{"id":4517,"date":"2015-06-05T17:38:17","date_gmt":"2015-06-05T21:38:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4517"},"modified":"2015-06-05T17:38:17","modified_gmt":"2015-06-05T21:38:17","slug":"christine-cosentino-glossen40-2015","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-402015\/christine-cosentino-glossen40-2015\/","title":{"rendered":"Christine Cosentino"},"content":{"rendered":"<p><strong> \u201cDeformierte Verh\u00e4ltnisse\u201d vs. \u201c unmittelbare Gemeinschaft\u201d : Freiheitsutopien in Lutz Seilers Roman \u00a0<em>Kruso<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p>Lutz Seiler, der Autor preisgekr\u00f6nter Lyrik und Kurzprosa, wartete im Jahre 2014 mit seinem ersten Roman, <em>Kruso <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em>, auf, der mit dem deutschen Buchpreis pr\u00e4miert wurde. Ort der Handlung ist die Insel Hiddensee im \u00e4u\u00dfersten Norden der DDR. Das suggeriert einerseits Abgeschiedenheit, apolitische Nischenexistenz, und \u2014\u00a0mit dem Blick auf die d\u00e4nische Insel M\u00f8n \u2014\u00a0Sehnsucht nach westlicher Freiheit: \u201cWer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu \u00fcberschreiten\u201d (K 164-165); andererseits und parallel dazu evoziert der Insel-Hiddensee-locus real existierende Manifestationen radikalster politischer \u00dcberwachung. Da Seiler selbst im Jahre 1989 als Saisonarbeiter in der Touristengastst\u00e4tte \u201c Klausner\u201d auf Hiddensee t\u00e4tig war<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, gelingt es ihm, eigene Erfahrungen kunstvoll mit surrealer Symbolik des Insularen zu verzahnen. Zu erw\u00e4hnen ist, da\u00df bereits der Protagonist Dallow aus Christoph Heins Roman <em>Der Tangospieler<\/em> (1989) auf der Insel Hiddensee Refugium fand. Der in einem bizarren Gerichtsverfahren und nach Abb\u00fc\u00dfung einer Haftzeit aus der Bahn geworfene Historiker arbeitete ebenfalls tempor\u00e4r als Saisonarbeiter in der Betriebsgastst\u00e4tte \u201cKlausner\u201d.<\/p>\n<p>Der Titel <em>Kruso <\/em>weist auf das Inseldasein des <em>Robinson Crusoe<\/em> von Daniel Defoe. Robinsonaden, so kann man in Daemmrichs Motivgeschichte nachlesen,\u00a0\u00a0 sind \u201cSchilderungen der Existenzbew\u00e4ltigung Schiffbr\u00fcchiger[ \u2026], der \u00dcberlebenskunst, des selbstgen\u00fcgsamen Daseins, der Gr\u00fcndung einer naturnahen, vorbildlichen Gesellschaft und der Rettung.\u201d<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das verquickt sich mit dem Topos der \u201cInsel\u201d, in dem sich Abgeschiedenheit spiegelt, einer Insel, die zum Hort utopischen Denkens und alternativer Daseinsformen werden kann: ein solcher Ort<\/p>\n<blockquote><p>kann zum Ausgangspunkt von Bew\u00e4hrungsproben werden und die Entwicklung einer Gemeinschaft begr\u00fcnden. Die Insel bietet Zuflucht, erm\u00f6glicht die Verwirklichung einer vorbildlichen Gesellschaftsordnung [\u2026] und bietet dem von der Welt Abgeschlossenen die M\u00f6glichkeit, \u00fcber sich und sein Verh\u00e4ltnis zum Dasein nachzudenken.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese theoretischen Gedankeng\u00e4nge fand Seiler w\u00e4hrend seines Aufenthaltes auf Hiddensee in der Praxis best\u00e4tigt. Er \u00e4u\u00dfert sich in einem Interview folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>Die Insel war der Sehnsuchtsort \u00fcberhaupt im Osten. F\u00fcr die allermeisten. Es war die einzige Insel, der Gipfel an Exotik, unbesch\u00e4digte Landschaft, am \u00e4u\u00dfersten Rand der Republik. Und dann diese Freiheitserfahrung, die man nur auf einer Insel haben kann. Allein die Dampferfahrt dahin. Als w\u00fcrde man \u00fcbersetzen in eine andere Welt. Diese Insel hat f\u00fcr alle und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Kruso eine besondere Freiheitsmagie, eine Freiheitsstrahlung.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Damit ist der aus konkreten Erfahrungen sch\u00f6pfende fiktive Handlungsrahmen einer DDR-Robinsonade gesetzt:<\/p>\n<blockquote><p>Es gab dieses Mikromilieu der Saisonkr\u00e4fte, abgebrochenen Akademiker, K\u00fcnstler in spe, Aussteiger, Angesp\u00fclte, die im \u2018Klausner\u2019 als Kellner arbeiteten oder als Abw\u00e4scher. Verschiedene kleine Szenen hatten sich au\u00dferdem gebildet. Die haben sich dann zusammengeschlossen. Abends am Strand Fisch gebraten und regelm\u00e4\u00dfig die Freie Republik Hiddensee ausgerufen. Es gab diese Freude am Dasein, an dieser Nische. Und dieses surreale Nebeneinander von \u00dcberwachung und Freiheit, das vielleicht typisch ist f\u00fcr die DDR.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Wer ist der Held Edgar Bendler, genannt Ed, der in diese Nische fl\u00fcchtet? Eine \u201cKunstfigur\u201d, wie Seiler meint, also kein Alter Ego, trotzdem dem Autor nahe, denn \u201cbei ihm konnte ich mehr vom Eigenen nehmen.\u201d<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> In der Tat gibt es biografische Gemeinsamkeiten. Beide geh\u00f6rten einmal zur Arbeiterklasse<em>,<\/em> beide studierten Germanistik, schrieben Gedichte und stehen auf Trakl, den sie auswendig \u201caus den Best\u00e4nden im Kopf\u201d rezitieren k\u00f6nnen. Beide verbringen den Sommer 1989 im \u201cKlausner\u201d auf Hiddensee. Der t\u00f6dliche Unfall seiner Freundin in Halle, Depression und Frust \u00fcber die reglementierten Verh\u00e4ltnisse in der DDR erwecken den Wunsch nach Flucht in Ed: \u201cIch m\u00f6chte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraush\u00e4lt\u201d (K 109 ). Er folgt der Empfehlung eines kellnernden Historikers in Halle, der schw\u00e4rmt, da\u00df<\/p>\n<blockquote><p>Hiddensee im Grunde schon au\u00dferhalb l\u00e4ge, exterritorial, eine Insel der Seligen, der Tr\u00e4umer und Traumt\u00e4nzer, der Gescheiterten und Ausgesto\u00dfenen. Andere nannten sie das Capri des Nordens, auf Jahrzehnte ausgebucht. Die Freiheit, ihr Lieben, besteht im Kern darin, im Rahmen der existierenden Gesetze eigene Gesetze zu erfinden, Objekt und Subjekt der Gesetzgebung zugleich zu sein, das ist ein Hauptzug des Lebens dort oben, im Norden (K 32).<\/p><\/blockquote>\n<p>Eds Aufbruch, sein Weg dorthin, seine Erfahrungen in der erdr\u00fcckenden Atmosph\u00e4re in der Mitropa des Berliner Ostbahnhofs, die polizeiliche \u00dcberwachung der Bahnh\u00f6fe und Z\u00fcge, die Verh\u00f6re und die rigide Drangsalierung im realsozialistischen Alltag erh\u00e4rten den Wunsch nach Flucht auf die Insel der Tr\u00e4umer, \u201cdas Utopia in Seepferdchenform.\u201d<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> In diesem Utopia der Nische findet Edgar\/Freitag seinen Kruso\/Crusoe, in einer Begegnung, die einen breiten Assoziationsbereich m\u00f6glicher Interpretationen er\u00f6ffnet. Der Roman l\u00e4\u00dft sich \u2014 laut Seiler \u2014\u00a0als \u201ceine Abenteuergeschichte, ein Buch \u00fcber eine M\u00e4nnerfreundschaft\u201d<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> lesen, auch als \u201dBildungsroman\u201d<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> und ebenfalls als \u201cBild f\u00fcr den Untergang des Landes\u201d<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, denn das Nebeneinander von individueller Freiheit und extremer, ins Surreale gesteigerter Unfreiheit l\u00e4utet \u2014 so erf\u00e4hrt man aus den Berichten eines alten Radioapparates im \u201cKlausner\u201d \u2014 fast unbemerkt die Wende ein.<\/p>\n<p>Drei diametral entgegengesetzte Personen beherrschen Leben und Atmosph\u00e4re auf der Insel Hiddensee: Vollmar, der Kommandeur einer \u00dcberwachungskompanie, dessen mit Maschinenpistolen und Patrouilleschiffen ausger\u00fcstete Soldaten die K\u00fcste nach \u201cgrenzverletzenden\u201d Fl\u00fcchlingen absuchen; dann Rebhuhn, der notorische Stasioffizier der Insel und letztlich Kruso, ein nachts im Untergrund agierender Freiheitsguru, der eine andere Form von Macht verk\u00f6rpert. Dieser Gr\u00fcnder einer antistaatlichen Gegengesellschaft ist \u2014 wie Elke Schmitter es treffend fa\u00dft \u2014 \u201cein Charismatiker, ein Dichter und Sonderling, aber auch ein gewiefter Verschw\u00f6rer, der die Aussteiger, die Illegalen und die Suchenden auf dieser Insel um sich zu sammeln und zu sch\u00fctzen wei\u00df.\u201d<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> In diesem leidenschaftlichen Organisator der Subversiven entdeckt Edgar Bendler biografische, literarische und charakterliche Wahlverwandtschaften, die zu einem produktiven Verh\u00e4ltnis von Lehrer und Sch\u00fcler f\u00fchren. In der Gemeinschaft mit Kruso und den um Kruso Versammelten findet Ed Anregungen, \u00fcber sich und sein Verh\u00e4ltnis zum Dasein nachzudenken.<\/p>\n<p>In der Gastst\u00e4tte \u201cKlausner\u201d trifft Bendler inmitten einer Gruppe von im DDR-Staat Gestrandeter auf diesen Wortf\u00fchrer der Freiheitssuchenden, Alexander Krusowitsch. In einer von Rimbaud, Artaud und Trakl literarisch aufgeladenen Atmosph\u00e4re wird hier unter den \u201cErleuchteten\u201d einem neuen, inneren Freiheitsbegriff gehuldigt. Die Freiheit liege nicht \u2014 so Kruso \u2014 auf der westlichen Insel M\u00f8n, sondern in der Dichtung: Poesie ist Widerstand. Freiheit wurzelt im Menschen selbst. Dieser Freiheitsprophet wird f\u00fcr Bendler im besten Sinne eines Bildungsromans Lehrer, Freund, Leitbild, Vorbild, Meister: \u201cEr f\u00fchlte sich geborgen in Krusos N\u00e4he\u201d (K 125). Krusos Selbstbewu\u00dftsein, seine Hingabe an die Mission, seine Leidenschaft helfen Ed, seine Depression und Verlorenheit zu neutralisieren und letztlich zu \u00fcberwinden:<\/p>\n<blockquote><p>Kruso ber\u00fchrte etwas in ihm, das er entbehrte, vermisste, ein alter Mangel, nagend, eine Sehnsucht nach \u2014 er wusste es nicht, er hatte keinen Namen [\u2026] Kruso hatte ihm Aufgaben gegeben, er hatte Klarheit in Eds Tage gebracht und das unabweisbare Gef\u00fchl, dass es auch f\u00fcr ihn eine M\u00f6glichkeit gab, sich \u00fcber sein diffuses, verfahrenes Dasein zu erheben (K 119).<\/p><\/blockquote>\n<p>In ihrer von Gedichten gestiftetn Vertrautheit \u2013 \u201cWoraus ihr Ungl\u00fcck bestand (und was ihr Handeln bestimmte), war besser aufgehoben in einem Gedicht\u201d (K 214) &#8211; hatten die beiden sich gefunden. Zumeist sch\u00f6pfte die Gemeinschaft aus Gedichten Georg Trakls, in denen dieser seine seelischen Verwundungen, den Verlust eines geliebten Menschen gestaltete, Erfahrungen, mit denen beide M\u00e4nner sich identifizieren konnten. Die Freundschaft der beiden M\u00e4nner ist so eng, da\u00df sie sich entscheiden, durch die rituelle Vermischung von Blut zu Blutsbr\u00fcdern zu werden, die geloben, sich in jeder erdenklichen Situation mit unersch\u00fctterlicher Treue beizustehen. Letztendlich sind es diese Freundschaft und die rituelle Atmosph\u00e4re des \u201cKlausners\u201d, die eine Verwandlung in Ed bewirken, eine biografische und existentielle Wiedergeburt am politischen Wendepunkt des Jahres 1989: \u201cEd begriff, dass man das eigene Leben immerzu verteidigen musste, einerseits gegen das, was dauernd geschah, andererseits gegen sich selbst und die Lust, aufzugeben\u201d (K 90).<\/p>\n<p>Wer ist dieser Freiheitsverk\u00fcnder Kruso? Geboren wurde er 1961 im Jahr des Mauerbaus als Sohn eines sowjetischen Generals und einer deutschsprachigen kasachischen Zirkusk\u00fcnstlerin, die t\u00f6dlich verungl\u00fcckte. Als sein Vater in die Sowjetunion zur\u00fcckgeschickt wurde, zogen der sechs Jahre alte Kruso und die \u00e4ltere Schwester Sonja auf die Insel Hiddensee zu ihrem Stiefvater, dem Strahlenforscher Professor Rommstedt. Die Insel wird f\u00fcr Kruso zum Ort jahrelanger Traumatisierung, denn an der K\u00fcste Hiddensees verliert er die geliebte Schwester, die bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt. Dieser Verlust f\u00fchrt zu Obsession und einer fast biblischen Mission, denn die Wurzel der neuen Freiheit liege nicht \u2014 so folgert Kruso \u2014 in der westlichen Verbrauchergesellschaft, sondern im Inneren des Menschen, jenseits<\/p>\n<blockquote><p>von Ehrgeiz, Macht, Habgier, Besitz, rostiger, giftiger, aschener Schlacken [\u2026] Das ist die Freiheit, die ich meine. Sie ist das Denken des innersten Ichs, das Denken unseres Selbst in der Geschichte. Wir m\u00fcssen nichts anderes tun, als dieses Denken zu wecken (K 258).<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Stiefvater Rommstedt versucht, ein sachliches Urteil \u00fcber diese verschwommene weltfremde Freiheitsphilosophie zu f\u00e4llen. Auf das Trauma des Kindes eingehend, folgert er:<\/p>\n<blockquote><p>So besessen, aber im Grunde verwirrt er damals Tagebuch gef\u00fchrt hat, so gewissenhaft und verblendet nahm er sp\u00e4ter in Angriff, was er inzwischen, wie ich h\u00f6rte, den <em>Bund der Eingeweihten<\/em> nennt. Eine Art Untergrund zur Anh\u00e4ufung innerer Freiheit, eine geistige Gemeinschaft, irgendetwas in diesem Sinn; ohne Verletzung der Grenzen. Ohne Flucht, ohne Ertrinken. Keine kleine Illusion, eher eine ausgewachsene Wahnvorstellung\u201d (K 306).<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Wahnvorstellung findet Anklang unter jenen, die aus dem engen Rahmen der DDR herausgefallen waren, \u201cSchiffsbr\u00fcchige\u201d, die rezeptiv sind f\u00fcr Phantasmagorien \u00fcber eine Freiheit jenseits allt\u00e4glicher Zw\u00e4nge. Thomas Andre bilanziert: \u201cDass Kruso die Klaustrophobie der \u2018Schiffsbr\u00fcchigen\u2019 \u00fcbergangsweise durch seine Freies-Hiddensee-Spinnerei bannen kann, entspringt nat\u00fcrlich einer kollektiven Selbstt\u00e4uschung.\u201d<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Diese Selbstt\u00e4uschung wird von Ritualen gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ed wird Sch\u00fcler Krusos in einer Gruppe Gleichgesinnter, die oberfl\u00e4chlich Saisonarbeiter im \u201cKlausner\u201d sind, deren wahre Berufung jedoch in der Mitgliedschaft im \u201cKreis der Eingeweihten\u201d liegt,\u00a0einer Mischung von biblisch-esoterischer Gemeinschaft, Hippi-Kommune und literarischer Diskussionsgruppe. Zw\u00f6lf Erleuchtete scharen sich beim Essen um den Meister und Lehrer. Gesang geh\u00f6rt zu ihrem Ritual, so das Lied vom Mond, vom Mann und vom Meer<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>, \u201ceine Art Hymne des Klausners, \u2018unser Heiliges\u2019, wie Kruso es sp\u00e4ter noch \u00f6fter erkl\u00e4rte\u201d (K 97) : \u201cWarum ziehen der Mond und der Mann zu zweit so bereit nach dem Meer, so bereit nach dem Meer!\u201d Wie von einer Zauberformel berauscht, ger\u00e4t der Chor der Zw\u00f6lf w\u00e4hrend der Abwaschorgien in einen somnambulem Zustand der Verz\u00fcckung: \u201cMit ihren ausgestreckten, von schmutzigem Geschirr bedeckten Armen wirkten sie wie Komparsen in einem absurden St\u00fcck\u201d (K 96). Doch auch Musik ganz anderer Art \u2014 von den Erleuchteten kaum mehr wahrgenommen \u2014 ert\u00f6nt im \u201cKlausner\u201d: die allabendliche Sendung der DDR-Nationalhymne nach Abschluss der Programme. Emotionale Bindung\/Bonding, Zusammenhalt und N\u00e4he ist verbunden mit einem ungemein hohen Arbeitsethos. Alle \u2014 nach einer Bew\u00e4hrungsprobe von Schweigen und Zwiebelsch\u00e4len \u2014 arbeiten bis zur Ersch\u00f6pfung in einem Milieu von Schmutz und ekligen Pflichten. Von Essensresten, Haaren und Schleim verstopfte Abw\u00e4sser werden ins absto\u00dfend Animalische mythisiert. In der \u201cKlausner\u201d-Arche\u201d taucht ein ungeheuerliches, fauliges Abfall-Fabelwesen auf, ein Monster aus alten Seefahrergeschichten, denn die als \u201cLurch\u201d bezeichnete glitschige Masse des Schmutzes ist \u2014 so Lothar M\u00fcller \u2014 \u201cdas Gestalt gewordene Ungeheuer der Kessel mit den faulenden Wassern.\u201d<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Die Gemeinschaft der Zw\u00f6lf f\u00e4ngt in der DDR gestrandete Neuank\u00f6mmlinge auf, die jetzt \u201cPilger\u201d genannt werden. Sie m\u00fcssen sich strengen, fast liturgischen Ritualen unterziehen, bevor sie von der Gruppe mit Essen versorgt, betreut und verborgen werden. Rituelle Waschungen, Begr\u00fc\u00dfungen \u2014 \u201cWange an Wange\u201d\u00a0\u2014 und darauf folgende \u201cVergaben\u201d stehen auf der Tagesordnung. Die Schutzbed\u00fcrftigen werden bei den Erleuchteten oder sympathisierenden Inselbewohnern untergebracht, und auch Ed findet in seinem Bett des \u00f6fteren einen unerwarteten Gast. Doch der Pilger-Strom ebbt letztendlich ab. Mehr und mehr berichtet der alte Radioapparat Viola im Jahre 1989 von sich \u00f6ffnenden Grenzen in Ungarn und den Ansturm von Fl\u00fcchtlingen auf die Prager und Budapester Botschaft. Ironie ergibt sich aus Seilers Aussparung der dramatischen Ereignisse im Umfeld des Untergangs der DDR, aus dem Fehlen jeglicher Interpretation des politischen Zeitgeschehens. Im Umkreis des \u201cKlausners\u201d geht es allein um den engen, ganz aufs Private gerichteten Blickwinkel der Erleuchteten. Deren allm\u00e4hliches Verschwinden von der Insel wird kommentarlos und wie beil\u00e4ufig registriert. Zur\u00fcck bleiben letztlich nur die Blutsbr\u00fcder Kruso und Ed. Zuzustimmen ist dem Kritiker Roman Bucheli, der \u00fcber die enge Perspektive das Fazit zieht: \u201cLutz Seiler schreibt mit \u2018Kruso\u2019 einen Roman \u00fcber die Wende von 1989 und erz\u00e4hlt aber eine ganz andere Geschichte.\u201d<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Kurz vor der Wende verschwindet Kruso tempor\u00e4r aus dem Blickfeld Eds und der Inselbewohner. Er, der wegen staatsfeindlicher Gruppenbildung konstant von den \u00dcberwachunsorganen observiert wird, ger\u00e4t in den letzten Tagen der sich aufl\u00f6senden DDR erneut in die F\u00e4nge des Stasi-Offiziers Rebhuhn und landet im Gef\u00e4ngnis. Bereits als Jugendlicher wurde er wegen sogenannter Grenzverletzung zur Haft in einem Jugendwerkhof verurteilt. Als er jetzt wieder auf der Insel erscheint, befindet sich nur noch der auf Treue eingeschworene Freund Edward im \u201cKlausner\u201d. Kruso wird krank, physisch und psychisch krank, denn die Entt\u00e4uschung \u00fcber den Verrat der Erleuchteten traumatisiert ihn. Seine gebrochene Biografie, die seelischen Verletzungen, der Verlust der Schwester im Wasser (\u201cHier wartest du so lange und r\u00fchrst dich nicht weg [\u2026] Er hat gewartet, aber sie kam nicht zur\u00fcck\u201d) (K 301) machen ihn von Anfang an zum wahrscheinlich traumatisiertesten Mitglied der \u201cerleuchteten\u201d Parallelgesellschaft. Jetzt spielt Ed die Rolle des Vater in diesem Freundschaftsbund, die Rolle des Gebenden, des Pflegers und des Verantwortlichen: \u201cLangsam redete sich Ed in seine neue Rolle hinein. Jetzt war er es, der Verantwortung \u00fcbernehmen musste. F\u00fcr einen Moment hatte er das Bed\u00fcrfnis, Krusos gro\u00dfen nassen Sch\u00e4del an sich zu pressen und zu wiegen wie ein Kind, das sich wehgetan hat, solange zu wiegen, bis es getr\u00f6stet war\u201d (K 177). Ed verspricht dem Kranken, dem Schicksal der Schwester und den vielen, auf der Flucht ertrunkenen Namenlosen nachzusp\u00fcren. Medizinische Hilfe f\u00fcr den schwerkranken Kruso kommt unerwartet. Deus-ex-machina-haft tritt ein surreales, expressionistisch \u00fcberh\u00f6htes Ereignis ein, das die L\u00f6sung des Problems, die Rettung Krusos bewirkt. Ein sowjetischer Panzerkreuzer erscheint im Nebel, und ein General und Matrosen kommen an Land und tragen den Kranken an Bord. Dann folgen einundzwanzig Salutsch\u00fcsse, und das Schiff entfernt sich. Handelt es sich hier um ironisierende Symbolik? Der Kritiker Alexander Camman berichtet von einem Spaziergang mit Lutz Seiler auf der Insel Hiddense:<\/p>\n<blockquote><p>21 Schuss Salut, das bekommen nach dem Marinereglement nur K\u00f6nige, erkl\u00e4rt Seiler, w\u00e4hrend wir zum Leuchtturm wandern. Uns f\u00e4llt ein, dass die in diesem Sch\u00fcssen gleichsam untergehende Epoche ebenfalls mit Sch\u00fcssen eines russischen Panzerkreuzers began: mit den Sch\u00fcssen der <em>Aurora<\/em> 1917 in Petrograd.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Es scheint, da\u00df auf dem Hintergrund der Wende wiederum eine historische Botschaft aus dem Osten kommt: \u201cDie Aufgabe des Ostens, Ed, [\u2026]\u00a0\u00a0 wird es sein, dem Westen einen Weg zu zeigen. Einen Weg zur Freiheit\u201d (K 409). Eine enigmatische Botschaft. An Perestroika ist kaum zu denken, denn der realit\u00e4tsferne Schw\u00e4rmer Kruso entschwindet ins Nebul\u00f6se, und in der K\u00fcche des \u201cKlausners\u201d bleibt Ed zur\u00fcck: \u201cEine einsame komische Figur, aber auch treu und tapfer vielleicht\u201d (K 433).<\/p>\n<p>Dem Roman ist ein Epilog zugef\u00fcgt. Jahre nach der Wende l\u00f6st Edgar Bendler sein Versprechen ein, dem Schicksal der unbekannten Toten eines verschwundenen Landes nachzusp\u00fcren. Tief hat sich Krusos Bitte, ja Forderung in sein Ged\u00e4chtnis eingegraben: \u201cUnd sollte ich einmal nicht hier sein, f\u00fcr eine Zeit, dann k\u00fcmmerst du dich, versprich mir das\u201d (K\u00a0\u00a0 438). Bendler reist nach Kopenhagen, um den Spuren der vielen auf der Flucht in der Ostsee Ertrunkenen nachzugehen. Im b\u00fcrokratischen Labyrinth von Berichten der Polizei auf der Insel M\u00f8n, in d\u00e4nischen Polizeiarchiven in Kopehagen und im Gerichtsmedizinischen Institut gelingt es ihm, \u00fcber einige Ertrunkene Informationen einzuholen &#8211; u.a. \u00fcber einen ehemaligen Saisonarbeiter im \u201cKlausner\u201d \u2013 Ertrunkene, die an der K\u00fcste der Insel M\u00f8n gefunden wurden. Einige wenige erreichten die Insel lebend. Die meisten jedoch wurden von den die K\u00fcste bewachenden Patrouillebooten entdeckt und den Sicherheitsorganen \u00fcbergeben. Krusos Versuch, das Konzept einer inneren Freiheit zu verwirklichen, war gescheitert, ebenso, wie der Gedanke totaler gesellschaftlicher Freiheit. So bleibt es beim Experiment, bei der Sehnsucht, beim Traum. Sebastian Hammelehle zieht das realistische Fazit: \u201cDem Traum von einem Leben jenseits allt\u00e4glicher Zw\u00e4nge. Den kann kein Staat erf\u00fcllen \u2014 aber eine Inselgemeinschaft um einen Robinson namens Kruso.\u201d<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Lutz Seiler, <em>Kruso<\/em> (Berlin: Suhrkamp, 2014). Zitate daraus im Text der Arbeit, markiert mit der Sigle K.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Christiane Petersen, \u201cDie Prosa verlangt viel Anwesenheit\u201d, <em>b\u00f6rsenblatt <\/em>42 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Horst S. und Ingrid Daemmrich, <em>Themen und Motive in der Literatu<\/em>r (T\u00fcbingen: Francke, 1987), Stichwort \u201cRobinson\u201d.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Daemmrich, Stichwort \u201cInsel\u201d.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Elmar Krekeler, \u201cHiddensee war der Gipfel an Exotik\u201d, <em>Die Welt<\/em> 8. Oktober 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Krekeler<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Sabine Vogel, \u201cInterview. Die Dinge wirklich bis zum Letzten treiben\u201d, <em>Frankfurter Rundschau<\/em> 8.Oktober 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Christoph Schr\u00f6der, \u201cUtopia in Seepferdchenform\u201d, <a href=\"http:\/\/www.taz.de\">www.taz.de<\/a> 16. September 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Krekeler, \u201cHiddensee war der Gipfel an Exotik\u201d.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Siehe u.a. Steffen Richter, \u201cIm Bunde der Erleuchteten\u201d, <em>Der Tagesspiegel<\/em> 7. September 2014; Helmut B\u00f6ttiger, \u201cRobinsonade auf Hiddensee\u201d <a href=\"http:\/\/deutschlandradiokultur.de\/roman-robinsonade-auf-hiddensee.950.de.html?dram.artikel-id=296013\">http:\/\/deutschlandradiokultur.de\/roman-robinsonade-auf-hiddensee.950.de.html?dram.artikel-id=296013<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Krekeler.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Elke Schmitter, \u201cDer proletarische Zauberberg\u201d, <em>Der Spiegel<\/em> 36 (2014).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Thomas Andre, \u201c Die Schiffsbr\u00fcchigen des Sozialismus\u201d, <em>Der Spiegel<\/em> 10. September 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Es handelt sich um das Gedicht \u201cMelopee\u201d des fl\u00e4mischen Dichters Paul von Ostaijen. Seiler zitiert die deutsche \u00dcbersetzung von Klaus Reichert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Lothar M\u00fcller, \u201cAuf der Insel des zweiten Gesichts\u201d, <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> 6.\/7. September 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Roman Bucheli, \u201cUnd nachts dann die Nationalhymne\u201d, <em>Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em> 4. 10. 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Alexander Camman, \u201cDie letzte Instanz ist das Ohr\u201d, <em>Die Zeit<\/em> 21. 8. 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Sebastian Hammelehle, \u201cDeutscher Buchpreis f\u00fcr \u2018Kruso\u2019,\u201d <em>Spiegel Online<\/em>\u201d 6. Oktober 2014.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cDeformierte Verh\u00e4ltnisse\u201d vs. \u201c unmittelbare Gemeinschaft\u201d : Freiheitsutopien in Lutz Seilers Roman \u00a0Kruso. Lutz Seiler, der Autor preisgekr\u00f6nter Lyrik und Kurzprosa, wartete im Jahre 2014 mit seinem ersten Roman, Kruso [1], auf, der mit dem deutschen Buchpreis pr\u00e4miert wurde. Ort der Handlung ist die Insel Hiddensee im \u00e4u\u00dfersten Norden der DDR. Das suggeriert einerseits Abgeschiedenheit, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":4372,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4517","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4517\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4372"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}