{"id":6119,"date":"2019-01-30T05:23:12","date_gmt":"2019-01-30T10:23:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6119"},"modified":"2019-02-01T13:39:58","modified_gmt":"2019-02-01T18:39:58","slug":"bericht-an-eine-jury","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-44-2019-current-issue\/bericht-an-eine-jury\/","title":{"rendered":"Bericht an eine Jury"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\">Eine Stasi-Satire<\/h3>\n<p>von\u00a0<strong>Axel Reitel<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hochgesch\u00e4tzte Damen und Herren der Jury!<\/p>\n<p>Sie haben mich gebeten, zum Thema \u201eDas R\u00e4tsel des Exils&#8221; einen Bericht mit untersuchendem Charakter zu liefern. Ich will nicht leugnen, wegen des anst\u00e4ndigen Honorars angenommen zu haben.<\/p>\n<p>Ich bin ein Mensch, der aus eigener Erfahrung \u00fcber Gef\u00e4ngnis berichten kann. Da ich aber vor allem eine Sache von der anderen zu trennen wei\u00df, da ich weiter nur in einer gewissen Ordnung zu existieren vermag, obendrein bestimmt ungern in meiner Vergangenheit krame, denn ich bin Wissenschaftler, brauche den Fortschritt, h\u00e4tte ich mich niemals Ihrer Aufforderung stellen sollen.<\/p>\n<p>Aber zugegeben \u2014 ich habe damals nicht gewusst, dass Exil eine Sache von unaufh\u00f6rlichen Verlusten ist. Heute, nach mehrw\u00f6chiger Forschung, bin ich ein ruinierter Mensch. Niemals, niemals h\u00e4tte ich mich darauf einlassen sollen.<\/p>\n<p>Wegen der sch\u00f6nen Reisem\u00f6glichkeiten bin ich in Ihr Land gekommen. Habe Verfolgung und Gef\u00e4ngnis in meinem Land, in dem allein Vorbereitung und Versuch, Reisen in exotische L\u00e4nder zu unternehmen, unter Strafe stehen, auf mich genommen. Ich war Vorsitzender eines Geheimbundes mit dem Namen \u201eRevolution\u00e4re Exotiker&#8221;. Jeden Abend trafen wir uns, um per Landkarte die K\u00fcsten Australiens, S\u00fcdamerikas und der Osterinseln zu erforschen.<\/p>\n<p>K\u00fcsten wie die der Vereinigten Staaten oder Kanadas lie\u00dfen wir unber\u00fchrt. Denn vor allem gingen unsere \u00dcberlegungen dahin, nicht eines dummen politischen Verdachts wegen unserer Forschungen einstellen zu m\u00fcssen. Unser Kreis bestand im Ganzen aus mir, dem Admiral, meinem Navigator, meinem ersten Offizier, meinem Lotsen und meinem Mastjungen. Letzterer war damit beauftragt, nach noch unerforschten K\u00fcsten und Getr\u00e4nken zu sehen. Geld f\u00fcr die n\u00f6tige Ausr\u00fcstung verdienten wir uns in einem Metall-Leichtbaukombinat in P. Wir erforschten also die K\u00fcsten. Und ich muss sagen, dass uns die Unnachgiebigkeit unseres Vorgehens bald bis ins Landesinnere brachte. Landwirtschaft, Bodenbeschaffung, Klimawechsel, Einwohnerzahlen, Nachbarbeziehungen: Alles kannten wir in k\u00fcrzester Zeit wie aus dem ff.<\/p>\n<p>Aber nie verga\u00dfen wir unsere Vorsicht. Auch hier gingen wir die politischen Strukturen nicht an.<\/p>\n<p>Eines Tages fielen wir dennoch unter Verdacht. Sei es, dass der immense Ankauf von Landkarten und Atlanten unserer Stammbuchhandlung ins falsche Auge fiel, wie man so sagt, sei es, weil in einem der neueren Atlanten zuf\u00e4lligerweise die Vereinigten Staaten doch zur Sprache kamen, ich wei\u00df es nicht. Und sp\u00e4ter erhielt ich nie die Aufl\u00f6sung unseres Fehlers.<\/p>\n<p>Wir fielen also unter politischen Verdacht. Und ich versichere Sie: Es begann eine Jagd, die jedem kaledonischen Eber Ehre machen m\u00f6chte!<\/p>\n<p>Um unseren Verfolgern nicht noch mehr Gr\u00fcnde zu liefern, ergaben wir uns bereitwillig und leugneten nichts.<\/p>\n<p>An diesem Punkt muss ich unbedingt auf meine gro\u00dfartige Frau zu sprechen kommen. Wenn sie auch nichts von Forschungsarbeit versteht, so verstand sie es in bravour\u00f6ser Art, uns und unsere Wissenschaft zu sch\u00fctzen. Bereitwillig gab sie alles Material heraus, ergab sich, wie sonst auch den Anforderungen der politischen Polizei, und schaffte es so, bis in die h\u00f6chsten Kreise vorzudringen und meine Strafe auf das Mindestma\u00df von wenigen Jahren zu senken. Selbst die Stimmung w\u00e4hrend der Vernehmungen \u00e4nderte sich rasch. Hie\u00df es erst: \u201eIch stecke Sie mit dem Kopf in den Sand, Sie komischer Vogel, und z\u00e4hle bis Tausend&#8221;, kam dann ein zutrauliches \u201eNa, Deine Frau ist schon ein Feger, was&#8221;. Ja, meine Frau ist ein Feger. Von Beginn an verband uns unsere Liebe zur Ordnung. Meine Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits, bei der ich aufgewachsen bin (mein Vater war ein Spieler und wurde zwangsl\u00e4ufig eines Tages erschossen, meine Mutter nahm sich wegen der Schande das Leben), pflegte schon zu sagen: \u201eWenn Du nicht aufr\u00e4umst, dann hol&#8217; Dich der Teufel.&#8221; Da ich auch von ihr wei\u00df, dass der Teufel nur unn\u00fctze Menschen holt, wurde ich ein sehr ordentlicher Mensch. Denn ich hatte fr\u00fch meine F\u00e4higkeiten erkannt und wollte nicht ohne Geschenke von der Welt gehen.<\/p>\n<p>Wenn M\u00e4nner von grundverschiedener Stellung eine Frau von der gleichen Seite her zu sch\u00e4tzen wissen, dann spricht nichts gegen eine vertrauliche Unterredung, Also schlug ich sein Angebot, sich in besseren R\u00e4umen, bei Kaffee und Kuchen, eben einmal vertraulich zu unterhalten, nicht aus.<\/p>\n<p>Nach wenigen Momenten schon gab er mir das Ungeheuerliche zu erkennen, dass alle meine Freunde zu Verr\u00e4tern geworden waren. Sie belasteten mich als ihren Anf\u00fchrer mit alleiniger Schuld wegen Verf\u00fchrung. W\u00e4re ich nicht bereits zu vollendetem Charakter gereift, w\u00fcrde ich bestimmt einer l\u00e4hmenden Verzweiflung anheimgefallen sein \u2014 denn ich liebte meine Freunde. So aber vollzog ich den Gegenzug. Offen erkl\u00e4rte ich, dass nur mein Veto das Vorhaben meines Navigators, meines ersten Offiziers und meines Lotsen, doch auch politische Ziele zu verfolgen, einst abgewehrt habe. Nur \u00fcber den Mastjungen wusste ich nichts zu sagen. Der Beweis umfasste mehrere Seiten. Nach Meinung meine-, Vernehmers schlagkr\u00e4ftig wie die einstigen Rochaden Spasskis.<\/p>\n<p>Von nun an war alles eine Sache von gl\u00e4nzendem Verlauf. Am Abend des gleichen Tages kam mein Vernehmer zusammen mit meiner Frau in meine Zelle. Und nachdem wir uns herzlich die H\u00e4nde gehalten hatten, zog sie ein Papier aus der Tasche und sagte: \u201eSchatz, unterschreibe, wir sind verheiratet!&#8221;<\/p>\n<p>In einem aufmunternden Kleid, den F\u00fcllhalter wie eine siegreiche Lanze von sich gestreckt, setzte sie sich meinem Vernehmer gleich auf den Scho\u00df. Die H\u00e4rte ihrer Aufgabe hatte sie kr\u00e4ftig werden lassen wie ein Mammut. Keine Geisha h\u00e4tte gewagt, was meine Atalante nun unternahm. Sie k\u00fcsste den Herrn Vernehmer auf den Mund, dass er die Augen Schloss. Dabei gab sie mir durch ein Zeichen zu verstehen, dass nichts mehr zu bef\u00fcrchten sei, wenn ich unterschriebe. In Anbetracht der H\u00f6he ihres Einsatzes unterschrieb ich sofort. Und wenige Jahre sp\u00e4ter konnte ich meine erste Reise antreten. Ich bereiste nacheinander die L\u00e4nder meiner Wissenschaft. Und wenn jene L\u00e4nder auch keine Gemeinsamkeiten mit den Ergebnissen meiner Forschungen aufweisen konnten, freute ich mich dennoch der praktischen M\u00f6glichkeiten. Ich sah die Tempel von Peru, die T\u00e4ler der Anden, roch noch das Blut in Chile, sah Australiens Kinder, Indianer in Sidney, G\u00f6tzen im S\u00fcden und die Inseln des Westens. Eines Tages aber, als ich die angrenzenden Meere berechnen und \u00fcber sie setzen wollte, musste ich an den Verrat meiner Freunde denken und wurde pl\u00f6tzlich sehr traurig. Und ich wurde so traurig, dass ich mit einem mal jede Lust an der weiteren\u00a0 L\u00e4nderforschung verlor.<\/p>\n<p>Daher kam ich in Ihr Land und fand eines Tages Ihre Aufforderung in einer Zeitschrift f\u00fcr R\u00e4tselfreunde.<\/p>\n<p>Auf Grund meiner Bildung habe ich fr\u00fchzeitig R\u00e4tsel zu durchschauen gelernt. Daher sagte ich mir ohne Umwege, dass Exil ein w\u00fcrdiges Unternehmen sein muss.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcllte in wenigen Tagen ein dickes Buch, welches ich \u201eHommage an eine Reise&#8221; nannte. Die Einleitung musikalisch. Man erinnere sich des franz\u00f6sischen Liedes \u201eDer Deserteur&#8221;. Dann legte ich einen Zahn zu und kam zur Wuchtigkeit des \u201eHessischen Landboten&#8221;. Ich schrieb so viel, da\u00df mich Tinte und Papier in wenigen Tagen ein Verm\u00f6gen kosteten. Aber S\u00e4tze wie: \u201eSchweigsam ist und mit Sehnsucht gef\u00fcllt unser Ziel&#8221;, oder \u201edem, welcher sich vom Weg abgekommen unter den F\u00fc\u00dfen fremder Berge nicht mehr erkennt&#8221;, oder \u201eund dass dein Ruf h\u00f6rbar wird jenen, denen dein Rufen gilt&#8221;, hie\u00dfen mich nicht aufgeben. Und w\u00e4re nicht die Hauptberechnung auf ein noch gewaltigeres Res\u00fcmee gefallen, ich h\u00e4tte die Troph\u00e4e davongetragen. Doch Wissenschaft erfordert, wie Sie wissen, unbedingte Exaktheit des Berechnens. Aber wissenschaftlicher Zweifel geh\u00f6rt ebenso zu meinem Handwerk, wie das Abendbrot zum Beter. Und wieder kam Rettung durch Atalante. Sie schrieb mir einen Brief.<\/p>\n<p>\u201eLiebes Eberchen&#8221; und so weiter; \u201etrotz emsiger Arbeit&#8221; und so weiter; \u201ealles macht viel M\u00fche wegen deiner hinterlassenen Chiffren&#8221; und so weiter; \u201ewerde ich wegen der Exilfrage den Herrn Vernehmer um Rat bitten.&#8221;<\/p>\n<p>Zwei Wochen darauf \u00fcbermittelte sie mir Gr\u00fc\u00dfe und beste W\u00fcnsche vom Herrn Vernehmer, weiter eine Adresse, an die sollte ich mich wenden. Da ich aber von Natur aus Fremden gegen\u00fcber misstrauisch bin (denken Sie an die Geschichte meines Vaters), kontaktierte ich sicherheitshalber selbst meinem Vernehmer. Und erst nach positivem Bescheid trat ich den Weg dorthin an. Am sp\u00e4ten Nachmittag fand ich das beschriebene, abgelegene Haus.<\/p>\n<p>Ein Herr Nestor, meinem Vernehmer nicht un\u00e4hnlich, begr\u00fc\u00dfte mich, er wisse Bescheid. Das Innere seines Hauses war teuer aber nur mit m\u00e4\u00dfigem Geschmack eingerichtet. Als ich das Bild seiner Frau sah, freute ich mich sehr, dass sie zu dieser Zeit eines Einsatzes wegen, wie er es nannte, nicht da war. Was unter Einsatz genauer zu verstehen ist, habe ich ihn nicht gefragt, da mir die Suche nach Antworten auf meinem Gebiet vorging. Und nun h\u00f6rte ich zum ersten Mal, dass Exil eine Sache von unaufh\u00f6rlichen Verlusten ist. Ausdr\u00fccklich warnte er mich vor der Gef\u00e4hrlichkeit\u00a0\u00a0 meines\u00a0\u00a0 Unternehmens.\u00a0\u00a0 Ich rechnete\u00a0\u00a0 meine Ausgaben w\u00e4hrend der letzten Wochen zusammen und musste zustimmen. Wie schon gesagt, hatte ich immense Summen verbraucht.<\/p>\n<p>Dennoch: Gewohnt, Aufgaben zu beenden, wollte ich nicht aufgeben. Den Sachverhalt Ihres Honorars verschwieg ich, da man die Katze nicht gleich aus dem Sack l\u00e4sst, wie es treffend hei\u00dft. Im Folgenden erz\u00e4hlte er mir umfassend von den Dissidenten, die, anarchistisch veranlagt, ihrer Unordentlichkeit wegen besch\u00e4men. Wegen des bisher einwandfreien Verlaufs meiner Geschichte aber riet er mir das Kreuz, mich unter sie zu mischen. In unvergleichbar k\u00fcrzester Zeit sagte er weiter, bekommen Sie dort ein Res\u00fcmee zusammen, das an Klasse Harry T.s, meines Lieblingsautors, nicht nachstehen wird. Es fehlt Ihrer Geschichte n\u00e4mlich noch an Witz, und den brauchen Sie bei der Leserschaft unbedingt. Besser noch Witz als W\u00fcrde. Sie werden sehen, wieviel Rumpelstilzerei im Geschrei der Dissidenten ist. Gehen Sie, schreiben Sie alles auf. Ich bin sicher, dass Sie auf dem besten Weg zum Klassiker sind. Wer wei\u00df, vielleicht bald mein zweiter Lieblingsautor. Kommen Sie nachher wieder, dass wir noch einmal alles durchgehen. Dann gab er mir Harry T.&#8217;s Bestseller \u201eRauer Atem&#8221; mit auf den Weg und verabschiedete mich. Wie man sich unter die Leute mischt, gleich dem Wolf bei den sieben Ziegen, konnte ich bereits auf den ersten Seiten studieren. Es wuchsen mir Bart und N\u00e4gel, ich wusch meine Haare nicht mehr und lie\u00df meine Z\u00e4hne verfallen. Erst dann betrat ich das t\u00fcrkische Restaurant Ali-Ali.<\/p>\n<p>Der genauen Berechenbarkeit an Hand der Empirie steht nichts zur Seite! Meine herrliche Maskerade erweckte unendliches Mitleid. Und nach wenigen Tagen ging ich ein und aus bei Ali-Ali, wie jeder dissidierende T\u00fcrke. Ich kam fr\u00fch, trank, und ging sp\u00e4t und zahlte nie. Immer auf der Hut, dachte ich an Harry T., und dass der Erfolg nur dem N\u00fcchternen bl\u00fcht. Schnell lernte ich, wie man viel zu trinken vorgibt, selber aber n\u00fcchtern bleibt. Nur die anstrengende Aus\u00fcbung meines Berufes schmiss mich \u00f6fter zu Boden, nie aber die ersch\u00f6pfende Leidenschaft eines Trinkers. Und ich war von heillosen Trinkern umgeben. Auch wenn sie mich des \u00d6fteren wieder auf die Beine zu stellen wussten, bin ich ihnen keinen Dank schuldig, denn sie wussten nie, was sie taten.<\/p>\n<p>Der Vollkommenheit meines Spiels wegen, musste ich mich auch ihren Gewinnspielen hingeben. Zwar wurde w\u00e4hrend meiner Anwesenheit keiner erschossen, doch diesen oder jenen wird es bestimmt noch treffen. Sie spielten wie die Teufel. Ich aber genoss das Gl\u00fcck der Engel. Das gewonnene Geld wusste ich schnell und geschickt zu verbergen. Denn, sagte ich mir, ein Dissident mit Geld erweckt unweigerlich Verdacht. Dann kam der Tag, der als letzter auf meinem Kalender stand. Der so viel B\u00f6ses brachte. Tage zuvor brachte ich auf Wunsch Alis ein Plakat am Eingang an. Darauf wurde der \u201eErste Internationale Dissidentenkongress&#8221; zu einem Donnerstag angek\u00fcndigt. Pl\u00f6tzlich bekam ich Angst um mein Res\u00fcmee. Es sollte gerade hier seine klassische Vollendung finden. Aber Donnerstage mochte ich noch nie.<\/p>\n<p>Schon bei meiner Gro\u00dfmutter gab es Donnerstag wie Donnerstag R\u00fcbeneintopf. Nichts hasse ich mehr als R\u00fcbeneintopf und Hunde. Die Nachbarin meiner Gro\u00dfmutter hatte so ein Vieh. Es hie\u00df Alfonso. Durch einen mir unbegreiflichen Zufall habe ich den gleichen Namen bekommen. Und es war nicht selten, dass dieser dumme K\u00f6ter meinen Platz am Tisch einnahm. Meine Gro\u00dfmutter war n\u00e4mlich der Angewohnheit verfallen, mich in seinem Beisein beim Namen zu rufen; und ich war ein schlechter L\u00e4ufer. Nur donnerstags blieb der Hund auf seiner Treppe. Ihn umzubringen konnte ich mir nicht erlauben, denn er war noch gr\u00f6\u00dfer als ich.<\/p>\n<p>Ich half Ali-Ali bei der Ausschm\u00fcckung des Kongressraumes. W\u00e4re ich auf die Idee gekommen, die Unsicherheit eines jeglichen Triumphes in Betracht zu ziehen, h\u00e4tte mich meine pl\u00f6tzliche Angst vielleicht gerettet. Aber man bedenke die N\u00e4he meines Zieles! Hundert Abgeordnete aus allen wichtigen L\u00e4ndern! T\u00fcrkei, Russland, Deutschland, Kanada und die Vereinigten Staaten (ja doch), Chile, und so weiter. Mein Res\u00fcmee h\u00e4tte zweifelsfrei seine klassische Vollendung gefunden. Und ich w\u00e4re zur\u00fcckgekehrt in ein Leben als anerkannter Fuchs. Schon tr\u00e4umte ich von B\u00e4dern, Zahnbehandlung, Leben und Ruhm. Aber wie aus der H\u00f6lle des Urwaldes entstiegen, kamen M\u00e4nner mit tropischen Anz\u00fcgen herein. Ich wandte mich und erkannte meinen Navigator; dann auch die anderen. Lotse und Offizier spreizten h\u00e4sslich ihre Lippen und schrien mit bestialischem Aufschrei \u201eVerr\u00e4ter&#8221;. Dabei zeigten sie mit ihren glatten, gebr\u00e4unten F\u00e4usten auf mich. Ich zog, ihrer \u00dcberzahl wegen, das Schweigen vor. Aber sie schrien weiter.<\/p>\n<p>Da Zuf\u00e4lle solcher Art keinen Bereich meiner Wissenschaft ber\u00fchren, trifft mich an dieser Begegnung keine Schuld. Ich habe mich verraten gewusst. Die Unm\u00f6glichkeit eines Wiedersehens war mir versichert worden. Sprachlos \u00fcber die Unzuverl\u00e4ssigkeit meiner F\u00f6rderer, gelang es mir nicht, die Falschheit ihrer Aussagen blo\u00dfzustellen.<\/p>\n<p>Gern h\u00e4tte ich erfahren, was aus meinem Mastjungen geworden ist, sie aber schlugen mich auf Gesicht, R\u00fccken und Beine, dass mein Blut nur so spritzte. Es roch wie in Chile. Und bestimmt h\u00e4tten sie mich zu Tode geschlagen. Aber dann ist Ali-Ali doch dazwischen gegangen. Ich war ihm ja auch bekannt \u2014 jene aber nicht. So gelang mir letztendlich die Flucht. Aber ich bin ein ruinierter Mensch. Um sich zu sch\u00fctzen, werden sie auch hier zur politischen Polizei gegangen sein, um mich ein drittes Mal zu verraten. Seither lebe ich unter st\u00e4ndiger Verfolgung.<\/p>\n<p>Mein Konto kann ich nicht mehr belasten, da ich mit erneutem \u00dcberfall rechnen muss. Und jenem Herrn Nestor kann ich mich in Anbetracht seiner Fehlleistungen unm\u00f6glich \u00fcberantworten. Ali-Ali widerstrebt jeglicher Verrat, dennoch darf es kein Risiko mehr geben. Zwar k\u00f6nnte ich meiner Frau telegrafieren, doch besteht die Gefahr, dass meine Verfolger inzwischen auch die Post bev\u00f6lkern.<\/p>\n<p>Das Buch von Harry habe ich verloren. Die Lage zwingt mich nun, selbst zu leben wie ein Hund. Manchmal beneide ich sogar deren Gedankenlosigkeit. Will man sie zum Beispiel erschie\u00dfen, ruft man einfach ihre Namen, und schon geben sie sich durch Bellen zu erkennen. Schon deshalb mache ich einen gro\u00dfen Bogen um sie. Und wie Alfonso auf seiner Treppe sa\u00df, hocke ich in B\u00fcschen, jeder Tag gleich Donnerstag, und nichts zu essen.<\/p>\n<p>Zu einem Hungerk\u00fcnstler tauge ich nicht, auch wenn ich immer an R\u00fcbensuppe denke. Ich ziehe nachts von Park zu Park. Eine feste Adresse zu haben, kommt in meiner Situation einem Zehnmetersprung auf Beton gleich. Wer wei\u00df, wie lang noch alles dauert und Gras w\u00e4chst. Einzig mein Fragment ist in Sicherheit. Es liegt bei Nestor, dessen Frau mir Angst macht. Auf dem Bild trug sie einen Revolver und zielte auf mich. Ich m\u00f6chte sie schnell vergessen.<\/p>\n<p>Das alles m\u00f6chte ich schnell vergessen. Manchmal denke ich noch an Harry T. und dessen klassische Variante. Aber die werde ich wohl nie mehr erfahren. Vielleicht schaffe ich es noch bis zum Meer, um endlich ganz unterzutauchen.<\/p>\n<p>Jedenfalls, dazu verdammt unterzutauchen, kann ich mich auch Ihnen unm\u00f6glich preisgeben.<\/p>\n<p>Seien Sie meiner besten Gef\u00fchle gewiss, und m\u00f6ge ein guter Gott Sie in Zukunft davor sch\u00fctzen, das Gl\u00fcck der Menschen aufs Spiel zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Berlin-Denia\/Costa Blanca August-September 1986-Berlin- Januar 2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus:\u00a0<em>Z\u00fcndh\u00f6lzer f\u00fcr ein Man\u00f6ver. Erz\u00e4hlungen.\u00a0<\/em>Hilbert &amp; P\u00f6sger, 1987.<br \/>\nIm Radio:\u00a0<i>Bericht an eine Jury. Eine Stasi-Satire.<\/i>\u00a0MDR Figaro, Sa, 29. Oktober 2011, 21\u203206\u2033.<\/p>\n<p>Weitere Information zum Autor und Text: &#8220;<a href=\"https:\/\/www.pressestelle.tu-berlin.de\/newsportal\/alumni\/2011\/tui1211_durch_das_gefaengnis_in_die_freiheit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Durch das Gef\u00e4ngnis in die Freiheit<\/a>.&#8221; TUB Newsportal. 16.12.2011.<\/p>\n<p>Aus dem Pressetext des Senders MDR Figaro (2011) von Katrin Wenzel und Axel Reitel:<\/p>\n<blockquote><p>In Kafkas \u201eBericht f\u00fcr eine Akademie\u201c r\u00fchmt sich der Affe Rotpeter stolz seiner Menschwerdung, die doch in Wahrheit nichts als die Preisgabe seines urspr\u00fcnglichen Wesens, also eine erzwungene Anpassung war. In Axel Reitels Mitte der 80er Jahre entstandener Paraphrase dieser Satire ist es ein von der Stasi \u201eumgedrehter\u201c Dissident, der, als angeworbener Spitzel zum Schein in den Westen abgeschoben, selbstzufrieden seine vermeintliche Erforschung der \u201eR\u00e4tsel des Exils\u201c zu Protokoll gibt und sich dadurch in seiner durch pseudo-wissenschaftliche Ambitioniertheit doppelt l\u00e4cherlichen Nichtigkeit offenbart.<br \/>\nDer \u201eBericht an eine Jury\u201c, zuerst erschienen im Prosaband \u201eZ\u00fcndh\u00f6lzer f\u00fcr ein Man\u00f6ver\u201c (1987), war dem MfS bekannt. Zitat aus dem Zentralen operativen Vorgang (ZOV) \u201eKonzept\u201c: Juni 1989&#8230; In der Untersuchungst\u00e4tigkeit durch die Abteilung IX der BV Karl-Marx-Stadt wurde eine massive ideologische\u00a0Beeinflussung\u2026nachgewiesen. Die\u2026unter Teilnahme des ehemaligen DDR-B\u00fcrgers Reitel, Axel&#8230;.bis 1988 in der CSSR organisierten Treffen wurden neben der feindlich ideologischen Einflussnahme, zur \u00dcbergabe antisozialistischer Machwerke [wie] Z\u00fcndh\u00f6lzer f\u00fcr ein Man\u00f6ver1 &#8211; von Reitel&#8230;genutzt, die wiederum unter DDR-B\u00fcrgern verbreitet wurden. [\u2026] Der Inhalt [des Buches] &#8230;richtet sich inhaltlich gegen die sozialistische Staatsordnung in der DDR &#8230; das soz. Bildungswesen, sowie Reisebestimmungen in der DDR. [\u2026]<\/blockquote>\n<div id=\"attachment_6140\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Axel-Reitel-1987.Foto_Bernd-Markowsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6140\" id=\"longdesc-return-6140\" class=\"wp-image-6140\" tabindex=\"-1\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Axel-Reitel-1987.Foto_Bernd-Markowsky.jpg\" alt=\"Foto von Axel Reitel\" width=\"250\" height=\"376\" longdesc=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen?longdesc=6140&amp;referrer=6119\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6140\" class=\"wp-caption-text\">Axel Reitel (1987)<br \/>Foto: Bernd Markowsky<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_6141\" style=\"width: 602px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Z\u00fcndh\u00f6lzer-f\u00fcr-ein-Man\u00f6ver.-Cover.-e1548935407752.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6141\" id=\"longdesc-return-6141\" class=\"wp-image-6141 size-large\" tabindex=\"-1\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Z\u00fcndh\u00f6lzer-f\u00fcr-ein-Man\u00f6ver.-Cover.-e1548935407752-592x1024.jpg\" alt=\"Book cover\" width=\"592\" height=\"1024\" longdesc=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen?longdesc=6141&amp;referrer=6119\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Z\u00fcndh\u00f6lzer-f\u00fcr-ein-Man\u00f6ver.-Cover.-e1548935407752-592x1024.jpg 592w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Z\u00fcndh\u00f6lzer-f\u00fcr-ein-Man\u00f6ver.-Cover.-e1548935407752-173x300.jpg 173w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2019\/01\/Z\u00fcndh\u00f6lzer-f\u00fcr-ein-Man\u00f6ver.-Cover.-e1548935407752-768x1329.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6141\" class=\"wp-caption-text\">Cover of Z\u00fcndh\u00f6lzer f\u00fcr ein Man\u00f6ver<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Stasi-Satire von\u00a0Axel Reitel &nbsp; Hochgesch\u00e4tzte Damen und Herren der Jury! Sie haben mich gebeten, zum Thema \u201eDas R\u00e4tsel des Exils&#8221; einen Bericht mit untersuchendem Charakter zu liefern. Ich will nicht leugnen, wegen des anst\u00e4ndigen Honorars angenommen zu haben. Ich bin ein Mensch, der aus eigener Erfahrung \u00fcber Gef\u00e4ngnis berichten kann. 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