{"id":6470,"date":"2020-09-10T09:25:08","date_gmt":"2020-09-10T13:25:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6470"},"modified":"2020-09-10T09:29:18","modified_gmt":"2020-09-10T13:29:18","slug":"iii-nostalgische-reminiszenzen-lied-an","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-45-2020\/iii-nostalgische-reminiszenzen-lied-an\/","title":{"rendered":"III. (N-)ostalgische Reminiszenzen: Lied an!"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eLied an!\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Wolfgang M\u00fcller, Carlisle, Pennsylvania<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren gerade vom Essensempfang zu unserer Baracke marschiert und dabei, es uns auf unserem Zimmer bequem zu machen. Hotte nahm seinen braunen Lederg\u00fcrtel ab und z\u00fcndete sich eine Club an. Alfred machte wie immer nach dem Abendfra\u00df mit seinem Tauchsieder Tee f\u00fcr uns, Peter suchte irgendetwas in seinem Schrank. Ich streifte gerade die Stiefel ab, hangelte mich aus meiner Uniformjacke und suchte nach meinem Bandma\u00df, als die Trillerpfeife von Unteroffizierssch\u00fcler Beckhoff durch die Baracke schrillte. \u201eSchei\u00dfe\u201c, rief Hotte, \u201ewas will dieses Arschloch jetzt noch von uns. Dienst ist doch eigentlich vorbei\u201c. Wir bekamen es gleich zu h\u00f6ren. \u201eDritte Kompanie im Kampfanzug raustreten.\u201c Das langsame, gedehnte \u201eie\u201c am Ende des Wortes \u201eKompanie\u201c dehnte sich, brach ab. Nach einer kurzen Pause kam das schnelle, \u201eim Kampfanzug\u201c und nach einer weiteren kleineren Pause bellte es aus Beckhoffs Mund \u201eraustreten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eF\u00fcr so\u2019n Rotarsch nach sechs noch raustreten? Der wei\u00df wohl nicht, mit wem er es zu tun hat.\u201c Hotte sprang von seinem Doppelstockbett, stellte sich vor unserem Tisch am Fenster auf, holte sein Bandma\u00df aus der Tasche und hielt es Alfred, Peter und mir unter die Nase. 37 cm waren noch dran. \u201eDa soll der mal dran riechen.\u201c Hotte kuckte uns mit \u00fcberlegener Miene an. Verdammt, er war mir einen Tag voraus. 38 cm waren auf meinem noch zu sehen. Ich hatte das rituelle Abschneiden gestern Abend vers\u00e4umt. \u201eRaustreten!\u201c, schallte es noch einmal aus dem Flur. Die T\u00fcren der Soldatenstuben \u00f6ffneten sich. Klaus aus der Nachbarstube guckte vorsichtig um die Ecke, w\u00e4hrend er sich noch eine Schachtel Karo in die Uniformjacke steckte. Die T\u00fcren der anderen Stuben \u00f6ffneten sich. Die anderen EKs<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> liefen bewusst langsam den Flur entlang zum Aufstellplatz, die Schnipper schneller. \u201eUnd da laufen Sie, Meyer, da laufen Sie! Oder soll ich ihnen die Eier schleifen oder was?\u201c, herrscht mich Beckhoff an. \u201eLaufen Sie, Laufen Sie.\u201c Jetzt quollen auch andere aus ihren Stuben. Einige begannen sogar, im Flur zu rennen, w\u00e4hrend sie sich noch schnell den G\u00fcrtel um den Bauch schnallten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich am Spie\u00dfzimmer vorbeilief, stand Reinke da. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Ein kleines Grinsen vielleicht, gemischt mit ein wenig Verst\u00e4ndnis oder sogar Mitleid? Aber mit wem? Mit uns? Mit Beckhoff? \u201eIn Dreierreihe antreten, richt\u2019 euch, Augen g\u2019radeaus, Augen links, Augen g\u2019radeaus, r\u00fchren\u201c, schrie es, als wir schlie\u00dflich alle in kleinen Gr\u00fcppchen vor der Baracke standen. Der hat aber schnell gelernt, fl\u00fcsterte Alfred. Wie automatisch bewegten sich unsere K\u00f6pfe in die vorgegebene Richtung, Richtung Beckhoff, der breitbeinig vor dem Mast mit der schwarz-rot-goldenen Fahne stand, die so schlaff herunterhing, dass \u00c4hrenkranz, Hammer und Sichel nicht mehr zu sehen waren. Was das nur alles wieder hei\u00dfen sollte. \u201eZum Abendsport links um, im Gleichschritt marsch\u201c, kam es wie eine Antwort aus seinem Mund. Abendsport, das war mal etwas Neues. Wer hat sich das nur wieder einfallen lassen, dachte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den grinsenden Posten vorbei marschierten wir durch das Kasernentor. \u201eIm Laufschritt marsch\u201c, kam ein weiterer Befehl, als wir am Ende des Drahtzauns mit dem Stacheldraht links in einen Waldweg abgebogen waren. Beckhoff rannte vorneweg. Wir wurden langsamer, bis sich der Abstand zu ihm auf etwa 50 Meter vergr\u00f6\u00dfert hatte. Beckhoff sah sich um, schrie uns an: \u201eIhr lauft ja wie die Itaka\u201c, lie\u00df dann aber die Kompanie aufschlie\u00dfen und rief pl\u00f6tzlich: \u201ePanzer von links!\u201c, worauf wir uns wie ge\u00fcbt am Waldrand auf den Boden warfen, eine imagin\u00e4re AK47 auf den imagin\u00e4ren Feind gerichtet. Er stand nun etwa 20 Meter vor uns. \u201eBis auf meine H\u00f6he robben\u201c, befahl er. \u201eDieser Schei\u00df Rotarsch\u201c, zischte mir Hotte ins Ohr. Ich sah mich um. Alfred schaute nach vorne und bewegte sich nicht. Auch Klaus und Peter schienen nicht verstanden zu haben. \u201eDer will wohl, dass wir ihm noch seine dreckigen Stiefel k\u00fcssen\u201c, kam es aus ihrer Richtung. Ein oder zwei der erst vor ein paar Wochen eingezogenen jungen Schnipper begannen zu robben. Linkes Knie angezogen, gestreckt. Rechtes Knie angezogen, gestreckt. Aber auch sie stoppten, als sie merkten, dass niemand sonst Beckhoffs Befehl gefolgt war. Das nimmt kein gutes Ende, dachte ich und blickte vor mich auf den Boden. Verdammt, ich lag auf einem Ameisenhaufen. Die r\u00f6tlichen Sechsf\u00fc\u00dfler krabbelten aufgeregt \u00fcber meinen Ellenbogen. Eine schleppte einen toten Kameraden ab. Eine andere bewegte mit einiger M\u00fche ein braun-wei\u00dfliches Tannennadelpaar. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, schaute aber auf und sah Beckhoffs rotes Gesicht. \u201eBis auf meine H\u00f6he robben. Das ist ein Befehl!\u201c Der Satz kam gepresst aus seinem Mund. Niemand r\u00fchrte sich. Mein rechter Arm begann zu jucken. Ich drehte meinen Kopf langsam nach links und sah ganz nahe eine Pusteblume und ein paar Meter weiter eine Kiefer, auf der sich, nach dem lauten Zwitschern zu urteilen, zwei Spatzen \u00fcber irgendetwas zu streiten schienen. Neben mir lag Hotte, Alfred etwas weiter vorn, ein paar aus der Nachbarstube links hinten. Niemand hatte seinen Kopf gehoben. Sie schienen Beckhoff \u00fcberhaupt nicht wahrzunehmen. \u201eDas ist Befehlsverweigerung\u201c, schrie er mit nun hochrotem Kopf. \u201eIm Ernstfall k\u00f6nnte ich Sie alle wie Hunde erschie\u00dfen.\u201c In seine geschriene Drohung mischte sich fast so etwas wie Erstaunen. Und dann mit schneidender Stimme: \u201eMit Ihren Ausgangsscheinen k\u00f6nnen Sie sich in den n\u00e4chsten vier Wochen erst einmal den Arsch abwischen. Sprung auf, im Laufschritt marsch!\u201c Diesmal gehorchten wir. Ausgangsschein war wichtig, und gegen Dauerlauf im Wald konnte man auch nicht viel haben, selbst wenn er befohlen wurde. Hotte und Alfred trabten nun neben mir. Schwer zu sagen, was sie dachten. Ein bisschen Befriedigung wird Hotte schon empfunden haben, aber ich wusste, dass Alfred am Wochenende seine Eltern besuchen wollte, und auf mich w\u00fcrde nun Brigitte vielleicht vergeblich warten. Das war schon ganz sch\u00f6n hart. Und die anderen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKompanieeee, im Gleichschritt!\u201c \u201eMann, kaum biste auf H\u00f6chstjeschwindichkeit, schon musste wieder anhalten. Der wei\u00df nich, was er will\u201c, n\u00f6rgelte Peter. Wir stoppten, ordneten uns wieder in Dreierreihen ein und konzentrierten uns darauf, Schritt zu halten. \u201eEin Lied.\u201c Beckhoff bat nun mehr, als er befahl. \u201eSpaniens Himmel, Lied an!\u201c \u201eSpaniens Himmel breitet seine Sterne\u201c, begann er, so laut er konnte, zu singen. Au\u00dfer ihm und dem dumpfen Stampfen unserer Schritte auf dem Sandboden war aber nichts zu h\u00f6ren. \u201eLied an!\u201c Beckhoff versuchte es noch einmal, wieder so laut er konnte, aber niemand stimmte ein. \u201ePolenm\u00e4dchen\u201c, schrie Klaus, das kann jeder. Sofort fingen drei in der hinteren Reihe an zu gr\u00f6len: \u201eIn einem Polenst\u00e4dtchen, da gab es einst ein M\u00e4dchen. Das war so sch\u00f6\u00f6\u00f6n.\u201c Und nun fielen alle ein. \u201eEs war das wundersch\u00f6nste Kind, das man in Pooolen findt. Aber nein, aber nein sprach sie, ich k\u00fcsse nie.\u201c Irgendwie ging es mit dem Gleichschritt nun wie von selbst. Da Beckhoff vorne marschierte, konnte ich leider nicht erkennen, ob er mitsang. Doch das regelm\u00e4\u00dfige Knallen der eisenbelegten Hacken seiner Kompanie auf dem Kopfsteinpflaster wird ihm gefallen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bogen wieder auf die Stra\u00dfe mit dem Drahtzaun ein. Nun war schon der KP zu sehen. Beckhoff kommandierte \u201eKompanie halt\u201c, drehte sich zu uns um und sagte: \u201eLeute, wir sind jetzt fast in H\u00f6rweite des KP. Jetzt mal ein anst\u00e4ndiges Lied. Also, im Gleichschritt marsch! Spaniens Himmel. Lied an!\u201c \u201eSpaniens Himmel breitet seine Sterne \u00fcber unsre Sch\u00fctzengr\u00e4ben aus, und der Morgen\u2026\u201c kam es aus unseren Kehlen. Zufrieden grinsend drehte sich Beckhoff noch ein Mal zu uns um, w\u00e4hrend unser Lied uns im Rhythmus der Stiefel voran flatterte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Footnotes:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> NVA-Sprache, steht f\u00fcr \u201eEntlassungskandidaten\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLied an!\u201c &nbsp; Wolfgang M\u00fcller, Carlisle, Pennsylvania &nbsp; Wir waren gerade vom Essensempfang zu unserer Baracke marschiert und dabei, es uns auf unserem Zimmer bequem zu machen. Hotte nahm seinen braunen Lederg\u00fcrtel ab und z\u00fcndete sich eine Club an. 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