{"id":6088,"date":"2019-01-23T02:29:48","date_gmt":"2019-01-23T07:29:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6088"},"modified":"2019-02-01T02:54:04","modified_gmt":"2019-02-01T07:54:04","slug":"plotzlich-liegt-die-vergangenheit-vor-uns","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/plotzlich-liegt-die-vergangenheit-vor-uns\/","title":{"rendered":"&#8220;Pl\u00f6tzlich liegt die Vergangenheit vor uns&#8221;"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">Eine Interview mit Anne Weber zu ihrem Familienbuch\u00a0<em>Ahnen<\/em><\/h3>\n<p>Anne Weber was born in Offenbach in 1964 and now lives in Paris, where she works as a writer and translator. She translates German authors into French (Wilhelm Genazino and Sybille Lewitscharoff among others) as well as French authors into German (among them Pierre Michon and Marguerite Duras). She has received numerous prizes for her work, including the 2010 Kranichstein Literature Prize. Weber writes her own books in both German and French.<\/p>\n<p>Anne Weber&#8217;s works include:\u00a0<em>Tal der Herrlichkeiten <\/em>(2012),\u00a0<em>August. Ein b\u00fcrgerliches Puppentrauerspiel\u00a0<\/em>(2011),\u00a0<em>Luft und Liebe\u00a0<\/em>(2010),\u00a0<em>Gold im Mund\u00a0<\/em>(2005), and\u00a0<em>Erste Person\u00a0<\/em>(2002).<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch \u00fcber <em>Ahnen\u00a0<\/em>(2015)\u00a0f\u00fchrte <strong>Helga Druxes<\/strong>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Helga Druxes<\/strong>: Kann man sich aus einer Familie auch herausschreiben? Kann man es?<\/p>\n<p><strong>Anne Weber<\/strong>: Nein, kann man nat\u00fcrlich nicht. Man kann h\u00f6chstens versuchen, sich in einer Art Abwehrreaktion vielleicht zu l\u00f6sen, und sich ihr zu n\u00e4hern nat\u00fcrlich auch, aber man kann sich nicht wirklich aus der Familie hinausschreiben, . . . \u00a0genau so, wie man sich auch nicht aus einem Land herausschreiben kann. Es gibt ja die Versuchung, sich aufzumachen und abzuhauen in andere Gegenden, damit mein\u2019 ich jetzt nicht nur Frankreich &#8211;ich bin nach Frankreich gegangen, Sebald ist nach England gegangen. Es gibt ja auch die Versuchung, bei einigen hat es das gegeben, sich eine j\u00fcdische Identiti\u00e4t anzueignen und sich sozusagen auf die andere Seite zu schlagen. Das kann ich auch sehr gut nachvollziehen, obwohl ich es nicht versucht habe und auch nicht machen w\u00fcrde. Aber diese Versuchung gibt es, man m\u00f6chte ja nicht gerne deutsch sein. Aber damit mu\u00df man leben, da kann man sich nicht rausschreiben.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: In <em>Ahnen<\/em> gelingt Ihnen ein Spagat zwischen den Jetztzeit und dem Damals: wir erfahren, was damals war, ohne die heutige Perspektive aufzugeben. W\u00fcrden Sie diese Entscheidung kommentieren?<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Ja, ich glaube tats\u00e4chlich, dass das etwas Besonderes ist an dem Buch und es ist mir relativ schnell klargeworden als ich anfing zu schreiben daran, dass ich diese Vergangenheit nicht w\u00fcrde beschreiben k\u00f6nnen \u2013 also die Zeit meines Urgro\u00dfvaters erstmal\u2014als etwas Abgeschlossenes, von mir ganz und gar Getrenntes, was dann irgendwann stattgefunden hat, und was ich versuche zu rekonstruieren. Und wom\u00f6glich wie man es im historischen Roman macht, dass man Leute sprechen l\u00e4\u00dft und das so wieder auferstehen l\u00e4\u00dft in der Zeit.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Ja, vielleicht weil es so lange her ist, ist es noch besonders schwierig.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Es ist nicht so sehr, dass es schwierig ist, es ist wirklich, weil meine Haltung zu der Vergangenheit \u2018ne andere ist und auch gerade besonders in <em>diesem<\/em> Buch, weil es auch um meine Familie, nicht nur um die Vergangenheit insgesamt die nationale von mir aus, oder die europ\u00e4ische, sondern die famili\u00e4re geht, so wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich weniger diese Zeit beschreiben w\u00fcrde und weniger bestimmte Fakten darlegen, die ich auswendig . . . kein geschlossenes Bild dieser Vergangenheit w\u00fcrde herstellen k\u00f6nnen, sondern meinen Weg zu der Vergangenheit <em>hin. <\/em>Und dass daraus dann so etwas entstehen w\u00fcrde wie eine Reise in die Vergangenheit; also eine Art Reisejournal, aber nicht an einen Ort (obwohl Orte nat\u00fcrlich besucht werden), aber in eine andere Zeit. Dass man also bei dieser Reise nie ankommt und sagt, jetzt bin ich da, so ist es gewesen, und so haben die gelebt und so haben die gedacht sondern, dass es \u2018ne Ann\u00e4herung ist und das Bild, das entsteht, glaub\u2019 ich, von dieser Vergangenheit ist kein festes rigides, sondern es ist eines, was auch in Bewegung ist, und dann hab\u2019 ich zuf\u00e4llig als ich aber das Buch schon angefangen hatte, von Gustav Landauer dieses Zitat gefunden zur Vergangenheit, das stimmte nun wirklich recht genau \u00fcberein mit dem, was ich mir auch schon so gedacht hatte. Er sieht also zwei Vergangenheiten an, einmal die Vergangenheit, so wie es war, also was jetzt im n\u00e4chsten Augenblick schon vor\u00fcber ist, und wo wir im Grunde keinen Zugang mehr dazu haben. Das ist diese abgeschlossene Vergangenheit, die es ja auch gegeben hat, aber die uns nicht mehr zug\u00e4nglich ist. Und dann gibt es eine andere Vergangenheit, die wir erst schaffen, indem wir uns auf sie zubewegen oder indem wir uns mit ihr besch\u00e4ftigen, und indem wir uns in sie hineinvertiefen. Und das ist im Grunde dann \u2018ne Vergangenheit, die nicht mehr hinter uns liegt sondern vor uns. Das gibt dann ein ganz sch\u00f6nes Paradox, dass die Vergangenheit pl\u00f6tzlich etwas ist, was vor uns liegt, was mir sehr gut gefallen hat. Das ist eine ver\u00e4nderbare, das ist nicht ein f\u00fcr allemal so fixiert, ja, das ist etwas Flexibles.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Auch je nachdem, was man noch entdeckt.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Genau, die Vergangenheit am Anfang des Buches, die wahrscheinlich \u2018ne andere als die am Ende.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Glauben Sie, dass es aus der Distanz eines anderen Landes leichter f\u00e4llt, diese Aufgabe auszuf\u00fchren?\u00a0 Schwer ist diese Aufgabe ja auf jeden Fall. Oder spielt das keine Rolle?<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Doch, ich denke unbedingt, dass es leichter f\u00e4llt. Im Zusammenhang mit der deutschen Vergangenheit dann auch leichter als wenn ich in Deutschland geblieben w\u00e4re. . . Ich bin mit 18 aus Deutschland weggegangen und hatte noch nie einen Juden gesehen. Ich hatte auch das Gef\u00fchl, es gibt keine mehr. Wir haben sie alle umgebracht. Ich hab\u2019 dann zum ersten Mal in Frankreich Juden \u00fcberhaupt getroffen. Im Grunde merkt man ja auch, das haben Sie sicher auch gemerkt, man merkt ja eigentlich nur im Ausland, findet man zu einem Bild davon, was man selbst ist, wenn man von den anderen gesehen wird. Wenn man sich immer nur von Deutschen gesehen sieht, also gesehen wird, dann ist es ein ganz und gar ungen\u00fcgendes Bild, was man von sich hat. Es ist im Grunde, als w\u00fcrde man sich selbst\u00e4ndig im Spiegel angucken und davon h\u00e4tte man auch keinen Eindruck.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Sie haben in Ihrem Buch auch einmal gesagt: \u201cIch verkehre nur mit Menschen, nicht mit Generationen.\u201d Das macht das Buch sehr pers\u00f6nlich. Sie versuchen nicht, den Urgro\u00dfvater in eine bestimmte Generation von Nationalisten einzuordnen. Vor dem ersten Weltkrieg waren viele Deutsche sehr national eingestellt. Man kann es u.a. bei Victor Klemperer nachlesen, der ja so akribisch Tagebuch gef\u00fchrt hat. Aber Sie versuchen eben nicht nur, diese Person in eine bestimmte Schublade oder Kategorie typischer Deutscher einzuordnen. Sondern sich ihm wirklich als Individuum anzun\u00e4hern. Weil er ja ungew\u00f6hnliche Entscheidungen getroffen hat. Seine Neustarts zum Beispiel, v\u00f6llige Kehrtwenden. \u201cDieser Beruf sagt mir nicht zu, ich fange noch einmal neu an.\u201d<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Unbedingt. Und dieses letzte Werk <em>Deutsche Bauh\u00fctte<\/em> ist schwierig. Sicher, er hat sich ja vorgestellt, da\u00df die ganze deutsche Gesellschaft das so lesen k\u00f6nnte. Er hat das ja leicht schreiben wollen, als eine leichte Lekt\u00fcre, aber das ist ihm nicht gelungen.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Seine Idee war ja, einzelne sollen einen Wiederaufbau leisten.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Ja, aber nur so ganz kleine Zellen. Auf keinen Fall gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge, weil er gegen die repr\u00e4sentative Demokratie war, wollte er die Verantwortung nicht abgeben an andere. Und in gr\u00f6\u00dferen Gruppen geht es ja dann irgendwann nicht mehr anders. Aber \u00fcberhaupt die <em>Idee<\/em>, dass jemand in diesen Jahren der Emp\u00f6rung, wo ganz Deutschland geschrieen hat nach . . . diese ganzen Reparationszahlungen waren ja sehr hoch und wurden von so gut wie allen als viel zu hoch eingestuft. Als Ungerechtigkeit. Und dass in dieser Stimmung, in dieser Wut, jemand genau das Gegenteil sagt. Er sagt, wir haben uns jetzt dazu verpflichtet, er redet da eigentlich gar nicht viel dar\u00fcber. Das l\u00e4\u00dft er ja nebenbei und fordert aber dann etwas, was ganz unabh\u00e4ngig f\u00fcr ihn von den Versailler Vertr\u00e4gen und Reparationszahlungen ist: n\u00e4mlich auf das eigene Gewissen zu h\u00f6ren, und hat man selbst, also habe <em>ich<\/em> irgend etwas geleistet, um dieses Unrecht wieder gutzumachen? Aber da spielte sicher auch sein eigenes Schuldbewu\u00dftsein \u2018ne gro\u00dfe Rolle, weil er auch in die Kriegstrompeten geblasen hat am Anfang und sehr nationalistisch und militaristisch gedacht hat am Anfang des Krieges. Ja, aber solche Sachen sind nicht generationstypisch, der Nationalismus, der preu\u00dfische Militarismus, das sicher schon. Aber das ist ein bisschen auch das, was mein Buch unter Anderem unterscheidet von einem geisteswissenschaftlichen Werk. Als Geisteswissenschaftler ist man ja gezwungen, auch gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge einzubeziehen und in Tendenzen und Generationen zu denken und das ist ja nicht mein Ziel gewesen.<\/p>\n[Um mein Anliegen zu verstehen] Vielleicht sollte man insistieren auf diese Vorgehensweise, wie ich das vorhin beschreiben habe. Der Anfang des Buches ist ja schon so, dass es immer auch darum geht, wie die Vergangheit in die Gegenwart hineinreicht. Wie sie sich verl\u00e4ngert bis heute. Es gibt einige B\u00fccher, so Vergangenheitsbew\u00e4ltigungs-b\u00fccher, bei denen aber, glaub ich, die Vergangenheit als etwas, was man aus der Ferne anschaut und begutachtet, vielleicht h\u00e4lt man sich zur\u00fcck, zu urteilen. Aber man sieht das so als etwas, was eigentlich mit einem Selbst wenig zu tun hat, was man nicht versteht. Man versucht es vielleicht, es zu verstehen, aber es ist so in die Ferne ger\u00fcckt und man schaut da so drauf. Ich habe versucht, nicht absichtlich so versucht, sondern es ist einfach aus meiner Erfahrung mit . . . wahrscheinlich auch weil ich im Ausland lebe, als in Frankreich Lebende, immer konfrontiert wurde mit dem Bild des Deutschen und dieser deutschen Vergangenheit, hab\u2019 ich versucht, die Vergangenheit zu beschreiben als etwas, was mich jetzt st\u00e4ndig heute angeht, und nicht als etwas, was es nur noch so aus der Ferne zu analysieren g\u00e4lte. Und vielleicht kann man \u2018ne Parallele ziehen zu heute, das tun ja Historiker auch, aber ansonsten ist das abgeschlossen und in so \u2018ner Kapsel, irgendwo weit weg.<\/p>\n<p>Es ist die Rede im Buch auch von gewissen Str\u00f6mungen, es gibt den Ausdruck, den Begriff, der mir jetzt nicht einf\u00e4llt, Eugenik. Und solche Bewegungen wie Nationalismus sowieso\u2014das sind Sachen, die ich ja erw\u00e4hne, und die den Urgro\u00dfvater durchaus angehen, wovon er betroffen ist. Trotzdem versuche ich, ihn als Individuum zu sehen. Sonst k\u00f6nnte man ja das Buch einer Generation schreiben. Da br\u00e4uchte man sich ja \u00fcberhaupt nicht mehr f\u00fcr einzelne Menschen zu interessieren. Nat\u00fcrlich ist jeder, sind wir auch, in unserer Zeit verhaftet, sind diesen Einfl\u00fcssen ausgesetzt und k\u00f6nnen uns nicht dem allen ganz entziehen. Trotzdem sind wir doch v\u00f6llig verschiedene Individuen. Es mu\u00df sich doch jemand auch f\u00fcr diese Individuen interessieren. Wer, wenn nicht ein Schriftsteller?<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Was ich eben auch ganz hoffnungsvoll an Ihrem Buch finde, ist, dass Ihr Urgro\u00dfvater seine Meinung auch oft ge\u00e4ndert hat. Wenn er einmal in seinem Tagebuch aus dem Kontext seines eigenen Ungl\u00fccks anzweifelt, dass geistig Schwerbehinderte vom Staat unterst\u00fctzt werden sollten,\u2014eventuell gab es ja auch Probleme mit seiner Frau Emma, die psychischer Art waren, wo er vielleicht da gedacht hat, was macht man denn mit solchen kranken Menschen? Dass er da diese harte Frage stellt. Darauf kann man ihn aber gottseidank nicht f\u00fcr den Rest seines Lebens festnageln. Er hat auch ganz andere Sachen gedacht und gesagt.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Ja.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Wenn er das in sein Tagebuch schreibt, ist es noch etwas anders, als wenn er das in <em>Deutsche Bauh\u00fctte<\/em> geschrieben h\u00e4tte. Er war ehrlich\u2026<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: \u2026 zu sich selbst. Das ist etwas ganz Wichtiges, was ich mit herausgefunden habe. Es ist eigentlich auch vorher schon bekannt gewesen, aber man macht sich\u2019s nicht so richtig bewu\u00dft, dass man so einen Satz oder \u00fcberhaupt nichts von dem, was je in der Vergangenheit ge\u00e4u\u00dfert worden ist, je noch einmal wird lesen k\u00f6nnen, so wie er gesagt oder geschrieben worden ist. Dass es einfach weg und vorbei ist. Das Verst\u00e4ndnis oder die Intention, die man damals hatte, als Leute das gesagt oder geschrieben haben, das ist von uns aus nicht mehr zug\u00e4nglich. Man kann einfach einen solchen Satz heute nicht mehr lesen, ohne zu denken, dass diese Leute ja ermordet, vergiftet worden sind, und zu zig Tausenden. Das gilt einfach als \u2018ne Unm\u00f6glichkeit, dass man pl\u00f6tzlich jetzt so tut, als w\u00fcsste man das nicht. Man kann und will es nicht ausklammern, aber man kann nicht diesen Satz lesen und denken: na ja, das ist ja klar, wenn der das so gesagt hat, der h\u00e4tte das dann auch gemacht. Wenn der das so sagt, dann musste es ja so kommen. Er war in einer ganz bestimmten Situation seines Lebens, in der pers\u00f6nlichen Not, Ausweglosigkeit, moralische Not\u2014gesagt hat, weil er\u2019s auch in einer Situation der Betroffenheit, wo er Leute die litten, gesehen hat. Er wollte wahrscheinlich, dass die aufh\u00f6ren zu leiden.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Ja, er war davon auch \u00fcberfordert.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Also, ich behaupte, das kann ich nat\u00fcrlich nicht beweisen, dass er das so gesagt hat, dass er aber nie derjenige gewesen w\u00e4re, der das wirklich gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: <em>Deutsche Bauh\u00fctte<\/em> kommt ja aus einem ganz anderen Impuls. Unter extremem Stress sagen oder denken Leute harsche Dinge. Aber es ist auch gut, wenn sie sich die nicht verbieten, sondern sie herauslassen. Jemand wei\u00df, ich komme hier in Versuchung, etwas zu tun, was mein Gewissen mir verbietet. Und es dann trotzdem nicht tut.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Ja hm. Deswegen tu\u2019 ich ihm ja, ich sag\u2019s ja auch, unrecht, dass ich diesen Satz \u00fcberhaupt \u00f6ffentlich mache, ihn dann noch wiederhole.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Sie haben den nun gefunden, es ist auch schwer, ihn dann wieder zu vergessen.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Ich schreibe glaub\u2019 ich, sogar dazu, dass es ungerecht ist, weil es etwas ans Licht r\u00fcckt und insistiert auf etwas, was ein Satz von zig\u2014der hat ja sehr viel geschrieben, der Mann. Allein die Tatsache, dass ich nie ein antisemitisches Wort drin gefunden habe in diesen Aufzeichnungen. Das ist schon ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Mir ist aufgefallen, dass sie ihn als Hiobsfigur einf\u00fchren, als jemanden, der mit Gott hadert. Sie kommen auch sp\u00e4ter noch einmal auf diese Idee zur\u00fcck. Was sagt das \u00fcber seine Gesellschaft damals aus, wenn er sich so in die Enge getrieben f\u00fchlt? Wenn er sich so ernsthaft mit Dingen auseinandersetzt, die ihm sehr wichtig sind in seiner Beziehung zu Gott? Mit seinem Mentor Hesekiel nimmt er das auch sehr Ernst, dass er ihn in seiner Krise bemitleidet.<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Ja, das war ja das Schlimmste f\u00fcr ihn, diese Liebkosung, diese freundliche Geste. Sein Stolz, diese Dem\u00fctigung einer freundlichen Geste\u2014das ist verr\u00fcckt. Dieses ganz schwierige Verh\u00e4ltnis zu seinem Christentum und zu seinem Glauben, das ist in meiner Sicht, der christliche Glaube bis zum Schluss geblieben. Obwohl er dann unter dem Einflu\u00df von Nietzsche und sicher auch anderen Lekt\u00fcren diese Abkehr \u2013 Abkehr ist es ja nicht, sondern eine Wut dem Christentum gegen\u00fcber entwickelt. Die aber bei Nietzsche auch nicht ein wirkliches Nichtglauben, ein Atheismus oder dass man denkt, \u2018Gott ist tot\u2019 das hei\u00dft jetzt, also der Mann war Atheist, das ist ja Quatsch, der ist ja auch Christ geblieben bis zum Ende seines Lebens. Das war bei dem Florens Christian ja ganz \u00e4hnlich: die Unm\u00f6glichkeit, diesen Glauben abzulehnen. Vielleicht ist das die letzte Generation, die noch . . . Also der eine Sohn, also mein Gro\u00dfvater, der wurde ja dann auch sehr gl\u00e4ubig. Vielleicht ist es dann mit der \u00fcbern\u00e4chsten Generation.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Wer war sehr gl\u00e4ubig\u2014der SD-Mann?<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Der wurde es nach dem Krieg.<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Warum hat er sich Florens, also \u2018der Bl\u00fchende,\u2019 genannt?]\n<p><strong>AW<\/strong>: Er hat das Christentum abgelehnt, von sich geworfen und es ist wie \u2018ne Wiederauferstehung.\u00a0 In dem Moment als er aus dem Pfarrberuf scheidet, als er wieder in die Verwaltung zur\u00fcckgeht und also \u2026<\/p>\n<p><strong>HD<\/strong>: Sie arbeiten ja nicht nur als Autorin, sondern auch als \u00dcbersetzerin. Sehen Sie Parallelen zwischen der Analyse einer vergangenen Zeit und der Arbeit des \u00dcbersetzens? Gibt es Affinit\u00e4ten zwischen der Arbeit als \u00dcbersetzerin zwischen zwei Kulturen und Sprachen und dabei, eine vergangene Epoche in die Gegenwart her\u00fcberzubringen?<\/p>\n<p><strong>AW<\/strong>: Das ist eine sehr sch\u00f6ne Frage. Ich finde, es gibt einen Zusammenhang. N\u00e4mlich insofern, dass die W\u00f6rter ihren Sinn \u00e4ndern und man tats\u00e4chlich versucht ist, eine \u00dcbersetzung anzufertigen. Es sind ja bestimmte Begriffe, die auftauchen. Zum Beispiel der Ernst, der Glaube, andere Begriffe noch. Wenn jemand heute sagt \u201cich bin gl\u00e4ubig\u201d bedeutet das einfach absolut nicht mehr dasselbe, wie wenn das mein Urgro\u00dfvater gesagt hat. Tats\u00e4chlich ist das Buch ein Versuch, eine Ann\u00e4herung. Man k\u00f6nnte vielleicht auch sagen, der Versuch, diese Sprache von fr\u00fcher, die ganze Sicht der Welt in eine heutige Sprache zu \u00fcbersetzen. Und ich versuche das mithilfe von Bildern. Ich glaube, an einer Stelle frage ich mich, ob es nicht so w\u00e4re, als ob in zwei Generationen jemand nicht mehr das Wort Liebe verstehen w\u00fcrde.\u00a0 Also einfach deutlich zu machen, zun\u00e4chst mal mir selbst deutlich zu machen, wie die Sprache sich ver\u00e4ndert und wie dann mit dieser Ver\u00e4nderung der Sprache gewisserma\u00dfen der Boden, auf dem wir stehen, ins Schwanken ger\u00e4t und will gar nicht mehr genau wissen, was gemeint ist, wie wir uns da orientieren k\u00f6nnen. Eine Unsicherheit kommt rein, wenn man merkt, es ver\u00e4ndert sich ja alles, darauf kann ich mich ja gar nicht verlassen. Ich kann nicht jetzt ein Buch wie <em>Deutsche Bauh\u00fctte<\/em> mit meinem heutigen Blick lesen und k\u00f6nnte das eben so verstehen, wie die es verstanden haben. Die Emotionen, die dahinter stehen, die sind schwierig, und eben die Sprache ist nicht mehr dieselbe. Vielleicht sind die W\u00f6rter noch dieselben, aber vor allem der Sinn, der mit diesen W\u00f6rtern verbunden ist, hat sich ge\u00e4ndert und das macht die Sache doch sehr unsicher, und da kann man sich eigentlich nur so vortasten.<\/p>\n<p>Und das versuche ich.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass es bleiben wird als eines der B\u00fccher, die sich mit dieser Zeit auseinandersetzen.<\/p>\n<p>For more on Anne Weber&#8217;s\u00a0<em>Ahnen<\/em>, see Helga Druxes&#8217; article <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1353\/fgs.2018.0007\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Transgenerational Holocaust Memory in Anne Weber&#8217;s\u00a0<i>Ahnen<\/i>\u00a0and Esther Kinsky&#8217;s\u00a0<i>Am Flu\u00df<\/i>&#8221; in Feminist German Studies 34 (2018)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Interview mit Anne Weber zu ihrem Familienbuch\u00a0Ahnen Anne Weber was born in Offenbach in 1964 and now lives in Paris, where she works as a writer and translator. 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