{"id":5311,"date":"2016-12-29T12:58:23","date_gmt":"2016-12-29T17:58:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5311"},"modified":"2017-10-19T11:01:25","modified_gmt":"2017-10-19T15:01:25","slug":"grenzstreifen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-42-dec-2016\/grenzstreifen\/","title":{"rendered":"Grenzstreifen"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Bettina Matthias<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin im Schatten der Mauer gro\u00dfgeworden. Nicht eine \u201cMauerblume\u201d, aber doch<br \/>\nein Schattengew\u00e4chs westlich des deutsch-deutschen Todesstreifens, der nur<br \/>\nwenige Kilometer \u00f6stlich vom Gartenzaun meines Elternhauses tief in die Ostsee<br \/>\nund in unser Gem\u00fct griff. Bis zur M\u00fcndung der Trave sah man im Sommer entlang<br \/>\nder K\u00fcste vor Menschen kaum den Strand\u2014jenseits von dort: wei\u00dfer Sandstrand,<br \/>\nunber\u00fchrt, unbetreten, unerlaubt, das Meer statt Sommerelement nur potenzieller<br \/>\nFluchtweg und entsprechend gesichert. Fuhr man auf der Autobahn nach S\u00fcden,<br \/>\nwiesen einheitsdeutsche Stra\u00dfenschilder auf Abfahrten in Richtung Stralsund,<br \/>\nRostock, Schwerin; orangene Klebestreifen, in Kreuzform \u00fcber diesen St\u00e4dtenamen<br \/>\nangebracht, signalisierten jedoch, dass Grenz\u00fcberschreitungen zwar theoretisch<br \/>\ndenkbar, praktisch aber unm\u00f6glich waren. Trotz neuer Stra\u00dfenschilder werden<br \/>\ndiese St\u00e4dtenamen f\u00fcr mich immer in dieses Warnorange getaucht sein.<br \/>\nDie Mauer fiel, der Todesstreifen verschwand und ist nun zum kontroversen<br \/>\n\u201cGr\u00fcnen Band\u201d mutiert. Dem Strand westlich der ehemaligen Grenze ist von den<br \/>\nunber\u00fchrten Str\u00e4nden Mecklenburg-Vorpommerns schon l\u00e4ngst der Rang<br \/>\nabgelaufen worden. Vorsichtigere Entwicklungs- und Bauprojekte im Namen des<br \/>\nMassentourismus\u2019 lassen die Sonne dort jetzt fast heller scheinen als im alten<br \/>\nWesten. Neue Autobahnzubringer und \u2013ausbauten haben Stralsund, Rostock,<br \/>\nSchwerin schon lange an das bundesdeutsche Rasen angeschlossen und ziehen das<br \/>\nAuto weniger in Spurrillen oder Schlagl\u00f6cher als ihre westdeutschen Vorfahren. Die<br \/>\nFahrt nach Osten unterliegt dem grundgesetzlichen Recht auf Freiz\u00fcgigkeit, und<br \/>\ndennoch ist f\u00fcr mich jeder Ausflug in diese Richtung noch immer eine<br \/>\nGrenz\u00fcberschreitung, ein Sturm auf das orangene Kreuz, das nur ich zu sehen<br \/>\nscheine.<br \/>\nAls Gast im eigenen Geburtstland fahre ich seit Jahren nur noch episodisch auf<br \/>\ndiesen Stra\u00dfen. Den Fall der Mauer erlebte ich gerade noch mit, dann zog es mich in<br \/>\nein Land und eine Region, in denen es kaum einen Gartenzaun gibt, in denen die<br \/>\nH\u00e4user selten aus Mauerwerk gebaut sind, in ein Land, in dem die Sprache keinen<br \/>\nUnterschied zwischen \u201cWand\u201d und Mauer\u201d macht. Als Manko empfand ich dies nicht,<br \/>\ndie Sprachbarriere lief entlang anderer Bereiche und war mehr Herausforderung als<br \/>\nBlockade.<br \/>\n\u201cGated communities\u201d, die scharfen Trennungen innerhalb von St\u00e4dten und<br \/>\nLandstrichen zwischen Arm und Reich, Schwarz und Wei\u00df, zunehmend auch<br \/>\nHeterosexuell und LGBTQ erkennt man als Einwandererin, die mit einer veritablen<br \/>\nMauer gro\u00dfgeworden ist, nicht immer gleich. Die Idee des Landes der unbegrenzten<br \/>\nFreiheit wirkt nachhaltig. Und ebenso erkennt man als Auswanderin vielleicht nicht<br \/>\nmehr, wie stark die von Peter Schneider literarisch festgeschriebene \u201cMauer im<br \/>\nKopf\u201d tats\u00e4chlich noch das deutsch-deutsche Miteinander beherrscht. Im schmalen<br \/>\nStreifen zwischen \u201cnicht mehr hier und noch nicht da\u201d l\u00e4sst sich die pers\u00f6nliche<br \/>\nFreiheit ausloten. Ein solcher privater Spaziergang durch die Grauzonen der eigenen<br \/>\nSeele tr\u00e4gt auf die Dauer jedoch nicht.<br \/>\nZwischen den USA und Mexiko soll nun eine Mauer gebaut werden. Vielleicht ist es<br \/>\nan der Zeit, aus dem Schatten meiner Mauer herauszutreten und meine orangenen<br \/>\nKlebekreuze zum M\u00fcll der Geschichte zu werfen. Au\u00dfer mir sieht sie vielleicht<br \/>\nwirklich niemand mehr?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Bettina Matthias Ich bin im Schatten der Mauer gro\u00dfgeworden. Nicht eine \u201cMauerblume\u201d, aber doch ein Schattengew\u00e4chs westlich des deutsch-deutschen Todesstreifens, der nur wenige Kilometer \u00f6stlich vom Gartenzaun meines Elternhauses tief in die Ostsee und in unser Gem\u00fct griff. Bis zur M\u00fcndung der Trave sah man im Sommer entlang der K\u00fcste vor Menschen kaum den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"parent":5190,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5311","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5311"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5311\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}