{"id":474,"date":"2011-01-11T08:53:09","date_gmt":"2011-01-11T12:53:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/"},"modified":"2011-01-11T11:08:21","modified_gmt":"2011-01-11T15:08:21","slug":"susanne-schadlich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/susanne-schadlich\/","title":{"rendered":"Susanne Sch\u00e4dlich"},"content":{"rendered":"<p><strong>The best to those who wait<\/strong><\/p>\n<p>Sagen wir, ich spiele im Sand, nachdem wir lange am Strand gelaufen sind, du so schnell, dass ich kaum nachgekommen bin. Du sitzt auf einer Mole, Papier auf den Knien und ein Buch und schreibst. Ich wei\u00df nicht, was du schreibst, aber es sieht aus, als schriebest du aus dem Buch ab. Da\u00df du auf der Mole in G\u00e4rten gesessen hast in einer fremden Sprache, erfahre ich erst, als ich ein Buch bekomme.<\/p>\n<p>Sagen wir, wir sitzen am E\u00dftisch im E\u00dfzimmer. Abendbrotzeit. Stullen und Wurst. Gurken. Auf einem Teller liegt ein rotes Gem\u00fcse.<\/p>\n<p>Was ist das, frage ich.<\/p>\n<p>Probier doch mal, sagst du.<\/p>\n<p>Ich bei\u00dfe in das rote Gem\u00fcse. Mein Mund brennt, und ich renne ins Bad zum kalten Wasser. Du lachst.<\/p>\n<p>Sagen wir, auf einem Tisch steht ein elektrischer Puppenherd. Auf dem Herd steht ein Topf, darin Nudelsuppe. Die Nudelsuppe habe ich gekocht und habe gesagt, du mu\u00dft sie essen. Du sitzt in der K\u00fcche und i\u00dft von einem Puppenteller mit einem Puppenl\u00f6ffel. Du sagst, schmeckt gut.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich sage, das ist meins.<\/p>\n<p>Deins ist, was der Hund schei\u00dft, sagst du.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich sitze in deinem Zimmer. In dem Zimmer steht ein Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch liegt eine braune Lederhaut, die ich mir gerne ansehe, weil du darauf gekritzelt hast. In dem Zimmer steht eine Liege, wei\u00dfes Gestell, blaue Matratze. In dem Zimmer stehen die W\u00e4nde voller B\u00fccher. Du liest aus einem Buch vor, in dem ein Zauberer einem Kind die Worte stiehlt. Ich bin eine der ersten, die das h\u00f6ren darf.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich sitze am Tisch. Mittagessen. Ich habe einen Kaugummi im Mund und lasse Blasen knallen.<\/p>\n<p>La\u00df das, sagst du.<\/p>\n<p>Ich lasse eine Blase knallen.<\/p>\n<p>Kopfnuss, sagst du und pochst kr\u00e4ftigt mit dem Fingerknochen auf meinen Kopf.<\/p>\n<p>Sagen wir, du nimmst eine Plastiksch\u00fcssel, stellst sie auf den Herd, hebst mich hoch, setzt mich hinein, schaltest den Herd an und sagst, jetzt wirst du gekocht. Ich weine.<\/p>\n<p>Meistens sitzt du am Schreibtisch und schreibst und rauchst Pfeife. Sagen wir, wenn deine Zimmert\u00fcr zu ist, soll sie auch zu bleiben. Ich mache sie trotzdem auf. Manchmal liegst du auf dem R\u00fccken auf der Liege mit dem wei\u00dfen Gestell und der blauen Matratze, die H\u00e4nde gefaltet \u00fcber dem Bauch und schnarchst und pfeifst. Den Anblick stehle ich mir. Ich glaube, du wei\u00dft, da\u00df ich dort stehe.<\/p>\n<p>Manchmal lutschst du eine Lakritzstange, wenn du am Schreibtisch sitzt. Ich darf ins Zimmer kommen, nachdem ich lange an der T\u00fcr gestanden habe. Du gibst mir eine Lakritzstange, ich rei\u00dfe das d\u00fcnne Zellophanpapier ab, und wir spielen Zigarre rauchen.<\/p>\n<p>Sagen wir, ein Zirkus ist in der Stadt. Du nimmst mich an die Hand, wir fahren mit der Bahn und laufen durch graue Stra\u00dfen. Sp\u00e4ter sitzen wir in einem gro\u00dfen bunten Zelt voller Leute ganz allein und sehen L\u00f6wen, Elefanten und Clowns.<\/p>\n<p>Sagen wir, wir m\u00fcssen das Land verlassen, in dem nur die Zirkuszelte bunt sind und die Menschen wie Clowns, oder Elefanten und L\u00f6wen in der Manege. Wir verlassen das Land und kommen nicht wieder. Wo wir danach sind, ist deine Seele nicht.<\/p>\n<p>Sagen wir, als deine Seele noch nicht da ist, hast du einen Schlafanzug an und gehst in der Wohnung auf und ab, als wolltest du ankommen. Ich komme nachmittags von der Schule und bleibe, weil die Mutter arbeiten muss und die Schwester im Kindergarten ist. Aber einmal will ich gehen. Du nimmst Teller und wirfst sie in die K\u00fcche.<\/p>\n<p>Sagen wir, als deine Seele ankommt, wohnst du l\u00e4ngst in einer anderen Wohnung und ich auch. Gegen\u00fcber von deiner Wohnung steht eine alte Fabrik. Die Gegend mag ich nicht und auch nicht deine Wohnung. Ich gehe meinen Weg, und du gehst deinen. Ich komme nur manchmal zu Besuch. Ich mache Abitur und suche etwas zu tun. Ich spreche mit deinem Bruder und nicht mit dir. Wir unterhalten uns nur noch selten. Und wenn, dann nie \u00fcber das, was war, noch \u00fcber das, was kommt. Nur \u00fcber das, was ist. Das ist nicht viel.<\/p>\n<p>Weil es vielleicht etwas zu tun gibt in der anderen H\u00e4lfte der Stadt, h\u00f6re ich auf deinen Bruder, der mit mir spricht und mich abholt in der anderen H\u00e4lfte der Stadt, in der einmal die Liege mit dem wei\u00dfen Gestell und der blauen Matratze stand und mich zu M\u00e4nnern bringt, die mich ausfragen.<\/p>\n<p>Als du davon erf\u00e4hrst, sagst du, ich will dich nie mehr sehen. Du hast mich verraten.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich ziehe in eine Stadt, in der Mutter wohnt.\u00a0 Manchmal telefonieren wir. Viel \u00f6fter kommt dein Bruder dorthin, bevor wir wissen, wer er ist. Einmal begleite ich ihn, als er wieder abf\u00e4hrt, im Zug, bis ich aussteigen muss, weil ich nicht dahin fahren darf, wo er hinf\u00e4hrt. Er fragt mich aus \u00fcber vieles und \u00fcber dich. Da\u00df er der Verr\u00e4ter war, sagen wir uns Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Sagen wir, in der Stadt, in der die Mutter wohnt, will ich auch nicht mehr sein, und deshalb besteige ich ein Flugzeug und fliege fort. Weil das, was war, noch zu sehr das bestimmt, was und wie es ist, und deshalb nichts anderes kommt.<\/p>\n<p>Nachdem ich weggeflogen bin, liegen neun Stunden Zeitunterschied zwischen uns und ich wei\u00df nicht, wie viele unausgesprochene Worte.<\/p>\n<p>Sagen wir, als ich schon eine Weile weit weg bin, schreibst du in einem Brief, la\u00df den Unsinn, komm zur\u00fcck und sei vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich schreibe zur\u00fcck, du hast nichts verstanden.<\/p>\n<p>Sagen wir, danach h\u00f6re ich zu lange nichts von dir.<\/p>\n<p>Sagen wir, du schreibst sp\u00e4ter in einem Brief, ich habe alles verstanden. Bleib. Sei vern\u00fcnftig. Vielleicht kommst du irgendwann einmal wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als wir uns wiedersehen, verbringen wir drei Tage in einer Stadt, die wir beide nicht kennen. Wir laufen durch Stra\u00dfen, wir essen in Restaurants, wir gehen an einer Mauer entlang mit 40.000 Namen, in der sich ein wei\u00dfes Haus spiegelt. Wir besuchen eine Kirche, in der getanzt wird und gesungen. Wir treffen Freunde von dir und wir reden. \u00dcber das, was war, \u00fcber das, was und wie es ist, und \u00fcber das, was vielleicht noch kommt.<\/p>\n<p>Du fliegst zur\u00fcck, ich bleibe. Wir schreiben uns.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich komme in die Stadt, die einmal zwei H\u00e4lften war, und bleibe f\u00fcr ein Jahr. Du wohnst in einer neuen Wohnung. Ich mag die Gegend und auch deine Wohnung. Wir gehen gemeinsam Wege und reden, \u00fcber das, wie es ist und \u00fcber das, was vielleicht noch kommt. Selten, \u00fcber das, was war.<\/p>\n<p>Bevor das Jahr vorbei ist, reden wir \u00fcber das, was war. Du bleibst. Und wir schreiben uns.<\/p>\n<p>Sagen wir, du schreibst, ich bin sehr froh dar\u00fcber, da\u00df wir uns in diesem Jahr so gut kennengelernt haben. Ich habe viele W\u00fcnsche f\u00fcr dich im Kopf. Da\u00df dein Geist heiter gestimmt ist und dein Leib gefestigt. Ich denke unentwegt an dich und umarme dich, dich fest und froh, auf da\u00df du sicher wei\u00dft, wie lieb ich dich habe.<\/p>\n<p>Sagen wir, ich schreibe, einen himmlischen Tag deiner Geburt w\u00fcnsche ich dir, und ein Wunsch nach dem anderen soll sich erf\u00fcllen. Leider bin ich so weit fort und einzig meine Gedanken k\u00f6nnen bei dir sein, aber sei dir gewi\u00df, sie sind es allerherzlichst. Nach all den Jahren des sich einander Fremdseins genie\u00dfe ich die erst versuchte und nun doch erlangte N\u00e4he. Die Amerikaner sagen: the best to those who wait.<\/p>\n<p>Ich sage, wir brauchen nicht mehr zu warten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The best to those who wait Sagen wir, ich spiele im Sand, nachdem wir lange am Strand gelaufen sind, du so schnell, dass ich kaum nachgekommen bin. Du sitzt auf einer Mole, Papier auf den Knien und ein Buch und schreibst. 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