben im Himmel f\u00fcr immer und ewig b\u00fc\u00dfen. Lieber Heinrich, ja du, mein Heine, du wei\u00dft am besten, was ich meine. Apropos Gartenfeste und Sommerg\u00e4ste. Erinnerst du dich noch an deine Pariser Zeit und all die vergn\u00fcgten, schaulustigen Leut. All ihre Mittsommernachtstr\u00e4ume sind l\u00e4ngst ausgetr\u00e4umt, der Glanz ihrer Sterne schon lange verblichen, die Sommerreigen der Sch\u00e4ferspiele sind l\u00e4ngst ganz anderen T\u00e4nzen gewichen \u2026 und zerstoben sind auch unsere Sommerm\u00e4rchen, verklungen sind die letzten Eklogen, bunt f\u00e4rbt sich schon an den H\u00e4ngen das Laub und l\u00e4ngst ist der Herbst ins Land gezogen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Genau besehen ist Pan mit seiner Panfl\u00f6te die Urfigur aller Minnes\u00e4nger und Wunderh\u00f6rner. Und als Satyr versteht er sich auf das Lustspiel f\u00fcrwahr im doppelten Sinne des Wortes, n\u00e4mlich als erotisch-satirische Lustbarkeit, und das wie kein anderes Fabelwesen seiner so sagenreichen Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Auf ein langes Leben voller Gl\u00fcck und Frieden! Von den Wassern von Babylon bis zur Traumfabrik von Hollywood f\u00fchrte eure Jahrtausende lange Wanderschaft auf der Suche nach Freiheit, Frieden und Gl\u00fcck. Im verlockenden Schauspiel der Leinwandg\u00f6ttinnen von \u201eHollywood-Babylon\u201c, wie man die legend\u00e4ren Gr\u00fcnderjahre der kalifornischen Lichtspielindustrie genannt hatte, spiegeln sich einmal mehr die uralten Gl\u00fccksverhei\u00dfungen der himmlischen G\u00f6ttinnen aus den fr\u00fchgeschichtlichen Hochkulturen des Mittleren Ostens wider.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> And oh my Goddess, Mistress of the Animals! How my \u201cGypsy Queen\u201d, my wandering \u201cAmerican Dream\u201d, gets animated when she is around animals, all kinds of animals. We usually have several &#8211; birds and others &#8211; around the house. And since she especially loves cats &#8211; and so do I &#8211; we always have at least two of them. Over the years, she has developed a veritable animal language of her own with scores of words with distinctly different pronunciation patterns. And that is the final reason that I know for sure that my \u201cLady from the Waters\u201d is also one of Mother Earth\u2019s most natural-supernatural daughters!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-size:9px\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> <em>National Geographic<\/em>, Januar 2015, S. 56.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Le Quattro Stagioni \u2013 Da Capo Al Fine Zweiter Teil der Serie \u201cL\u2019Apr\u00e8s Midi \u00c9ternel: Vom langen Atem der Liebe\u201c \u201eTief im Herzen muss ich\u2018s sp\u00fcren: Liebe, wundersch\u00f6nes Leben, wieder wirst du mich verf\u00fchren.\u201c Joseph von Eichendorff, \u201eAnkl\u00e4nge\u201c F\u00fcr Lynne &nbsp; &nbsp; \u201eSchl\u00e4ft ein Lied in allen Dingen\u201c &nbsp; Lang lieb ich dich schon, dich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":4372,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4402","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4402"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4402\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4372"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}