{"id":6477,"date":"2020-09-10T09:30:48","date_gmt":"2020-09-10T13:30:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6477"},"modified":"2020-12-25T06:47:09","modified_gmt":"2020-12-25T11:47:09","slug":"iii-n-ostalgische-reminiszenzen-eine-jugend-in-ostdeutschland-uberleben-im-untergrund-der-musik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-45-2020\/iii-n-ostalgische-reminiszenzen-eine-jugend-in-ostdeutschland-uberleben-im-untergrund-der-musik\/","title":{"rendered":"III. (N-)ostalgische Reminiszenzen: Eine Jugend in Ostdeutschland"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Eine Jugend in Ostdeutschland \u2013 <\/strong><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>\u00dcberleben im Untergrund der Musik<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Anja Moore, Chesapeake, Virginia<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Alt m\u00f6cht ich werden<br \/>\nAlt m\u00f6cht ich werden wie ein alter Baum,<br \/>\nmit Jahresringen, l\u00e4ngst nicht mehr zu z\u00e4hlen,<br \/>\nmit Rinden, die sich immer wieder sch\u00e4len,<br \/>\nmit Wurzeln tief, da\u00df sie kein Spaten sticht.<br \/>\nIn dieser Zeit, wo alles neu beginnt,<br \/>\nund wo die Saaten alter Tr\u00e4ume reifen,<br \/>\nmag wer da will den Tod begreifen \u2013<br \/>\nich nicht!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Alt m\u00f6cht ich werden wie ein alter Baum,<br \/>\nzu dem die sommerfrohen Wandrer f\u00e4nden,<br \/>\nmit meiner Krone Schutz und Schatten spenden<br \/>\nin dieser Zeit, wo alles neu beginnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Aus sagenhaften Zeiten m\u00f6cht ich ragen,<br \/>\ndurch die der Schmerz hinging, ein b\u00f6ser Traum,<br \/>\nin eine Zeit, von der die Menschen sagen:<br \/>\nWie ist sie sch\u00f6n! O wie wir gl\u00fccklich sind!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Louis F\u00fcrnberg, \u201eAlt wie ein Baum\u201c (1951)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Jugendzeit in den 80er Jahren in der DDR war von einem brennenden Verlangen nach Freiheit gepr\u00e4gt. Damals hatte meine Generation schon eine Vorahnung, dass das alles nicht l\u00e4nger so weitergehen konnte. Der Gedanke an das resignierte und unzufriedene Dasein unserer Eltern war einfach unertr\u00e4glich. Ihre Existenz stellte einen Vorschatten unserer eigenen Zukunft dar und musste aus reinem Idealismus abgelehnt werden. Ich wusste schon im Alter von vierzehn Jahren, die ich im damals fast schon vierzig Jahre existierenden Arbeiter- und Bauernstaat gelebt hatte, dass unsere einzige Chance, dem sozialistischen Pers\u00f6nlichkeitsideal zu entfliehen, auf die wenigen Jahre unserer Jugend beschr\u00e4nkt sein w\u00fcrde. Die DDR-Erziehung an den Kinderg\u00e4rten und Schulen hatte unsere Sinne gegen\u00fcber der marxistisch-leninistischen Propaganda abgestumpft, aber wenn es ums Jenseits der Ostblockgrenze ging, wurden wir hellwach. Dieses Leben im Zwiespalt zwischen Resignation und Rebellion lie\u00df uns etwas schneller erwachsen werden und besonders auf den D\u00f6rfern wurden die Diskos zum Brennpunkt unseres (wenn auch nicht unbedingt heldenhaften) Widerstandes. Das letzte Jahrzehnt vor der Wende war von einer gr\u00f6\u00dferen Toleranz gegen\u00fcber passiv-aggressiven Aufbegehrungen der Jugend gepr\u00e4gt. Es wurde \u00f6fter ein Auge zugedr\u00fcckt, wenn durch unsere Musik- und Modewahl die Gleichf\u00f6rmigkeit und Unterdr\u00fcckung des Individuums nicht nur kritisiert, sondern sogar herausgefordert wurde. Wir lie\u00dfen keine Chance ungenutzt, und bevor wir uns vom artigen Kindesalter wieder in die Untert\u00e4nigkeit und F\u00fcgsamkeit der Erwachsenenwelt hineinzw\u00e4ngen lie\u00dfen, zeigten wir dem Staat erst einmal richtig die Z\u00e4hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Musik spielte in der spannungsgeladenen Vorwendezeit besonders f\u00fcr die Jugend eine wichtige Rolle. Es gab Ostmusik, und es gab Westmusik. Diese geografisch und somit auch politisch getrennten Genres verk\u00f6rperten stark die Zwiesp\u00e4ltigkeit einer Welt, in der sich die Bev\u00f6lkerung der DDR zurechtfinden musste. Musik war so viel mehr als nur Gesang und Harmonie. Durch ihren weitreichenden Einfluss auf die \u00d6ffentlichkeit auch \u00fcber ostdeutsche Grenzen hinaus wurde Musik zum Aush\u00e4ngeschild des Sozialismus, w\u00e4hrend der Staat sein Bestes tat, um den Einfluss westlicher Kl\u00e4nge zu d\u00e4mpfen. Zuk\u00fcnftige Liedermacher und Komponisten wurden sorgf\u00e4ltig vom DDR-Staat gepr\u00fcft und ausgew\u00e4hlt. Wer ideologisch fit war und sich dem Sozialismus und der Partei verpflichtete, erhielt eine erstklassige Ausbildung und durfte \u00f6ffentlich auftreten und damit die DDR repr\u00e4sentieren. Eine der bekanntesten ostdeutschen Bands waren die Puhdys. Ihr Ohrwurm \u201eAlt wie ein Baum\u201c pulsierte Ende der 70er Jahre wie eine Hymne durch den ostdeutschen \u00c4ther. Die immense Popularit\u00e4t dieses Liedes ist wahrscheinlich auf dessen eing\u00e4ngige, von jenseits der Mauer importierte Melodie zur\u00fcckzuf\u00fchren. Vergleicht man die ersten Takte mit dem Anfang des Queen Songs \u201e\u201839\u201c, kann man deren \u00c4hnlichkeit unm\u00f6glich verleugnen. Hatte der Staat wirklich nicht damit gerechnet, dass fetzige Westmusik auch von unseren \u00fcberzeugtesten Musikern geh\u00f6rt und ihr sogar nachgeeifert werden w\u00fcrde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Text des sozialistischen Liedes war nat\u00fcrlich auch sehr wichtig und sollte unmittelbar die Werte und Sentimente des Sozialismus widerspiegeln. Anhand des Beispiels der Puhdys und ihres gro\u00dfen Hits l\u00e4sst sich allerdings feststellen, dass man kompromissbereit sein musste, wenn man sich zu den erfolgreichen Bands des Ostens z\u00e4hlen wollte. Das beschr\u00e4nkte oftmals den Gesangsstoff auf neutrale, lyrische Themen, die Raum zur politischen Interpretation lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAlt wie ein Baum\u201c greift ein uraltes Thema, den Wunsch nach Unsterblichkeit auf, geht aber noch ein St\u00fcckchen weiter und verlangt sehns\u00fcchtig nach einer besseren Zukunft: \u201eAlt wie ein Baum mit einer Krone die weit [\u2026] \u00fcber Felder zeigt.\u201c Meinten die Felder hier eine Grenze, die es endlich\u00a0zu \u00fcberwinden galt? Die Puhdys fanden Inspiration in Louis F\u00fcrnbergs Gedicht \u201eAlt m\u00f6cht ich werden.\u201c F\u00fcrnberg, bekannt f\u00fcr seine Lyrik, wurde in der DDR auch als Verfasser des ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten \u201eLied[es] der Partei\u201c gefeiert. Zufall? Wenn man ein bisschen tiefer schaut, entpuppen sich die Puhdys als eine Band, die sich am Anfang ihrer Karriere nicht davor scheute, mit dem Status Quo zu brechen, auf Englisch zu singen und das Regime zu kritisieren. Der Staat drohte mit Auftrittsverboten, und die Rockgruppe passte sich an und sang in den 70er-Jahren auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Karriere meistens auf Deutsch. Die musikalische Referenz zum geachteten Dichter des Kommunismus war ein wichtiger Schritt in Richtung Wiedervers\u00f6hnung mit dem Staat, und diese Geste wiederum garantierte das \u00dcberleben und den Erfolg der Puhdys innerhalb staatlicher Beschr\u00e4nkungen. Es war gef\u00e4hrlich, sich \u00f6ffentlich gegen den Sozialismus auszusprechen. Wer sich weigerte, verschwand von der Bildfl\u00e4che und es wurde keine M\u00fche gescheut, Staatsfeinde systematisch zu diskreditieren, um sie letztendlich loszuwerden. Am Beispiel von Wolf Biermann kann man diese Methoden nachvollziehen: Verleumdung. Schwarze Liste. Entzug der B\u00fcrgerrechte. Ausb\u00fcrgerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Erinnerungen an die DDR-Musik der 80er Jahre h\u00e4lt sich in Grenzen. Nat\u00fcrlich kannten wir die beliebtesten Gruppen wie Karat, die Puhdys und City und deren Hits, da sie immer wieder im Radio zu h\u00f6ren waren. Durch ihre Balladen sprachen sie wehm\u00fctig zu uns von fremden Welten, die nur \u00fcber Hindernisse zu erreichen waren, wie zum Beispiel in Karats fr\u00fchem Hit \u201e\u00dcber sieben Br\u00fccken musst du geh\u2019n, sieben dunkle Jahre \u00fcbersteh\u2019n.\u201c Sp\u00e4ter warnte Karat mit ihrem Lied \u201eDer blaue Planet\u201c vor der Zerst\u00f6rung unserer Welt. Waren es Sorgen um die Umwelt oder um den Kalten Krieg? Die Nachricht scheint oft mehrdeutig und versteckt. Ost-produzierte Musik allein war aber nicht in der Lage, unseren inneren Drang nach fernen L\u00e4ndern und echter Freiheit zu stillen, waren die DDR-Musiker und Liedermacher doch selbst gefangen, zensiert und genauso einer hoffnungslosen Zukunft ausgeliefert wie wir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 80er Jahre brachten auch im Osten eine Art selbstgemachten Fortschritt. Geheime B\u00fcrgerinitiativen, die aber wegen ihrer immensen Popularit\u00e4t und Partizipation der allgemeinen Bev\u00f6lkerung in Wirklichkeit gar nicht geheim gehalten werden konnten, trugen dazu bei, dass es auf einmal mehr westliche Kan\u00e4le auf dem ostdeutschen Bildschirm gab. Dank einer neuen Antenne am Waldrand etwas au\u00dferhalb des Dorfes, der den h\u00f6chsten Punkt unseres Ortes markierte, konnte man nun endlich auch Westfernsehen ohne die gew\u00f6hnlichen St\u00f6rungen empfangen und dazu noch etliche Privatsender sehen. MTV erschien zum ersten Mal in unseren schwarz-wei\u00dfen Flimmerkisten und breitete vor uns ein Buffet verbotener Musikstile und deren visueller Verarbeitung durch Musikvideos aus. Wer h\u00f6rte da schon Balladen und Schlager, die auf sozialistischem Boden gewachsen waren? Wer wollte schon l\u00e4nger Musik, die einen eher beruhigenden und melancholischen Effekt hatte und uns immer wieder ins Koma unseres Daseins einzulullen versuchte? Es gab nicht vieles, wor\u00fcber wir Kontrolle hatten, aber unsere Ablehnung der erlaubten Musik gab uns in diesem Moment Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Aufkommen der Beat-Musik in den 50er Jahren, die von Walter Ulbricht, dem damaligen Parteichef der DDR, stark verp\u00f6nt wurde, \u00f6ffnete sich erst z\u00f6gernd und dann immer weiter die T\u00fcr zur Rock \u2018n\u2019 Roll Musik zehn Jahre sp\u00e4ter. Zu meiner Zeit in den 80er Jahren hatten sich diese Kl\u00e4nge weiterentwickelt und fanden jetzt ihren Ausdruck in Punk, New-Wave, Heavy Metal und Gothic Rock. Diese Musik war schr\u00e4g, sie war laut, sie war auf Englisch, sie war \u00fcber alles bei der Jugend beliebt, von den Erwachsenen verp\u00f6nt und vom Staat gef\u00fcrchtet. Der Widerstand war einfach und bedurfte nur der richtigen Schminke und Klamotten. Ein Outfit und eine Frisur wurden auf einmal zum Aush\u00e4ngeschild des Widerstandes, und oft glaubten wir nicht einmal selbst an einen Gott, dessen Kreuz wir rebellisch um den Hals geh\u00e4ngt zur Schau stellten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem Ausflug in die nicht weit von meinem Dorf entfernte Gro\u00dfstadt Chemnitz, die in der Nachkriegszeit nach dem Verfasser des <em>Kommunistischen Manifests<\/em> in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde, bekam man diese Jugendszenen schon auf den Stra\u00dfen zu sehen: Schwarze Kleidung, schwarz umrandete Augen im Kontrast zum blass geschminkten Gesicht waren das Markenzeichen der sogenannten \u201eGruftis\u201c, sp\u00e4ter als Gothics bekannt. Die Gruftis waren ein einziger modischer Protest: gegen den Staat, gegen die Gleichf\u00f6rmigkeit, gegen das verordnete Jugendbild. Man wollte auffallen. Man wollte provozieren. Man wollte anders sein. Viel sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass sich hier auch eine aktive Untergrundbewegung der Musikszene entwickelt hatte, die erst heimlich in den Wohnzimmern ihre eigene Musik zusammenbastelte und sp\u00e4ter auch \u00f6ffentlich in den Kirchen auftrat. Diese Wohnzimmer-Bands schrieben auf einmal Texte, die schonungslos vom Staat Abstand nahmen und sich auf die Gefahr hin, eingesperrt zu werden, ungehemmt gegen das System auflehnten. Aufgrund der immer noch effektiven \u00dcberwachungsmethoden der Stasi blieben solche Bands vor uns verborgen und existierten mehr im Untergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karl-Marx-Stadt, im Volksmund wegen seiner einst industriellen Silhouette auch Ru\u00df-Chamtz genannt, lebte durch die Schilderungen meiner Gro\u00dfeltern in mir weiter. Im Krieg hatte es viele seiner namensgebenden Schornsteine und vorkriegszeitlichen Architektur eingeb\u00fc\u00dft und war somit zum Aush\u00e4ngeschild des Sozialismus samt Namens\u00e4nderung geworden: einf\u00f6rmige, langweilige Betonw\u00fcste ohne jegliche Kreativit\u00e4t, ohne Charme. Zu tun gab es hier nicht viel und ein seltener Besuch in die Stadt, um im einzigen Kaufhaus Schlange zu stehen und ein\u00a0Jugendweihekleid zu ergattern, wurde zum deprimierenden Bummel entlang der gro\u00dfz\u00fcgig ausgelegten und im Winter eiskalten, zugigen Stra\u00dfe der Nationen. Diese schien ironischerweise nie belebt. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich immer meinen Schritt beschleunigte, wenn ich am nicht weit entfernten Karl-Marx-Nischl vorbeieilte. Der riesige Granitblock, der 1971, im Jahr meiner Geburt, errichtet wurde, hatte etwas Imposantes, Furchterregendes an sich, schien aber inmitten dieser leeren, zementierten Welt wie der H\u00fcter des Betons, ein heidnisches Idol, das angebetet werden wollte.<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 14.9598%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 69.7791%;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Marx-Denkmal.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6481\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Marx-Denkmal-300x227.jpg\" alt=\"\" width=\"669\" height=\"506\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Marx-Denkmal-300x227.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Marx-Denkmal-768x581.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Marx-Denkmal.jpg 1006w\" sizes=\"auto, (max-width: 669px) 100vw, 669px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">File: Bundesarchiv Bild 183-K1106-0062, Chemnitz, Karl-Marx-Denkmal, Karl-Marx-Allee.jpg<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 15.261%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Wunder, dass die Jugend hier ihren Widerstand offener zur Schau trug. Die meisten von uns auf den D\u00f6rfern gingen brav zur Schule, wo wir den sozialistischen Anforderungen der Autorit\u00e4t gerecht wurden, Omas Kette mit dem Kreuz unterm Pullover versteckten, die Augen weniger stark anmalten und die schwarzen Klamotten zu Hause lie\u00dfen. Unsere Zeit kam am Abend, wenn wir wie Vampire aus unserem Sarg der Konformit\u00e4t herauskletterten, um uns so richtig auszutoben. Die Vorbereitung auf die \u00f6rtliche Disko war ein Ritual, das sehr ernst genommen wurde. Wir scheuten keine M\u00fche und unsere Kreativit\u00e4t war unbegrenzt. Wer n\u00e4hen konnte, lernte, Opas alte schwarze Hose abzu\u00e4ndern, so dass sie jetzt zum Outfit passte. Schwarzer Stoff, wie alle anderen begehrlichen Produkte, war Mangelware, und wir durchst\u00f6berten die vergessenen Kisten auf dem Oberboden nach wiederverwendbaren Materialien, die recycelt und umfunktioniert werden konnten. Es war eine Zeit des st\u00e4ndigen Mangels, die unglaubliche F\u00e4higkeiten und grenzenlose Kreativit\u00e4t in uns erweckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel gab es im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat f\u00fcr eine rebellierende Jugend nicht zu tun, und dieser Mangel nicht nur an Konsumg\u00fctern, sondern auch an M\u00f6glichkeiten, so richtig Dampf abzulassen, unterst\u00fctzte die Gr\u00fcndung der d\u00f6rflichen Diskos, die zu meiner Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Auch ohne Handy und Internet wussten wir immer ganz genau, wo in der Umgebung eine Disko stattfand und bereiteten uns dementsprechend vor. Lokale Jugendklubs, die offiziell von der FDJ gesponsert wurden, aber am Ende wenig mit der F\u00f6rderung des sozialistischen Pers\u00f6nlichkeitsbildes zu tun hatten, organisierten solche T\u00e4nze in den Turnhallen und Gasth\u00e4usern der Umgebung. Unvorstellbar f\u00fcr heute, wurde ich schon mit vierzehn mit elterlicher Erlaubnis und besch\u00fctzt von zwei \u00e4lteren Br\u00fcdern in die Diskoszene eingeweiht. Diese Treffpunkte hatten etwas Kultm\u00e4\u00dfiges und waren so popul\u00e4r, dass man stundenlanges Schlangestehen bei Regen und K\u00e4lte gerne in Kauf nahm. Am Ende war es dann des Wartens wert. Die Musik dr\u00f6hnte und pulsierte meistens auf Englisch und gegen die staatliche Vorschrift, dass auf \u00f6ffentlichen Veranstaltungen sechzig Prozent der Musik ostdeutschen Ursprungs sein musste, durch den dunklen, mit Menschen vollgestopften, rauchgef\u00fcllten Raum. Hier wurden die Jugendlichen zu Disko-Freaks und bewegten sich wie in Trance zur Musik von The Cure und Depeche Mode oder sprangen wie wild zu Billy Idols \u201eHey, little sister\u201c aus seinem Song \u201eWhite Wedding\u201c \u00fcber die aus den Fugen platzende Tanzfl\u00e4che. Sp\u00e4ter dr\u00e4ngten sich die M\u00e4dchen auf den stinkenden Toiletten vor die Spiegel, um das hochtoupierte Haar mit Unmengen von Haarspray gegen die Schwerkraft wieder aufzuplustern. Zu dieser Zeit wurden die w\u00f6chentlichen Diskobesuche zum Highlight unserer Existenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wort Disko bedeutete damals so viel mehr als heute, und das gesamte Konzept ist nicht einfach zu erkl\u00e4ren. F\u00fcr die ostdeutsche Jugend wurde das Nomen zum Synonym f\u00fcr Freiheit und Rebellion, vertiefte in uns das Gef\u00fchl der Hoffnung und verst\u00e4rkte unseren \u00dcberlebensdrang. Obwohl Mitte der 80er Jahre niemand ahnen konnte, dass die Mauer noch im gleichen Jahrzehnt fallen w\u00fcrde, behaupte ich gern, dass diese Wende f\u00fcr uns eine nat\u00fcrliche Fortsetzung von dem war, was in unseren Herzen schon lange existiert hatte. Vierzig Jahre der Unterdr\u00fcckung hinterlie\u00dfen ihre Spuren an jeder vom Kommunismus eingeschr\u00e4nkten und seiner Freiheit beraubten Generation, aber am Ende war es unsere Jugend, eine Jugend, die nie ein anderes Leben gekannt hatte, die ihre Tr\u00e4ume zum ersten Mal verwirklichen konnte und durfte. Auf unseren Diskobesuchen wurde eine Hoffnung geboren, und hier lebten wir schon einmal vor, was es hie\u00df, frei zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz ohne unser Zutun begann mit der Geburt unser Leben auf der Ostseite der deutschen Mauer. Das machte uns aber nicht blind und auch nicht ignorant. Wir mussten die schwere Aufgabe des \u00dcberlebens unserer Individualit\u00e4t meistern, und das bedurfte unglaublicher Energie, gro\u00dfen Mutes und noch gr\u00f6\u00dferen Einfallsreichtums. Unsere Jugend in der DDR war eine kostbare Zeit, eine Zeit des Aufbegehrens gegen die Eltern und deren Autorit\u00e4t und indirekter gegen das Regime. Es war eine Zeit des Wachwerdens. Unsere Musik dr\u00f6hnte lauter und aggressiver und anders als das stetige Ges\u00e4usel der Propagandamaschine um uns herum. Wir f\u00fchlten uns stark und waren uns nicht bewusst, dass man uns nach der Wende um unsere Herkunft bel\u00e4cheln und sogar Mitleid mit uns empfinden w\u00fcrde. Nur wer einen wahren Einblick in das Leben in der ostdeutschen Republik bekommen hat, kann meine Frustration \u00fcber diese westliche Kurzsichtigkeit nachempfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unmittelbar nach der Wende habe ich Deutschland den R\u00fccken gekehrt und bin nach Amerika ausgewandert. Ich wusste damals schon, dass ich mich in meiner deutschen Heimat niemals richtig frei f\u00fchlen w\u00fcrde. Achtzehn Jahre eines Lebens im Einheitsbrei des Sozialismus hatten ihre Spuren hinterlassen, aber ich war des K\u00e4mpfens m\u00fcde und konnte mir eine Zukunft umgeben von Vorurteilen und erstarrtem Denken nicht mehr vorstellen. Heute h\u00f6re ich die Puhdys von jenseits des Atlantiks mit neuen Ohren: Sie sind ein Teil meiner Ostalgie geworden und ihre rockige Volksweise \u201eAlt wie ein Baum\u201c l\u00e4sst jetzt Gef\u00fchle der Dankbarkeit in mir aufsteigen. Die Puhdys und ihr Dichter Louis F\u00fcrnberg hatten schon Recht:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Aus sagenhaften Zeiten m\u00f6cht ich ragen,<br \/>\ndurch die der Schmerz hinging, ein b\u00f6ser Traum,<br \/>\nin eine Zeit, von der die Menschen sagen:<br \/>\nWie ist sie sch\u00f6n! O wie wir gl\u00fccklich sind!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Jugend war eine sagenhafte Zeit, die zur Geschichte geworden ist. Unser b\u00f6ser Traum des Sozialismus hat uns aber Fl\u00fcgel gegeben, und ich k\u00f6nnte mir mein jetziges Leben ohne meine Vergangenheit im Warteraum der Zukunft<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> kaum vorstellen. Mein Gl\u00fcck, das musste ich mir selbst schaffen, und es sind die Lehren verbunden mit der Musik dieser Zeit, die mich das nie vergessen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Footnotes:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Graffiti-Parole in einer besetzten Wohnung nach dem Roman <em>Stirb nicht im Warteraum der Zukunft<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Jugend in Ostdeutschland \u2013 &nbsp; \u00dcberleben im Untergrund der Musik &nbsp; Anja Moore, Chesapeake, Virginia \u00a0 \u00a0 Alt m\u00f6cht ich werden Alt m\u00f6cht ich werden wie ein alter Baum, mit Jahresringen, l\u00e4ngst nicht mehr zu z\u00e4hlen, mit Rinden, die sich immer wieder sch\u00e4len, mit Wurzeln tief, da\u00df sie kein Spaten sticht. 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