{"id":6093,"date":"2019-01-23T03:31:08","date_gmt":"2019-01-23T08:31:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6093"},"modified":"2019-02-01T02:54:52","modified_gmt":"2019-02-01T07:54:52","slug":"rezension-nadja-und-freya-kliers-die-oderberger-strase","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/rezension-nadja-und-freya-kliers-die-oderberger-strase\/","title":{"rendered":"Rezension: Nadja und Freya Kliers &#8220;Die Oderberger Stra\u00dfe&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Frederick A. Lubich<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nadja und Freya Klier. <em>Die Oderberger Stra<\/em><em>\u00df<\/em><em>e.<\/em> Berlin, be.bra Verlag, 2017. ISBN: 978-3-89809-140-4. 143 Seiten.<\/p>\n<p>Der Berliner be.bra Verlag hat in seiner Reihe \u201eBerliner Orte\u201c einen weiteren Erinnerungsband herausgebracht, diesmal von Freya Klier, B\u00fcrgerrechtlerin, Dokumentarfilmerin und Schriftstellerin und Nadja Klier, Fotografin, Regisseurin und Filmproduzentin. Mutter und Tochter tragen jeweils 14 Kapitel zu diesem R\u00fcckblick auf die Ostberliner Oderbergerstra\u00dfe im Prenzlauer Berg bei, in der sie zu DDR-Zeiten von 1978-1988 gewohnt hatten. W\u00e4hrend Nadja Kliers Beitr\u00e4ge vor allem den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugendzeit in der Oderberger Stra\u00dfe, sowie deren Bau- und Entwicklungsgeschichte seit der Gr\u00fcnderzeit gewidmet sind, erinnert sich Freya Klier vor allem an ihre k\u00fcnstlerische Entfaltung als Schauspielerin und an die seit dem Mauerbau zunehmenden politischen Repressionen des kommunistischen Regimes bis hin zu ihrem Berufsverbot im Jahr 1988 und der folgenden Ausb\u00fcrgerung.<\/p>\n<p>Die facettenreiche Retrospektive wird weiter bereichert durch die Geschichten und Erinnerungen mehrerer Mitbewohner und Schicksalsgef\u00e4hrten, die in ausf\u00fchrlichen Zitaten immer wieder zu Wort kommen. Dar\u00fcber hinaus profitieren die pers\u00f6nlich-politischen Reminiszenzen der beiden Autorinnen auch von ihren extensiven Recherchen zu einem Dokumentarfilm \u00fcber die Oderberger Stra\u00dfe, dessen Resultate mit in den Erz\u00e4hlstrom eingeflossen sind.<\/p>\n<p>Nadja Kliers Beitr\u00e4ge stellen eine umsichtige Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der Oderbergerstra\u00dfe seit der Gr\u00fcnderzeit dar, die vor allem in den zwei st\u00e4dtischen Einrichtungen der Feuerwache und des Stadtbads ihre plastische Veranschaulichung findet. Sie sind beispielhafter Teil jenes Bau- und Siedlungsbooms, der den Prenzlauer Berg in jener Zeit bald zu dem Berliner Bezirk mit der gr\u00f6\u00dften Bewohnungsdichte machte und Berlin selbst nach Los Angeles und London (17) zur drittgr\u00f6\u00dften Stadt der Welt mit knapp vier Millionen Einwohnern aufsteigen lie\u00df.<\/p>\n<p>Es folgt Freya Kliers einf\u00fchlsame Rekapitulation der gesellschaftspolitischen Ereignisse nach dem Mauerbau, die in den Kapiteln \u201e1961: Kanalflucht im Oktober\u201c und \u201e1963: Der Tunnel\u201c ihre dramatischen H\u00f6hepunkte finden. In ihren Kapiteln \u201e1985: Rahman Satti und die Bronx\u201c illustriert sie am Beispiel des Afrodeutschen Rahman Satti den systematischen Rassismus des DDR-Regimes.\u00a0\u00c4hnlich ging es Menschen j\u00fcdischer Abstammung, die einem verschleppten Antisemitismus faschistischer Provenienz zum Opfer fielen und deren ethnisch-religi\u00f6se Identit\u00e4t bestenfalls totgeschwiegen wurde.<\/p>\n<p>Im Kapitel mit dem Titel \u201e1978: Makaber. Absurd. Schizophren\u201c beschreibt Freya Klier, wie sie im Jahr 1976 zwar in die Filmhochschule Babelsberg aufgenommen wurde, jedoch deren Geb\u00e4ude nicht betreten durfte, da sie im Grenzgebiet von Ost-Berlin lagen. Als Begr\u00fcndung dieses amtlichen Unfugs seitens der Zulassungsbeh\u00f6rde wurde der Vorwurf eingebracht, dass die angehende Schauspielerin bereits einen Fluchtversuch unternommen und sich daher als \u201enicht grenzw\u00fcrdig\u201c (67) erwiesen h\u00e4tte. So das groteske Kanzlei-Deutsch, das in seinem Irrwitz \u2013 mutatis mutandis \u2013 an das menschenverachtende Verdikt \u201ekriegsverwendungsf\u00e4hig\u201c erinnert, mit dem einst die \u00c4rzte des Wilhelminischen Kaiserreiches zahllose junge M\u00e4nner in die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs geschickt hatten. Diese Wirklichkeit beschw\u00f6rt nicht nur Kafkas b\u00fcrokratisches Labyrinth, sondern auch George Orwells dystopische Horrorvisionen eines totalit\u00e4ren \u00dcberwachungsstaates herauf, der seine B\u00fcrger systematisch kontrolliert und ad absurdum reglementiert.<\/p>\n<p>Am Beispiel \u201eHirschhof\u201c, einer Theaterb\u00fchne in einem Hofkarree der Oderberger Stra\u00dfe, illustriert Freya Klier die gro\u00dfe Kreativit\u00e4t der zahlreichen kritischen Geister dieser Stra\u00dfe, die hier ihre mehr oder weniger subversiven Kunstwerke und Theaterst\u00fccke ausstellten und auff\u00fchrten \u2013 freilich stets von den allgegenw\u00e4rtigen \u201eArgusaugen\u201c (81) der Staatssicherheit aufs sch\u00e4rfste beobachtet und in allen Einzelheiten ausf\u00fchrlich festgehalten. Immer wieder werden jedoch derartige staatspolitische Schauergeschichten geradezu dialektisch kontrastiert mit Erfolgsgeschichten wie Nadja Kliers Kapitel \u201eEin Spielplatz muss her\u201c, den ein politisch gut verbundener jedoch menschlich gebliebener Mitb\u00fcrger mithalf zu verwirklichen.<\/p>\n<p>In ihren beiden Kapiteln \u201eNachwende und Zwischenzeit\u201c und \u201eAnfang der 2000er: Kiezkantine, Krause, Klier\u201c verfolgt Nadja Klier die dramatische Transformation der Oderbergerstra\u00dfe, die im Zuge der systematischen Gentrifizierung und Altstadtsanierung ihren herk\u00f6mmlichen \u201eDorfstra\u00dfencharakter\u201c (127) verliert, den sie nach dem Mauerbau erhalten hatte, und sich in eine zum Teil von Mietsteigerung und Immobilienspekulation heimgesuchten Wohngegend verwandelt, die so manchen Oderberger vertreibt und vice versa zahlreiche Neuberliner aus allen Himmelsrichtungen anzieht, inklusive Kulturschaffende wie Autoren, Produzenten, Filmregisseure etc.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Beitr\u00e4ge dieses Sammelbandes beschw\u00f6ren in klarer Sprache noch einmal die versunkene Welt der Ostberliner Oderberger Stra\u00dfe herauf, mit einem klaren Auge f\u00fcr lokale Details und historische Fakten. Dar\u00fcber hinaus haben sie jedoch auch beide ein sensibles Sensorium f\u00fcr die epische, welthistorische Dimension des gespaltenen Berlins und vor allem seines Mauerfalls mit all seinen gesamtdeutschen und europ\u00e4isch-internationalen Konsequenzen. So f\u00fchlt sich zum Beispiel Freya Klier beim Anblick des Ostberliner Menschenstroms durch die ge\u00f6ffnete Mauer an die alttestamentarische Geschichte vom \u201eAuszug aus \u00c4gypten durch die W\u00fcste\u201c (113) erinnert, was ein weitgeholter, jedoch \u00fcberaus treffender Vergleich ist. Und dieser Assoziationsfaden wird wenige Seiten sp\u00e4ter von ihrer Tochter weitergesponnen, wenn sie von der \u201eKarawane der Touristen\u201c(136) schreibt, die in den letzten \u00a0Jahren in immer gr\u00f6\u00dferen Massen aus aller Welt kommend durch die wiedervereinte Hauptstadt Deutschlands ziehen.<\/p>\n<p>Und auch die Tatsache, dass Berlin nach dem Mauerfall zur gr\u00f6\u00dften Stadtbaustelle der Alten Welt wird, ist exemplarischer Teil der einzigartigen politisch-\u00f6konomischen Renaissance Europas und nicht zuletzt folgerichtige Weiterf\u00fchrung des deutschen Sonderweges durch die Geschichte des Abendlandes.<\/p>\n<p>Der letzte Beitrag stammt von Nadja Klier unter dem Titel \u201e2016: Schwimmen in Erinnerungen\u201c und beschreibt das im Jahr 2016 wiederer\u00f6ffnete Stadtbad, das zum Teil in ein modernes Hotel umgebaut wurde: \u201eViele alte Elemente finden sich in dem liebevoll restaurierten Haus wieder. Das gef\u00e4llt mir.\u201c (146). Gleichzeitig dienen die R\u00e4umlichkeiten des Hotels einer Vielfalt gesellschaftlicher, politisch-kultureller Veranstaltungen von der Techno-Party \u00fcber Theaterproduktionen bis zu Luxusempf\u00e4ngen einflussreicher Konzerne. Entsprechend beschlie\u00dft die Autorin ihre nostalgische Retrospektive aus dem Blickwinkel der doppelten Optik: \u201eAuch die Oderberger hat zwei Leben. Ein altes und ein neues.\u201c (142)<\/p>\n<p>Bereichert wird diese Chronik der Oderberger Stra\u00dfe mit rund drei Duzend Fotografien aus \u00f6ffentlichen Archiven wie auch aus dem Privatbesitz der beiden Autorinnen und machen dergestalt diesen Sammelband mit all seinen sch\u00f6nen und schrecklichen sowie heimlich-unheimlichen Lebens- und Weltgeschichten immer wieder zu einer denkw\u00fcrdigen und unterhaltsamen Leseerfahrung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Frederick A. Lubich &nbsp; Nadja und Freya Klier. Die Oderberger Stra\u00dfe. Berlin, be.bra Verlag, 2017. 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