{"id":6040,"date":"2019-01-04T18:08:27","date_gmt":"2019-01-04T23:08:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6040"},"modified":"2019-02-01T02:54:25","modified_gmt":"2019-02-01T07:54:25","slug":"rezension-gisela-holfter-and-horst-dickel-ed-an-irish-sanctuary","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/rezension-gisela-holfter-and-horst-dickel-ed-an-irish-sanctuary\/","title":{"rendered":"Rezension: Gisela Holfter and Horst Dickel. &#8220;An Irish Sanctuary&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Gisela Holfter and Horst Dickel. <em>An Irish Sanctuary: German Speaking Refugees in Ireland 1933-1945<\/em>.\u00a0Oldenbourg: De Gruyter. 2017. ISBN: 978-3-11-035145-3. 451 pages.<\/p>\n<p>von <strong>Gabriele Eckart<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Buch &#8212; ein Bericht \u00fcber die deutschsprachigen Fl\u00fcchtlinge, die von 1933 bis 1945 nach Irland kamen &#8212; ist ein au\u00dferordentlich wichtiger Beitrag zur Erforschung des Exils w\u00e4hrend der Nazizeit.\u00a0 Das Land bot ihnen Schutz, und sie bereicherten es in vielerlei Hinsicht, wie die Autoren dieser Monographie an fast unz\u00e4hligen Beispielen zeigen.\u00a0 Fl\u00fcchtlinge aufnehmen ist, so die Botschaft zwischen den Zeilen, eine win-win-situation f\u00fcr beide Seiten.\u00a0 Um das Material daf\u00fcr zusammenzutragen, forschten die Autoren in Archiven nicht nur in Irland, sondern auch in Deutschland, \u00d6sterreich, den USA, England, in Israel und der Tschechoslowakei. Zus\u00e4tzlich f\u00fchrten sie Interviews. In einem wohltuenden Unterschied zu den vielen anderen B\u00fcchern \u00fcber das Exil bezieht sich dieser Text nicht nur auf das Leben von Schriftstellern und Akademikern, sondern auch \u201ckleiner Leute\u201d, etwa Studenten, Handwerker und Gesch\u00e4ftsleute.<\/p>\n<p>Gegliedert ist der Text in drei Teile: Teil I behandelt, warum die betreffenden Personen emigrieren mussten und wie sie nach Irland gekommen sind, Teil II, wie die irische Regierung auf die Fl\u00fcchtlinge reagierte, und Teil III die Nachkriegsgeschichten der Exilierten.\u00a0 Geographisch und kulturell zu weit weg, war Irland neben Island das westeurop\u00e4ische Land, in das die wenigsten deutschsprachigen Fl\u00fcchtlinge kamen. Zwischen 1933 und 1938 waren es nur 52 Personen, alle stammten sie aus j\u00fcdischen Familien, die nach Hitlers Machtantritt drangsaliert worden sind. Nach der Kristallnacht kamen noch einige mehr. Fast alle Fl\u00fcchtlinge wollten eigentlich nach England oder in die USA; Irland mit seiner schwachen Wirtschaft war die zweite Wahl und am Anfang nur als Transitland in Betracht gezogen worden. Nach dem Anschluss \u00d6sterreichs 1938 kamen 155 Fl\u00fcchtlinge aus Wien und einige wenige aus der Tschecholowakei, vor allem aus Komotau, die letzteren waren von Konrad Henleins Sudentendeutscher Partei terrorisiert worden, bevor sie sich entschieden, ihre Habe (in manchen F\u00e4llen Fabriken) aufzugeben und wegzugehen.\u00a0 Hilfsnetzwerke religi\u00f6ser Organisationen, vor allem der Quaker, halfen mit Stipendien und bei der Regelung von Visaangelegenheiten. Da die Zahl der nach Irland gekommenen Fl\u00fcchtlinge so relativ gering ist, konzentrieren sich die Autoren auf die detaillierte Erforschung der Geschichten einzelner Familien, mit Stra\u00dfe, sogar Hausnummer, beruflicher T\u00e4tigkeit, wer hat wen zur erfolgreichen Flucht verholfen, dazu Fotos. Manchmal gelang nur einem Familienmitglied die Flucht, die anderen starben in der Shoah.<\/p>\n<p>Das wellenartige Auf und ab der irischen Fl\u00fcchtingspolitik (nach Kriegsausbruch wurde die gro\u00dfz\u00fcgige Einwanderungspolitik der irischen Regierung von 1938 aus Angst vor den Fl\u00fcchtlingsmassen, die in das neutrale Land am Rand Europas str\u00f6men k\u00f6nnten, zur\u00fcckgenommen) schildert Teil II.\u00a0 Und die \u00dcberwachung der schon in Irland lebenden Fl\u00fcchtlinge wurde aus Sicherheitsgr\u00fcnden versch\u00e4rft: Post\u00fcberwachung, sogar Wohnungsdurchsuchungen gab es.\u00a0 Ein Zitat: \u201cThe status as refugees, sometimes rendered as \u2018Refujews\u2019 in G2 reports, spared them neither surveillance nor suspicion\u201d (145). Waren die Iren antisemitisch? Die irische Verfassung garantierte Religionsfreiheit, aber in der jungen Nation gab es Bev\u00f6lkerungsteile, die Juden als nicht-integrierbar und un-irisch ansahen.\u00a0 Dabei brauchten nur 90 der insgesamt 426 Fl\u00fcchtlinge eine wirtschaftliche Unterst\u00fctzung, auch in dieser Hinsicht taten sich die Quaker unter den religi\u00f6sen Vereinen mit der gr\u00f6\u00dften Hilfsbereitschaft hervor. Die Fallbeispiele in Teil II sind so konkret, dass wir nicht nur erfahren, in welchen einzelnen Jobs die betreffenden Personen gearbeitet haben (die meisten hatten mehrere, um durchzukommen), sondern auch ihr Einkommen.\u00a0 Obwohl mager in den meisten F\u00e4llen, erm\u00f6glichte es den Fl\u00fcchtlingen einen Lebensstandard, der sich von den Iren in den ausgedehnten Slums Dublins, die sie bei den Stra\u00dfenbahnfahrten durch die Stadt t\u00e4glich vor Augen hatten und die abschreckend wirkten, stark unterschied.<\/p>\n<p>Am Ende der Lekt\u00fcre des zweiten Teils ist man so vertraut mit einigen der Fl\u00fcchtlinge, dass man kaum erwarten kann zu erfahren, wie es mit ihnen nach dem Krieg weiterging. Nur ganz wenige kehrten in ihre Herkunftsl\u00e4nder, in denen Deutsch gesprochen wurde, zur\u00fcck.\u00a0 Die meisten wanderten weiter, vor allem nach England, in die USA und nach Kanada. Einige, nicht nur Akademiker, die in Irland Stellen gefunden hatten, sondern auch Ingenieure und Handwerker, blieben im Land.\u00a0 Viele der Fl\u00fcchtlinge haben, sei es akademisch, sei es in der Industrie, wesentlich zur Modernisierung und Europ\u00e4isierung Irlands beigetragen, heben die Autoren zum Schluss hervor.<\/p>\n<p>Das Buch liest sich leicht, es ist spannend; immer m\u00f6chte man wissen, wie es mit diesem oder jenem Fl\u00fcchtling (man kennt nach einer Weile ihre Namen) weitergeht.\u00a0 Etwa die H\u00e4lfte aller Seiten f\u00fcllen Fu\u00dfnoten mit Quellenangaben oder erg\u00e4nzenden Details, oft Zitate aus Briefen oder Autobiographien der Fl\u00fcchtlinge. Eine gro\u00dfe Hilfe bei der Lekt\u00fcre ist der Anhang am Ende des Buches: Indexe f\u00fcr Personen und Orte sowie eine ausf\u00fchrliche und gut gegliederte Bibliographie. Wer sich f\u00fcr das Exil interessiert, soll das Buch unbedingt lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gisela Holfter and Horst Dickel. An Irish Sanctuary: German Speaking Refugees in Ireland 1933-1945.\u00a0Oldenbourg: De Gruyter. 2017. 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