{"id":5946,"date":"2019-01-31T16:45:25","date_gmt":"2019-01-31T21:45:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5946"},"modified":"2019-02-01T15:05:11","modified_gmt":"2019-02-01T20:05:11","slug":"heil-dir-amerika-du-alteste-demokratie-der-welt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/heil-dir-amerika-du-alteste-demokratie-der-welt\/","title":{"rendered":"Heil dir Amerika &#8212; du \u00e4lteste Demokratie der Welt!"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Albrecht Classen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein stolzes und wunderbares Land, selbst vor der Franz\u00f6sischen Revolution hatte sich hier schon die Demokratie einen Weg gebahnt, und die amerikanische Verfassung ist bis heute der Felsen, auf dem dieser Staat ruht. In jedem Schulzimmer, in jedem Seminarraum h\u00e4ngt eine Kopie dieser Verfassung und h\u00e4ngt eine Fahne, alles sehr staatsfromm und patriotisch. Wieso man fr\u00fcher so \u00fcber die Nazi l\u00e4sterte, die eigentlich genau das gleiche machten, formal gesehen nat\u00fcrlich, will mir da manchmal gar nicht so einleuchten &#8211; aber Schwamm dr\u00fcber. Der gesamte Westen sieht mit Stolz auf die Vereinigten Staaten, was f\u00fcr ein Vorbild f\u00fcr die V\u00f6lker!<\/p>\n<p>Verfolgt man die lokalen Wahlen, wirkt es wirklich beeindruckend, wie basisgetragen die amerikanische Demokratie bis heute geblieben ist. Selbst f\u00fcr kleinste Entscheidungen, seien es Schulgelder, Stra\u00dfenbau, Krankenh\u00e4user oder Armenf\u00fcrsorge, gibt es Wahlen, was das Leben der B\u00fcrokratie ganz sch\u00f6n schwierig gestalten kann, denn der Ausgang der Wahl ist ja niemals von vornherein festzulegen. Aber in den USA wird gewiss niemals am Wahlausgang herummanipuliert, oh nein, da herrscht Gerechtigkeit und Gleichheit. Was damals in Florida passierte, und dann in Ohio, ach naja, da haben die Richter des Supreme Court schnell einen Deckel drauf gelegt, nur nicht nachfragen. Dass in manchen schwarzen Gegenden die W\u00e4hler sich stundenlang anstellen m\u00fcssen, w\u00e4hrend in den wei\u00dfen Gegenden einfach Briefwahl abl\u00e4uft, wundert mich schon ein wenig, aber das sind halt wohl historische Gegebenheiten.<\/p>\n<p>Bei uns vor Ort k\u00f6nnen wir auch ein Lied davon singen, wie sorgf\u00e4ltig und ungerecht die Wahlen betrieben werden &#8211; oh, pardon, wie technologiefreundlich und akkurat, also demokratisch, was auch immer das hei\u00dfen mag. Es gibt viele, die ein recht seltsames Weltbild besitzen, es soll mittels des Wahlcomputers geschummelt worden sein, und so. Na, das will ich mal lieber beiseite lassen, denn unser gro\u00dfes Land wird ja nicht von Betr\u00fcgern, Gangstern, Mafiosi, Kapitalisten, Lobbyisten, L\u00fcgnern, Banken, der Gro\u00dfindustrie und so weiter beherrscht. Nein, die lassen wir alle sch\u00f6n drau\u00dfen, denn die haben nur sehr leise das Sagen; ich meine, alles l\u00e4uft sch\u00f6n nach demokratischen Prinzipien, jeder W\u00e4hler hat eine Stimme, sogar die einzelnen Firmen, die Banken, die Versicherungen und noch so andere finanzkr\u00e4ftige Institutionen.<\/p>\n<p>Klar doch, soll doch Google mitbestimmen d\u00fcrfen, oder Microsoft, was an der Grenze passiert, wieviel Steuergelder f\u00fcr das Schulwesen ausgegeben werden soll, ob die Polizei straffrei die Demonstranten verdr\u00e4ngen darf oder nicht, ob Firmen Homosexuellen die gesetzliche Krankenversicherung gew\u00e4hren m\u00fcssen oder nicht, usw. und so fort. Ganz lustig, das Geld klimpert immer lauter in den Taschen, aber welche Taschen m\u00f6gen das sein? Wenn die Koch-Br\u00fcder sich entscheiden, dass die Steuern f\u00fcr die Industrie um 50% gek\u00fcrzt werden, dann geschieht das auch so, obwohl es erst einmal eine Wahl dar\u00fcber gibt, in der nat\u00fcrlich die Masse voller Begeisterung f\u00fcr all die K\u00fcrzungen im Sozialbereich stimmen wird. Erstaunlich, aber so ist es in der Tat, denn an erster Stelle steht ja der Republican Kandidat, der die l\u00e4stigen N\u00f6ten zur Beruhigung der Menschen einfach mal ausl\u00e4sst, daf\u00fcr aber im Brustton der \u00dcberzeugung mit seinem christlichen Glauben prangt, \u00fcber die Gottlosigkeit der Abtreibung donnert, von der S\u00fcnde der Homosexualit\u00e4t predigt und immer wieder auf sein gro\u00dfes Kreuz verweist. Wenn man dann nicht genau aufpasst, sieht man gar nicht die ausgestreckte Hand nach hinten, auf die ein gro\u00dfer Scheck zuflattert. Schwarzes Geld nennen wir das. Alles in gut demokratischen Bahnen! Christus h\u00e4tte seine Freude daran gehabt, nicht wahr, vergessen wir mal seine Aktion im Tempel, das war so eine Jugends\u00fcnde des Herrn.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Thema, wir sind die \u00e4lteste Demokratie der Welt, punktum, und jeder einzelne Staat hat so seine eigene Methode, ganz freiheitlich. Bei f\u00fcnfzig kann das alles recht gemischt wirken, aber von jedem Staat werden z.B. gleicherma\u00dfen zwei Kandidaten als Senatoren ausgew\u00e4hlt, was wirklich gerecht ist, egal ob in Kalifornien 40 Millionen und in Nord-Dakota 760 000 Menschen leben. Bei uns in Arizona l\u00e4uft die Wahl besonders demokratisch. Wie \u00fcberall auf der Welt gibt es ein Stichdatum, bis zu dem man etwa eine Briefwahl durchgef\u00fchrt haben darf, es sei denn, man will pers\u00f6nlich zur Urne gehen. Aber die meisten W\u00e4hler haben da so ihre Probleme damit. Manche vergessen es einfach, die Wahlstimme per Post abzuschicken (Porto ist sogar schon vorbezahlt). Bei anderen macht der versch\u00fcttete Kaffee einen Strich durch die Rechnung. Noch besser aber, es gibt viele, deren Hunde oder Katzen sich an den Wahlzetteln g\u00fctlich tun; ja, und was dann? Das klingt so wie bei meinen Studenten, die auch nicht ihre Seminararbeiten termingerecht einreichen und immer die besten Ausreden daf\u00fcr parat haben. Das sind aber meist erst 18-j\u00e4hrige, und da dr\u00fcckt man schon mal ein Auge zu. Aber, wenn es um die Wahl geht, gefallen mir diese Erkl\u00e4rungen nicht unbedingt.<\/p>\n<p>Nun, am Tag der Wahl kommen dann tausende dieser Leute, wollen pl\u00f6tzlich pers\u00f6nlich abstimmen, aber sie sind inzwischen l\u00e4ngst als Briefw\u00e4hler identifiziert worden. Da beginnt das gro\u00dfe R\u00e4tselraten, stimmt die Unterschrift, ist dieser Mensch \u00fcberhaupt registriert, wie ist der Wahlzettel genau zu lesen, und so kann es Wochen dauern, bis das Endergebnis vorliegt. Ganz basisbezogen, wunderbar, immer dem Volk helfen, alles m\u00f6glichst einfach machen, worauf ja jeder ein Recht hat. Wer an keine Termine denken kann, darf trotzdem mitwirken, wir sind ja so lieb. Klar, \u00fcberall setzt man heutzutage Rechner ein, die das alles blitzschnell erledigen k\u00f6nnten, aber Amerikaner sind halt meist ein wenig auf den Kopf gefallen und kennen sich, wenn sie aus ihrem Wald herauskommen, in der modernen Welt nicht immer so gut aus. Sagt man dazu nicht schlicht \u2018Hinterw\u00e4ldler\u2019? Fast jeder hat zwar sein Smartphone, seinen Laptop und was wei\u00df ich nicht alles, aber die Prinzipien des W\u00e4hlens zu verstehen verlangt halt ein bisschen mehr an Grips, und so viel muss man ja nicht unbedingt von allen Amerikanern erwarten.<\/p>\n<p>Abgesehen von diesen kleinen Problem ist unser Wahlsystem trotz allem sehr beeindruckend so gestaltet, wiederum basisorientiert, dass man nur w\u00e4hlen darf, wenn man sich registriert hat. Die Statistik belegt dann sofort, wie effektiv und umfassend das amerikanische System ist. Von allen Wahlberechtigten sind n\u00e4mlich nur so um die 30% registriert, und von denen w\u00e4hlen halt nur so 30% tats\u00e4chlich. Das muss man sich mal ausrechnen, da w\u00e4hlen also h\u00f6chsten 5% aller Amerikaner und entscheiden damit die Regierung. Schon erstaunlich. W\u00e4re es da nicht besser, wenn wir die Wahl insgesamt aussetzten und den Superreichen einfach das Recht einr\u00e4umten, unter sich die Entscheidung zu f\u00e4llen? Dies w\u00e4re viel effektiver, schneller und einfacher. Die wei\u00dfe christliche Mehrheit, so ab 60 Jahre alt, brauchte sich dann nicht mehr mit diesen misslichen Hispanics, Blacks, Asians, oder mit den jungen Homosexuellen, Transgender Leuten oder anderen seltsamen Minderheiten herumschlagen.<\/p>\n<p>Stramme christliche Demokratie, von Google oder Facebook bestimmt, ist doch was Ordentliches, oder? Vielleicht sollten wir wieder den Adel einf\u00fchren, dann brauchten wir das Wahlvieh nicht mehr und k\u00f6nnten uns darauf verst\u00e4ndigen, dass diese 5% der Amerikaner, die sowieso fast alles besitzen, noch mehr von uns nehmen d\u00fcrfen. Hallelujah, was f\u00fcr ein freies, offenes, demokratisches Land, in dem wir leben.<\/p>\n<p>Aber bitte, verratet mich nicht, sonst entzieht man mir vielleicht sogar noch das amerikanische B\u00fcrgerrecht und schmei\u00dft mich raus. Nur, wohin? Hier bin ich auf Gedeih und Verderb, Wahl hin oder her. Ein schlimmer Amerikaner? Man hatte mir schon vor 40 Jahren vorgeworfen, zu kritisch gegen\u00fcber diesem Land zu sein. Nein, gute Leute, ich liebe dieses Land, und da muss man halt doch manchmal etwas kritisieren d\u00fcrfen, oder? Vielleicht hat man mich bisher noch nicht genug geschmiert, oder? Seht ihr, ich verstehe schon ganz gut eure krummen Touren, oh pardon, so war das nicht gemeint&#8230;. Ich freue mich schon auf die n\u00e4chste Wahl, vielleicht z\u00e4hlt dann meine Stimme ungeachtet meiner Zweifel ein klein wenig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Albrecht Classen &nbsp; Was f\u00fcr ein stolzes und wunderbares Land, selbst vor der Franz\u00f6sischen Revolution hatte sich hier schon die Demokratie einen Weg gebahnt, und die amerikanische Verfassung ist bis heute der Felsen, auf dem dieser Staat ruht. 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