{"id":5510,"date":"2017-12-06T10:48:39","date_gmt":"2017-12-06T15:48:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5510"},"modified":"2018-01-23T13:57:54","modified_gmt":"2018-01-23T18:57:54","slug":"utz-rachowski-vom-stasiknast-zur-opferberatung-eine-deutsche-jugendbewaltigung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-43-2017-current-issue\/utz-rachowski-vom-stasiknast-zur-opferberatung-eine-deutsche-jugendbewaltigung\/","title":{"rendered":"Utz Rachowski: Vom Stasiknast zur Opferberatung &#8212; Eine deutsche Jugendbew\u00e4ltigung"},"content":{"rendered":"<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte<strong> Frederick A. Lubich<\/strong><\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Lieber Utz, Du bist bereits als Vierzehnj\u00e4hriger mit den Organen der Staatsicherheit in der DDR in Konflikt geraten. Das war 1968, als wir 68\u2019er in Westdeutschland ebenfalls auf Konfrontationskurs mit dem Establishment gingen und einige von uns nicht nur auf die Barrikaden stiegen, sondern sogar im politischen Untergrund landeten. Erz\u00e4hl von Deinen Erfahrungen aus der Welt hinter dem Eisernen Vorhang.<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Ja, lieber Frederick, das Jahr 1968 war auch f\u00fcr mich ein absolut pr\u00e4gendes. B\u00e4rbel Bohley, die DDR-B\u00fcrgerrechtlerin, die man sp\u00e4ter &#8220;die Mutter der 89er Revolution&#8221; nannte, sagte einmal, dass 1968 &#8211; sie meinte den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei &#8211; &#8220;das Grunderlebnis unserer Generation&#8221; gewesen sei.<\/p>\n<p>Mein Bruder, der sechs Jahre \u00e4lter ist als ich, war daran beteiligt, die Panzer, die direkt vor unserer Haust\u00fcr vorbeirollten, mit seinem Motorrad aufzuhalten, auszubremsen &#8211; eine v\u00f6llig absurde und ohnm\u00e4chtige Handlung. F\u00fcr mich eine Szenerie, die ich nie verga\u00df. Diesen 20. August beschrieb ich sp\u00e4ter in meiner Erz\u00e4hlung &#8220;Der letzte Tag der Kindheit&#8221;.<\/p>\n<p>Mit der &#8220;Stasi&#8221; kam ich jedoch erst 1970, also im Alter von 16 Jahren in Ber\u00fchrung. Wir hatten in der Oberschule einen Literatur- und Philosophiezirkel gegr\u00fcndet, weil uns der offizielle Unterricht einfach an\u00f6dete. Es gab einen neuen Direktor, der tats\u00e4chlich die Fahnenappelle Montag fr\u00fch manchmal in seiner Majors-Uniform abnahm, das hie\u00df dann &#8220;Stillgestanden&#8221;, alle Sch\u00fcler im Blauhemd, der &#8220;Fanfarenzug&#8221; blies die Trompeten und die Trommeln rasselten&#8230; ich dachte am ersten Tag dort, ich sei in einer Kaserne gelandet. Es war verboten, auf den Fluren der Schule zu sprechen und im Schulhof mussten wir in der Gro\u00dfen Pause im Kreis gehen. Die Lehrer waren gegen\u00fcber der Zeit meines Bruders dort vom Direktor ausgewechselt worden, der Geschichtslehrer z\u00fcchtete Sch\u00e4ferhunde f\u00fcr die nahegelegenen Grenztruppen, der Deutschlehrer hatte grad mal 100 Jahre Geschichte drauf, vom Erscheinen des Kommunistischen Manifestes bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges &#8230; es war zum Verzweifeln. Deshalb suchten wir nach anderen Wegen, um ans wahre Leben zu gelangen. Da fanden wir in der Stadtbibliothek einige B\u00fccher von Heinrich B\u00f6ll, darin die Beschreibung seiner Schulzeit im NS-Reich, die Beschreibungen \u00e4hnelten aufs Haar unsrem Alltag, die Militarisierung, der ideologische Drill, das Verstellen-M\u00fcssen, das L\u00fcgen. Da wussten wir, wo wir lebten &#8230; Diktatur sagten wir nicht, aber wir begannen zu tasten, was das sei.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> W\u00e4hrend Ihr im Osten einen Literatur- und Philosophenzirkel gr\u00fcndeten, gr\u00fcndeten wir mehr oder weniger zur gleichen Zeit in Heidelberg einen Poetenzirkel, trafen uns regelm\u00e4\u00dfig, lasen uns unsere neuesten Texte vor und wetterten bei Gelegenheit gegen unsere faschistische Geschichte, die aus unserem Heimatland der Dichter und Denker eine\u00a0 M\u00f6rdergrube der Richter und Henker gemacht hatte. Von Agenten des Staates, die auch in Heidelberg nach Sympathisanten der linken Terrorszene fahndeten, glaubten wir uns damals vollkommen unbehelligt, aber wenn ich heute so zur\u00fcckdenke, erinnere ich mich vor allem an zwei Mitglieder unserer Runde, die irgendwie nicht ganz reinzupassen schienen. Aber bestimmt ist das eine aus dem Osten verschleppte Phantom-Phantasie, nachdem wir nach dem Fall der Berliner Mauer von dort so viele Schauergeschichten zu h\u00f6ren bekamen.<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski:<\/strong> Kann ich mir sehr gut denken, dass da Informanten auch an euch dran waren und dass dies keineswegs Phantasie ist. Wegen aufs\u00e4ssiger Reden in der \u00d6ffentlichkeit wurden wir damals von einem Kirchendiener verpfiffen, der auch nicht so ganz ins heilige Gem\u00e4uer zu passen schien und mit &#8220;Sicherheit&#8221; zwei G\u00f6ttern diente. Der Direktor holte sofort die &#8220;Stasi&#8221; an die Schule, sechs Zimmer wurden ger\u00e4umt, jeder Sch\u00fcler der Gruppe einzeln verh\u00f6rt, ich als &#8220;R\u00e4delsf\u00fchrer&#8221; (so w\u00f6rtlich in den &#8220;Stasi&#8221;-Akten) vier lange Stunden lang. &#8220;Wer sind Ihre Auftraggeber im Westen, wer leitet Sie an!?&#8221; war eine der st\u00e4ndig wiederkehrenden Fragen des Vernehmers. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass aus der Atmosph\u00e4re des Landes selbst Widerstand und eigenes Denken erw\u00e4chst. Ich spielte im Verh\u00f6r den Bl\u00f6den, hatte riesige Angst, denn zu Hause hatte ich inzwischen Gedichte von Reiner Kunze und Wolf Biermann. Eine Haussuchung h\u00e4tte mich direkt schon mit 16 Jahren in den Knast gebracht. Ich wurde entlassen mit der Auflage, mich ausschlie\u00dflich um den Unterricht zu k\u00fcmmern, sp\u00e4ter aber dann relegiert von der Schule und aus der &#8220;Freien Deutschen Jugend&#8221; ausgeschlossen und ging mit 17 auf den G\u00fcterbahnhof als Hilfsarbeiter.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen und v\u00f6llig parallel nahmen wir nat\u00fcrlich die Bilder aus dem Westfernsehen auf, auch das Ostfernsehen berichtete kontinuierlich dar\u00fcber: die Studentenrevolten in Paris und Westberlin. Rudi Dutschke, er war im letzten Moment vor dem Bau der Berliner Mauer 1961 auf einem Motorrad mit seinem Bruder aus der DDR nach Westberlin gefl\u00fcchtet und dort zum wichtigsten und bekanntesten Studentenf\u00fchrer geworden \u2013 er\u00a0 war ja einer von uns! Das wussten wir. Und wir sahen das brennende Baltimore, die Rassenunruhen und den Tod von Martin Luther King \u2013 all diese Bilder waren parallel zu den hiesigen ostdeutschen bei mir im Kopf.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Im Jahr 1979 wurdest Du wegen sogenannter \u201estaatsfeindlicher Hetze\u201c zu 27 Monaten Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt. Wie kam es dazu?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Ich machte einfach weiter nach meinem Rausschmiss aus der Schule, den Margot Honecker abgezeichnet hatte als &#8220;Ministerin f\u00fcr Volksbildung&#8221;. Ich las und diskutierte mit Freunden. Durch meinen Freund J\u00fcrgen Fuchs, der sp\u00e4ter zu einem der bekanntesten B\u00fcrgerrechtler der DDR und auch Schriftsteller wurde, und mit dem ich ein Jahr lang auf die Oberschule ging, bekam ich Kontakt zu Kunze und Biermann und besuchte beide. Nach Biermanns Ausb\u00fcrgerung 1976 geschah mir noch nichts, aber drei Jahre sp\u00e4ter war ich dran. \u00dcbrigens &#8220;s\u00e4uberte&#8221; die Stasi da 1979 ganze Regionen von Biermann-Sympathisanten, ich war mit mindestens 15 Leuten dieser Art allein aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt im Knast. Es war gerade einen Amnesty verk\u00fcndet worden und der Staat musste seine Gef\u00e4ngnisse wieder auff\u00fcllen, diesmal mit uns &#8230; eine rein wirtschaftliche Sache war das auch. Schlie\u00dflich wurde ein Gro\u00dfteil der Verhafteten nach l\u00e4ngerer Haft in den Westen verkauft. So auch ich. Dabei hatte ich niemals einen Ausreise-Antrag geschrieben, wollte nie in den Westen gehen oder gar abhauen.<\/p>\n<div id=\"attachment_5511\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Utz-Knast-Foto.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5511\" class=\"wp-image-5511 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Utz-Knast-Foto.gif\" alt=\"Rachowski Knast-Foto 1979\" width=\"268\" height=\"324\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5511\" class=\"wp-caption-text\">Utz Rachowski: Knast-Foto aus der Stasi-Akte 1979<\/p><\/div>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Die DDR hat Dich schlie\u00dflich an die BRD verkauft. Vielleicht hat ja Dein einstiges Heimatland mit dem Erl\u00f6s ein Kinderkrankenhaus gebaut. Was waren Deine ersten Eindr\u00fccke vom Westen?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Jetzt muss ich leider lachen, lieber Frederick &#8211; Kinderkrankenhaus &#8211; da h\u00e4tte ich ja gern eingesessen daf\u00fcr, aber nachweislich kauften die aus den Erl\u00f6sen des Menschhandels Luxusartikel die Bonzen und ihre Weiber. Ja, es ist richtig, manchmal auch Rohstoffe, die es nicht gab f\u00fcr die Industrie. Da sitzt man doch gern daf\u00fcr ein! Wegen f\u00fcnf Gedichten, das hie\u00df w\u00f6rtlich &#8220;staatsfeindliche Hetze in Versform&#8221; &#8211; tolle Sache, Heine h\u00e4tte sich mit uns totgelacht, nee gesund gelacht nat\u00fcrlich, wie wir. Wenn wir noch Kraft hatten nach dem Drei-Schicht-System lachten wir wirklich viel im Knast, aber nicht in der Einzelhaft bei der Stasi.<\/p>\n<p>Meine ersten Eindr\u00fccke im Westen waren: Oh sch\u00f6n, jetzt hast Du Ferien! Ich war auch gesundheitlich angeschlagen, obwohl ich erst 26 war und gut trainiert als Volleyballer in den Knast kam. Jetzt musste ich Herzmittel nehmen, zog direkt bei J\u00fcrgen Fuchs ein und redete mit ihm die ganze Zeit, war sofort drin auch in der Welt der Schriftsteller, der Linken. Diese n\u00e4mlich suchten wir und verstanden uns als solche politisch. In meinem Kopf war sowas wie ein Gemisch aus fr\u00fchem Marx (&#8220;Philosophisch \u00f6konomische Manuskripte&#8221;) und der Bergpredigt. Seit dem 19. Lebensjahr trug ich lange Haare, einen Bart und eine Baskenm\u00fctze, um wie Che Guevara auszusehen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Ja, der Che Guevara, das war auch unser Held im Westen. Perfekt als wilder B\u00fcrgerschreck f\u00fcr das konservative Establishment samt seinen kapitalistischen Alt-Faschisten und ideal als hehre Lichtgestalt f\u00fcr die am Horizont heraufziehende Utopie. Und obendrein ein M\u00e4rtyrer, gejagt durch die CIA im bolivianischen Dschungel. Und so hatte auch ich als aufm\u00fcpfiger Gymnasiast bald an Stelle eines Bildes von Homer ein Riesenposter von Che in meiner Bude. F\u00fcr viele von uns Jugendlichen im Westen war das damals eine mehr oder weniger abenteuerliche Hobby-Revolution &#8211; so sehr uns auch eine bessere, gerechtere Welt am Herzen lag &#8211; , f\u00fcr euch im Osten f\u00fchrte ein \u00e4hnlicher jugendlicher Sturm und Drang zu politischen Verh\u00f6ren, Jugendhaft und Berufszerst\u00f6rung.<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski:<\/strong> Und im Westen lebte ich ja dann in Berlin-Kreuzberg, dort gab es viele Anh\u00e4nger der RAF. Diese ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Terror-Gruppe und deren Aktivisten waren dort unterwegs. Ich lernte auch Marianne Herzog kennen, die wegen RAF-Beteiligung zwei Jahre in Frankfurt\/Main im Knast gewesen war, sie verstanden wir gut. Sie sah dort als junge Frau, wie die Bomber beladen wurden, um ihre Fracht nach Vietnam zu expedieren. Sie kam ja auch aus dem Osten wie wir. Sie hatte ein Auto f\u00fcr RAF-Leute besorgt, wobei sie eine Pelzm\u00fctze und eine Sonnenbrille trug, es wurde nie wirklich gekl\u00e4rt, ob sie wirklich gerade diese Helferin der RAF war. Sie stritt es jedenfalls durchweg ab und wurde trotzdem verurteilt. Bl\u00f6d fand ich nur, dass sie mich mit &#8220;Genosse&#8221; anredete, als ich in den Westen kam, das war f\u00fcr mich vorbei. Erste schwere Entt\u00e4uschungen kamen sp\u00e4ter, als ich begann, an der Freien Universit\u00e4t Berlin zu studieren und die \u00fcbriggebliebenen West-Linken meiner Generation pers\u00f6nlich kennenlernte. Noch war ich &#8220;in Urlaub&#8221;.<\/p>\n<div id=\"attachment_5769\" style=\"width: 690px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/01\/Utz-80er-Jahre-1985-mit-Salli-in-Lissabon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5769\" class=\"wp-image-5769\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/01\/Utz-80er-Jahre-1985-mit-Salli-in-Lissabon.jpg\" alt=\"Rachowski Sallmann 1985\" width=\"680\" height=\"459\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5769\" class=\"wp-caption-text\">Utz (links) mit Salli Sallmann in Lissabon 1985<\/p><\/div>\n<p><strong>Utz Rachowski:<\/strong> Mein Freund Salli Sallmann ist Autor und Liedermacher, er kommt auch aus dem Osten, stammt aus dem Umkreis der 1975 verbotenen \u201eRenft-Combo\u201c in Leipzig und wurde 1977 ausgeb\u00fcrgert, auch aus dem Knast. Wir lernten uns erst in Westberlin kennen und sind sehr gute Freunde geworden bis heute.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Ich kam Anfang der 70\u2019er Jahre in Prag und Avignon zum ersten Mal mit B\u00fcrgern der DDR in Kontakt und kann mich noch sehr gut an diese Begegnungen erinnern, wohl sicherlich auch deshalb, weil diese Deutschen eben von \u201edr\u00fcben\u201c kamen aus jenem anderen Deutschland hinter Stacheldraht und Todesstreifen. Die st\u00e4rkste Erinnerung habe ich jedoch an eine Begegnung mit dem in den Westen ausgewiesenen Dichter Peter Huchel, als ich 1972\/73 ein Jahr in Newcastle in Nord-England studierte. Die dortige Universit\u00e4t hatte allerdings nicht nur ihn, einen ehemaligen Dissidenten der DDR, zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, sondern auch einen Repr\u00e4sentanten des ostdeutschen Bildungssystems, der in perfektem Oxford-Englisch von seiner Fremdsprachendidaktik schwadronierte. So lie\u00df er zum Beispiel seine Studierenden Frankreichs \u201ebeauty spots\u201c auf Englisch beschreiben &#8211; ich kann mich noch gut an diesen Ausdruck erinnern. Als ich ihn in der anschlie\u00dfenden Diskussion fragte, warum er die Sch\u00f6nheiten westlicher L\u00e4nder beschreiben l\u00e4sst, wenn die B\u00fcrger seines Landes sie nie sehen werden, da brach der gastgebende englische Professor meine Wortmeldung sehr schnell mit der abstrusen Erkl\u00e4rung ab, dass dies zu einer politischen Diskussion f\u00fchren w\u00fcrde \u2026<\/p>\n<p>Noch absurder war jedoch die Erfahrung, die ich nach dieser stummen Diskussion in einem Gespr\u00e4ch mit Peter Huchel machte. Er schien mir gegen\u00fcber zuerst recht frostig, bis er\u00a0 im Verlauf des Gespr\u00e4chs langsam auftaute und schlie\u00dflich meinte, dass er mich zuerst f\u00fcr einen linksradikalen West-Deutschen gehalten hatte, der ihm seine Verbannung aus dem sozialistischen Arbeiter-Paradies zum Vorwurf machen w\u00fcrde. Im R\u00fcckblick scheint mir dieses sonderbare Missverst\u00e4ndnis ein weiterer bezeichnender Augenblick auf dem langen Sonderweg unserer so zerrissenen und widerspr\u00fcchlichen deutschen Geschichte zu sein. So hatte sich Hegel ihre Dialektik bestimmt nicht vorgestellt! Du hast auf Deinem Lebensweg zwischen kommunistischem Osten und kapitalistischen Westen sicherlich eine ganze Reihe solcher Augenblicke erlebt.<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Ach, lieber Frederick, wie bin ich Dir dankbar daf\u00fcr, dass Du mir das erz\u00e4hlst! Denn wie sehr habe ich solches dann selbst erleben m\u00fcssen &#8230; Meine erste Lesung an einem Westberliner Gymnasium vor Sch\u00fclern der Abiturklasse wurde nach 12 Minuten j\u00e4h vom anwesenden Studienrat mit einem w\u00fctenden Schreianfall unterbrochen: &#8220;Ich lasse mir nicht von Ihnen drei Jahre Unterricht kaputt machen!&#8221; Au weih, im ersten Moment wusste ich \u00fcberhaupt nicht, was er meinte &#8230; ich hatte angefangen, eine Erz\u00e4hlung zu lesen ganz in der Tradition von Turgenjew und Hemingway, die ich wie diese &#8220;V\u00e4ter und S\u00f6hne&#8221; nannte. Exakt recherchiert, aber sie spielte im Osten, dazu noch im Knast und schilderte den Einsatz eines Vaters f\u00fcr seinen Sohn, der sich politisch &#8220;falsch&#8221; ge\u00e4u\u00dfert hatte. Der Vater erinnert sich an seine Zeit als Wehrmachtssoldat und die ewigen &#8220;Ordnungs\u00fcbungen&#8221; dort, die am Ende zu einem Parteisaneneinsatz in Polen wurden &#8230; er sieht die Parallelit\u00e4t des Geschehens. Das war f\u00fcr den Studienrat wohl zu viel &#8230; Aber: die Sch\u00fcler verteidigten mich &#8211; das war neu f\u00fcr mich im Gegensatz zur Schule im Osten, sie waren mutig und sprachen frei ohne Furcht gegen ihren Pauker!<\/p>\n<p>Das Beispiel, die tastende Vorsicht, die Du in der Begegnung mit Peter Huchel beschreibst, habe ich &#8211; sehr zu meinem Bedauern, das war ein grunds\u00e4tzlicher und andauernder Schmerz (!) alle meine Jahre im Westen hinter (!) der Mauer &#8211; verzweifelt beinahe, k\u00f6rperlich stetig gesp\u00fcrt, ganz parallel immer wieder reproduziert so auch erlebt.<\/p>\n<p>Ich habe da meine ganz pers\u00f6nliche eigene Theorie: Das letzte Mal, dass westliche und \u00f6stliche deutsche Linke nach 1945 wirklich zusammenkamen, war 1968 anl\u00e4sslich der Okkupation der Tschechoslowakei. Dann nie wieder. Absurde Dinge folgten: 30 000 Demonstranten auf dem Kurf\u00fcrstendamm im Oktober 1983, als die kleine Karibik-Insel Grenada von den Amerikanern besetzt wurde &#8211; aber zwei Jahre vorher demonstrierten keine 300 Menschen, als im Nachbarland Polen eine Milit\u00e4rdiktatur ausgerufen wurde. Dann die ein\u00e4ugige und teils auch ostgesteuerte westdeutsche Friedensbewegung, kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass beide Seiten abr\u00fcsten m\u00fcssen, dass es auch eine Friedensbewegung im Osten gibt!<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Fuchs hat bis zuletzt auf eine, wie er immer sagte, &#8220;authentische Linke&#8221; gehofft. Ich sehe diese nicht am Horizont. In den Abendnachrichten sagt immer der schon vom Bundestag lange als &#8211; &#8220;wie ein Stasi-Angeh\u00f6riger handelnde&#8221; bezeichnete Gregor Gysi, der seinen Mandanten, den ber\u00fchmtesten Dissidenten der DDR, Prof. Robert Havemann, bespitzelte, die Wahrheit \u00fcber die Gegenwart, fast genau das, was ich auch denke &#8230; Soll ich ins Irrenhaus ziehen&#8230;? Jetzt behauptet Gysi z.B., dass er nat\u00fcrlich nie ein Spitzel war, sondern dass man damals seinen Trabi w\u00e4hrend der Fahrt abgeh\u00f6rt hat &#8211; da fehlt dann im Irrenhaus nur noch der landesweit ber\u00fchmte Patient, der sich wie in Friedrich D\u00fcrrenmatts \u201ePhysiker\u201c Albert Einstein nennt &#8230;<\/p>\n<p>Jetzt wei\u00dft du, warum ich kein \u201eLinker\u201c bin, aber es mir immer gro\u00dfen Spa\u00df macht, \u2019ne gro\u00dfe Klappe zu haben. \u00dcbrigens: Gro\u00dfe Klappe, sei vorsichtig, lieber Frederick, wenn Du das ver\u00f6ffentlichen willst, denn dann k\u00f6nnte die deutsche Justiz uns auf die Fresse hauen \u2013 Gysi gewinnt in Hamburg jeden Prozess, wenn einer sagt, er sei ein Spitzel gewesen. Freunde von mir, wie z. B., Freya Klier, eine k\u00e4mpferische und langj\u00e4hrige B\u00fcrgerrechtlerin, haben da ihre Erfahrungen gemacht.<\/p>\n<p>Noch was Lustiges zu den USA: Freya erz\u00e4hlte mir, dass sie vor ein paar Jahren mit einer deutschen Regierungsdelegation dorthin eingeladen war, aber als sie ankam, wollte man sie gar nicht mit zu Obama vorlassen. Weil sie einstmals im Gef\u00e4ngnis gewesen war. Das klappte dann doch, und ich habe ein Foto, wo beide sich die H\u00e4nde sch\u00fctteln, denn Freyas Tochter hatte einen Film gedreht \u00fcber Obamas Familie und sie hatten sich so viel zu erz\u00e4hlen, dass Freya weitergeschoben werden musste, vom Besuchs-Protokoll \u2026<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Vor mehreren Jahren warst Du als \u201eVisiting Writer-in-Residence\u201c am Gettysburg College hier in den Vereinigten Staaten. Was waren Deine Eindr\u00fccke vom gro\u00dfen, kapitalistischen Klassenfeind der einstigen DDR?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Sowas wie Freya geschah mir auch, als ich dort im College am Kopierer stand, um sp\u00e4ter meinen Studenten Gedichte von Walther von der Vogelweide nahe zu bringen. Eine Professorin, aber eher im Scherz, rief: das ist er, wir haben einen Professor am College, der im Knast war! Die Vorgeschichte meiner Einladung dazu war diese: 2007 war ich schon 53 Jahre alt, als ich zum ersten Mal in die USA kam. Mein Freund Hans Joachim Sch\u00e4dlich hatte mich nach Carlisle in Pennsylvanien an seinen Freund Wolfgang M\u00fcller vermittelt, der dort am Dickinson College Germanistik-Professor war, jetzt in Pension. Nicht zuletzt war Wolfgang ja auch Gr\u00fcnder und jahrelanger Herausgeber von <em>Glossen,<\/em> eines der ersten Online Journale, in dem jetzt auch dieses Interview erscheint!<\/p>\n<p>Ich war aufgeregt wie verr\u00fcckt und ebenso froh. Dazu kam noch eine Einladung gleich f\u00fcr diese erste kurze Woche nach Gettysburg PA und nach Baltimore. Ich war \u00fcberw\u00e4ltigt und gl\u00fccklich. Ein Jahr sp\u00e4ter erreichten Wolfgang M\u00fcller und mein dort neu gewonnener Freund Jorge Sagastume, dass ich eingeladen wurde zu einem Poesie-Festival, wiederum nach Carlisle. Da hatte ich schon zus\u00e4tzliche Einladungen durch Laurel Cohen-Pfister nach Gettysburg und Philadelphia. Daraus entstand wiederum dieser Lehrauftrag f\u00fcr deutsche Literatur in 2012 am Gettysburg College. Ich war also vier Monate dort, meine Studenten waren einfach toll und warmherzig und klug. Eine der sch\u00f6nsten Zeiten in meinem Leben. Zur\u00fcckgekehrt schrieb ich ein ganzes Buch \u00fcber ein kleines H\u00fcndchen dort, das ich neben meinem Job am College zu betreuen hatte. 2008 war ich schon da, als gerade die Wahl Obamas stattfand, ich sp\u00fcrte deutlich eine Aufbruchsstimmung, eine neue Offenheit der Leute, mit denen ich Umgang hatte.<\/p>\n<p>In all diesen Zeiten meiner Anwesenheit traf ich kaum einen unfreundlichen Menschen in den U.S.A. Absto\u00dfend war der Rummel und Kontrollwahn bei der Einreise. Aber ich hatte \u2013 wahrscheinlich, weil ich ehemaliger politischer H\u00e4ftling war \u2013 sogar ein O-One-Visum gekriegt und keinerlei Probleme, der Officer wunderte sich nur, dass ich kaum Bargeld dabei hatte und keine Kreditkarte besa\u00df \u2026 aber angab, f\u00fcr das Justizministerium des Staates in Sachsen zu arbeiten, das kriegte er nicht zusammen in seinem Bild von einem Einreisenden \u2026 er wischte sich den Schwei\u00df von der Stirn. Bei meinen erneuten Einreisen zwischen 2008 und 2012 erkannte er mich sogar wieder und wir lachten zusammen \u2013 als ich ihm stolz meine amerikanische (!) Kreditkarte der PNC-Bank zeigte.<\/p>\n<p>Noch heute stehe ich mit meinen Studenten von Gettysburg in gutem Kontakt, nat\u00fcrlich die \u201eM\u00e4dels\u201c voran: sie schicken mir Fotos von ihren Freunden und Hunden, Hochzeitsfotos und sogar warme Schals. Mehrmals traf ich mich auch mit Professoren in Deutschland, bei denen ich in den USA gelesen und vorgetragen hatte, so Katrin Pahl aus Baltimore und Gary Baker aus Granville Ohio, der mich sogar im Vogtland besuchte.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfer Sorge sehe ich allerdings die Entwicklung jetzt in den Staaten \u2026 nach Obama dann \u2013 Trump, das geht nicht in meine Birne rein \u2026<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Wie bist Du mit Deinen traumatischen Erinnerungen an deine Jugendzeit, Untersuchungshaft und Gef\u00e4ngnisstrafe fertig geworden? Oder kehren die Gespenster jener Zeit noch immer zur\u00fcck?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Mir geht\u2019s echt gut. Ich habe sofort nach dem Knast meine Erinnerungen, sp\u00e4ter Erz\u00e4hlungen auch dar\u00fcber geschrieben und \u00fcberhaupt viel \u00fcber meine bewegte Jugend. Ich schrieb mir diese ganze Diktatur vom Hals. Ohne die guten Leute in schlechter Zeit zu vergessen. Im Westen hatte ich gro\u00dfe Schwierigkeiten, \u00fcberhaupt als Autor anerkannt zu werden \u2013 die einen wollten mich missbrauchen als kommunistisches Opfer \u2013 da war ich gleich weg und zwar sofort \u2013 die anderen erwarteten von mir deutliche marxistisch-utopistische Bekenntnisse \u2013 dazwischen bin ich fast verhungert und arbeitete lieber in Westberlin bei der Schneeber\u00e4umung oder als Dreher in einer Fabrik. Kurze Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer standen die Dissidenten im Blickpunkt der Feuilletons, das hielt nicht lange an. Interessant ist, dass bis heute immer ein Misstrauen blieb zwischen den Autoren, die in der DDR geblieben waren und denen, die weggingen oder ausgeb\u00fcrgert worden waren wie ich. Genauso war das nach 1945, Leute wie Hermann Kesten oder Hans Sahl, der zu meinem zweiten Buch das Vorwort schrieb, sind mir deshalb sehr nah.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Ich hatte den alten, schon halb erblindeten Hans Sahl in den 80er Jahren, als wir f\u00fcr mehrere Jahre in Manhattan, New York wohnten, noch mehrmals auf Veranstaltungen im Deutschen Haus der Columbia University erlebt. Er war damals einer der letzten bekannten Repr\u00e4sentanten des deutsch-j\u00fcdischen Exils in Amerika und figurierte vor allem in New Yorker Emigranten- und Intellektuellenkreisen als eine Art Kultfigur. Und dann, auf seine ganz alten Tage kehrte er nach West-Deutschland zur\u00fcck. Wie steht es heute mit dem Heimweh ehemaliger ostdeutscher Dissidenten und Emigranten nach dem Land ihrer Jugendzeit?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski<\/strong>: Interessante Frage, lieber Frederick! Ich war n\u00e4mlich zusammen mit Erich Loest der einzige Schriftsteller von den Ausgeb\u00fcrgerten oder Geflohenen oder Ausgereisten aus der DDR, die dauerhaft nach 1989 in ihre alte Heimat zur\u00fcckkehrten. Die anderen blieben alle im Westen und fragen mich heute ironisch manchmal \u2013 so mein naher Freund Hans Joachim Sch\u00e4dlich \u2013 was man denn an einem Donnerstag in Reichenbach im Vogtland &#8211; totale Provinz! \u2013 so macht! Interessant auch, dass sich die alten Freundschaften aus der Jugend hier nicht wieder beleben lie\u00dfen, nur in einem Fall. Aber ich habe neue Freunde in der alten Heimat zumindest in den gro\u00dfen St\u00e4dten, in Leipzig und Dresden, dazugewonnen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Seit mehreren Jahren bist Du auch in der Betreuung ehemaliger Stasi-Opfer aktiv. Was sind dabei Deine wesentlichen Erfahrungen und Erkenntnisse?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Ja, seit nunmehr 15 Jahren reise ich durch Sachsen, immer einen Tag in einer anderen Stadt, drei Tage die Woche. Ich berate im Auftrag des \u201eS\u00e4chsischen Landesbeauftragten f\u00fcr die Stasi-Unterlagen\u201c &#8211; neuerdings ist der Name ge\u00e4ndert zu \u201eS\u00e4chsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur\u201c &#8211; Menschen, die politisch Schwierigkeiten in der DDR hatten. Da kommen also Leute, die inhaftiert waren oder aus dem Studium geflogen sind oder im Beruf rausgeflogen sind, weil sie aufm\u00fcpfig waren, oder Leute, denen das Haus weggenommen wurde oder die gesundheitlich erkrankten durch Eingriffe des Staates. Als ich vor 15 Jahren mit der Arbeit begann, kamen 560 Menschen pro Jahr &#8211; jetzt immer mehr, mindestens 850 und manchmal bis zu 1500. An manchen Tagen ist die Arbeit kaum mehr zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich: <\/strong>Hast Du die alle \u00fcber die Jahre allein betreut oder hattest Du Mitarbeiter? Und wie war ihre psychotherapeutische Ausbildung daf\u00fcr?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Ich war ja bei diesem Job ein totaler Quereinsteiger! Die Beh\u00f6rde in Dresden suchte 2003 h\u00e4nderingend jemanden daf\u00fcr, denn Du ahnst es schon, wer von den festen Sessel-Sitzern in \u00c4mtern und Beh\u00f6rden will sich schon zum normalen Volk hinab begeben. Das ist umgekehrt wie bei Kafka: die kommen niemals vom Schloss runter \u2026 Sie fragten mich, und ich sagte zu. Offenbar nahmen sie mich gern, weil ich mit den Leuten gut reden kann und vor allem alles durch hatte, was von Betroffenen an Problemen an mich herangetragen werden k\u00f6nnte: Rausschmiss aus der Schule, Exmatrikulation von der Universit\u00e4t, Armeedienst, Elektriker, Stasi-Knast und \u201enormaler\u201c Vollzug im Gef\u00e4ngnis, Erfahrung im Westen vor 1989.<\/p>\n<p>Ich habe keinerlei psychotherapeutische oder auch juristische Ausbildung, aber die Leute k\u00f6nnen gut mit mir sprechen und vertrauen mir. Wenn es sich um traumatisierte Menschen handelt, mache ich ihnen Vorschl\u00e4ge, sich in fachspezifische Behandlung zu geben. Ich \u00fcberrede sie sanft, sonst werden sie aggressiv, was auch vorkommt, denn sie vermuten anf\u00e4nglich immer den \u201eStaat\u201c hinter meiner Person. Oder, das ist die Regel, ich leite sie weiter an die Gerichte oder die Rehabilitierungs-Beh\u00f6rde.<\/p>\n<p>Viele stellen jetzt erst mit Renteneintritt fest, dass es L\u00fccken in der Berechnung gibt und stellen erst jetzt Antr\u00e4ge auf politische Rehabilitierung. Wenn z. B. ein Ingenieur rausflog, weil er absch\u00e4tzig \u00fcber die Einheitspartei gel\u00e4stert hat, und danach immer LKW fahren musste, wird er in der Rente heute so gestellt, als w\u00e4re er immer Ingenieur geblieben. Schlimm ist, dass die Leute die Beweise f\u00fcr ihre Verfolgung selbst erbringen m\u00fcssen, denn nat\u00fcrlich sind oftmals keinerlei Akten vorhanden. Alle Menschen, die zu mir kommen, k\u00f6nnen \u00fcbrigens auch darauf einen Antrag stellen, ob es eine Stasi-Akte \u00fcber sie gibt. Oftmals werden sie dann f\u00fcndig und entdecken auch Beweismittel f\u00fcr ihren Antrag auf berufliche oder strafrechtliche Rehabilitierung. Ich werde diesen Job noch eine Weile machen, weil er mir sehr sinnvoll erscheint. Die B\u00fcro-Sitzer-Leute, die mich einstellten, k\u00f6nnen kaum so mit den Betroffenen reden wie ich, der alles M\u00f6gliche selbst erlebte, deshalb nahmen sie mich auch, obwohl ich wie gesagt ein vollkommener Quereinsteiger war. Ich verlange zum Beispiel nicht sofort den Personalausweis, kaum dass die Menschen das B\u00fcro in der jeweiligen Stadt betreten, das w\u00fcrde sie sofort abschrecken. Ich sah das aber, wenn mal B\u00fcro-Typen mit mir solche Beratungen machen, das kommt auch vor, aber selten. Ich frage die Menschen freundlich und beginne, ganz langsam, mit ihnen zu sprechen. Auch wenn schon wieder zehn Leute vor der T\u00fcr stehen. Oftmals bedanken sie sich bei mir Jahre sp\u00e4ter, wenn ich mal wieder in ihrer Stadt bin.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Apropos Sp\u00e4tsch\u00e4den der Aufm\u00fcpfigen und Aufrichtigen. Der bekannteste Aufr\u00fchrer der DDR war sicherlich Wolf Biermann. Er erw\u00e4hnt auch Dich mehrmals in seiner j\u00fcngst erschienenen Autobiographie. Deine pers\u00f6nliche Bekanntschaft mit ihm geht bis in die sechziger Jahre zur\u00fcck. Was sind Deine denkw\u00fcrdigsten Erinnerungen aus Eurer gemeinsamen Zeit?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Wolf ist ein guter Kumpel, gar nicht arrogant, wie er manchmal erscheinen mag. Er ist sehr eitel, das ist eine gute Grundlage f\u00fcr einen K\u00fcnstler. Ich halte ihn f\u00fcr so eine seltene Erscheinung in den Jahrhunderten wie Francois Villon oder Heinrich Heine. Nicht weniger. Und ich geh\u00f6re nicht zu denen, die ihm st\u00e4ndig hinterher liefen. In Ostberlin besuchten ihn dutzende junge Leute jeden Tag. Ich hielt mich zur\u00fcck und gewann seine Freundschaft und die seiner Frau Pamela mit meinen Texten. Bei meinem ersten Besuch 1975 arbeitete er einfach weiter an einem neuen Lied und sang es mir mehrmals vor. Wir hatten von Anfang an einen warmherzigen Umgang, wenn ich sagte \u2013 dieses Wort st\u00f6rt irgendwie in Deinem neuen Lied \u2013 Wolf nahm ohne Z\u00f6gern den Stift und folgte dem anderen Vorschlag. Er nannte das \u201eVerschlimmbessern\u201c. 1991 schlug er mich f\u00fcr den Eduard-M\u00f6rike-F\u00f6rderpreis vor. Es waren die Zeiten, als er furchtbare Anklagen bekam wegen der Enttarnung vieler Stasi-Spitzel in der Kunst- und Literaturszene der DDR. Damals war ich nah bei ihm.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Ist Wolf Biermann eigentlich heute auch im \u00f6stlichen Deutschland vollkommen rehabilitiert? Als ich 1983\/1984 an der Brown University unterrichtete, lernte ich dort Austauschsch\u00fcler aus der DDR kennen, die ihn, so wie sie es zuhause im linientreuen Elternhaus gelernt hatten, entsprechend runtermachten. Als ein Schwung von uns zu einem der ersten\u00a0 Konzerte Biermanns in Amerika ins nahe Smith-College fuhr, wollten sie zuerst alle mit, sind jedoch im letzten Moment mit dem Argument abgesprungen, dass der S\u00e4nger in seiner Bedeutung bei weitem \u00fcbersch\u00e4tzt w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski:<\/strong> Siehste, ich werd\u2018 mich doch nicht k\u00fcmmern um die bl\u00f6den, linientreuen Dumm-Studenten unter den Ostdeutschen, meine amerikanischen Studenten in Gettysburg waren es nicht und nahmen Biermann und viele andere, wie J\u00fcrgen Fuchs oder Hans Joachim Sch\u00e4dlich, sehr gern an, als Lekt\u00fcre und in ihren Biografien. Und \u00fcberhaupt, wer konnte schon in der DDR in meinen Jahrg\u00e4ngen zumindest in den Siebzigern und Achtzigern Germanistik studieren! Einer wie ich jedenfalls nicht \u2013 als ich mich in Leipzig daf\u00fcr bewarb, schrie der Professor Hartinger mich beim Aufnahmegespr\u00e4ch an: \u201eWas halten sie von der Kulturpolitik unserer Partei!!!?\u201c In den Studentenakten las ich 1991 von ihm geschrieben: \u201eEine parteiliche Haltung zu unserer Partei war nicht ersichtlich!\u201c Gro\u00dfartige Fachleute! Die eben wie dieser Professor nach 1990 sofort von der Uni flogen \u2013 jedoch noch bis in die sp\u00e4ten 2000er Jahre amerikanische Professoren und Dozenten durch Leipzig und das dortige Literaturinstitut geleiten durften. Jetzt machen das die ehemaligen Lieblingsstudenten von diesem Professor, der von ihm noch gleichgeschaltete Nachwuchs.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich in Deutschland lebte und Wolf Biermann als der Bob Dylan Europas plakatiert wurde. Nach Dylans Nobilitierung im letzten Jahr hatten wir beide ja auch schon \u00fcber Biermanns Nominierung gesprochen. Ich meine, zus\u00e4tzlich zu seinem poetisch-musikalischen Talent und seiner zeitgeschichtlichen Relevanz l\u00e4sst sich auch seine kritisch-kreative Bedeutung und seine kulturhistorische Herkunft bis in die Spruchdichtung und den Minnesang Walther von der Vogelweides zur\u00fcckverfolgen. Meinst Du, gen\u00fcgend Bef\u00fcrworter lie\u00dfen sich f\u00fcr eine Nominierung Biermanns motivieren?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski:<\/strong> Das \u2013 leider \u2013 denke ich nicht. In Deutschland steht die ganze Kultur-Mafia gegen ihn, die sich aus entt\u00e4uschten Utopisten zusammensetzt, ost-westdeutschen: black-and white-unite. Wolf h\u00e4tte den Preis l\u00e4ngst verdient. Die gleiche Mafia verhindert zum Beispiel, dass Hans Joachim Sch\u00e4dlich den ebenfalls l\u00e4ngst verdienten B\u00fcchner-Preis erh\u00e4lt, das ist so durchschaubar, dass es schon wieder l\u00e4cherlich ist \u2026 der feuilletonistische Autor Ingo Schulze bekommt den B\u00fcchner usw. Es ist einfach nur noch zum Lachen. Sch\u00e4dlich und ich haben viel zu lachen, wenn wir uns regelm\u00e4\u00dfig sehen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Habt ihr eigentlich in unserer geteilten Jugendzeit die musikalischen H\u00f6henfl\u00fcge unserer westlichen Rockmusik hinter dem Eisernen Vorhang so ganz mitbekommen, von den Stones in London bis zu den Doors in Los Angeles? Welche Rolle spielte diese Musik bei Euch? Und nicht zu vergessen David Bowie, dessen Konzerte ich mehrmals in England und Deutschland live erlebte, mit seinem herrlichen Heldengesang \u00fcber der zerrissenen Hauptstadt Deutschlands!<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Oh ja, klar! Da muss ich gar nix weiter dazu sagen \u2013 jeden Tag Manfred Sexauer \u00fcber Saarbr\u00fccken oder Lord Knud \u00fcber RIAS, Camillo Felgen von Radio Luxemburg usw. Viel auf Mittelwelle, sch\u00f6n verzerrt und schwankend \u2013 wie die Lieder von Wolf Biermann, die wir als f\u00fcnfte Kopie auf unseren Tonb\u00e4ndern hatten \u2013 der Beat und Rock geheimnisvoll gerade durch die gezerrten T\u00f6ne aus einer romantischen\u00a0 Ferne. Spencer Davis und Eric Burton waren meine Favoriten, kaum vorstellbar, dass Burton nicht aus den USA kam \u2013 alle wollten wir nat\u00fcrlich San Franciscan Nights erleben! In der Schule, aber nur vor den Lehrern, hielten wir das Maul \u2013 aber ein Lehrer in der Grundschule ging 1967 mal an die Weltkarte vor und zeigte uns einfach, wo Massachusetts liegt \u2013 wir jubelten! David Bowie habe ich allerdings irgendwie verpasst, vielleicht eine Altersfrage &#8230;<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Dein j\u00fcngster Gedichtband steht in Polen auf der Bestsellerliste. Daf\u00fcr gibt es vielleicht sogar mehrere Gr\u00fcnde?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Das hatte ich nie erwartet und habe nur eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr \u2013 die Polen sind genauso verr\u00fcckt wie ich. Denn sie k\u00f6nnen ja beim Kauf nicht wissen, dass ich einiges mit Polen zu tun habe als Deutscher, seit meinem 19. Lebensjahr. Aber lange schon hat der gro\u00dfe \u00dcbersetzer und Vermittler polnischer Literatur nach Deutschland, Karl Dedecius, Polen \u201edas Land der Poesie\u201c genannt. Das ist f\u00fcr mich ganz klar, das ist es. Im Gegensatz zum Beispiel von Frankreich, wo in der Lyrik seit 1945 nichts mehr passiert ist, g\u00e4hnend-langweilige \u201ehermetische Poesie\u201c, wehe es ist ein Zeitbezug in einem Gedicht \u2026<\/p>\n<p>Mein Freund aber, Adam Zagajewski, jetzt wieder in Krakau, der lange in Paris im Exil war und auch in Houston und Chicago lehrte, steht auf der Liste zum Nobel-Preis. Ja Polen, dort erscheint in \u00dcbersetzung bald meine Prosa und ein Jahr sp\u00e4ter ein langes Poem, f\u00fcr das ich in Deutschland keinerlei Interesse vorfand. Die Polen haben da eine ganz andere Tradition, die Gattung \u201ePoem\u201c ist dort durch Adam Mickiewicz und Juliusz S\u0142owacki noch immer im t\u00e4glichen Bewusstsein aller Leute. Der polnische Verleger bat mich beinahe auf Knien, auch das lange Poem bei ihm zu verlegen \u2013 da hat es mich fast umgeschmissen, das hatte ich nie erlebt und im Leben niemals erwartet.<\/p>\n<p>Aber jetzt \u00fcbersetzte Belletristik in den USA unterzubringen ist eben auch sauschwer \u2026 mein wunderbarer \u00dcbersetzer, Michael Ritterson, brachte in einigen Literaturzeitschriften Prosa und Gedichte von mir unter. Meine Erz\u00e4hlung \u201eThe Wild Huntsman\u201c (<em>The Literary Review<\/em>, Madison NJ, Spring 2012) war sogar f\u00fcr einen <em>Pushcart-Prize<\/em> nominiert, aber einen Verlag f\u00fcr meine Prosa zu finden in den Staaten f\u00fcr ein kleines Buch auf Englisch erscheint aussichtslos\u2026 (Das ist nat\u00fcrlich, lieber Frederick, ein Wink mit dem Zaunpfahl \u2026 vielleicht wei\u00df ein Leser von <em>Glossen<\/em> einen Rat).<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich<\/strong>: Kommt Zeit, kommt Rat, wir m\u00fcssen der Zeit nur Beine machen. Doch noch einmal zur\u00fcck in Deine Heimat. In Wolfgang Mattheuers bekanntem Gem\u00e4lde \u201eHinter den sieben Bergen\u201c steigt Delacroixs Freiheitsg\u00f6ttin anstelle mit einer Flinte auf die Barrikaden mit einer Handvoll Luftballons \u00fcber die Berge des Vogtlands. Was bedeutet Dir dieses Bild?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Mattheuer mag ich sehr, und er ist dazu wie ich Vogtl\u00e4nder, wurde in Reichenbach geboren, wo ich seit 1990 wieder wohne. In seinem Bild macht er meines Erachtens einen Spagat: die bunten Luftballons statt der k\u00fchlen Flinte der Revolution weisen auf den Kitsch, der aus der \u201eRevolution\u201c in der DDR geworden war. Er umgeht die Zensur, weil es bunte Ballons und eine sch\u00f6ne, tolle Stra\u00dfe im Bild gibt, auf der allerdings alle Autos vom Betrachter wegfahren, alles sieht nach Aufbruch aus, gemeint ist aber falscher Konsum und echter Polit-Kitsch wie auf den Parteitagen &#8230; F\u00fcr die einen fuhren diese Autos &#8211; man musste in der DDR auf ein Auto zehn Jahre warten &#8211; in die Zukunft, f\u00fcr die anderen hauten sie in den Westen ab.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Bei uns in West-Deutschland war nach dem Vorbild der franz\u00f6sischen Mai-Revolution im Jahr 1968 eine unserer popul\u00e4rsten Parolen \u201cDie Phantasie an die Macht\u201c.\u00a0 Das ist auch noch heute einer meiner liebsten Sponti-Spr\u00fcche aus jener aufbegehrenden, rebellisch-utopischen Jugendzeit. Mir scheint jedoch, bei euch im Osten trieb die Einbildung noch phantastischere Bl\u00fcten, jedenfalls sind eure Malermeister und Malerschulen schon seit den sechziger Jahren und seit der Wiedervereinigung Deutschlands mehr denn je im deutschen Kulturbetrieb vertreten und einige von ihnen sind auch international sehr erfolgreich. Was sind Deines Erachtens die Gr\u00fcnde daf\u00fcr? Ist die Ostmoderne weiterhin Kult?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Ganz einfach, die Br\u00fcder Schlegel hatten schon im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts eine kleine Wohngemeinschaft in Jena gebildet. H\u00f6lderlin kam zu Besuch, Schelling, Schleiermacher, und dann Novalis von Wei\u00dfenfels runter. Die Romantiker, von denen kommt ja die Parole \u201eDie Phantasie an die Macht!\u201c Als sie damals Schillers Glocke zum ersten Mal lasen, sollen sie vor Lachen von den St\u00fchlen gefallen sein \u2013 das ist also auch ostdeutsche Tradition, keinen Respekt vor den eingefahrenen Wegen der Gro\u00dfen und der Ideologien, wir sind, glaube ich, ein wenig frecher, aber weniger verspielt als die meisten westdeutschen Intellektuellen, und wenn\u2019s drauf ankommt, konsequenter. J\u00fcrgen Fuchs in Jena, Wohngemeinschaft Lutherstra\u00dfe 25, da kam Wolf Biermann zu Besuch und sang seine verbotenen Lieder. Fritz Teufel, der war bei Euch f\u00fcnf Jahre im Knast unter einer politisch abh\u00e4ngigen bundesdeutschen Justiz, obwohl er h\u00e4tte lange schon beweisen k\u00f6nnen, dass er unschuldig ist \u2013 meine Hochachtung. Aber im Osten gab es in nur vierzig Jahren 250 000 politische Gefangene \u2026<\/p>\n<p>Ich habe zum Ganzen in Deiner Frage, mal wieder \u2019ne sehr pers\u00f6nliche Theorie, die aber auch wackeln kann: W\u00e4hrend die jungen Leute und Dichter im Westen der Aufkl\u00e4rung folgten, setzten wir im deutschen Osten (und Osteuropa) eher auf die Romantik, denn wir hatten Metternich und Mielke im Nacken (f\u00fcr junge Amerikaner: das waren die Chefs der jeweiligen Spitzel-Polizei). Deshalb sind die \u00f6stlichen Autoren in ihren Werken sinnlicher, denke ich, als die westlichen. Lieber Frederick, das kann f\u00fcr mich begr\u00fcndete germanistische Pr\u00fcgel geben \u2013 von allen Seiten! Ich bitte um Nachsicht.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> Mein lieber Utz, Du hast nicht nur meine Nachsicht, Du hast auch meine ganze Bewunderung, Du und Deinesgleichen, die Ihr in Euer Jugend f\u00fcr die Freiheit aller eure eigene Freiheit auf Spiel gesetzt habt und sie auch zeitweilig eingeb\u00fc\u00dft habt. Das gilt f\u00fcr Dich sowie f\u00fcr Axel Reitel und Freya Klier, die ich Euch alle erst durchs PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland in letzter Zeit n\u00e4her kennengelernt habe. Wie seid ihr denn damals mit eurer Angst vor Folter und Gef\u00e4ngnis fertig geworden und habt Euch nicht entmutigen lassen, weiterhin Widerstand zu leisten?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Am Anfang waren wir etwas blau\u00e4ugig und dachten, uns k\u00f6nnte nichts passieren, auch weil wir uns absicherten mit marxistischen Zitaten. Aber als ich mit 16 Jahren das erste Verh\u00f6r in der Schule hatte durch die Stasi, war f\u00fcr mich klar, das alles sehr ernst ausgehen k\u00f6nnte. Weil man sich selbst und die Freunde nicht verraten konnte, machte man aber nat\u00fcrlich weiter. Es war ja auch ein Erkenntnisprozess: von der uns versprochenen besten aller Welten und dem Ende der Geschichte, die in den Kommunismus m\u00fcnden w\u00fcrde, war uns nach und nach klar, wo wir lebten. Es machte ja auch Spa\u00df, mit B\u00fcchern und Diskussionen und einer kleinen Druckmaschine, die wir vom M\u00fcll geholt hatten, gegen die Leute von Partei und Stasi etwas zu unternehmen, die Motorr\u00e4der, Autos und Waffen besa\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong>\u00a0 Unsere V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter hatten, wenn sie Gl\u00fcck hatten, ihre Jugendzeit in der Kriegsgefangenschaft \u00fcberlebt. Und auch Du hast einen Teil Deiner jungen Jahre, nachdem es mit der sogenannten \u201eFreien Deutschen Jugend\u201c nicht so recht klappen wollte, in der ber\u00fcchtigten \u201eJugendhaft\u201c verbracht. Und ich habe andrerseits meine Jugendzeit in der gr\u00f6\u00dften Freiheit erlebt, die es je in der deutschen Geschichte gegeben hatte. Ich bin mir dieses gl\u00fccklichen Zufalls schon lange sehr bewusst und auch ausgesprochen dankbar daf\u00fcr. Der Viehwaggon, der meine m\u00e4hrischen Eltern und Gro\u00dfeltern nach dem Zweiten Weltkrieg in die amerikanische Besatzungszone deportierte, h\u00e4tte sie ja auch in die sowjetische Besatzungszone evakuieren k\u00f6nnen. Ich h\u00e4tte ein DDR-Sachse werden k\u00f6nnen \u2013 und Du umgekehrt ein BRD-Schwabe. Oder wir beide polnische Juden zur falschen Zeit auf dem Sonderweg durch die Abgr\u00fcnde unserer deutschen Vergangenheit.\u00a0 \u201eThe Road Not Taken \u2026\u201c!<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>Da erg\u00e4nze ich wirklich nichts, lieber Frederick, ich kann es nicht, weil ich eben genau so wie Du denke, das Gl\u00fcck, davongekommen zu sein, noch zu leben und in anderer Zeit. DDR-Sachse und -Vogtl\u00e4nder zu sein, war noch Gl\u00fcck im Vergleich zu den Viehwaggons unserer Elterngeneration oder dem Marsch unserer V\u00e4ter (meines Vaters) auf Warschau und Moskau. Wir haben daher auch weniger Leid zu tragen und\/oder weniger Schuld.<\/p>\n<p><strong>Frederick Lubich:<\/strong> \u201eDenk ich an Deutschland in der Nacht \u2026\u201c. Diese Verse Heinrich Heines aus seinem Pariser Exil begleiten mich seit meiner Auswanderung in die Neue Welt vor nunmehr vierzig Jahren und h\u00e4nge ich hier so meinen transatlantischen Gedanken und Erinnerungen nach, dann suchen sie mich bis heute heim. Nach all den Alptr\u00e4umen unseres Vaterlandes, wovon tr\u00e4umst Du, wenn Du in der Nacht an Deutschland denkst?<\/p>\n<p><strong>Utz Rachowski: <\/strong>G\u00fcnter Kunert, &#8211; einer der bedeutendsten Dichter seiner Generation und bis heute Pr\u00e4sident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, schrieb einmal, manche weinen halt nachts wegen der Schramme im Lack ihres neuen Autos, die anderen weinen um Deutschland. Das wird so bleiben. Aber wir haben andere Tr\u00e4ume und bleiben ein wenig die Unruhigen. Ich tr\u00e4ume jetzt immer von meinem H\u00fcndchen <em>Suki<\/em> in seinem pennsylvanischen Garten im sch\u00f6nen Amerika, wo die Zikaden zirpen nachts und ich tr\u00e4ume davon, dass mein geeintes Deutschland nicht wieder endet wie die Weimarer Republik.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Rachowski.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-5516 size-full\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Rachowski.png\" alt=\"Kurzbiografie Rachowski\" width=\"564\" height=\"412\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Rachowski.png 564w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Rachowski-300x219.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 564px) 100vw, 564px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Frederick A. 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