{"id":5026,"date":"2016-08-18T12:12:33","date_gmt":"2016-08-18T16:12:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5026"},"modified":"2016-09-18T18:14:21","modified_gmt":"2016-09-18T22:14:21","slug":"rezension-roberto-schopflocher-das-komplott-zu-lima","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-41-august-2016\/rezension-roberto-schopflocher-das-komplott-zu-lima\/","title":{"rendered":"Rezension | Roberto Schopflocher <em>Das Komplott zu Lima<\/em>"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Gabriele Eckart<\/strong><\/p>\n<p><strong>Roberto Schopflocher <em>Das Komplott zu Lima<\/em><\/strong>. Frankfurter Verlagsanstalt 2015, 447 Seiten, 24.90 Euro<\/p>\n<p>Es gibt kein aktuelleres St\u00fcck Literatur zu dem Thema Fl\u00fcchtlinge als Roberto Schopflochers 2015 neuer Roman <em>Das Komplott zu Lima<\/em>.\u00a0 Auf der Flucht ist eine Familie von aus Spanien und Portugal stammenden Marranen; sie flieht vor der Inquisition.\u00a0 Der Fluchtweg f\u00fchrt von Brasilien nach Buenos Aires, nach C\u00f3rdoba in Argentinien, nach Santiago de Chile, nach Lima, Peru.\u00a0 Dort geraten sie den katholischen Glaubensrichtern mit ihren Verliesen, ihrer Seilfolter, ihrer Wippschaukel, den Daumenschrauben und dem Scheiterhaufen dann doch in die Falle.<\/p>\n<p>Der Text ist ein umfangreicher, akribisch recherchierter historischer Roman \u00fcber die Judenverfolgung in S\u00fcdamerika im siebzehnten Jahrhundert.\u00a0 Die Hauptfigur ist die fiktive Elvira Acosta; sie kommt nach zwei Jahren Kerkerhaft als fast einzige aus ihrer Familie mit dem Leben davon.\u00a0 Einer der Inquisitionsrichter erkennt in der jungen Frau seine Jugendfreundin aus Buenos Aires, erinnert sich an einen Kuss und gibt ihr ein milderes Urteil.\u00a0 Nat\u00fcrlich plagt sie das sp\u00e4ter; warum ist gerade sie mit dem Leben davongekommen?<\/p>\n<p>Dass der im Januar dieses Jahres verstorbene Deutsch-Argentinier Roberto Schopflocher Argentinien hautnah miterlebte, w\u00e4hrend er den Roman schrieb, wird deutlich, wenn Elvira nach ihrem verschwundenen S\u00f6hnchen zu suchen beginnt.\u00a0 Nach den zwei Jahren Haft, mit einem Ehemann, der zu einem Leben als Galeerenstr\u00e4fling verurteilt wurde, und ohne Familienangeh\u00f6rige, die sich um das Baby h\u00e4tten k\u00fcmmern k\u00f6nnen, hat sie nichts als ihre Erinnerung an das Kind und Ger\u00fcchte, die sie hier und da aufschnappt.\u00a0 An kinderlose Altchristen in Santiago de Chile sei es gegeben worden\u2026\u00a0 Per Schiff dorthin! Sie \u00fcberlebt, w\u00e4hrend sie in Santiago verzweifelt nach ihrem Kind Ausschau h\u00e4lt, das schwere Erdbeben von 1647.\u00a0 Von Enrequillo, dem Sohn, keine Spur.\u00a0 Nat\u00fcrlich erinnern wir uns, w\u00e4hrend wir Elviras Suche nach dem verschwundenen Sohn verfolgen, an die Gro\u00dfm\u00fctter, die nach dem Ende der Milit\u00e4rdiktatur in Argentinien in den 1980ern und 1990ern Jahren nach den verschwundenen Kindern ihrer ermordeten T\u00f6chter und S\u00f6hne zu suchen begannen\u2026 die Bilder ihrer Demonstrationen auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires gingen um die Welt.<\/p>\n<p>Stilistisch geschult an den historischen Romanen Stefan Zweigs mit ihrer n\u00fcchternen und doch kunstvollen Sprache, hat Schopflochers Text doch auch eine postmoderne Note; dokumentarisches Material (Ausz\u00fcge aus Inquisitionsakten) ist eingeschoben und Code-Switching von Deutsch in verschiendene Fremdsprachen (vor allem Spanisch, Hebr\u00e4isch und Latein) kommt reichlich vor. Am Ende des Romans steht ein neunseitiges Glossar mit der Erkl\u00e4rung aller fremdsprachigen Ausdr\u00fccke, etwa: \u201cRelaxierung, relaxieren Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.\u201d<\/p>\n<p>Elvira Acosta ist intelligent und aufgeweckt; st\u00e4ndig auf Sinnsuche, f\u00e4llt sie dennoch nicht auf Erl\u00f6serfiguren wie zum Bespiel Sabbatai Zwi herein, ein selbsternannter Messias, der ihre Freundin veranlasst, alles hinzuschmei\u00dfen und nach Jerusalem auszuwandern; die vom Vater geerbte Skepsis sch\u00fctzt Elvira.\u00a0 Weil sie ihren Sohn nicht finden kann, nimmt sie zwei Kinder an, erzieht sie und findet in der Stadt ihrer Kindheit, Buenos Aires, eine Art inneres Gleichgewicht.<\/p>\n<p>Der allwissende Erz\u00e4hler ist am \u00fcberzeugendsten, wenn er Details aus dem Alltagsleben des 17. Jahrhunderts in den spanischen Kolonien beschreibt, zum Beispiel Ger\u00fcche, Kleidung (einschlie\u00dflich der Schandkleider, die die zum Tode verurteilten Juden tragen mussten), den Umgang mit den schwarzen Haussklaven, die Pyrotechnik und das st\u00e4ndige Zittern der Erde im Andengebiet.\u00a0 Wenn er Elvira \u00fcber das Leben reflektieren l\u00e4sst, m\u00f6chte man sich verschiedene S\u00e4tze herausschreiben, etwa \u201cDie neue Heimat? Elvira konnte sich unter diesem Begriff nichts vorstellen. Gab es denn alte und neue Heimaten? Kann man die Heimat etwa wechseln wie ein Kleid? Oder ist man gezwungen, mit zwei Heimaten gleichzeitig zu leben? Oder gar mit dreien?\u201d Schopflocher, der als vierzehnj\u00e4hriger Angeh\u00f6riger einer deutsch-j\u00fcdischen Familie 1937 Deutschland verlie\u00df und nach Argentinien kam, lebte mit zwei Heimaten und wei\u00df sehr wohl, wovon er spricht.<\/p>\n<p>Hin und wieder wechselt die Erz\u00e4hlstimme des Romans von der dritten in die erste Person, Monologe Elviras, durch Kursivschrift hervorgehoben. Am bewegendsten klingt ihre Stimme am Ende auf dem Sterbebett, wenn sie ihr Leben zusammenfasst. Es ist keineswegs lamoryant; trotzdem weint man.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Romans steht, wie der Titel bereits ank\u00fcndigt, das historisch belegte ber\u00fcchtigte Tribunal und sich anschlie\u00dfende Autodaf\u00e9 1639 in Lima. Die Parallelen zur NS-Zeit sind un\u00fcbersehbar. Ihres j\u00fcdischen Glaubens wegen werden die Marranen verfolgt; sie sind getauft, sogenannte Neuchristen, halten aber heimlich an den j\u00fcdischen Gebr\u00e4uchen fest&#8230; Bespitzelung, Denunziationen, Verhaftungen, Folter, Prozesse, Scheiterhaufen sind die Folge.\u00a0 \u00dcbrig bleiben Akten als Zeugnisse einer ungeheuren Vernichtungsb\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>Roberto Schopflocher erfuhr vor seinem Tod noch, der Roman wird verfilmt werden. Tief bewegt von der Lekt\u00fcre kann ich es kaum erwarten, den Film zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gabriele Eckart Roberto Schopflocher Das Komplott zu Lima. 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