{"id":5273,"date":"2016-12-27T15:17:23","date_gmt":"2016-12-27T20:17:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5273"},"modified":"2017-10-19T11:01:25","modified_gmt":"2017-10-19T15:01:25","slug":"jurgen-fuchs-kommt-nach-polen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-42-dec-2016\/jurgen-fuchs-kommt-nach-polen\/","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Fuchs kommt nach Polen"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Utz Rachowski<\/strong><\/p>\n<p>Er\u00f6ffnungsvortrag an einer internationalen Germanisten-Konferenz \u00fcber J\u00fcrgen Fuchs in Wroclaw (Breslau) im November 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Fuchs war nie in Polen. Heute kommt J\u00fcrgen Fuchs nach Polen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNIKE WENN SIE Z\u00d6GERT<\/p>\n<p>Am sch\u00f6nsten ist Nike<br \/>\nwenn sie z\u00f6gert<br \/>\ndie rechte hand an die luft gelehnt<br \/>\nherrlich wie ein befehl<br \/>\naber die fl\u00fcgel zittern<\/p>\n<p>Sie sieht<br \/>\nden einsamen j\u00fcngling<br \/>\nder langen spur<br \/>\ndes kriegswagens folgen<br \/>\ndem grauen weg in der grauen landschaft<br \/>\naus felsen und kahlem wacholder<\/p>\n<p>bald wird der j\u00fcngling sterben<br \/>\nschon senkt sich die waagschale<br \/>\nseines schicksals<\/p>\n<p>Nike hat gro\u00dfe lust<br \/>\nsich ihm zu n\u00e4hern<br \/>\nund seine stirn zu k\u00fcssen<\/p>\n<p>aber sie f\u00fcrchtet<br \/>\ndass er<br \/>\ndie s\u00fc\u00dfe der kosung nie empfunden<br \/>\nwenn er sie kennenlernte<br \/>\nfliehen k\u00f6nnte wie die anderen<br \/>\nw\u00e4hrend der schlacht<\/p>\n<p>Also z\u00f6gert Nike<br \/>\nund entschlie\u00dft sich doch<br \/>\nin jener haltung zu verharren<br \/>\ndie ihr die bildhauer beibrachten<br \/>\nbesch\u00e4mt ob dieses augenblicks der r\u00fchrung<\/p>\n<p>\u2026\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcbertragen von Karl Dedecius<\/p>\n<p>(aus: \u201ePoesiealbum 86\u201c, Berlin 1974)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich ein Gedicht von Zbigniew Herbert. J\u00fcrgen Fuchs hat es fr\u00fch wahrgenommen, schon Anfang der 70er Jahre, als in der Reihe \u201ePoesiealbum\u201c, diese kleinen Heftchen, die sich jeder f\u00fcr 90 Pfennige leisten konnte, auch ein Heft zu Herbert erschienen war. Zwei Jahre sp\u00e4ter, im Gef\u00e4ngnis der politischen Polizei \u201eStasi\u201c in Berlin Hohensch\u00f6nhausen <em>beschwieg<\/em> J\u00fcrgen Fuchs neun Monate lang, was er bald nach seiner Entlassung in seinen \u201eVernehmungsprotokollen\u201c in einem Gedicht aufschreiben sollte: \u201eAm sch\u00f6nsten ist L. wenn sie z\u00f6gert\u201c. L. \u2013 das ist Lilo, seine Frau. Sein Mut zu solcher literarischen N\u00e4he, als w\u00e4re sie selbstverst\u00e4ndlich, bei der J\u00fcrgen Fuchs mit einer \u00dcbertragung nicht z\u00f6gert.<\/p>\n<p>Zbigniew Herbert und J\u00fcrgen Fuchs. Dieses Beispiel gleich am Anfang f\u00fcr die, fast m\u00f6chte ich sagen: unbewusste Wahrnehmung und Verinnerlichung, polnischer Poesie durch J\u00fcrgen Fuchs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch einen anderen gro\u00dfen Dichter Polens, Tadeusz R\u00f3\u017cewicz, hatte er in seinen fr\u00fchen Jahren gelesen. Dessen Lyrik, wird gesagt, sei eine \u201ePoesie der gew\u00fcrgten Gurgel\u201c. R\u00f3\u017cewicz schrieb: \u201eMan hat die Lyrik auf der Jagd nach Originalit\u00e4t und Unwiederholbarkeit l\u00e4cherlich gemacht, aus ihr ein Kinderspielzeug, ein avantgardistisches Kalb mit zwei K\u00f6pfen gebastelt. Also muss ich das alles begraben und die Erde dar\u00fcber festtreten\u2026 Die Lyrik muss, um auferstehen zu k\u00f6nnen, sterben\u2026 Ich trage in mir ein Verbot, sch\u00f6ne Gedichte zu schreiben.\u201c<\/p>\n<p>Das passt zu J\u00fcrgen Fuchs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erinnere mich gut. J\u00fcrgen lernte ich im September 1968 kennen, als ich auf die Erweiterte, die \u201eGoethe-Oberschule\u201c in Reichenbach kam mit der neunten Klasse, er bereits in der Zw\u00f6lften. Heute gibt es in dieser Stadt eine J\u00fcrgen-Fuchs-Bibliothek, zu deren Entstehung ich etwas beitragen durfte. Damals kamen wir schnell ins Gespr\u00e4ch, denn es waren wieder einmal \u201eGro\u00dfe Zeiten\u201c, der Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei lag nur eine Woche zur\u00fcck. Durch unsere Stadt waren tagelang die Panzer gerollt und der aufgewirbelte Staub war noch in der Luft, die aufgerissenen Stra\u00dfen mit Pflastersteinen \u00fcbers\u00e4t. Da sagte er mir gleich am Anfang, vor wem ich mich zu sch\u00fctzen habe, hier an der Schule, wer von den Lehrern gef\u00e4hrlich sei und mit der \u201eStasi\u201c, die an der Schule aus- und einging, zusammenarbeiten w\u00fcrde. Sp\u00e4ter schrieben wir die Motorrad- und Autonummern dieser Besucher auf, um sie in der Stadt wiederzuerkennen. Wenn sie zum Beispiel vor dem Eiscaf\u00e9 standen oder vor der Waldgastst\u00e4tte \u201eSchwarze Katz\u201c, wo wir uns manchmal trafen. Bevorzugt und in Ruhe sahen wir uns jedoch lieber bei uns zu Hause, er sa\u00df dann bei sich in dem gro\u00dfen Ohrensessel, ich erinnere Gr\u00fcn, an der Wand ein Zettel: \u201eSie brannten die Helligkeit dieser Zeit in unsere Augen, die Zweifelnden. Wie weit verbrannt ist schon das Licht?\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter im Schuljahr machte er Abitur und wurde im Herbst, im November 1969, zur Armee eingezogen. \u201eDie steinerne Welt\u201c. Ich erlaube mir dieses Kurzschlie\u00dfen eines Titels von Tadeusz Borowski mit J\u00fcrgen Fuchs, denn viel sp\u00e4ter, in Jena, sollte J\u00fcrgen ein Prosast\u00fcck schreiben, das den Titel \u201eDas Fu\u00dfballspiel\u201c tr\u00e4gt. Borowskis Buch hatten wir gelesen. Dieser schrieb: \u201eIch lief mit meinem Ball zur\u00fcck und warf ihn ins Spiel\u2026 er rollte ins Gras. Ich ging ihn holen. Als ich ihn aufhob, sah ich noch einmal zur Rampe hin\u00fcber\u2026 die Rampe war leer\u2026 zwischen zwei Eckb\u00e4llen hatte man hinter meinem R\u00fccken dreitausend Menschen vergast\u2026\u201c. J\u00fcrgen Fuchs spielte Fu\u00dfball, wie der Protagonist der Erz\u00e4hlung Borowskis in den 1940er Jahren in Auschwitz, Fuchs 1970 in einer Kaserne in Plauen im Vogtland. Bei J\u00fcrgen Fuchs erschoss sich w\u00e4hrend des Fu\u00dfballspiels ein Soldat. Er sah die Gehirnmasse oben im Dach des Unterstands, dem Postenpilz. Nach diesem Erlebnis kam J\u00fcrgen auff\u00e4llig ver\u00e4ndert und tief verst\u00f6rt, zu einem Urlaub 1970 in unsere kleine Stadt zur\u00fcck und las mir, in seinem gr\u00fcnen Sessel sitzend, ein neues Gedicht vor, nicht leise, wie ein Schrei aus \u201egew\u00fcrgter Gurgel\u201c:<\/p>\n<p>\u201eGelbe landschaft leben<br \/>\nUnser tag unter ihren h\u00e4nden<br \/>\nZerschnitten sein lied<\/p>\n<p>In formierten farben<br \/>\nDer schl\u00e4chter \u2013 wir<br \/>\nIn den st\u00e4dten<br \/>\nSingen die sorglosen<br \/>\nLieblich<br \/>\nVers um vers<br \/>\nIn unseres schweigens schrei<\/p>\n<p>Die uns den atem nehmen<br \/>\nDer warnung wort<br \/>\nLeben mit uns<\/p>\n<p>Aber ich h\u00f6re<br \/>\nDer ich vergesslich sein soll<br \/>\nAuf befehl ab sofort:<\/p>\n<p>Sie l\u00fcgen im licht<br \/>\nIn meiner sprache<br \/>\nTreten hervor<br \/>\nFinden klebrigen glauben<br \/>\nWie sollten sie\u2019s nicht<br \/>\nBei der alten vergesslichkeit<\/p>\n<p>So in der nacht<br \/>\nFremder leuchtschrift flimmer<br \/>\nEuer vergessen<br \/>\nDas da grinst und gr\u00f6lt und<br \/>\nFleisch inhaliert<\/p>\n<p>Ruf ich zu euch:<br \/>\nIn mode wird kommen gelb<br \/>\nDie gelbe landschaft<br \/>\nMit asche ged\u00fcngt<\/p>\n<p>Wenn nicht\u201c<\/p>\n<p>(September 1970)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Jena, Jahre sp\u00e4ter dann als Student der Psychologie, schrieb er dieses Armee-Erlebnis konkreter, fast m\u00f6chte ich sagen befreit und befreiend, auf.<\/p>\n<p>\u201eDas Fu\u00dfballspiel\u201c: \u201eAber ich habe es doch erlebt\u2026 ich werde nicht vergessen, was uns dieser Unterfeldwebel oder Unterwachtmeister, wie er sich gern nannte, am zweiten Tag im Vorbeigehen sagte: Damit wir uns gleich richtig verstehen, wer hier durchdreht und Faxen machen will, der muss sich schon was Besonderes einfallen lassen, hier gab\u2019s schon alles: Aufh\u00e4ngen, Fenstersturz, Tabletten, auf Wache abknallen, alles schon dagewesen.<\/p>\n<p>Gar nichts <em>Besonderes <\/em>(Hervorhebung \u2013 U.R.), nur ein Sonnabendnachmittag im Juni, die Kaserne ruht, ein angeketteter Sch\u00e4ferhund bellt, einige Soldaten spielen Fu\u00dfball. Die drei Sch\u00fcsse waren kaum zu h\u00f6ren, etwas d\u00e4mpfte den Schall. Na und, der Posten am Tor ist tot, das kommt vor\u2026 Dann wird er abgedeckt, dann wird er abgeholt, dann wird Sand gestreut, weil dort doch jemand lag, in seinem eigenen Blut an einem Sonnabendnachmittag, und ich spielte Fu\u00dfball, zwanzig Meter entfernt\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso z\u00f6gert Nike<br \/>\nund entschlie\u00dft sich doch<br \/>\nin jener haltung zu verharren<br \/>\ndie ihr die bildhauer beibrachten<br \/>\nbesch\u00e4mt ob dieses augenblicks der r\u00fchrung<\/p>\n<p>sie wei\u00df<br \/>\ndass man im morgengrauen<br \/>\nden jungen finden wird<br \/>\nmit offener brust<br \/>\ngeschlossenen lidern<br \/>\nund mit dem herben geschmack des vaterlands<br \/>\nunter der steifen zunge\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute kommt J\u00fcrgen Fuchs nach Polen. Ich kam hierher zum ersten Mal aus Gr\u00fcnden der Liebe, zu einem M\u00e4dchen aus Warschau namens Hanka im August 1973. Nach Wroc\u0142aw gleich im Herbst, wenige Tage vor meiner Einberufung zur Armee. Ich war um Mitternacht hier am Bahnhof aus dem Zug nach Warschau gestiegen. Es fand gerade das Welt-Studententheater-Festival statt, ich sah in 24 Stunden eine Auff\u00fchrung des legend\u00e4ren Jerzy Grotowski direkt am Rynek, ein zweites St\u00fcck mit einer Gruppe 40 nackter Japanerinnen und stieg zur n\u00e4chsten Mitternachtsstunde wieder in meinen Zug. Als ich sp\u00e4ter Wolf Biermann und J\u00fcrgen Fuchs von diesem Tag in Wroc\u0142aw berichtete, blieben sie eher distanziert, vielleicht glaubten sie mir die nackten Japanerinnen nicht\u2026 Wolf sagte: \u201eAch, was redest Du da von Freiheit, die mit ihrer Schwarzen Madonna, von dort kommt niemals was Neues.\u201c J\u00fcrgen verteidigte Wolf Biermann zugleich: \u201eDu musst bedenken\u201c, sagte er zu mir, \u201edass Wolf seit fast einem Jahrzehnt nicht reisen darf, er kann sich das nicht vorstellen\u201c. Aber auch er blieb skeptisch und nicht nur den Japanerinnen gegen\u00fcber und sprach lieber vom aufziehenden Eurokommunismus in den westlichen L\u00e4ndern. Ich aber besuchte meine Freundin Hanka weiterhin und machte in Wroc\u0142aw Zwischenhalt.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, am 16. Dezember 1980, weckte mich J\u00fcrgen um sechs Uhr drei\u00dfig fr\u00fch, ich war nicht gerade begeistert, denn vor 10 Tagen war ich aus dem DDR-Gef\u00e4ngnis nach Westberlin gekommen und trachtete, endlich einmal auszuschlafen. J\u00fcrgen und Lilo hatten mich nach meiner Haft sofort in ihre Wohnung aufgenommen und stellten mir ein Zimmer zur Verf\u00fcgung, um mich vor dem Aufnahmelager Marienfelde zu bewahren. Regelm\u00e4\u00dfig p\u00e4ppelten sie mich beim Fr\u00fchst\u00fcck mit <em>Alete<\/em>-Kinders\u00e4ften auf. J\u00fcrgen und Lilo hatten an diesem Morgen im Flur den Fernseher angeschaltet und sagten nur: Schau mal! An diesem Tag wurde in Gdansk das Denkmal f\u00fcr die Opfer des Werftarbeiterstreiks von 1970 eingeweiht, bei dem es bis zu 100 Tote gegeben hatte. Auch das Bild im Fernseher war dunkel, wir sahen Tausende von Menschen \u00fcber die Br\u00fccken der Werft ziehen. 100 000 Menschen kamen. Dann wurden am Denkmal die Namen der Toten verlesen. Offenbar nicht im Protokoll stand, was jetzt geschah: Die Menschen riefen nach der Nennung jedes einzelnen Namens: Jest wsr\u00f3d nas \u2013 er ist unter uns! Ich war ersch\u00fcttert vor Freude, auch vor R\u00fchrung, was ich verbergen wollte und sagte zu J\u00fcrgen: \u201eDas ist ja meine Rede seit Grotowski, die Polen machen das \u2013 und zwar mit der Schwarzen Madonna\u201c.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, 1981, trafen wir mehrere Male Adam Zagajewski in Westberlin, der ein Stipendium des Deutsch Akademischen Austauschdienstes hatte. Am 28. November 1981 ver\u00f6ffentlichten wir Drei in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> ein gemeinsames Gespr\u00e4ch unter dem Titel \u201ePoetisches Prinzip Aufrichtigkeit \u2013 oder wie es ist, muss es nicht bleiben\u201c. Das war 15 Tage vor Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts \u00fcber Polen. Eine Ver\u00e4nderung in diese Richtung hatten wir nat\u00fcrlich nicht gemeint, sondern eingefordert demokratische Grundrechte wie Streikrecht und Pressefreiheit und Freiheit des Wortes auch f\u00fcr die Menschen in der DDR. Aber auch Themen angesprochen, zu denen Adam Zagajewski uns klare S\u00e4tze sagte, deren innerer Sinn f\u00fcr mich noch heute G\u00fcltigkeit hat. Zagajewski: \u201eDas Beim-Namen-Nennen der Dinge ist die einzige Chance der Literatur. Es kommt darauf an, die Wahrheit zu erkennen und zu sagen. Das kann auf vielerlei Weise geschehen. Die platte und die verr\u00e4tselte L\u00fcge haben zum Gegner die einfache Wahrheit und das R\u00e4tsel der Kunst\u2026Wenn jemand begabt ist, hat er eine sehr kleine, seltene M\u00f6glichkeit. Sie ist wertvoll. Das, was die Politik betrifft, ist so allgemein, dass es fast jeder aussprechen kann. Es ist keine gro\u00dfe Schwierigkeit, \u00fcber Politik zu sprechen\u2026 Man muss ganz egoistisch diese \u201akleine M\u00f6glichkeit\u2019 sch\u00fctzen, damit sie nicht im Gerede untergeht. Man soll hier ganz egoistisch sein\u2026 Aber ich denke, dass man dieses \u201aEtwas\u2019, das man vielleicht hat, der Welt zur\u00fcckgeben sollte. Es kann aus dieser Sicht eine Gefahr sein, dies dem Publizistischen zu opfern\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe mich an diese mahnenden Worte Adam Zagajewskis gehalten, war aber sp\u00e4ter auch zutiefst best\u00fcrzt \u00fcber die Klage meines sterbenden Freundes J\u00fcrgen Fuchs, der vor seinem Tod schrieb, er h\u00e4tte so gern eher Liebesgedichte geschrieben, als dem Politischen folgen zu m\u00fcssen, das ihm aufgezwungen war. Deshalb schreibe ich manchmal Gedichte wie zum Beispiel \u00fcber einen Hund namens <em>Suki<\/em>, der in Amerika, in Pennsylvania lebt.<\/p>\n<p>Adam Zagajewski hat zu diesem, meinem letzen Buch, zur polnischen Ausgabe 2015, das Vorwort geschrieben. Ich zitiere es vollst\u00e4ndig, weil er darin auch besonders auf J\u00fcrgen Fuchs zu sprechen kommt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUtz Rachowski geh\u00f6rt einer Generation an, die die Literatur nicht nur mit einem leeren Blatt auf dem Schreibtisch und nicht nur mit Rezensionen, Preisverleihungen, Ambitionen, Neid und Aufenthalten in eleganten \u201aH\u00e4usern der kreativen Arbeit\u2019 assoziierte, sondern durchaus auch mit dem Risiko, das die Herausforderung an das politische System mit sich brachte. Die damals jungen Dichter und Schriftsteller der DDR, eines Staates, der nicht mehr existiert, riskierten viel mehr als ihre polnischen Kollegen. Die ostdeutsche Stasi (nur wer \u00fcberhaupt kein Deutsch kann, mag dieses Wort f\u00fcr den Namen einer Lieblingskneipe der verarmten Intellektuellen in Krakau halten \u2013 \u201aU Stasi\u2019) war eine allgegenw\u00e4rtige und grausame Organisation, die bewusst oder unbewusst die Methoden der Gestapo fortsetzte.<\/p>\n<p>Ein Freund von Utz Rachowski, Dichter und Prosaautor J\u00fcrgen Fuchs, zahlte mit seinem Leben f\u00fcr den Konflikt mit dem bereits verschwundenen Staat \u2013 er starb an Krebs, den h\u00f6chstwahrscheinlich die radioaktive Bestrahlung ausl\u00f6ste, der Fuchs im Gef\u00e4ngnis der Stasi ausgesetzt wurde. Utz Rachowski blieb jedoch am Leben, obwohl er auch verfolgt und verhaftet wurde, und schreibt weiter.<\/p>\n<p>Eines der Dilemmata dieser Generation war die Frage: Was tun nach dem Fall des Systems? Die Schriftsteller dieser Generation, nicht sie allein selbstverst\u00e4ndlich, sondern in solidarischer Mitwirkung mit viel m\u00e4chtigeren gesellschaftlichen Kr\u00e4ften, trugen den Sieg davon. Aber in der Literatur kann ein Sieg leicht zur Niederlage werden. Die Dichtung kann sehr gut mit der Trag\u00f6die, Katastrophe, Melancholie, mit dem Tod und dem Liebesversagen (damit am besten!) umgehen, sie ist aber ratlos gegen\u00fcber dem Sieg. Nur ein Pindar wei\u00df den Sieg zu besingen. Der Triumphalismus ist etwas Absto\u00dfendes \u2013 wie lange kann man allerdings triumphieren, eine Woche, zwei? Deswegen kam es oft vor, dass manche Vertreter dieser \u201asiegreichen\u2019 Generation ins lange Schweigen gerieten. Gewiss kam es manchmal zum g\u00e4nzlichen Verstummen \u2013 auch wenn ich einen konkreten Fall weder nennen k\u00f6nnte noch m\u00f6chte. \u201aSiegreiche Generation\u2019 und \u201alost generation\u2019 \u2013 die Unterschiede sind nicht gro\u00df&#8230;<\/p>\n<p>Die Literatur ist kein Spiel. Ich kann nicht sagen, was sie ist, aber auf keinen Fall ein Spiel. Sie hat jedoch etwas Spielerisches an sich \u2013 vielleicht deswegen verh\u00f6hnte die n\u00e4chstkommende Generation so gern die \u201aSieger\u2019.<\/p>\n<p>Das B\u00fcchlein von Utz Rachowski, \u201aMiss Zuki czyli Ameryka jest ca\u0142kiem blisko\u2019 (\u201aMiss Suki oder Amerika ist nicht weit\u2019), wird die schmerzlichen und paradoxen Dilemmata der Generation J\u00fcrgen Fuchs nicht l\u00f6sen. Ich bewundere jedoch die frische und gelassene Aussagekraft der Gedichte, den Verzicht auf jegliches Kombattantentum. Auch der Bund mit dem Hund oder H\u00fcndchen gef\u00e4llt mir. Die Tiere erfahren die Geschichte viel seltener als die Menschen, aber wenn es schon dazu kommt, zahlen sie daf\u00fcr den h\u00f6chsten Preis. Sie beschenken uns sehr reich, vor allem mit einer Art Unschuld, die wir \u2013 sowohl die Sieger als auch die Verlierer \u2013 nicht mehr haben.\u201c<\/p>\n<p>(\u00dcbersetzung von Ewa Szymani, die auch die Gedichte meines Buches ins Polnische \u00fcbertrug.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit, und das will ich festhalten, hat der wohl bedeutendste lebende polnische Dichter, Adam Zagajewski, an unsere Generation den Namen <em>J\u00fcrgen Fuchs<\/em> vergeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch J\u00fcrgen Fuchs schrieb ein Gedicht: \u00fcber zwei gro\u00dfe Hunde.<\/p>\n<p>Ein deutscher Professor interpretierte es k\u00fcrzlich, ungl\u00fccklicherweise. An mein kleines H\u00fcndchen Suki dagegen in Amerika hat sich (zum Gl\u00fcck!), obwohl es niemals bei\u00dft, noch kein deutscher Professor herangetraut\u2026 aber mehrere polnische wie Ewa Matkowska, Stanis\u0142aw Rogala oder Stefan Kaszynski.<\/p>\n<p>Der Text des Gedichtes von J\u00fcrgen Fuchs lautet:<\/p>\n<p><em>Auf dem Gang zum Briefkasten \/ sah ich zwei gro\u00dfe Hunde \/ Auf den R\u00fccksitz \/ Eines Autos springen \/ Sie bellten nicht \/ Sie sa\u00dfen sofort still \/ Ich ging weiter \/ Als sei nichts geschehen<\/em><\/p>\n<p>Der Professor schreibt: \u201e\u2026und tats\u00e4chlich ist jedoch sehr vieles geschehen, in ihm n\u00e4mlich, dem aufmerksamen lyrischen Subjekt. \u2026Ob es perfekt abgerichtete Sp\u00fcrhunde waren? Auf der Suche nach ihm? Weil er auf dem Weg zum Briefkasten ist? Wer hat sie, als er sich n\u00e4herte, zur\u00fcckgerufen? Weshalb steht dieser Wagen hier? Wer belauert ihn?\u201c<\/p>\n<p>In Verteidigung der Poesie und dieser beiden Hunde sage ich: solche Fragen an die Lyrik von J\u00fcrgen Fuchs zu stellen, halte ich f\u00fcr nicht legitim, f\u00fcr Unsinn, denn sie nehmen dem Gedicht das Wichtigste: <em>das Geheimnis<\/em>. Und reduzieren das lyrische Kunstwerk wiederum aufs nur Politische, etwas was der Poesie von J\u00fcrgen Fuchs viel zu oft geschieht \u2013 funktionale Reduktion der Literatur auf den biografischen Hintergrund. Mein Wroc\u0142awer Freund, der Lyriker Marek \u015anieci\u0144ski, w\u00fcrde sagen: so geht das Wesentliche in der Poesie \u00fcberhaupt verloren: <em>die Wunde<\/em>, die nach dem Lesen eines Textes im Leser zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damals, kurz vor Ver\u00f6ffentlichung des polnisch-deutschen Gespr\u00e4chs mit Adam Zagjewski, J\u00fcrgen und mir, damals im Herbst 1981, verlie\u00df Zagajewski Westberlin und ging zur\u00fcck nach Krakau, wo ihn das Kriegsrecht in der Nacht zum 13. Dezember \u00fcberraschte. Ich ging an diesem eiskalten Sonntag ganz fr\u00fch im hohen Schnee von Berlin-Kreuzberg zum Tempelhofer Damm 42, zu Lilo und J\u00fcrgen. Was k\u00f6nnen wir jetzt tun? Nie werde ich unsere Bedr\u00fcckung und unsere Ohnmacht vergessen, als wir dort auf den St\u00fchlen sa\u00dfen, versunken, fassungslos \u00fcberrascht. Ja, bis J\u00fcrgen Fuchs seine Stimme erhob: Was bedeutete es, dass Jaruzelski seine paramilit\u00e4rischen Zomo-Spezialeinheiten gegen die Arbeiter und Intellektuellen losschickte, aber die sowjetischen Panzer nicht \u00fcber die Grenze gerollt waren? Wie kommen wir an Informationen, \u00fcber das, was dort geschieht. Wie kann man \u00d6ffentlichkeit in der Bundesrepublik herstellen, wen daf\u00fcr gewinnen? Wer wurde in Polen verhaftet, wer interniert?<\/p>\n<p>Es folgten Solidarisierungen von Heinrich B\u00f6ll und vielen anderen, das alles ist bekannt, wie Josef Rauvolf es so sch\u00f6n bei einer J\u00fcrgen-Fuchs-Tagung in Jena sagte: das kennen wir alle hier. Und es folgte damals die sogenannte \u201ePolnische Teilung des Verbandes Deutscher Schriftsteller\u201c. \u201eVerantwortlich f\u00fcr Polen?\u201c hie\u00df ein Buch, in dem auch J\u00fcrgen Fuchs und Heinrich B\u00f6ll sich verantwortlich zeigten. Gegen den hartn\u00e4ckigen Widerstand aus den Reihen von DKP und SEW und ebenfalls vieler Linksintellektueller. Einer davon, verschrieb genau in dieser nach Hilfe und Solidarit\u00e4t schreienden Situation dem polnischen Volk: Disziplin und Arbeit\u2026<\/p>\n<p>Wer sich erinnern will und mehr wissen will vom absoluten Nichtverstehen der deutschen Intellektuellen im Westen gegen\u00fcber Polen in dieser Zeit, dem sei das brandneue und von Frau Prof. Marion Brandt herausgegebene, Buch \u201eFortschritt unverhofft. Deutschsprachige Schriftsteller und die Solidarno\u015b\u0107\u201c empfohlen. Darin auch ein Aufsatz von J\u00fcrgen Fuchs: \u201eDer strenge Tourist aus Hamburg oder ein Kolumnist rettet Polen\u201c, worin er den ganzen Irrsinn der von linker Utopie und Ideologie befangenen Leute im Westen darstellt und grundlegend analysiert. Eben dieser Generation im Westen, auf die wir nach unserer Ausb\u00fcrgerung trafen, mit der wir pl\u00f6tzlich leben mussten\u2026 als die USA auf der kleinen Karibik-Insel Grenada landete, waren in Westberlin 30 Tausend Demonstranten auf der Stra\u00dfe, um zu protestieren, als \u00fcber das Nachbarland Polen eine Milit\u00e4rdiktatur verh\u00e4ngt wurde, kamen kaum 300 Leute zum Kurf\u00fcrstendamm\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Herbst 1982 machte ich mich auf die Reise nach Polen mit einem Studentenausweis der Freien Universit\u00e4t Berlin, \u201everkleidet\u201c als Student der Kunstgeschichte, das Passbild zeigte einen b\u00e4rtigen Typen, der so etwa wie Rasputin aussah. Ich trug einen schwarzen Fellmantel und rechnete ernsthaft und im schlimmsten Fall damit, dass ich in Polen umgelegt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als ehemaliger Ostdeutscher durfte ich nat\u00fcrlich nicht durch DDR-Gebiet fahren, meine Tour nach Warschau f\u00fchrte \u00fcber N\u00fcrnberg, Wien und Prag.<\/p>\n<p>Im Kopf hatte ich einige Adressen, die Adam Zagajewski uns noch gegeben hatte. Ich hielt mit unverf\u00e4nglichen Telegrammen zu Lilo Fuchs Kontakt, gab Lebenszeichen wie \u201eHanka geht es gut in Warschau\u201c. Dort besuchte ich Krzysztof Karasek, in Wroc\u0142aw Leute, die die Literaturzeitschrift \u201eOdra\u201c auch unter Kriegszustand am Leben erhielten und besuchte in Krakau Adam Zagajewski und Julian Kornhauser. Ich hatte einige bescheidene Geschenke dabei und nahm aus Polen Namen, Adressen und Texte von internierten Autoren mit. Diese Texte las ich dann \u00fcbersetzt im RIAS Berlin, Gedichte zum Beispiel von Tomasz Jastrun, der noch immer in einem Internierungslager sa\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht zuletzt durch unser Gespr\u00e4ch in der \u201eFrankfurter Rundschau\u201c kam ich n\u00e4her in Kontakt zum Solidarno\u015b\u0107-B\u00fcro Westberlin und lernte u.a. Andrzej Wi\u0119ckowski und W\u0142odzimierz Nechamkis kennen, die eine literarische Zeitschrift vorbereiteten, gedacht als Berliner Pendant zur Pariser \u201eKultura\u201c. \u2013 \u201eArchipelag\u201c. Sie machten mich sofort zu ihrem einzigen deutschen Redakteur, und ich schrieb in der Westberliner \u201etageszeitung\u201c (taz) nach deren Redaktionsschluss jeweils die Zusammenfassungen der polnischen Texte in Deutsch, die in jedem dritten Heft erschienen.<\/p>\n<p>Die Redaktionssitzungen boten \u00dcberraschendes, denn immerzu gab es dort laut ausgetragene heftige Streitereien mit erhobenen F\u00e4usten, die manchmal, wie ich f\u00fcrchtete, sehr knapp an Schl\u00e4gereien vorbeigingen. Danach sa\u00dfen wir alle wieder friedlich in einer Pizzeria in Sch\u00f6neberg und a\u00dfen einen gro\u00dfen Teller Nordsee-Muscheln. Oh, dachte ich: Waren dies vielleicht die wahrhaften Nachfahren, mit denen ich es hier zu tun hatte, der Schlachtschitzen aus Adam Mickiewicz\u2019 \u201ePan Tadeusz\u201c, den Leuten aus Soplicowo, die sich ebenfalls stets untereinander heftig stritten \u2013 jedoch augenblicklich vereint erscheinen, an die Waffen eilen, wenn die T\u00fcrken vor Wien stehen, siehe Sobieski, oder die Truppen des russischen Zaren kommen, siehe Ko\u015bciuszko, oder die Europ\u00e4ische Union mit unverst\u00e4ndlichen Verordnungen ans Tor klopft \u2013 dann warten sie nicht auf Hilfe durch irgendeinen Napoleon, vertrauen nur auf sich selbst.<\/p>\n<p>Bei Mickiewicz \u00fcbrigens f\u00e4llt mir eine weitere Parallele zu J\u00fcrgen Fuchs auf: Nach seinen gro\u00dfen Dichtungen \u201eDie Totenfeier\u201c, \u201eKonrad Wallenrod\u201c und \u201ePan Tadeusz\u201c widmete er sich beinahe ausschlie\u00dflich nur noch dem Politischen, dem Freiheitskampf seines Volkes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das erste Heft von \u201eArchipelag\u201c erschien im Herbst 1983, jeder von uns hatte am Anfang 100 D-Mark gegeben, viele andere gespendet. Jeden Sonntag sammelten wir vor den Kirchen Westberlins, die von Polen, damals 30 Tausend in Berlin, besucht wurden. Jeder Spender, wenn er das wollte, wurde am Ende des Heftes genannt und die \u00fcberlassene Summe verzeichnet.<\/p>\n<p>Jetzt gerade h\u00f6rte ich hier im Mai 2016 von einem Polen, \u201eArchipelag\u201c sei von irgendwelchen Geheimdiensten finanziert worden. Nein, ich war damals dabei. Bei den Geld-J\u00e4gern und Sammlern. Nichts war geheim.<\/p>\n<p>Das waren auch die Jahre, besuchte man J\u00fcrgen Fuchs spontan, dass man, wie ich zum Beispiel, Menschen wie Wiktor Woroszylski in seiner K\u00fcche antraf und kennenlernen konnte. Woroszylski war sofort nach Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts verhaftet und interniert worden, nach 1983 konnte er reisen.<\/p>\n<p>Auch J\u00fcrgen Fuchs ver\u00f6ffentlichte in der Zeitschrift \u201eArchipelag\u201c, G\u00fcnter Grass und viele andere deutsche Schriftsteller, vor allem auch polnische Autoren wie Gustaw Herling-Grudzi\u0144ski, J\u00f3zef Mackiewicz, Adam Zagajewski, Ryszard Krynicki und Tadeusz Nowakowski.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Fuchs verschaffte ich damals Kontakt zu meinen Schlachtschitzen, bewahrte ihn aber vor den Wort-Schlachten unserer Redaktionssitzungen. J\u00fcrgen lud daraufhin den \u201eArchipelag\u201c-Redakteur W\u0142odzimierz Nechamkis zu einem Gespr\u00e4ch ein (ver\u00f6ffentlicht in: DIE ZEIT vom 16. November 1984), in dem er den Umgang mit polnischen Emigranten in Deutschland scharf kritisierte. Im Internet kann man das heute noch nachlesen.<\/p>\n<p>In dieser Zeit, Mitte der 80er Jahre, waren in Westberlin auf dem Stadtgebiet zwei gro\u00dfe M\u00e4rkte entstanden, die sogenannten \u201ePolenm\u00e4rkte\u201c.<\/p>\n<p>Im Sommer 1989 schrieb J\u00fcrgen Fuchs ein Gedicht, \u00fcber das, was er dort gesehen hatte:<\/p>\n<p>\u201eDie nach hinten gedrehten Arme<\/p>\n<p>Der alten Frau, die etwas<br \/>\nVerkaufen will<br \/>\nAus ihrer Tasche<br \/>\nBerlin Tiergarten, zwei junge Polizisten<br \/>\nDer eine eifrig<br \/>\nDer andere verlegen<br \/>\nEr hat seine Dienstm\u00fctze abgenommen<br \/>\nSieht sich um<br \/>\nL\u00e4chelt<br \/>\nAber es gibt nichts zu l\u00e4cheln, es ist Sommer<br \/>\nSprechen die Polen deutsch?<br \/>\nEin wenig<br \/>\nVielleicht sprechen sie<br \/>\nEin wenig<br \/>\nDeutsch<\/p>\n<p>Deutsch kann man lernen<br \/>\nUnter verschiedenen Umst\u00e4nden<br \/>\nWenn Flugzeuge kommen<br \/>\nWenn Soldaten<br \/>\nDie Grenzb\u00e4ume wegdr\u00fccken<br \/>\nWenn Kinder weggeholt werden, Offiziere<br \/>\nUnd Frauen, kann man es lernen<br \/>\nBeim Goethe-Institut<br \/>\nKann man es lernen<br \/>\nIm Sprachkurs<br \/>\nIchduersieeswirihrsie<br \/>\nKann man lernen oder<br \/>\nKomm Se<br \/>\nKann man lernen<br \/>\nMitkommen<\/p>\n<p>Und man kann zusehen<br \/>\nWie Stempel in P\u00e4sse gedr\u00fcckt werden<br \/>\nLustige Stempel, wie die<br \/>\nVon der Kinderpost<br \/>\nB\u00e4ren<br \/>\nGummib\u00e4ren<br \/>\nNein, nicht den russischen<br \/>\nDen nicht<br \/>\nWir sind in Berlin, in Deutschland, es kommt darauf an<br \/>\n\u201aSchwarzh\u00e4ndler abzuwehren, die<br \/>\nGesetze und Hygienebestimmungen durchzusetzen\u2019<br \/>\nUnd wir sind in der Gegenwart<br \/>\nAlso alles mal zwei<br \/>\nDie Grenze<br \/>\nDie Kontrolle<br \/>\nDas Be\u00e4ugen und Durchw\u00fchlen<br \/>\nDas geht nicht<br \/>\nAusgeschlossen:<br \/>\nDanke, gute Reise<br \/>\nAuf Wiedersehen<\/p>\n<p>Ein kleines Auto<br \/>\nmit einem schwarzen Nummernschild<br \/>\nAuf der Stadtautobahn<br \/>\nVollbepackt<br \/>\nVollbesetzt: Die Blicke<br \/>\nAus anderen Wagen, Opel<br \/>\nMercedes<br \/>\nVW<\/p>\n<p>Dass man anhalten m\u00f6chte<br \/>\nOder losrasen<br \/>\nBlicke<br \/>\nAus Wagenfenstern<br \/>\nAugenwinkeln<br \/>\nPanzerluken<br \/>\nAuch aus diesem Trabbi da<br \/>\nDieser kleinen eckigen Kiste<br \/>\nDie zu Besuch ist als besonderer Anlass<br \/>\nDiese Blicke<br \/>\nWir sind Deutsche<br \/>\nUnd was seid ihr?<br \/>\nIhr schwarzen Nummernschilder! Die Schwarzen<br \/>\nAm Bahnhof Zoo, aus Ghana, Sudan<br \/>\nOder woher die kommen<br \/>\nGro\u00dfe Taschen<br \/>\nWas die wegschleppen<\/p>\n<p>Diese Blicke<\/p>\n<p>Ihr Gedichte aus der<br \/>\n\u201eLandkarte, schwer geb\u00fcgelt\u201c<br \/>\nSagt etwas<br \/>\nWas kommt dagegen an?<br \/>\nEin Mensch, der einen Schlips tr\u00e4gt?<br \/>\nDer in vollen S\u00e4tzen spricht<br \/>\nDer einen sch\u00e4bigen Anzug anhat?<br \/>\nDer aus dem Meer des Blutes kommt?<br \/>\nOder aus dem des Vergessens?<br \/>\nDer im Schlaf weint<\/p>\n<p>Der mit sich selbst redet<br \/>\nEin Vertriebener ist<br \/>\nAus welcher Stadt kommt er?<br \/>\nWie hoch, ihr polnischen Gedichte<br \/>\nIst die Unruhemiete?<br \/>\n\u2026<\/p>\n<p>Ihr polnischen Gedichte<br \/>\nWas ist eine Aktuelle Kamera?<br \/>\nWas ist<br \/>\nEine Republik?<br \/>\nWas ist<br \/>\nEin europ\u00e4isches Haus?<br \/>\nVielleicht<br \/>\nDer Strand von Kopenhagen, von Gdansk, wo man<br \/>\nSpazierengehen kann<br \/>\nOhne erschossen<br \/>\nZu werden<br \/>\n\u2026<\/p>\n<p>Aber diese Blicke<br \/>\nUnd der neue Metallgitterzaun<br \/>\nUm das leere St\u00fcck Erde<br \/>\nNahe der Mauer<br \/>\nAm Potsdamer Platz<br \/>\nTauschen wir<br \/>\nIhr polnischen Gedichte?<br \/>\nTauschen wir<\/p>\n<p>Anthologien<br \/>\nVerse<\/p>\n<p>Bis der<br \/>\nZoll kommt<br \/>\n\u2026\u201c<\/p>\n<p>(aus: <em>Horch und Guck<\/em>, Heft 26 (2\/1999)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Fuchs war nie in Polen. Dieser Satz, mein Satz ist vielleicht nicht <em>ganz<\/em> richtig.<\/p>\n<p>Ich denke dabei an die \u00dcbersetzungen durch Ma\u0142gorzata \u0141ukasiewicz, die ebenfalls zu dieser Konferenz gekommen ist und heute noch davon berichten wird, und ich denke an die Gedichte von J\u00fcrgen Fuchs, die Ryszard Krynicki \u00fcbersetzt hat, Texte die dann alle im \u201eZweiten Umlauf\u201c, also im Untergrund in den 80er Jahren in Polen erschienen sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Fall der Berliner Mauer hatte J\u00fcrgen Fuchs noch knapp zehn Jahre zu leben, er widmete sie fast ausschlie\u00dflich der \u00d6ffnung und Erschlie\u00dfung der Stasi-Akten. Seine Erkenntnisse und seine Recherchen flossen in sein Buch \u201eMagdalena\u201c ein, \u00fcber das w\u00e4hrend dieser Konferenz noch viel gesprochen werden wird, wie ich den Titeln der Beitr\u00e4ge anderer Referenten entnehme.<\/p>\n<p>Mich interessiert an dieser Zeit Anfang der 90er Jahre, dass zwei polnische Intellektuelle sich damals strikt gegen eine \u00d6ffnung dieser Akten aussprachen. Und gleich in der Anfangsphase der Entstehung der Stasi-Unterlagen-Beh\u00f6rde (BStU) mit J\u00fcrgen Fuchs in einen harten Disput gerieten. Was \u00fcbrigens auf den schon damals bestehenden Bekanntheitsgrad von Fuchs hinweist.<\/p>\n<p>Andrzej Szczypiorski und Adam Michnik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Szczypiorski argumentierte gegen eine \u00d6ffnung der Akten, weil er bef\u00fcrchtete, angesehene Aktivisten des Widerstands, die sich jahrzehntelang in der Opposition engagiert h\u00e4tten, k\u00f6nnten bei den Verh\u00f6ren durch die Geheimpolizei auch einmal kurz schwach geworden und vielleicht zusammengebrochen sein. Durch die \u00d6ffnung der Akten w\u00e4ren diese Schw\u00e4chen dann allen sichtbar und die Betroffenen am Ende diskreditiert. J\u00fcrgen Fuchs aber konnte Andrzej Szczypiorski \u00fcberzeugen und schrieb ihm \u00f6ffentlich, wie er Briefe von der Familie und Fotos seiner Tochter Lili 1992 in den Akten gefunden h\u00e4tte, die ihn vorher nie erreichten, von der Stasi abgefangen und archiviert. \u201eJetzt, nach Jahren\u201c, schrieb er, \u201esind sie angekommen\u201c.<\/p>\n<p>Anders bei Adam Michnik, der sich stets gegen eine \u00d6ffnung der Geheimpolizei-Akten aussprach, in Deutschland und in Polen. Michnik strebte von Anfang an den Konsens mit den ehemaligen kommunistischen Eliten an \u2013 gipfelnd darin, dass er den ehemaligen Chef der polnischen Geheimpolizei (SB) Czes\u0142aw Kiszczak einen Persilschein ausstellte und ihn einen Ehrenmann nannte.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, J\u00fcrgen Fuchs h\u00e4tte Erich Mielke zum Ehrenmann erkl\u00e4rt und w\u00e4re heute Mehrfach-Million\u00e4r als Inhaber eines Zeitungsimperiums. An seinem Todestag hatte J\u00fcrgen Fuchs einen Kontostand von 637 Deutschen Mark.<\/p>\n<p>Ich spreche den Konflikt zwischen Michnik und Fuchs hier in Polen an, gewiss dessen, dass ich daf\u00fcr verbale Pr\u00fcgel einstecken werde, vor allem von deutschen Freunden, denn Michnik war f\u00fcr uns alle ein gro\u00dfer Name, ein Vorbild, auch f\u00fcr J\u00fcrgen Fuchs \u2013 aber hier scheint mir eine Linie zu bestehen, die bis in die Gegenwart reicht. Es gibt in Polen ein \u201eInstitut f\u00fcr Nationales Gedenken\u201c (IPN), das Pendant zur Stasiunterlagen-Beh\u00f6rde der Bundesrepublik. Das IPN war \u00fcber Jahrzehnte hinweg bei den politischen Machttr\u00e4gern Polens \u00e4u\u00dferst unbeliebt und stand unter verbalem Dauerbeschuss von Adam Michniks \u201eGazeta Wyborcza\u201c.<\/p>\n<p>Ich denke, dass dies eines von vielen Problemen war, die der alten Macht, der PO, vorigen Herbst auf die F\u00fc\u00dfe fielen und ihre Abwahl in der Regierung zur Folge hatte. Denn der angestrebte Konsens, der Ausgleich mit den Kommunisten war eine Kinderkrankheit der Politik Polens nach dem Neuanfang, die chronisch wurde, und f\u00fchrte zu nichts anderem als Korruption und Cliquenwirtschaft, dabei auf den Lippen jedoch immer die demokratische Maske \u2013 jetzt nach dem Machtverlust ist das Geschrei gro\u00df und die EU wird um Hilfe angerufen, eine freie Wahl-Entscheidung der polnischen Volkes zu revidieren. Die Urspr\u00fcnge des Konflikts scheinen mir zu liegen eben in dieser Zeit, als Fuchs mit Michnik in Konflikt geriet \u00fcber das Verh\u00e4ltnis eines demokratischen jungen Landes zur Vergangenheit. Denn wir wissen ja, Konflikte, die einbetoniert werden, dampfen eines Tages an die Oberfl\u00e4che. Die deutsche Presse jetzt erinnert mich fatal an die der Jahre von August 1980 bis Fr\u00fchjahr 1983. V\u00f6lliges Nicht-Verstehen, Arroganz, Drohgeb\u00e4rden und H\u00e4me. Wieder einmal \u2013 als seien sie in den deutschen Genen gegen\u00fcber Polen tief verankert.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir \u2013 <em>die Generation<\/em> <em>J\u00fcrgen Fuchs<\/em> \u2013 jetzt doch noch einmal unsere polnischen Vorbilder der 80er Jahre \u00fcberdenken und nachschauen, was sie in den letzten 35 Jahren wirklich beigetragen haben zur Schaffung einer polnischen Republik.<\/p>\n<p>Warum zum Beispiel wurde Anna Walentynowicz von ihren einstigen Mitstreitern medial begraben und f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt? Wohl wegen ihrer Argumente und ihres klaren Verstandes.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich verspiele ich mit diesen Worten gerade die mir zugesprochene Solidarno\u015b\u0107-Verdienstmedaille \u2013 aber so ist das, will man dem Fuchsschen Motto dieser Konferenz folgen: <em>Sagen, was ist<\/em>!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warten wir mal ab, denke ich: Vielleicht \u2013 Polen hat uns das schon einmal gezeigt \u2013 und wir konnten damals nur zusehen und staunen \u2013 als dort pl\u00f6tzlich etwas v\u00f6llig ungeahnt Neues entstand. Ich hoffe und werde abwarten mit Geduld, ob es auch diesmal etwas Heilsames sein wird, wom\u00f6glich ein Impuls f\u00fcr das sieche Europa.<\/p>\n<p>Vielleicht hat J\u00fcrgen Fuchs mit seinem Widerspruch gegen Adam Michnik vor langer Zeit, eben durch diesen Streit, mit dazu beigetragen.<\/p>\n<p>Mal sehen, denke ich, was die Mitbewohner des \u201ePan Tadeusz\u201c jetzt so treiben in ihrem Dorf Soplicowo. Zurzeit streiten sie wieder einmal m\u00e4chtig untereinander.<\/p>\n<p>Sie haben dabei meine ganze Aufmerksamkeit. Und meinen Respekt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soweit einige Bilder, Erinnerungen und erste Steinchen zu einem Gesamt-Bild von J\u00fcrgen Fuchs, zu dem Sie, liebe Freunde und Kollegen, dann die Ihren legen werden, um das Mosaik zu vollenden. Ein Gutteil seiner Mitstreiter sitzt vor mir.<\/p>\n<p>Ich habe heute viel pers\u00f6nlich Erlebtes berichtet in Bezug auf J\u00fcrgen Fuchs. Das war auch mein Weg, denn es ist meine ganz individuelle Absicht, den Freund J\u00fcrgen Fuchs, wie Vergil einst den j\u00fcngeren Dante, jetzt ganz einfach an die Hand genommen zu haben und ihn ein wenig zu geleiten, meinen \u00e4lteren, den toten Freund zu begleiten ans Licht, wenn er heute zum ersten Mal nach Polen kommt.<\/p>\n<p>Hier vielleicht, in diesem Land, denke ich, hier vielleicht <em>z\u00f6gert<\/em> Nike nicht mit ihrer Hilfe, mit <em>Solidarit\u00e4t<\/em> f\u00fcr einen Dichter. Jest wsr\u00f3d nas \u2013 er ist unter uns!<\/p>\n<p><em>Diese Solidarit\u00e4t kommt aus dem kollektiven Bewusstsein der Nation \u2013 da sp\u00fcrt man die Verbundenheit mit den Toten. Und \u00fcberhaupt: die Toten \u2013 in welchem Land Europas gibt es einen solchen Totenkult? Wer zu Allerseelen oder Allerheiligen\u2026 zum Friedhof geht, der wird das Jenseits sehen, riechen und anfassen k\u00f6nnen. Der wird pl\u00f6tzlich wissen, dass es das Totenreich gibt, dass wir unsterblich sind. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/em>Artur Becker (<em>Kosmopolen<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Utz Rachowski, Reichenbach\/Vogtland, Juli &#8211; Oktober 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Utz Rachowski Er\u00f6ffnungsvortrag an einer internationalen Germanisten-Konferenz \u00fcber J\u00fcrgen Fuchs in Wroclaw (Breslau) im November 2016 &nbsp; J\u00fcrgen Fuchs war nie in Polen. 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