{"id":5910,"date":"2019-01-01T08:10:32","date_gmt":"2019-01-01T13:10:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5910"},"modified":"2019-02-02T13:48:45","modified_gmt":"2019-02-02T18:48:45","slug":"zum-tod-von-gerald-uhlig-romero-dem-begrunder-des-berliner-cafe-einsteins-unter-den-linden","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/zum-tod-von-gerald-uhlig-romero-dem-begrunder-des-berliner-cafe-einsteins-unter-den-linden\/","title":{"rendered":"Zum Tod von Gerald Uhlig-Romero &#8212; Dem Begr\u00fcnder des Berliner Caf\u00e9 Einstein Unter den Linden"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Hans Mayer<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 4. Juli 2018 verstarb Gerald Uhlig-Romero (*1953), der Schauspieler, Regisseur, Maler, Autor, Kurator, Kaffeehausbesitzer und Menschenfreund. Bei einer Trauerfeier im repr\u00e4sentativen L\u00f6wenpalais im Berliner Grunewald nahmen seine Tochter Geraldina und seine Schwester Michaela zusammen mit Freunden und Wegbegleitern Abschied. Begleitet vom Cello, seinem Lieblingsinstrument, war es ein bewegender Abschied mit Tr\u00e4nen und Umarmungen und auch im tr\u00f6stenden Glauben, dass er und sein Werk in uns weiterleben wird. In einem Nebenraum wurden seine malerischen und schriftstellerischen Arbeiten gezeigt, ein kurzer Filmausschnitt dokumentierte seine T\u00e4tigkeit als Schauspieler in \u201ePenthiselea\u201c. Er habe fast alle seine Tr\u00e4ume verwirklichen k\u00f6nnen, sagte seine Schwester Michaela, mit der ihn lebenslang ein \u00fcberaus inniges Verh\u00e4ltnis verband. An seine tragische Erkrankung an Morbus Fabry erinnerte Eva Luise K\u00f6hler, die Schirmherrin der \u201eAllianz chronischer seltener Erkrankungen\u201c (Achse e.V.) und zitierte aus einem von Gerald Uhlig-Romero selbst verfassten Dialog zwischen sich und seiner Krankheit; die Krankheit, die ihn ein Leben lang begleitete. Kaum weniger beeindruckend war die daran anschlie\u00dfende sehr emotionale Lesung aus seinem 2011 ver\u00f6ffentlichten Roman \u201eStoffwechsel\u201c, der von der Abwesenheit des Sinns und der Bedeutung des Zufalls erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>War es Zufall, als er auf seiner \u201eReise vom Nichts ins Nichts\u201c (Uhlig-Romero) 1996 das Caf\u00e9 Einstein an der Ecke Unter den Linden\/Neust\u00e4dtische Kirchstra\u00dfe im von den Kunstsammlern Pietzsch neu errichteten Haus Pietzsch er\u00f6ffnete? Ein gl\u00fccklicher Zufall jedenfalls, der ihn weit \u00fcber die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus bekannt machen sollte, der ihm die B\u00fchne und den Ruhm bescherte, den er sich immer gew\u00fcnscht hat. Frei von wirtschaftlichen Zw\u00e4ngen oder Not konnte er, der Intendant, sich unbeschwert seiner Leidenschaft in der bildenden Kunst hingeben, seine Ausstellungen in der eigenen Galerie veranstalten oder seine Salons und sein Engagement f\u00fcr die \u201eAllianz chronischer seltener Erkrankungen\u201c pflegen.<\/p>\n<p>Die bescheidenen Anf\u00e4nge deuteten nicht darauf hin, dass das Caf\u00e9 Einstein bald zu einer nationalen und transatlantischen Kommunikationszentrale werden sollte. Ich erinnere die wenigen Berliner oder Touristen und den sp\u00e4rlichen Autoverkehr, als ich 1996 auf dem nach Uhlig-Romero bis heute von der Politik str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigten Boulevard Unter den Linden selbst auf Entdeckungsreise ging. Die Menschen wirkten etwas verloren auf den breiten B\u00fcrgersteigen und dem mit Linden bepflanzten Mittelstreifen. Der ehemalige Prachtboulevard, den der Berliner Flaneur w\u00e4hrend der Weimarer\u00a0 Republik genoss und auf dem er von Ost nach West oder von West nach Ost umherschweifte oder mit der Familie spazieren ging, war nach \u00fcber vierzig \u00a0Jahren Sozialismus zu einem von gro\u00dfst\u00e4dtischem Flair entr\u00fcckten Ort geworden. Dort schmiegte sich nun ein schmaler Bau, in dessen Erdgeschoss das Caf\u00e9 Einstein zum Besuch einlud, an ein in italienischen Renaissanceformen ausgef\u00fchrtes Gesch\u00e4ftshaus, weit weg vom gesch\u00e4ftigen Berliner Westen. Erst etwas sp\u00e4ter, mit dem Umzug der gesamtdeutschen Regierung von Bonn nach Berlin, sollte sich das grundlegend \u00e4ndern.<\/p>\n<p>F\u00fcr internationale K\u00fcnstler, Wirtschaftsvertreter, Politiker, Journalisten und zunehmend auch f\u00fcr die zahllosen Touristen wurde das Caf\u00e9 Einstein nach 1999 dann rasch zu einem beliebten Treffpunkt. Nicht nur, weil es im Gegensatz zu den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts kaum Caf\u00e9s am Boulevard Unter den Linden gab, sondern vor allem, weil es Gerald Uhlig-Romero innerhalb k\u00fcrzester Zeit gelang, eine Wiener Kaffeehausatmosph\u00e4re herbeizuzaubern, wie es sie zuvor, jedenfalls in Berlin, nur im Stammhaus an der Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe gab. Und dies, obwohl es dem Caf\u00e9 in dem von J\u00fcrgen Sawade n\u00fcchtern gestalteten Geb\u00e4ude am architektonischen Ambiente weitgehend fehlt. Beliebt f\u00fcr informelle Rencontres oder offizielle Interviews war bald insbesondere das r\u00e4umlich etwas separierte Caf\u00e9-Restaurant im hinteren Bereich. Dort vor allem verkehrten die zahllosen Prominenten und gelegentlich auch ganze Redaktionen. Sie alle, einschlie\u00dflich der deutschen Politprominenz, aufzuz\u00e4hlen, w\u00fcrde an dieser Stelle zu weit f\u00fchren. Aber f\u00fcr Salman Rushdie, Dennis Hopper, Jodie Foster, Mia Farrow oder Bruce Willis sollte Platz sein. Zu erw\u00e4hnen sind auch die zahlreichen Nobelpreistr\u00e4ger, von denen stellvertretend John Forbes Nash (1924-2015), der US-amerikanische Spieltheoretiker, erw\u00e4hnt werden muss, der wohl schon 1996, also im Jahr der Er\u00f6ffnung, den dortigenTopfenpalatschinken genoss, von dem er sp\u00e4ter schw\u00e4rmte und der ihn dazu inspirierte, Gerald Uhlig-Romero als Kaffeehaus-Einstein zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Transatlantisch hatte Nash 1994 zusammen mit dem Deutschen Reinhard Selten den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften erhalten. Uhlig-Romero und Nash begegneten sich auf der Insel Mainau anl\u00e4sslich des Treffens der Nobelpreistr\u00e4ger im Jahr 2005 und kamen sich dort n\u00e4her und im selben Jahr fand auch die Fotoausstellung mit den Portr\u00e4ts von Nobelpreistr\u00e4gern in den angrenzenden R\u00e4umen des Caf\u00e9 Einstein statt, darunter auch zwei Portr\u00e4ts von Nash im Stil Andy Warhols. Zu diesem Zeitpunkt hatte Uhlig-Romero in dem von Sawade zwischen den R\u00e4umen des Caf\u00e9s und dem angrenzenden Gesch\u00e4ftshaus eingef\u00fcgten haushohen gl\u00e4sernen Atrium l\u00e4ngst eine kleine \u00f6ffentliche Galerie etabliert, die mit regelm\u00e4\u00dfigen Wechselausstellungen zur Fotokunst gl\u00e4nzte und zur Bereicherung Berlins beitrug. Sie war Teil von Uhlig-Romeros \u201eAkademie f\u00fcr Lebenskunst\u201c. So wollte er das ganze Unternehmen \u201eCaf\u00e9 Einstein\u201c ja verstanden wissen. Der Spielmann Uhlig-Romero war eben auch Macher im besten Sinne des Wortes. Und so wird er mir in Erinnerung bleiben.<\/p>\n<p>Die Herausgeber empfehlen weitere Lekt\u00fcre aus der aktuellen\u00a0<em>Glossen 44\u00a0<\/em>und im Archiv zum Leben von <strong>Gerald Uhlig-Romero:<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/endlich-der-fruhling-kommt\/\">Endlich &#8212; der Fr\u00fchling kommt<\/a> von Gerald Uhlig-Romero<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-42-dec-2016\/cafe-einstein-unter-den-linden\/\">Ein Interview zwischen Frederick A. Lubich und Gerald Uhlig-Romero, &#8220;dem K\u00f6nig der Berliner Kaffehauskultur&#8221;<\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/2015\/04\/27\/frederick-a-lubich-glossen-april-2015\/\">G\u00fcnter Grass und Salman Rushdie &#8212; Ost-Westlicher Diwan<\/a> von Frederick A. Lubich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hans Mayer &nbsp; Am 4. Juli 2018 verstarb Gerald Uhlig-Romero (*1953), der Schauspieler, Regisseur, Maler, Autor, Kurator, Kaffeehausbesitzer und Menschenfreund. Bei einer Trauerfeier im repr\u00e4sentativen L\u00f6wenpalais im Berliner Grunewald nahmen seine Tochter Geraldina und seine Schwester Michaela zusammen mit Freunden und Wegbegleitern Abschied. 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