{"id":5286,"date":"2016-12-27T16:03:30","date_gmt":"2016-12-27T21:03:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5286"},"modified":"2017-10-19T11:01:25","modified_gmt":"2017-10-19T15:01:25","slug":"grenzen-ziehen-oder-die-kunst-bartleby-zu-sein-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-42-dec-2016\/grenzen-ziehen-oder-die-kunst-bartleby-zu-sein-2\/","title":{"rendered":"Grenzen ziehen &#8230; oder die Kunst Bartleby zu sein"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Michal Eskin<\/strong><\/p>\n<p>Ein Versuch \u00fcber Migration<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen Zustand des Nichteingewandertseins kenne ich nicht.<\/p>\n<p>Als ich Mitte der sechziger Jahre in Riga zur Welt kam, war meine Sippe \u2014 d. h., diejenigen, die das nationalsozialistische Joch im Schtetl \u00fcberlebt hatten \u2014 gerade mal knapp zwanzig Jahre zuvor als Teil der nun neuen, diesmal antifaschistischen, sowjetischen Besatzungsmacht nach Lettland eingewandert. Als ich mit meinen Eltern Anfang der siebziger Jahre im Zuge von Breschnews an Nixons historischen Staatsbesuch gekoppelter Judenpolitik nach Israel auswanderte, waren wir die Pioniere unter den \u201aneuen\u2019 russischen Juden in Israel, was uns die Sabras auch deutlich sp\u00fcren lie\u00dfen. Als meine Mutter und ich dann Mitte der siebziger Jahre im Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin ankamen, m\u00fcssen wir wohl mit die ersten russischen Juden, die aus der Sowjetunion \u00fcber Israel nach Deutschland einwanderten, gewesen sein. Bis heute begegnen mir Menschen mit Staunen, wenn ich davon erz\u00e4hle: \u201eAusgerechnet nach Deutschland?\u201c Als wir wenig sp\u00e4ter von Berlin nach M\u00fcnchen weiterzogen, stellte ich fest, dass es auch inner-nationale Einwanderungen gibt: denn Bayern wurden wir nie, auch wenn ich mich gemeinsam mit meinen Freunden eine Zeitlang mit verschmitzt ironischem Stolz als \u201eM\u00fcnchner\u201c ausgab. In Salzburg, wo mein Vater nach der Scheidung meiner Eltern lebte und wo ich meine halbe Jugend verbracht habe, war ich im wortw\u00f6rtlichen Sinne immer Besucher. Als ich Ende der achtziger Jahre zum Studieren nach Paris zog, war mein Ausl\u00e4nder- und Einwandererstatus ebenfalls nicht zu verkennen, zumal ich damals noch fast kein Franz\u00f6sisch konnte. Als ich Anfang der neunziger Jahre in die USA kam, mu\u00df ich ein wahrer bunter Vogel gewesen sein \u2013 einer von vier bis f\u00fcnf Juden (und dazu einer mit meinem Lebenslauf) \u2014 auf dem Campus des kleinen lutheranischen Concordia College in Moorhead, Minnesota. Als ich dann Ende der neunziger Jahre aus New York, wo ich damals lebte, ins englische Cambridge zog, wurde mir unmissverst\u00e4ndlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht ganz dazu geh\u00f6rte \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>\u00a0\u2026 Und doch habe ich mich nie und nirgendwo als Einwanderer gef\u00fchlt und verstanden: weder in Israel noch in Deutschland, \u00d6sterreich, Frankreich, England, oder den USA. Stets hatte ich das Gef\u00fchl und das Bewusstsein, dass alle meine Orte und Aufenthalte mir genauso \u201ageh\u00f6rten\u2019 wie denjenigen, die sich als ihre Statthalter gerierten. Seien es geb\u00fcrtige Bayern, Pariser, Salzburger oder blaubl\u00fctige Engl\u00e4nder, die mich in meine Grenzen verweisen wollten: das alles ging mich irgendwie nichts an, die vermeintlichen Grenzen wurden einfach durch spontane Nicht-Anerkennung meinerseits \u2014 sozusagen ganz aus dem Bauch heraus \u2014 beiseite gefegt, was sich wiederum in der relativ schnellen Akzeptanz durch meine diversen Gegen\u00fcber verschiedener Sprachen und Nationen niederschlug; oder zumindest in einer gewissen, die Partie schmei\u00dfenden Perplexit\u00e4t angesichts solcher \u201aArroganz\u2019 meinerseits, von der man nicht genau wusste, was mit ihr anzufangen sei, zumal man mich ja nicht einfach in \u201ameine Grenzen verweisen\u2019 (welcher Art w\u00e4ren diese wohl beschaffen gewesen?) oder auf andere Art \u201aeines Besseren belehren\u2019 konnte.<\/p>\n<p>Allegorisch l\u00e4\u00dft sich dies als eine Art Bartleby-Syndrom beschreiben \u2014 man l\u00e4\u00dft sich einfach nicht aus der Ruhe bringen, macht stur sein Zeug weiter und die Leute um einen herum lernen volens nolens damit zu leben. Hier aber endet die Analogie auch schon: denn wer will sein Leben schon in einem \u201edead letter office\u201c verbringen oder gar beschlie\u00dfen?\u00a0 Und au\u00dferdem war ja Melvilles echter Bartleby viel zu passiv und einer gewissen Apathie hold. Es geht hier also eher um das Bild eines kernigen, pfundigen, sich \u201aimmer locker\u2019 (wie der \u00d6sterreicher sagt \u2014 mit einem weichen, vollmundigen \u201al\u2019) \u00a0gebenden, doch bestimmten Bartleby, der seinen starken, unbez\u00e4hmbaren Willen (nicht immer nur) taichim\u00e4\u00dfig zu seinem eigenen Vorteil \u2013 was keineswegs des anderen Nachteil impliziert \u2013 gereichen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ganz so kann man das wohl auch nicht ausdr\u00fccken, nur eben facettenweise. Denn wie man sich in der Welt befindet, h\u00e4ngt von so vielen Faktoren ab und entfaltet sich im gelebten Leben derart mannigfaltig, dass es nur um den Preis heuristischer Vereinfachung m\u00f6glich w\u00e4re, diese Befindlichkeit in sprachlichen Formeln fassen zu wollen. Doch glaube ich im Kern das Lebensgef\u00fchl von einem, der sich nie als Einwanderer gesehen hat, vermittelt zu haben. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andersrum k\u00f6nnte man auch sagen, dass einer der immer nur Einwanderer gewesen ist, nie wirklich Einwanderer war, denn es fehlt ihm ja der gelebte Kontrastzustand. Oder noch anders gesagt: auf ihn passt die Kategorie \u201aEinwandern\u2019 im Sinne einer gelebten Perspektive eigentlich nicht \u2014 wenn dann nur \u201aobjecktiv\u2019 betrachtet, d. h. im Vergleich zu anderen, die nie ihren Geburtsort bzw. ihr Geburtsland als dauerhaften Aufenthalts- und Arbeitsort verlassen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>Gerade die objektive Betrachtung jedoch stellt das eigentliche Problem des Einwanderns dar: denn die wirklichen, handgreiflichen Schwierigkeiten, die das Aus- und Einwandern mit sich bringt sind doch im Grunde alle pragmatischer (und dann erst psychologischer) Natur: spricht man die Sprache des neuen Landes? wird man sie jemals erlernen? wie lange darf man sich dort aufhalten? welchen Einwanderungs- und Arbeitsstatus hat man? kann man dort seinen Beruf praktizieren? kommt man mit der neuen Kultur zurecht? und, und, und &#8230; Hier k\u00f6nnte man sicherlich noch viele weiter Fragen anh\u00e4ngen, die das konkrete Problem der Migration bis ins kleinste Detail analysieren.<\/p>\n<p>Angesichts der\u00a0 brachialen, unerbittlichen Pragmatik des Einwanderns stellt sich nun die Frage: wer schafft es, Bartleby zu werden, und wer nicht? Oder anders gefragt, was sind die objektiven Bedingungen, die ein erfolgreiches Bartleby-Dasein bef\u00f6rdern (auch wenn es schlussendlich nur dem entsprechenden Seelenzustand zu verdanken sein mag)?<\/p>\n<p>Im folgenden m\u00f6chte ich einen keineswegs vollst\u00e4ndigen Fragenkatalog \u00a0bzw. eine Liste mit \u00dcberlegungen anf\u00fchren, die einer Bartleby-Existenz ganz egal wo auf der Welt f\u00f6rderlich sein m\u00f6gen.<\/p>\n<ol>\n<li>An erster Stelle steht das Aussehen bzw. der Ph\u00e4notyp: sieht man so aus wie die geb\u00fcrtigen Menschen im neuen Land? Wenn ja, dann ist eine der gr\u00f6\u00dften H\u00fcrden bereits genommen.<\/li>\n<li>Spricht man zuf\u00e4llig schon die Sprache des Gastlandes? Wenn ja, dann ist dieser Punkt erledigt und man kann (vor allem, wenn man auch noch so aussieht wie die meisten neuen Mitb\u00fcrger) einfach nur zu leben anfangen. Wenn nein, dann kommt folgendes Moment ins Spiel: wie sprachbegabt ist man und wie schnell und gut kann man die neue Sprache lernen \u2013 m\u00f6glichst mit so wenig Akzent wie m\u00f6glich? Denn \u2013 und dies ist eine Bedingung <em>sine qua non<\/em>: ohne die Landessprache gescheit zu erlernen, wird man immer ein unbehauster Gast bleiben und sich in Nostalgie nach einer so nie dagewesenen (sonst w\u00e4re man ja erst gar nicht weggegangen, geflohen usw.) Vergangenheit ergehen \u2026 Sprache und Ph\u00e4notyp sind die beiden wichtigsten Kriterien f\u00fcr eine erfolgreiche Bartelby-Existenz.<\/li>\n<li>Was uns zum n\u00e4chsten Punkt bringt: die eigene Psyche. Wie nostalgisch ist man? Wie sehr sehnt man sich nach \u2026 Als Einwanderer n\u00e4mlich kann man es sich eigentlich nicht leisten <em>kein<\/em> Pragmatiker zu sein, was nur hei\u00dft, dass man auf den Luxus der falschen Sehns\u00fcchte und Heimatgef\u00fchle verzichten k\u00f6nnen muss.<\/li>\n<li>Wie nah ist einem die neue Kultur? Stimmt die Chemie zwischen einem selbst und ihr? Hier entscheidet sich vieles. Wenn m\u00f6glich, sollte man nicht in L\u00e4nder einwandern, deren Kultur man nicht mag, was es ja oft genug gibt.<\/li>\n<li>Inwieweit kann man seine Fertigkeiten im neuen Land einsetzten und einbringen? Sind die Abschl\u00fcsse, Diplome, Zertifikate usw. anerkannt oder nicht \u2026<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>Je nachdem wie die Antworten auf diese Fragen im Einzelfall ausfallen, wird sich auch die jeweilige Migrationserfahrung gestalten \u2013 leichter oder schwieriger, spannend oder voller Unsicherheit \u2026 Bei alledem jedoch mu\u00df man <em>stur<\/em> bleiben. Wie Bartleby. Und <em>Sturheit<\/em> \u2013 die Kardinaltugend des Migranten schlechthin \u2013 bedeutet hier die radikale und programmatische psychologische und emotionale Nichtanerkennung von politischen, geographischen, kulturellen Grenzen, von der Einsicht ausgehend, dass kulturelle, geopolitische Diversit\u00e4t und faktische politische Parzellierung nicht <em>wesentlich<\/em> miteinander verkoppelt sind und aneinander gekoppelt sein m\u00fcssen: so leben also, als ob man schon immer \u201adazu geh\u00f6rt\u2019 habe, ganz selbstverst\u00e4ndlich, die anderen damit eventuell vor den Kopf sto\u00dfend, die gezogenen Grenzen prinzipiell nicht anerkennend \u2013 aber auch seinen vollen Beitrag zur neuen Gemeinschaft leistend.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">*<\/p>\n<p>Mit zwei einander komplementierenden Vignetten, die, denke ich, keines Kommentars bed\u00fcrfen, jedoch viel zu Denken geben, m\u00f6chte ich diesen Versuch beschlie\u00dfen. Die eine von Chuck D., dem Begr\u00fcnder und Frontman von Public Enemy und Mitglied der Prophets of Rage; die andere von Peter Sloterdijk.<\/p>\n<p>\u201eI want the whole world. I don\u2019t want chains to go around Earth. There should be an Earth passport &#8230; Governments are the cancers of civilization. The nerve for a government to say who can\u2019t move around on this planet \u2013 I mean, that\u2019s an alien concept. It think it\u2019s absurd for some government to say who and what an immigrant is &#8230;\u201c<br \/>\n(<em>The New York Times Magazine<\/em>, p. 54 [August 7, 2016]).<\/p>\n<p>\u201eWo f\u00e4ngt denn wirklich unsere Zugeh\u00f6rigkeit zum eigenen Land an? &#8211; wann und wo beginnt f\u00fcr uns das Dasein \u2018in\u2019 Deutschland? Aus welcher Quelle beginnt der Strom der deutschen Dinge zu flie\u00dfen? Mu\u00df man nicht, wenn man intimste Landeskunde treiben will, bis zu den nationalen M\u00fcttern hinabsteigen? Was k\u00f6nnte deutschlandtr\u00e4chtiger sein als eine werdende Mutter mit bundesrepublikanischem Reisepa\u00df, die, wie man sagt, guter Hoffnung ist, eine neuen Erdenb\u00fcrger aus sich zu entlassen? F\u00fcr wie deutsch sollen wir einen solchen Neuling halten? Beginnt denn seine Einb\u00fcrgerung schon in vorgeburtlichen Zust\u00e4nden? Oder setzt die Eindeutschung erst im postnatalen Stadium ein? Ist ein Neugeborenes zun\u00e4chst ein neutrales Weltkind mit kosmopolitischen Tendenzen, das erst durch Familie und Nationalmilieu volksm\u00e4\u00dfig zur\u00fcckgestutzt wird? Sind etwa alle Landeskinder nur Beutesubjekte, die von ihren Erzeugern als Geiseln f\u00fcr die nationale Reproduktion genommen wurden? Oder f\u00e4ngt Weitergabe eines deutschen Wesens schon <em>matris in gremio<\/em> an, so als ereigne sich bei der Befruchtung eines nationalen Eies die deutsche Urzeugung? Oder beginnt die deutsche Anheimelung des F\u00f6tus fristenl\u00f6sungsgerecht nach dem dritten Monat? Wie steht es \u00fcberhaupt mit den Ursprungsgarantien bei bundesrepublikanischen Retortenbabys? Wie reinentsprungen kann Leben sein, das sich einer <em>generatio in vitro germanico<\/em> verdankt?\u00a0 Sind deutsche Kinder von nicht-deutschen Leihm\u00fcttern bereits als Immigranten anzusehen? Kann deutsch nur sein, wer schon ein intrauterines <em>tuning<\/em> mit deutscher Klangumgebung mitbekommen hat?\u00a0 Sorgt das f\u00f6tale Mith\u00f6ren der Muttersprache von innen her bereits f\u00fcr einen hinreichend starken Eindeutschungszauber, der eine sp\u00e4tere Nationalisierung des Ich vorbereitet? ist die Vorstrukturierung des f\u00f6talen Ohrs durch die Mutterstimme bereits eine verbindliche Einstimmung ins deutsche Sein? Oder sollen wir uns eher an dem unbezweifelbaren Befund orientieren, da\u00df Kinder gleich welcher Herkunft jede beliebige Sprache der Welt m\u00fchelos als Erst- oder ,Muttersprache\u2019 zu akzeptieren pflegen, wenn sie zur richtigen Zeit in diese hineinwachsen? Halte ich ich mich, wen \u201cich\u201d unterwegs bin, schon in dem Land auf, wo meine Mutter aktuell lebt? Bin ich, wenn ich das Licht der Welt erblicke, auch wirklich schon in Deutschland? Gibt es ein spezifisch deutsches Licht? Oder beginnt meine innere Einreise in diese Land erst in dem Augenblick, in dem ich seine Sprache erlernt und Stimmrecht erworben habe? \u2026 Nur wenn wir imstande sind, auch Geburten als Einwanderungen zu denken und sie nicht mehr instinktiv als absolute nationale Produktionen mi\u00dfzuverstehen, k\u00f6nnen wir hoffen, politisch und mental den Herausforderungen der kommenden \u00c4ra gewachsen zu sein\u201c<br \/>\n(<em>Versprechen auf Deutsch: Rede \u00fcber das eigen Land<\/em>, 61-64)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michal Eskin Ein Versuch \u00fcber Migration &nbsp; Einen Zustand des Nichteingewandertseins kenne ich nicht. 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