{"id":4551,"date":"2015-06-06T08:29:26","date_gmt":"2015-06-06T12:29:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4551"},"modified":"2015-06-06T08:36:38","modified_gmt":"2015-06-06T12:36:38","slug":"utz-rachowski-glossen40-2015","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-402015\/utz-rachowski-glossen40-2015\/","title":{"rendered":"Utz Rachowski"},"content":{"rendered":"<p><strong>DER SINNGEBER<\/strong><\/p>\n<p><strong>Meine wunderbaren Jahre mit Reiner Kunze \u2013 als Leser, Mitwirkender und Kollege.<\/strong> (Rede anl\u00e4sslich des Festaktes der Universit\u00e4t Dresden zum 80. Geburtstag von Reiner Kunze.)<\/p>\n<p><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>In einem Nachbarland meiner fr\u00fchen Jugend geschah eines Tages ein Wunder. Dort wurden pl\u00f6tzlich Reisefreiheit, Streikrecht und eine interessante Presse m\u00f6glich, die Tschechen und Slowaken durften mit einmal nach M\u00fcnchen, Wien und Paris fahren. Ich war vierzehn, und die Erwachsenen unterhielten sich aufgeregt dar\u00fcber. Da wusste auch ich es, und alle, die dar\u00fcber redeten, f\u00fchlten sich betrogen und sprachen es aus.<\/p>\n<p>In einer Nachbarstadt, nur \u00fcber den kleinen Friesener Berg, keine zwanzig Minuten mit dem Linienbus von meiner Heimatstadt entfernt, damals kostete es 70 Pfennige, gibt es die sch\u00f6ne Stadt Greiz.<\/p>\n<p>Was ich von Greiz wei\u00df<\/p>\n<p>Von Greiz wei\u00df ich, was ich erinnere: Sonnentage. Gemeinsam mit der Gro\u00dfmutter im Bus \u00fcber Friesen zu einer fernen Verwandten, die im Oberen Schloss wohnte. Der Blick von dort aus dem Fenster \u00fcber den Park hinweg und die spiegelnde Teichfl\u00e4che. Pflaumenkuchen auf dem sonnen\u00fcberfluteten Tisch; Kaffeetrinken, f\u00fcr mich Kakao, die beiden alten Damen vergn\u00fcgt, stie\u00dfen an mit einem Glas dunklen Lik\u00f6rs. Dann hinunter in den Park, die Blumenuhr, aber ich erinnere eine Sonnenuhr mit einem wandernden Schatten, der auf gelbe und blaue Veilchen fiel, hier, lasse ich mir sagen, tr\u00fcgt meine Erinnerung. Ein paar Schritte auf den Parkwegen, ich stecke den Kopf durch die Gitter eines Pavillons aus ergrautem Stein, menschenvergessen, unge\u00adpflegt, und atme die modrige Luft des runden Raumes. Hier lebt ein Mann auf den Knien, einen Stahlhelm auf seinem Kopf. \u201eEr f\u00e4llt gerade\u201c, sagt meine Gro\u00dfmutter und zieht mich weg vom Gitter. \u201eWarum?\u201c frage ich. \u201eViele sind gefallen\u201c, sagt sie. Mit einer Wendung stehe ich wieder inmitten der Sonnenwelt.<\/p>\n<p>Weiter dem Teich zu, Gr\u00fcn um Gr\u00fcn, am Ufer die Wurzeln der B\u00e4ume, wie erdbewohnende Koboldsk\u00f6pfe, lustig, gutartig, keine irrlichternden Gnome und b\u00f6se, wie an den Mooren. Erdbewohner w\u00fcrden sp\u00e4ter immer diese verspielten Wurzeln sein, die Gegenwelt der Menschen, der Erdenbewohner.<\/p>\n<p>Das Entenhaus auf dem Wasser, eine vollst\u00e4ndig gelungene Illusion, mit gemalten Fenstern, sogar Gardinen angedeutet, gelungen so sehr, dass ich dort einziehen will, mein Traumhaus. Als ich, vielleicht drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter, davon zehn Jahre Einreiseverbot, wieder davor stehe, bleibt mein Eindruck erhalten, auch mein Wunsch und mein Traum. Inzwischen etwas kurzsichtig, sehe ich wohl das Entenhaus, schwebend auf dem Wasser, aber nicht die <em>gemalten<\/em> Fenster und T\u00fcren, m\u00f6chte auch heute dort wohnen, die Illusion bleibt vollkommen. Nicht im Schloss, dessen Bild stetig durch die hohen Parkb\u00e4ume zitterte, dort unten am Teich wollte ich leben. Und an diesem durchsonnten Kindernachmittag, erinnere ich mich ungetr\u00fcbt, kaufte mir die ferne Verwandte der Gro\u00df\u00admutter in einem Blumenladen nahe am Park noch etwas, was ich unbedingt besitzen wollte: einen kleinen goldenen Drachen aus Metall, an dem wie eine Ampel ein chinesischer Lampion hing, um den eine Temperaturskala lief, ein Wandthermometer. Sp\u00e4ter habe ich das gl\u00e4serne Thermometer\u00adr\u00f6hrchen zerst\u00f6rt, in dem ich ein brennendes Streichholz daran hielt, weil ich beobachten wollte, wie es ist, wenn die Temperaturanzeige \u00fcber f\u00fcnfzig Grad hinausgeht. Es machte nur einen winzigen Klick, und das Thermometer um den chinesischen Lampion war zerst\u00f6rt und gebrochen.<\/p>\n<p>Dann, ich war noch immer vierzehn, kam ein unvergesslicher Sommer, viele meiner Freunde und Bekannten, sagen noch heute, dass er <em>das<\/em> Grunderlebnis f\u00fcr unsere Generation sei. Es begann damit, dass in den Zeitungen stand, auch in der Schule wurde darauf verwiesen, dass das Betreten der W\u00e4lder verboten sei, weil dort eine milit\u00e4rische \u00dcbung gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00dfes stattfinden w\u00fcrde. Also nichts mit Pilzesammeln, Gro\u00dfmutter schimpfte, schob ihren Bastkorb fr\u00fch um f\u00fcnf Uhr in ihre Ellbogenbeuge und zog auch mich verschlafen mit aus dem Haus. Wir wollten Pilze suchen und fanden Panzer. Schon am Waldrand wurden wir in einer fremden Sprache weggebr\u00fcllt, ich sagte Gro\u00dfmutter, dass das Russisch sei, und sie erwiderte, das kenne sie auch, in ihrer Kindheit in Sdunska Wola bei Posen h\u00e4tte sie es in der Schule lernen m\u00fcssen, so wie ich, sagte ich schnell. Wir gingen nicht mehr in den Wald.<\/p>\n<p>Bis zu jenem Tag, als der Vulkan nachts ausbrach und lavafarbene Fuhrwerke aus Stahl ausspie auf denen graugr\u00fcne Soldaten ritten, zwei drei Tage lang, dann war es still. Die Asphaltstra\u00dfen zermalmt, die Pflastersteine an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern aufgeh\u00e4uft wie wachsende Mauern. Die Bev\u00f6lkerung, die Nachbarn aus den G\u00e4rten neben uns hatten schweigend zugesehen, gewinkt nur wenige, manche den Soldaten mit der Faust gedroht. Auch deutsche Soldaten waren am zweiten Tag lange vor\u00fcbergezogen. Ihre Panzer, Kanonen und Lastwagen gl\u00e4nzten poliert, mit besserem Lack \u00fcberzogen, als die russischen, sauberer. Was man heute in der geklitterten Geschichtsschreibung der Historiker wiederfindet, es handelt sich um die offizielle Geschichtsschreibung: bis auf 14 Verbindungs-Offiziere und -Unteroffiziere seien keine Deutschen beteiligt gewesen. Ich traf westdeutsche Augenzeugen, die mindestens 70 Sch\u00fctzenpanzer mit DDR-Kennung auf b\u00f6hmischem Gebiet sahen und mit den Soldaten deutsch sprachen. Es ist so etwas wie mein Hobby geworden, so nebenbei also: Voriges Jahr fand ich einen ehemals beteiligten Soldaten der \u201eNationalen Volksarmee\u201c, der an der Grenze in Altenberg 1968 die tschechischen Grenzsoldaten entwaffnete und danach die von Panzern niedergewalzten Grenzanlagen, auch die zerquetschte blau-wei\u00df-rot bemalte lange Metallstange des Schlagbaums zur Seite r\u00e4umte. Die Historiker haben die Bedenken einer deutschen Beteiligung auf tschechischem Gebiet bedenkenlos beiseite ger\u00e4umt; mir scheint, dahinter steckt ein politischer Wille, es darf nicht sein, dass die Deutschen schon wieder mal nach B\u00f6hmen einfielen. Wer, wie ich, das Gegenteil mittels Augenzeugen beweisen will, wird scharf angegangen. Das ist mir zum letzten Mal passiert vor sechs Jahren (2007) in Pennsylvania am Dickinson College, nat\u00fcrlich war es der deutsche Literatur-Professor im Publikum, Wolfgang Emmerich, der dort nach meiner Lesung an diesem Punkt herumn\u00f6rgelte. Mein Freund, der Schriftsteller Hans Joachim Sch\u00e4dlich, sagte zu mir: \u201eMach dir keine so gro\u00dfen Gedanken dar\u00fcber, <em>er<\/em> musste seine B\u00fccher umschreiben nach 1989, wir nicht\u201c. Schlie\u00dflich hatte der Verfasser von <em>Kleine Literaturgeschichte der DDR<\/em> die meisten Namen kritischer Autorenkollegen meiner Generation erst nach dem Fall der Mauer nachtr\u00e4glich in die neuen Auflagen seiner <em>Literaturgeschichte<\/em> einmontiert. Dar\u00fcber kann man sich verstreiten und auch wieder vers\u00f6hnen, denke ich, und ein wenig die Finger in diese Wunde legen w\u00e4hrend einer Festrede in den heiligen Hallen der Germanistik, kann vielleicht nichts schaden.<\/p>\n<p>\u201eLXXI<\/p>\n<p>IN DEN SCHEUNEN TROCKNET AUF-<\/p>\n<p>GEH\u00c4NGTE STILLE<\/p>\n<p>DIE B\u00c4REN MEINER TR\u00c4UME NAHMEN<\/p>\n<p>ALLE BIENENST\u00d6CKE AUS<\/p>\n<p>DIE ZEIT BLIEB STEHN IN FERNER ZUKUNFT<\/p>\n<p>UND BLEIBT VERGANGEN AUF DER TENNE<\/p>\n<p>HINTERM HAUS\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist eine Strophe von Jan Sk\u00e1cel, tschechisch erschienen in der Edition \u201eedice petlice\u201c. \u00dcbersetzt von Reiner Kunze, wie das folgende Gedicht von Ludv\u00edk Kundera auch:<\/p>\n<p>\u201eUnd wieder bin ich unh\u00f6rbar, unh\u00f6rbar wie das licht.<\/p>\n<p>So bis ins einzelne befasse ich mich mit der stille,<\/p>\n<p>dass ich, dem tastsinn folgend, die angst durchschneide.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die fremde und die eigene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und deshalb scheint\u2019s ich geh\u00f6re zu ihnen,<\/p>\n<p>wenn blinde sich umdrehn.<\/p>\n<p>Gemeinsam ziehen wir im finstern uns durchs nadel\u00f6hr.\u201c<\/p>\n<p>Die Historiker haben lange gebraucht, um sich zu einigen, dass an der Okkupation der Tschechoslowakei nicht, wie \u00fcber Jahrzehnte behauptet, 500 Tausend ausl\u00e4ndische Soldaten beteiligt waren, sondern eine knappe Million. Vielleicht finden sie noch die deutschen Invasoren darunter, die, so mag es gewesen sein, ohne Befehl im Chaos der Okkupation auf tschechischen Boden gerieten und dann zur\u00fcckgezogen wurden. Zumindest war dies die Erf\u00fcllung der Tr\u00e4ume eines Walter Ulbricht.<\/p>\n<p>In meiner Kindheit gab es die sch\u00f6ne Stadt Greiz. Mit zwei Schl\u00f6ssern, einem m\u00e4rchenhaften Park und dem gro\u00dfen Ententeich. Dort wohnte Reiner Kunze, und ich wusste es nicht. Erst musste der Vulkan ausbrechen, der Panzer spie, elf Tage danach kam ich an die Goetheoberschule in Reichenbach, drei Wochen sp\u00e4ter, mit langem schwarzem Haar, der Staub der f\u00fcnf Armeen des Warschauer Pakts schwebte noch in der Luft, begegnete ich J\u00fcrgen Fuchs. In der Turnhalle bei einem Volleyballspiel.<\/p>\n<p>Die Klasse 12B3, in die J\u00fcrgen ging, hatte 9B3 gerade mit drei zu zwei S\u00e4tzen beim Volleyball-Turnier der Goethe\u00ad-Oberschule geschlagen, und ich war stinksauer. Ich war der Mannschafts\u00adkapit\u00e4n der Verlierer. Ich setzte mich auf eine der l\u00e4ngs am Spielfeld stehenden Holzb\u00e4nke der Turnhalle und senkte den Kopf. \u201eNa, Sexer (abgeleitet von Sextaner, von Sexta) willst du nicht eine rauchen gehen auf\u2019s Klo?\u201c, sagte eine Stimme neben mir. Ich sah auf und erkannte den 12er neben mir auf der Bank, der mich vorige Woche in der Gro\u00dfen Pause auf der Toilette aufgest\u00f6bert und beim Rauchen erwischt hatte. Ich kannte ihn schon vom Stadtbild her und wusste jetzt schon, wie er hie\u00df.<\/p>\n<p>\u201eDer Fuchs verpfeift dich nicht, da brauchst du keine Angst zu haben\u201c, sagte ein Klassenkamerad zu mir, der ihn von der gemeinsamen Grundschule her kannte. Er sollte recht behalten, \u201eder Fuchs\u201c verpfiff mich nicht. \u201eIm August habe ich dich gesehen\u201c, sagte J\u00fcrgen jetzt grinsend auf der Bank, \u201edu hast eine tschechische Fahne in den Speichen deines Vorderrades gehabt, das h\u00e4tte schiefgehen k\u00f6nnen, mit deinem sch\u00f6nen neuen diamant\u00adRad.\u201c Wieder lachte er. Auch er hatte mich offenbar in der Stadt schon wahrgenommen. \u201eHab ich von meiner Oma gekriegt\u201c, sagte ich, \u201eals ich auf die Oberschule durfte.\u201c \u201eUnd die Fahne?\u201c fragte er. \u201eAus einer Girlande gerissen, beim Sommerfest.\u201c \u201eUnd wie kamst du drauf?\u201c \u201eMein Bruder\u201c, sagte ich, \u201ehat mir alles erz\u00e4hlt, warum dann die Panzer kamen, auch vorher schon, Rudi Dutschke, was im Mai in Frankreich los war.\u201c \u201eHat dein Bruder noch den alten Direktor gehabt?\u201c \u201eJa\u201c, sagte ich, \u201enoch Buchta.\u201c \u201eDu musst aufpassen\u201c, sagte er, \u201e\u00dcbel, der neue, ist gef\u00e4hrlich, Kadettensch\u00fcler, Major der Reserve, hat gleich Ordnungsgruppen gebildet und rote Armbinden aus\u00adgegeben. Lehrer wie Kie\u00dfling, Rammler, Werlich, wei\u00dft du, von wem die freundschaftlichen Besuch kriegen, im ersten Stock, in dem verriegelten Zimmer, jede Woche?\u201c \u201eWirklich, von denen?\u201c \u201eDu musst aufpassen, ich habe die Autonummern\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Fuchs und ich wurden Freunde. Einige Monate sp\u00e4ter erhielt ich von ihm, auf einer vielleicht vierten Durchschrift mit Schreibmaschine geschrieben, zum ersten Mal Gedichte von Reiner Kunze. \u201eDer wohnt in Greiz\u201c, sagte J\u00fcrgen. Ich dachte an das Entenhaus meiner Kindheit.<\/p>\n<p>Was auch geschehen war in Greiz in jenem August 1968 schrieb Reiner Kunze sp\u00e4ter auf:<\/p>\n<p>HINTER DER FRONT<\/p>\n<p>Am Morgen des 22. August 1968 w\u00e4re meine Frau beinahe gest\u00fcrzt. Vor der Wohnungst\u00fcr lag ein Strau\u00df Gladiolen. In der Nachbarschaft wohnte ein Ehepaar, das einen Garten besa\u00df und manchmal Blumen brachte. \u201eWahrscheinlich haben sie gestern Abend nicht mehr st\u00f6ren wollen\u201c, sagte meine Frau.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kam sie mit drei Str\u00e4u\u00dfen im Arm. \u201eDas ist nur ein Teil\u201c, sagte sie. Sie waren in der Klinik, in der meine Frau arbeitet, f\u00fcr sie abgegeben worden, und au\u00dfer ihr selbst hatte sich niemand dar\u00fcber gewundert. Es sei doch bekannt, dass sie aus der Tschechoslowakei sei.<\/p>\n<p>\u201eIch habe Reiner Kunze besucht, in Greiz\u201c, sagte J\u00fcrgen Fuchs, bevor er mir die Gedichte auf d\u00fcnnem Durchschlagpapier gab. \u201eEs war wunderbar und sehr nah\u201c, sagte er, \u201eein langes Gespr\u00e4ch, vorher, an der Wohnungst\u00fcr, musste ich meine Schuhe ausziehen. Da habe ich mir einen Scherz erlaubt und ihm danach, zur\u00fcck in Reichenbach, eine Variante auf sein Gedicht \u201aEinladung zu einer Tasse Jasmintee\u2019 geschickt, in dem es ja die Zeilen gibt: \u201aTreten Sie ein\u201a legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier d\u00fcrfen Sie schweigen\u2019 \u2013 ich schrieb an Kunze: \u201aTreten sie ein, ziehen sie ihre Schuhe aus, hier d\u00fcrfen sie REDEN\u2019. Reiner Kunze war sehr am\u00fcsiert dar\u00fcber\u201c, sagte J\u00fcrgen Fuchs, \u201ebei meinem n\u00e4chsten und den folgenden Besuchen, die ich nun regelm\u00e4\u00dfig bei den Kunzes machte\u201c.<\/p>\n<p>Eines der ersten Gedichte, das ich von Reiner Kunze las, schwer zu entziffern auf dem gr\u00fcnlichen durchscheinenden Papier, kam mir entgegen wie ein lang erwarteter Brief, eine Hoffnung, die sich erf\u00fcllt, eine Best\u00e4tigung alles bisher Gedachten und Gef\u00fchlten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>WIE DIE DINGE AUS TON <\/strong><\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Wir wollen sein, wie die Dinge aus Ton<\/p>\n<p>Dasein f\u00fcr jene,<\/p>\n<p>die morgens um f\u00fcnf ihren kaffee trinken<\/p>\n<p>in der k\u00fcche<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den einfachen tischen geh\u00f6ren<\/p>\n<p>Wir wollen sein wie die dinge aus ton, gemacht<\/p>\n<p>aus erde vom acker<\/p>\n<p>Auch, dass niemand mit uns t\u00f6ten kann<\/p>\n<p>Wir wollen sein wie die dinge aus ton<\/p>\n<p>inmitten<\/p>\n<p>soviel<\/p>\n<p>rollenden<\/p>\n<p>stahls<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Wir werden sein wie die Scherben<\/p>\n<p>der dinge aus ton: nie mehr<\/p>\n<p>ein ganzes vielleicht<\/p>\n<p>ein aufleuchten<\/p>\n<p>im wind<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da sprach einer. F\u00fcr viele. Auch f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>II<\/strong><\/p>\n<p>1971 flog ich von der Oberschule, die den sch\u00f6nen Namen Goethes trug. Wegen Gr\u00fcndung eines Literaturclubs au\u00dferhalb der Schule. Offiziell wegen, Zitat: \u201eZersetzung des Klassenkollektivs und Beleidigung von Armeeoffizieren\u201c. Ich hatte nur ge\u00e4u\u00dfert, dass ich keinesfalls Offizier werden w\u00fcrde. Das Klassenkollektiv \u201ezersetzte\u201c ich zum Beispiel mit Nachfragen zum Militarismus an unserer Schule an Hand der Jugenderz\u00e4hlungen von Heinrich B\u00f6ll. Durch meine Relegation verlor auch J\u00fcrgen Fuchs als \u201eAnstifter\u201c zeitweilig seinen Studienplatz in Jena. Ich wurde Bahnhofsarbeiter, sp\u00e4ter Elektriker mit abgeschlossener Lehre. Reiner Kunze schrieb an seinem Buch <em>Die wunderbaren Jahre<\/em>, nachdem in der DDR 1973 sein Gedichtband <em>Brief mit blauem Siegel<\/em> erschienen war, den ich, ohne jetzt \u00fcbertreiben zu wollen, damals beinahe auswendig zitieren konnte. Das gelang mir sp\u00e4ter bei keinem anderen Dichter je wieder, da muss Liebe im Spiel gewesen sein, zu dieser Sprache von Anfang an.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich versuchten wir als junge Autoren, alle wie Reiner Kunze zu schreiben, so stark war der Sog seiner Sprache: J\u00fcrgen Fuchs, G\u00fcnter Ullmann und auch ich. Andere Namen nenne ich hier nicht.<\/p>\n<p>Eben ist mein neuer Gedichtband <em>Miss Suki oder Amerika ist nicht weit!<\/em> erschienen, da hat\u2019s mich wieder erwischt Richtung Kunze, wie ich nach Drucklegung feststellen konnte. Darin stehen Oden an einen Hund, einem Cavalier Prince Charles Spaniel, der in Gettysburg Pennsylvania lebt, und den ich voriges Jahr ein Semester lang neben meinen sieben klugen Studenten betreuen durfte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein H\u00fcndchen<\/p>\n<p>mein kluges<\/p>\n<p>mit den langen Ohren<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>findet das Zusammenleben<\/p>\n<p>mit einem Dichter<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>angenehm<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>soviel Schweigen<\/p>\n<p>von beiden Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>zwei die zu oft<\/p>\n<p>angebellt wurden<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danke, lieber Reiner Kunze, da ist etwas darin, das in mir von Ihnen als Meister, Vorbild und Lehrenden geblieben ist. Vielleicht kann man das Gedicht aber auch anders sehen.<\/p>\n<p>Ich jedenfalls kam damals kurz vor Weihnachten 1974 nach Greiz zu Ihnen und Ihrer Frau, zum ersten Mal, und brachte unaufgefordert meine Gedichte mit.<\/p>\n<p>Aber der eigentliche Grund meines Kommens war ein anderer, denn ich war angemeldet. Einer meiner besten Freunde, Wolfgang Schuster, auch Klassenkamerad von J\u00fcrgen Fuchs, studierte Medizin in Leipzig und hatte dort \u00fcber einen Kommilitonen auch Zugang zur Evangelischen Studentengemeinde in Bitterfeld. Dort erfuhr er, dass Reiner Kunze an einem Manuskript arbeiten w\u00fcrde, das Geschichten und Schicksale von Jugendlichen des Landes zum Inhalt haben soll, die mit dem Staat in politische Reibung geraten sind, so etwa wurde es mir \u00fcbermittelt, meinen Besuchstermin bei Reiner Kunze sprachen die Bitterfelder mit ihm ab.<\/p>\n<p>Zusammen mit meinem Freund aus Leipzig fuhr ich mit dem Bus nach Greiz, in meiner Tasche die zahlreichen Dokumente zu meiner Relegierung von der Oberschule, den ganzen Schriftkram mit Kreisschulrat, Bezirksleitung der SED, das ziemlich gut dokumentierte Ausschlussverfahren aus dem Jugendverband FDJ, das meinem Schulverweis vorausgegangen war. Ich fuhr im Selbstverst\u00e4ndnis eines jungen Dichters zu Reiner Kunze und war leicht verstimmt, als er mich angesichts des von mir herbeigeschleppten b\u00fcrokratischen Materials fragte, ob ich nicht Buchhalter werden wolle.<\/p>\n<p>Meine Stimmung hob sich betr\u00e4chtlich, als seine Frau uns einen echten Jasmintee servierte. Eine f\u00fcr uns unvorstellbare Sache, dass es so etwas auf der Welt wirklich gibt, wir kannten nur sein Gedicht \u201eEinladung zu einer Tasse Jasmintee\u201c, jetzt stand sie vor uns. Au\u00dferdem brannte im Wohnzimmer, wo wir sa\u00dfen, eine dicke <em>blaue <\/em>Wachskerze, ein weiteres vorher nie gesehenes Wunder.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hlte und Reiner Kunze schrieb mit. Am Ende bat er mich, ihm doch das vielf\u00e4ltige schriftliche Material f\u00fcr einige Zeit zu \u00fcberlassen, einer Bitte, der ich als angehender Buchhalter gro\u00dfz\u00fcgig nachkam. Beim Abschied schenkte und <em>handsignierte<\/em> Reiner Kunze mir sein Reclamb\u00e4ndchen <em>Brief mit blauem Siegel<\/em>, das ich bis zum heutigen Tag wie ein Heiligtum bewahre. In diese Richtung unerbittlicher Verehrung ging\u2019s dann noch weiter: Damals war ich Soldat im Grundwehrdienst und hatte gerade zum dritten Mal die Einnahme der Stadt Kassel von Erfurt aus durch eine deutsche Armee ge\u00fcbt, als w\u00e4hrend der Postausgabe auch ein Brief an mich kam von Dr. Elisabeth Kunze. Der Spie\u00df, Dienstgrad F\u00e4hnrich, rief: \u201eJetzt kriegt der Soldat Rachowski schon Post von Doktoren! Langsam rei\u00dft es hier ein, Sie werden heute mal wieder Kohle schippen nach dem Dienst, ehe Sie \u00fcberm\u00fctig werden!\u201c. Frau Kunze schrieb mir, dass sie und ihr Mann versucht h\u00e4tten, das ihnen von mir \u00fcberlassene Material bei meiner Mutter in Reichenbach pers\u00f6nlich vorbeizubringen, aber das Wohnhaus nicht fanden. Sie bat mich nun um eine kleine Anfahrtsskizze. Dieser Besuch kam dann zustande. Reiner Kunze kam allein, meine Mutter berichtete mir sp\u00e4ter dar\u00fcber, ich fragte genau, auf welchem Stuhl er denn bei uns gesessen habe, und von Stund an durfte niemand mehr, auf diesem, durch mich zum Thron erkl\u00e4rten, einfachen Holzstuhl sitzen. Manchmal machte ich als besondere Verg\u00fcnstigung eine \u00e4u\u00dferst seltene Ausnahme f\u00fcr beste Freunde, immer mit dem Hinweis: Auf diesem Stuhl hat Reiner Kunze gesessen!<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit meiner Mutter, wie sie erz\u00e4hlte, sorgte er sich um mich sehr, sagte, \u201eich bef\u00fcrchte, das Ihr Sohn ein Schicksal erleiden wird wie ich selbst, denn sehen Sie, ich habe meiner Familie nur Ungl\u00fcck gebracht\u201c. Und blieb noch schweigend auf dem Stuhl sitzen, berichtete meine Mutter.<\/p>\n<p>In den folgenden 1 \u00bd Jahren besuchte ich die Familie Kunze noch einige Male. Ich brachte meine neuen Gedichte, trotzdem blieben die Kunzes stets freundlich. Eines davon hie\u00df \u201eBeim Lesen Schweriner Gedichte\u201c, gemeint waren die Hervorbringungen des FDJ-Poetenseminars, das j\u00e4hrlich in Schwerin stattfand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beim Lesen Schweriner Gedichte<\/strong><\/p>\n<p>Ihr schw\u00e4rmt<\/p>\n<p>von duftenden<\/p>\n<p>Mandelbl\u00fcten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>aber<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>die bitteren Fr\u00fcchte<\/p>\n<p>dann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>wollt<\/p>\n<p>ihr nicht<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>essen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das gefiel Reiner Kunze.<\/p>\n<p>Im Sp\u00e4tsommer 1976 erschienen <em>Die wunderbaren Jahre<\/em> im S. Fischer Verlag Frankfurt\/Main, er hatte die bitteren Geschichten gefunden und aufgeschrieben, darin auch der Text \u201eFahnenappell\u201c, darin eingearbeitet die Materialien, die ich Reiner Kunze zur Verf\u00fcgung gestellt hatte:<\/p>\n<p>Montagmorgen stand der Direktor der Erweiterten Oberschule in X. in Uniform neben der Fahne \u2013 in der Uniform eines Offiziers der Nationalen Volksarmee, in der er den Appell nur zu bestimmten Anl\u00e4ssen abnahm. \u201eUnd es geht nicht\u201c, sagte er, \u201edass ein Sch\u00fcler die Offiziere der Nationalen Volksarmee als dumm und halbgebildet bezeichnet. Von diesen Sch\u00fclern m\u00fcssen wir uns trennen.\u201c<\/p>\n<p><em>(Der Leiter des Wehrkreiskommandos hatte N., Arbeitersohn und Sch\u00fcler der elften Klasse, f\u00fcr die Offizierslaufbahn werben wollen. Ob er am Beispiel des Direktors nicht s\u00e4he, hatte der Leiter des Wehrkreiskommandos gesagt, wie allseitig gebildet Offiziere seien. N. hatte geantwortet, er habe eher den Eindruck, der Direktor sei \u201eeinseitig gebildet\u201c: Seine Erziehungsmethoden bewirkten, dass in der Schule nur noch gelernt und kaum mehr gedacht werde.)<\/em><\/p>\n<p>Die Fahne war noch nicht wieder eingeholt \u2013 das Einholen fand am Sonnabend statt \u2013, als der Sch\u00fcler N. gegen elf Stimmen und bei einer Enthaltung aus der Freien Deutschen Jugend ausgeschlossen wurde.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>(Vorher hatte eine Elternbeiratssitzung stattgefunden, nach der Eltern ihre Tochter aus dem Bett geholt hatten. \u201eDass du ja nicht f\u00fcr den stimmst! \u2026 Dass du ja nichts zugunsten von dem sagst! &#8230;\u201c Der Elternbeiratssitzung waren Klassenversammlungen gefolgt: \u201eWer f\u00fcr N. stimmt, entfernt sich vom Standpunkt der Arbeiterklasse.\u201c Schlie\u00dflich hatte jeder der Sch\u00fcler, die als Diskussionsredner ausgew\u00e4hlt worden waren, eines der schwarzen Steinchen zugeteilt bekommen, aus denen das schwarze Bild zusammengesetzt werde sollte: \u00dcberheblichkeit\u2026 Thesen zur Verunsicherung der Mitsch\u00fcler\u2026 Radikale Ansichten. Dabei hatte eine Sch\u00fclerin entt\u00e4uscht, indem sie gefragt hatte, wieso dann N. w\u00fcrdig gewesen w\u00e4re, Berufsoffizier zu werden.)<\/em><\/p>\n<p>Dreimal noch duldete es die Fahne, dass der Sch\u00fcler N. unter ihr stand, w\u00e4hrend sie aufstieg, mit zunehmender H\u00f6he immer gemessener, um die Mastspitze exakt beim letzten Fanfarensto\u00df des Fanfarenzuges zu erklimmen. Dann wurde N. vom Unterricht beurlaubt. Seines n\u00e4chsten Freundes nahm sich der Klassenlehrer an. \u201eWenn Sie den von unserer Seite abgebrochenen Kontakt zu N. aufrechterhalten sollten, k\u00f6nnen wir ganz leicht den Kontakt zu Ihnen abbrechen.\u201c<\/p>\n<p><em>(Der Leiter des Wehrkreiskommandos sagte zur Mutter des N.: Ich habe die \u00c4u\u00dferung Ihres Sohnes weder als Beleidigung meiner Person, noch als Beleidigung der Offiziere der Nationalen Volksarmee empfunden. Aber ich kann Ihnen in diesem Fall nicht helfen.\u201c)<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>In Berlin wurde dem Antrag der Schule auf Relegierung des Sch\u00fclers N. stattgegeben.<\/p>\n<p><em>(\u201eIch teile Ihnen hierdurch mit, dass Ihr Sohn\u2026 von allen Erweiterten Oberschulen der Deutschen Demokratischen Republik ausgeschlossen wurde. Die Gr\u00fcnde und Ursachen sind Ihnen bekannt. Wir hoffen, dass diese Ma\u00dfnahme dazu f\u00fchrt, dass Ihr Sohn\u2026 zur Einsicht kommt in Hinblick auf sein Verhalten gegen\u00fcber den Anforderungen, die an einen jungen Staatsb\u00fcrger der Deutschen Demokratischen Republik gestellt werden m\u00fcssen.\u201c)<\/em><\/p>\n<p>Zu bestimmten Anl\u00e4ssen steht der Direktor der Erweiterten Oberschule in X. in Uniform neben der Fahne.<\/p>\n<p>Dann ging alles irgendwie sehr schnell, auch in meiner Erinnerung: Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband im Herbst 1976, seine endlosen K\u00e4mpfe gegen die jetzt gegen ihn und seine Familie gerichtete geballte Macht des Staates. Umsonst schon wartete ich in Freiberg vor einer Kirche auf ihn; die Veranstaltung der Evangelischen Studentengemeinde fiel aus. Reiner Kunze durfte keine Lesungen mehr halten. Ein Kesseltreiben gegen ihn hatte eingesetzt. Und noch immer hatte er die Kraft, trotz seiner Erkrankung, ein Einschreiben an Honecker zu schicken:<\/p>\n<p>\u2026 Meine dringende Bitte, helfen Sie zu verhindern, dass dem jungen hochbegabten Schriftsteller J\u00fcrgen Fuchs und all den unbekannten B\u00fcrgern in der DDR, die sich im Zusammenhang mit der Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns und meinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband eine eigene Meinung gebildet und diese ge\u00e4u\u00dfert haben, weiterhin Leid zugef\u00fcgt wird\u2026<\/p>\n<p>Am 13. April 1977 verlie\u00df die Familie Kunze die DDR. Ich schrieb das Gedicht \u201eTh\u00fcringische Legende\u201c, einen Abschiedsgru\u00df:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>TH\u00dcRINGISCHE LEGENDE<\/strong><\/p>\n<p><em>f\u00fcr Reiner Kunze<\/em><\/p>\n<p>Einen hat man<\/p>\n<p>vertrieben.<\/p>\n<p>Dem zog der Jasmin nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er lie\u00df aber noch stehen<\/p>\n<p>ein Glas Tee aus Schweigen<\/p>\n<p>das keiner mehr Zeit fand<\/p>\n<p>auszutrinken<\/p>\n<p>bevor es bitter war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geschrieben wenige Tage nach der Ausb\u00fcrgerung der Familie Kunze aus der DDR und aus Greiz\u2026, im Herbst 1979 wurde ich daf\u00fcr und wegen vier anderer Gedichte der Staatsfeindlichen Hetze angeklagt und im Fr\u00fchjahr 1980 nach sechs Monaten Untersuchungshaft beim Staatsicherheitsdienst auf dem Ka\u00dfberg in Karl-Marx-Stadt zu 27 Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt. Im Verh\u00f6r fragte mich der Stasi-Vernehmer, ein Major: \u201eWer ist denn dieser <em>Jasmin<\/em>, Rachowski!?\u201c.<\/p>\n<p>Keiner meiner Bekannten und Freunde, die \u00fcber meine Zu-Arbeit zu Reiner Kunzes \u201eDie wunderbaren Jahre\u201c bescheid wussten, verriet mich an das Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit, auch nach tagelangen Verh\u00f6ren nicht. Es h\u00e4tte mir einige Jahre Gef\u00e4ngnis zus\u00e4tzlich eingebracht. Diese Freunde waren wirkliche Freunde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Im sp\u00e4ten Herbst 1979 begab sich eine Rentnerin aus Reichenbach im Vogtland auf Verwandtenbesuch nach Hessen, sie benutzte den sogenannten \u201eInterzonen-Zug\u201c von Warschau nach Frankfurt am Main, der am Nachmittag jeden Tages wie selbstverst\u00e4ndlich auch in Reichenbach im Vogtland hielt. \u201eIm traurigen Monat November war\u2019s \/ Die Tage wurden tr\u00fcber, \/ Der Wind ri\u00df von den B\u00e4umen das Laub, \/ Da reist <em>sie<\/em> nach Deutschland hin\u00fcber\u2026\u201c, bin ich versucht zu sagen. \u2013 Aber das wusste ich nicht, kannte nur Heines Eingang zum \u201eWinterm\u00e4rchen\u201c , und das Einf\u00e4rben der Bl\u00e4tter an den B\u00e4umen hatte ich in diesem Herbst 1979 nicht mehr sehen k\u00f6nnen und miterleben, denn ich sa\u00df seit meiner Verhaftung an einem fr\u00fchen sonnigen Oktobertag in einer Einzelzelle mit Glasziegel-Fenstern des Stasi-Untersuchungsgef\u00e4ngnisses Karl-Marx-Stadt und wartete auf das t\u00e4glich mehrst\u00fcndige Verh\u00f6r.<\/p>\n<p>Die mit der Mutter meiner Schw\u00e4gerin befreundete Rentnerin aber kam an diesem Tag im November gut \u00fcber die innerdeutsche Grenze bei Eisenach, nur wenig kontrolliert von den mit Bauchl\u00e4den und Fahndungsbuch durch den Zug patrouillierenden Uniformierten, die auch nicht vers\u00e4umt hatten, wie immer, ihre Sch\u00e4ferhunde \u00fcber die gesamte L\u00e4nge des Zuges unter den Waggons entlangzuschicken. \u2013 Und doch war es geschehen, dass dem Gesicht der Rentnerin und besonders den Wangen w\u00e4hrend der Kontrolle ihres Ausweis-Dokuments eine leichte R\u00f6te angeflogen war, \u00fcber deren Ursache sie sich in vollem Bewusstsein befand, nicht etwa Scham, zu sch\u00e4men hatten sich in diesen Zeiten, die es nicht taten, sondern nacktes Erschrecken, keineswegs aber Angst, war in diesem Moment \u00fcber ihren Mut gekommen. Vielleicht d\u00e4mpfte, so hoffe ich noch immer, ihren jetzt leicht beschleunigten Herzschlag zumindest optisch ein wenig, und daher f\u00fcr die Uniformierten unsichtbar, gerade der in ihrem Mantel eingen\u00e4hte Brief, den sie mutig aus den H\u00e4nden meiner Verwandtschaft an sich und schlie\u00dflich mit auf ihre Reise genommen hatte. \u00dcber <em>diese<\/em> Grenze. Auf dem Umschlag war ausgewiesen als Adressat: Herr Reiner Kunze \u2013 \u00fcber S. Fischer Verlag \u2013 Frankfurt am Main. In Hessen bei ihrer Verwandtschaft angekommen, klebte die Rentnerin auf den, nun aus dem Futter ihres Mantels herausgetrennten Brief, eine Marke, ohne sich vielleicht um deren Motiv weiter zu k\u00fcmmern, und schickte ihn auf seinen, den ihm bestimmten Weg. Der Brief erreichte seinen Adressaten, und der Dichter Reiner Kunze erfuhr, dass ich im Gef\u00e4ngnis sa\u00df unter dem Vorwurf der \u201estaatsfeindlichen Hetze\u201c, wegen meiner Gedichte.<\/p>\n<p>Viele Male fuhr Reiner Kunze damals dann mit dem Nachtzug den langen Weg von Passau nach Bonn, um mit beginnendem Tag dort beizutragen innerhalb einer Kommission, deren Vorsitzender zu dieser Zeit gerade Helmuth Kohl war, die politische H\u00e4ftlinge der DDR auf eine Liste f\u00fcr Verhandlungen setzte, um deren \u201eFreikauf\u201c zu erreichen. \u2013 \u201eSie sind der F\u00fcnfzehnte, den wir raushaben!\u201c, schrieb mir Reiner Kunze sp\u00e4ter auf einer ersten Postkarte, als ich nach einem Jahr und zwei Monaten in den Gef\u00e4ngnissen von Karl-Marx-Stadt und Cottbus endlich nach Westberlin gelangt war.<\/p>\n<p>Diese erste Postkarte nach meiner Entlassung und Ausb\u00fcrgerung bewahre ich nat\u00fcrlich: \u201eDas sch\u00f6nste Weihnachtsgeschenk f\u00fcr uns\u201c ,schrieb Reiner Kunze darauf, und Elisabeth Kunze h\u00e4ngte eine Postanweisung \u00fcber 300 D-Mark an. Dann ein erstes Wiedersehen in Westberlin, in der Fontanehalle in Reinickendorf. Reiner Kunze las vor 400 Menschen. Immer wieder sporadischer Briefwechsel. Ich schickte ihm meine ersten Erz\u00e4hlungen, die im Westen entstanden waren. Er riet mir, mich \u201evon nichts und niemanden irgendwie zu einer Art <em>Produktion<\/em> bewegen zu lassen, schreiben Sie nur, was Sie schreiben <em>m\u00fcssen<\/em>\u201c, und: \u201eWovon wollen Sie leben?\u201c Eine Frage, die ich in den Wind schlug, und wie dieser Fehler mir 10 Jahre lang schwer auf die F\u00fc\u00dfe fiel. Ich wusste es nicht. Sp\u00e4ter fragte das Kreuzberger Finanzamt bei mir an, nachdem ich meine Eink\u00fcnfte gemeldet hatte, wovon ich \u00fcberhaupt leben w\u00fcrde. Von Freundschaft, Liebe und Zigaretten. Das aber, teilte ich weder den Kunzes noch dem Finanzamt mit.<\/p>\n<p>Immer wieder kamen die Ermutigungen der Familie Kunze, wenn ich ein neues Buch von mir schickte oder auch nur ein einziges Gedicht: \u201eVon Ihnen lesen wir immer gern Neues!\u201c, schrieben sie. Von diesen und den Ermunterungen anderer Kollegen, wie Hans Joachim Sch\u00e4dlich, Wolf Biermann und Bernd Jentzsch, lebte ich auch.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Fuchs erz\u00e4hlte mir in seiner Tempelhofer K\u00fcche, wo ich beinahe t\u00e4glich zu Gast weilte, <em>Am Sonnenhang<\/em>, im Garten der Familie Kunze, h\u00e4tte jemand alle frisch gepflanzten jungen B\u00e4ume dicht unter der Oberfl\u00e4che in der Erde durchgeschnitten. Sie seien daraufhin verdorrt, ohne dass die Ursache anf\u00e4nglich zu erkennen gewesen sei. Den Fuchsens schickten diese gleichen Leute Rattenvertilgerfirmen und Pornohefte ins Haus. Die Aufbewahrungsorte meiner Manuskripte in dem Kreuzberger Hinterhaus, wo ich mit Christian Kunert von der Renft-Combo und dem Dichter und Liedermacher Salli Sallmann lebte, wo auch Manfred Krug, Veronika Fischer und Roland Jahn ein- und ausgingen, unsere Wege, unsere Besuche, alles fanden wir akribisch aufgezeichnet, als wir sehr viel sp\u00e4ter die \u00fcber uns angelegten Akten einsehen konnten, es war eine Zeit, etwas wie Krieg. Etwas, was auch die Freiheit unseres neuen Lebens mit einem st\u00e4ndigen Schatten belegte und ein anf\u00e4ngliches Aufatmen, zumindest f\u00fcr mich, bald wieder erstickte.<\/p>\n<p>So nahm ich den Fall der Berliner Mauer im November 1989 auch als pers\u00f6nliche Befreiung wahr, <em>meine<\/em> Leute, die aus dem Osten, befreiten mich aus dem Westberliner Getto, meinem deutschen Exil. So empfand ich das und sehe es noch immer so. Nach \u00fcber 10 Jahren durfte ich meine Mutter und die Familie meines Bruders wiedersehen.<\/p>\n<p>Mit Elisabeth und Reiner Kunze f\u00fchrten mich neben dem sporadisch gef\u00fchrten Briefwechsel immer auch wieder Veranstaltungen und Lesungen zusammen, zu denen wir eingeladen wurden. Unvergesslich ein Kolloquium in Chemnitz zum Thema \u201eB\u00f6hmen am Meer\u201c. Nach dem ersten langen Tag dort, am Abend beim gemeinsamen Ausklang mit einem Glas Wein, viele Kollegen, auch Wissenschaftler, sa\u00dfen mit am Tisch, sagte Reiner Kunze pl\u00f6tzlich mitten in die gro\u00dfe Runde hinein, beinahe wie aus heiterem Himmel und ohne eigentlichen Anlass: \u201eUtz Rachowski ist mein Kollege, wir kennen uns lange Zeit, wer ihn angreift, der greift auch mich an\u201c. Beinahe ist es mir peinlich, dies hier aufzuschreiben, in diesem Bezug auf mich selbst, aber so <em>ist<\/em> Reiner Kunze: f\u00fcrsorglich sch\u00fctzend. Vorsichtshalber auch f\u00fcr Zuk\u00fcnftiges, wenn die alten Funktion\u00e4re und Seilschaften ihr Medusenantlitz wieder erheben w\u00fcrden. Gegen ihn <em>und<\/em> gegen\u00fcber seinem Kollegen.<\/p>\n<p>Ich habe ein sehr pers\u00f6nliches Dichtergestirn an <em>Vorbildern<\/em>: J\u00fcrgen Fuchs war f\u00fcr mich immer der nahe Freund noch aus der Schulzeit, mit dem ich durchs dicke und d\u00fcnne Leben ging, und der mich auch mal zurechtweisen durfte, Wolf Biermann immer der warmherzige Kumpel, dem man einfach verzeiht, dass er wie ein Planet stets um sich selbst kreist, und wir J\u00fcngeren sind nur seine Trabanten, Hans Joachim Sch\u00e4dlich ist der nahe und kluge und witzige Gespr\u00e4chsfreund bei regelm\u00e4\u00dfigen Treffen in Berlin zum gemeinsamen Mittagessen, zum Nachtisch l\u00e4stern wir nat\u00fcrlich ein wenig \u00fcber Kollegen, die dies verdient haben.<\/p>\n<p>Reiner Kunze aber und seine Gattin sind f\u00fcr mich von Anfang an gewesen \u2013 und geblieben \u2013 die warmen gebenden Menschen, sehr nahe und doch auf beinahe verkl\u00e4rte Weise in jener Distanz, diesem Abstand, der das umfassend wahrnehmende Aufschauen zu einem Menschen erst m\u00f6glich macht, die mir Hoffnung, Schutz und Sinn gaben, <em>vorlebten<\/em>, dass es Sinn hat und ein einmalig gegebenes Gl\u00fcck ist, auf der Welt zu sein und deren vielf\u00e4ltigen Anfeindungen zu widerstehen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr danke ich Ihnen in Liebe, den Sinnstiftern auf sensiblen Wegen, Elisabeth Kunze und Reiner Kunze.<\/p>\n<p>Nachsatz:<\/p>\n<p>Jetzt wird J\u00f6rg Bernig als n\u00e4chster vortragen, der Freund, Autor und Literaturwissenschaftler, und f\u00fcr morgen rufe ich Ihnen, lieber Reiner Kunze, schon mal ermutigend zu:<\/p>\n<p>NACH UNS DIE GERMANISTIK!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u00a0Reichenbach und Dresden im Mai 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DER SINNGEBER Meine wunderbaren Jahre mit Reiner Kunze \u2013 als Leser, Mitwirkender und Kollege. (Rede anl\u00e4sslich des Festaktes der Universit\u00e4t Dresden zum 80. Geburtstag von Reiner Kunze.) I In einem Nachbarland meiner fr\u00fchen Jugend geschah eines Tages ein Wunder. 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