{"id":6450,"date":"2020-09-10T01:53:51","date_gmt":"2020-09-10T05:53:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6450"},"modified":"2020-12-25T06:46:28","modified_gmt":"2020-12-25T11:46:28","slug":"ii-kulturgeschichtliche-analysen-nico-deutsch-gotische-sangerin-und-schauerromantische-mondgottin-des-new-yorker-velvet-underground","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-45-2020\/ii-kulturgeschichtliche-analysen-nico-deutsch-gotische-sangerin-und-schauerromantische-mondgottin-des-new-yorker-velvet-underground\/","title":{"rendered":"II. Kulturgeschichtliche Analysen: Nico, deutsch-gotische S\u00e4ngerin"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Nico, deutsch-gotische S\u00e4ngerin <\/strong><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>und schauerromantische Mondg\u00f6ttin <\/strong><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>des New Yorker Velvet Underground<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Essay Abstract:\u00a0 Variationen eines Themas: Die Wiederkehr des Mittelalters in der Moderne<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBack to the Future!\u201c Das war wohl die popul\u00e4rste Parole der sogenannten Postmoderne, deren Diskursformationen sich in den achtziger Jahren diesseits und jenseits des Atlantiks in zahlreichen Diskussionen und Publikationen herauszukristallisieren begannen. Fr\u00fches Vorbild und sprechendes Beispiel dieses facettenreichen \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c war der Bestseller <em>A Distant Mirror: The Calamitous 14th Century<\/em> von Barbara Tuchman aus dem Jahre 1978. In jenem sp\u00e4tmittelalterlichen Sittengem\u00e4lde spiegeln sich bereits moderne Welterfahrungen auf vielfach gebrochene Art und Weise wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch die transatlantische, deutsch-amerikanische Musikkultur nach dem Zweiten Weltkrieg schwingt in diesen so doppelb\u00f6digen Welterlebnissen vielschichtig und mannigfaltig mit. Ihre tieferen Spuren versuchen die zwei folgenden Darstellungen dieser Doppelnummer weiter zu verfolgen. Der erste Teil dieser Spurensuche lautet: \u201eNico, deutsch-gotische S\u00e4ngerin und romantische Mondg\u00f6ttin des New Yorker Velvet Underground\u201c und der zweite, erg\u00e4nzende\u00a0 Teil, der in der Folgenummer #46 erscheinen wird, lautet \u201eDie letzten Barden Barbarossas: Zu den Hohenstaufer Liedermachern Thomas Friz, Frontmann der Gruppe Zupfgeigenhansel, und Harald Immig, Liedpoet und Landschaftsmaler.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201eFirst We Take Manhattan, Then We Take Berlin \u2026\u201c<br \/>\nLeonard Cohen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">I: First We Take Manhattan\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Ersten Weltkrieg \u00f6ffnete sich ein besiegtes Deutschland in seiner Weimarer Republik wie wohl kein anderes Land in Europa den kulturellen Einfl\u00fcssen aus Nordamerika. Es waren vor allem die neuesten Entwicklungen in der amerikanischen Tanz- und Unterhaltungsmusik, welche die Weimarer Kultur und vor allem das Berliner Cabaret und sein notorisches Weimarer Nachtleben auf vielfache Weise animierte und zu neuen Lebens- und Ausdrucksformen inspirierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verschiedenen Einfl\u00fcsse reichten von den <em>Revelers,<\/em> die zum Vorbild der <em>Comedian Harmonists<\/em> wurden, \u00fcber den Jazz, der unter anderem auch das Triptychon <em>Gro\u00dfstadt<\/em> von Otto Dix fokussierte und das Gem\u00e4lde zur repr\u00e4sentativen Ikone der Weimarer Republik malen sollte, bis hin zu den diversen neuen amerikanischen Modet\u00e4nzen vom Charleston bis zum Shimmy, die allesamt die legend\u00e4re Tanzbegeisterung jener Jahre befl\u00fcgelte. Bis hinauf zum vielberufenen \u201eTanz auf dem Vulkan\u201c, der bereits den drohenden Untergang der ersten deutschen Republik und Deutschlands Absturz in die Diktatur des Dritten Reiches auf expressive, infernal-katastrophale Weise heraufbeschwor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weimars kurzlebige Demokratie und vor allem die sogenannten \u201eGoldenen Zwanziger Jahre\u201c in Berlin waren gleichzeitig auch ein kongeniales, transatlantisches Spiegelbild von New Yorks sagenhaften \u201eRoaring Twenties\u201c, deren sch\u00f6pferischer, \u00fcbersch\u00e4umender Energie George Gershwin mit seiner \u201eRhapsody in Blue\u201c ein herrliches musikalisches Denkmal setzen sollte. In anderen Worten, \u201eAmerikanismus\u201c wurde nicht nur zu einem beliebten Schlagwort der Weimarer Republik, sondern auch zu einem passenden Schl\u00fcsselwort zum weiteren Verst\u00e4ndnis seines modernen, avantgardistischen Internationalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland, genauer West-Deutschland, eine zweite Welle des \u201eAmerikanismus\u201c, der diesmal zudem auch noch vor Ort in Form der amerikanischen Besatzungstruppen \u00fcber einen soliden und \u2013 nach marxistischer Lehrmeinung \u2013 auch noch ideologisch konsolidierten Unterbau verf\u00fcgte. Vor allem f\u00fcr die Generation der nach dem Krieg geborenen Deutschen wurden Filme mit Marlon Brando und James Dean, den vielberufenen \u201erebels without a cause\u201c, sowie die Poeme und Romane der Beat-Generation zu gro\u00dfen Vorbildern und weiteren Wegweisern in eine offenere und freiere Gesellschaft. Es war jedoch vor allem die Musik des amerikanischen Rock \u2018n\u2019 Roll von Elvis Presley, Bill Haley, Jerry Lee Lewis und anderen, die die unb\u00e4ndige Tanz- und Lebenslust der deutschen Nachkriegsjugend mehr und mehr entfesselte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dfer Rand und Band geriet sie Mitte der sechziger Jahre, als anglo-amerikanische Rock-Musiker von den Rolling Stones aus London bis zu den Doors in Los Angeles einer weltweit bewegten Jugendgeneration den Sound Track zur Rebellion gegen das Establishment lieferte, der auch noch die Jugendlichen hinter dem Eisernen Vorhang zur Aufm\u00fcpfigkeit gegen das oppressive Regime der kommunistisch regierten L\u00e4nder Ost-Europas weiteranstacheln sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den achtziger Jahren, als ich in New York meine akademische Laufbahn begann, begegnete ich auf Empf\u00e4ngen und kulturellen Veranstaltungen auch im wieder K\u00fcnstlern und Schriftstellern aus deutschsprachigen L\u00e4ndern. Und es waren vor allem die langj\u00e4hrigen und vielschichtigen Beziehungen zwischen Berlin und New York, die oft den Gedankenaustausch vom Small-Talk bis zur Podiumsdiskussion stimulierten, wenn nicht gar zu weiteren kulturhistorischen Recherchen inspirierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wim Wenders Film <em>Der Himmel \u00fcber Berlin<\/em> bildete Mitte der achtziger Jahre geradezu einen H\u00f6hepunkt dieses transatlantischen Kulturtransfers. Er wurde vor allem in New York zu einem vielbesuchten Kultfilm, der wochenlang in Midtown Manhattan lief. Die englische \u00dcbersetzung des Filmtitels als \u201eWings of Desire\u201c war bald in gewissen Kreisen geradezu ein gefl\u00fcgeltes Wort f\u00fcr alle m\u00f6glichen h\u00f6heren Hoffnungen und sch\u00f6pferischen Leidenschaften geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Neuen Welt spielt vor allem New York als amerikanische Drehscheibe deutschsprachiger Kunstschaffender bis heute eine zentrale Rolle. So organisierte etwa das Goethe Institut in Manhattan in Zusammenarbeit mit weiteren New Yorker Kulturinstitutionen im Sommer 2020 eine vielbeachtete Retrospektive der Werke von Hans Haacke und Gerhard Richter, zwei der bedeutendsten und international bekanntesten lebenden Exponenten der bildenden K\u00fcnste im heutigen Deutschland. Die Schau firmierte unter dem sprechenden Titel: \u201eHaacke and Richter Take New York.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch noch nachhaltiger und fl\u00e4chendeckender als Deutschlands darstellende K\u00fcnstler eroberten nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Musiker die amerikanische Musiklandschaft. Den Anfang machte sicherlich der Frontmann der Rockband Steppenwolf namens John Kay, alias Joachim Fritz Krauledat, dessen krachender Krautrock in dem Lied \u201eBorn to Be Wild\u201c nicht nur zum Signature Song von Steppenwolf, sondern auch zur Hymne des Kultfilms <em>Easy Rider<\/em> schlechthin wurde, der wiederum einer ganzen jugendbewegten Generation zum mobilen Lebensmodell werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem Dauerrenner folgte bald danach der international erfolgreiche Hit \u201eWir fahr\u2019n, fahr\u2019n, fahr\u2019n auf der Autobahn\u201c der deutschen Band Kraftwerk. Beide Songs brachten die deutsche Wanderlust up-to-date und lieferten den coolen Soundtrack f\u00fcr das moderne Fahrvergn\u00fcgen. Dar\u00fcber hinaus inspirierte Kraftwerks Synthesizer-Musik den Sound von Allround-K\u00fcnstlern wie David Bowie sowie die elektronische House Music, die rund um die Jahrtausendwende das vereinte Berlin zur Welthauptstadt der Disco-Pal\u00e4ste und ihres alln\u00e4chtlichen Tanztaumels machen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erg\u00e4nzt wurden in den achtziger Jahren Kraftwerks monotone Melodien, die T\u00e4nzer regelrecht in Trance versetzen konnten, vom opernhaften Belcanto Nina Hagens, der \u00fcberkandidelten Punk-Prinzessin aus Ost-\/Westberlin. Sie hatte damals Amerika zu ihrer Wahlheimat erkoren, und so konnte auch ich ohne viel Umst\u00e4nde eines ihrer Konzerte in Downtown Manhattan miterleben. Mit ihrem pathetischen, ekstatisch-agonalen Urschreien war sie eine parodische Melange aus Edvard Munchs angstvollem Gem\u00e4lde \u201eDer Schrei\u201c und der kunterbunten Ausdruckskunst des deutschen Expressionismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den bisherigen H\u00f6hepunkt deutscher Eroberung anglo-amerikanischer Popmusik \u2013 wenn denn heute derartig milit\u00e4rische Metaphern \u00fcberhaupt noch politisch korrekt sind \u2013 bildet sicherlich die Gruppe Rammstein aus der untergegangenen DDR. Auch sie lebte zeitweise in New York, um von dort aus Millionen von Millennials in Amerika und rund um den Globus mit ihrem dr\u00e4uenden, pomp\u00f6s omin\u00f6sen Industrial-Metal-Sound zu bet\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>New York Times <\/em>war anfangs h\u00f6chst emp\u00f6rt, denn sie hielt damals in einem langen Artikel die deutsche Rasselbande f\u00fcr neofaschistische Hate-Speech-Schocker. Ich schrieb daraufhin der Redaktion, dass \u201eDu hast\u201c nicht dasselbe sei wie \u201eDu hasst\u201c, doch ich bekam nie eine Antwort. <em>New York Times<\/em> hin und \u201eBasic German Courses\u201c her, jedenfalls lockte Rammstein in den letzten Jahren hier in Amerika unz\u00e4hlige Jugendliche von den High Schools bis in die Hochschulen in unsere Sprachklassen und Literaturseminare. F\u00fcr die Kinder der Jahrtausendwende und vor allem f\u00fcr die Trotzk\u00f6pfe unter ihnen kam die einstigen Ost-Block-Rocker mit ihren untergr\u00fcndigen Botschaften als d\u00fcstere B\u00fcrgerschreckfiguren gerade wie gerufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">II: Then we take Berlin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lebt man als Deutscher in Amerika, ist man auch immer wieder \u2013 nolens volens \u2013 Repr\u00e4sentations- und Reflexionsfigur einer Nation, die sich wie keine andere in der modernen Geschichte einen ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Namen gemacht hat. Wir Deutschen sind ber\u00fchmt f\u00fcr unsere einstige Hochkultur in Musik und Literatur, sowie in den Natur- und Geisteswissenschaften, und wir sind ber\u00fcchtigt f\u00fcr unseren einstigen Nationalchauvinismus, der die Erde? (wg. Doppelung) in zwei Weltkriege st\u00fcrzte und \u2013 last but not least \u2013 in die bodenlose Barbarei des Holocaust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Anbetracht dieser Tatsache wurden f\u00fcr Kunstschaffende deutschsprachiger Herkunft ihre Kunstwerke auch immer wieder zu multimedialen Kommunikationsformen dieses zwiesp\u00e4ltigen, nationalgeschichtlichen Verm\u00e4chtnisses. Da sich f\u00fcr die Kulturkritiker in Amerika die Charakterisierung deutscher Nachkriegskunst als \u201etypisch deutsch\u201c im Gro\u00dfen und Ganzen verbot, wurde sie eher mit einem unterschwelligen mehr oder weniger euphemistischen Teutonismus assoziiert. Steppenwolf, Kraftwerk und Rammstein, das war jedenfalls hier in Amerika die Neue Deutsche Welle, die Wiederkehr von Richard Wagners \u201eRitt der Walk\u00fcren\u201c als Easy Riders On The Storm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ihre markanteste Vorreiterin war sicherlich Nico. Im R\u00fcckblick auf ihre Ankunft in Amerika beschrieb Andy Warhol sie einmal als eine Figur, die den Atlantik am Bug eines Wikingerschiffes \u00fcberquert hatte. Als Christa P\u00e4ffgen 1938 in K\u00f6ln geboren, wuchs sie nach dem Krieg in der ausgebombten Ruinenstadt Berlin auf, deren w\u00fcste Tr\u00fcmmerlandschaften ihre kreative Imagination ein Leben lang heimsuchen sollten. Sie begann ihre performative Karriere in den f\u00fcnfziger Jahren als blondes Foto-Modell f\u00fcr Modemagazine in Berlin, Paris und Rom und spielte kleinere Rollen in TV- und Filmproduktionen, unter anderem in Federico Fellinis <em>La Dolce Vita<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Ende f\u00fcnfziger Jahre zog sie nach New York, der glitzernden Metropole der westlichen Moderne, nahm dort Schauspielunterricht bei Lee Strasberg und hatte ihre ersten Auftritte als S\u00e4ngerin im New Yorker Nachtclub Blue Angel. Andy Warhol, der damals als Manager von Lou Reeds Band The Velvet Underground fungierte, entdeckte sie dort und machte sie zur Frontfrau dieser New Yorker Avantgarde Gruppe. Bereits mit ihrem Debut-Album <em>The Velvet Underground &amp; Nico <\/em>(1967) re\u00fcssierte sie mit Songs wie \u201eFemme Fatale\u201c, \u201eAll Tomorrow\u2019s Parties\u201c und \u201eI\u2019ll Be Your Mirror\u201c und stieg damit auf bis zu Platz #13 der Rangliste in \u201eRolling Stones\u2019 500 Greatest Albums of All Time\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 22.1887%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 54.7189%;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-Andy-Warhol-Wikipedia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6455\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-Andy-Warhol-Wikipedia-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"492\" height=\"348\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-Andy-Warhol-Wikipedia-300x212.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-Andy-Warhol-Wikipedia-768x544.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-Andy-Warhol-Wikipedia.jpg 898w\" sizes=\"auto, (max-width: 492px) 100vw, 492px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Nico &amp; Andy Warhol (Wikipedia)<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 23.0923%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr ihr eigenes Debut-Album <em>Chelsea Girls<\/em> (1967) nahm Nico unter anderem Songs von Tim Hardin, Jackson Browne und Bob Dylan auf. In dieser Zeit schloss sie auch Freundschaft mit Jim Morrison von den Doors, der bald ihr erkl\u00e4rter Seelenbruder wurde. Er ermunterte sie zum Schreiben ihrer eigenen Texte und Lieder, die sie dann auch folgerichtig auf ihrem n\u00e4chsten Album <em>The Marble Index<\/em> (1969) vorstellte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Platte ist eine Mischung aus klassischen Elementen und europ\u00e4ischen Volkslied-Traditionen, eine musikalische <em>cross-cultural montage,<\/em> deren Stilkonzept sie in ihren weiteren Werken beibehielt und deren Melodien sie nun stets mit dem Harmonium begleitete. Es folgten die Alben <em>Desertshore<\/em> (1970) und <em>The End \u2026 (<\/em>1974), die bereits in ihren Titeln die zunehmend dunkler werdende Weltanschauung ihrer weiteren K\u00fcnstlerkarriere sprechend heraufbeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den siebziger Jahren drehte Nico zusammen mit dem franz\u00f6sischen Filmregisseur Philippe Garrel sieben Filme, wurde Teil seiner kreativen Entourage in Frankreich und arbeitete gleichzeitig auch mit dem Berliner Musiker Lutz Ulbrich zusammen, der sie f\u00fcr den Rest der siebziger Jahre auf Konzerten mit seiner Gitarre begleitete. In der Frontstadt West-Berlin, in der damals unter anderem auch Iggy Pop und David Bowie lebten, war jedenfalls die ehemalige Frontfrau der New Yorker Avantgarde bestens aufgehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich irritierte und provozierte sie in jenen Jahren unter anderem auch damit, dass sie auf ihren Konzerten die deutsche Nationalhymne mit s\u00e4mtlichen Strophen sang. Nostalgische Ode oder nationalsozialistische Parodie? Tempor\u00e4re experimentelle Geistesverwirrung oder erneute kryptofaschistische G\u00f6tterd\u00e4mmerung? Oder die schlichte menschliche Sehnsucht nach der Wiedervereinigung der ehemaligen deutschen Hauptstadt sowie ihres deutschen Heimatlandes?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1979 zog Nico wieder nach New York und feierte ihr Comeback mit einem Konzert im ber\u00fchmten CBGB in Downtown Manhattan, das selbst von der altehrw\u00fcrdigen <em>New York Times<\/em> damals wohlwollend besprochen wurde. Anfang der achtziger Jahre kehrte Nico jedoch der Neuen Welt endg\u00fcltig den R\u00fccken, ging zur\u00fcck in die Alte Welt und lie\u00df sich vor allem als S\u00e4ngerin und Musikerin in England in der recht monotonen Industriestadt Manchester nieder. Ihr Album <em>Drama of Exile<\/em> (1981) spiegelt bereits im Titel ihre immer w\u00fcster werdende Erfahrungswelt der wandernden Heimatlosigkeit schlagwortartig wider. Im folgenden Jahr ging sie mit britischen Post-Punk-Bands wie Bauhaus und Blue Orchids weiter auf Tournee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihren sp\u00e4teren Jahren sollte sich Nico zunehmend auf immer \u00e4ltere europ\u00e4ische Kulturtraditionen zur\u00fcckbesinnen, allen voran auf das deutsche Mittelalter und seine germanische Sagenwelt. Entsprechende Anspielungen reichen von Versen wie \u201eAsleep in a Nibelungenland\u201c bis zu Songtiteln wie \u201eGenghis Khan\u201c, dem sagenhaften Eroberer aus dem Fernen Osten und gro\u00dfen fern\u00f6stlichen Bedroher der abendl\u00e4ndischen Gesellschaft und ihrer mittelalterlichen Weltordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMy melodies are from the Middle Ages\u201c soll sie einmal gesagt haben. Entsprechend begann sie auch in dieser Zeit Texte auf Deutsch zu schreiben, wie etwa das Lied \u201eK\u00f6nig\u201c, in dem es hei\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">K\u00f6nig, lass dich leiten,<br \/>\nlass mich dich begleiten<br \/>\nauf diesem weiten Strand<br \/>\nergreife meine Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ihren musikalischen Exkursionen in die sogenannten \u201eDark Ages\u201c unserer mittelalterlichen Vergangenheit wurde sie zu einer berufenen Bahnbrecherin der sich damals entfaltenden Musik-Gattung des \u201eGothic Rock\u201c und seiner millenarisch-apokalyptischen Schauerromantik, f\u00fcr die um die Jahrtausendwende zahllose Millennials diesseits und jenseits des Atlantik zu schw\u00e4rmen begannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem Rammstein wusste die h\u00f6her und h\u00f6her schlagenden musikalischen Wellen aus der Alten Welt mit ihren makabren Balladen und pyrotechnischen Spektakeln weiter aufzupeitschen und melodramatisch auszureiten. Ihre Musik glich stellenweise geradezu einem rhythmischen Rammbock, mit dem sie die heile Welt eines oft so scheinheiligen B\u00fcrgertums im Sturm eroberten und deren Kinder sie wie einst der Rattenf\u00e4nger von Hameln hinter sich scharten, sodass sie ihnen von Konzert zu Konzert folgen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zur\u00fcck zu Nico und ihrem magisch-mystischen Sirenengesang. Hand in Hand mit ihrer musikalischen Entgrenzung in mittelalterliche Vorstellungswelten ging die emotionale Entfremdung jugendlicher Millennials, die sich aus welchen Gr\u00fcnden auch immer gegen ihre Umwelt auflehnten, wenn nicht gar mit ihrer eigenen Innenwelt im Zwiespalt lagen. F\u00fcr derartige Konflikte und Konfrontationen schienen Nicos opake Orakel geradezu wie geschaffen. So hei\u00dft es etwa \u00fcber den in der englischen Sprache geradezu sprichw\u00f6rtlich gewordenen Kampf mit den inneren D\u00e4monen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Demon is dancing down the scene,<br \/>\nHe is calling and throwing<br \/>\nhis arms up in the air,<br \/>\nand no one is there.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und lange bevor der Begriff \u201eborderline\u201c ein <em>terminus technicus<\/em> in der Reklassifizierung psychologischer Verhaltensmuster wurde, mobilisierte Nico diesen Fachbegriff mit gro\u00dfem, doppeldeutigem Effekt in ihrem Song \u201eFrozen Warning\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Frozen warnings close to mine,<br \/>\nclose to the frozen borderline.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Zweizeiler beschw\u00f6rt nicht nur die psychischen Abgr\u00fcnde einer traumatisierten Seelenlandschaft, sondern auch die realpolitische Grenzlandschaft eines zerrissenen Deutschlands samt seiner landesweiten Todessreifen in den letzten Jahren des Kalten Krieges herauf. Nico sollte freilich die friedliche Revolution, den Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung ihres Heimatlandes nicht mehr erleben. 1988 ist sie mit erst 49 Jahren auf der Insel Ibiza in Spanien gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Fremde ist nicht Heimat geworden, aber die Heimat Fremde.\u201c So charakterisierte einst Alfred Polgar die Erfahrung vieler seiner Schicksalsgef\u00e4hrten, die im Dritten Reich zur Auswanderung gezwungen waren. Dieses \u201eDrama of Exile\u201c spricht auch Nico aus tiefster Seele, verfolgt man ihre ruhelose Wanderschaft von einem Land und von einem Erdteil zum immer wieder andern. Sie hatte auf ihrem Lebensweg nicht nur die Fremde und die Entfremdung auf vielfache Weise erfahren, sie war letztlich selbst zu einer Art wandelndem Verfremdungseffekt im Sinne Brechts geworden, zu einer zeitverlorenen Kunstfigur, die sich umgekehrt in seinem \u201eepischem Theater\u201c wohl noch am ehesten zu Hause gef\u00fchlt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es d\u00fcrfte kaum verwundern, dass Nico \u2013 wie so manche ihrer Weggef\u00e4hrten im Reich der Rockmusik \u2013 auch drogens\u00fcchtig gewesen war. Immer wieder war es die grenzenlose Sehnsucht \u2013 und zum Schluss nur noch die Sucht \u2013 nach dem irdischen Gl\u00fcck, wenn nicht gar der \u00fcberirdischen Gl\u00fcckseligkeit. Erst kurz vor ihrem Tod im Ferienparadies von Europas <em>jeunesse dor\u00e9e<\/em> \u2013 <em>et maudit<\/em> \u2013 schien sie ihre jahrelange Heroinsucht schlie\u00dflich \u00fcberwunden zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es d\u00fcrfte kaum \u00fcberraschen, dass sich Nico ganz bewusst in der vagantischen, neo-romantischen Nachfolge der europ\u00e4ischen Romantik sieht, n\u00e4mlich auf den Spuren des deutschen Fernwehs und seiner weltbekannten Wanderlust, in den romantischen \u00dcberlieferungen englischer Poeten wie William Blake und Samuel Taylor Coleridge sowie im Bann der vielbesungenen franz\u00f6sischen La Boh\u00e8me, ihrem mediterranen Motto des \u201esavoir vivre\u201c und vor allem ihrer subversiv-rebellischen Maxime \u201eIf faut \u00e9pater le bourgeois\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nicht zuletzt ist Nico auch eine sp\u00e4te, nat\u00fcrliche Tochter der deutschen, schwarzromantischen Tradition und ihrer so monds\u00fcchtigen, launisch-lunatischen Imagination, wie sie sich vor allem in E.T.A. Hoffmanns Erz\u00e4hlungen oder den gespenstischen <em>Nachtwachen des Bonaventura<\/em> aus der Feder eines enigmatischen Anonymus aus dem Jahre 1805 immer wieder irisierend reflektiert. Es ist jene zwielichtige, heimlich-unheimliche Welt der Poltergeister und Doppelg\u00e4nger, die in Nicos untergr\u00fcndigem D\u00e4mmerreich erneut fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd und furchtbare Wiederkehr feierten.<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-auf-ihrem-Harmonium-Wikipedia.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6456\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-auf-ihrem-Harmonium-Wikipedia-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"332\" height=\"477\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-auf-ihrem-Harmonium-Wikipedia-209x300.jpg 209w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Nico-auf-ihrem-Harmonium-Wikipedia.jpg 677w\" sizes=\"auto, (max-width: 332px) 100vw, 332px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Nico auf ihrem Harmonium (Wikipedia)<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der wachsenden Anzahl der musikalischen Tribute und filmischen Dokumentationen, die seit ihrem Tod entstanden sind, sei hier lediglich eine gro\u00dfe Musikveranstaltung zahlreicher K\u00fcnstler zu Nicos Ehren aus dem Jahr 2013 genannt, die an der renommierten Brooklyn Academy of Music in New York stattfand. Sie feierten Nicos Allround-Kunst, ihren artistischen Lebenswandel und ihr oft so traumt\u00e4nzerisches Wanderdasein unter dem treffenden Titel \u201eA Life Along the Borderline\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nico, deutsch-gotische S\u00e4ngerin und schauerromantische Mondg\u00f6ttin des New Yorker Velvet Underground \u00a0 Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia &nbsp; Essay Abstract:\u00a0 Variationen eines Themas: Die Wiederkehr des Mittelalters in der Moderne \u201eBack to the Future!\u201c Das war wohl die popul\u00e4rste Parole der sogenannten Postmoderne, deren Diskursformationen sich in den achtziger Jahren diesseits und jenseits des Atlantiks [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"parent":6396,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-6450","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6450","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6450"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6450\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}