{"id":5484,"date":"2017-12-05T10:18:15","date_gmt":"2017-12-05T15:18:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5484"},"modified":"2018-01-17T14:20:49","modified_gmt":"2018-01-17T19:20:49","slug":"gerda-lerners-in-praise-of-aging-in-deutscher-ubersetzung-die-letzte-aufgabe-die-uns-das-leben-stellt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-43-2017-current-issue\/gerda-lerners-in-praise-of-aging-in-deutscher-ubersetzung-die-letzte-aufgabe-die-uns-das-leben-stellt\/","title":{"rendered":"\u201eLob des Altwerdens&#8221;: Gerda Lerners \u201eIn Praise of Aging\u201c in deutscher \u00dcbersetzung"},"content":{"rendered":"<p>Introduction and German translation by <strong>Reinhard Andress<\/strong><\/p>\n<p>No part of this publication may be republished elsewhere. For copyright information, see footnote <a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Jahre 1920, als Gerda Hedwig Kronstein in eine gutb\u00fcrgerlich-j\u00fcdische Wiener Familie hineingeboren wurde, pr\u00e4gte deren unkonventioneller Lebensstil \u2013 die Eltern f\u00fchrten ihr Eheleben weitgehend getrennt voneinander \u2013 die fr\u00fche Unabh\u00e4ngigkeit Lerners. Hinzu kam ein politisches Bewusstsein, das von den b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden 1934 in Wien in Gang gesetzt wurde und vier Jahre sp\u00e4ter seine Weiterentwicklung im \u201aAnschluss\u2019 fand. Dem Vater gelang es, sich durch die Gr\u00fcndung einer Apotheke in Liechtenstein dorthin zu retten, doch wurden Lerner und ihre Mutter verhaftet und mussten sechs Wochen im Gef\u00e4ngnis verbringen \u2013 auch ein Schl\u00fcsselerlebnis im politischen Werdegang der jungen Frau \u2013, bevor sie und ihre Mutter durch den Zwangsverkauf des elterlichen Besitztums freikamen und ausgewiesen wurden.<\/p>\n<p>Der weitere Exilweg f\u00fchrte 1939 in die USA, wo Lerner 1941 den kommunistischen Theaterregisseur Carl Lerner heiratete und mit ihm nach Los Angeles zog, selbst in kommunistischen Kreisen aktiv wurde und in die kommunistische Partei eintrat. Die McCarthy-Hysterie betraf das Ehepaar hart, was zu einer \u00dcbersiedlung nach New York f\u00fchrte, wo Lerner sich zwar aus der Partei zur\u00fcckzog, sich gesellschaftlich jedoch weiterhin engagierte, indem sie sich Frauenorganisationen anschloss, der National Organization for Women (NOW). Sie schlug sich in verschiedenen Berufen wie zum Beispiel als R\u00f6ntgenassistentin oder Verk\u00e4uferin durch, leistete Regiehilfe f\u00fcr ihren Mann und wurde Mutter zweier Kinder.<\/p>\n<p>Mit 38 Jahren nahm Lerner ein Studium auf und promovierte in sechs Jahren mit einer Doktorarbeit an der Columbia University zu den Grimk\u00e9-Schwestern aus der Plantagenzeit South Carolinas, die im Kampf f\u00fcr Frauenrechte und gegen Sklaverei eine Rolle als Vorreiterinnen gespielt hatten. Damit brachte Lerner eine akademische Karriere in Gang, in der sie sich bahnbrechend der Frauengeschichtsforschung widmete und 1972 das erste Magister-Programm auf diesem Gebiet am Sarah Lawrence College gr\u00fcndete, sowie 1980 das Doktorandenprogramm an der University of Wisconsin, wo sie 1991 auch emeritiert wurde. Die Reihe ihrer wissenschaftlichen Publikationen ist beeindruckend: z.B. <em>The Woman in American History<\/em> (1971), <em>Black Women in White America: A Documentary History<\/em> (1972), <em>The Female Experience: Documents in American History <\/em>(1976), <em>The Creation of Patriarchy<\/em> (1986) oder <em>The Creation of Feminist Consciousness<\/em> (1997).\u00a0 Ihre langj\u00e4hrige Geschichtskollegin an der University of Wisconsin, Linda Gordon, schrieb: \u201eTwo related intellectual and personal understandings marked Lerner\u2019s career: a visceral grasp of how power worked and a sense of the relatedness of various forms of inequality and oppression \u2013 class, race, gender, and global imperialism.\u201c<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> F\u00fcr sie war Lerner schlicht und einfach \u201ethe single most influential figure in the development of women\u2019s and gender history since the 1960s.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Wie das erste Zitat andeutet, schrieb Lerner aus ihren eigenen Geschichtserfahrungen heraus, eine Ansatzweise, die auch ihr literarisches Werk ebenfalls pr\u00e4gte. Dieses bestand zun\u00e4chst aus Kurzgeschichten, doch dann erschien 1953 ihr autobiographischer Roman <em>Es gibt keinen Abschied<\/em> \u00fcber das Wien kurz vor dem Anschluss, der 1955 auf Englisch unter dem Titel\u00a0\u00a0<em>No Farewell<\/em> herauskam. Das Werk bietet ein sehr lesenswertes und detailliertes Panoramabild der vielen sozialen Schichten der Stadt in einer sehr turbulenten Zeit.\u00a0 In ihrem Vorwort zur deutschen Neuausgabe 2017 schrieb Marlen Eckl: \u201eIndem [Lerner] mit psychologischem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und schonungsloser Deutlichkeit die \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4nge und inneren Konflikte der einzelnen Charaktere und deren Lebenswelt darlegt, erlaubt sie den Lesern, ihnen n\u00e4her zu kommen.\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a>\u00a0 Eine Autobiographie zu Lerners fr\u00fchem Leben erschien 2002 unter dem Titel <em>Fireweed<\/em>.<\/p>\n<p>Nicht nur eigene sozialgeschichtliche Erfahrungen durchdrang Lerners literarisches Schaffen, denn es konnte auch zutiefst Pers\u00f6nliches sein, so zum Beispiel in ihren Memoiren <em>A Death of One\u2019s Own<\/em> (1978) \u00fcber den fr\u00fchen Tod ihres Mannes Carl nach langer Krankheit im Jahre 1973.\u00a0 \u00c4hnlich ist es auch im Gedicht \u201eIn Praise of Aging\u201c (2009).<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Darin zeichnet sie zweifelsohne ihren eigenen Alterungsprozess nach, der 2013 in den Tod m\u00fcndete.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a> Dies gelingt ihr mit so viel Weisheit, dass das eigene Erleben transzendiert wird und Allgemeing\u00fcltiges \u00fcber unsere letzte Lebensaufgabe zum Ausdruck kommt. Bisher ist das Gedicht nur auf Englisch erschienen, ein Manko, das unten mit der \u00dcbersetzung ins Deutsche aufgehoben werden soll, so dass das Gedicht den Anschluss auch an den sprachlichen Kulturkreis findet, aus dem Lerner urspr\u00fcnglich stammte.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In Praise of Aging<\/strong><\/p>\n<p>Aging is natural, a process,<br \/>\nthe last task life sets before us.<\/p>\n<p>A path with only one outcome<br \/>\nthat we learn not to fear.<\/p>\n<p>On that path, step by step,<br \/>\nwe must give up something forever:<\/p>\n<p>what we have achieved; what we treasure;<br \/>\nwhat we take for granted.<\/p>\n<p>Our body is no longer familiar,<br \/>\naltered by pain.<\/p>\n<p>We learn to respect it,<br \/>\nto live with it as it is.<\/p>\n<p>Round stones, bare bones \u2013<br \/>\nwe travel light.<\/p>\n<p>We turn to memory,<br \/>\nRemembering fullness,<\/p>\n<p>discovering the pleasure<br \/>\nof the modest particular.<\/p>\n<p>Growing awareness of purposeful seeing,<br \/>\nacceptance of what cannot be changed.<\/p>\n<p>Aging is a dance on uneven terrain,<br \/>\ndespite impairment, weakness and failing senses,<\/p>\n<p>celebrating what is,<br \/>\nwhat still is.<\/p>\n<p>What we have now is all there ever will be.<br \/>\nAnd so we dance on, just the same,<\/p>\n<p>with patience, courage and grace.<\/p>\n<p>\u2013Gerda Lerner<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Aging-Tree.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-5494\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Aging-Tree-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Aging-Tree-300x300.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Aging-Tree-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Aging-Tree-768x768.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Aging-Tree-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Lob des Altwerdens<\/strong><\/p>\n<p>Altwerden ist nat\u00fcrlich, ein Vorgang,<br \/>\ndie letzte Aufgabe, die das Leben uns stellt.<\/p>\n<p>Ein Weg mit nur einem Ausgang,<br \/>\nden wir lernen nicht zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Auf diesem Wege, Schritt f\u00fcr Schritt,<br \/>\nm\u00fcssen wir etwas f\u00fcr immer aufgeben:<\/p>\n<p>was wir erreicht haben, was wir sch\u00e4tzen,<br \/>\nwas wir als selbstverst\u00e4ndlich erachten.<\/p>\n<p>Unser K\u00f6rper ist uns nicht mehr vertraut,<br \/>\nver\u00e4ndert durch Schmerz.<\/p>\n<p>Wir lernen, ihn zu respektieren,<br \/>\ndamit zu leben, wie er ist.<\/p>\n<p>Runde Steine, nackte Gebeine \u2013<br \/>\nwir reisen mit leichtem Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p>Wir wenden uns den Erinnerungen zu,<br \/>\nerinnern uns der F\u00fclle,<\/p>\n<p>entdecken die Freude<br \/>\nam bescheiden Besonderen.<\/p>\n<p>Wachsende Achtsamkeit f\u00fcr bewusstes Sehen,<br \/>\ndie Hinnahme dessen, was nicht zu \u00e4ndern ist.<\/p>\n<p>Altwerden ist ein Tanz auf unebenem Boden,<br \/>\ntrotz Leiden, Schw\u00e4che und versagender Sinne,<\/p>\n<p>preisend, was ist,<br \/>\nwas immer noch ist.<\/p>\n<p>Was wir jetzt haben, ist alles, was je sein wird.<br \/>\nUnd so tanzen wir weiter, gleichwohl,<\/p>\n<p>mit Geduld, Mut und Anmut.<\/p>\n<p>(\u00dcbersetzt von Reinhard Andress)<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Linda Gordon, \u201eBiography. Gerda Lerner (1920-2013)\u201c, <a href=\"http:\/\/www.gerdalerner.com\/biography\/\">http:\/\/www.gerdalerner.com\/biography\/<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Gordon.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Marlen Eckl, Vorwort, Gerda Lerner, <em>Es gibt keinen Abschied<\/em> (Wien: Czernin Verlag, 2017), 17.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Das Gedicht erschien 2009 in einer Einzelausgabe, eingebettet in Naturfotos von Sandy Wojtal-Weber. Aus mehr als vierzig Naturfotos suchte Lerner die heraus, die am besten zu jeder Zeile des Gedichts passten. Es entstand dabei ein beeindruckendes poetisches und visuelles Kunstwerk.\u00a0 Vgl. <a href=\"http:\/\/www.gerdalerner.com\/in-praise-of-aging\/\">http:\/\/www.gerdalerner.com\/in-praise-of-aging\/<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Vgl. den Nachruf von William Grimes, \u201eGerda Lerner, a Feminist and Historian, Dies at 92\u201c, <em>The New York Times<\/em> (3.1.2013): <a href=\"https:\/\/nyti.ms\/UJb6Hn\">https:\/\/nyti.ms\/UJb6Hn<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Das englische Original wird hier mit der freundlichen Genehmigung von Gerda Lerners Tochter Stephanie Lerner-Lapidus und Sandy Wojtal Weber nachgedruckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Introduction and German translation by Reinhard Andress No part of this publication may be republished elsewhere. For copyright information, see footnote [vi]. &nbsp; Im Jahre 1920, als Gerda Hedwig Kronstein in eine gutb\u00fcrgerlich-j\u00fcdische Wiener Familie hineingeboren wurde, pr\u00e4gte deren unkonventioneller Lebensstil \u2013 die Eltern f\u00fchrten ihr Eheleben weitgehend getrennt voneinander \u2013 die fr\u00fche Unabh\u00e4ngigkeit Lerners. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"parent":5496,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5484","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5484","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5484"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5484\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5496"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5484"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}