{"id":4754,"date":"2015-06-08T14:41:26","date_gmt":"2015-06-08T18:41:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4754"},"modified":"2015-06-08T15:15:38","modified_gmt":"2015-06-08T19:15:38","slug":"michael-augustin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/most-recent-issue-glossen-402015\/michael-augustin\/","title":{"rendered":"Michael Augustin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Laudatio auf G\u00fcnter Kunert<\/strong><br \/>\nanl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Kunstpreises des Landes Schleswig-Holstein am 30.Oktober 2014 in der Kieler Kunsthalle<\/p>\n<p>Sie werden sich vielleicht etwas wundern, wenn ich meine kleine Laudatio auf G\u00fcnter Kunert mit einer Frage beginne, die zwar in dieser heiligen Halle der Kunst durchaus angemessen sein mag, aber zun\u00e4chst doch etwas abseitig erscheinen m\u00f6chte: Kennen Sie Salvador Dal\u00eds Gem\u00e4lde: &#8220;La girafe en feu&#8221; (Die brennende Giraffe)? Ein Bild, das er in jenem fatalen Jahr 1936\/37 gemalt haben soll, als sich die reaktion\u00e4ren Truppen des Generals Franco auf die junge spanische Demokratie st\u00fcrzten und sich anschickten, den Menschen in jenem europ\u00e4ischen Land f\u00fcr Jahrzehnte das Licht auszublasen. Auf dem Bild ist tats\u00e4chlich auch eine Giraffe zu sehen, die in Flammen steht, aber was bei den meisten Betrachtern in Erinnerung bleiben d\u00fcrfte, ist eine Frau, die im Zentrum des Bildes zu sehen ist, im Vordergrund, und die zu einem gro\u00dfen Teil aus mehr oder weniger weit aufgezogenen Schubladen besteht. Ein bestechendes und schwer aus dem Ged\u00e4chtnis zu tilgendes Bild: ein Schubladenmensch! Ein symbolreich sprechendes Bild, an dem mit Sicherheit ein gewisser Dr. Freud seine Freude gehabt h\u00e4tte, der Seelenarzt aus der Wiener Berggasse Nr.19, der zum Zeitpunkt des Entstehens dieser Malerei vielleicht schon ahnte, das er in K\u00fcrze w\u00fcrde fl\u00fcchten m\u00fcssen vor der braunen Pest in Deutschland, die schlie\u00dflich so fatal \u00fcberschwappen sollte ins Nachbarland \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>G\u00fcnter Kunert war damals sieben oder acht Jahre alt und lebte als Indianer in Berlin. Als fr\u00fch lesekundiger, gelegentlich Sessel durchschie\u00dfender und immer auf Spurensuche befindlicher Stubenindianer; Sohn einer j\u00fcdischen Mutter und eines \u201earischen\u201c Vaters, eine Konstellation, die ihm und seiner Mutter das Leben rettete, im Gegensatz zu vielen seiner Verwandten,  zu Freunden der Familie und Nachbarn. Wenn Sie, meine Damen und Herren, das Buch, in dem diese hier nur angetickten Verh\u00e4ltnisse en detail beschrieben sind, noch nicht kennen sollten, dann rate ich Ihnen, schon morgen fr\u00fch zum Beispiel die Buchhandlung Cordes oder \u00e4hnliche Fachh\u00e4ndler des gedruckten Wortes aufzusuchen und alle Hebel in Bewegung zu setzen, um in den Besitz dieser bereits 1997 im Hanser Verlag publizierten Teillebensgeschichte zu geraten \u2013 antiquarisch oder druckfrisch eingelagert. Sie werden es nicht bereuen, denn auf den fast 500 Seiten der <em>Erwachsenenspiele<\/em> finden Sie das wohl vollst\u00e4ndigste, farbenst\u00e4rkste, tiefensch\u00e4rfste, selbstironischste, herzerw\u00e4rmendste (und zugleich herzzerreissendste) Selbstportr\u00e4t des Dichters. Ein deutsches Geschichts- und Geschichtenbuch auf die Jahre 1929 bis 1979, das ich, w\u00e4re ich zuf\u00e4llig Ministerpr\u00e4sident eines norddeutschen Bundeslandes, meiner Bildungsministerin in die Hand dr\u00fccken w\u00fcrde mit den Worten: \u201eBitte lesen Sie das doch mal und pr\u00fcfen Sie, ob man es nicht unbedingt aufnehmen sollte in den Literaturkanon unserer Abiturienten\u2026.aber bitte nicht vergessen, mir das Buch dann wiederzugeben!\u201c <\/p>\n<p>In <em>Erwachsenenspiele<\/em> ist auch das Schwarz auf Wei\u00df nachzulesen, was G\u00fcnter Kunert mir bei anderer Gelegenheit schon im Originalton in das Radio Bremen-Mikrophon erz\u00e4hlt hat: dass er n\u00e4mlich nicht nur als schwerbewaffneter Indianer f\u00fcr Furcht und Schrecken sorgte, sondern sich auch als Arch\u00e4ologe und Geheimniserforscher einen Namen machte. Schon in fr\u00fcher Zeit n\u00e4mlich versp\u00fcrt der Junge eine geradezu unb\u00e4ndige Lust auf das Kramen in F\u00e4chern (wie \u00fcbrigens auch eines seiner B\u00fccher hei\u00dft, erschienen 1968 im Aufbau-Verlag) und auf das St\u00f6bern, W\u00fchlen, Forschen und Suchen in Schubladen aller Art, nicht nur zu Hause in der elterlichen Wohnung, sondern buchst\u00e4blich \u00fcberall dort, wo der Junge gerade in Begleitung seiner Mutter zu Besuch weilt. Ein offenbar zielgerichtet quengelnder Bengel, der erst dann Ruhe zu geben bereit ist, wenn das quietschende Ger\u00e4usch ert\u00f6nt, welches das oben offene Beh\u00e4ltnis von sich gibt, wenn es \u00fcber die seitlich angebrachten Schienenf\u00fchrungen horizontal aus dem Schranke gezogen wird. Und Sie ahnen nun schon, worauf ich hinaus will: wir haben es hier offensichtlich abermals mit einem Schubladenmenschen zu tun. Diesmal ohne Dal\u00eds brennende Giraffe im Hintergrund, aber mit G\u00fcnter Kunert im Vordergrund (und Sigmund Freud im Hinterkopf).<\/p>\n<p>Ich habe nicht viel Zeit, besonders viele dieser Kunert-Schubladen herauszuziehen, doch wenigstens einige davon m\u00f6chte ich doch gern coram publico inspizieren und Ihnen erz\u00e4hlen, was ich darin finde:<\/p>\n<p>Da ist zum Beispiel die Schublade mit den Fotos der Freunde und Weggef\u00e4hrten, von denen ich einige erkenne: Nicolas Born zum Beispiel und viele auch pers\u00f6nlich kenne, wie den einige Jahre \u00e4lteren Ralph Giordano, mit dem mein Kollege Walter Weber und ich Anno 2009 in K\u00f6ln ein wunderbares Gespr\u00e4ch \u00fcber den damals auf seinen 80. Geburtstag zusteuernden Kunert gef\u00fchrt haben. \u201eZun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich sagen\u201c, so Giordano damals in seinem unverkennbar Hamburgischen Zungenschlag, \u201eda\u00df die Weltsicht von G\u00fcnter Kunert eher pessimistisch, ja fatalistisch ist, aber wenn man genauer hinhorcht, dahinter, dann bleibt ein Funken Hoffnung. Irgendwo dahinter ist die Hoffnung, da\u00df die Menschheit schlie\u00dflich doch noch die Kurve kriegt, um es mal so auszudr\u00fccken.\u201c Originalton Giordano. Wolf Biermann, der alte Freund in Hamburg-Altona, hat es uns dann noch pointierter gesagt: \u201eKunert ist ein kreuzfideler Pessimystiker.\u201c Interessant, da\u00df auch Ulla Hahn ein ganz \u00e4hnliches Sprachbild zeichnete damals: \u201eEr ist wirklich der todtraurige Optimist oder der optimistische todtraurige Kunert. Ich denke aber, solange er schreiben kann, (\u2026) ist er immer ein lebensbejahendes Individuum. (\u2026) Das Ausdr\u00fcckenk\u00f6nnen, das h\u00e4lt ihn am Leben\u201c. <\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Schublade k\u00f6nnte zum Beispiel neben vielem anderen Krimskrams aus der Nachkriegsfragmentenkollektion des G\u00fcnter Kunert ein kleines bronzenes, merkw\u00fcrdigerweise einbeiniges Pferd zu sehen sein, dem zur Erreichung einer gewissen Standfestigkeit drei Holzbeine angeflanscht worden sind, wohl auch zur Freude des auf dem Tiere reitenden Mannes mit Hut. Ein Bronzepferd, das es tats\u00e4chlich gibt und das man, wenn man rechtzeitig einen Besichtigungstermin in der Berliner Chausseestra\u00dfe Nr. 125 ausmacht, als real existierend be\u00e4ugen k\u00f6nnte, ein einbeiniges Reiterstandbildchen, das der junge Kunert Mitte der 50er Jahre verschenkt hat an einen gewissen B.B., den aus dem Exil zur\u00fcckgekehrten Kriminalromanleser, Frauenverbraucher, Dramatiker und Poeten Bert Brecht. In Brechts alter Wohnung, direkt am Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof, in Rufweite von seiner und Helene Weigels Grabst\u00e4tte, in Nachbarschaft Hegels, Fichtes, Schinkels und Johannes R. Bechers, im Sterbezimmer Bert Brechts steht es noch heute, das einbeinige Kunert-Geschenk an seinen fabelhaften F\u00f6rderer, der an dem jungen Kerl und Nachwuchspoeten einen gewissen Narren gefressen hatte und ihn dann auch gleich f\u00fcr die eine oder andere Arbeit einspannte, wie das in seiner Wortfabrik so \u00fcblich war. Niemals vergessen werde ich, wie G\u00fcnter Kunert mir einmal von einer Autofahrt mit Brecht erz\u00e4hlte, in dessen offenem Steyr-Coup\u00e9, wie der Brecht da auf die Tube dr\u00fcckte auf der Tour von Weissensee nach Berlin-Mitte, dass die Schals nur so im Winde flatterten\u2026und wie Brecht aus den Augenwinkeln auscheckte, ob sein Beifahrer etwa Anzeichen des Bammels zeigen w\u00fcrde, weil Brecht n\u00e4mlich &#8211; oh Horror! \u2013 freih\u00e4ndig fuhr!<\/p>\n<p>Na ja, die n\u00e4chste Schublade schieben wir gleich wieder zu, denn die darin wohlig zusammengerollten und schnurrenden Katzen  d\u00fcrfen und wollen wir nicht st\u00f6ren, Generationen von Kunertkatzen, die Eingang gefunden haben in seine B\u00fccher, denen komplette Druckwerke gewidmet sind, den Stadt- und Landkatzen, welche nicht etwa die Kunerts sich hielten \u00fcber all die Jahrzehnte hinweg, sondern es waren die Katzen, die sich ihre Kunerts hielten in Berlin und in Kaisborstel.<\/p>\n<p>Aha! Die Kaisborstel-Schublade ist jetzt also dran: merkw\u00fcrdigerweise enth\u00e4lt sie ein St\u00fcck Kreide, einen staubig-trockenen Schwamm und die Handfeuerwaffe des deutschen P\u00e4dagogen: einen Rohrstock. Was f\u00fcr ein Treppenwitz der Geschichte, da\u00df ausgerechnet G\u00fcnter Kunert, dem seine Schuljahre zu unseliger Zeit verg\u00e4llt und willk\u00fcrlich abgeschnitten wurden von linientreu braunen Paukern, dass ausgerechnet dieser libert\u00e4re, auf seine Weise antiautorit\u00e4re G\u00fcnter Kunert, die Gro\u00dfstadtpflanze, der Ausgebombte und Eingemauerte, der Asphaltcowboy und Stadtindianer auf dem flachen Lande \u201ezu leben gekommen ist\u201c, wie man es so sch\u00f6n umgangssprachlich doppeldeutig ausdr\u00fccken kann. Im Kreis Steinburg, Amt Schenefeld, zwischen Bundesstra\u00dfe 5 und  Autobahn 23, im ehemaligen Schulhause des Ortes Kaisborstel, wo einstmalen den plattdeutschen Kids die hochdeutsche Sprache, das kleine und das gro\u00dfe Einmaleins und was sonst noch alles eingebimst worden sind. \u00dcber Kaisborstel ist offiziell zu verlautbaren: \u201eDie Einwohnerzahl betrug im Jahr 1910 83, im Jahr 1939 82 und ist seither leicht r\u00fcckl\u00e4ufig.\u201c Hier, 16m \u00fcber dem Meeresspiegel, ist er trockenen Fu\u00dfes zum Schleswig-Holsteiner geworden vor gut 35 Jahren und damit in die Literaturgeschichte unseres Landes und ganz besonders dieser westk\u00fcstennahen Region eingegangen \u2014 neben dem Poeten Klaus Groth aus Heide, dem gro\u00dfen Erz\u00e4hler Theodor Storm aus Husum weiter n\u00f6rdlich und dem aus Wesselburen in Dithmarschen geb\u00fcrtigen Dramatiker Friedrich Hebbel, der \u00fcbrigens ein famoser Aphoristiker gewesen ist (was wir uns bitte schon mal merken wollen, denn vielleicht komme ich noch darauf zu sprechen). \u2013 Nat\u00fcrlich ist G\u00fcnter Kunert seit 1979 ungez\u00e4hlte Male gefragt worden, was ihn denn ausgerechnet hier an den Rand der bewohnten Welt, wo sich L\u00fctt Matten de Has, Swienegel und Maulwurf Moin, Moin sagen, gezogen h\u00e4tte. Das haben auch wir ihn treudoof gefragt f\u00fcr eine Radiosendung zu seinem 80zigsten und darauf eine Antwort erhalten, die ich hier und jetzt, auch zur Befriedigung Ihres eventuell angestachelten eigenen Fragebed\u00fcrfnisses, meine Damen und Herren, sozusagen im Originalton zitieren m\u00f6chte: <\/p>\n<blockquote><p>Es war eine Wiederentdeckung der Natur und auch meiner Natur, und ich w\u00e4re nie in eine Kleinstadt gezogen, wie Itzehoe zum Beispiel. Ich wollte eigentlich wirklich ohne Nachbar leben. Ich habe also auch ganz schlechte Erfahrungen mit Nachbarn gemacht, aber das ist nicht der einzige Grund. Ich wollte allein sein. In eben einer \u00fcberschaubaren Lage leben. Und das habe ich dann per Zufall hier gefunden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Schubladen, in denen  Kaisborstelania vom Feinsten verwahrt werden. Die Spielzeugschublade zum Beispiel, prall gef\u00fcllt mit Flugzeugmodellen und Indianerfiguren, Micky M\u00e4usen und Panzerhaubitzen, einer Heerschar mehr oder weniger zu unglaublichem Tun bef\u00e4higter Roboter aus historischer \u00f6stlicher wie westlicher Produktion, Blechautos und gu\u00dfeiserne Stra\u00dfenbahnen, Spieldosen, Fesselballons und Lokomotiven. \u201aAha\u2018, sagt Sherlock Holmes, und schiebt die Lade wieder dicht. \u201aKombiniere: Alter sch\u00fctzt vor ewiger Kindheit nicht. Haben es hier mit einem passionierten Spielzeugsammler zu tun!\u2018 Und recht hat er. Und recht ist es, wie sich diese \u00fcberbordende Spielzeugkollektion zu Kaisborstel, liebevollst ausgebreitetet \u00fcber mehrere R\u00e4ume, als exorzistisches Handwerkszeug betrachten l\u00e4\u00dft, mit dem letzte Reste schulischen Miefs f\u00fcr immer hinausgefegt wurden. Und als begehbare Tr\u00f6stung f\u00fcr einen, dem die Kindheit  staatlich verpfuscht worden ist.<\/p>\n<p>Ha! Da haben wir ihn ja in der Tat im n\u00e4chsten Schubfach, den Kollegen Vorg\u00e4nger aus dem 19.Jahrhundert, Friedrich Hebbel\u2026in Gestalt seiner Tageb\u00fccher. Ihm zur Seite die aus dem Jahrhundert zuvor stammenden unersch\u00f6pflichen Sudeleien des G\u00f6ttinger Professors Georg Christoph Lichtenberg, daneben Kafka mit seiner kleinen und klitzekleinen Prosa, etwas von Theobald Tiger und Peter Panther, vulgo Kurt Tucholsky\u2026und ein kleiner Zettel, eine Kartei-, eine Stellvertreterkarte, auf der zwei englische W\u00f6rter zu lesen sind: ein Adjektiv und ein Substantiv: BIG BOOK.  Das Geschriebene, das zu diesem Titel geh\u00f6rt, das w\u00fcrde n\u00e4mlich nie und nimmer in diese Schublade hineinpassen, wie es eigentlich \u00fcberhaupt in gar keine Schublade hineinpa\u00dft. N\u00e4mlich das, was G\u00fcnter Kunert sein Big Book nennt, seine fast t\u00e4glichen Aufzeichnungen, sein &#8220;work in progress&#8221;, mit dem er vor \u00fcber einem Dritteljahrhundert begonnen hat, als Chronist seiner eigenen Wahrnehmungen. Wozu alles geh\u00f6ren kann, das auf ihn einst\u00fcrmt, \u00fcber das er stolpert: Zeitungsschnipsel als Zeugnisse des obskuren Allt\u00e4glichen, Vermischtes aus aller Welt, Traumnotate, Tagesschauerlichkeiten, vom Notierenden ad absurdum weitergedacht, beklopft, befragt und dann doch chronistenpflichtigst abgehakt und abgeheftet. Sein opus magnum, sagt er, wobei es ihm nach eigener Auskunft v\u00f6llig schnurz ist, ob das sich t\u00fcrmende Konvolut jemals en bloc publiziert werden wird. Ausschnitte daraus haben die Leser bereits mit voller Wucht erreicht, erst im vergangenen Jahr wieder, diesmal unter dem Titel Tr\u00f6stliche Katastrophen \u2013 Aufzeichnungen 1999-2011. Fast 400 Seiten, aber doch nur ein Bruchteil des wirklichen Volumens. Wer wei\u00df, wo das noch hinf\u00fchrt! Eine Arche aus Kleinholz. \u2013 Schublade zu.<\/p>\n<p>Irgendwo, in einer dieser Schubladen, von denen ich jetzt wirklich nur noch eine, h\u00f6chstens zwei herausziehen darf, m\u00fc\u00dfte eigentlich auch ein Exemplar meines Lieblingsbuches aus der Feder der Kaisborstelers zu finden sein. Ein Lyrikband, der ausnahmsweise mal nicht bei Hanser erschienen ist, sondern bei Wallstein in G\u00f6ttingen Anno 2006 und der mittlerweile mehrmals nachgedruckt werden mu\u00dfte und au\u00dferdem inzwischen ins Spanische, Italienische, Englische und Irische \u00fcbersetzt worden ist. \u201eDas sind aber gar keine Gedichte!\u201c so hat er mich \u00fcbrigens schon vor der Ver\u00f6ffentlichung in aller Deutlichkeit aufgekl\u00e4rt, als meine Frau und ich einige der Texte ins Englische \u00fcbertrugen, um sie in einer englischen und in einer amerikanischen Zeitschrift unterzubringen, \u201ees sind Ungedichte.\u201c  <em>DER ALTE MANN<\/em> spricht mit seiner Seele lautet der wundersch\u00f6n mehrdeutige Titel, unter dem die Ungedichte dann tats\u00e4chlich herausgekommen sind. Ein erschreckend-begl\u00fcckendes, melancholisch-ironisches Handb\u00fcchlein f\u00fcr alle Zeitgenossen, die damit besch\u00e4ftigt sind, \u00e4lter und ganz alt zu werden oder solches einmal vorhaben. Und ein B\u00fcchlein, das neben den Texten wundervollerweise auch eine Reihe von Zeichnungen G\u00fcnter Kunerts enth\u00e4lt. Feine Strichzeichnungen, die fast alle unverkennbar die Gesichtsz\u00fcge des bei Ver\u00f6ffentlichung 77j\u00e4hrigen Verfassers wiedergeben, einmal sogar mit dem Kopfschmuck einer nordamerikanischen Rothaut. Dass G\u00fcnter Kunert n\u00e4mlich nicht nur geschrieben hat und schreibt, Gedichte, Essays, Filmdrehb\u00fccher, Science-Fiction, H\u00f6rspiele, Features, Theaterst\u00fccke, Kinder- und Reiseb\u00fccher &#8211; (die von Nicolai Riedel herausgegebene Internationale Kunert-Bibliographie der Jahre 1947-2011 umfasst 1475 Seiten!) \u2013 dass er also nicht nur schreibt \u2013 (von den paar Hundert Postkarten, die zwischen uns beiden hin- und hergegangenen sind mal ganz zu schweigen) &#8211; sondern dass er von Anfang an mit mindestens genau so viel Energie und Einfallsvielfalt auf dem Gebiete der bildenden Kunst unterwegs war und ist, das wissen beileibe nicht alle, die sein literarisches Werk kennen und sch\u00e4tzen. In den sp\u00e4ten 40er Jahren, schon in der von Herbert Sandberg und G\u00fcnther Weisenborn herausgegebenen Satirezeitschrift <em>Ulenspiegel<\/em> in Berlin, sind seine Zeichnungen erschienen, er hat gemalt auf Leinwand, hinter Glas und auf Pappe, er war Cartoonist, Skulptor, Radierer und Holzschneider und hat in j\u00fcngster Zeit als copy artist experimentiert, als Collageur und Amalgameur eigener Zeichungen und fremder Bildelemente. Ich wei\u00df ja nicht, ob es hier in der Kunsthalle zu Kiel schon mal eine Kunert-Ausstellung gegeben hat\u2026 ich f\u00fcr meinen Teil habe zum Beispiel die gro\u00dfe Ausstellung in Berlin gesehen und jene viele Jahre zuvor im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg. Also kurz gesagt: ich denke schon, das w\u00fcrde gut hier her passen an die Kieler F\u00f6rde.<\/p>\n<p>Bleibt mir also jetzt noch eine Schublade, die es aufzuziehen gilt: Ein kleiner Zeitungsausschnitt liegt darin, sonst nichts. Aber die Schlagzeile hat es in sich: Der Kunstpreis des Landes Schleswig Holstein 2014 geht an G\u00fcnter Kunert, Kaisborstel.<\/p>\n<p>Dazu gratuliere ich der Jury herzlich, sowie Erika und Dir auf das Sch\u00e4rfste, lieber G\u00fcnter!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/06\/G.K-M.A..jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/06\/G.K-M.A.-300x237.jpg\" alt=\"G.K &amp; M.A.\" width=\"300\" height=\"237\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-4766\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/06\/G.K-M.A.-300x237.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2015\/06\/G.K-M.A.-1024x809.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio auf G\u00fcnter Kunert anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Kunstpreises des Landes Schleswig-Holstein am 30.Oktober 2014 in der Kieler Kunsthalle Sie werden sich vielleicht etwas wundern, wenn ich meine kleine Laudatio auf G\u00fcnter Kunert mit einer Frage beginne, die zwar in dieser heiligen Halle der Kunst durchaus angemessen sein mag, aber zun\u00e4chst doch etwas abseitig erscheinen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":394,"featured_media":0,"parent":4372,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4754","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4754"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4754\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4372"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}