{"id":5040,"date":"2016-08-18T12:34:16","date_gmt":"2016-08-18T16:34:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5040"},"modified":"2016-08-29T13:08:08","modified_gmt":"2016-08-29T17:08:08","slug":"erinnerungen-an-roberto-schopflocher-ein-multikulturelles-leben-als-vorbild","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-41-august-2016\/erinnerungen-an-roberto-schopflocher-ein-multikulturelles-leben-als-vorbild\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an Robert(o) Schopflocher: Ein multikulturelles Leben als Vorbild"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Reinhard Andress<\/strong><\/p>\n<p>\tIch kam vor etwa zehn Jahren auf Robert Schopflocher zun\u00e4chst \u00fcber seine Doppelsprachigkeit. Damit meine ich nicht nur eine relativ beliebige Mehrsprachigkeit, sondern auch die F\u00e4higkeit, literarisch in zwei Sprachen schreiben zu k\u00f6nnen, oft als Ergebnis des Exils. In seinem ersten Erz\u00e4hlband auf Deutsch, <em>Wie Reb Froike die Welt rettete<\/em>, las ich mich fest, und da ich Spanisch durch Studium und Ehe kann, nahm ich mir ebenfalls seine fr\u00fcheren, in der Sprache geschriebenen Texte vor, etwa den Erz\u00e4hlband <em>Ventana abierta<\/em> (Offenes Fenster) oder den Roman <em>Extra\u00f1os negocios<\/em> (Seltsame Gesch\u00e4fte). Auch seine weiteren B\u00fccher auf Deutsch schaffte ich mir immer schnell an und las sie mit Begeisterung, etwa die Autobiographie <em>Weit von wo<\/em> oder die Romane <em>Die verlorenen Kinder<\/em> und <em>Das Komplott zu Lima<\/em>.<br \/>\n\tDenn abgesehen von der Doppelsprachigkeit hielten mich seine B\u00fccher nat\u00fcrlich auch thematisch fest. Dem erw\u00e4hnten Erz\u00e4hlband <em>Ventana abierta<\/em> hat Roberto das folgende Motto des Poeten Miguel Hern\u00e1ndez vorangestellt: \u201eSoy una ventana abierta que escucha \/ por donde va tenebrosa la vida. \/ Pero hay un rayo de sol en la lucha \/ que siempre deja la sombra vencida.\u201c Auf Deutsch hie\u00dfe das etwa: Ich bin ein offenes Fenster, das lauscht, wohin das Leben d\u00fcster schreitet. Es gibt aber einen Sonnenstrahl im Kampf, der den Schatten immer besiegt. Dieses Motto gilt, ich glaube, f\u00fcr Robertos Werk insgesamt, sozusagen der Versuch einer Beleuchtung der Zwischenwelten, die am Rande des Alltags vibrieren. Dabei geht er von der Oberfl\u00e4che der historischen Realit\u00e4t oder relativen Gegenwart aus, schl\u00e4gt erz\u00e4hlend aber bald eine Br\u00fccke zu den Tr\u00e4umen, \u00c4ngsten und Illusionen unseres Innenlebens, zu versteckten Gefahren im Alltag, zu Fragen der Selbstverwirklichung, des vers\u00e4umten Lebens oder der unbekannten M\u00e4chte, denen wir schuldhaft-kafkaesk ausgesetzt sind. Eine dieser Zwischenwelten ist auch der starke Sog einer heraufbeschworenen, oft j\u00fcdischen Vergangenheit. \u201eDie Vergangenheit pflegt einen leichten Schlaf\u201c, hat Roberto einmal gesagt. In diesem Zusammenhang spielen wiederum die Erfahrung der verlorenen Heimat, die erzwungene Auswanderung, die bleibende Erinnerung an die alten j\u00fcdischen Traditionen und die kulturelle Identit\u00e4t eine gro\u00dfe Rolle, alles gefiltert durch die subjektive Sicht seiner vielen Figuren. Robertos Prosa kommt aber nicht psychologisierend mit Antworten daher. Vielmehr bleibt viel in der Schwebe. Das macht ihn f\u00fcr mich so sympathisch, denn mit zunehmendem Alter glaube ich, dass wir uns haupts\u00e4chlich in einer riesigen Grauzone zwischen unserem Alltag und den Zwischenwelten bewegen. Roberto fand einen pr\u00e4gnanten literarischen Ausdruck f\u00fcr diesen Zustand.<br \/>\n\tIm Laufe der Jahre kam es 2009, 2011 und 2015 zu Begegnungen mit Roberto in Buenos Aires am Rande von Kongressen, davon zweimal in seiner sch\u00f6nen, stilvoll und mit vielen Kunstwerken eingerichteten Etagenwohnung in Belgrano Norte, dem Stadteil, wo sich viele deutsche Emigranten niedergelassen haben. Ich hatte so eine gro\u00dfe Achtung vor dem literarischen Schaffen dieses Schriftstellers, dass ich zun\u00e4chst eine Scheu empfand, ihm zu begegnen. Doch wurde das beim ersten Kennenlernen durch seine tiefe Menschlichkeit schnell abgebaut. Ob bei Kaffee und Kuchen in der Wohnung zusammen mit seiner Frau Ruth oder ob beim kr\u00e4ftigen argentinischen Mittagssteak in Puerto Madero, es war immer leicht, mit ihm ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Obwohl ich eigentlich derjenige war, der fragen und herausfinden wollte, interessierte sich Roberto durchaus, ebenfalls seine Frau, f\u00fcr meine Welt. Letzten Endes ging es nat\u00fcrlich immer um sein literarisches Werk, aber es war ein Austausch, wie ich ihn selten erlebt habe.<br \/>\n\tOft kam ein melancholischer Ton bei ihm durch, eine sanft vorgetragene Weisheit um die Gr\u00e4sslichkeiten, die sich Menschen im Namen von Religion und Ideologien immer wieder antun, eine skeptische Weisheit, die auch in seinem letzten Roman <em>Das Komplott zu Lima<\/em> einen starken literarischen Ausdruck fand. Es ist ein Historienroman, in dem es um die Inquisition in Lateinamerika geht, wobei man aber unwillk\u00fcrlich an den Holocaust und an weitere Zerrei\u00dfproben heute im Zusammenhang mit Globalisierungsprozessen und religi\u00f6sem Fanatismus denkt. Das kann alles noch fatal enden \u2013 das w\u00e4re eine Lesart des Romans.<br \/>\n\tSollen wir aber Robertos skeptische Haltung akzeptieren und pessimistisch bleiben? Als ich ihn im September 2009 interviewte, nahm ich das Gespr\u00e4ch auf und habe es mir k\u00fcrzlich wieder angeh\u00f6rt. Er arbeitete damals gerade an den erw\u00e4hnten Lebensaufzeichnungen <em>Weit von wo<\/em>, die 2010 mit dem Untertitel \u201eMein Leben zwischen drei Kulturen\u201c erschienen. Dieses multikulturelle Leben tauchte auch motivisch in unserem Gespr\u00e4ch immer wieder auf. Da war trotz aller negativen Erfahrungen die deutsche Kultur seiner Jugend, romantisch und idealistisch gepr\u00e4gt. Hinzu kam ein agnostisch gef\u00e4rbtes, doch stark kulturell durchsetztes Judentum. Im Hintergrund standen hier die Kindheit in Mittelfranken, ein j\u00fcdisches Landschulheim, die Pestalozzi-Schule in Buenos Aires und der berufliche Kontakt mit russischen Juden in den Baron-Hirsch-Siedlungen der argentinischen Pampas. Und dieses Argentinien war seine dritte Welt, lebensrettend, das Land, wo er seine Ausbildung erhielt, eine Familie gr\u00fcndete und schlie\u00dflich fast achtzig Jahre lebte. Diese drei Welten bildeten bei Roberto eine Symbiose mit so beweglichen Dimensionen, dass er sich nie auf eine festlegen weder konnte noch wollte. So kann es also auch in unserer heutigen Welt gehen: durch ein Gewaltregime in die Freiheit geschleudert, kann man auch einen l\u00e4ngeren Atem und einen weiteren Horizont gewinnen, als es in der Heimat m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, wobei aber die heimatlichen Wurzeln nicht vergessen werden. D.h. aus der Not der erzwungenen Auswanderung eine Tugend zu machen, die Migration als Schwebe zwischen mehreren Kulturen zu erleben, als einen Zustand, dessen multikulturelles Potenzial ausgesch\u00f6pft werden kann \u2013 das ist ein Modell, das uns Roberto in h\u00f6chstem Ma\u00dfe vorgelebt und mit seinen Texten vorgezeigt hat.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Reinhard Andress Ich kam vor etwa zehn Jahren auf Robert Schopflocher zun\u00e4chst \u00fcber seine Doppelsprachigkeit. Damit meine ich nicht nur eine relativ beliebige Mehrsprachigkeit, sondern auch die F\u00e4higkeit, literarisch in zwei Sprachen schreiben zu k\u00f6nnen, oft als Ergebnis des Exils. 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