{"id":5290,"date":"2016-12-27T16:06:16","date_gmt":"2016-12-27T21:06:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5290"},"modified":"2016-12-29T13:28:07","modified_gmt":"2016-12-29T18:28:07","slug":"vom-stand-der-dinge-aus-berliner-perspektive","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-42-dec-2016\/vom-stand-der-dinge-aus-berliner-perspektive\/","title":{"rendered":"Vom Stand der Dinge aus Berliner Perspektive"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Hans Mayer<\/strong><\/p>\n<p>Glaubt man Stephen Hawking, dann haben wir noch eintausend Jahre zum \u00dcberleben auf unserem Planeten. Das Ende der Welt \u2014wie wir sie kennen, und wie <em>Der Spiegel<\/em> nach der Wahl Trumps titelte\u2014ist nicht in Sicht.\u00a0 Das ist die eigentlich gute Nachricht weit \u00fcber Trump hinaus. Man m\u00fcsste sich unter diesen Umst\u00e4nden keine allzu gro\u00dfen Gedanken um Donald Trump machen, den President-elect der Vereinigten Staaten von Amerika, der ja vier, vielleicht auch acht Jahre an der Spitze des noch m\u00e4chtigsten Landes der Erde stehen wird, w\u00e4re da nicht die Notwendigkeit, das wir auch unter ihm unser weltweites Zusammenleben gestalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gro\u00df war das Entsetzen in Berlin nach dem Wahlsieg Trumps. Berlins Regierender B\u00fcrgermeister Michael M\u00fcller (SPD) sagte, Trump habe mit r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten, rassistischen und frauenfeindlichen Parolen das alte, wei\u00dfe Amerika mobilisiert und z\u00f6gerte nicht, von Tragik zu sprechen. Ein Wort, das man ja mit Untergang und Verderben in Verbindung bringt. Kurz nach Trumps Wahlsieg ergab eine Umfrage, dass f\u00fcnfundf\u00fcnfzig Prozent der Berliner negative Folgen f\u00fcr Deutschland bef\u00fcrchten. Sorgen wirtschaftlicher Art vor allem, weniger Sorgen wegen Fremdenfeindlichkeit oder Kriegsgefahr.\u00a0 Immerhin dreiundf\u00fcnfzig Prozent der Befragten gingen davon aus, dass die Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl im September 2017 von der Wahl Trumps profitieren werde; vierzehn Prozent meinten sogar, sie wollten bei einem Staatsbesuch Trumps in Berlin gegen ihn demonstrieren. Das w\u00e4ren nahezu 500.000, mehr als doppelt so viele, wie bei der Rede Obamas an der Siegess\u00e4ule im Jahr 2008. Wahrscheinlich versteht die Mehrheit aber unter \u201edemonstro\u201c heutzutage den Mausklick am PC.<\/p>\n<p>Von dem Furor (Monster der Irrationalit\u00e4t) und gelegentlicher H\u00e4me (die Amis sind eben bl\u00f6d) unmittelbar nach der Wahl Trumps ist mittlerweile nicht mehr viel zu sp\u00fcren. Der Berliner geht seinen Gesch\u00e4ften nach. Es ist bald Weihnachten. Geschenke m\u00fcssen gekauft werden.\u00a0 Die Schaufenster sind weihnachtlich dekoriert. \u00a0Lichterketten s\u00e4umen die Boulevards und bunte Weihnachtm\u00e4rkte laden zum Einkauf. \u201eBusiness as usual\u201c k\u00f6nnte man sagen, w\u00e4re da nicht eine unterschwellige generelle Verunsicherung, die vor jeder Wahl oder vor jedem Referendum wie j\u00fcngst in \u00d6sterreich und Italien wieder an die Oberfl\u00e4che tritt.<\/p>\n<p>Mein erster Blick bei vermeintlich katastrophalen Entwicklungen wie der Wahl Trumps gilt mittlerweile den B\u00f6rsen. Und tats\u00e4chlich hat es an den Finanzm\u00e4rkten weltweit keinen Crash, nicht einmal eine kleine Baisse gegeben. Ganz im Gegenteil: Seit Trumps Wahlsieg haben die amerikanischen B\u00f6rsen neue H\u00f6chstst\u00e4nde erreicht und das europ\u00e4ische Parkett hat sich (auch nach dem R\u00fccktritt Renzis in Italien) nur moderat bewegt. Was h\u00e4tte man auch anderes erwarten k\u00f6nnen, denn Trump ist eben nicht der General des Lumpenproletariats, des \u201ewhite trash\u201c, und auch nicht der R\u00e4cher der verarmten Teile der amerikanischen Mittelschicht, sondern in erster Linie ein Immobilienmogul und Milliard\u00e4r mit internationalen Interessen, dessen gr\u00f6\u00dftes \u00c4rgernis Steuern sind, die seine Profite schm\u00e4lern. Alles in allem: ein Angeh\u00f6riger des Wirtschaftsestablishments einschlie\u00dflich der Wallstreet, mal liberal, mal protektionistisch, mal aggressiv. Das Prototypische an Trump als Politiker ist dabei nicht, dass er reich ist und den amerikanischen Traum verk\u00f6rpert. Auch Hillary Clinton und andere vor ihr waren reich (und haben sich gut \u201everkauft\u201c). Das Prototypische ist, dass er auf der politischen B\u00fchne nicht Politik verkauft, sondern sich selbst als die Marke Trump, als einen, der gesellschaftliche Tabus bricht, m\u00f6glicherweise auch als einer, der selbst die Tabu-Gewalt der polynesischen H\u00e4uptlinge f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Er ben\u00f6tigt im Grunde auch keine Republikanische Partei, sondern eine Bewegung von ihm zujubelnden Anh\u00e4ngern mit ein paar Technokraten und willf\u00e4hrige Ideologen, die ihm, dem Erfolgreichen, folgen und mit deren Unterst\u00fctzung er die Firma \u201eStaat\u201c managen kann. Das Ergebnis von Wahlen kann man unter diesen Umst\u00e4nden anzweifeln oder opportunistisch nutzen, wie es Trump tat. Was am Ende f\u00fcr die Machtaus\u00fcbung z\u00e4hlt, ist der imagin\u00e4re Wille einer hinter ihm stehenden Bewegung.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische H\u00e4me ist dabei schon deshalb nicht angebracht, weil Trump im Grunde der Widerg\u00e4nger von Sylvio Berlusconi ist, der uns bis heute immer mal wieder leibhaftig erscheint. Auch Berlusconi war ja Immobilienhai, bevor er Medienunternehmer und Politiker wurde. Auch Berlusconi war Rassist und Sexist. Auch Berlusconi schuf sich eine Bewegung vorbei am politischen Establishment, lie\u00df sich per Akklamation von seiner Forza Italia w\u00e4hlen und initiierte Gesetze zur Sanierung seiner Unternehmen. Wir m\u00fcssen uns also schon an die eigene europ\u00e4ische Nase fassen.<\/p>\n<p>In Europa steht eben selbst Vieles nicht zum Besten. Es steckt in einer Glaubw\u00fcrdigkeits- und Legitimit\u00e4tskrise. Neoliberalismus, Eurokrise und massenhafte Zuwanderung haben einige S\u00e4ulen einer menschenfreundlichen Gesellschaft wegbrechen lassen. Hass und Feindseligkeit \u00e4u\u00dfern sich in zunehmender Gewalt. Tabus werden auch bei uns gebrochen. Der brave B\u00fcrger schaut zu, billigt stillschweigend oder legt selbst Hand an. Der Aussage \u201eWas Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verk\u00f6rpert\u201c stimmen im Deutschland des Jahres 2016 dreiundzwanzig Prozent voll und ganz oder \u00fcberwiegend zu.* Berlin ist nicht nur umringt von Neo-Konservativen, rechten Populisten und Autokraten, sondern hat seinen eigenen rechten Sumpf, der bis in die Mitte der Gesellschaft reicht.<\/p>\n<p>Merkels in der Finanzkrise ausgerufener Satz \u201eIch halte das Vorgehen f\u00fcr alternativlos\u201c half der AFD erst richtig auf die Spr\u00fcnge. Wer nun meint, wie CDU, SPD, die Gr\u00fcnen oder partiell auch Die Linke, wir m\u00fcssten uns nur mehr um die Abgeh\u00e4ngten der Globalisierung k\u00fcmmern, dann werde alles gut, der t\u00e4uscht sich.\u00a0 Auch die Ank\u00fcndigung, Fl\u00fcchtlingsprobleme nach Nordafrika in Lager und Transitzonen zu externalisieren, ist kaum mehr als ein Placebo. Probleme, die sich \u00fcber Jahrzehnte aufgebaut haben und negiert wurden, lassen sich nicht mal eben mit Rhetorik, ein paar Ref\u00f6rmchen und einem \u201eRoll-back\u201c beseitigen.<\/p>\n<p>Es geht hier und in naher Zukunft letztendlich um die kulturelle Hegemonie in Europa. Die Rechte hat zum Kulturkampf aufgerufen, sie ist in der Offensive. Rechtes Gedankengut und Rechtsextremismus sind cool geworden. \u201eWir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen\u201c, verk\u00fcndete der \u00f6sterreichische Rechtspopulist und Obmann der Freiheitlichen Partei \u00d6sterreichs (FP\u00d6), Heinz-Christian Strache, nach der Niederlage ihres Bundespr\u00e4sidentenkandidaten. \u201eDie Zeit war noch nicht reif\u201c, aber, so meinte er implizit, die Zeit wird kommen. So denkt die Rechte von Marine Le Pen \u00fcber Geert Wilders bis zu Frauke Petry oder Bernd H\u00f6cke von der AFD. \u00a0In \u00d6sterreich prognostizieren die Wahlforscher bei der n\u00e4chsten Nationalratswahlen einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg der FP\u00d6. Geert Wilders Partei in den Niederlanden k\u00f6nnte st\u00e4rkste, zumindest aber zweitst\u00e4rkste Kraft im Parlament werden bei den Wahlen im M\u00e4rz 2017. Und wie sich Marine Le Pen schlagen wird im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf Frankreichs, ist nach den Erfahrungen mit den Wahlprognosen zu Trump h\u00f6chst ungewiss. <em>Das ist die schlechte Nachricht, meint Hans Mayer, dem die Wertsch\u00e4tzung der Anderen ein h\u00f6chstes Gut ist<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*) aus: Andreas Zick, u.a.: <em>Gespaltene Mitte \u2013Feindselige Zust\u00e4nde<\/em>, Bonn November 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hans Mayer Glaubt man Stephen Hawking, dann haben wir noch eintausend Jahre zum \u00dcberleben auf unserem Planeten. Das Ende der Welt \u2014wie wir sie kennen, und wie Der Spiegel nach der Wahl Trumps titelte\u2014ist nicht in Sicht.\u00a0 Das ist die eigentlich gute Nachricht weit \u00fcber Trump hinaus. 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