{"id":5937,"date":"2019-01-01T08:41:50","date_gmt":"2019-01-01T13:41:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5937"},"modified":"2019-02-01T15:05:23","modified_gmt":"2019-02-01T20:05:23","slug":"sanary-sur-mer-die-vorubergehende-hauptstadt-des-deutschen-exils","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/sanary-sur-mer-die-vorubergehende-hauptstadt-des-deutschen-exils\/","title":{"rendered":"Sanary-sur-Mer: Die vor\u00fcbergehende Hauptstadt des deutschen Exils"},"content":{"rendered":"<p>von Hans Mayer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Quai Charles de Gaulle pr\u00e4sentiert sich Sanary-sur-Mer an der kleinen Riviera zwischen Marseille und Toulon im Sp\u00e4tsommer als herausgeputzte Touristenidylle unter blauem Wolkenhimmel. Die\u00a0 H\u00e4user der Hafenpromenade, die fr\u00fcher den Namen von Victor Hugo trug, erstrahlen im Licht der Nachmittagssonne. In den Caf\u00e9s unterhalten sich die zahlreichen G\u00e4ste, vor ihnen der Ap\u00e9ritiv auf dem Bistrotisch aus Kunststoff und Aluminium. In den kurzen Pausen der Unterhaltung schweifen ihre Blicke von den unter den F\u00e4cherpalmen flanierenden Besuchern zu den Segelbooten an der Pier.\u00a0 Nichts erinnert hier an die Vergangenheit von Sanary.<\/p>\n<div id=\"attachment_5938\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-hotel-de-la-Tour.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5938\" id=\"longdesc-return-5938\" class=\"wp-image-5938\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-hotel-de-la-Tour-1024x768.jpg\" alt=\"Hotel facade in Sanary\" width=\"650\" height=\"488\" longdesc=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen?longdesc=5938&amp;referrer=5937\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-hotel-de-la-Tour-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-hotel-de-la-Tour-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-hotel-de-la-Tour-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-hotel-de-la-Tour.jpg 1045w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5938\" class=\"wp-caption-text\">H\u00f4tel de la Tour. Hier logierten Erika und Klaus Mann 1933 beim Besuch der Eltern. (Foto: Hans Mayer)<\/p><\/div>\n<p>Wir sitzen auf der Terrasse des Caf\u00e9 Le Nautique, wo sich seit den 1920er Jahren im Sommer die Pariser Boh\u00e8me traf. Sanary war damals ein kleines Fischerdorf mit etwa zweitausend Bewohnern, darunter die ersten franz\u00f6sischen K\u00fcnstler. Bald kamen auch die Deutschen. Der Els\u00e4sser Ren\u00e9 Schickele zog im Herbst 1932 aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nach Sanary. Ihm folgten die Manns, die Feuchtwangers, die Hessels, die Zweigs und viele andere. Die Macht\u00fcbergabe an Hitler hatte sie zur Emigration gezwungen, nach 1933 wurde Sanary vor\u00fcbergehend zur Hauptstadt der deutschen Exilliteratur. Die Geschichte ist bekannt oder auch nicht.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 Le Nautique ist von Einheimischen und \u00e4lteren franz\u00f6sischen Touristen bev\u00f6lkert. Ein gro\u00dfer Zigarrenschrank gegen\u00fcber der Bar weist auf eine zahlungskr\u00e4ftige Kundschaft hin. In einer Ecke wird der franz\u00f6sisch-t\u00fcrkische Schriftsteller Jean-Michel Thibaux durch eine Metallplakette geehrt. Hier soll er an seinen Romanen gearbeitet haben.\u00a0 Ein Hinweis auf die nach 1933 im Exil in Sanary lebenden Schriftsteller fehlt.\u00a0 Der Eigent\u00fcmer erz\u00e4hlt mir, er wisse, dass hier nach 1940 deutsche Schriftsteller im Exil gelebt h\u00e4tten. Ein Hinweis, auch in seiner Men\u00fc-Karte w\u00e4re sicher sinnvoll, meint er auf meine Nachfrage.<\/p>\n<p>Links neben dem Le Nautique das Caf\u00e9 La Marine, ebenfalls ein Treffpunkt der Intellektuellen, im Geb\u00e4ude rechts davon ein Salon de th\u00e9. Ganz oben unterm Dach hatte der Arzt und kommunistische Schriftsteller Friedrich Wolf 1938 und 1939 nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion und auf dem Weg in den Spanischen B\u00fcrgerkrieg f\u00fcr einige Monate ein Studio angemietet. Das Studio hatte auch damals schon eine kleine Terrasse. Sie muss Wolf einen wunderbaren Blick \u00fcber die Bucht von Sanary geboten haben.<\/p>\n<p>Wir waren schon 2013 einmal kurz in Sanary gewesen.\u00a0 Am Place Albert Cavet hatten wir damals Gedenktafeln f\u00fcr den Maler Erich Klossowski und die Schriftstellerin Hilde Stieler entdeckt, die beide 1933 aus Paris zugereist waren und bei der Familie Cavet eine m\u00f6blierte Wohnung in der Villa L\u2019Enclos angemietet hatten. Wir machten uns entschlossen in Richtung Villa auf, lie\u00dfen uns durch ein kleines Schild \u201ePriv\u00e9\u201c nicht abschrecken und \u00f6ffneten das Gartentor.\u00a0 Emp\u00f6rt fragte uns ein alter Mann, der mit seiner Frau im Rollstuhl den leicht absch\u00fcssigen Weg von der Villa herunterkam, was wir hier wollten, das sei privat. Etwas erschrocken \u00fcber die Reaktion verwiesen wir auf unser Interesse an Klossowski und Stieler und sofort \u00e4nderte sich der Gesichtsausdruck des alten Herrn, bei dem es sich, wie sich herausstellte, um Louis Cavet handelte. Wir sollten uns die Villa, es handelte sich um ein bescheidenes zweifl\u00fcgeliges Haus, ruhig aus der N\u00e4he ansehen. Seine Eltern h\u00e4tten seinerzeit an M. Klossowki und Mme Stieler ein Wohnzimmer, eine K\u00fcche, die Terrasse und einen gr\u00f6\u00dferen Raum mit Kamin im ersten Stock vermietet. Er selbst habe Deutschunterricht bei Klossowski erhalten. Eines Tages, so erz\u00e4hlte er weiter, sei Thomas Mann den Weg zur Villa hochgekommen. Daran k\u00f6nne er sich noch genau erinnern. Er sei damals ein kleiner Junge gewesen. Louis Cavet ist 2014 verstorben und mit seiner Frau Marcelle auf dem Ancien Cimeti\u00e8re, dem alten Friedhof, an der Avenue Deuxi\u00e8me Spahis in Sanary beigesetzt worden. Wir besuchen sein Grab. Als wir bei unserem diesj\u00e4hrigen Aufenthalt der Villa L\u2018Enclos erneut einen Besuch abstatten wollen, werden wir von einer Frau mit einem Korb voll frisch geernteter Kr\u00e4uter aus dem kleinen Paradiesgarten vertrieben. Bevor sie in der auf der anderen Stra\u00dfenseite liegenden K\u00fcche einer Osteria verschwindet, weist sie uns daraufhin, dass das Grundst\u00fcck und die leerstehende Villa vom franz\u00f6sischen Staat wegen ausstehender Steuerzahlungen beschlagnahmt wurde. Der Zutritt sei verboten.<\/p>\n<p>Auf demselben Friedhof wurde auch der Flaneur Franz Hessel unter Anteilnahme zahlreicher Exilierter und der lokalen Bev\u00f6lkerung Sanarys in einem Massengrab bestattet. Vom franz\u00f6sischen Internierungslager in Les Milles geschw\u00e4cht, war er Anfang 1941 gestorben. Der Schriftsteller Hans Siemson hielt die Grabrede. Nach einem Hinweis auf dem Ancien Cimeti\u00e8re suchen wir vergeblich. Weder gibt es einen Grabstein noch eine Gedenktafel.<\/p>\n<p>Eine Gedenktafel mit 68 Namen von deutschen, \u00f6sterreichischen und einigen staatenlosen K\u00fcnstlern und Schriftstellern befindet sich heute neben dem Eingang vom Tourismusb\u00fcro von Sanary, darauf auch die Namen Klossowski und Stieler. 1987 von offizieller \u00f6sterreichischer und deutscher Seite inauguriert, ist sie einige Jahre sp\u00e4ter aktualisiert und erg\u00e4nzt worden. Allerdings listet sie auch Exilierte auf, die gar nicht in Sanary-sur-Mer, sondern an anderen Orten der C\u00f4te d\u2019Azur lebten.<\/p>\n<p>Im Tourismus-B\u00fcro versuchten wir Erkl\u00e4rung und Aufkl\u00e4rung zu Hessel und zum Schicksal der Wohnung von Klossowski und Stieler zu bekommen. Unseren intensiveren Nachfragen beim Personal begegnete man zun\u00e4chst mit einer &#8211; vergeblichen &#8211; Suche im Internet, um uns dann die Fotokopie einer reich bebilderten Brosch\u00fcre in die Hand zu dr\u00fccken, die auf eine 2004 von Sanary kuratierte Ausstellung in der Neuen Stadtgalerie von Purkersdorf, der Partnerstadt von Sanary, zur\u00fcckgeht, in die Hand zu dr\u00fccken.\u00a0 Die Brosch\u00fcre ist in franz\u00f6sischer, englischer und deutscher Sprache auch ins Internet eingestellt, w\u00fcrde aber wohl eine \u00dcberarbeitung und einen Neudruck verdienen. Auf einem Prospektst\u00e4nder entdeckten wir auch ein kleines Faltblatt \u201eAuf den Spuren\u00a0 der deutschen und \u00f6sterreichischen Emigranten in Sanary 1933-1945.\u201c Es zeigt vierzehn Stationen eines Parcours der Exilierten als Orte des Erinnerns. Eigentlich wollten wir eine kompetente literarische F\u00fchrung durch Sanary buchen. Nach einer knappen Woche mussten wir aber feststellen, dass dies in der K\u00fcrze der Zeit nicht m\u00f6glich sein w\u00fcrde, weil die einzige daf\u00fcr qualifizierte Dame aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht konnte oder auch nicht wollte. Wir machten uns dann alleine auf den Parcours, der 1999, zum Teil gegen den auch gerichtlichen Widerstand der heutigen Hauseigent\u00fcmer, eingeweiht worden war.<\/p>\n<p>Die meisten H\u00e4user, in denen die Emigranten\/Exilierten einst Unterschlupf fanden, stehen heute noch, verstecken sich aber hinter hohen Pinien, Olivenb\u00e4umen und Oleander. Einsichten oder Aussichten gew\u00e4hren sie nur selten. Anton R\u00e4derscheidts Villa Le Patio, im Stil des Bauhauses mit Flachdach errichtet, l\u00e4sst hinter den Hecken praktisch nichts von sich erkennen. Der Moulin gris der Werfels oder Hessels Fluchtburg Mas de la Carreirado waren schon immer mauerhoch abgeschirmt. Nur die Villa Lazare, in der die Feuchtwangers die erste Zeit verbrachten, warf uns von hoch oben am Steilhang des Boulevard la Plage Beaucours einen freundlichen Blick zu. Ein Reisender in Adidas-Kleidung mit Rucksack und Smartphone hatte sich unterhalb der Villa niedergelassen. Am Strand steht ein Schild, das alle Besucher auffordert, angesichts der Terrorismusgefahr in Frankreich, alles Verd\u00e4chtige an die Sicherheitsbeh\u00f6rden zu melden. Die Villa selbst muss hinter zementierten Felsen Schutz suchen vor den St\u00fcrmen des Mittelmeers, die die Steilk\u00fcste abtragen.<\/p>\n<div id=\"attachment_5939\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-Villa-Lazare.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5939\" id=\"longdesc-return-5939\" class=\"wp-image-5939\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-Villa-Lazare-1024x768.jpg\" alt=\"Villa of Feuchtwangler\" width=\"650\" height=\"488\" longdesc=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen?longdesc=5939&amp;referrer=5937\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-Villa-Lazare-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-Villa-Lazare-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-Villa-Lazare-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2018\/12\/Mayer-Villa-Lazare.jpg 1088w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5939\" class=\"wp-caption-text\">Villa Lazare, in der die Familie Feuchtwanger 1933\/34 wohnte. (Foto: Hans Mayer)<\/p><\/div>\n<p>Das Gedenken an die Emigranten und Exilierten war auch f\u00fcr Frankreich keine einfache Sache, denn das Schicksal der aus Deutschland Vertriebenen und Verfolgten ist unmittelbar verkn\u00fcpft mit den franz\u00f6sischen Internierungslagern, wo einige von ihnen den Tod fanden und andere nach ihrem Weitertransport in den deutschen Vernichtungslagern ermordet wurden.\u00a0 Erst 2012 wurde in dem ehemaligen Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence eine Gedenkst\u00e4tte er\u00f6ffnet \u00ad\u2013 \u00fcbrigens au\u00dferordentlich empfehlenswert. Erinnern und Vergegenw\u00e4rtigen ist eine schwierige Aufgabe. Was und wie erinnert wird, hat Auswirkungen f\u00fcr den Blick auf die Gegenwart.\u00a0 Alain Chouraqui, Pr\u00e4sident der Fondation du Camp des Milles, erinnerte daran, dass man sich in Frankreich erst seit den 1980er Jahren mit der Geschichte der Internierungslager und der Deportationen auseinandersetzte. Wir wissen, so sagte er, dass die Opfer wollten, dass man ihre Geschichte nicht vergisst, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Gegenwart und der Zukunft willen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Notes<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/televisions-radio\/article\/2016\/02\/02\/le-camps-des-milles-l-engrenage-de-la-honte_4857681_1655027.html\">http:\/\/www.lemonde.fr\/televisions-radio\/article\/2016\/02\/02\/le-camps-des-milles-l-engrenage-de-la-honte_4857681_1655027.html<\/a>. Aufgerufen am 5.10.2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hans Mayer &nbsp; Am Quai Charles de Gaulle pr\u00e4sentiert sich Sanary-sur-Mer an der kleinen Riviera zwischen Marseille und Toulon im Sp\u00e4tsommer als herausgeputzte Touristenidylle unter blauem Wolkenhimmel. 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