{"id":5914,"date":"2019-01-01T08:15:24","date_gmt":"2019-01-01T13:15:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5914"},"modified":"2019-02-01T15:05:40","modified_gmt":"2019-02-01T20:05:40","slug":"texte-aus-dem-nachlass-von-egon-schwarz-lebe-wohl-sudamerika-und-dank-an-die-emigration","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/texte-aus-dem-nachlass-von-egon-schwarz-lebe-wohl-sudamerika-und-dank-an-die-emigration\/","title":{"rendered":"Texte aus dem Nachlass von Egon Schwarz &#8212; &#8220;Lebe wohl S\u00fcdamerika&#8221; und &#8220;Dank an die Emigration&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>von Reinhard Andress<\/p>\n<p>Als der \u00f6sterreichische Exilant und weltweit anerkannte Literaturwissenschaftler Egon Schwarz im Februar 2017 verstarb,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> ging sein Nachlass an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, wobei es bereits auch einen Vorlass gegeben hatte. Eine Kopie des Nachlasses wird ebenfalls von der Olin Library an der Washington University in St. Louis aufbewahrt, wo Schwarz zweiunddrei\u00dfig Jahre lang als Professor t\u00e4tig gewesen war.<\/p>\n<p>Es war auch in der Olin Library, wo ich auf unver\u00f6ffentlichte Texte von Schwarz stie\u00df, die das autobiographische Spektrum seines auch literarischen Schaffens erweitern, so eine erste Version seiner Autobiographie aus den sechziger Jahren als Typoskript mit wenigen Tippfehlern und handschriftlichen Verbesserungen. Die Autobiographie an sich erschien erst 1979 unter dem Titel <em>Keine Zeit f\u00fcr Eichendorff<\/em>, 2005 in einer Neuauflage als <em>Unfreiwillige Wanderjahre<\/em>. Im Jahre 2008 wurde sie mit dem renommierten Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart ausgezeichnet. \u00dcbersetzungen ins Englische als <em>Refuge. Chronicle of a Flight from Hitler<\/em> (2002) und ins Spanische als <em>A\u00f1os de vagabundo forzado. Huyendo de Hitler a trav\u00e9s de tres continentes<\/em> (2012) liegen ebenfalls vor.<\/p>\n<p>Die erw\u00e4hnte Typoskriptversion, die anscheinend nie einem Verlag angeboten wurde, unterscheidet sich auf erhebliche Weise von der publizierten Schlussversion, woraus sich so mancher Aufschluss \u00fcber den autobiographischen Schreibprozess ergibt. So kommt in der Fr\u00fchversion eine st\u00e4rkere Betonung des Pers\u00f6nlichen zum Tragen, ebenfalls eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Anekdoten und Geschichten, u.a. zu den vielen Begegnungen mit anderen Exilanten, von Alltagsbeschreibungen und sonstigen, eher impressionistischen Momentaufnahmen des Erlebten. Im Vergleich setzt sich die Schlussversion mit gr\u00f6\u00dferen Fragen der Willensfreiheit und des Lebenssinns auseinander. Dar\u00fcber hinaus ergeben sich aus einem Vergleich der beiden Versionen signifikante Verschiebungen des scheinbaren Realit\u00e4tsgehalts, die den mimetischen Anspruch von Autobiographie zu unterlaufen scheinen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Kann man die Typoskriptversion gewissenma\u00dfen als Vor\u00fcbung f\u00fcr die Schlussversion sehen, gibt es wiederum weitere selbst\u00e4ndige Manuskripte im Nachlass, die in den autobiographischen Schreibprozess eingeordnet werden k\u00f6nnen, so das Gedicht \u201e<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/lebe-wohl-sudamerika\/\">Lebe wohl S\u00fcdamerika<\/a>\u201d und das Essay \u201e<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/dank-an-die-emigration\/\">Dank an die Emigration<\/a>\u201d.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/lebe-wohl-sudamerika\/\">Das Gedicht<\/a>, ebenfalls ein Typoskript in Reinschrift mit wenigen Tippfehlern, markiert und verarbeitet, wie der Titel andeutet, den Aufbruch Ende der vierziger Jahre von S\u00fcdamerika in die USA, nachdem Schwarz nach unerm\u00fcdlichem Bem\u00fchen im Ringen zwischen Fremd- und Selbstbestimmung das Angebot bekam, an Otterbein College Deutsch und Spanisch zu unterrichten und gleichzeitig einem geregelten Studium an der Ohio State University nachzugehen. Es war der lang gehegte Wunsch nach Bildung, die die Grundlage seiner bemerkenswerten Karriere bilden sollte. Die Autobiographie quittiert den widerspr\u00fcchlichen Moment des Abschieds, als das Flugzeug abhob, mit einem knappen Satz: \u201eUm den inneren Konflikt zu beruhigen, schloss ich die Augen und sagte mir: \u201aDu hast dein Leben ge\u00e4ndert\u2019.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Knappheit des Ausspruchs ist nicht weiter verwunderlich, denn, wie erw\u00e4hnt, Schwarz hat in seiner Autobiographie seine eigene Person zu Gunsten der Einbettung in gr\u00f6\u00dfere Geschichtsabl\u00e4ufe zur\u00fcckgezogen. Doch im <a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/lebe-wohl-sudamerika\/\">Gedicht<\/a> erfahren wir gewisserma\u00dfen als Momentaufnahme von der hohen Emotionalit\u00e4t des Abschieds, vom Schwebezustand zwischen S\u00fcdamerika, wo er unter widrigen Umst\u00e4nden seine Jugend verbracht hatte, und den Hoffnungen, der Angst vor und der Sehnsucht nach einer fruchtbaren Zukunft, die sich nur vage abzeichnet. In der letzten Strophe spricht Schwarz von den gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen in seinem Leben, die noch verarbeitet werden m\u00fcssen. Das deutet wiederum an, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie fortgesetzt werden wird.<\/p>\n<p>In dem Kontext ist wiederum das Essay \u201e<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/dank-an-die-emigration\/\">Dank an die Emigration<\/a>\u201c zu sehen. In diesem Falle existiert der Text als schwer korrigiertes Typoskript im Nachlass. Anhand einer Zeitangabe im Text l\u00e4sst er sich auf die fr\u00fchen sechziger Jahre datieren und kann, wie die erw\u00e4hnte Erstschrift der Autobiographie, als eine \u00dcbung im autobiographischen Schreibprozess eingeordnet werden. \u00a0Dieser \u201eVersuch\u201c im Sinne der Essayform fasst den Lebensweg bis in die genannten Jahre knapp und einpr\u00e4gsam zusammen und erscheint mir auch deswegen lesenswert, weil Schwarz ein Thema schon anspricht, das in der ver\u00f6ffentlichten Autobiographie wiederholt werden sollte und eine zentrale Rolle dort spielt. Gegen Ende der <em>Unfreiwilligen Wanderjahre<\/em> fasst es Schwarz folgenderma\u00dfen zusammen:<\/p>\n<blockquote><p>Zu verk\u00fcnden, da\u00df Hitler f\u00fcr mich gut war, w\u00e4re eine Verh\u00f6hnung der Millionen, die er auf dem Gewissen hat und zu denen ich, in jeder Phase des faschistischen Vernichtungszuges durch die Welt, leicht h\u00e4tte geh\u00f6ren k\u00f6nnen. Dennoch ist es eine Tatsache, da\u00df ich durch die explosionsartigen Ausbr\u00fcche des Hitlerismus in die freie Luft geschleudert wurde, wo ich einen l\u00e4ngeren Atem und einen weiteren Ausblick gewonnen habe, als wenn ich in der heimatlichen Enge geblieben w\u00e4re. Manche Menschen werden, wenn sie ihnen widerf\u00e4hrt, von der Durchtrennung der Wurzeln, die sie an ihr Fleckchen Umwelt binden, gef\u00e4hrdet oder gar zerst\u00f6rt. Mir hat sie zun\u00e4chst auch nicht gerade wohlgetan, aber auf die Dauer hat sie Kr\u00e4fte befreit, die sonst unerweckt f\u00fcr immer in mir geschlummert h\u00e4tten. Anders als andere Emigranten, die der Heimat nachtrauern, hei\u00dfe ich daher die Emigration gut und bekenne mich zu ihr, nicht weil sie mir just passierte und man f\u00fcr gew\u00f6hnlich sein Leben billigt, sondern beinah als Prinzip, als einen Proze\u00df, dem ich meine Befreiung und, so sonderbar das auch anmuten mag, die Gewinnung meines Gleichgewichts zu verdanken glaube.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Welch eine mutig-optimistische Einstellung durchdringt dieses Zitat, das in \u201e<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/dank-an-die-emigration\/\">Dank an die Emigration<\/a>\u201c vorgepr\u00e4gt wurde!\u00a0 Letztendlich und trotz allem behauptet sich eine Einstellung, die Schwarz\u2019 Leben so stark pr\u00e4gte und die wir uns f\u00fcr alle Exilanten und Emigranten in unseren wieder einmal so bewegten Zeiten w\u00fcnschen. Um die Beziehung zum Gedicht herzustellen, im Essay sind es die \u201eSt\u00fccke\u201c seines Lebensschicksals, die er als die Pr\u00fcfung verwebt, die er so gl\u00e4nzend bestanden hat.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/lebe-wohl-sudamerika\/\"><strong>\u201eLebe wohl S\u00fcdamerika\u201c<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/dank-an-die-emigration\/\"><strong> \u201eDank an die Emigration\u201c<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n<p>Die Herausgeber weisen auch auf Andress&#8217; <a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/glossen-43-2017-current-issue\/5501-2\/\">Nachruf auf Egon Schwarz<\/a> aus\u00a0<em>Glossen 43<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Notes<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Reinhard Andress, \u201eErinnerungen an den Exilanten, Literaturwissenschaftler Egon Schwarz (1922-2017)\u201c.\u00a0 <em>Glossen. German Literature and Culture after 1945<\/em> 43 (2017): <a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/glossen-43-2017-current-issue\/5501-2\/\">http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/glossen-43-2017-current-issue\/5501-2\/<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. meine weiteren Ausf\u00fchrungen dazu in \u201e<em>Unfreiwillige Wanderjahre <\/em>von Egon Schwarz: die Entwicklung einer Autobiographie von der Fr\u00fch- zur Schlussversion\u201c.\u00a0 <em>Zwischenwelt. Literatur \/ Widerstand \/ Exil<\/em> 36\/1-2 (Juni 2018). S. 61-67.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Egon Schwarz. <em>Unfreiwillige Wanderjahre. Auf der Flucht vor Hitler durch drei Kontinente.<\/em> M\u00fcnchen: Verlag C.H. Beck, 2005. S. 196.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebenda., S. 233.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Beide Texte gelangen hier mit der freundlichen Genehmigung von Schwarz\u2019 Witwe, Dr. Ir\u00e8ne Lindgren, zum ersten Mal zum Druck. In \u201e<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/lebe-wohl-sudamerika\/\">Lebe wohl S\u00fcdamerika<\/a>\u201c waren nur geringf\u00fcgige Korrekturen und die Anpassung an die heutige Rechtschreibung notwendig. F\u00fcr \u201e<a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/dank-an-die-emigration\/\">Dank an die Emigration<\/a>\u201c wurde zwecks dieser Publikation eine Reinschrift hergestellt, die die nicht immer leicht lesbaren Korrekturen zu ber\u00fccksichtigen versucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Reinhard Andress Als der \u00f6sterreichische Exilant und weltweit anerkannte Literaturwissenschaftler Egon Schwarz im Februar 2017 verstarb,[1] ging sein Nachlass an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, wobei es bereits auch einen Vorlass gegeben hatte. 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