{"id":5959,"date":"2019-01-01T09:01:53","date_gmt":"2019-01-01T14:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=5959"},"modified":"2019-02-01T02:52:43","modified_gmt":"2019-02-01T07:52:43","slug":"ausgestiegen-aus-der-ddr","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/ausgestiegen-aus-der-ddr\/","title":{"rendered":"Ausgestiegen aus der DDR"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">Ein Vergleich von Lutz Seilers\u00a0<em>Kruso\u00a0<\/em>und Ulrich Plenzdorfs<br \/>\n<em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em><\/h3>\n<p>von <strong>Karin Schestokat<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Plenzdorfs kurzer Roman <em>Die neuen Leiden des jungen W<\/em>.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> war ein gro\u00dfer Erfolg beim Lesepublikum sowohl in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik als auch in der Bundesrepublik Deutschland, als er Anfang der 70er Jahre erschien. Seine Popularit\u00e4t hielt \u00fcber die Jahre an, so dass der Roman zur Schullekt\u00fcre wurde, den heutige Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen immer noch lesen. Er ist Ausdruck eines Zeit- und damit auch Lebensgef\u00fchls, das aber im Endeffekt nicht gelebt werden konnte. Zu fragen ist also, warum nicht? Lutz Seilers Roman <em>Kruso<\/em><a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> war ein literarischer Erfolg, f\u00fcr den der Autor im Jahre 2014 den Deutschen Buchpreis und hohes Lob von der Kritik erhielt. Auch dieser Roman l\u00e4sst die Leser und Leserinnen an einem Lebensgef\u00fchl teilhaben, das ebenfalls ein Ende erreichte, vielleicht weil der Staat, in dem Edgar Wibeau nicht \u00fcberleben konnte, nun selbst der Vergangenheit angeh\u00f6rt. Trotzdem gibt es aber motivische \u00c4hnlichkeiten zwischen diesen auf den ersten Blick doch recht unterschiedlich anmutenden Werken. Mit dem Aufdecken dieser besch\u00e4ftigt sich der folgende Artikel.<\/p>\n<p>Vorangestellt sind Zusammenfassungen der Rezeption sowie die Handlungen und Hauptthemen der Werke, was dann zu der Darstellung der Verbindungen f\u00fchrt, wie ich sie sehe. Diese beiden Texte wurden in einem Zeitraum von 40 Jahren ver\u00f6ffentlicht, und ich denke, dass ein Lesen von Plenzdorfs Roman im Vergleich zu Seilers\u2019 neue M\u00f6glichkeiten der Interpretation des Romans <em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em> zulassen kann. Die Autoren dieser beiden Werke entwickelten ihre Hauptcharaktere vor dem Hintergrund der sich \u00e4ndernden Gesellschaft in der DDR, die als Staat seit Oktober 1990 aufgeh\u00f6rt hat zu existieren.<\/p>\n<p>In meiner Analyse m\u00f6chte ich mit Plenzdorfs Text beginnen. <em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em> wurde 1972 zuerst in verk\u00fcrzter Form in der ostdeutschen Zeitschrift <em>Sinn und Form<\/em> ver\u00f6ffentlicht und ein Jahr sp\u00e4ter in verl\u00e4ngerter Prosaform vom Hinstorff Verlag herausgegeben und erschien schlie\u00dflich 1973 sowohl in der damaligen DDR als auch in der damaligen BRD. Plenzdorfs kurzer Roman ist von der literarischen Presse und Literaturkritikern hoch gelobt und seine Sonderstellung anerkannt worden. So k\u00f6nnen wir in einem literarischen Blog vom 8. August 2007, in welchem dem Tod des Autors gedacht wurde, zum Beispiel lesen, dass<\/p>\n<blockquote><p>Plenzdorf, der als Schriftsteller in der DDR gewirkt hat, [&#8230;] die M\u00f6glichkeit [nutzt], dass es damals auch Zeiten gab, in denen man sich als K\u00fcnstler selbst in der DDR die Freiheit nehmen durfte, das System zu kritisieren. Die sozialistischen Grundfesten sind im Werk allgegenw\u00e4rtig, werden jedoch in der Person von Edgar scharf kritisiert. Der junge Mann findet seinen Platz in der Gesellschaft nicht, weil er anders ist, weil er seine Kreativit\u00e4t ausleben will und mit seiner abweichenden Lebenshaltung aneckt.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Uwe Wittstock schreibt in seiner Rezension, ver\u00f6ffentlicht am 09.08.2007 im Kulturteil der digitalen Ausgabe der <em>Welt<\/em>, dass \u201e\u2026 Plenzdorf das Lebensgef\u00fchl der ostdeutschen Jugend [traf]\u201d, dass der Roman \u201e&#8230; die realsozialistische Variante der ewig gleichen, ewig wahren Geschichte eines idealistischen Jugendlichen [ist], der aufbegehrt gegen die engherzige, staubtrockene Welt der Erwachsenen.\u201c Und weiter hei\u00dft es, dass &#8230;<\/p>\n<blockquote><p>der Roman &#8230; ein Meisterwerk der Stimmimitation [ist]: Auf den Spuren von Mark Twains \u201eHuck Finn\u201c und Salingers \u201eF\u00e4nger im Roggen\u201c traf Plenzdorf einen schnoddrigen Ton, in dem sich Jugendliche in Ost und West wiedererkennen konnten. Dass es ihm dazu aber noch gelang, den verlogenen Polit-Jargon der DDR-Zeitungen, die hilflosen Plattit\u00fcden der Erwachsenen und nicht zuletzt das gl\u00fchende, bedr\u00e4ngende Deutsch aus Goethes \u201eWerther\u201c \u2013 den Plenzdorfs Held als einen Seelenverwandten betrachtet \u2013 in dem schmalen Roman unterzubringen, macht daraus ein fr\u00fches Glanzst\u00fcck postmoderner Literatur, entstanden zu einer Zeit, in der in Deutschland noch kaum jemand den Begriff buchstabieren konnte.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Und in einer Rezension im <em>Focus<\/em> Online vom 9. August 2007 kann man lesen, dass Plenzdorfs Roman zu Recht als ein \u201eSt\u00fcck DDR-Weltliteratur\u201c [gilt], wie die Berliner Akademie der K\u00fcnste in einem Nachruf schrieb. Weiter hei\u00dft es dort, dass dieses Theaterst\u00fcck in der Sprache der DDR-Jugend nachempfundenen Ausdrucksweise geschrieben worden sei und dass es zu einem Sensationserfolg wurde, als es 1972 in Halle uraufgef\u00fchrt wurde. Erst sp\u00e4ter wurde es zu einem Roman umgearbeitet. Plenzdorf meinte, er habe sein bekanntestes Werk nur deshalb zu einem Buch gemacht, weil es in der DDR als Film nicht durchsetzbar gewesen w\u00e4re. Und so wurde es sp\u00e4ter in Westdeutschland verfilmt.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Als Plenzdorf 2007 im Alter von 72 Jahren verstarb, hat der damalige Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler ihn als einen wichtigen und einflussreichen Autor gew\u00fcrdigt. Er schrieb in einem Brief an die Witwe, dass \u201e[Plenzdorf] mit seiner sensiblen Beobachtungsgabe und seinem feinen Gesp\u00fcr f\u00fcr sprachliche Nuancen [es] verstand, das Lebensgef\u00fchl insbesondere junger Menschen authentisch zum Ausdruck zu bringen. Das hat ihm in Ost und West viel Bewunderung und ein treues Publikum eingebracht.\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> Und Georg J\u00e4ger zitiert Stephan Hermlin, dem zufolge das Werk \u201eauthentisch die Gedanken, die Gef\u00fchle der DDR-Arbeiterjugend formuliert&#8230;\u201c J\u00e4ger f\u00fchrt auch die Laudatio bei der Verleihung des Heinrich-Mann-Preises an Plenzdorf (1973) an, die <em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em> \u201eein Gleichnis jugendlichen Denkens und Empfindens in unserer Zeit und in unserem Land\u201c nennt. Des Weiteren findet sich bei J\u00e4ger eine Zusammenfassung der Rezeptionen des Werkes in der DDR und in der BRD, sowohl des Textes als auch der Theaterauff\u00fchrungen und Verfilmungen des Romans.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Edgar Wibeau in Plenzdorfs Roman <em>Die neuen Leiden des jungen<\/em> <em>W<\/em>., eigentlich ein Mustersch\u00fcler, der nie aufgemuckt hat, bricht endlich doch aus der engen Beziehung zu seiner Mutter und ihrer gemeinsamen Wohnung aus. Nachdem seine Bewerbung um ein Kunststudium abgelehnt worden ist, zieht er in die Laube der Eltern seines besten Freundes Willi in Berlin. Diese Laube steht noch in einer ehemaligen Schrebergartenkolonie, vormals angelegt f\u00fcr die Arbeiter in den Fabriken Berlins, damit sie sich dort an Wochenenden in frischerer Luft erholen und vielleicht sogar Fr\u00fcchte und Gem\u00fcse ernten konnten, um damit ihr geringes Auskommen etwas aufzubessern. Zu dem Zeitpunkt, an dem Edgar in die Laube zieht, auf seine Kolchose, wie er sie etwas ironisch nennt (<em>Leiden<\/em>, 64, 84), sollen diese mittlerweile heruntergekommenen G\u00e4rten und Lauben abgerissen werden. Deshalb nutzt auch niemand au\u00dfer Edgar mehr dieses Gel\u00e4nde. Zu der Laube geh\u00f6rt ein Abort, und dort findet er ein Buch ohne Einband, dessen erste und letzte Seiten er selbst als Toilettenpapier verwendet hat (<em>Leiden<\/em>, 36). Ed, der sich normalerweise auf dem Klo Zeit l\u00e4sst, f\u00e4ngt an zu lesen. Nach seiner anf\u00e4nglichen Befremdung, die sich auf den literarischen Stil des Buches bezieht, vergleicht er seine eigene Situation mit der des Helden. Bald wird den Lesern und Leserinnen klar, dass Ed eine Kopie von Goethes Briefroman <em>Die Leiden des jungen Werther<\/em> gefunden hat. Ed braucht eine Weile, bevor ihm klar wird, dass er diesen gew\u00e4hlten, etwas gestelzt anmutenden Ausdrucksstil f\u00fcr seine Zwecke ausbeuten und durch Zitate aus dem Buch seine Ansprechpartner verunsichern kann. Teil des Charmes von Plenzdorfs Werk ist nat\u00fcrlich, dass der Autor seinen unwissenden Helden mit doppeldeutigen Anspielungen gegen Werther ausspielt und gleichzeitig Parallelen zwischen den beiden aufzeigt. Mit diesem Aspekt des Romans hat sich die Sekund\u00e4rliteratur schon sehr ausgiebig besch\u00e4ftigt<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a> und deshalb m\u00f6chte ich darauf hier nicht n\u00e4her eingehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seiner Zeit in der Laube h\u00e4lt Edgar nur noch zu Willi Kontakt, indem er ihm Tonbandkassetten schickt, die er besprochen hat. Dabei beschreibt er sein Leben und kommentiert das, seiner Meinung nach, irrationale Verhalten Werthers, besonders gegen\u00fcber Charlotte. Ed findet eine Parallele zu seinem eigenen Leben, denn er beobachtet eine junge Frau, die im angrenzenden Kindergarten arbeitet. Bald lernt er sie n\u00e4her kennen und erf\u00e4hrt, dass sie Charlie hei\u00dft, und mit einem Dieter verlobt ist, was ihn aber nicht daran hindert, sich ebenfalls in sie zu verlieben.<\/p>\n<p>Anders als Werther ist Ed aber nicht in die Natur entflohen, sondern in die Gro\u00dfstadt Berlin. Sein Vater kommt wohl aus einer aristokratischen Familie und hat das noble Blut der Hugenotten in seinen Adern, aber alles, was Ed von ihm wei\u00df ist, dass er ein oft betrunkener K\u00fcnstler sein soll, der seine Frau, Eds Mutter, sitzen gelassen hat, als Ed noch sehr jung war. Ed findet aber eine Art Vaterfigur in einem Kollegen auf der Arbeit, n\u00e4mlich in dem siebzigj\u00e4hrigen Zaremba, den er f\u00fcr seine nat\u00fcrliche Menschlichkeit, seine Weisheit und seine Lebenskraft bewundert. Diese Bewunderung wird sprachlich durch die Verwendung von \u201cold\u201c ausgedr\u00fcckt. Personen, die ihm imponieren, wird ein \u201eold\u201c<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> voranstellt, und Personen oder Situationen, die ihm gegen den Strich gehen, beschreibt er als \u201eprachtvoll\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a>, w\u00e4hrend Edgar Figuren, Personen, aber auch Objekte, die ihm irgendwie gleichg\u00fcltig sind, mit \u201eoll\u201c<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> charakterisiert.<\/p>\n<p>Im Vergleich zu Goethes Werther aber ist Edgar Wibeau ein Anti-Werther: seine \u201eLeistungen\u201c beginnen erst mit seinem Tod. Doch er ist nicht freiwillig gestorben, hat keinen Selbstmord begangen, vielmehr war sein Tod ein tragischer Unfall. Obwohl Edgar als arbeitsscheu, als nur ein halber Maler\u2013 schlie\u00dflich war er nicht in die Kunstakademie aufgenommen worden und konnte eigentlich nur technisch gut zeichnen \u2013 und auch als ein \u201enut case\u201c (<em>Leiden<\/em> 71) beschrieben wird, ist er doch nach eigenem Ermessen ein verkanntes Genie (<em>Leiden<\/em> 74). Er m\u00f6chte etwas nach seinen eigenen Entw\u00fcrfen herstellen, aus seiner eigenen Kraft und unabh\u00e4ngig vom Kollektiv der Arbeiter. Sein Geld verdient Ed mit Anstreicherarbeiten. Er ist also keineswegs wirklich arbeitsscheu. Und er hat auch Ehrgeiz: Um seinen Kumpels bei der Anstreicher Brigade zu beweisen, dass er kein Versager ist, konstruiert er ein \u201enebelloses Farbspr\u00fchger\u00e4t\u201c. Doch als er es zum ersten Mal anschlie\u00dfen will, kommt er durch einen Stromschlag ums Leben, weil die elektrischen Leitungen in seiner Laube nicht intakt sind.<\/p>\n<p>Peter Wapnewski meint, das allgemeine menschliche Probleme, wie z. B. verhindertes Gl\u00fcck, unterdr\u00fcckte, gehemmte Aktivit\u00e4ten, unerf\u00fcllte W\u00fcnsche usw. nicht Leiden einer bestimmten Zeit sind, sondern die jedes einzelnen Menschen.<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a> Demnach w\u00e4re Ed Wibeaus kurzes Leben also nur die Darstellung eines gescheiterten Daseins. Laut Marta Harmat aber sollten wir Edgar nicht als einen widerspr\u00fcchlichen Helden ansehen, der geboren ist aus kindlichem Denken und der an seiner Zeit versagt, sondern sein Verhalten als logische Konsequenz deuten, die durch den Versuch eines Individuums hervorgerufen wurde, Grenzen zu \u00fcberschreiten, um in einer Gesellschaft akzeptiert zu werden.<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a> Edgar hat sich abgegrenzt. Auf der einen Seite gegen\u00fcber seiner Mutter, die f\u00fcr ihren Sohn nur das Beste will, und auf der anderen Seite gegen\u00fcber den Erwartungen der DDR Gesellschaft und ihren B\u00fcrgern, verk\u00f6rpert durch Dieter, den angepassten farblosen Verlobten von Charlie. Sein Tod, so Harmat, sei daher als logische Konsequenz zu deuten, sozusagen als endg\u00fcltiges Grenze-\u00dcberschreiten. Erst jenseits der irdischen, gesellschaftlich-politischen Grenzen erreicht er quasi den H\u00f6hepunkt seines Bildungsprozesses und wird zu einem einheitlichen Individuum.<\/p>\n<p>Plenzdorf zeigt den Lesern verschiedene Grenzen und Grenz\u00fcberschreitungen bei seinen Untersuchungen von Eds Leben, indem er die Form eines Montageromans benutzt, die es ihm erlaubt, die Aktionen aus verschiedenen Perspektiven darstellen zu k\u00f6nnen. Die Geschichte beginnt ja mit Edgars Nachruf aus der Zeitung und die Leser erfahren \u00fcber sein Leben aus der Sicht der Personen, die ihn gekannt haben. Initiiert worden ist die Recherche in Edgars Leben von seinem Vater, der \u00fcber die Aussagen der Freunde seines Sohnes diesen nach seinem Tod endlich kennenlernen m\u00f6chte. Er setzt die einzelnen Puzzleteile zusammen und Edgar kommentiert alles aus dem Jenseits, wodurch er den Lesern auch seine eigenen Empfindungen und Auffassungen mitteilt. Er \u00fcberschreitet damit die Grenze zwischen Leben und Tod. Dabei verwendet er oft Ausdr\u00fccke aus dem Berliner Dialekt und eine Art konstruierte Jugendsprache.<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a> Wenn man den Roman allerdings aus heutiger Sichtweise liest und dabei die Geschichte der DDR ber\u00fccksichtigt, k\u00f6nnte man wohl sagen, dass Edgar unter anderen geschichtlichen Umst\u00e4nden durchaus erfolgreich h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, dass aber die Gesellschaft bzw. die Regierung der damaligen DDR noch nicht bereit war f\u00fcr solch einen individuellen Erfolg. In diesem Sinne kann man <em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em> als einen gehemmten, verhinderten Entwicklungsroman gelesen.<\/p>\n<p><em>Kruso<\/em> ist Lutz Seilers Erstlingsroman. Vor seinem Erscheinen war Seiler schon f\u00fcr seine Kurzgeschichten und vor allem seine Gedichte bekannt geworden. F\u00fcr den Roman erhielt er im Jahre 2014 den Deutschen Buchpreis und hohes Lob von der Kritik. Lorenz J\u00e4ger von der FAZ hat <em>Kruso<\/em> ein seltsames Buch genannt. Kein anderes solches Werk k\u00e4me einem auf Anhieb in den Sinn. Weiter sagt er, dass dieses Buch einen aufmerksamen Leser brauche, und dass dies kein \u201eWende\u201c-Roman sei. Die dramatischen Ereignisse des Sommers und Herbstes 1989 sind nur als Hintergrundger\u00e4usche vernehmbar, die aus einem Radio kommen. Die Sprache sei lyrisch, der Ort der Handlung auf der Insel Hiddensee k\u00f6nnte ein realsozialistisches Hippie-Idyll sein, die Hauptfigur, Kruso, ein Guru des Friedens und Edgar sein Eingeweihter. Edgar Bendler k\u00f6nnte das alter Ego des Autors sein, da sie am selben Tag geboren sind und einen \u00e4hnlichen Hintergrund haben.<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a> Einige andere Aspekte, Personen und Handlungen finden sogar direkte Pendants in der Realit\u00e4t.<a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\">[16]<\/a> So galt die Insel Hiddensee, gelegen neben R\u00fcgen in der Ostsee und wie R\u00fcgen zu Zeiten der DDR und auch schon in vorherigen Zeiten bevorrechtigtes Ausflugsziel der Privilegierten der jeweiligen Gesellschaft auch als letzter Zufluchtsort der Republikfl\u00fcchtigen, oder wie es in <em>Kruso<\/em> hei\u00dft: \u201eWer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu \u00fcberschreiten\u201c (<em>Kruso<\/em>, 164-65). Zu DDR-Zeiten galt Hiddensee als Refugium f\u00fcr Andersdenkende, die auf der Insel als Saisonkr\u00e4fte im Gastst\u00e4ttengewerbe Arbeit fanden. Diesen realen Sachverhalt hat Seiler aufgenommen und seine Figuren in <em>Zum<\/em> <em>Klausner<\/em>, einer Gastst\u00e4tte, die es tats\u00e4chlich immer noch gibt und die im n\u00f6rdlichen Teil der Insel, im Dornbusch liegt, versammelt. Wie der ehemalige DDR-B\u00fcrger Seiler selbst, der 1988 das erste Mal dort war, sind auch seine Romanfiguren im Sommer auf die Insel gekommen, um hier als Aushilfskr\u00e4fte, sogenannte Esskaas, zu arbeiten.<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a> Hier landet auch sein Held, Edgar Bendler, nachdem er sein Germanistik-Studium in Halle abgebrochen hat. (In Seilers Roman finden die Leser viele literarische Anspielungen und intertextuelle Verbindungen zu anderen Werken nicht nur der deutschen Literatur. Auf einige will ich verweisen. Hier z.B. haben wir die Erw\u00e4hnung von Halle, Universit\u00e4tsstadt heute wie auch schon in der ehemaligen DDR, was eindeutig auf Christa Wolfs Roman <em>Der geteilte Himmel<\/em> verweist. Edgars Freundin G. ist von einer Stra\u00dfenbahn \u00fcberfahren worden und als dann auch noch der geliebte Kater Manfred verschwindet, verliert Ed seinen Halt. Und dies fast wortw\u00f6rtlich, indem er beinahe aus dem Fenster gesprungen w\u00e4re und im \u00fcbertragenen Sinne, indem er verfr\u00fcht in den Studentensommer aufbricht. Anstatt aber nach Polen zu fahren, gelangt er \u00fcber Berlin an die Ostseek\u00fcste und nach Hiddensee. Seine Erfahrungen am Bahnhof in Berlin verweisen auf Reiner Kunzes Kurzgeschichte <em>Element<\/em> aus der Sammlung kurzer Prosast\u00fccke mit dem ironischen Titel <em>Die wunderbaren Jahre<\/em> (1976). Dies ist nur eine der vielen intertextuellen Verweise, von denen der Roman <em>Kruso<\/em> nur so strotzt.<\/p>\n<p>Auf Hiddensee angekommen, irrt Ed eine Nacht lang herum, \u00fcbernachtet am Strand, bis er dann an der Ausflugsgastst\u00e4tte <em>Zum Klausner<\/em> ankommt und als Tellerw\u00e4scher und Zwiebelschneider<a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a> Anstellung findet. Damit ist er am unteren Ende der Gastst\u00e4tten-Laufbahn angekommen, aber er beklagt sich nicht, im Gegenteil, f\u00fcr ihn ist es wie ein Initiationsritus, den er durchlaufen muss, um in diese Arche der Gestrandeten aufgenommen zu werden. Und bald lernt er Kruso kennen, der die Gemeinschaft im <em>Klausner<\/em> und die Gestrandeten auf der Insel zusammenh\u00e4lt. Der Roman enth\u00e4lt immer wieder Beschreibungen von Kruso als Indianer, was u.a. auf <em>Der letzte Mohikaner<\/em> verweist.<a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\">[19]<\/a> Aber auch er hat ein reales Vorbild: n\u00e4mlich den im Jahr 2000 verstorbenen Aljosche Rompe, der in den achtziger Jahren mit seiner Punkband Feeling B einer der zentralen Helden des DDR-Undergrounds war.<a href=\"#_edn20\" name=\"_ednref20\">[20]<\/a> Eine andere, offensichtliche Anspielung findet sich nat\u00fcrlich zu Daniel Defoes Held Robinson Crusoe im gleichnamigen Roman, der ebenfalls auf einer Insel gestrandet ist und nur mit der Hilfe seines Freitags \u00fcberleben kann. Die Beziehung zwischen Ed und Kruso ist \u00e4hnlich, allerdings umgekehrt und daher nicht dieselbe. Am Ende seines Aufenthalts aber muss Ed dann erfahren, dass er \u201enur getr\u00e4umt, nur der Traum eines anderen gewesen [war]. Ein Freitag wie ihn Crusoe erblickt hatte im Schlaf, in seiner Sehnsucht.\u201c (<em>Kruso<\/em>, 425). Bis es aber zu dieser Erkenntnis kommt, durchl\u00e4uft er alle Rituale, die auch die anderen Gestrandeten \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen: Die Waschung in den gro\u00dfen Bottichen im Abwasch vom <em>Klausner<\/em>, die schwarze Suppe, die aus diversen Speiseresten zusammengek\u00f6chelt worden ist, und das Trinkgelage am Strand, durch das die Leser wieder oder erstmals mit den alkoholischen Getr\u00e4nken und Mixturen der DDR bekannt gemacht wird. Am Strand wird auch Musik gemacht, auf den verschiedensten Instrumenten, womit Seiler wiederum auf die Band Feeling B verweist, die er in seinem Buch den Song \u201eMix mir einen Drink, der mich woandershin bringt\u201c vortragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Kruso, oder Alexander Krusowitsch, auch Aljoscha oder z\u00e4rtlich Losch genannt, ist der Sohn eines russischen Generals und einer Seilt\u00e4nzerin, die bei einem ihrer Zirkusauftritte f\u00fcr die sowjetischen Truppen t\u00f6dlich verungl\u00fcckt ist. Er ist auf Hiddensee aufgewachsen und bleibt dort mit seiner Schwester Sonja zur\u00fcck, als sein Vater zur\u00fcck in die Sowjetunion beordert wird. Die Geschwister wachsen bei ihrem Stiefvater auf, einem Strahlenphysiker (die Figur beruht auf dem realexistierenden Stiefvater von Aljoscha, Robert Rompe, der ein ber\u00fchmter Physiker und Wissenschaftsfunktion\u00e4r der DDR gewesen ist). Diese Zeit in Krusos Leben scheint auf eine irgendwie doch noch \u201enormale\u201c Kindheit zu erweisen, bis dann Sonja ihren Bruder in der selbstgebauten Sandburg am Strand zur\u00fcckl\u00e4sst, als sie in der Ostsee baden geht. Sie bat ihn, nicht weg zu gehen, sondern auf sie zu warten. Sie kommt aber nie zur\u00fcck. Kruso wartet eigentlich immer noch. Unklar bleibt, ob Sonja beim Schwimmen ertrunken ist, oder ob sie von den Stasi Wachposten, die auf der Insel allgegenw\u00e4rtig sind, bei ihrem Fluchtversuch \u00fcber die Ostsee zur Insel M\u00f8n entweder von der Insel Hiddensee aus oder von den Posten auf den Wachbooten erschossen worden ist. Kruso ist durch den Verlust seiner Schwester genauso traumatisiert wie Ed durch den seiner Freundin, und die beiden jungen M\u00e4nner finden zu einander \u00fcber die Poesie. Ed zitiert eines Abends im Suff am Strand Gedichte von seinem geliebten Dichter Trakl<a href=\"#_edn21\" name=\"_ednref21\">[21]<\/a> und Kruso zeigt ihm endlich die Gedichte, die er selbst geschrieben hat und die er einmal in einem Band herausgeben will.<\/p>\n<p>Kruso h\u00e4lt die Inselgemeinschaft zusammen. Im <em>Klausner<\/em> hat er zw\u00f6lf \u201eApostel\u201c um sich versammelt, alle Aussteiger, die die Gastst\u00e4tte bewirtschaften als Kellner, K\u00f6che und eben Abw\u00e4scher, wie Ed einer ist. Alle haben sie von ihrem vorherigen Leben Abschied genommen und versuchen, es nach der Arbeit in wilden Festen und Saufgelagen am Strand zu vergessen. Dabei ignorieren sie auch mehr oder minder Viola, das alte R\u00f6hrenradio in der K\u00fcche, das sich nicht mehr abschalten l\u00e4sst und deshalb Tag und Nacht lang den Deutschlandfunk \u00fcbertr\u00e4gt. Die Bewohner des <em>Klausners<\/em> k\u00f6nnten folglich \u00fcber die Geschehnisse in der Welt gut Bescheid wissen, ignorieren die Nachrichten aber weitgehend. Ihre sich langsam \u00e4ndernde Einstellung zu den Ereignissen der Gegenwart ist im Aufbau des Buches reflektiert. Finden sich am Anfang wenig Daten, so h\u00e4ufen sie sich zum Ende hin, sodass die Leser genau erkennen k\u00f6nnen, in welchem Monat des Jahres 1989 der Roman spielt. Wenn die meisten Inselbewohner sich am Anfang der Erz\u00e4hlung um die Weltgeschichte einen Dreck k\u00fcmmern, so nehmen die Gestrandeten auf Hiddensee die Grenz\u00f6ffnung und die Flucht ihrer Landesgenossen \u00fcber Ungarn oder Prag schon wahr, und verlassen nach und nach die Insel, bis nur noch Kruso und Ed \u00fcbrigbleiben.<\/p>\n<p>Bevor der Roman zu Ende geht, wird Ed in eine schwere Auseinandersetzung mit Ren\u00e9, der im <em>Klausner<\/em> f\u00fcr die Ausgabe von Eiscreme verantwortlich ist, verwickelt. Ed wird zusammengeschlagen und muss ins Krankenhaus. Dort wird er von Krusos Stiefvater versorgt, der sein Labor noch hat und ihn r\u00f6ntgen kann, um sicher zu gehen, dass er sich nichts gebrochen hat. Dann verschwindet Kruso f\u00fcr eine Weile, kehrt aber wieder zur\u00fcck, als Ed sich erholt hat, und die beiden versuchen, den Restaurantbetrieb noch eine Weile l\u00e4nger aufrecht zu erhalten. Dann verschwindet Kruso erneut, doch als er dann wiederkommt, ist er ernstlich krank. Ed versucht, \u00fcber den Stasiwachmann auf der Insel Hilfe zu mobilisieren. Der kontaktiert Krusos Vater, den General, der seinen Sohn schlie\u00dflich abholt. Das sowjetische Kriegsschiff verl\u00e4sst die Gew\u00e4sser der Ostsee unter 21 Schuss Salut. Allein zur\u00fcckgelassen, verschlie\u00dft Ed die Gastst\u00e4tte, nachdem er den Strom und das Wasser abgestellt hat, und verl\u00e4sst ebenfalls die Insel.<\/p>\n<p>Eine Art Epilog beschlie\u00dft den Roman, in dem die Erinnerung an die Toten, eines der Hauptmotive des Romans, in den Vordergrund ger\u00fcckt wird. Edgar ist bestrebt, Dokumente \u00fcber die Republikfl\u00fcchtlinge aufzufinden, die versucht haben, D\u00e4nemark bzw. die Insel M\u00f8n zu erreichen, die bei klarem Wetter von Hiddensee zu sehen ist. Er verirrt sich in der gigantischen, labyrinthartigen und kafkaesken d\u00e4nischen B\u00fcrokratie und ihren Behausungen. Er findet keine Spur von Krusos Schwester, aber die von einem anderen EssKaa, den er allerdings nie getroffen hat, dessen Platz er aber am Tisch eingenommen und dessen Pullover er getragen hatte. Seiler l\u00e4sst Edgar B\u00fccher und Statistiken lesen, aus denen hervorgeht, dass es \u00fcber 5600 Fluchtversuche gab. Edgar liest, dass 913 davon erfolgreich waren, dass es 4522 Festnahmen gab und mindestens 174 Todesopfer seit 1961, angeschwemmt zwischen Fehmarn, R\u00fcgen und D\u00e4nemark (<em>Kruso<\/em>, 448).<a href=\"#_edn22\" name=\"_ednref22\">[22]<\/a> Dieser Epilog, auch wenn er eigentlich weder Krusos noch Edgars Leben einen endg\u00fcltigen Abschluss gibt, ist als Reportage geschrieben und l\u00e4sst deshalb auch den Roman realistischer erscheinen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend hier nun die verbindenden Elemente der zwei Werke: In den Romanen von Seiler und Plenzdorf spielt ein \u201eEd\u201c eine Rolle. Beide sind Aussteiger aus der Gesellschaft der DDR. Auch wenn sie ihrem Staat jeweils zu einer anderen Zeit den R\u00fccken gekehrt haben, setzen sie sich doch noch mit ihm auseinander. Beide ziehen sich zur\u00fcck, einer auf eine Insel, wo er seinen Kruso in einer Klause kennenlernt, der andere in die \u201eIdylle\u201c einer Schrebergartensiedlung, wo er seinen Crusoe lesen k\u00f6nnte, wenn er ihn denn noch h\u00e4tte. Dieser Ed wohnt in einer Laube, was eine Klangassoziation zu Klause und Klausner erlaubt. Beide sind ungl\u00fccklich verliebt. Der junge Ed in Charlie, und Ed auf der Insel in \u201eC\u201c, die geheimnisvolle junge Frau, die eines nachts bei ihm im Zimmer auftaucht. Sie darf aber nur f\u00fcnf N\u00e4chte bleiben, denn sie ist eine der Gestrandeten, denen Kruso \u00fcber kurze Zeit Unterschlupf gew\u00e4hrt. Obwohl Ed nach \u201eCs\u201c Verschwinden andere junge Frauen in seinem Bett findet, kann er seine N\u00e4chte mit ihr nicht vergessen. (C = Charlie = Charlotte)<\/p>\n<p>Beide lesen bzw. rezitieren einen deutschen Dichter, der junge Ed Goethe und Ed auf der Insel Gedichte \u00fcber Verlust von Trakl. Eine andere metatextliche Verbindung ergibt sich aus der offensichtlichen Spiegelung \/ Parallele von Ed Wibeau zu Goethes Werther, und in Kruso wird mehrmals auf Robinson Crusoe von Daniel Defoe verwiesen. Und wenn der eine mit einem lauten Knall \u201e\u00fcber den Jordan\u201c geht, als er sein selbstgebautes \u201enebelloses Farbspr\u00fchger\u00e4t\u201c zum ersten Mal in Betrieb nehmen will, so wird der andere unter dr\u00f6hnenden Salutsch\u00fcssen von seinem \u201eHelden\u201c verlassen.<\/p>\n<p>Verbindende Themen der zwei Werke sind also der R\u00fcckzug aus dem gesellschaftlichen Leben der Zeit, Kritik an eben dieser Gesellschaft, Inseln, auf denen kleine isolierte Gruppen von Menschen zusammentreffen und ein dramatisches Ende. Und es werden in beiden Romanen Nachforschungen betrieben. In <em>Kruso<\/em> ist es am Ende der Ich-Erz\u00e4hler, der den Verschollenen aus der DDR in D\u00e4nemark nachsp\u00fcrt, in <em>Den neuen Leiden des jungen W<\/em>. ist es der Vater, der seinen Sohn, den er verlie\u00df, als der gerade erst f\u00fcnf Jahre alt war, nun nach seinem Tod kennen lernen m\u00f6chte. Vom Sprachlichen her l\u00e4sst sich feststellen, dass es in <em>Kruso<\/em> Eds irreale und wirklich verwirrende Tr\u00e4ume gibt, dass die Gegenwart surreal verfremdet wird und es gibt im Detail beschriebene ekelerregende S\u00e4uberungsaktionen im <em>Klausner<\/em>, zum Beispiel im Kapitel \u201eDer Lurch\u201c (S. 100-107), wo im Einzelnen beschrieben wird, wie der Abfluss der gro\u00dfen Abwaschbottiche ges\u00e4ubert und der sich gebildete Pfropfen aus Haaren, Schleim und Essensresten im Garten unterm Gem\u00fcsebeet vergraben wird. \u00a0In <em>Die neuen<\/em> <em>Leiden<\/em> wird die Darstellung des Verh\u00e4ltnisses von Individuum und Gesellschaft in aufm\u00fcpfig-kritischen und drastischen Slang- und F\u00e4kalausdr\u00fccken und \u00dcbertreibungen beschrieben, w\u00e4hrend Edgar durch inneren Monolog das Geschehen sozusagen aus dem Jenseits kommentiert.<\/p>\n<p>Eine weitere Verbindung ergibt sich aus einem Spiel mit der Sprache, das allerdings mit dem etymologischen Ursprung des Namens der Insel nicht das Geringste zu tun hat.<a href=\"#_edn23\" name=\"_ednref23\">[23]<\/a> Aber Seiler selbst l\u00e4sst Kruso sagen: \u201eDas ist Hiddensee, Ed, du verstehst, <em>hidden<\/em> \u2013 versteckt? Die Insel ist das Versteck&#8230;\u201c (<em>Kruso<\/em>, S. 175) Versucht man, dies weiter auszuarbeiten und spricht dazu noch Deutsch und Englisch, dann lassen sich Verbindungen \u00fcber das Englische \u201ehidden\u201c ansprechen. \u201eVersteckt\u201c ist die Gastst\u00e4tte <em>Zum Klausner<\/em>. Sie ist schwerer erreichbar als andere Gastst\u00e4tten auf der Insel. Sie liegt ganz im Norden der Insel am Rande der Steilk\u00fcste. Dar\u00fcber hinaus verstecken sich hier die Aussteiger der DDR.<\/p>\n<p>Aber auch Edgar Wibeau lebt versteckt, in seiner Laube in der Schrebergartensiedlung in Berlin. Er verbirgt sich vor seiner Mutter und seinem fr\u00fcheren Leben. Insofern sind die beiden Werke auch \u00fcber das Verstecktsein bzw. das Versteckgew\u00e4hren und ihre verschiedenen Behausungen miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Das Sprachspiel aber l\u00e4sst sich noch etwas weiterf\u00fchren. \u201eSee\u201c, die dritte Silbe von Hiddensee, bezieht sich wohl zuerst einmal auf die die Insel umgebende Ostsee. Nehmen wir aber wiederum das Wortspiel mit dem Englischen auf, so kommt man zu \u201e(to) see\u201c, also \u201esehen\u201c. Und was sehen die Gestrandeten, die Schiffsbr\u00fcchigen, die Pilger vom Klausner aus? Bei ganz klarem Wetter k\u00f6nnen sie in der Ferne die d\u00e4nische Insel M\u00f8n sehen. Sie ist ca. 50 km entfernt und steht f\u00fcr die unerreichbare Freiheit.<\/p>\n<p>Zusammenfassen lassen sich die Themen der beiden Werke wie folgt: einerseits gibt es den R\u00fcckzug aus der Gesellschaft und damit verbunden Kritik an eben dieser Gesellschaft und andererseits die Isolation, aus der dann eine Art Neugeburt entsteht. Beide Romane beschreiben also Entwicklungen, es werden aber keine endg\u00fcltigen L\u00f6sungen angeboten. In <em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em> finden wir den Versuch einer Neuentwicklung. Ed Wibeau will etwas Anderes als das, was die DDR-Gesellschaft ihm vorschreibt, aber bevor er das verwirklichen kann, kommt er um. Dies k\u00f6nnte dahingehend interpretiert werden, dass die damalige DDR noch nicht bereit war f\u00fcr solche Erneuerungen. Die endg\u00fcltige Entwicklung des Helden ist also (noch) nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>So wie <em>Die neuen Leiden des jungen W.<\/em> kann auch <em>Kruso<\/em> als eine Art Entwicklungsroman gelesen werden. Ed Bendler bricht ebenfalls aus dem System des DDR-Staates aus, durchl\u00e4uft eine Entwicklung innerhalb der Inselgemeinschaft, erlebt dann quasi eine wohl erfolgreiche Wiedergeburt und beginnt nach der Wende ein neues Leben. Seine Zeit in der DDR hat er abgeschlossen zur\u00fcckgelassen, so wie die Gastst\u00e4tte <em>Zum Klausner<\/em>; was die neue Zeit ihm bringen wird, erfahren die Leser allerdings nicht, wenn man von seinen Nachforschungen \u00fcber die aus der DDR \u00fcber die Ostsee Geflohenen in D\u00e4nemark absieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Notes<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Ulrich Plenzdorf, <em>Die neuen Leiden des jungen W<\/em>., o.O.: Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1976. (Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Lutz Seiler, <em>Kruso<\/em>, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2014. (Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> <a href=\"http:\/\/deutschsprachige-literatur.blogspot.com\/2014\/02\/rezension-die-neuen-leiden-des-jungen-w.html\">http:\/\/deutschsprachige-literatur.blogspot.com\/2014\/02\/rezension-die-neuen-leiden-des-jungen-w.html<\/a> (Web 5. Sept., 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/beta.welt.de\/kultur\/article1092978\/Autor-der-Neuen-Leiden-des-jungen-W-ist-tot.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.google-referrer.home-spliturl&amp;betaredirect=true\">https:\/\/beta.welt.de\/kultur\/article1092978\/Autor-der-Neuen-Leiden-des-jungen-W-ist-tot.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.google-referrer.home-spliturl&amp;betaredirect=true<\/a> (Web 5. Sept., 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/kultur\/buecher\/ulrich-plenzdorf_aid_69353.html\">http:\/\/www.focus.de\/kultur\/buecher\/ulrich-plenzdorf_aid_69353.html<\/a> (Web 5. Sept., 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/die-neuen-leiden-des-jungen-w-ulrich-plenzdorf-ist-tot-a-499068.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/die-neuen-leiden-des-jungen-w-ulrich-plenzdorf-ist-tot-a-499068.html<\/a> (Spiegel.de kultur, Aug. 9, 2007, Web 5. Sept., 2016.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Georg J\u00e4ger, \u201cEin Werther der DDR: Plenzdorfs Neue Leiden des jungen W. im gespaltenen Deutschland.\u201d In G.J. <em>Die Leiden des alten und neuen Werther<\/em> (Literatur-Kommentare 21), M\u00fcnchen: Carl Hanser 1984, S. 45-56, 186-190. (Web Sept 5, 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Beispiele hierf\u00fcr sind u.a. die folgenden Artikel: Eldi Grubi\u0161i\u0107 Puli\u0161eli\u0107, Slavija Kabi\u0107, \u201eIch Idiot wollte immer Sieger sein\u201d. Der Anti-Held Wibeau aus Ulrich Plenzdorfs Erz\u00e4hlung \u201eDie neuen Leiden des jungen W.\u201d <em>Zagreber<\/em> <em>Germanistische Beitr\u00e4ge<\/em> 16 (2007): 49-75.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> An anderer Stelle spricht er von einem bewunderten Musiker, Old Lenz (NL 60), Old Werther (NL 82, 84, 98, 99 et al.), Old Willi und Old Zaremba, was eindeutig Bewunderung ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Edgar beschreibt eine Figur aus einem Film, den er und seine Kumpels in der Ausbildung ansehen sollten: \u201eEr kam in eine prachtvolle Brigade mit einem prachtvollen Brigadier, lernte eine prachtvolle Studentin kennen, deren Eltern waren zwar zuerst dagegen, wurden dann aber noch ganz prachtvoll, als sie sahen, was f\u00fcr ein prachtvoller Junge er doch geworden war &#8230; Ich wei\u00df nicht, wer diesen prachtvollen Film gesehen hat, Leute.\u201c (NL 40-41)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Ein Beispiel betrifft seinen Vorgesetzten: \u201eTrotzdem war das nat\u00fcrlich kein Grund, [dem] olle[n] Flemming die olle Platte auf seinen ollen Zeh zu setzen.\u201c (NL 14) Er beschreibt, wie er \u201eCharlie auf einen ollen Hocker\u201c setzt, obwohl er auch \u201edie olle Kerze\u201c h\u00e4tte r\u00fccken k\u00f6nnen (NL 54). Oder er sagt, sie renovieren \u201eolle\u201c Berliner Wohnungen (NL 88).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Peter Wapnewski, <em>Zweihundert Jahre Werthers Leiden oder: Dem war nicht zu helfen.<\/em> In <em>Plenzdorfs \u201eNeue Leiden des jungen W.\u201c<\/em> Materialien, von Peter J. Brenner herausgegeben, Frankfurt\/Main: Suhrkamp Verlag, 1982, S. 327.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Marta Harmat, Goethe und Plenzdorf aus heutiger Sicht. Zur Aktualit\u00e4t des <em>Werther<\/em>-Textes. <em>Trans<\/em>: Internet-Zeitschrift f\u00fcr Kulturwissenschaften Nr. 14, Dez. 2002 (Web 31. Mai, 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Vergleiche hierzu u.a. den literarischen blog: <a href=\"http:\/\/deutschsprachige-literatur.blogspot.com\/2014\/02\/rezension-die-neuen-leiden-des-jungen-w.html\">http:\/\/deutschsprachige-literatur.blogspot.com\/2014\/02\/rezension-die-neuen-leiden-des-jungen-w.html<\/a> (Web 5. Sept., 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> Lorenz J\u00e4ger, <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> 11. Sept. 2014. (Web 5. Sept., 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> Interview mit Gerrit Bartels vom 6. Okt. 2014. (Web 13. Sept., 2015).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a> Interview mit Gerrit Bartels vom 6. Okt. 2014 (Web 13. Sept., 2015).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> Dies ist eine Anspielung auf G\u00fcnter Grass, <em>Beim H\u00e4uten der Zwiebel<\/em>. Allerdings assoziiert Edgar mit dem H\u00e4uten und Schneiden der Zwiebeln nicht mit einer Erforschung seiner Vergangenheit und verschiedenen Aspekten seiner Pers\u00f6nlichkeit. F\u00fcr ihn ist es einfach ein Teil seines Jobs.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> Auch in der deutschen Literatur des 19. Und 20. Jahrhundert werden Indianer oft als reine, unverdorbene und starke Charaktere beschrieben, die f\u00fcr das \u00dcberleben ihres Stammes gegen die vordringenden wei\u00dfen Siedler k\u00e4mpfen. Die Romane von Karl May sind nur ein Beispiel hierf\u00fcr. In gewissem Sinne k\u00e4mpft auch Kruso in Seilers Roman um einen Ort, in dem das allgegenw\u00e4rtige, alles durchdringende System der DDR keine Macht hat. Es stellt sich damit auch die Frage, ob Freiheit in der heutigen Zeit noch m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> Alexander Cammann, <em>Die Zeit <\/em>35\/2014, 6. Sept 2014 (Web 13. Sept., 2015). Interessant ist vielleicht, dass zwei andere Mitglieder der Band, Paul Landers und Flake Lorenz, heute bei Rammstein mitspielen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref21\" name=\"_edn21\">[21]<\/a> Georg Trakl, 1887-1914, \u00d6sterreicher, der die Schule verlassen hat und Apotheker geworden ist. Er hat Gedichte \u00fcber das Schweigen geschrieben und f\u00fcr die Toten, die keine Sprache mehr haben. Er ist an einer \u00dcberdosis Kokain im Ersten Weltkrieg verstorben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref22\" name=\"_edn22\">[22]<\/a> <em>Vergleiche hierzu u.a. Christine und Bodo M\u00fcller, \u00dcber die Ostsee in die Freiheit. <\/em>Delius, Bielefeld: Klasing Verlag, 2003, S. 52. Zitiert nach Stephanie Hessing, \u201eMit dem Surfbrett \u00fcber die Ostsee. Flucht aus der DDR\u201c, <a href=\"http:\/\/gefluechtet.de\/wp\/2015\/08\/17\/mit-dem-surfbrett-ueber-die-ostsee-flucht-aus-der-ddr\/\">http:\/\/gefluechtet.de\/wp\/2015\/08\/17\/mit-dem-surfbrett-ueber-die-ostsee-flucht-aus-der-ddr\/<\/a> (gefl\u00fcchtet.de, 17. Aug. 2015, Web. 9. April 2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref23\" name=\"_edn23\">[23]<\/a> Der Name \u201eHedinsey\u201c taucht bereits in der Prosa-Edda und in den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus auf und bedeutet so viel wie \u201eInsel des Hedin\u201c. Der legend\u00e4re Norwegerk\u00f6nig Hedin soll hier um eine Frau oder auch nur um Gold gek\u00e4mpft haben. Unter d\u00e4nischer Herrschaft war offiziell \u201eHedins-Oe\u201c gebr\u00e4uchlich. Bis 1880 hie\u00df die Insel auch in deutschen Karten noch \u201eHiddensj\u00f6\u201c, 1929 in deutschen Reisef\u00fchrern noch \u201eHiddens\u00f6e\u201c. Die vollst\u00e4ndige Eindeutschung und Umdeutung zu \u201eHiddensee\u201c ist also relativ jung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vergleich von Lutz Seilers\u00a0Kruso\u00a0und Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. von Karin Schestokat &nbsp; Plenzdorfs kurzer Roman Die neuen Leiden des jungen W.[1] war ein gro\u00dfer Erfolg beim Lesepublikum sowohl in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik als auch in der Bundesrepublik Deutschland, als er Anfang der 70er Jahre erschien. 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