{"id":5501,"date":"2017-12-06T09:49:57","date_gmt":"2017-12-06T14:49:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5501"},"modified":"2018-01-17T14:21:29","modified_gmt":"2018-01-17T19:21:29","slug":"5501-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-43-2017-current-issue\/5501-2\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an den Exilanten und Literaturwissenschaftler Egon Schwarz (1922-2017)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\">von <strong>Reinhard Andress<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_5739\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Schwarz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5739\" class=\"size-full wp-image-5739\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Schwarz.jpeg\" alt=\"portrait of Egon Schwarz\" width=\"480\" height=\"640\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Schwarz.jpeg 480w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Schwarz-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5739\" class=\"wp-caption-text\">Egon Schwarz, \u00a9 Ir\u00e8ne Lindgren<\/p><\/div>\n<p>Wir haben uns relativ sp\u00e4t kennen gelernt, erst im Jahre 2000, was ich immer bereut habe. Nat\u00fcrlich wusste ich davor von Egon Schwarz \u2013 wie h\u00e4tte das in den Achtzigerjahren als Graduate Student der Germanistik an der University of Illinois auch anders sein k\u00f6nnen? Ich las seine literaturwissenschaftlichen Ausf\u00fchrungen etwa zu Hesse, Rilke, Thomas Mann, Schnitzler oder allgemeiner zur Exilliteratur und dachte mir, so m\u00f6chte ich eines Tages schreiben k\u00f6nnen: nicht verschroben esoterisch \u00fcbertheoretisierend, sondern elegant, verst\u00e4ndlich und einleuchtend eingebettet in einen sozio-historischen Kontext. Ob ich das je geschafft habe, wei\u00df ich nicht, aber ich wei\u00df auf alle F\u00e4lle, dass Egons Literaturwissenschaft mir immer ein Vorbild blieb.<\/p>\n<p>Ich kam dann 1993 als Assistant Professor an die Saint Louis University, w\u00e4hrend sich Egon an der benachbarten Washington University als ehrw\u00fcrdiger und hoch verehrter Professor befand, was ich nat\u00fcrlich auch wusste. Doch z\u00f6gerte ich \u2013 dummerweise, wie sich herausstellte \u2013 die Verbindung zu ihm aufzunehmen. Zu gro\u00df war wohl die Ehrfurcht eines angehenden Germanisten vor einer internationalen Koryph\u00e4e unseres Fachgebietes. Zuf\u00e4lligerweise brachte uns Frank Baron endlich zusammen. Es gab eine Konferenz f\u00fcr Exilstudien an der University of Kansas, Egon und ich sollten beide dort Vortr\u00e4ge halten, und Frank fragte an, ob ich Egon von St. Louis nach Lawrence fahren k\u00f6nnte. Ich erinnere mich auch gern an die Fahrt durch die Weiten von Missouri nach Kansas, die Egon ausf\u00fcllte, indem er mir eine faszinierende Welt langsam erschloss, die so weit \u00fcber seine Literaturwissenschaft hinausging. Und so kam eine Bekanntschaft, bald Freundschaft in Gang, die f\u00fcr mich mit intellektuell unglaublich reichhaltigen Begegnungen verbunden ist, ob bei gemeinsamen Projekten, den unz\u00e4hligen, unterhaltsamen Gespr\u00e4chen oder vorz\u00fcglichen Mahlzeiten, ob in St. Louis in seinem gem\u00fctlich-magischen Haus mit dem \u00fcppigen Garten, in Mexiko, Berlin oder bei uns in Chicago, wo auch meine Studenten ihn als sehr wichtigen und weisen Zeitzeugen erleben konnten. Die Gespr\u00e4chsthemen waren vielf\u00e4ltig: vom \u00d6sterreich des <em>fin-de-si\u00e8cle<\/em> bis hin zu allen Epochen der deutschen Literatur, Exil, Weltreisen oder Tagespolitik. Als wir uns zum letzten Mal im Oktober 2016 in Chicago sahen, las ich ihm \u2013 er schon halb erblindet \u2013 Artikel aus der <em>New York Times<\/em> vor. Wir entsetzen uns \u00fcber Trump, der ihm nun wenigstens erspart bleibt.<\/p>\n<p>Einerseits war es seine charmant-witzige und spannende Art zu erz\u00e4hlen, die einen zum gebannten Zuh\u00f6rer machte. Ich erinnere mich noch deutlich an unser \u00dcbersetzungsprojekt, die deutsche Version von Benno Weiser Varons spanischem Exilroman <em>Yo era europeo<\/em>, den wir als <em>Ich war Europ\u00e4er<\/em> \u00fcbertrugen. Weiser Varon war ein Wiener Jude, den das Exil nach Ecuador und dann weiter in die USA und nach Israel verschlug, f\u00fcr das er jahrelang als Diplomat t\u00e4tig wurde. In Wien war er Egons Spanischlehrer gewesen. W\u00e4hrend eines Freisemesters und Nachmittagsstunden bei Egon zu Hause in St. Louis regte ihn meine Roh\u00fcbersetzung des Romans immer wieder zu informationsreichen Ausfl\u00fcgen in die Geschichte Wiens zur \u201cAnschluss\u201d-Zeit und in das Thema Exil an. Er hatte die Zeit ja schlie\u00dflich selbst erlebt. Erst durch Egon begriff ich besser die vielen Phasen des Exils, die wiederum meine Exilstudien stark beeinflussten. Und nat\u00fcrlich gab Egon dann der \u00dcbersetzung den stilistischen Schliff, ohne den eine Ver\u00f6ffentlichung 2008 wohl kaum m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Andrerseits war es aber bei Egon auch eine bei \u00e4lteren Menschen seltene Gabe, genau zuh\u00f6ren zu k\u00f6nnen und auf den Gespr\u00e4chspartner einzugehen, die so viele Menschen f\u00fcr ihn gewannen. Er besa\u00df Integrit\u00e4t im h\u00f6chsten Ma\u00dfe. Als ich so manche Krisen durchmachte, ob privat oder beruflich, er stand mir gro\u00dfz\u00fcgig mit Rat und Tat bei und wurde zu einem v\u00e4terlichen Freund, den ich sehr vermissen werde.<\/p>\n<p>Bei einem unserer vielen Gespr\u00e4che ging es einmal um die Frage, was wohl von unserer ganzen Literaturwissenschaft bleiben w\u00fcrde. L\u00e4ngerfristig herzlich wenig meinte er, doch gab er der Hoffnung Ausdruck, es k\u00f6nnte seine Autobiografie \u00fcberleben. Diese ist zun\u00e4chst 1979 unter dem Titel <em>Keine Zeit f\u00fcr Eichendorff<\/em> erschienen, 2005 in einer Neuauflage als <em>Unfreiwillige Wanderjahre<\/em>. Im Jahre 2008 wurde sie mit dem Cotta-Preis ausgezeichnet. \u00dcbersetzungen ins Englische als <em>Refuge. Chronicle of a Flight from Hitler<\/em> (2002) und ins Spanische als <em>A\u00f1os de vagabundo forzado. Huyendo de Hitler a trav\u00e9s de tres continentes<\/em> (2012) liegen ebenfalls vor. F\u00fcr mich stellt es einen H\u00f6hepunkt meiner Laufbahn da, als ich im Fr\u00fchjahr 2012 auf einer Tagung der Asociaci\u00f3n Latinoamericana de Estudios German\u00edsticos einen Vortrag \u00fcber Egons Autobiographie hielt und ihn damit vorstellte, bevor er selbst sowohl aus den deutschen und spanischen Versionen vor einem zahlreichen Publikum vorlas.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Leben das auch war! 1922 in Wien als Jude geboren, zwang ihn der nationalsozialistische \u201cAnschluss\u201d seiner Heimat in ein Exil, das zun\u00e4chst nach Bratislawa (Pressburg) f\u00fchrte, dann in ein v\u00f6lkerrechtlich ungekl\u00e4rtes Niemandsland zwischen Ungarn und Slowakien, weiter nach Prag, Paris und schlie\u00dflich nach S\u00fcdamerika, wo er in Bolivien, Chile und Ecuador zehn Jahre unter abenteuerlichen Umst\u00e4nden verbrachte. Nie verlie\u00df ihn das starke soziale Bewusstsein, das er sich dort aneignete; nie verlie\u00df ihn das Bed\u00fcrfnis, sich weiter zu bilden, was dazu f\u00fchrte, dass er alles verschlang, was er an Lesbarem fand. Es waren wiederum Gl\u00fccksumst\u00e4nde, die ihn nach Kriegsende in die USA f\u00fchrten, wo er 1954 ein Doktorat in deutscher Philologie an der University of Washington bekam und sieben Jahre lang an der Harvard University lehrte, bevor es an die Washington University in St. Louis weiterging. Von vielen Gastprofessoren in der ganzen Welt unterbrochen, lehrte er dort zweiunddrei\u00dfig Jahre lang, zuletzt als \u201eRosa May Distinguished Professor in the Humanities in Arts and Sciences\u201c. Er schrieb \u00fcber zwanzig B\u00fccher und Hunderte von Artikeln und Essays, u.a. f\u00fcr die <em>FAZ<\/em>, die <em>NZZ<\/em> oder <em>Die Zeit<\/em>.\u00a0 Dabei entwickelte er sich zu einem einmaligen Literaturhistoriker und zum Mitbegr\u00fcnder der deutschen Exilstudien, so etwa mit seinem Buch <em>Verbannung<\/em> (1964), das dokumentarisch eine Ph\u00e4nomenologie des durch Hitler verursachten Exils unternimmt. Sein letztes Buch, <em>Wien und die Juden <\/em>(2014), stellt eine Sammlung seiner besten Aufs\u00e4tze zu dem Thema dar. Vielfach wurde er geehrt: so mit Ehrendoktoren der Universit\u00e4t Wien oder der \u00d6rebro Universitet, mit der Joseph von Eichendorff-Medaille oder dem \u00d6sterreichischen Ehrenzeichen f\u00fcr Wissenschaft und Kunst.<\/p>\n<p>So gl\u00e4nzend, einsichtig und weise ist die Autobiographie geschrieben, dass ich sie auch meine Studenten lesen lie\u00df, wobei wir, wie erw\u00e4hnt, Egon auch zweimal als Gast im Unterricht hatten. Wenn ihn auch mehrere Generationen von den Studenten trennten, er gewann sie auch f\u00fcr sich. \u00a0Eine Studentin schrieb mir: \u201cThank you, Professor Andress, for the opportunity to meet such an amazing man. I am so grateful to have had the privilege of reading his autobiography and discussing it with him. A huge honor!\u201d Frappierend war f\u00fcr mich vor allem immer der Schluss, zu dem Egon gegen Ende der Autobiographie kommt:<\/p>\n<blockquote><p>Zu verk\u00fcnden, da\u00df Hitler f\u00fcr mich gut war, w\u00e4re eine Verh\u00f6hnung der Millionen, die er auf dem Gewissen hat und zu denen ich, in jeder Phase des faschistischen Vernichtungszuges durch die Welt, leicht h\u00e4tte geh\u00f6ren k\u00f6nnen. Dennoch ist es eine Tatsache, da\u00df ich durch die explosionsartigen Ausbr\u00fcche des Hitlerismus in die freie Luft geschleudert wurde, wo ich einen l\u00e4ngeren Atem und einen weiteren Ausblick gewonnen habe, als wenn ich in der heimatlichen Enge geblieben w\u00e4re. Manche Menschen werden, wenn sie ihnen widerf\u00e4hrt, von der Durchtrennung der Wurzeln, die sie an ihr Fleckchen Umwelt binden, gef\u00e4hrdet oder gar zerst\u00f6rt. Mir hat sie zun\u00e4chst auch nicht gerade wohlgetan, aber auf die Dauer hat sie Kr\u00e4fte befreit, die sonst unerweckt f\u00fcr immer in mir geschlummert h\u00e4tten. Anders als andere Emigranten, die der Heimat nachtrauern, hei\u00dfe ich daher die Emigration gut und bekenne mich zu ihr, nicht weil sie mir just passierte und man f\u00fcr gew\u00f6hnlich sein Leben billigt, sondern beinah als Prinzip, als einen Proze\u00df, dem ich meine Befreiung und, so sonderbar das auch anmuten mag, die Gewinnung meines Gleichgewichts zu verdanken glaube.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich war der Weg dorthin nicht leicht, ohne freien Willen den historischen St\u00fcrmen der Zeit ausgesetzt, doch auch um den freien Willen k\u00e4mpfend, ein Thema, das motivisch ebenfalls einen breiten Raum in der Autobiographie einnimmt. Aber welch eine mutig-optimistische Einstellung letztendlich und trotz allem \u2013 und eine Einstellung, die sein Leben so stark pr\u00e4gte!<\/p>\n<p>Um auf das Gespr\u00e4ch mit Egon zur\u00fcckzukommen, in dem es um die Was bleibt-Frage ging: Lesen wir seine <em>Unfreiwilligen Wanderjahre<\/em>, bzw. lesen wir sie noch einmal. So halten wir diesen einzigartigen Menschen am besten f\u00fcr uns fest und verhelfen ihm zu einem Weiterleben.<\/p>\n[Reprinted from PEN-Newsletter Summer 2017]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Reinhard Andress Wir haben uns relativ sp\u00e4t kennen gelernt, erst im Jahre 2000, was ich immer bereut habe. Nat\u00fcrlich wusste ich davor von Egon Schwarz \u2013 wie h\u00e4tte das in den Achtzigerjahren als Graduate Student der Germanistik an der University of Illinois auch anders sein k\u00f6nnen? 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