{"id":4938,"date":"2016-08-17T05:51:33","date_gmt":"2016-08-17T09:51:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=4938"},"modified":"2016-09-27T12:49:23","modified_gmt":"2016-09-27T16:49:23","slug":"interview-mit-wolfgang-muller","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-41-august-2016\/interview-mit-wolfgang-muller\/","title":{"rendered":"\u00dcber das \u201eGef\u00fchl des Gl\u00fccks \u2026einfach raus zu sein\u201c: Von Ostberlin an die Ostk\u00fcste Amerikas. Ein Gespr\u00e4ch mit Wolfgang M\u00fcller, dem langj\u00e4hrigen Herausgeber des transatlantischen Online-Journals <em>Glossen<\/em>"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Frederick Lubich<\/strong><\/p>\n<div align=\"center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2016\/08\/M\u00fcller.jpg\" rel=\"attachment wp-att-4939\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4939 alignnone\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2016\/08\/M\u00fcller-1024x716.jpg\" alt=\"M\u00fcller\" width=\"429\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2016\/08\/M\u00fcller-1024x716.jpg 1024w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2016\/08\/M\u00fcller-300x210.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2016\/08\/M\u00fcller-768x537.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2016\/08\/M\u00fcller.jpg 1097w\" sizes=\"auto, (max-width: 429px) 100vw, 429px\" \/><\/a><\/div>\n<div align=\"center\" style=\"font-size:10px\">Wolfgang M\u00fcller vor der K\u00fcste von Virginias Eastern Shore:<br \/>\nDer Kapit\u00e4n von Glossen im wohlverdienten Ruhestand<\/div>\n<div align=\"center\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Lieber Wolfgang, von den letzten drei Generationen, die von Deutschland in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, geh\u00f6ren wir beide altersm\u00e4\u00dfig mehr oder weniger zur zweiten Generation. Im Gegensatz zur ersten Generation, deren Vertreter vor allem als Verfolgte des Dritten Reiches hier in Amerika eine neue Heimat gefunden haben, sind wir nach dem Krieg in einem geteilten und mit sich verfeindeten Deutschland aufgewachsen. Vergleicht man unsere Lebensgeschichten, so weisen sie sowohl Gegens\u00e4tze wie auch Gemeinsamkeiten auf, die zusammengesehen auch immer wieder die Geschichte Nachkriegsdeutschlands repr\u00e4sentativ illustrieren k\u00f6nnen, und so m\u00f6chte ich zu Beginn unseres Gespr\u00e4chs auch einige ihrer Leitmotive stichwortartig miteinflie\u00dfen lassen. Du bist in Ost-Deutschland aufgewachsen und vor allem vom dortigen politischen System sozialisiert worden. Ich bin in West-Deutschland aufgewachsen und in den sp\u00e4ten sechziger und fr\u00fchen siebziger Jahren nicht zuletzt auch von der bundesrepublikanischen Studentenbewegung mitgepr\u00e4gt worden. Erz\u00e4hl von Deiner Jugendzeit.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Trotz der besonderen Situation in Berlin, wo man bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961 wie selbstverst\u00e4ndlich zu Fu\u00df, per Stra\u00dfenbahn, S-Bahn und U-Bahn von Ost- nach Westberlin und umgekehrt gelangte, waren einerseits meine Familie und deren Umfeld und andererseits auch der Staat DDR der pr\u00e4gende Nexus, in dem ich aufgewachsen bin.<br \/>\nDer etwa zehn Jahre j\u00fcngere Uwe Kolbe hat mit dem Titelgedicht seines ersten Lyrikbandes\u00a0<em>Hineingeboren<\/em>(1980) auch mein Verh\u00e4ltnis zu diesem Vaterland ziemlich genau getroffen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Hineingeboren<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Hohes weites gr\u00fcnes Land,<br \/>\nzaundurchsetzte Ebene.<br \/>\nRoter<br \/>\nSonnenbaum am Horizont.<br \/>\nDer Wind ist mein<br \/>\nund mein die V\u00f6gel.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Kleines gr\u00fcnes Land enges,<br \/>\nStacheldrahtlandschaft.<br \/>\nSchwarzer<br \/>\nBaum neben mir.<br \/>\nHarter Wind.<br \/>\nFremde V\u00f6gel.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich benutze das Wort \u201eVaterland\u201c, weil Ostberlin und DDR das Land meines Vaters war, denn obwohl meine Eltern und die meisten meiner Verwandten nach dem Krieg erst einmal am Rande der Hufeisensiedlung in Britz wohnten, also im amerikanischen Sektor Berlins, bin ich in Ostberlin aufgewachsen. Das lag daran, dass mein Vater als \u201ealter Genosse\u201c \u2013 er war seit 1930 Mitglied der KPD \u2013 es vorzog, in den russischen Sektor umzuziehen, als er die Anordnung der amerikanischen Milit\u00e4rverwaltung an alle Polizisten bekam \u2013 mein Vater war auf Anweisung des kommunistischen Antifa-Komitees Polizist geworden \u2013 entweder aus der kommunistischen Partei auszutreten und in die SPD einzutreten oder Arbeit und Dienstwohnung zu verlieren. Ironischerweise musste er nach dem Umzug in den russischen Sektor ein von der SED initiiertes Parteiverfahren \u00fcber sich ergehen lassen, weil diese neue KPD mit anderem Namen ihre Leute dort belassen wollte, wo die Macht der \u201eImperialisten\u201c angesiedelt war, und die lag u.a. bei der Polizei im Westen.<br \/>\nF\u00fcr mich war dieser Umzug bis in die f\u00fcnfziger Jahre weitgehend unbedeutend, weil Kinder in Ost-und Westberlin anfangs sehr \u00e4hnlich aufwuchsen, n\u00e4mlich auf den Stra\u00dfen und in den Ruinen der Stadt, wo sie nach \u201eSch\u00e4tzen\u201c suchten, nach Waffen st\u00f6berten, gefundene Gewehrpatronen auseinandernahmen und das Pulver anz\u00fcndeten, Kippen sammelten, um sie dann in Zeitungspapier neu gerollt zu rauchen, in Lebensmittell\u00e4den Bonbons klauten, auf der Stra\u00dfe Fu\u00dfball und Hopse spielten, auf die nicht vorhandenen V\u00e4ter warteten und auf die M\u00fctter, die sich irgendwie und irgendwo ein wenig Geld verdienten, bis sie gegen Abend nach Hause kamen. Und dann waren da die Albtr\u00e4ume von Luftangriffen und brennenden H\u00e4usern, die viele der Kriegs- und Nachkriegskinder heimsuchten.<br \/>\nIm Gegensatz zu anderen Kindern hatte ich insofern Gl\u00fcck, als ich einen Vater hatte, der noch dazu seinem Sohn gegen\u00fcber sehr sanft und tolerant war. Allerdings war er Stalinist und glaubte an das neue, sozialistische Deutschland Stalinscher Pr\u00e4gung im Osten, das \u00fcber kurz oder lang, so meinte er in \u00dcbereinstimmung mit den \u201eehernen Gesetzen\u201c der Geschichte auch im Westen entstehen w\u00fcrde. Stalin war eben sein Held. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er alle Zeitungsartikel zum Tode Stalins aus der Parteizeitung\u00a0<em>Neues Deutschland<\/em>\u00a0ausschnitt und in einem Pappkarton aufbewahrte.<br \/>\nMeine politische \u201eErziehung\u201c in der Familie erfolgte aber nie durch politische Standpauken, sondern eher ganz nebenbei durch Gespr\u00e4che und Diskussionen im Freundeskreis meiner Eltern, und durch das, was die Schule und die staatseigenen Medien an Propaganda \u00fcber das Land, in dem wir lebten, verbreiteten.<br \/>\nSoweit sie den Krieg \u00fcberlebt hatten, wohnten viele dieser Freunde, die meine Eltern seit den sp\u00e4ten zwanziger und fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahren aus dem linken Ruderverein \u201eFreiheit\u201c kannten, im russischen Sektor. Andere waren im Westen Berlins zu Hause. Wenn sich die alten Freunde, zu denen auch einige Verwandte geh\u00f6rten, trafen, wurde es oft spannend f\u00fcr mich, besonders wenn sie sich im verqualmten Wohnzimmer von Onkel Willy bei Schnaps und Bier \u00fcber Politik stritten, z. B. \u00fcber die Machtergreifung Hitlers und den Reichstagsbrand. \u201eAls der brannte, h\u00e4tten wir zuschlagen m\u00fcssen\u201c, sagte Onkel Ernst immer. \u201eWir hatten doch die Waffen in unseren Bootsh\u00e4usern.\u201c \u201eQuatsch\u201c, widersprach mein Vater, \u201eda war es schon zu sp\u00e4t. Wenn ihr uns nicht vorher schon verraten h\u00e4ttet, w\u00e4re diese ganze braune Schei\u00dfe nicht \u00fcber uns gekommen.\u201c \u201eWer hat denn hier wen verraten\u201c, entgegnete Onkel Ernst dann w\u00fctend. \u201eWer hat denn mit den Nazis beim gro\u00dfen Streik der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gemeinsame Sache gemacht? Wir, die Sozialdemokraten oder ihr Kommunisten?\u201c Obwohl ich von all dem noch nicht sehr viel verstand, schon weil ich \u00fcberwiegend mit dem Ansehen der bunten Bilder aus Westberliner Illustrierten besch\u00e4ftigt war, blieben solche und andere S\u00e4tze fest in meinem Ged\u00e4chtnis haften.<br \/>\nRichtig politisch wurde das Leben f\u00fcr mich jedoch erst sp\u00e4ter, als die DDR am 13. August 1961 eine Mauer um Westberlin errichtete, die mein Vater in der N\u00e4he des Brandenburger Tors in Kampfgruppenuniform und russischer Maschinenpistole verteidigte, obwohl ihm klar war, dass er von nun an weder seine Schwestern noch seine Mutter im Westen besuchen durfte.<br \/>\nWie auch die meisten Sch\u00fcler meiner Oberschulklasse, war ich emp\u00f6rt \u00fcber den Mauerbau und gleichzeitig traurig. Denn vor dem 13. August waren viele von uns wie selbstverst\u00e4ndlich unbehelligt in Westberliner Kinos gegangen, den Kudamm rauf- und runtergeschlendert und nun einem wichtigen Teil unserer Freiheit beraubt. F\u00fcr Teenager ein unertr\u00e4gliches Gef\u00fchl.<br \/>\nAber da sich die politischen Z\u00fcgel bis circa 1965, dem Jahr in dem ich mein Abitur machte, etwas lockerten, entstand bei mir und vielen Altersgenossen schlie\u00dflich die \u00dcberzeugung, dass der Sozialismus in der DDR im Vergleich zum Kapitalismus das bessere Gesellschaftssystem sei, wenngleich es nicht wirklich \u201eunseres\u201c war. Wolf Biermann brachte dieses Gef\u00fchl in einem fr\u00fchen Lied auf den Punkt: \u201eEr ist f\u00fcr den Sozialismus \/ und den neuen Staat \/ aber den Staat in Buckow \/ den hat er gr\u00fcndlich satt.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Du schreibst in Deinem Lebensabriss \u00fcber Deine Jugend als eine Zeit der \u201epolitischen Bauchschmerzen\u201c, die Du als \u201ephilosophischen Existentialismus\u201c diagnostiziert hast. Auch wir in West-Deutschland waren Mitte der sechziger Jahre noch vom franz\u00f6sischen Existentialismus beeinflusst. So gr\u00fcndeten wir zum Beispiel an meinem Gymnasium eine Arbeitsgruppe f\u00fcr Philosophie, in der wir die Werke von Sartre und Camus lasen und mehr oder weniger begeistert debattierten. Ich kann mir andererseits gut vorstellen, dass Deine Existentialismus-Studien eher heimlich, still und leise unter der Bettdecke stattfanden.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Die politischen Bauchschmerzen waren tats\u00e4chlich chronisch, bezogen sich aber mit ein oder zwei Ausnahmen weniger auf den Existentialismus sondern eher auf die Diskrepanz zwischen dem, was uns von der Partei, den Zeitungen und der Schule erz\u00e4hlt wurde und der realen \u00f6konomischen, kulturellen und politischen Situation, in der wir uns zurechtfinden mussten.<br \/>\nEine Ausnahme, mit Bezug auf den Existentialismus, hatte bei mir mit einem Deutschaufsatz in der 11. Klasse zu tun, in dem wir ein Zitat aus dem\u00a0<em>Wallenstein<\/em>\u00a0interpretieren sollten: \u201eDenn Recht hat jeder eigene Charakter, der \u00fcbereinstimmt mit sich selbst. Es gibt kein andres Unrecht als den Widerspruch.\u201c Was erwartet wurde, war so etwas wie, dass jemand Unrecht hat und tut, wenn er gegen die Gesetze des Staates und der Partei verst\u00f6\u00dft, doch ich schrieb bewusst und sogar mit einem Gef\u00fchl des Stolzes genau das Gegenteil, weil ich mit diesen Worten der Gr\u00e4fin Terzkys aus Schillers St\u00fcck gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig \u00fcbereinstimmte. Damit kam ich, ohne es zu ahnen, Grundkonzepten des Existentialismus wie Selbstentwurf, Freiheit und Selbstbestimmung sehr nahe, was gl\u00fccklicherweise meinen Deutschlehrer nicht st\u00f6rte.<br \/>\nZu einem echten Problem wurde die \u201cfalsche Interpretation\u201d, als ich den Aufsatz einem gleichaltrigen M\u00e4dchen aus der Ostberliner K\u00e4the-Kollwitz-Oberschule gab, ohne zu ahnen, dass sie ihn weitergeben w\u00fcrde und er schlie\u00dflich bei der Schulkommission des Stadtbezirks und schlie\u00dflich bei der Partei-, Schul- und FDJ-Leitung der Kantschule im Berliner Stadtteil Lichtenberg, meiner Oberschule, landete. Jedenfalls wurde ich eines Tages aus dem Staatskundeunterricht herausgerufen und zum Schuldirektor beordert. Auf der Treppe zu seinem Zimmer kam mir mein Deutsch- und Klassenlehrer entgegen, der mir mit ernstem Gesichtsausdruck riet, dass es nicht gut w\u00e4re, in ein Maschinengewehrfeuer zu laufen. Aha, dachte ich, der Aufsatz. Als ich in das Amtszimmer des Direktors kam, sa\u00dfen dort schon mindestens zw\u00f6lf Personen um einen langen Tisch herum. Ich setzte mich auf den mir angebotenen Stuhl und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Unsere Mathematiklehrerin, die gleichzeitig Freundschaftsratsvorsitzende, also \u201cChefin\u201d der Freien Deutschen Jugend (FDJ) an der Schule war, er\u00f6ffnete eine Art politischer Befragung mit der Bauchschmerzenfrage: \u201cWolfgang, wir haben geh\u00f6rt, dass Du gewisse \u201apolitische Bauchschmerzen\u2019 hast. Erkl\u00e4r uns doch bitte, worum es sich dabei handelt.\u201d Meine G\u00fcte dachte ich, soviel Aufwand und so viel Personal wahrscheinlich wegen dieses Aufsatzes, und was hatte das alles mit dem Maschinengewehrfeuer zu tun? Verwirrt versuchte ich, mich an ein paar \u201cmeiner politischen Bauchschmerzen\u201d zu erinnern, aber mir fiel in meiner Aufregung einfach nichts ein, und von meinem Aufsatz wollte ich nichts erz\u00e4hlen, weil es auch meinen Deutschlehrer gef\u00e4hrdet h\u00e4tte, der ihn akzeptiert hatte. Also am besten ablenken, Thema \u00e4ndern, dachte ich mir. Schlie\u00dflich \u201egestand\u201c ich ein, dass mir nicht klar war, warum die Rote Armee Mitte September 1939 von Osten her in Polen einmarschiert war. Die Lehrer und die anderen Leute am Tisch schauten einander verwundert an. Mit solcher Art Bauchschmerzen hatten sie nicht gerechnet. Ich hatte diese unangenehme geschichtliche Tatsache, glaube ich, auch erst einen Tag vorher im Radio geh\u00f6rt oder irgendwo gelesen. Da niemand so recht wusste, wie auf dieses Gest\u00e4ndnis zu reagieren sei, wurde der Geschichtslehrer gebeten, mir die Sache zu erkl\u00e4ren, was er dann schlecht oder recht auch tat.\u00a0 An seine Erkl\u00e4rung kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich lie\u00df mich auf jeden Fall freundlich l\u00e4chelnd von ihm \u00fcberzeugen. Und auf die weitere Frage der Pionierleiterin, einer Frau Lehmann, ob ich denn keine anderen \u201epolitischen Bauchschmerzen\u201c h\u00e4tte, antwortete ich mit einem munteren &#8220;Nein&#8221;. Daraufhin wurde ich wieder in meine Klasse zur\u00fcckgeschickt. Also kein Maschinengewehrfeuer, kein \u201cToter\u201d, dachte ich. Erst sp\u00e4ter wurde mir klar, dass sie mich bei dieser Ansammlung von Personal, von dem ich mindestens die H\u00e4lfte nicht kannte, auf der Stelle auch von der Schule h\u00e4tten relegieren k\u00f6nnen.<br \/>\nSo endete diese absurde \u201eSache mit dem Existentialismus\u201c f\u00fcr mich eher harmlos. Als ich sp\u00e4ter erfuhr, dass eine Sch\u00fclerin aus einer Parallelklasse ein Jahr davor wegen Tendenzen zum Existentialismus von der Schule verwiesen worden war, f\u00fchlte ich mich ein wenig wie der Reiter \u00fcber den Bodensee in der Ballade von Gustav Schwab.<br \/>\nEs gab f\u00fcr eine kurze Zeit an der Schule auch andere, ernstere Diskussionen, z. B. \u00fcber Pazifismus, als Bernhard Wickis\u00a0<em>Die Br\u00fccke<\/em>\u00a0f\u00fcr ein oder zwei Wochen in einigen DDR-Kinos lief. Pazifismus war ja besonders f\u00fcr die Jungs ein gro\u00dfes Thema, weil wir wussten, dass uns nach dem Abitur eine \u201eEinladung\u201c von der Nationalen Volksarmee (NVA) ins Haus flattern w\u00fcrde. Au\u00dferdem gab es Diskussionen \u00fcber Goethes\u00a0<em>Faust<\/em>\u00a0in der Studentenzeitung\u00a0<em>Forum<\/em>, in den\u00a0<em>Weimarer Beitr\u00e4gen<\/em>\u00a0und sogar bei uns im Deutschunterricht, weil Walter Ulbricht die DDR f\u00fcr eine Art Faust III hielt und er diese Interpretation des gro\u00dfen Weimarers der Bev\u00f6lkerung verklickern wollte, um zu zeigen, dass die DDR selbst durch das klassische deutsche Erbe legitimiert war.<br \/>\nDiskussionen im eher privaten Kreis entfalteten sich um Havemanns Vorlesungsreihe \u201cNaturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme\u201d, die er im akademischen Jahr 1963\/64 an der Humboldt Universit\u00e4t hielt, aus der dann das Buch\u00a0<em>Dialektik ohne Dogma<\/em>\u00a0hervorging, in dem er auf der Grundlage physikalischer Erkenntnisse f\u00fcr Freiheit und einen undogmatischen Marxismus pl\u00e4dierte. Ich hatte das gro\u00dfe Gl\u00fcck, mir \u00fcber einen Freund, der schon studierte, eine Abschrift dieser Vorlesungen beschaffen zu k\u00f6nnen, die ich nach dem Lesen auch in der Schule weitergeben wollte, was aber nicht gelang, weil mir der Direktor, das Manuskript abschwatzte, als er es unter meinem Arm gesehen hatte. Er wolle es nur auch einmal lesen und w\u00fcrde es mir dann zur\u00fcck geben. Nat\u00fcrlich habe ich es nie wiederbekommen. Bis heute wei\u00df ich nicht, ob er mich sch\u00fctzen oder die Schule vor ideologischer Unterwanderung bewahren wollte.<br \/>\nBesonders schmerzhafte chronische \u201eBauchschmerzen\u201c hatten wir wegen des Verbotes der Rockmusik an den Oberschulen, die via American Forces Network (AFN), Radio Luxemburg, Sender Freies Berlin (SFB) und Radio im Amerikanischen Sektor (Rias) \u00fcber die Mauer schwappte. In diesem \u201eimperialistischen Kulturm\u00fcll\u201c sah die Partei die Gefahr einer Unterwanderung der marxistischen Ideologie, \u00fcbrigens mit recht, denn wer h\u00f6rte sich schon die Rolling Stones, die Beatles, die Zombies oder die Animals in den westlichen Rundfunkstationen an und zog sich am n\u00e4chsten Morgen f\u00fcr die Schule das blaue FDJ-Hemd \u00fcber. O-Ton Walter Ulbricht 1965: \u201eIch denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles hei\u00dft, ja, sollte man doch Schluss machen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Im Sch\u00fctzengraben des Kalten Krieges: In Deiner Altersgruppe in Ost-Deutschland mussten viele immer wieder Anwerbungsversuche der Staatssicherheit \u00fcber sich ergehen lassen \u2013 Du allein hast drei durchgemacht \u2013 , in meiner Altersgruppe in West-Deutschland war es umgekehrt vor allem die sogenannte Au\u00dferparlamentarische Opposition, in der viele von uns aktiv waren, w\u00e4hrend einige dar\u00fcber hinaus in den Sympathisantenkreis der Roten Armee Fraktion gerieten oder der Mitgliedschaft in dieser terroristischen Untergrundorganisation verd\u00e4chtigt wurden. Wie hast Du Deine Jugendzeit politisch erlebt und \u00fcberlebt?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Alle Fragen, die Du hier angeschnitten hast, sind ein \u201eweites Feld\u201c, um ein Wort von Theodor Fontane zu gebrauchen. Sowohl die APO, die Studentenbewegung und nach 1970 auch die RAF wurden von den Leuten meines Jahrgangs, die ich so kannte, nicht besonders ernst genommen. Zu den Gr\u00fcnden daf\u00fcr g\u00e4be es sehr viel zu sagen. Sicher scheint mir, dass uns unsere Altersgenossen im Westen mit wenigen, aber f\u00fcr mich wichtigen, Ausnahmen auch nicht ernst nahmen bzw. uns gar nicht wahrnahmen. Sie interessierten sich zwar f\u00fcr die blutigen Konflikte in fernen L\u00e4ndern, was aber ein paar Kilometer weiter hinter der Mauer geschah, war f\u00fcr sie nicht so interessant; und wer wusste schon, dass man im Osten u. a. f\u00fcr ein paar Gedichte oder einen politischen Witz ins Gef\u00e4ngnis kommen konnte und dass wir \u201efl\u00e4chendeckend\u201c, wie sich herausgestellt hat, von den \u201eK\u00e4mpfern an der unsichtbaren Front\u201c observiert wurden. Dieses beiderseitige Desinteresse ist \u00fcbrigens trotz der wenigen Tage der Utopie nach dem Fall der Mauer im November 1989 weitgehend geblieben.<br \/>\nApropos Stasi, es stimmt schon, von 1965 bis zu meiner Flucht im April 1974 wollte man mich drei Mal anwerben. Das dritte Mal war besonders unangenehm, weil nach meiner Ablehnung der omin\u00f6se Satz fiel: \u201eWenn Sie in ihrem Leben einmal Schwierigkeiten bekommen, glauben Sie nicht, dass unser \u201aOrgan\u2019 damit etwas zu tun hat.\u201c Die Schwierigkeiten kamen dann nat\u00fcrlich, aber das ist eine l\u00e4ngere und auch wieder eher eine absurde und eigentlich auch komische Geschichte. Au\u00dferdem fand ich nach dem Fall der Mauer einen so genannten Operativen Vorgang (OV Konvent, 1969) bei dem es um verschiedene Treffen zuerst in einer Kirche und dann in meiner kleinen Dachwohnung zwischen einer Jugendgruppe der evangelischen Kirche in Bremen und einigen Jugendlichen aus dem Osten ging, die Mitglieder der Brandenburgischen Kirche waren, der ich \u00fcbrigens nicht angeh\u00f6rte. Ich war so etwas wie ein \u201eQuotenagnostiker\u201c, der von zwei Teilnehmern, die meine Freunde waren, zu dem ersten Treffen \u201emitgeschleppt\u201c worden war. Nat\u00fcrlich war bei diesen Treffen auch die Stasi, durch einen Medizinstudenten, vertreten. Nach dem man die Akten einsehen konnte, stellten meine Freunde und ich mit einigem Erstaunen fest, dass die Stasi uns urspr\u00fcnglich wegen \u201estaatsfeindlicher Gruppenbildung\u201c belangen wollte, auf die 10-12 Jahre Zuchthaus standen. Am Ende kam es aber \u201enur\u201c zu einer Anklage wegen \u201estaatsfeindlicher Hetze\u201c gegen einen meiner Freunde, der an der Humboldt Universit\u00e4t \u00f6ffentlich seine Gedichte vorgelesen hatte, die dem Staat nicht genehm waren. Er erhielt \u201enur\u201c 2 \u00bd Jahre \u201eKnast\u201c und wurde, nachdem er die H\u00e4lfte dieser Zeit abgesessen hatte, von der Bundesrepublik freigekauft.<br \/>\nAllerdings w\u00fcrde ich weder die Anwerbungsversuche noch den OV mit\u00a0<em>dem<\/em>\u00a0Kalten Krieg in Verbindung bringen; vielleicht eher mit dem \u201eKrieg\u201c der SED gegen die eigene Bev\u00f6lkerung und ihrer Angst vor Machtverlust durch \u201e<em>unsere<\/em>\u00a0Menschen\u201c, wie sie\u00a0<em>ihre<\/em>\u00a0Bev\u00f6lkerung nannte. Die Jahre 1953, 1956 und 1968 steckten den Usurpatoren der Macht bis zur Implosion der DDR ganz sch\u00f6n in den Knochen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Dein Vater war seit 1930 Mitglied der Kommunistischen Partei und zog nach Kriegsende mit der Familie von West-Berlin nach Ost-Berlin. Hat er in sp\u00e4teren Jahren diese urspr\u00fcnglich so idealistische Entscheidung bereut?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Nein, mein Vater hat nie bereut, in den Osten gegangen zu sein, obwohl er der neuen, der DDR-Generation von Kommunisten immer auch ein wenig skeptisch gegen\u00fcber stand. Z. B. hat er an Feiertagen nie die DDR-Fahne aus dem Fenster geh\u00e4ngt, obwohl er mehrfach dazu aufgefordert worden war. Bei uns hing die rote Fahne aus dem Fenster. Er hatte nur einmal richtige, schwere \u201epolitische Bauchschmerzen\u201c; und das geschah nach einer Nacht im Jahre 1961, in der die gro\u00dfe bronzene Stalinstatue in Ostberlin abgerissen wurde, und die Stra\u00dfe, in der sie stand, nicht mehr Stalinallee hie\u00df. Im \u00dcbrigen war er nicht nur stalinistisch, sondern wie Du schon sagtest, auch idealistisch und romantisch veranlagt. Er glaubte an die \u201egro\u00dfe Sache\u201c, obwohl es im Konsum oder der HO, oft weder das eine noch das andere Lebensmittel gab, wie ihm meine Mutter schimpfend berichtete. Aber das sah er nicht selbst; es war seine Frau, die einkaufen ging.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: \u201eWer in die Fremde will wandern, der muss mit der Liebsten gehen\u201c. So wusste es schon der Freiherr von Eichendorff in seinem Gedicht \u201eHeimweh\u201c und in seinem so doppeldeutigen Text \u201eSch\u00f6ne Fremde\u201c schw\u00e4rmte er angesichts der verhei\u00dfungsvollen Fremde(n) geradezu das Blaue vom Himmel. Wir beide sind seinem romantischen Rat prompt gefolgt, haben auf den Ruf der Vielversprechenden geh\u00f6rt und sind schlie\u00dflich in der Tat an ihren sch\u00f6nen, s\u00fcdlichen Ufern hier in der Neuen Welt gestrandet. Du hast Deine einstige Entf\u00fchrerin in Ost-Berlin, ich die meine in Alt-Heidelberg kennengelernt. Aber wie konnte sich eine junge Amerikanerin aus der Hochburg des westlichen Kapitalismus \u00fcberhaupt erst einmal hinter den Eisernen Vorhang in die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik verirren?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: O je, das ist eine lange Geschichte. Vielleicht nur so viel: Jane, die junge Amerikanerin aus Iowa, hatte in ihrem \u201eJunior Year Abroad Program\u201c Kurse zur europ\u00e4ischen Integration und Osteuropa in Belgien belegt und besuchte \u00fcber Ostern 1969 ihre Schwester, die in Westberlin Deutsch studierte und bei einem Besuch in Ostberlin einen Freund von mir kennengelernt hatte, einen Greifswalder, der damals in Ostberlin Theologie studierte, \u00fcbrigens der gleiche Freund, der bei dem Treffen mit den Bremern dabei war. So wurde die Schwester mit mir und unserem ganzen Freundeskreis bekannt. Was lag da n\u00e4her als Jane in diesen Freundeskreis einzuf\u00fchren. Und dann war da diese Party im Ostberliner Paulinum, wo der Freund studierte, auf der ich Jane kennenlernte. Die Verst\u00e4ndigung war anfangs etwas m\u00fchsam, weil sie kein Deutsch konnte und mein Englisch sich weitgehend auf politisches Vokabular beschr\u00e4nkte, also auf die W\u00f6rter, die man in DDR-Lehrb\u00fcchern fand, wie z. B. \u201eKlassenkampf\u201c, \u201eArbeitslosigkeit\u201c, \u201ekapitalistische L\u00e4nder\u201c, \u201eImperialismus\u201c, \u201esozialistisches Weltsystem\u201c, \u201ediplomatische Anerkennung der DDR\u201c usw. Dieses Vokabular eignete sich nicht besonders gut zum Flirten. Aber daf\u00fcr konnte ich ein wenig Gitarre spielen, \u201eHouse of the Rising Sun\u201c und Sachen dieser Art. Kurz und gut, wir verliebten uns in einander auf den \u201eersten Blick\u201c, genauso, wie man es aus einigen Filmen kennt. Wegen ihres Studiums in Belgien und ihres Engagements in der Anti-Vietnamkriegsbewegung war sie schon auch sehr neugierig auf die DDR, die ich\/wir eher langweilig aber auch bedrohlich fanden. Es dauerte nicht sehr lange, bis wir beschlossen, zusammen zu bleiben und vereinbarten, dass sie nach ihrem Collegeabschluss versuchen w\u00fcrde, erst einmal ein Jahr in der DDR zu verbringen. Nach vielen M\u00fchen, Schwierigkeiten, Lachen, einigen Tr\u00e4nen und am Ende einem gl\u00fccklichen Zufall gelang das. Sie bekam befristete Stellen als Englischlehrerin am Institut f\u00fcr Sprachausbildung, an der Akademie der Wissenschaften und schlie\u00dflich eine unbefristete Stelle an der Humboldt Universit\u00e4t. Doch uns wurde sehr bald klar, dass wir aus politischen und pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden nicht in der DDR bleiben konnten, zumal man uns nicht erlaubte, dort zu heiraten. Am Ende blieb nur noch die Flucht.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Du hattest mit Deiner \u201eLiebsten\u201c obendrein eine abenteuerliche Romanze, was ihre geradezu schon filmreife Hollywood-Dramatik betrifft. Erz\u00e4hl uns Genaueres.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Nach einem reichlich naiven Versuch via Bulgarien auf einer F\u00e4hre nach Istanbul zu kommen und einem am Ende aussichtslosen Plan mit Hilfe eines gef\u00e4lschten amerikanischen Reisepasses von der CSSR aus ein westliches Land zu erreichen, hatten wir Ende 1973 die \u201eRohfassung\u201c eines Fluchtplanes, den wir nach zwei, drei Fehlversuchen so verbessern konnten, dass wir glaubten, eine kleine Chance zu haben: Ich m\u00fcsste in Berlin als amerikanischer Soldat durch den Checkpoint Charlie in den Westen gelangen. Das bedeutete unter anderem, dass Jane irgendwie eine amerikanische Uniform f\u00fcr mich bekommen und sie in den Osten schmuggeln musste. Au\u00dferdem musste sie herausbekommen, wann die Wachabl\u00f6sungen am Checkpoint Charlie stattfanden. Und, vielleicht am wichtigsten, dieser Plan w\u00fcrde sich nur realisieren lassen, wenn ein Doppelg\u00e4nger, ein echter amerikanischer Soldat, gefunden werden w\u00fcrde. All das und am Ende auch die Flucht selbst gelang, obwohl nicht alles so lief, wie wir uns das vorgestellt hatten. Zum Beispiel wurde es ein Problem \u00ac\u2013 ich konnte ja nicht mit dieser Uniform das Haus verlassen, in dem ich wohnte \u2013, dass ich die amerikanische Uniform nicht dort anziehen konnte, wo es vereinbart worden war. Als Alternative blieb nur eine der Toiletten im Pergamonmuseum, wo ich auch den amerikanischen Soldaten treffen sollte, der mich zum Checkpoint Charlie fahren w\u00fcrde. Doch leider ging der Sachenwechsel dort nur mit Schwierigkeiten, weil eine der beiden Toiletten wegen Reparatur geschlossen war und vor der anderen eine Schlange von Leuten wartete. Nachdem mich Ned, der amerikanische Soldat und sp\u00e4tere Freund, mit seinem VW-Bus an der Ostseite des Checkppoins absetzte, wurde es zu einem weiteren Problem, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich durch den Checkpoint laufen musste, um zum Westausgang zu gelangen, denn ich war ja nie den umgekehrten Weg in den Osten gegangen. So lief ich in Richtung Wachturm. Als ich dem n\u00e4her kam, h\u00f6rte ich durch das untere offene Fenster einen Offizier aufgeregt mit irgendjemandem telefonieren; offenbar war mein Doppelg\u00e4nger entdeckt worden. Es gab also f\u00fcr die Grenzsoldaten der DDR einen amerikanischen Soldaten zu viel in Ostberlin. Da ich aber, mir nicht gleich bewusst, nun fast schon am Ausgang war \u2013 ein anderer Offizier, der vor dem Wachturm stand, hatte wohl meine Verwirrung bemerkt und mir befohlen, nach links zu gehen, wo tats\u00e4chlich der Ausgang war \u2013 , hatten die Grenzsoldaten nur etwa drei\u00dfig Sekunden bis eine Minute, um zu entscheiden, ob ich oder mein Doppelg\u00e4nger \u201eecht\u201c war. Ich hatte Gl\u00fcck, sie trafen die falsche Entscheidung. Mein Doppelg\u00e4nger aber wurde ein paar Stunden festgehalten, bis die amerikanische Milit\u00e4rpolizei von russischen Offizieren gerufen wurde und die amerikanische Identit\u00e4t des Doppelg\u00e4ngers best\u00e4tigte. Ned fuhr mich dann noch zu einer nahe gelegenen U-Bahnstation, wo Jane und einige Freunde schon auf uns warteten. Ich glaube, wir beide fielen mehr aus dem Bus als wir ausstiegen und lagen uns und mit den Wartenden dann alle lachend und weinend in den Armen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Du hast nach Deiner Flucht in den Westen sowohl an der Freien Universit\u00e4t in Berlin als auch an der Universit\u00e4t in Madison, Wisconsin studiert. Was waren Deine ersten Erfahrungen im Westen und vor allem an seinen Institutionen der h\u00f6heren Bildung?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Ich kannte Westberlin nat\u00fcrlich schon von vor der Mauer. Trotzdem, alles war nach fast dreizehn Jahren seit dem Mauerbau sehr anders. Die Stadt war unwahrscheinlich aufregend und anregend f\u00fcr mich, ich habe diese Zeit in \u201emeiner Stadt\u201c sehr genossen. Hinzu kam ein Gef\u00fchl des Gl\u00fccks \u201eraus zu sein\u201c aus Ostberlin, \u201eeinfach raus zu sein\u201c und der immer wiederkehrende Gedanke, \u201edie k\u00f6nnen mir nichts mehr anhaben\u201c \u2013 was allerdings so nicht stimmte, denn die Stasi operierte in Westberlin so frei wie im Osten. Gleichzeitig war Westberlin aber auch rein physisch eine gro\u00dfe Belastung. Das Laute dieser modernen Stadt, die Schnelligkeit, die grellen Farben, die st\u00e4ndige Werbung und die prachtvollen Angebote in den L\u00e4den machten mich einfach schwindlig. Am Anfang hielt ich es z. B. in gro\u00dfen L\u00e4den und Kaufh\u00e4usern einfach nicht aus und musste sehr schnell wieder hinausgehen. Auch die dumme, und nat\u00fcrlich nicht erf\u00fcllbare Erwartung, dass einer meiner Ostberliner Freunde oder sogar meine Eltern an dieser oder jener Stra\u00dfenkreuzung um die Ecke kommen w\u00fcrden, machte mir zu schaffen. Wahrscheinlich erfuhr ich nun den Schmerz der Trennung durch die Mauer von der anderen Seite her.<br \/>\nNach meiner Flucht hatte ich zwei drei \u201etemp jobs\u201c und studierte fast zwei Semester Japanologie und Germanistik an der FU. Doch das war eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung. Ich erwartete, dort Freunde zu finden, mit denen man gut wissenschaftlich arbeiten konnte, die sich vielleicht auch daf\u00fcr interessierten, warum ich aus Ostberlin abgehauen war, wie es im Osten war und die mich und Jane eventuell sogar einmal zu einer Party einladen w\u00fcrden usw., aber ich war f\u00fcr meine Kommilitonen eine Art Arbeiterverr\u00e4ter, ein dummer Ostler, ein Fremder eben, der noch nicht einmal wusste, wie man mit einer Ditto-Maschine eine Seminararbeit vervielf\u00e4ltigte, was \u00fcbrigens stimmte, weil man das im Osten als Student nicht durfte.<br \/>\nNach unserer Heirat in Berlin Steglitz beschlossen wir, in ihre Heimat \u00fcberzusiedeln und landeten in Madison, wo ich ein Germanistikstudium aufnahm. An der am sch\u00f6nen Mendotasee gelegenen staatlichen Universit\u00e4t habe ich sowohl die Vorlesungen als auch die Seminare von hochqualifizierten Professoren wie z. B. Jost Hermand, Reinhold Grimm, David Bathrick und Klaus Berghahn sehr genossen. Im Allgemeinen gab es dort genau das Klima, das ich mir immer gew\u00fcnscht hatte, eine erfrischende Offenheit neuen Ideen gegen\u00fcber und eine gro\u00dfe Ernsthaftigkeit beim Studium. Trotzdem gab es damals auch eine Gruppe von Studenten, die denen in Berlin \u00e4hnlich war, was mich anfangs sehr irritierte, aber mehr als ausgeglichen wurde von vielen anderen Studenten, an die ich mich entweder noch gern erinnere oder mit denen Jane und ich noch heute befreundet sind.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Du hast Dich in Deinen akademischen Studien vor allem mit der Literatur der DDR besch\u00e4ftigt. Was waren dabei Deine wesentlichen pers\u00f6nlichen und professionellen Erkenntnisinteressen?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Die lagen in verschiedenen Dingen. Obwohl ich eigentlich mit der DDR \u201efertig\u201c war, gab es ein Jahr nach der Flucht doch auch noch emotionale Bindungen an diese \u201eb\u00f6se\u201c Heimat. Die Literatur aus der DDR war eine Art Nabelschnur, die noch nicht getrennt war. Zum einen wurde die Literatur aus der DDR gerade zur Zeit unserer Ankunft in den Staaten zu einem \u201ehot item\u201c. Es war sozusagen ein neuer Trend in der Germanistik. Und ich kannte mich auf diesem Gebiet aus. An vielen Universit\u00e4ten h\u00f6rte ja Anfang der siebziger Jahre die deutsche Literatur bei Thomas Mann auf, an anderen machte sie bei der westdeutschen Nachkriegsliteratur halt. Literatur aus der DDR war kaum bekannt und wurde bis dahin auch nicht unterrichtet. Der Durchbruch zur Literatur aus der DDR kam vor allem von Germanistinnen, die sich besonders f\u00fcr Autorinnen wie z. B. Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Sarah Kirsch, Maxi Wander und Brigitte Reimann interessierten, was teilweise daran lag, dass sie sich von diesen Autorinnen Anregungen f\u00fcr ihren eigenen Kampf gegen die ungleiche Behandlung von M\u00e4nnern und Frauen auch in der Germanistik versprachen.<br \/>\nMein eigenes Interesse an der Literatur aus der DDR lag jedoch vor allem auch an ihrer politischen Wirkung innerhalb der DDR, war also eher politischer Natur, denn obwohl die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus f\u00fcr mich schon mit der Zerschlagung des Prager Fr\u00fchlings gestorben war, lebte meine gef\u00fchlte Solidarit\u00e4t mit denen, die diesen Staat mit kleinen Schritten von innen her ver\u00e4ndern wollten, weiter. Daher interessierte ich mich f\u00fcr Autoren wie Volker Braun, Sarah Kirsch, G\u00fcnter Kunert, Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf, Wolf Biermann, Heiner M\u00fcller, u. a., die man, so unterschiedlich sie auch waren, zu den \u201eReformern\u201c z\u00e4hlte. Meine Interesse f\u00fcr gerade diese Autoren enthielt aber auch eine gro\u00dfe Ungerechtigkeit, weil es viele Autoren ausschloss, die nicht nur, wie die \u201eReformer\u201c, Schwierigkeiten mit Verlagen und der Partei hatten, sondern erst gar nicht ver\u00f6ffentlichen durften, wie z. B. J\u00fcrgen Fuchs und Hans Joachim Sch\u00e4dlich, und so entweder mundtot gemacht, mehr oder weniger zur Ausreise gezwungen wurden oder in Gef\u00e4ngnissen landeten. Doch diese Ungerechtigkeit wurde mir erst einige Jahre nach meinem Studium so richtig klar.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Wie kam es zur Gr\u00fcndung des Online-Magazins\u00a0<em>Glossen<\/em>, das sich seit Ende der neunziger Jahre als eines der f\u00fchrenden deutsch-amerikanischen Journale etablierte?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Die Gr\u00fcndung von\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0war zwei Dingen geschuldet. Erstens erschien mir die traditionelle Germanistik, die vor allem werkimmanent, biographisch, psychologisch oder in irgendeiner Form politisch grundiert war, als zu eng. Mir ging es bei der Literatur vor allem um den Nexus Kultur, die l\u00e4nder\u00fcbergreifend auch andere Ausdrucksformen einschloss, also vor allem Musik, Malerei, Film und auch Wissenschaft, ein Nexus, in dem wir uns als Menschen und in dem sich K\u00fcnstler und Autoren aus den deutschsprechenden L\u00e4ndern bewegen. Dazu kam, dass das Internet M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnete, die die traditionellen germanistischen Zeitschriften \u00fcberhaupt nicht oder nur in einem begrenzten Rahmen hatten. Germanistische Beitr\u00e4ge, wenn sie im Internet publiziert wurden, konnten dagegen auf einmal ohne viel Aufwand relevante Bilder, Musik, Interviews, \u201efilm clips\u201c, Illustrationen usw., sichtbar und h\u00f6rbar machen. Wenn man z. B. den einen oder anderen Text Hans Joachim Sch\u00e4dlichs in einem germanistischen Artikel analysiert, ist es sehr hilfreich, ein Bild von Hieronymus Bosch \u201eeinzubauen\u201c oder die \u201c<a href=\"https:\/\/youtu.be\/wR91Yopoj1A\">Klaviersonate Opus 25, Nummer 5 in fis-Moll<\/a>\u201d von Muzio Clementis h\u00f6rbar zu machen. Hinzu kommt, dass ein im Internetjournal publizierter Text f\u00fcr Leser in aller Welt sehr schnell und an jedem Computer, heute auch Smartphone, zug\u00e4nglich ist, was den Besuch einer Bibliothek oder die Benutzung der Fernleihe erspart.<br \/>\nMein gro\u00dfes Gl\u00fcck war, dass sich gleich am Anfang Mitarbeiter wie Christine Cosentino, Wolfgang Ertl und andere fanden, die \u00e4hnlich dachten, ohne die\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Schwierig war es am Anfang nat\u00fcrlich trotzdem. Allein das Erlernen von HTML, das Internet steckte ja 1996\/97 im Vergleich zu heute noch in den Kinderschuhen und kostete einen gro\u00dfen zeitlichen Aufwand. Auch waren elektronische Publikationen weder bei Dekanen noch bei \u201cFaculty Personnel Committees\u201d besonders beliebt, weil ihnen nicht klar war, wie man diese Publikationen bei Bef\u00f6rderungen oder \u201cTenure\u201d-Entscheidungen bewerten sollte. Doch Letzteres ist nun fast schon \u201cHistory\u201d.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Wie siehst Du die Zukunft der deutsch-amerikanischen Germanistik und insbesondere ihrer einschl\u00e4gigen, literarisch und literaturwissenschaftlich orientierten Journale?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Ich denke mir, dass die Entwicklung zu elektronischen Ver\u00f6ffentlichungen weitergehen wird und dass sie mit neuen Technologien immer besser werden. Wenn man zum Beispiel\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0Nr. 1 mit\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a040 vergleicht, erkennt man einen enormen Unterschied in der Gestaltung, die vor allem an der verbesserten Technologie aber auch der Entwicklung einer eigenen, einer besseren \u00c4sthetik liegt.<br \/>\nAu\u00dferdem wird es, so hoffe ich jedenfalls, auch durch elektronische Journale zu engeren Kontakten zwischen Autoren, K\u00fcnstlern, Literaturkritik und Literaturwissenschaft kommen. Die Germanistik kann und darf sich nicht vor allem auf die Akademie als ihr Wirkungsfeld beschr\u00e4nken. Ein breiteres Publikum m\u00fcsste mit einem breiten Angebot angesprochen werden, will man nicht fortfahren, im eigenen Saft zu schmoren. Mit wenigen Ausnahmen schreiben ja selbst heute noch Spezialisten weitgehend f\u00fcr andere Spezialisten. Oder, schlimmer noch, man schreibt vor allem f\u00fcr die Administratoren akademischer Institutionen, denen es vor allem um die Beurteilung zwecks Bef\u00f6rderungen, \u201eTenure\u201c-Entscheidungen oder den Ruf der Institution geht.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: \u201eAch, die Heimat hinter den Gipfeln, wie ist von hier so weit\u201c, um noch einmal das Gedicht \u201eHeimweh\u201c von Eichendorff zu zitieren, des wohl unbestrittenen Altmeisters des deutschen Fernwehs und Heimwehs. Hast Du ab und zu Heimweh und wonach? Und woran denkst Du vor allem, wenn Du heute an Deutschland denkst?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Heimweh? Sicher! \u00dcbrigens halte ich mich auch an romantische Gedichte, zum Beispiel an eins von Wilhelm M\u00fcller, das u. a. von Franz Schubert vertont wurde, n\u00e4mlich, Du wei\u00dft schon, \u201e<a href=\"https:\/\/youtu.be\/BcOjYkEB3cM\">Das Wandern ist des M\u00fcllers Lust<\/a>\u201c aus dem Liederzyklus\u00a0<em>Die sch\u00f6ne M\u00fcllerin<\/em>. Und wenn wir dieses Interview in <em>Glossen<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichen w\u00fcrden, k\u00f6nnten wir dieses Lied, am besten gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau, gleich zu Geh\u00f6r bringen. Ich gestehe aber auch, dass mir in diesem Lied ab und an ein anderes mitzuschwingen scheint, n\u00e4mlich Schuberts \u201e<a href=\"https:\/\/youtu.be\/5brRwYyFmNQ\">Lindenbaum<\/a>\u201c aus der\u00a0<em>Winterreise<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Wie lautet Deine \u201eexistentielle Bilanz\u201c, wenn Du heute auf Deine deutsch-amerikanische Lebensgeschichte zur\u00fcckblickst?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Ach Frederick, das sage ich Dir sp\u00e4ter, hoffentlich viel sp\u00e4ter. Noch ist die Zeit f\u00fcr ein Schlusswort nicht gekommen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Wenn Du auf der Insel Chincoteague an der Atlantischen K\u00fcste von Virginia Deine Sommermonate mit Segeln verbringst, welche Gedanken spr\u00fchen Dir dann so durch den Kopf?<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Hoffentlich komme ich nicht in eine Flaute. Ich habe n\u00e4mlich keinen Motor an Bord.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Ich m\u00f6chte diesen Gedankenaustausch nicht zuletzt zum Anlass nehmen, Dir als Mitbegr\u00fcnder von\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0und als sein jahrzehntelanger \u201eManaging Editor\u201c f\u00fcr Deine unerm\u00fcdliche Herausgeberschaft herzlich zu danken und Dich zu Deinem bewundernswerten transatlantischen Br\u00fcckenschlag zu begl\u00fcckw\u00fcnschen. Seit der Gr\u00fcndung von\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0im Jahre 1997 hast Du zusammen mit deinen beiden Mitherausgebern Wolfgang Ertl und Christine Cosentino immer wieder hervorragende Texte und Features herausgebracht, zu deren Autoren und Autorinnen so prominente Namen z\u00e4hlen wie Alexander Kluge, Auma Obama und Herta M\u00fcller, um hier nur einige der bekanntesten zu nennen. Mit seinen insgesamt vierzig Ausgaben hat\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0dem internationalen Gedankenaustausch \u00fcber die Jahre und Jahrzehnte hinweg einen ganz gro\u00dfen Dienst erwiesen. Interessierte Leser k\u00f6nnen weitere Hintergrundinformationen zu\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0auch einem Essay entnehmen, der unter dem Titel \u201e<em>Glossen<\/em>\u00a0\u2013 Online Journal: Das transatlantische Journal geht doch nicht unter. Ein Blick zur\u00fcck und in die Zukunft\u201c im Herbst 2015 im PEN<em>info<\/em>\u00a0erschienen ist und im Fr\u00fchjahr 2016 auf den Webseiten von\u00a0<em>Weltruf<\/em>\u00a0und AATG nachgedruckt wurde.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Ich freue mich sehr \u00fcber die Anerkennung f\u00fcr\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0und die \u201ealte Garde\u201c ihrer Mitarbeiter, die aus Deinen Worten und Deinem sowie dem Willen vieler neuer Mitarbeiter spricht, die sich um Dich geschart haben! Und selbstverst\u00e4ndlich freue ich mich sehr, dass es mit\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0und neuen Themen und neuen Ideen weitergeht!<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Wir hoffen,\u00a0<em>Glossen<\/em>, Heft 41 im Hochsommer dieses Jahres herausbringen zu k\u00f6nnen. Was Heft 42 f\u00fcr Winter 2016\/2017 betrifft, so w\u00fcrde ich als \u201eInterim Managing Editor\u201c von\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0gerne den aktuellen Themenkomplex der Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me durch Europa und den m\u00f6glicherweise bevorstehenden Mauerbau gegen illegale Immigranten an der S\u00fcdgrenze von Nordamerika unter dem Arbeitstitel \u201eVon Mauerbau und Mauerschau: transatlantische Kassandrarufe\u201c zur Diskussion stellen und diesbez\u00fcglich verschiedene Stimmen aus der Alten und Neuen Welt einladen, dazu im weitesten Sinne Stellung zu nehmen. Die Beitr\u00e4ge k\u00f6nnen der bew\u00e4hrten Konzeption von\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0entsprechend auf Deutsch oder Englisch geschrieben und auch gerne poetischer, polemisch-parodistischer sowie kreativ-visueller Natur sein.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang M\u00fcller<\/strong>: Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass die gegenw\u00e4rtige Flucht und Abwanderung von Millionen von Menschen aus ihren urspr\u00fcnglichen Heimatregionen und Wohnbereichen, sei es nun aus S\u00fcdamerika, Afrika, Asien und S\u00fcdeuropa in bisher friedlichere und reichere L\u00e4nder eines der gro\u00dfen Themen unseres Jahrhunderts ist und auch weiterhin bleiben wird. Die soziologischen und kulturellen Verwerfungen, die dabei entstehen, werden sowohl einen enormen Gewinn f\u00fcr alle aber auch neue Konflikte mit sich bringen. Ich denke mir, dass eine Zeitschrift wie\u00a0<em>Glossen<\/em>\u00a0eine gro\u00dfe Aufgabe darin finden k\u00f6nnte, diese post-nationalen und hoffentlich auch postnationalistischen Ver\u00e4nderungen, die sich in den Medien, der Literatur und Kunst niederschlagen werden, dokumentierend und kommentierend zu begleiten. In diesem Sinne w\u00fcnsche ich Euch viel Erfolg; auf kurze Sicht nat\u00fcrlich f\u00fcr die n\u00e4chsten <em>Glossen<\/em> aber selbstverst\u00e4ndlich auch dar\u00fcber hinaus. Wir werden auf lange Sicht eine Menschheit werden, ja werden m\u00fcssen und, so hoffe ich, letztlich auch werden wollen. Auch wenn es im Augenblick aus einigen Hauptst\u00e4dten manchmal sehr anders klingt, gibt es dazu keine Alternative.<\/p>\n<p>*A previous version of this interview was published by the PEN Center of German Speaking Writers Abroad (<a href=\"http:\/\/www.exilpen.net\">www.exilpen.net<\/a>) in summer 2016.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Frederick Lubich Wolfgang M\u00fcller vor der K\u00fcste von Virginias Eastern Shore: Der Kapit\u00e4n von Glossen im wohlverdienten Ruhestand &nbsp; &nbsp; Frederick Lubich: Lieber Wolfgang, von den letzten drei Generationen, die von Deutschland in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, geh\u00f6ren wir beide altersm\u00e4\u00dfig mehr oder weniger zur zweiten Generation. Im Gegensatz zur ersten Generation, deren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"parent":4915,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4938","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4938"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4938\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4915"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}