{"id":5584,"date":"2017-12-23T08:55:36","date_gmt":"2017-12-23T13:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5584"},"modified":"2017-12-29T14:43:41","modified_gmt":"2017-12-29T19:43:41","slug":"grenzen-und-reisen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-43-2017-current-issue\/grenzen-und-reisen\/","title":{"rendered":"Grenzen und Reisen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mauer und Eiserner Vorhang im Jahr 2016<\/strong><\/p>\n<p>von<strong> Susanne Habel<\/strong><\/p>\n<p><strong>1961<\/strong>: Die Berliner Mauer wird errichtet \u2013 vor 55 Jahren. L\u00e4nger schon trennt der \u201eEiserne Vorhang\u201c \u2013 wie ihn Sir Winston Churchill in einer Rede im M\u00e4rz 1946 so genannt hat \u2013 West und Ost. Und seit 1952 gibt es eine innerdeutsche Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.<\/p>\n<p>Ich bin zu klein, also hebt mein Vater mich auf den Schlagbaum. Wir sind in den Bayerischen Wald gefahren, aus M\u00fcnchen, meinem Geburts- und Wohnort. Vater h\u00e4lt mich fest, zeigt auf \u201edie andere Seite\u201c. Dort sei er geboren worden, ganz weit dahinten in M\u00e4hren, und dahin d\u00fcrfe er nicht mehr zur\u00fcck. Ich sehe nur viele B\u00e4ume und paar H\u00e4userruinen. Viele jahrhundertelang von Deutschen bewohnten Orte im Grenzstreifen sind hier schon seit Anfang der f\u00fcnfziger Jahre von tschechoslowakischen Grenztruppen dem Erdboden gleichgemacht worden. Aber das wei\u00df ich nicht, sehe nur sehns\u00fcchtig nach den Blaubeeren und Lupinen, die hier \u00fcberall wuchern.<\/p>\n<div id=\"attachment_5585\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5585\" class=\"wp-image-5585\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-1-696x1024.jpg\" alt=\"Schwarz-wei\u00df Foto von der Autorin und ihrem Vater\" width=\"400\" height=\"588\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-1-696x1024.jpg 696w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-1-204x300.jpg 204w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-1-768x1130.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5585\" class=\"wp-caption-text\">Mein Vater, Dr. Fritz-Peter Habel, mit mir als einj\u00e4hrigem Baby. Foto: Charlotte Habel<\/p><\/div>\n<p>Erinnern kann ich mich an diesen Moment zwar nicht genau, aber es gibt ein Foto. Das hat meine Mutter gemacht, auch eine von der \u201eanderen Seite\u201c, sie stammt aus einem Pommern, das endg\u00fcltig verloren ist. Geboren in Schneidem\u00fchl\/Pi\u0142a im heutigen Polen, ist sie aufgewachsen in Frankfurt an der Oder, jetzt eine Grenzstadt.<\/p>\n<p>Ich bin ein Jahr alt, da sind diese Grenzen schon fest, und ein Verschwinden dieser Barrieren scheint fast allen undenkbar. Man kann ja auch nicht zum Mond fliegen in meiner Kindheit. Oder doch? Hier ein paar Erinnerungen, an vergangenen Grenzen entlang:<\/p>\n<p>Immer wieder h\u00f6re ich als Kind und Jugendliche von Geschichte und von diesen Geschichten, vom Recht auf die Heimat, von Flucht und Vertreibung und der Sehnsucht \u201enach daheim\u201c. In der Schule erf\u00e4hrt man wenig davon, zuhause mehr, auch von den Gro\u00dfeltern. Ein bisschen kann ich den Schmerz besser nachvollziehen, als wir aufs Land ziehen. Im noch l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten St\u00e4dtchen verstehe ich die Bayerisch sprechenden Kinder in der Volksschule nicht, bin ich die \u201eZuagroaste\u201c, die auch nicht in den Trachtenverein darf. Sp\u00e4ter am Gymnasium wird manches einfacher. Viel mehr von jenseits der Mauer und ihrer Entstehung h\u00f6re ich allerdings auch dort nicht; jahrelang f\u00e4llt der Geschichtsunterricht aus wegen Lehrermangel.<\/p>\n<p>Mutter schickt immer wieder P\u00e4ckchen an entfernte Verwandte in der \u201eZone\u201c, wie man aus Gewohnheit die fr\u00fchere \u201eSowjetische Besatzungszone\u201c immer noch oft nennt: Kaffe (pommersch mit kurzem <em>e<\/em>), N\u00e4hnadeln f\u00fcr die alte Singer-Maschine, Bonbons, Leder f\u00fcr orthop\u00e4dische Schuhe und feine Nylonstr\u00fcmpfe. Auf dem Paket muss man au\u00dfen den Inhalt auflisten, damit die Grenzer wissen, was aus dem kapitalistischen Westen da zu ihnen kommt. Ich halte einen Finger auf die Paketstrippe, damit man den Knoten festzurren kann. Meine Strumpfhosen sind mehrfach gestopft.<\/p>\n<p><strong>1972<\/strong>: In den Pfingstferien fahren wir nach \u201edr\u00fcben\u201c. Regen und gelber Ginster an der Autobahn. An der \u201eZonengrenze\u201c im Norden in der N\u00e4he von L\u00fcbeck werden wir angehalten: Die Grenzer, junge Burschen in DDR-Uniformen, haben auf der Gep\u00e4ckablage in unserem Auto westlich dekadente Schriften entdeckt, die sie einziehen m\u00fcssen. Strahlend vor Gl\u00fcck verschwinden sie mit zwei <em>Bravo<\/em>-Heften und einigen <em>Superman<\/em>-Comics in ihrer Wachbude, voller Vorfreude auf die verbotene Lekt\u00fcre. Die Grenzschranke geht hoch, und wir fahren weiter. Bei einem Bahn\u00fcbergang hei\u00dft es auf einem Plakat: \u201eHier arbeitet ein vorbildliches Schrankenw\u00e4rter-Kollektiv\u201c. Diese Schranke ist offen, und kein Mensch arbeitet in dem kleinen H\u00e4uschen daneben.<\/p>\n<p>Zuerst kommt eine kurze Visite an der Ostsee, kalt und grausch\u00e4umend und so ganz anders als die Adria. Dass Leute so verzweifelt sind, zu versuchen, schwimmend oder im Segelboot in den Westen zu fliehen, wei\u00df ich noch nicht.<\/p>\n<p>Wir wohnen in Rheinsberg in der Mark Brandenburg bei einer Tante und m\u00fcssen uns erst einmal beim Abschnittsbevollm\u00e4chtigten anmelden. In Tantes Wohnung stehen die alten Nu\u00dfbaum-M\u00f6bel der Gro\u00dfeltern aus Frankfurt\/Oder. Im Wohnzimmer streicht Mutter \u00fcber den B\u00fccherschrank, einst ihr R\u00fcckzugs- und Zufluchtsort. Abends gibt es gute Schlachterwurst, Tante Seide will dem Westbesuch was bieten. Wir sollen von Stars und Adeligen erz\u00e4hlen, dabei verachte ich das <em>Goldene Blatt<\/em>.<\/p>\n<p>Bei einem Ausflug zum Gro\u00dfen Stechlinsee werden wir beim Fotografieren in der N\u00e4he des dortigen Kernkraftwerks fast verhaftet. Solche strategisch wichtigen Bauten darf man nat\u00fcrlich nicht fotografieren. Abends schrauben wir den Stern vom Mercedes ab, damit ihn niemand als Troph\u00e4e mitnimmt. Die Scheibenwischer sind am n\u00e4chsten Morgen weg.<\/p>\n<div id=\"attachment_5586\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5586\" class=\"wp-image-5586\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-2.jpg\" alt=\"Die Autorin, ihr Vater und ihre Schwester am Stechlinsee\" width=\"500\" height=\"338\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-2.jpg 864w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-2-300x203.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-2-768x519.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5586\" class=\"wp-caption-text\">Am Stechlinsee: meine Schwester, mein Vater und ich (von rechts). Foto: Charlotte Habel<\/p><\/div>\n<p>Einen Nachmittag fahren wir nach Ost-Berlin. Auf dem fast menschenleeren Alexanderplatz steht ein W\u00e4gelchen mit Reibekuchen, fettig, aber gut. In HO-Gastst\u00e4tten muss man sich anmelden, und es gibt nur wenig Essen. Die Brandenburger Alleen sind unterbrochen von eint\u00f6nigen grauen H\u00e4usern mit leeren Schaufenstern und oft noch Einschussl\u00f6chern aus Kriegszeiten. \u201eSind alle arm im Kommunismus?\u201c, fragt meine j\u00fcngere Schwester.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt m\u00fcssen wir am Grenz\u00fcbergang bei Hof nur erkl\u00e4ren, warum wir den Kofferraum voll haben mit einer billigen DDR-Brause, die uns gut geschmeckt hat. Das Zeug hei\u00dft <em>Gin-Fizz<\/em> und wir d\u00fcrfen es gern ausf\u00fchren, jedoch nicht das gedruckte Kalenderblatt mit dem Schloss von Rheinsberg: \u201eKunst\u201c d\u00fcrfe man nicht mitnehmen, erkl\u00e4rt der Grenzer. Sein Vorgesetzter l\u00e4sst mit sich reden, hat den billigen Druck wohl als wertlos erkannt. Dann sind die H\u00e4user wieder bunt und die Schaufenster wieder voll. Vom Gin-Fizz wird allen bei der n\u00e4chsten Geburtstagsfeier schlecht.<\/p>\n<p><strong>1978<\/strong>: Noch einmal ein Sprung, diesmal \u00fcber den Eisernen Vorhang in den Osten: \u00dcber \u00d6sterreich und Jugoslawien geht es nach Rum\u00e4nien; dort quer durchs Land nach Bukarest und an das Schwarze Meer. Hinter der rum\u00e4nischen Grenze bei Arad darf ich ans Steuer. Vaters Hauptwarnung lautet: \u201eNicht zu dicht auf Fuhrwerke auffahren \u2013 im Vergleich zu einem Mercedes stehen die still!\u201c Stimmt. Die St\u00f6rche und Esel auf der Stra\u00dfe auch. Autos gibt es kaum, Essen fast nur in den vorab \u00fcber eine ADAC-Reise mitgebuchten Interhotels. F\u00fcr Mutters schwachen Magen empfiehlt der Kellner: \u201eKarpfen mit viel Gem\u00fcse\u201c. Der Karpfen ist in Fett gebacken. Das Gem\u00fcse ist ein Glas mit sauren Gurken. Kein Fernsehen, abends spielen wir Karten. \u201eWasser nicht aus Leitung trinken\u201c, warnt eine Frau im Hotel.<\/p>\n<p>Ich lerne Rum\u00e4nisch, geht leicht mit guten Lateinkenntnissen. Vater spricht Tschechisch, er kommt auch gut damit durch. Auf den D\u00f6rfern in Siebenb\u00fcrgen sprechen viele Deutsch. Man freut sich \u00fcber den Besuch von \u201eLandsleuten\u201c. Viele Siebenb\u00fcrger \u201eSachsen\u201cschleppen \u00c4pfel und Eier aus der kleinen Privatwirtschaft an. Mutter verschenkt eine Handtasche und ihr zweites Paar Schuhe. In Bukarest herrscht kalte Pracht und eine noch gedr\u00fccktere Atmosph\u00e4re als auf dem Alex in Ost-Berlin.<\/p>\n<div id=\"attachment_5587\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5587\" class=\"wp-image-5587\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-3.jpg\" alt=\"Stra\u00dfenbild\" width=\"500\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-3.jpg 583w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-3-300x270.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5587\" class=\"wp-caption-text\">Gro\u00dfpold\/Apoldu de Sus im Kreis Hermannstadt\/Sibiu. Foto: Susanne Habel<\/p><\/div>\n<p>Und wieder am Meer: Das Schwarze ist nicht schwarz, sondern leuchtend T\u00fcrkis. Wir treffen Verwandte, die im Flugzeug angekommen sind und sich so den Kulturschock erspart haben. Abends lernen wir Schafkopfen von meinem Cousin und Lockenlegen von meiner Cousine. Kein Fernseher, keine Bar im Hotel. Morgens liegt auf den zerbr\u00f6ckelten Fliesen neben dem Pool eine tote Schlange, sie erinnert mich an Ovid und seine <em>Metamorphosen<\/em>. An den dorthin aus Rom verbannten Dichter erinnert auch die Hafenstadt Constan\u021ba mit einer Statue. Rom scheint hier weiter entfernt als der Mond. Den Erdtrabanten haben einige Menschen den inzwischen doch erreicht. Angeblich konnten die Astronauten aus dem All die helle Chinesische Mauer sehen. Der Eiserne Vorhang war wohl eher zu grau. Oder doch blutigrot?<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt besuchen wir noch einige orthodoxe Moldaukl\u00f6ster im Norden Rum\u00e4niens. Die Kirchen mit ihren bunt mit Heiligenbildern bemalten W\u00e4llen sind oft von quadratischen Schutzmauern umgebenen. Feste Mauern gegen die T\u00fcrken, aber die Kommunisten hielten sie nicht auf. Aufhalten kann uns fast noch die Donau: Nur eine F\u00e4hre quert sie bei Br\u0103ila, wo wir hin\u00fcberwollen, fast bis ins alte Bessarabien. Vom Donauufer ist der H\u00f6henabstand zwischen der Stra\u00dfe und dem Deck der F\u00e4hre gut 50 Zentimeter, die der Mercedes auf das Flachboot herunter st\u00fcrzt. Kein Airbag sch\u00fctzt uns, aber wir haben auch keinen Achsenbruch, als wir auf der anderen Seite die schlammige Uferstra\u00dfe hoch fahren. Hier h\u00e4tte keiner einen Benz reparieren k\u00f6nnen. Wir eilen nach Westen zur\u00fcck, verschenken unterwegs noch einige Lederutensilien. In Budapest kaufen wir bestickte Blusen, in Ungarn gibt es mehr Waren und mehr freie Worte.<\/p>\n<p>Im Innenhof des Hotels in Wien sprudelt ein Springbrunnen. Nicht das Paradies hier, aber sogar das Brunnenwasser ist trinkbar. \u201eKommunismus ist Schei\u00dfe\u201c, sagt die j\u00fcngere Schwester.<\/p>\n<p><strong>1989<\/strong>: An der M\u00fcnchener Ludwigs-Maximilians-Universit\u00e4t studiere ich Anglistik und Germanistik und bin voll mit der Zulassungsarbeit zum Ersten Staatsexamen besch\u00e4ftigt. Englisch ist so sch\u00f6n westlich, und meine Examensarbeit hat auch nur mit neuerer amerikanischer Literatur zu tun. Die j\u00fcngere Schwester ist ebenso im Endspurt ihres Studiums und heiratet in diesem Jahr ihre Sandkastenliebe. Das sind die Themen, die f\u00fcr uns im Mittelpunkt stehen.<\/p>\n<p>Der Osten hinter dem Eisernen Vorhang dagegen scheint so fast vergessen; auf den Mond fliegt ja inzwischen auch keiner mehr. Im Sommer in der Steiermark im S\u00fcdosten \u00d6sterreichs blicke ich nach Jugoslawien \u00fcber eine Grenze, die bald durchl\u00e4ssiger wird als ein leckes Boot. Die Aufst\u00e4nde in Polen, die Vorg\u00e4nge um Gorbatschow, die DDR-Fl\u00fcchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag: Das sind Dinge, die abends in der ARD-\u201eTagesschau\u201c kommen. Ich will davon nicht sehr viel wissen oder h\u00f6ren. Ich habe vielleicht auch Angst, es w\u00e4re eine Seifenblase: Wenn ich sie anfasse, platzt sie. Als die Mauer am 9. November \u00a0f\u00e4llt, kriege ich das zuerst nicht wirklich mit. Wenn das Studium vorbei ist und ich eine Stelle habe, fahre ich mal \u201er\u00fcber\u201c sage ich mir, anders kann ich den ehemaligen Osten ja nicht nennen. Nach meinem Staatsexamen suche ich erst mal nach einer beruflichen Aufgabe, nicht nach der alten Heimat meiner Eltern.<\/p>\n<p><strong>1992<\/strong>: Bei einer journalistischen Recherche fahre ich kurz nach Reichenberg\/Liberec im Norden der gerade noch existierenden \u201eTschechischen und Slowakischen F\u00f6derativen Republik\u201c und von dort nach Dresden: Die H\u00e4user in den s\u00e4chsischen D\u00f6rfern, durch die unser Bus f\u00e4hrt, sind immer noch grau und oft besch\u00e4digt, wie auch sehr vieles in der Dresdner Innenstadt. Aber im Hotel Kempinski im Taschenbergpalais ist schon die Filiale einer US-Kette. Ich kann Latte Macchiato bestellen und alle ausliegenden Zeitungen lesen, wie in einem Wiener Kaffeehaus. Dresden ist wieder in Mitteleuropa. F\u00fcr die Heimfahrt nach M\u00fcnchen brauche ich keinen Personalausweis. Jetzt h\u00e4tte ich gern noch eine feste Stelle, aber viele zus\u00e4tzliche\u00a0 Bewerber str\u00f6men aus den \u201eneuen\u201c deutschen Bundesl\u00e4ndern nach Westen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zeitreise zur\u00fcck: Auf Spurensuche<\/strong><\/p>\n<p><strong>2010:<\/strong> Jetzt besucht ich tats\u00e4chlich zum ersten Mal Berlin. Nicht Ost oder West. Einfach ganz. Ich plane und erkunde, zun\u00e4chst mit Atlas, Karte, Reisef\u00fchrer und Stadtplan, sp\u00e4ter mit Apps im Smartphone. Sehe mir Orte an, wo Geschichte geschrieben wurde, und das oft in den letzten 56 Jahren, zu meiner Lebenszeit. Erleichtert werden Spurensuche und Berlinbesuche auch bald dadurch, dass 2012 ein Relikt der Nazi-Zeit f\u00e4llt: Das Personenbef\u00f6rderungsgesetz von 1935, das der (Reichs-) Bahn ein Monopol auf den Linienverkehr in Deutschland, gew\u00e4hrt hat, wird ge\u00e4ndert: Jetzt fahren erschwingliche Fernbusse durch das ganze deutsche Land: Studenten, Tramper, Familien und Rentner pendeln endlich zu g\u00fcnstigen Preise durch die schon seit 1990 wieder vereinigte Bundesrepublik Deutschland. Und da ein Kollege in Berlin arbeitet, sitze ich bald im Fernbus dorthin!<\/p>\n<div id=\"attachment_5588\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5588\" class=\"wp-image-5588\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-4.jpg\" alt=\"Foto vom Brandenburger Tor\" width=\"500\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-4.jpg 1034w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-4-300x224.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-4-768x573.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-4-1024x765.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5588\" class=\"wp-caption-text\">Brandenburger Tor: Halteverbot, aber freie Passage. Foto: Michael Leh<\/p><\/div>\n<p>Durch das Brandenburger Tor kann ich von Westen passieren, und komme auf der anderen Seite in der Gegenwart an, nicht in einer Welt aus den F\u00fcnfzigern:\u00a0 Links und rechts Botschaften am Boulevard Unter den Linden, links und rechts die \u00fcberall gegenw\u00e4rtigen US-Kaffeeketten. Wirklich neu f\u00fcr mich sind die Scharen von Spatzen \u00fcberall, die um Krumen betteln: Ist der m\u00e4rkische Sandboden, der in Berlin oft zwischen Pflastersteinen und Fahrbahnen zu sehen ist, notwendig f\u00fcr das Sperlings-Staubbad? Oder liegt es an den vielen Alleen? Tausende Platanen und Linden sorgen gemeinsam mit Kiefern f\u00fcr die ber\u00fchmte \u201eBerliner Luft\u201c, wie sie schon in dem Schlager von 1906 besungen wird. Flanieren m\u00f6chte ich unter den Linden, jedoch nicht allein, und schon gar nicht \u00fcberall abends. Bei Streifz\u00fcgen in vielen \u201eethnischen Kolonien\u201c gehe ich stramm und trage meine Tasche vor der Brust. Nicht nur Drogen-Dealer und Roma-Bettler, sondern ganze Rudel anderer verd\u00e4chtiger Typen sind hier unterwegs. Die betteln nicht, die holen sich, oft auch mit Messereinsatz, wie es die Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin 2015 zeigt: 2.571 Raub\u00fcberf\u00e4lle auf der Stra\u00dfe, fast die H\u00e4lfte der Tatverd\u00e4chtigen haben keine deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft, ein Migrationshintergrund wird gar nicht erst angegeben. 40.675 K\u00f6rperverletzungen, davon 10.029 gef\u00e4hrlich und schwer.<\/p>\n<p>Die Spuren der Mauer sind in Berlin weitgehend beseitigt. In Berlin selbst starben nach neuesten Zahlen mindestens 140 Menschen zwischen 1961 und 1989 an der Mauer, und sogar schon 37 in den Jahren vor Errichtung der Mauer im August 1961. Man findet vor allem einige eher sterile Gedenkst\u00e4tten. Also hinaus ins Umland!<\/p>\n<p><strong>2012:<\/strong> Von Wedding-Gesundbrunnen geht es \u00fcber die einstige Stasi-Hochburg Hohensch\u00f6nhausen, wo das MfS residiert hat und sein zentrales Stasi-Gef\u00e4ngnis f\u00fchrte, in den Barnim n\u00f6rdlich von Berlin: Hier war kein Grenzgebiet, aber in der \u201eWaldsiedlung\u201c Bernau bei Wandlitz-See wohnten die DDR-Bonzen in eher spie\u00dfigen Reihenh\u00e4usern, die noch stehen. Das einstige Kaufhaus mit Westwaren und das Hallenbad sind verschwunden. Nicht weit entfernt verf\u00e4llt die gigantische ehemalige FdJ-Hochschule. Die vielen leeren Geb\u00e4ude schluckt der m\u00e4rkische Dschungel. Unter einem \u00fcberwachsenen H\u00fcgel liegt in der N\u00e4he der Bunker von Erich Honecker. Unter anderem ist noch Wachtturm auf dem gro\u00dfen Gel\u00e4nde zu sehen. Hier wollte die paranoide DDR-F\u00fchrung einen Atomschlag aussitzen, wenn der Westen die Mauer vermeintlich mit Gewalt nehmen sollte. Und zwischen diesen beiden Orten liegt am Bogen-See auch noch das einstige \u201eJagdhaus\u201c von Joseph Goebbels, Liebesnest des Nazi-Propagandaministers.<\/p>\n<div id=\"attachment_5589\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5589\" class=\"wp-image-5589\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-5.jpg\" alt=\"Wachturm und FdJ-Hochschule\" width=\"600\" height=\"243\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-5.jpg 1386w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-5-300x121.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-5-768x311.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-5-1024x414.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5589\" class=\"wp-caption-text\">Wachtturm beim Honecker-Bunker und die FdJ-Hochschule bei Prenden. Fotos: Susanne Habel<\/p><\/div>\n<p><strong>2013: <\/strong>Ein ber\u00fchmter Schauplatz steht auf dem Programm: Die Glienicker Br\u00fccke, lange gesperrt, verbindet Berlin und Potsdam. Hier stehe ich und sehe vom einstigen \u201eWesten\u201c hin\u00fcber nach dem ehemaligen \u201eOsten\u201c in Brandenburg. Hier fanden die spektakul\u00e4ren Agentenaustauschaktionen statt. Im Rucksack habe ich das Buch <em>Strangers on a Bridge<\/em> von James Donovan \u00fcber den Austausch des KGB-Spions Rudolf Abel gegen den CIA-Agenten Francis Gary Powers, der als U-2-Pilot Aufkl\u00e4rungsfl\u00fcge \u00fcber der Sowjetunion machte und dabei \u00fcber dem Ural abst\u00fcrzte. In dem Buch erz\u00e4hlt der amerikanische Anwalt Donovan, wie es ihm gelang, Powers (und den in Ostberlin inhaftierten US-Studenten Frederic Pryor) im Februar 1962 auf der Glienicker Br\u00fccke gegen den deutschst\u00e4mmigen russischen Juden Abel austauschen zu lassen, der amerikanische Atomgeheimnisse an die Sowjetunion verraten hatte.<\/p>\n<p><strong>2014:<\/strong> Ist die Mauer zur\u00fcck? Ich stehe auf der anderen, der Potsdamer Seite, in der Ex-DDR: Wieder flattert \u00fcber der Glienicker Br\u00fccke die DDR-Flagge mit Hammer und Zirkel, steht ein Stacheldrahtverhau auf der Fahrbahn: Nicht betreten, nicht fotografieren \u2013 ganz wie vor 26 Jahren, Zeitreise live: Der Regisseur Steven Spielberg kann die Br\u00fccke vier Tage lang f\u00fcr 10.000 Euro total sperren lassen, um den ber\u00fchmten Austausch im Spielfilm <em>Bridge of Spies<\/em> auf die Leinwand zu bringen. Das Team wartet auf Schnee. Noch ist kein Schauspieler zu sehen. Der Film kommt ein Jahr sp\u00e4ter in die Kinos. Mark Rylance, stiehlt als stoischer Oberst Abel seinem Anwalt Donovan (Tom Hanks) die Schau und bekommt einen Oscar als bester Nebendarsteller. Ich sehe den Film 2015 in einem funkelnden Protzpalast am Potsdamer Platz, der zur Zeit der Mauer von Sperren durchzogen und eine Postenw\u00fcstenei war.<\/p>\n<div id=\"attachment_5590\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5590\" class=\"wp-image-5590\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-6.jpg\" alt=\"Glienicker Br\u00fccke und die Dreharbeiten zu Bridge of Spies\" width=\"500\" height=\"335\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-6.jpg 822w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-6-300x201.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-6-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5590\" class=\"wp-caption-text\">Vorbereitung zu den Dreharbeiten zu &#8220;Bridge of Spies&#8221; an der Glienicker Br\u00fccke. Foto: Michael Leh<\/p><\/div>\n<p>Die DDR-Grenze verlief jedoch nicht nur auf Br\u00fccken und auf dem Land, sondern im seenreichen Berliner Umland auch am und im Wasser. Als begeisterte Schwimmerin kam ich auch in Ber\u00fchrung mit diesen fr\u00fcheren Demarkationslinien, daher folgen noch zwei Zeit- und Wasserreisen.<\/p>\n<p><strong>2014:<\/strong> N\u00f6rdlich von der Glienicker Br\u00fccke liegen zwei idyllische Seen, durch die die DDR-Grenze auch verlief: der glasklare Gro\u00df Glienicker See und der Sacrower See. Beide Seen sind zur Zeit des Eisernen Vorhangs Schauplatz von Fluchtversuchen \u00fcber das Wasser in die Freiheit. Am Gro\u00df Glienicker See verlief die Mauer am westlichen Ufer und dort gibt es auch eine Gedenkst\u00e4tte.<\/p>\n<div id=\"attachment_5591\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5591\" class=\"wp-image-5591\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-7.jpg\" alt=\"Die Autorin an der Mauergedenkst\u00e4tte\" width=\"500\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-7.jpg 667w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-7-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5591\" class=\"wp-caption-text\">Die Autorin an der Mauergedenkst\u00e4tte vor dem Gro\u00df Glienicker See. Foto: Michael Leh<\/p><\/div>\n<p>Der einstige Grenzpostenpfad am Gro\u00df Glienicker See ist heute auf der einen Seeseite ein Uferweg. Dort liegt andere Gedenkst\u00e4tte, die erst noch voll renoviert werden muss: Das Alexander-Haus in Gro\u00df Glienicke, wird zu DDR-Zeiten enteignet. Das Holzhaus verf\u00e4llt nach der Wende und wird fast abgerissen. Doch der Journalist Thomas Harding, ein Urenkel des einstigen Erbauers, des j\u00fcdischen Arztes und Klinikleiters Alfred Alexander, rettet es in letzter Minute. Wie, das schildert Harding im Buch <em>The House by the Lake<\/em> (erschienen 2015 bei William Heinemann\/Penguin Book). Die ergreifende Geschichte vom \u201eSommerhaus am See\u201c (deutsch bei dtv 2015), in dem seine Gro\u00dfmutter Elsie so gl\u00fcckliche Sommer in den Drei\u00dfigern verbracht hat, \u00fcberspannt \u00fcber ein Jahrhundert.<\/p>\n<div id=\"attachment_5592\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5592\" class=\"wp-image-5592\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-8.jpg\" alt=\"Das &quot;Alexanderhaus&quot;\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-8.jpg 835w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-8-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-8-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5592\" class=\"wp-caption-text\">Links oben: das \u201eAlexanderhaus\u201c, einst auf der DDR-Seite der Mauer gelegen. Vorne rechts der einstige Grenzposten-Weg. Foto: Susanne Habel<\/p><\/div>\n<p>Weiter s\u00fcdlich erstreckt sich der Sacrower See mit der sch\u00f6nen Gastst\u00e4tte \u201eLandleben Potsdam\u201c am Nordufer, einstmals das Stasi-Heim \u201eWaldfrieden\u201c. An der S\u00fcdspitze des Sees liegt in Sacrow die \u201eHeilandskirche am Port\u201c direkt am Jungfernsee (im Havelbereich). Die Kirche mit freistehendem Campanile, von Friedrich Wilhelm\u00a0IV. erbaut, verfiel zu DDR-Zeiten direkt am Mauerstreifen.<\/p>\n<p><strong>2016:<\/strong> Die Ausstellung \u201eG\u00e4rtner f\u00fchren keine Kriege\u201c \u00a0vom 15. Juli bis 10. September 2017 in Schloss Sacrow zeigt, wie die Parklandschaft, die Peter Joseph Lenn\u00e9 einst bei Potsdam geschaffen hat, vom DDR-Regime zu einer w\u00fcsten Grenzein\u00f6de gemacht wurde: Man riss die Parkanlagen ab. Der Garten um Schloss Sacrow wurde zu einem Zwinger, in dem alle DDR-Grenzhunde f\u00fcr den Einsatz an der Mauer scharf gemacht wurden. Unter Wasser lauerte \u201eStalinrasen\u201c, mit Stahlstacheln gespickte Matten. Mindestens neun Menschen verloren allein bei Sacrow bei einem Fluchtversuch das Leben.<\/p>\n<p>Im Sacrower Park streife ich durch knietiefes Gras \u00a0zum Ufer: Dort kann ich das tun, was jahrzehntelang verboten war: Vor der Heilandskirche schwimmen, zwischen Paddel- und Ausflugsbooten. Nur der internationale Schifffahrtsverkehr hat hier noch Vorrang. Ich nehme wie einst die Pilger am Jakobsweg eine S\u00fc\u00dfwassermuschel aus dem Jungfernsee mit, die ich am Seegrund im m\u00e4rkischen Sand finde.<\/p>\n<div id=\"attachment_5593\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5593\" class=\"wp-image-5593\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-9.jpg\" alt=\"Die Autorin vor der Heilandskirche\" width=\"500\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-9.jpg 775w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-9-300x194.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2017\/12\/Habel-9-768x497.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5593\" class=\"wp-caption-text\">Vor der Heilandskirche im Jungfernsee. Foto: Michael Leh<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mauer und Eiserner Vorhang im Jahr 2016 von Susanne Habel 1961: Die Berliner Mauer wird errichtet \u2013 vor 55 Jahren. L\u00e4nger schon trennt der \u201eEiserne Vorhang\u201c \u2013 wie ihn Sir Winston Churchill in einer Rede im M\u00e4rz 1946 so genannt hat \u2013 West und Ost. 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