{"id":6023,"date":"2019-01-04T17:28:35","date_gmt":"2019-01-04T22:28:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6023"},"modified":"2019-02-01T02:53:38","modified_gmt":"2019-02-01T07:53:38","slug":"dank-an-die-emigration","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/dank-an-die-emigration\/","title":{"rendered":"Dank an die Emigration"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Egon Schwarz<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emigration ist schrecklich wie des Himmels Plagen, doch ist sie auch gut, ein Geschenk der G\u00f6tter wie sie.<\/p>\n<p>Die Emigration ist eine strenge Lehrmeisterin. Jeder Lebende erf\u00e4hrt den Schmerz, das Gef\u00fchl absoluter Sinnlosigkeit beim Verlust eines einzigen vertrauten Menschen. Der Emigrant verliert mit einem Schlag alles, was ihm vertraut im Leben ist, was das Ausharren auf dieser unwirtlichen Erde m\u00f6glich zu machen scheint.<\/p>\n<p>Ich war sechzehn Jahre alt, als ich emigrieren musste.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass ich ein sesshafter Mensch bin, obwohl ich es nicht beweisen kann. Denn ich habe mich seither \u2013 und das geschah vor f\u00fcnfundzwanzig Jahren \u2013 pausenlos in der Welt umgetrieben. Es gibt keinen Ort auf der Erdoberfl\u00e4che, wo ich drei Jahre, keine Wohnung, in der ich zwei Jahre verbracht h\u00e4tte. Aber die bescheidene Etagenwohnung in meiner Heimatstadt zu verlieren, in der ich von Kindheit an gewohnt hatte, deren jeder Winkel, jedes M\u00f6bel, jede rauhe Tapetenstelle mir so vertraut war, dass ich das alles fast wie einen Teil meines K\u00f6rpers empfand, war mir lange Zeit kaum ertr\u00e4glich. Ganz \u00e4hnlich verhielt es sich mit der Stadt: die L\u00e4den, wo ich manchmal einkaufen musste (ein halbes Pfund Butter, das man schnell brauchte, oder die Zeitung, die man vergessen hatte), die Parkanlagen, in denen man mich als Kind spazieren f\u00fchrte und in deren Sandhaufen ich graben durfte, die Br\u00fccken, unter denen ich Steine in das Wasser schmiss, die Stra\u00dfenz\u00fcge, durch die mein Schulweg f\u00fchrte \u2013 das alles war wie eine leibliche Fortsetzung meiner eigenen Existenz, nicht sch\u00f6n und nicht h\u00e4sslich, sondern fraglos mein. Schon die R\u00fcckkehr von den gro\u00dfen Ferien, so gern ich diese auch hatte, war selige Wiedervereinigung mit all dem entbehrten Trauten, das ein Teil von mir war. Und nun gar die Schule selbst: die Treppen, die ge\u00f6lten B\u00f6den, die bekritzelten und zerschnittenen Pulte, die kahlen W\u00e4nde, die bestaubten Zeusk\u00f6pfe aus Gips, sogar die scharf nach Desinfektionsmittel und anderem riechenden Aborte! Ich liebte sie nicht, diese Schule. Welcher sensiblere Gymnasiast h\u00e4tte schon die grauenhafte, von verkrampften Marionetten autorit\u00e4r regierte St\u00e4tte seiner Dem\u00fctigungen geliebt? Aber sie war unentbehrlich, und sein seither nie mehr erlebtes Gl\u00fccksgef\u00fchl durchstr\u00f6mte mich, wenn im September nach endloser, dreimonatiger Entfernung, die Wellen ihres unausrottbaren Geruches wieder \u00fcber mir zusammenschlugen und ich mit wohligem Schauder in den Stundenplan das neue, mir g\u00e4nzlich r\u00e4tselhafte Wort \u201ePhysik\u201c eintragen musste, mit dem ich f\u00fcrderhin leben sollte.<\/p>\n<p>Das alles ging eines Tages pl\u00f6tzlich und unwiederbringlich verloren, als sei es weggewischt, und ich glaubte, nicht weiterleben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dem Verlust ging eine Zeit des Aufruhrs und des Hasses voran. Fahnen wurden in allen Fenstern gehisst, neue, rote mit dem bedrohlichen schwarzen Zeichen im wei\u00dfen Kreis, nicht die harmlosen, gestreiften, die wir bis dahin anzubeten hatten. Aus dem Radio pl\u00e4rrten scharfe, ironische und pathetisch salbungsvolle Stimmen. Alles war voll von Uniformen, Freunde meines Vaters verschwanden und man erz\u00e4hlte Furchterregendes von den KZs, wohin sie, wie es hie\u00df, gebracht worden waren. Fratzen starrten einem aus den Hasszeitungen entgegen und waren Verzerrungen des eigenen Gesichts. Auf den Stra\u00dfen wurden meinesgleichen in H\u00e4uflein fortgetrieben. Es wurde viel marschiert. Die Lehrer zeigten sich noch geh\u00e4ssiger als zuvor, die gestern noch lausb\u00fcbisch-egozentrischen, aber sch\u00fclerhaft umg\u00e4nglichen Kameraden wurden eisig und ablehnend. Und ich wusste, dieser feindselige Aufwand galt mir. Die ganze vertraute Umgebung hatte sich gegen mich gekehrt. Das war nicht sch\u00f6n, es war sogar gr\u00e4\u00dflich, aber es war und blieb die vertraute Umgebung, und war nicht die Emigration.<\/p>\n<p>Eines Tages war dann alles weg. Die Schule, die Wohnung, die Parks und Pl\u00e4tze, die ganze Stadt. Ich hatte alles verloren: das Gesicht der Hausmeisterin und die roten H\u00e4nde der Kolonialwarenh\u00e4ndlerin, den Papagei, dem ich immer Pl\u00e4tzchen brachte, wenn ich sonntags ins Weltpanorama ging. Ich hatte pl\u00f6tzlich keine Schulkameraden, ich kannte keinen Menschen mehr und hatte sogar meine Eltern, kurz, meine gesamte Vergangenheit und Zukunft Verloren.\u00a0 Das war die Emigration: Ich war gerettet. Aber f\u00fcr eine vertraute Heimat hatte ich trotz der Verfratzung die Leere und Sinnlosigkeit der ganzen Welt eingetauscht.<\/p>\n<p>Das mit dem Verlust meiner Eltern muss ich erkl\u00e4ren, denn sie leben heute noch nach f\u00fcnfundzwanzig Jahren, etwas betagt und gebrechlich, aber im Grunde ganz gesund, wor\u00fcber ich nat\u00fcrlich sehr froh bin. Aber es sind nicht die Eltern meiner Kindheit. Diese waren n\u00e4mlich f\u00fcr mein Gef\u00fchl unzertrennlich mit der Umwelt meiner Heimatstadt verbunden und b\u00fc\u00dften f\u00fcr mich zugleich mit dieser ihre urspr\u00fcngliche Funktion ein. Mein Vater war der Mensch gewesen, der zu ganz bestimmten Stunden aufstand und fortging, und zu ebenso genau festgesetzten Zeiten heimkehrte, a\u00df, das Radio andrehte und eine Zeitung mit einem unver\u00e4nderlichen Titel las. Und auch meine Mutter war eine ganz festgelegte Person, etwas erregbar und weinerlich, aber \u2013 und darauf kam es an \u2013 mit bekannten Anspr\u00fcchen und Gewohnheiten, die allesamt auf diese meine Geburtsstadt bezogen waren. Diese beiden Menschen hatten kaum etwas mit den vergr\u00e4mten, versorgten, ratlos getriebenen Personen zu tun, mit denen ich von nun an eine Zeitlang durch die Welt zog und von denen ich mich bald trennen musste, weil die Emigration eine eifers\u00fcchtige G\u00f6ttin ist, die auf den ungeteilten Dienst ihrer H\u00f6rigen besteht. So war ich an dem Tage der Einbu\u00dfe unter anderem auch pl\u00f6tzlich und mit einem rohen Schlage Erwachsener geworden.<\/p>\n<p>Und jetzt kamen die Jahre der Ruhelosigkeit und der Obdachlosigkeit f\u00fcr einen, der sich f\u00fcr sesshaft h\u00e4lt, ohne es freilich beweisen zu k\u00f6nnen. Es gab wieder Wohnungen, es gab neue Obst- und Milchh\u00e4ndler, Parkanlagen und Br\u00fccken und sogar einen Schulweg, und eine Schule gab es noch einmal auf kurze Zeit, aber das war vollkommen sinn- und bedeutungslos und h\u00e4tte genauso gut auch nicht zu sein brauchen. Das Furchtbare an der Emigration war nicht das immer wieder eintretende Ablaufen der Aufenthaltserlaubnis, das Einpacken und Verreisen ohne Ziel, das Deportiertwerden und die n\u00e4chtlichen Grenz\u00fcberschreitungen, das Schlangestehen bei den Hilfsvereinen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Konsulaten, das Leben aus Koffern, die Wochen im Lager, die Flucht und das monatelange Verstecktsein, nicht das schlechte oder mangelnde Essen, nicht der Husten, mangelhafte Zimmer, nicht das Verlieren und Suchen des Vaters, die Erkrankung und das Zur\u00fccklassenm\u00fcssen der Mutter, nicht einmal das Misstrauen der Menschen oder die Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit der ganzen Existenz. Denn sonderbarerweise war das f\u00fcr mich nicht das Wesen des Exils, nicht die Emigration an sich, sondern lediglich die logische Entsprechung jenes verlorenen Schatzes, die nat\u00fcrliche Folge der Einbu\u00dfe des Vertrauten und Ererbten, ohne das leben zu wollen mir damals unvorstellbar und leben zu k\u00f6nnen ehrlos vorkam. Wirkliche Gl\u00fcckempfindungen habe ich jahrelang nur in manchen N\u00e4chten, anfangs h\u00e4ufig, dann immer seltener erlebt, st\u00fcrmische, t\u00f6richte, selige R\u00e4usche von Gl\u00fcck, aus denen ich in Schwei\u00df gebadet, mit klopfenden Pulsen und wahnsinniger Entt\u00e4uschung erwachte. Es war fast immer ein und derselbe Traum, in dem ich weiter nichts Sch\u00f6nes sah und in dem nichts passierte, als dass ich mich in eine Stra\u00dfe jener Stadt zur\u00fcckversetzt sah, deren Bewohner mich grausam bespien und verjagt hatten und die f\u00fcr mich nur den einen, allerdings unwiderruflichen Vorzug besa\u00df, dass ich da geboren war. Das hat nichts mit Sentimentalit\u00e4t zu tun.<\/p>\n<p>Und dann kam wieder ein Tag. An diesem Tag brachte mein Vater die gr\u00fcnen P\u00e4sse mit der grauenhaften Rune auf dem Deckel und dem obsz\u00f6nen roten Jot auf der ersten Seite, die er so lange auf den hochm\u00fctigen Konsulaten vergebens zu Markte getragen hatte, heim, und es war in jeden ein Visum eingestempelt, ausgestellt auf ein fernes primitives Land, von dem ich in der Schule nichts gelernt und dessen Namen ich kaum jemals geh\u00f6rt hatte. Wei\u00df der Himmel, welchem Zufall oder welcher Ausdauer oder welcher ausgekl\u00fcgelten Erniedrigung diese Einreisegenehmigung zu verdanken war. Die Stadt, in der wir letzthin mit den Nachtkellnern eines Sektpavillions in einem gemeinsamen Schlafsaal gehaust hatten, war l\u00e4ngst auf allen Seiten von Hitlerterritorium umgeben. Aber das Visum war ein Zauberstab, und es \u00f6ffnete sich f\u00fcr uns die Himmel. Ein Hilfsverein zahlte unsere Passagen, und mein erster Flug hob mich hinaus aus dem Kessel der Treibjagd. Ein paar Tage in einer begehrten Weltstadt, allerdings ohne ein Pfennig in der Tasche \u2013 immer wiederkehrende Tantalussituation des Exils \u2013 dann sa\u00dfen wir zwischendecks auf einem Dampfer und \u00fcberquerten das Meer. Die Reise zu unserem neuen Bestimmungsort dauerte einen ganzen Monat. Und in der Mitte des Ozeans stand eines Tages auf einem schreibmaschinengeschriebenen Anschlag zwischen Nachrichten von einem Tennisturnier und der Verhaftung eines bekannten Gangsters zu lesen, dass die Stadt, der wir entronnen waren, mitsamt den Volksk\u00fcchen, in denen wir gegessen, und den Pfandleihanstalten, wo wir die Reste unserer Garderobe gelassen, mitsamt den Polizeistationen, Konsulaten und Fl\u00fcchtlingsstellen, in denen wir Schlange gestanden, und dem gr\u00f6lenden Sektpavillion, \u00fcber dem wir geschlafen hatten, eine Beute Hitlers geworden war. Dieser Tag war das Ende meiner Emigration und der Beginn meiner Immigration.<\/p>\n<p>Emigration und Immigration sind, obgleich offenbar miteinander verwandt, doch gleichzeitig so grundverschieden, wie Verlobung und Ehe verwandt und verschieden sind. Mit einer grauenhaften Weibsperson ist es entsetzlich verlobt oder verheiratet zu sein, aber es ist auf andere Weise entsetzlich.<\/p>\n<p>Die Verlobungszeit mit der Emigration war voll von st\u00fcrmischem Auf und Ab, Hin und Her gewesen, voll hektischer Erregungen und tiefer Depressionen. Auf die Dauer konnte man so nicht leben, das war klar. Wir waren bei Schulschluss im Fr\u00fchjahr ausgewandert, und ich erinnere mich der irren Hoffnung, in der ich den ersten Sommer verlebte, im Herbst nach den gro\u00dfen Ferien bei ver\u00e4nderten Verh\u00e4ltnissen, so als w\u00e4re nicht geschehen, wie schon so oft in meine Schule zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Solche Hoffnungen waren nun f\u00fcr immer erloschen. Die Immigration war von vornherein auf Dauer angelegt. Man hatte eine Einreiseerlaubnis, eine unbeschr\u00e4nkte Aufenthaltserlaubnis, ja sogar eine Erwerbserlaubnis. Bald musste man nicht mehr von misstrauisch dargereichten Mildt\u00e4tigkeiten leben, sondern durfte sich eine Arbeit suchen, eine Wohnung mieten, Mahlzeiten kochen. Man wurde nicht mehr abgeschoben, abends gab es wieder die Pantoffeln und morgens den Wecker. Es hatte Sinn, die neue Sprache zu lernen, denn es w\u00fcrde wohl noch morgen und \u00fcbermorgen dieselbe sein. Die Misere war jetzt Alltag geworden.<\/p>\n<p>Aber was sollte ein siebzehnj\u00e4hriger Gymnasiast machen, der in der Erwartung eines geistigen Berufes erzogen wurde und gelebt hatte? Was n\u00fctzte jetzt das bisschen Algebra und Latein? Die Schule war zu Ende, jetzt musste Geld verdient werden. W\u00e4hrend der n\u00e4chsten zehn Jahre trieb ich \u2013 das war schon zum Lebensgesetz geworden \u2013 von einem Land zum anderen, von einer Besch\u00e4ftigung zur n\u00e4chsten. Ich war Maurer und Elektriker, Bibliotheksgehilfe und Textilarbeiter, Hausierer und Nachtw\u00e4chter, Sprachlehrer und chemischer Techniker, Bergarbeiter und K\u00fcrschner, Buchhalter und \u00dcbersetzer, und immer ein Fremder. Einmal Emigrant, immer Emigrant. Diese Wahrheit erfuhr ich am eigenen Leibe. Und obschon ich das neue Land nicht eroberte, entschwand das alte immer mehr. Weit weg war Europa und die Aufgaben der Gegenwart dringend. Zuerst freilich besch\u00e4ftigte die Vergangenheit noch sehr. Man verkehrte fast ausschlie\u00dflich mit anderen Emigranten, die Gespr\u00e4che drehten sich um das politische Geschehen, demzufolge man hier zusammensa\u00df, um das \u201eFr\u00fcher\u201c, das einem jeden in einem verkl\u00e4rten Licht erschien, um die Flucht, deren jede einzelne einem fesselnden Roman glich. Man las die Emigrantenzeitungen, gr\u00fcndete Emigrantenvereine, spielte Emigrantentheater. Und endlich \u2013 so empfanden wohl die meisten \u2013 brach der gerechte Krieg aus, und jeder Sieg der alten Heimat wurde mit Erbitterung, Niedergeschlagenheit und Angst, jede ihrer Niederlagen mit gieriger Genugtuung und irrsinnigem Jubel aufgenommen. Aber die Gegenwart wurde immer st\u00e4rker und die Vergangenheit immer schattenhafter. Und als es dann klar wurde, dass der entsetzliche Krieg im Grund entschieden war und die Niederzwingung des Untiers nur mehr eine Frage der Zeit, begann sogar das Interesse an den europ\u00e4ischen Entwicklungen nachzulassen. Man war der grauen Gegenwart nun g\u00e4nzlich ausgeliefert, weil einen sogar der Hass im Stich gelassen hat, der noch eine Verbindung mit dem Ursprungsort darstellte. Noch einmal wurde man aufgew\u00fchlt von den unglaublichen und doch wahren Nachrichten, die aus Europa kamen: die vergasten Millionen von Menschen. Nur durch einen Zufall, ein Missverst\u00e4ndnis war man selber nicht dabei.<\/p>\n<p>Und dann kam wieder ein Tag. Der Krieg war zu Ende. Die deutschen St\u00e4dte und die j\u00fcdischen Krematorien rauchten zum Himmel, es war ein und derselbe Rauch. War jemand von den Menschen, die damals, vor undenklichen Zeiten, zur Familie geh\u00f6rt haben, noch am Leben? Was war mit dem Gro\u00dfvater, der Gro\u00dfmutter, den Onkeln und Tanten, den zahllosen Vettern und Kusinen geschehen, die nicht emigrieren konnten, sondern daheim geblieben waren, und von denen jahrelang kein Sterbensw\u00f6rtchen her\u00fcbergedrungen war. Und dazu war das Telegramm da, durchs Rote Kreuz weitergeleitet, in franz\u00f6sischer Sprache. Es stammte von einem Onkel, der immer als eine Art schwarzes Schaf gegolten hatte, weil er \u2013 der Himmel wei\u00df warum \u2013 katholisch geworden war. Das Telegramm enthielt nur zwei Worte: Rest\u00e9 seul. Die Taufe hatte ihm, wie ich sp\u00e4ter erfuhr, das Leben gerettet. Wir stammen ja aus einem christlichen Land. Alle anderen tot. Die Gro\u00dfmutter auf der Landstra\u00dfe mit dem Gewehrkolben erschlagen, der achtzigj\u00e4hrige Gro\u00dfvater im Vernichtungslager verschollen. Ich habe sp\u00e4ter einen Landsmann getroffen, der mit ihm zusammen in Auschwitz war und es \u00fcberlebt hat. Er habe in der K\u00fcche gearbeitet, erz\u00e4hlte der Mann, und meinem Gro\u00dfvater eine gekochte Kartoffel gebracht, und da habe ihm der sterbende Gro\u00dfvater die Hand gek\u00fcsst. Und am n\u00e4chsten Tag sei er verschwunden gewesen. Und verschwunden waren auch alle anderen, Frauen und M\u00e4nner, Alte und Junge, ebenso wie die kleinen Kinder, vergast, verschleppt, erschlagen, ermordet. Rest\u00e9 seul. Auch dieser Tag war ein Tag der Konfrontierung mit der Emigration.<\/p>\n<p>F\u00fcnfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit ich ausgewandert bin, achtzehn seit der Krieg zu Ende ist. L\u00e4ngst bin ich in einem Land, wo ich eine vierte Sprache gelernt habe. Ich bin sogar Staatsb\u00fcrger geworden und habe einen neuen Pass. Er ist wieder gr\u00fcn, aber ohne Rune und Jot. Ich habe geheiratet. Ein deutsches, christliches M\u00e4dchen. Zufall oder geheime Bewandtnis? Wir haben drei Kinder, die zwei Sprachen sprechen. In dem Ma\u00dfe, wie die weltgeschichtlichen Konvulsionen nachlie\u00dfen, milderte sich auch mein seelischer Aufruhr. Ich habe doch wieder meine Studien aufnehmen und den nie vergessenen, nie aufgegebenen geistigen Beruf ergreifen k\u00f6nnen. Und was mehr ist: eine unabweisbare Gewissheit sagt mir, dass ich darin mehr und Gr\u00f6\u00dferes leiste, ja, dass ich ein bedeutenderer Mann geworden bin, als es ohne die Emigration m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Und einmal bin ich auch wieder \u201edr\u00fcben\u201c gewesen. Nicht blo\u00df in Europa im Allgemeinen, sondern \u201edort\u201c, an der Stelle meines Ausgangs. Es begann harmlos genug mit Frankreich und Italien. Aber dann durchquerten wir die Alpen und n\u00e4herten uns meinen Urspr\u00fcngen, dem Lande meiner V\u00e4ter, wie es sch\u00f6n hei\u00dft. Unsere zwei Kinder reisten mit uns, alle waren erm\u00fcdet, ich hatte meiner Frau versprochen, in einer kleinen Stadt zu \u00fcbernachten. Aber als wir am Nachmittag da anlangten, hatte mich ein sonderbares Fieber ergriffen, von innen her, das Schichten erfasste, die ich f\u00fcr versch\u00fcttet gehalten hatte. Ohne auch nur zu halten, durcheilte ich den Ort, immer weiter und weiter. Meine Frau fragte nicht. Sp\u00e4t nachts fuhr ich in meiner Geburtsstadt ein.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Tage verlebte ich in einem Trancezustand. Wie ein Traumwandler zog ich durch die Gassen, meine Familie hinter mir her. Alles schien unver\u00e4ndert. Mit einer fast schmerzenden Hellsichtigkeit wusste ich nach zwanzig Jahren jedes Fenstersims, jeden Torbogen voraus, wusste, dass der \u00fcbern\u00e4chste Laden eine Konditorei, dass hinter der n\u00e4chsten Ecke drei Ahorne und eine Bank sein mussten. Und bei jeder Best\u00e4tigung wurde etwas heil. Hier, an diesem Platz hatte mein Vater eine Taxe angehalten und mich hineingesetzt, weil ich verschlafen hatte und zu Fu\u00df zu sp\u00e4t zur Schule gekommen w\u00e4re. Hier war zu meinem Entsetzen mein Reifen \u00fcber das Br\u00fcckengel\u00e4nder gesprungen und den Fluss hinuntergetrieben. Wo war er jetzt? Hier unter dem Denkmal des geigenden K\u00fcnstlers, im Schatten der Fliederb\u00fcsche, hatte ich das erste M\u00e4dchen gek\u00fcsst. Und hinter diesem Vorg\u00e4rtchen hatte ich gewohnt. Fremde Kinder spielten darin. Alle Zeit zwischen jetzt und damals war ausgel\u00f6scht. Es h\u00e4tte gestern, aber auch vor zweihundert Jahren sein k\u00f6nnen. Willenlos dr\u00fcckte ich die schwere schmiedeeiserne T\u00fcr auf. Im Foyer war es stockdunkel. Ich tastete mich bis zur T\u00fcr vor, die zum Lichthof f\u00fchrte, wo unsere W\u00e4sche im Sommer zum Trocknen oft gehangen hat. Ich \u00f6ffnete, und statt des Hinterhauses, in dem wir gewohnt hatten, lagen Ruinen, Berge von Schutt. Und auch die Schule besuchte ich wieder. Wie viele Menschen haben dieses Erlebnis nicht schon beschrieben! Aber man muss es selber haben. Alles, alles haargenau wie vor zwanzig Jahren, ja sogar der Geruch ist bis auf die feinste Nuance derselbe. Wie klein, wie winzig klein sind die B\u00e4nke, ist es m\u00f6glich, dass ich hier gesessen habe? Ja, denn das hier habe ich selbst mit meinem Taschenmesser ins Pult geschnitzelt: \u201eHier sa\u00df ich einst in s\u00fc\u00dfer Ruh und sah dem Katz beim Zaubern zu.\u201c Und darunter meine Initialen. Katz war unser Chemielehrer gewesen und Zaubern nannte ich seine stets misslingenden Experimente. Und dann kam der Schuldiener und fragte, was ich wollte. Es war derselbe Mann mit dem slawischen Namen und Akzent. Nur waren seine Haare brennrot gewesen, als ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte, jetzt waren sie wei\u00df. Es war der einzige Mensch, den ich aus meiner Kinderzeit wiederfand. Die Stadt hatte ich, von einigen Bombensch\u00e4den abgesehen, bis zur schmerzenden Identit\u00e4t unverstellt gefunden. Die Menschen waren fremd geworden. Fremd und sonderbar beschr\u00e4nkt, wie mir schien. Ganz wehm\u00fctig machte mich die Melodie ihrer unendlich vertrauten mundartlichen Rede, aber was sie sagten, blieb mir unverst\u00e4ndlich. Sie sprachen von der Politik, aber nur von der des Tages, von den Preisen, aber es waren ganz andere Preise, vom Theater, aber die Schauspieler hie\u00dfen ganz anders. Und manchmal hie\u00df es, der Krieg, die Amerikaner, die Russen. Ich hatte nichts mit ihnen gemein. Ich merkte, dass ich f\u00fcr ein paar Traumtage in eine verschollene Zeit zur\u00fcckgekehrt war und nicht in einen Ort. Und als ich das merkte, konnte ich wieder abreisen. F\u00fcr diese Menschen lief kein Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sie waren ihnen eins. Meine Vergangenheit war hier, aber meine Gegenwart war anderswo, weit weg.<\/p>\n<p>Und als ich diese geheimnisvoll gleiche und doch so fremde Stadt verlie\u00df, dankte ich der Emigration, dass sie mich hinausgef\u00fchrt hatte in die Welt, die mir nun nicht mehr fremd erschien, sondern wieder bekannt und sinnerf\u00fcllt. Unendlich war der Preis gewesen. Den Verlust der Heimat verwindet man nicht leicht, und Ersatz f\u00fcr sie gibt es nicht. Sie ist wie ein Teil von einem selbst, und viele sind an dieser Abtrennung zugrunde gegangen. Ich habe \u00fcberlebt. Und darum wei\u00df ich, wer ich selbst bin, unabh\u00e4ngig von dem Ort, an dem ich mich befinde. Ich habe wieder einen Pass, und ich bin sehr zufrieden damit. Aber er ist mir nur ein Reisepapier. Ein Land hat mich aufgenommen, in dem meine F\u00e4higkeiten anerkannt werden, in dem meine Kinder aufwachsen. Ich bin dankbar daf\u00fcr, aber ich finde das nur richtig und nat\u00fcrlich. Ich verlange und erwarte das von allen L\u00e4ndern. Ich lebe gerne in dem Land, dessen Staatsb\u00fcrger ich bin, aber nichts hindert mich, seine Fehler zu erkennen und \u00f6ffentlich aufzuzeigen, zu seinem Nutzen, wie ich meine. Und wenn es mir eines Tages nicht mehr gefiele, so w\u00fcrde ich in ein anderes Land ziehen, und das w\u00fcrde mich kein Opfer kosten. Denn seit geraumer Zeit wei\u00df ich, dass ich nicht so sehr in diesem besonderen Land, sondern dass ich in der Welt lebe. Langwierig war das Erlernen dieser Kunst, gro\u00df ist der Gewinn, unsanft die Lehrmeisterin. Die dritte Stufe der Emigration hei\u00dft Weltb\u00fcrgertum.<\/p>\n<p>Herausgegeben und<strong><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/texte-aus-dem-nachlass-von-egon-schwarz-lebe-wohl-sudamerika-und-dank-an-die-emigration\/\"> mit Kommentar<\/a><\/strong> von Reinhard Andress<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Egon Schwarz &nbsp; Emigration ist schrecklich wie des Himmels Plagen, doch ist sie auch gut, ein Geschenk der G\u00f6tter wie sie. Die Emigration ist eine strenge Lehrmeisterin. Jeder Lebende erf\u00e4hrt den Schmerz, das Gef\u00fchl absoluter Sinnlosigkeit beim Verlust eines einzigen vertrauten Menschen. 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