{"id":5277,"date":"2016-12-27T15:54:27","date_gmt":"2016-12-27T20:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5277"},"modified":"2016-12-29T13:28:16","modified_gmt":"2016-12-29T18:28:16","slug":"wider-die-ruckkehr-der-apokalyptischen-reiter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-42-dec-2016\/wider-die-ruckkehr-der-apokalyptischen-reiter\/","title":{"rendered":"Wider die R\u00fcckkehr der apokalyptischen Reiter"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Freya Klier<\/strong><\/p>\n<p>Dankrede zur Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises des Zentrums gegen Vertreibungen. Paulskirche, Frankfurt am Main am 6. November 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe G\u00e4ste,<br \/>\nliebe Frau Steinbach,<br \/>\nverehrte Mitglieder der Jury &#8211;<br \/>\nund vor allem: liebe D\u00fczen Tekkal,<\/p>\n<p>ich bedanke mich sehr f\u00fcr diese Auszeichnung! Ich bin geradezu hoch erfreut! Und ich empfinde es als Gl\u00fcck, dass nun eine junge, jesidische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin die Laudatio \u00fcbernommen hat. Zum einen durfte ich dadurch Sie, liebe Frau Tekkal, und Ihr gro\u00dfes Engagement ein wenig kennenlernen \u2013 Ihre Kraft und Ihren Mut, mit dem Sie in den Irak aufgebrochen sind, um den V\u00f6lkermord an Ihrer Religionsgemeinschaft, den Jesiden, zu dokumentieren, bewundere ich sehr.<\/p>\n<p>Wir Bewohner des vergleichsweise gem\u00fctlichen Europas verfolgen entsetzt aus der Ferne die Versklavung von Menschen und das kaltbl\u00fctige, massenhafte Morden durch eine apokalyptische Sekte namens IS. Wir gruseln uns und wir hoffen inbr\u00fcnstig, dass der Terror einfach drau\u00dfen bleibt aus Europa.<\/p>\n<p>Sie, liebe D\u00fczen Tekkal, sagten: <em>\u00b4Ich konnte gar nicht anders, ich musste hin!\u00b4 <\/em>Sie haben das unvorstellbare Leid und die Flucht der Jesiden in die kahle Bergwelt in Ihrem Film festgehalten. Auch mit Ihrem Buch und in den Begegnungen vor allem in Schulen spannen Sie einen historischen Bogen &#8211; von einer weit zur\u00fcckreichenden Verfolgung der Jesiden bis zum heutigen Tag, an dem uns eine mehrtausendj\u00e4hrige Geschichte brutaler Gewalt erneut auf die F\u00fc\u00dfe f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Es ist gut, nicht nur von \u00c4lteren zu lernen, sondern auch von J\u00fcngeren.<\/p>\n<p>Und Franz Werfel, s\u00e4\u00dfe er unter uns, h\u00e4tte an der Laudatorin seine helle Freude.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Ich bin in einem geschlossenen Land aufgewachsen. Und als Mitte der 1970-er Jahre in der DDR Franz Werfels \u201e<em>40 Tage des Musa Dagh<\/em>\u201c erschien, passierte das betont unauff\u00e4llig. Es gab keinerlei Rezensionen &#8211; und doch wurde der \u201e<em>Musa Dagh<\/em>\u201c innerhalb von Wochen ein hei\u00dfer Tipp. Allein im Jahr seines Erscheinens gab es 6 Auflagen.<\/p>\n<p>Noch heute gr\u00fcble ich, was den Ausschlag gegeben haben mochte, das Buch eines Juden, der noch dazu l\u00e4ngst nicht mehr vom Sozialismus schw\u00e4rmte, in unser Land der Literatur-Zensur hereinzulassen.<\/p>\n<p>Wir lasen den \u201e<em>Musa Dagh<\/em>\u201c im vertrauten Freundeskreis und debattierten dann dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Es war eine Geschichte von biblischer Wucht. Und einig waren wir junge Leute uns in unserem Zorn dar\u00fcber, dass wir so wenig von der Welt drau\u00dfen wissen durften. Denn da kam etwas in unsere abgeschottete Welt, von dem wir bisher nicht die geringste Ahnung hatten. T\u00fcrken gab es ohnehin keine in der DDR. Doch selbst \u00fcber die Armenier &#8211; die doch immerhin ein Teil der ruhmreichen Sowjetunion waren &#8211; wussten wir nichts. In der Bildsprache der Sowjets herrschte ein Stereotyp:<\/p>\n<p>Wer da in unseren Schulb\u00fcchern und auf propagandistischen Plakaten mit riesigen M\u00e4hdreschern in die Zukunft des Sozialismus-Kommunismus fuhr, das waren meist gro\u00dfe, blonde Menschen. Erg\u00e4nzt wurden sie durch eine Person mit asiatischen Z\u00fcgen &#8211; wobei nicht auszumachen war, ob die aus Kirgisien oder Usbekistan stammte, aus Armenien, Aserbaidschan oder Kasachstan.<\/p>\n<p>Neugierig lasen wir uns also in eine ferne Welt hinein, die wir mit Sicherheit nie kennenlernen w\u00fcrden. So dachten wir damals. In den Atlas konnte man schauen, wo das Taurus-Gebirge lag.<\/p>\n<p>Doch Stambul? War das nicht eine Zigarettenmarke in der DDR? Und Aleppo, die von Franz Werfels Hauptfigur so gepriesene, reiche Handelsstadt &#8211; das alles war eine Welt weit hinter unserem Horizont. Der Orient eben&#8230; und auch <em>Orient <\/em>war lediglich eine Zigaretten-Marke in der DDR.<\/p>\n<p>Franz Werfels Buch hat uns tief ber\u00fchrt. Dieser barbarische Umgang mit Zivilisten. Das r\u00fccksichtslose Vertreiben und Morden an Frauen und Kindern&#8230; So viele alte Menschen, die kaum mehr laufen konnten und irgendwo im Stra\u00dfengraben verreckten&#8230;<\/p>\n<p>Den d\u00fcnnen Firnis der Zivilisation, aus der jederzeit Grausamkeit und Willk\u00fcr herausbrechen konnten- das hatten wir schon als Sch\u00fcler versp\u00fcrt, bei den ber\u00fchrenden Erz\u00e4hlungen \u00fcber die<\/p>\n<p>Konzentrationslager der Nazis, die \u00fcberlebenden Kommunisten in unsere Klassenzimmer trugen. Wir lernten, dass es Nazis noch immer gibt, doch dass sie alle jetzt im Westen leben, in der BRD. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck f\u00fcr uns, dachten wir als Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum \u201e<em>Musa Dagh\u201c<\/em>. Ein M\u00e4dchen aus unserem Lesekreis erz\u00e4hlte, sie habe ihrer Mutter das Buch von Franz Werfel zur Lekt\u00fcre empfohlen. Die Mutter aber habe erschrocken abgewehrt mit dem Satz \u201e<em>Nein, das kann ich nicht lesen, das habe ich ja alles selbst erlebt..<\/em>.\u201c Selbst erlebt? Wann denn und wo denn? Stammte sie etwa aus der Gegend des <em>Musa Dagh<\/em>? Genaueres wollte die Mutter aber nicht erz\u00e4hlen. Es blieb bei furchtbaren Andeutungen, \u00fcber die wir nun gr\u00fcbelten. Doch es fiel der Name \u00b4Schlesien\u00b4 \u2014 ein Wort, das keinesfalls in der Schule erw\u00e4hnt werden durfte, weil es ein Wort der Revanchisten in der BRD war. So etwas bleibt h\u00e4ngen im Kopf. Und weil die vertriebenen Eltern in der DDR sehr darauf achteten, ihre in einer L\u00fcgenwelt aufwachsenden Kinder nicht mit der dramatischen Familiengeschichte zu irritieren, blieb das eine weggeschlossene Geschichte.<\/p>\n<p>Was aber war unsere Geschichte &#8211; aufgef\u00e4delte Andeutungen, dir wir nicht verstanden?<\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter &#8211; ich arbeitete inzwischen als Schauspielerin am Theater in Senftenberg &#8211; probten wir eines dieser sowjetischen Propaganda-St\u00fccke, die uns schon deshalb an\u00f6deten, weil sie das Gegenteil der gro\u00dfartigen russischen Literatur waren, der St\u00fccke von Tschechow oder Gogol. Vermutlich nahte wieder ein Jahrestag der deutsch-sowjetischen Freundschaft.<\/p>\n<p>In einer Probenpause fing eine Schauspiel-Kollegin pl\u00f6tzlich zu weinen an. \u00b4Ich halte diese L\u00fcgen nicht aus\u00b4, sagte sie leise. \u00b4Die Russen haben meine Mutter nach Sibirien verschleppt!\u2018<\/p>\n<p>Es herrschte Stille am Tisch. Hatte ich \u00e4hnliches nicht schon einmal geh\u00f6rt &#8211; mit \u00e4hnlichen Andeutungen?<\/p>\n<p>Wir wollten es nun genauer wissen und fragten vorsichtig nach; doch auch hier kamen nur Satzfetzen von Vergewaltigungen vieler Frauen und M\u00e4dchen im Heimatdorf der Mutter. Und dass sie in den sibirischen Lagern schwere M\u00e4nnerarbeit verrichten mussten. Immerhin so viel hatte unsere Schauspiel-Kollegin im Laufe von Jahren herausbekommen: Ihre Mutter war 17 Jahre alt, als fast alle Frauen und M\u00e4dchen ihres Dorfes aus dem Wartheland nach Schwiebus laufen mussten und dort in Z\u00fcge verladen und in ein Lager bei Archangelsk deportiert worden waren. Zur\u00fcck blieben nach ihren M\u00fcttern schreiende Kinder. Wie viele Frauen denn dort in dem Lager waren, wollten wir wissen \u201e<em>\u00b4Viele!\u00b4 <\/em>hat meine Mutter nur immer gesagt &#8211; <em>viele! Das ganze Lager war voll, sie kamen von \u00fcberall her &#8211; und viele sind auch dort gestorben&#8230;\u00b4 <\/em>\u201e<\/p>\n<p>Heute wissen wir: 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges, deportierte der sowjetische Geheimdienst NKWD im Schatten der vorr\u00fcckenden Roten Armee Hunderttausende deutscher Zivilisten aus S\u00fcdosteuropa und Ostdeutschland in die Sowjetunion. Es waren \u00fcberwiegend Frauen. Sie mussten die deutsche Kriegsschuld abarbeiten &#8211; im Wald, beim Stra\u00dfenbau, auf der Kolchose, im Schacht.<\/p>\n<p>Mehr als ein Drittel von ihnen kehrte nicht zur\u00fcck, starb an Schw\u00e4che, Seuchen und Unterern\u00e4hrung. Die \u00dcberlebenden hielt man gefangen, so lange sie arbeitsf\u00e4hig waren; dann wurden sie, meist von Krankheiten gezeichnet und bis auf die Knochen abgemagert, nach Deutschland entlassen.<\/p>\n<p>Die Mutter unserer Schauspiel-Kollegin musste B\u00e4ume f\u00e4llen, sp\u00e4ter kam sie in einen Kohle-Schacht im Donezk-Becken. Als sie nur noch 35 Kilogramm wog und nicht mehr arbeitsf\u00e4hig war, durfte sie einen G\u00fcterzug Richtung Deutschland besteigen.<\/p>\n<p>Es war gef\u00e4hrlich in der DDR, \u00fcber solche Erlebnisse au\u00dferhalb der eigenen vier W\u00e4nde zu sprechen. Und wusste unsere Kollegin denn, ob unter uns nicht ein Spitzel war und sie wegen<\/p>\n<p>Staatsverleumdung und Verunglimpfung der Sowjetunion angezeigt wurde? Recherchieren konnte man dunkle Geschichtsthemen in der DDR \u00fcberhaupt nicht. Umso mehr wollte ich nun das Ausma\u00df dieser Verschleppungen von Zivilisten wissen, als in den 1980-er Jahren Eva-Maria, eine \u00e4ltere Frau aus unserem Friedenskreis, mir gegen\u00fcber andeutete, was ihr widerfahren war:<\/p>\n<p>F\u00fcr f\u00fcnf Jahre war die 16-J\u00e4hrige aus einem Dorf in Ostbrandenburg nach Sibirien verschleppt worden. Vor dem Abtransport aber wurde sie auf eine Kommandantur geschleppt und dort zum sexuellen Freiwild. Auch Eva-Maria brach noch Jahrzehnte sp\u00e4ter bei ihren Erinnerungen in Tr\u00e4nen aus: Lediglich der Koch der Kommandantur habe sie verschont \u2014 und sie auch versteckt, wenn keiner hinschaute&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Ende 1989 fiel die Mauer.<\/p>\n<p>Und als die DDR-B\u00fcrger pl\u00f6tzlich frei waren, fragte ich Eva-Maria, ob sie mir ihre ganze Geschichte erz\u00e4hlen m\u00f6chte. Sie tat es&#8230; und unsere langen Gespr\u00e4che versp\u00fcrte sie als gro\u00dfe Erleichterung. Und ich begann die Dimension dieser Deportationen zu erahnen. Auf meinen Lesungen und Vortr\u00e4gen zu DDR-Themen 1990\/91 stie\u00df ich in beiden Teilen Deutschlands auf weitere Frauen, die als lebende Reparationen in russische Lager deportiert worden waren. Nun nahm ich Kontakt nach Moskau auf, um dort zu recherchieren \u2014 wozu sonst hatte ich 8 Jahre Russisch gelernt?<\/p>\n<p>1992 brach ich nach Moskau auf. Und das liest sich jetzt so, als h\u00e4tte man per Anmeldung in einem Archiv sitzen d\u00fcrfen &#8211; so, wie wir das aus der westlichen Welt kennen. Es handelte sich schlie\u00dflich durchgehend um KGB-Archive, auch wenn die Namen etwas anders klangen.<\/p>\n<p>Ich war nicht die einzige Ausl\u00e4nderin vor Ort &#8211; ein bis zwei Dutzend Journalisten und Wissenschaftler aus der westlichen Welt kamen in unserem Hotel zusammen.<\/p>\n<p>Wie sind wir nun an unser Wissen herangekommen?<\/p>\n<p>Bei einigen m\u00f6gen Schmiergelder geflossen sein, \u00fcber die ich leider nicht verf\u00fcgte. Mir half etwas Menschenkenntnis: Ich heftete mich an einen Archiv-Mitarbeiter, der selbstverst\u00e4ndlich auch beim KGB war, doch sich mir gegen\u00fcber erfreut gezeigt hatte, dass Gorbatschow den Staatsstreich im August 1991 \u00fcberstanden hatte. Au\u00dferdem hatte er erw\u00e4hnt, dass seine Frau Geigenlehrerin war, das lie\u00df mich zus\u00e4tzlich hoffen.<\/p>\n<p>Abends sa\u00dfen wir Ausl\u00e4nder im Hotel beisammen und tauschten uns aus \u00fcber Erfolge und Misserfolge bei unseren Recherchen. Wir waren uns der historischen Chance bewusst &#8211; zum ersten Mal, vermutlich seit der Oktoberrevolution, waren die russischen Archive nicht mehr hermetisch verschlossen.<\/p>\n<p>Was niemand von uns ahnte: Schon ein halbes Jahr sp\u00e4ter war es wieder vorbei mit der \u00d6ffnung! Denn die riesigen Mengen an Dokumenten aus dem gesamten Machtbereich der Sowjets waren jetzt als Geldquelle gegen\u00fcber wissbegierigen Ausl\u00e4ndern entdeckt worden. Am wissbegierigsten waren dabei die Deutschen&#8230; und sie zahlten ordentlich.<\/p>\n<p>Frappierendes war aber bereits bei den Recherchen herausgekommen: Ein australischer Theologe fand zum Beispiel heraus, was es mit den Priestern der Russisch-Orthodoxen Kirche auf sich hatte:<\/p>\n<p>Dass sie unter Stalin weitgehend erschossen worden oder in Gulags umgekommen waren, hatte sich inzwischen herumgesprochen. Das Neue war: Als sich die Gr\u00fcndung der Vereinten Nationen abzeichnete, forderten die West-Alliierten Stalin auf, Religionsfreiheit wieder zuzulassen.<\/p>\n<p>So begann der KGB schon 1943, aus seinen Geheimdienst- Reihen junge M\u00e4nner zu rekrutieren und sie zu Priestern auszubilden.<\/p>\n<p>Das Prinzip leuchtete mir sogleich ein: <em>\u00b4Es muss demokratisch aussehen, aber wir m\u00fcssen alles in der Hand haben!&#8217; \u00a0<\/em>Das hatten wir bei Wolfgang Leonhard gelesen. Und kamen nicht gerade aus der in Berlin er\u00f6ffneten Gauck-Beh\u00f6rde die ersten F\u00e4lle von Kirchenoberen der Evangelischen Kirche ans Licht, die einem ganz anderen Herrn dienten, als sie vorgaben? Die im Bund mit der Staatssicherheit an die Spitze gekommen waren, mancher wohl auch im Bund mit dem russischen Geheimdienst?<\/p>\n<p>An die Recherchen des australischen Theologen denke ich heute noch. Und wenn Kyrill I. und Kreml-Chef Putin vertraut voreinander stehen, dann sehe ich 2x den russischen Geheimdienst&#8230; in zwei unterschiedlichen Kost\u00fcmen.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zu den Moskauer Archiven: Ich habe die Verschleppungsakten mehrerer Frauen mit nach Deutschland gebracht. Ich bekam Kopien von streng geheimen Lagerberichten und den Abschlussbericht mit pr\u00e4zisen Zahlen der Verschleppten \u2014 auch der aus anderen L\u00e4ndern. Pr\u00e4zise notiert waren die in den Lagern Verstorbenen, die gescheiterten und gelungenen<\/p>\n<p>Fluchtversuche, Krankheiten und Seuchen.<\/p>\n<p>Der Abschluss-Bericht stammte aus dem Jahr 1952: Es war das Jahr, in dem die meisten der weit mehr als 500 sowjetischen Arbeitslager geschlossen wurden und alle Akten nach Moskau befohlen wurden.<\/p>\n<p>Es ist mir ein Bed\u00fcrfnis, an dieser Stelle dem mir unbekannten Moskauer Archivar zu danken.<\/p>\n<p>Danken m\u00f6chte ich auch jenen Bewohnern West-Sibiriens, die mich bei meiner sich nun anschlie\u00dfenden Recherche-Reise ins Kohlebecken von Stalinsk unterst\u00fctzten. Ich brauchte vor Ort eine Weile, bis ich mich zurechtfand. Bis ich begriff, dass ich mich in einem riesigen, multikulturellen Verbannungsgebiet befand. Die meisten Menschen hier waren selbst einmal Verbannte gewesen&#8230; und einfach dortgeblieben, vielleicht, weil sie keine Heimat mehr hatten. Viele arbeiteten danach weiter im Schacht, nun als Freie. Doch sind sie menschenw\u00fcrdiger behandelt worden als in ihrer GULAG-Zeit? Wohl nicht: Noch immer hatten nicht alle in dieser Gegend elektrisches Licht und eine Kanalisation.<\/p>\n<p>Ein neuer Zechendirektor &#8211; er hat uns mit Kamera- Team in seinem Schacht drehen lassen &#8211; begann nun, f\u00fcr seine Bergleute zu k\u00e4mpfen. Immer wieder brach er nach Moskau auf und holte sich dort eine Abfuhr nach der anderen. Eines Tages im Jahr 1995, er hatte seine Frau mit nach Moskau genommen, verschwanden beide.<\/p>\n<p>Sie tauchten nie wieder auf.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit sah es in der auseinanderbrechenden Sowjetunion schon nicht mehr nach einem Schritt in Richtung Demokratie aus&#8230; Und der Geheimdienst gab sich erst gar nicht den Anschein eines solchen: Im Innenministerium von Kemerovo, wo ich mir die Erlaubnis holen musste, mich dort im Gebiet bewegen zu d\u00fcrfen, prangte im Vestib\u00fcl noch immer gro\u00df und golden der erste sozialistische Massenm\u00f6rder: Felix Dserschinski&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4.<\/p>\n<p>Im Osten Deutschlands interessierte das Verschleppten-Thema nach dem Mauerfall keine Instanz mehr &#8211; die bisherigen Machthaber waren voll damit besch\u00e4ftigt, ihre Biografien umzul\u00fcgen und Gelder beiseite zu schaffen. Im Westen Deutschlands aber gab es eine harte Abwehr gegen\u00fcber dem ganzen Thema. Die Deportation von einigen hundertausend Zivilisten, vor allem Frauen, war ein gesellschaftliches Tabu.<\/p>\n<p>\u201eEmma\u201c, eine Zeitschrift, die Interesse an Frauen-Themen vorgab, widmete ihnen ein Artikelchen von 6&#215;10 cm Umfang.<\/p>\n<p>Von Lehrern und Buchh\u00e4ndlern h\u00f6rte ich: <em>\u00b4Das mag alles stimmen, doch das zu benennen, verkleinert Auschwitz!\u00b4<\/em><\/p>\n<p>Es war frappierend: Wie kann die Benennung eines Verbrechens \u2014 historisch richtig eingeordnet &#8211; ein anderes, unfassbares Verbrechen verkleinern? Entstehen nicht Schieflagen dadurch, dass jeder an historischen Prozessen einfach wegl\u00e4sst, was ihm nicht reinpasst? Und wie will man dem Leid von Menschen gerecht werden, wenn es gegen anderes aufgerechnet wird? Hilft das den Opfern?<\/p>\n<p>Auschwitz l\u00e4sst sich nicht verkleinern. Wer \u00fcber ausreichend Phantasie verf\u00fcgt, hatte wohl nicht nur einmal vor Augen, wie verzweifelt sich Kinder in ihrem qualvollen Sterben in der<\/p>\n<p>Gaskammer an ihre M\u00fctter und Geschwister klammerten. Solche h\u00f6llischen Bilder kriegt man nicht mehr aus seinem Kopf.<\/p>\n<p>Doch sollten wir Davongekommenen uns auch den lebenden Opfern zuwenden.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich Roman Herzog danken: Als Bundespr\u00e4sident lud er 1998 stellvertretend f\u00fcr die vielen in der westdeutschen \u00d6ffentlichkeit weggeschwiegenen Deportierten 16 der betroffenen Frauen ins Schloss Bellevue ein.<\/p>\n<p>Das war eine wirkliche Pionierarbeit, die das Thema unvoreingenommen in die \u00d6ffentlichkeit trug. Und den Frauen hat es sehr, sehr gut getan &#8211; auch denen, die nur die Bilder davon sahen.<\/p>\n<p>Die meisten waren ja noch immer traumatisiert. Doch die Erinnerung lie\u00df sie einfach nicht los. Als sich abzeichnete, dass ich f\u00fcr einen Dokumentarfilm nach Sibirien fahren w\u00fcrde, wollten pl\u00f6tzlich etliche mit: Dem Grauen noch einmal begegnen, auch wenn es schmerzhaft ist &#8211; in der Hoffnung, danach von den Alptr\u00e4umen befreit zu sein&#8230;<\/p>\n<p>Mit drei Frauen und einem Film-Team brach ich schlie\u00dflich auf \u2014 mit Eva-Maria, K\u00e4the und Gertrud. Ihnen wurde in Sibirien Enormes abverlangt &#8211; sowohl physisch als auch psychisch. Sie waren ja nicht mehr die J\u00fcngsten. Ihre furchtbaren Erlebnisse kam ihnen wieder hoch &#8211; wir lie\u00dfen uns viel Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che und auch f\u00fcr Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Die Totenlisten mussten durchgesehen werden, die uns ein Fliegeroberst heimlich aus einem Moskauer Archiv besorgt hatte: Einige hundert Frauen lagen in einem Massengrab, auf dem die<\/p>\n<p>Sowjets bewusst eine Datschensiedlung errichtet hatten. Andere lagen in einem der S\u00fcmpfe, irgendwo neben japanischen Kriegsgefangenen oder den dreihundert polnischen Frauen und<\/p>\n<p>M\u00e4dchen, die ebenfalls nach Sibirien verschleppt worden waren, weil sie der falschen Klasse angeh\u00f6rten. Es gab schwere Momente.<\/p>\n<p>Doch es gab auch viele gute und herzliche Begegnungen mit den Bewohnern Sibiriens &#8211; gerade, weil die meisten von ihnen ja ein \u00e4hnliches Schicksal hatten. Einig waren sich alle darin, dass es nie wieder Krieg geben d\u00fcrfe. Dass sich endlich niemand mehr von irgendwelchen F\u00fchrern locken lassen darf. Und dass es ja immer nur scheinbar Gewinner von Kriegen gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5.<\/p>\n<p>Wieso aber funktionieren diese alten, verheerenden Kriegsmuster auch im 21. Jahrhundert noch?<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei gibt Erdogan den neuen Sultan, und mehr und mehr wandelt er sich zum brutalen Diktator. Seinen Anh\u00e4ngern verspricht er die R\u00fcckkehr zu altem Glanz. Das Staatsfernsehen zeigt das Land schon mal in den Grenzen des Osmanischen Reichs. <em>\u00b4Wir haben unsere derzeitigen Grenzen nicht freiwillig akzeptiert<\/em>\u00b4, sagte er k\u00fcrzlich in einer Rede. \u201e<em>Unsere Gr\u00fcndungsv\u00e4ter wurden au\u00dferhalb dieser Grenzen geboren.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Die Griechen lie\u00df er wissen: \u00b4<em>Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir Eure Stimmen h\u00f6ren k\u00f6nnen, wenn Ihr hin\u00fcberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen.\u201c <\/em>Erdogan m\u00f6chte mitmischen in Aleppo und Mossul, mit Verweis auf 1923&#8230;<\/p>\n<p>In Russland wiederum spielt Putin den neuen Zaren und \u00fcberf\u00e4llt skrupellos das ukrainische Nachbarland \u2014 ihm zur Seite seine Geheimdienst-Abteilungen <em>Kirche, Justiz, Propaganda..<\/em>.und sicher noch ein paar andere mehr. Ebenso skrupellos l\u00e4sst er Zivilisten in Aleppo bombardieren.<\/p>\n<p>Es ist die Wiederkehr der apokalyptischen Reiter und ihrer Steigb\u00fcgelhalter.<\/p>\n<p>Und wieder trotten Massen hinter F\u00fchrern her und demonstrieren, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt haben.<\/p>\n<p>Das ist fatal.<\/p>\n<p>Wer \u2014 so wie ich \u2014 gehofft hatte, das 21. Jahrhundert werde nun endlich eines der rationalen Politik, mit dem Schwerpunkt <em>Bewahrung der Sch\u00f6pfung <\/em>&#8211; sieht sich l\u00e4ngst eines Schlechteren belehrt.<\/p>\n<p>Wir befinden uns in einer Realit\u00e4t, die auch ein Jahrhundert nach dem Genozid an den Armeniern einer Schilderung von Franz Werfel entstammen k\u00f6nnte. Nun sind es die Jesiden, an denen ein Genozid ver\u00fcbt wird&#8230; deren M\u00e4nner erschlagen und deren Frauen vergewaltigt und versklavt werden. Eine halbe Welt dumpfer M\u00e4nner verfolgt Menschen, weil sie Christen sind. Sunniten schlachten Schiiten ab und umgekehrt. Wof\u00fcr dieser Horror? Die einst ber\u00fchmte Handelsstadt Aleppo hat sich als Stadt des Todes in unsere K\u00f6pfe gebrannt wie 1945 Dresden.<\/p>\n<p>Wir Bewohner der demokratischen europ\u00e4ischen Staaten haben ein halbes Jahrhundert lang trainiert, andere Bev\u00f6lkerungen \u2014 auch ehemalige Kriegsgegner \u2014 zu respektieren und freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Das ist uns, von den \u00fcblichen Ausnahmen abgesehen, gelungen. Neugier, Warmherzigkeit und Toleranz &#8211; diese Tugenden werden in vielen Familien vermittelt, werden von Eltern und Lehrern im allgemeinen vorgelebt.<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle m\u00f6chte ich den letzten Kindern Ostpreu\u00dfens herzlich danken, denn sie haben auch etwas zu diesem friedlichen Miteinander beigetragen. Obwohl sie selbst von traumatischsten Erlebnissen heimgesucht wurden, schwang in ihren Erinnerungen nie Hass mit, sondern Warmherzigkeit, Respekt und auch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr jene, die unter Deutschen gelitten haben.<\/p>\n<p>Eingeschlossen im n\u00f6rdlichen Ostpreu\u00dfen mussten sie, nachdem Deutschland l\u00e4ngst kapituliert hatte, noch Jahre im Horror des Krieges ausharren. Erst 1948 &#8211; die Frankfurter Paulskirche wurde gerade eingeweiht &#8211; in <em>\u201em\u00f6nchischer Strenge und Bescheidenheit &#8230;darin kein unwahres Wort m\u00f6glich sein sollte\u201c (Architekt Johannes Krahn) <\/em>kamen die letzten Kinder Ostpreu\u00dfens in den Gebieten an, die wir heute noch <em>Deutschland <\/em>nennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Freya Klier Dankrede zur Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises des Zentrums gegen Vertreibungen. Paulskirche, Frankfurt am Main am 6. November 2016 &nbsp; Liebe G\u00e4ste, liebe Frau Steinbach, verehrte Mitglieder der Jury &#8211; und vor allem: liebe D\u00fczen Tekkal, ich bedanke mich sehr f\u00fcr diese Auszeichnung! Ich bin geradezu hoch erfreut! Und ich empfinde es als Gl\u00fcck, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"parent":5190,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5277","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5277","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5277"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5277\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5277"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}