{"id":6028,"date":"2019-01-04T17:56:32","date_gmt":"2019-01-04T22:56:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6028"},"modified":"2019-02-01T02:54:34","modified_gmt":"2019-02-01T07:54:34","slug":"rezension-hans-joachim-schadlichs-felix-und-felka","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/rezension-hans-joachim-schadlichs-felix-und-felka\/","title":{"rendered":"Rezension: Hans Joachim Sch\u00e4dlichs &#8220;Felix und Felka&#8221;"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">Hans Joachim Sch\u00e4dlich: <em>Felix und Felka<\/em><br \/>\nSchlaglichter auf die deutsche Geschichte<br \/>\nund auf einen zu Unrecht wenig bekannten, wichtigen Maler<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>von <strong>Theo Buck<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt ein ebenso verst\u00f6rendes wie nachhaltig fortwirkendes Selbstportr\u00e4t eines K\u00fcnstlers, der angstvoll seinen j\u00fcdischen Pa\u00df vorzeigt. Das Gem\u00e4lde &#8220;Selbstbildnis mit Judenpa\u00df&#8221; stammt von dem Maler Felix Nussbaum (1904-1944). Er hat das Bild ein Jahr vor seiner Ermordung in Auschwitz gemalt. Sein Name hat bislang keinen festen Platz in der Kunstgeschichte gefunden, obwohl die Geburtsstadt Osnabr\u00fcck mit guten Gr\u00fcnden eine Schule und ihr kunstgeschichtliches Museum nach ihm benannt hat. In eingef\u00fchrten Nachschlagewerken wie Herders Lexikon der Kunst oder Kindlers Malerei-Lexikon sucht man seinen Namen vergeblich. Deswegen ist es Sch\u00e4dlich besonders anzurechnen, da\u00df er mit der Lebenssituation Nussbaums zugleich ein beklemmendes St\u00fcck deutscher Geschichte in konkreten Schlaglichtern erz\u00e4hlt. Die im Grunde einfache Geschichte zweier j\u00fcdischer Maler verschiedener Herkunft und unterschiedlichen k\u00fcnstlerischen Niveaus schl\u00e4gt ein Thema an, das durch die genau dargestellten Zeitumst\u00e4nde zum Spiegel der vom Nazi-Deutschland korrumpierten zwischenmenschlichen Beziehungen wie daneben auch der teilweise dennoch bewahrten Menschlichkeit angehoben wird. Felix Nussbaum, Sohn eines beg\u00fcterten Reformjuden, und die aus armen Verh\u00e4ltnissen stammende polnische J\u00fcdin Felka Platek trafen 1927 in Berlin zusammen. Westliche und \u00f6stliche Welt des Judentums reiben sich hier, trotz gegenseitiger Liebe, aneinander. Sie lebten gemeinsam, ab 1933 im Exil, bis sie mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hlvorgang beginnt einleuchtend mit der bezeichnenden Szene an einem sch\u00f6nen Maitag des Jahres 1933 in der r\u00f6mischen Villa Massimo, wo der Maler Hanns Hubertus Graf von Merveldt den Mitstipendiaten Nussbaum f\u00e4lschlicherweise bezichtigt, ihm eine Bildidee gestohlen zu haben und ihn niederschl\u00e4gt. Mit diesem &#8216;t\u00e4tlichen Angriff&#8217; kommt von vornherein der von den Nationalsozialisten offizialisierte Antisemitismus ins Bewu\u00dftsein des Lesers. Unter diesen Umst\u00e4nden ist der Alltag von Felix und Felka schlagartig ver\u00e4ndert. Das Exil bestimmt das weitere Leben beider bis zur Deportation von Mechelen nach Auschwitz. Das Leben der Verfemten &#8220;aus dem Koffer&#8221;, wie es zutreffend im Text hei\u00dft, wird in den entsprechenden Erz\u00e4hlpartien schmerzlich sp\u00fcrbar. Ohne die &#8216;gro\u00dfe&#8217; Geschichte zu bem\u00fchen, beschreibt Sch\u00e4dlich in einer Kette von Momentbildern das weitere Leben beider K\u00fcnstler im Exil (Italien, Frankreich, Belgien) und, ab 1940, versteckt lebend in Br\u00fcssel bis zur verh\u00e4ngnisvollen Denunziation. Durch die jeweilige pr\u00e4zise Verankerung im rein individuellen Lebensbereich gewinnen die episodischen Schilderungen eine anhaltende \u00dcberzeugungskraft. Gebannt folgt man der szenenhaften narrativen Darstellung und erf\u00e4hrt dabei viel vom traurigen Niveau des Feuilletons am Osnabr\u00fccker &#8220;Stadtw\u00e4chter&#8221; oder vom widerw\u00e4rtigen Treiben des Nazi-Spitzels Kern. Auf der anderen Seite begegnen wir gl\u00fccklicherweise ebenso wirklichen Mitmenschen wie dem Ehepaar Etienne, den Familien Blum und Klein sowie dem Bildhauer Dolf Ledel und dessen Frau, ganz zu schweigen vom Wiedersehen mit Georg Meyer im franz\u00f6sischen Gefangenenlager Saint-Cyprien. Die politischen Entwicklungen finden lediglich Eingang durch punktuell notwendige Kl\u00e4rungen des Kriegsrahmens (spanischer B\u00fcrgerkrieg, deutscher \u00dcberfall auf Polen, Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien, den Niederlanden und Frankreich). Der historische Rahmen ist damit hinreichend angedeutet. Das gut \u00fcberschaubare Personal des Erz\u00e4hlzusammenhangs erf\u00e4hrt die geschichtlich notwendige Ausweitung durch andere, ebenfalls ins Exil getriebene Deutsche in den gleichen Orten, wie etwa Albert Einstein in De Haan oder Karl Marx in Br\u00fcssel. In \u00e4hnlicher Weise erinnert beim Abtransport vom belgischen Mechelen ins Vernichtungslager der damit angesprochene Lebenskreis des Gro\u00dfvaters von Beethoven an kulturelle Zusammenh\u00e4nge, die im Dritten Reich gewaltsam zerst\u00f6rt wurden.<\/p>\n<p>Ein Kapitel f\u00fcr sich ist die k\u00fcnstlerische Entwicklung von Felix Nussbaum unter den Umst\u00e4nden der Verfolgung mit den Etappen: Verlust der Heimat, Exil, reduziertes Leben im Versteck, Denunziation und Deportation. Anf\u00e4nglich dominiert noch der Versuch, einigerma\u00dfen &#8216;normal&#8217; weiter zu arbeiten; danach folgt &#8220;Verkaufsmalerei&#8221;, um etwas Geld zu verdienen. Daneben steht die verzweifelte Gestaltung von Bildern des Widerstands. Schlie\u00dflich kann es allein noch hei\u00dfen: &#8220;Felix pr\u00e4gt sich Bilder ein&#8221;, die er wenigstens zum Teil ausf\u00fchren kann. Am Ende gibt es nurmehr die aquarellierten Stilleben des Todes im anr\u00fchrenden Bericht von Irene Avret-Spicker.- Aus der unterschiedlichen k\u00fcnstlerischen Begabung zwischen Felix und Felka erwachsen immer wieder Schwierigkeiten im Zusammenleben. So bringt die verst\u00e4ndnislose H\u00e4rte des Reagierens von Felix auf das Portr\u00e4t, das Felka von Frau Etienne gemalt hat, eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr deren zunehmende seelische Krankheit. Ohnehin entwickelt sich beider Alltag zum resignierenden Sich-treiben-lassen nach dem Motto &#8220;Ich verstehe das alles nicht&#8221;, w\u00e4hrend Leidensgenossen wie Fritz Steinfeld, Hermann Kesten, Ludwig Meidner oder Erich Maria Remarque alles unternahmen, um weiterleben zu k\u00f6nnen. So konnten Felix und Felka am 20. Juni 1944 in der Rue Archim\u00e8de 22 aufgesp\u00fcrt und bald darauf deportiert werden.<\/p>\n<p>Besondere H\u00f6hepunkte der faktenreichen, durch \u00e4sthetische Transformation erkennbar gemachten Zusammenh\u00e4nge bildet zum einen die dem Vater Nussbaums gewidmete Erz\u00e4hlpartie. Sie konfrontiert uns mit einem ebenso anr\u00fchrenden wie beklemmenden Beispiel j\u00fcdischer Assimilation und des inhumanen Verrats durch das deutsche &#8216;Vaterland&#8217;. Zum andern ist vorrangig der den gesamten Lebenszusammenhang erhellende Traum von Felix auf der Fahrt in den Tod hervorzuheben (&#8220;Felix auf der Holzpritsche&#8221;). Der Autor fa\u00dft darin anfangs auch die Zeit vor dem mit 1933 einsetzenden Trauma zusammen, als sich Nussbaum zu einem von Karl Hofer gef\u00f6rderten Verfechter der &#8216;Neuen Sachlichkeit&#8217; entwickelte. In der vom Autor erz\u00e4hlerisch bewu\u00dft herausgestellten Traumsequenz tauchen fast alle am Schicksal von Felix und Felka beteiligten Personen noch einmal auf, wenngleich marionettenhaft verk\u00fcrzt, um den Lesern auf diese Weise deren Einwirkung, positiv oder negativ, in Erinnerung zu bringen. Selten ist ein K\u00fcnstlerleben mit all seinen Leistungen und Problemen, mit den Freuden und vor allem den Leiden auf dem knappen Raum weniger Seiten so einpr\u00e4gsam zusammengefa\u00dft worden, selten ebenso das konkrete Schicksal eines wichtigen deutsch-j\u00fcdischen K\u00fcnstlers. Das\u00a0 den Text eindringlich abschlie\u00dfende &#8220;Memento&#8221; macht in sprechender Einfachheit das ganze Ausma\u00df der von den Nazis verbrecherisch betriebenen Ausl\u00f6schung der Juden bewu\u00dft. Auch mit diesem Buch zeigt sich Sch\u00e4dlich wieder auf der H\u00f6he seiner Beschreibungskunst. Er ist und bleibt einer der einfallsreichen k\u00fcnstlerischen Protokollanten unserer Zeitgeschichte. Folgt man der Ma\u00dfgabe, in der Darstellung einer &#8220;unerh\u00f6rten Begebenheit&#8221; eine Novelle zu sehen, ist das Buch Sch\u00e4dlichs zweifellos als die Musternovelle eines Meisters der genauen, zum Weiterdenken anregenden Sprache einzustufen. Allein schon deswegen ist die eingehende Lekt\u00fcre von &#8220;Felix und Felka&#8221; unbedingt zu empfehlen.<\/p>\n<p>Hans Joachim Sch\u00e4dlich. <em>Felix und<\/em> <em>Felka<\/em>.\u00a0Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 2018.\u00a0<span class=\"nobr\">ISBN 9783498064372.<\/span><br \/>\nGebunden, 208 Seiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Joachim Sch\u00e4dlich: Felix und Felka Schlaglichter auf die deutsche Geschichte und auf einen zu Unrecht wenig bekannten, wichtigen Maler &nbsp; von Theo Buck &nbsp; Es gibt ein ebenso verst\u00f6rendes wie nachhaltig fortwirkendes Selbstportr\u00e4t eines K\u00fcnstlers, der angstvoll seinen j\u00fcdischen Pa\u00df vorzeigt. Das Gem\u00e4lde &#8220;Selbstbildnis mit Judenpa\u00df&#8221; stammt von dem Maler Felix Nussbaum (1904-1944). 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