{"id":6518,"date":"2020-09-10T12:07:47","date_gmt":"2020-09-10T16:07:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6518"},"modified":"2020-12-25T06:47:54","modified_gmt":"2020-12-25T11:47:54","slug":"iv-transatlantischer-gedanken-und-erfahrungsaustausch-break-on-through-to-the-other-side","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-45-2020\/iv-transatlantischer-gedanken-und-erfahrungsaustausch-break-on-through-to-the-other-side\/","title":{"rendered":"IV. Transatlantischer Gedanken- und Erfahrungsaustausch"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eBreak on Through to the Other Side\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Ein Gedankenaustausch mit Axel Reitel, politischem H\u00e4ftling in der DDR, experimentellem Rockmusiker in der alten BRD und engagiertem Literaten im wiedervereinigten Deutschland.<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/h2>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Frederick Lubich, Norfolk, Virginia &amp; Axel Reitel, Berlin<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 10.7429%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 79.5181%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Reits-Warming-Up.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6525\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Reits-Warming-Up-300x238.jpg\" alt=\"\" width=\"417\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Reits-Warming-Up-300x238.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Reits-Warming-Up.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 417px) 100vw, 417px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Axel Reitels Warming Up mit dem Beatles Songbook, West-Berlin 1986.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Frank Runge<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 9.73892%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Lieber Axel, im Jahr 1982 hat dich die BRD als politischer H\u00e4ftling der DDR f\u00fcr rund f\u00fcnfundneunzigtausend West-Mark freigekauft. Seitdem hast du dir in der Bundesrepublik und West-Berlin mit deinen vielfachen Begabungen als Musiker, Komponist und Liedtexter, sowie als Dichter, Romanschriftsteller und engagierter Publizist in diversen bekannten und renommierten Zeitungen wie der <em>Berliner Morgenpost<\/em> und der Hamburger<em> Welt <\/em>und nicht zuletzt auch als Autor von H\u00f6rfunk-Features f\u00fcr die ARD einen gut klingenden Namen gemacht. Als Mitglieder des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland stehen wir beide schon seit geraumer Zeit im regen transatlantischen Gedankenaustausch. Was wir unter anderem gemeinsam haben, ist unsere rebellische Jugendzeit und unsere lebenslange Begeisterung f\u00fcr alle m\u00f6glichen Gattungen der internationalen Popul\u00e4rmusik, vom Blues \u00fcber Folk bis zum Rock. W\u00e4hrend ich das Gl\u00fcck hatte, im freien Westdeutschland den Sturm und Drang unserer Generation ausleben zu k\u00f6nnen, bist du in Ostdeutschland aufgewachsen und schon in fr\u00fchen Jahren mit der Staatsmacht in dramatischen Konflikt geraten. Wie kam es dazu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Ich bin das lachende Kind. Ganz fr\u00fch raus, rein in die Pantoffeln, und das Leben gef\u00e4llt mir. Ich habe drei \u00e4ltere Geschwister. Zwei Br\u00fcder, geboren 1947 und 1951 sowie eine Schwester, die 1955 geboren ist. Unsere Eltern, geboren 1921 und 1927, sind beide Sonntagskinder. Der Vater Sprengmeister (Uranbergbau), die Mutter Krankenschwester (Altenpflege). Daher in der Literatur wohl auch mein Faible f\u00fcr Bohumil Hrabal. Weiter: der Vater Partei (SED), w\u00e4hrend die Mutter zu Hause Westen spielt. Im Wohnzimmer gibt es Wolkenstores wie im Oval Office. Alle Zimmer in der gro\u00dfen Wohnung mit einem sieben Meter langen Flur sind von atemberaubender Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Reproduktionen bevorzugt sie eindeutig Rembrandt. Bis zur Chinesischen Vase mit ihrer tiefinnigen Farbgebung \u2013 neben dem Radio meinem Lieblingsobjekt, ein Mitbringsel Onkel Werners von seiner Weltreise, die er als Jugendlicher machte, die Familie geh\u00f6rte zu den reichsten in Chemnitz \u2013, ist alles am richtigen Platz. Die Wohnung geh\u00f6rt zu einem im Jahr 1929 errichteten Wohnblock von sechs kollektiv verputzten H\u00e4usern, aus der Draufsicht nach einem Bumerang geformt. Der Form des Hinterhofes mit Arboretum, Spielfl\u00e4chen, Waschk\u00fcche, Hei\u00dfmangel, Balkonen auf dem R\u00fccken, verschiedenen H\u00f6hen habe ich in eine Erz\u00e4hlung gegossen, die schlicht \u201eDie Gegenwart\u201c hei\u00dft und vielleicht auch mal was f\u00fcr die <em>Glossen<\/em> w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann lief sehr oft Musik. Mutter war der totale Elvis-Fan. Vater h\u00f6rte lieber Mireille Mathieu, sp\u00e4ter, in Westberlin, verfiel er vollkommen Sandra. Ich wei\u00df nicht mehr, warum es mich schon sehr fr\u00fch zu Bach und Beethoven hinzog. Aber nat\u00fcrlich dominierte auch das Magische Auge. Die phosphorleuchtende Anzeige f\u00fcr die Feldst\u00e4rke des dudelnden Senders im R\u00f6hrenradio.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es wurde es viel gelesen. Das lachende Kind erntete zun\u00e4chst die Buchregale der Geschwister ab: Stevenson, Defoe oder beispielsweise den abenteuerlichen Zweib\u00e4nder namens <em>Orinoko<\/em>. Bei Mutter entdecke ich Vicky Baum und Pearl S. Buck. Die herrlichen alten, aber im Geist jung gebliebenen Menschen in Mutters Altersheimen (sowohl katholisch als auch evangelisch) geben f\u00fcr mich Zeichnungen und B\u00fccher mit. Eines dieser B\u00fccher ist die Bibel f\u00fcr Kinder. Ich sehe mich, wie ich drin bl\u00e4ttre. Bei der Geschichte des Propheten Elias halt ich inne. Der sagte seinen Tod exakt voraus und kippt dann auch vom Stuhl. Das haut mich noch heute um. Die Bibel wurde fester Lesebestand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann Swifts <em>Gullivers Reisen<\/em> auf dem Multifunktionstisch. Augusttag. Gro\u00dfes Fenster. Sandfarbener Himmel, kurz vor dem Gewitter. Wie von Turner gemalt. Den kenne ich schon vom Postkartensammeln mit Motiven Alter Meister. Ach ja, rumorts da nicht ein wenig? Geboren 1970, kam noch eine Schwester hinzu. Und ich lege Jimi Hendrix auf. Brutal was? Spielt aber seelenruhig wieder Baukl\u00f6tze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleist hat in seiner Erz\u00e4hlung \u201eDie heilige C\u00e4cilie oder von der Gewalt der Musik\u201c unbedingt recht. Und da muss ich zeitlich nochmal zur\u00fcck. Das Jahr 1965 in unserem Haus Am Einsteinweg 7 D. Mit einem Wintergarten wie von Christian Schad. Der von der Neuen Sachlichkeit. Mit Musiktruhe und Gummibaum und Schaukelstuhl. In dem schaukelt mein mittlerer Bruder. In der Hitparade eines Westsenders, ich nehm mal an Radio Luxemburg, l\u00e4uft <em>\u201ePlay With Fire\u201c.<\/em> Und mein Bruder fragt mich: \u201eNa biste auch \u2018n Stones-Fan?\u201c \u201eMein Ja\u201c ist wohl mein erstes Bekenntnis. Auch an Dylan im Wintergarten erinnere ich mich. Bei \u201eIt\u2019s All Right Ma (I\u2019m Only Bleeding)\u201c h\u00f6re ich heute noch die Magie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt der Westen. Plauen liegt ja vor Ort. Die serpentinenreiche B 173 braucht 25 Kilometer bis Hof. Nach 20 Kilometern beginnt der mit scharen Minenfeldern ausgebaute Grenzabschnitt Gefell. No Trespass. Aber \u00fcber den \u00c4ther gibt es keine Kontrolle. Der Westen beginnt im Radio. Und das steht im Jugendzimmer auf dem Mahagonitisch. Und dank dem Sendemast Ochsenkopf\/Hof im Fernsehen ein Westbild wie unter klaren Sternen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Geschwister sehen aus wie aus dem Beat-Club gesch\u00e4lt. Die \u00e4ltere Schwester schneidert sich Sachen \u00e0 la Uschi Nerke. Diese Erinnerungen haben nie an Magie eingeb\u00fc\u00dft. Aber jetzt kommt was Dreckiges. Vater \u00fcberstand den Krieg in der Luftwaffe ohne Kriegsgefangenschaft. Dar\u00fcber schrieb ich die kleine Prosa \u201eDer es sein wird\u201c (in: <em>Zeitalter der Fische. Erz\u00e4hlungen<\/em>). 1947 guckt er f\u00fcr sich ein wenig in die Sterne und wird Mitglied der SED.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Vater, Opa Hugo, geboren 1896, ein Weber, so findet man ihn in alten Plauener Adressb\u00fcchern (die reinsten Bewegungsmelder!), wurde knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges SPD-Mitglied. Kam mit seinem s\u00e4chsischen Regiment an der Somme in britische Kriegsgefangenschaft. Erlebte das Kriegsende im POW-Lager Knockaloe auf der Isle Of Wight und kehrt 1920 nach Plauen zur\u00fcck. Nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD fort an auch SED. Treu und ergeben. Im WK II steigerte sich sein Hass auf Hitler, nachdem sein Sohn Reinhard bei Kiew gefallen oder verschollen war. Mein Oma Erna, geboren 1898, setzte schlie\u00dflich durch, dass ich mit Zweitnamen nach ihm benannt werde. Und jetzt kommts. Treu und ergeben ist auch unser Vater. Ansonsten ein nobler Mann, ist es Vater gar nicht einerlei, als ihm die Stasi im Laufe des Jahre 1965 Fotos des mittleren Bruders als Anf\u00fchrer einer Demo auf den Wohnzimmertisch knallt. Die Demo solidarisierte sich mit der Leipziger Beat-Demo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDaran ist nur die schei\u00df Rockmusik Schuld\u201c bleibt \u00fcber die kommenden Jahre ein Standardspruch des ansonsten noblen Herrn. Er sollte jedenfalls zur Strafe zum Fris\u00f6r, versoff aber das Pfund mit seinem besten Kumpel G\u00fcnter. Da schlug Partei mittels Faust des Vaters zu. Ich seh mich ganz genau an meines Bruders Seite. Am Fenster des Jugendzimmers. Blick auf die Stra\u00dfe. Die Blutschliere an seiner Nase.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Es kommt aber zu keinen weiteren Konsequenzen. Das magische Auge des R\u00f6hrenradios attackierte weiter den Spitzbart-Kommunismus, der mit dem <em>Yeah-Yeah-Yeah<\/em> aus der freien Welt aufr\u00e4umen will. Es ist der Beginn eines langen Abschiednehmens. Sagen wir mein <em>Goodbye Blackberry Way \u2013 I don&#8217;t see you \/ I don&#8217;t need you. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.6706%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 64.3574%;\">\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/In-Memoriam-Mein-ermordeter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6531\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/In-Memoriam-Mein-ermordeter-208x300.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"508\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/In-Memoriam-Mein-ermordeter-208x300.jpg 208w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/In-Memoriam-Mein-ermordeter.jpg 569w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">In Memoriam: Mein ermordeter Bruder Ralf-Peter.<br \/>\nFoto: Archiv A. Reitel<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 17.9719%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Welche Rolle spielte in deinem jugendlichen Aufbegehren gegen die staatliche G\u00e4ngelung und kollektiv-ideologische Bevormundung die Macht der Popul\u00e4rmusik \u2013 The Power of Rock and Roll?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Diese Power beherrscht damals alles. Ich lese ungeheure Mengen, spezialisiere mich auf die Welt Homers. Euripides, Sophokles, griechische Lyrik, diese B\u00e4nde sogar noch. Doch sobald diese Musik erklingt, l\u00e4sst man im Grunde alles stehen und liegen. Denn diese Musik ist zu der Zeit konkrete Lebenshilfe. Sie war nicht wegzuschnappen aus der Luft. Dazu muss man sich diese Musik einmal anh\u00f6ren. Das war teilweise schon ernste Musik. Es gab einen wahren Genieboom. Vielleicht lags an diesem furchtbarsten Krieg aller Kriege. Ich glaube auch, Bob Dylan soll uns Deutsche zu Recht daran erinnern: \u201cThe Second World War \/ Came to an end \/ We forgave the Germans \/ And then we were friends \/ Though they murdered six million \/ In the ovens they fried \/ The Germans now, too \/ Have God on their side.\u201d Wie Dylan in seinem Lied \u201cWith God on Our Side\u201d singt. Vielleicht ist es die einzige wahre Gegenkraft, die unglaubliche magische Energie des Power of Rock and Roll, wie Du es nennst, lieber Frederick. In Westdeutschland wird der Morgenthau-Plan nicht umgesetzt. Die Deutschen bekommen von den Westalliierten stattdessen Demokratie und Marktwirtschaft geschenkt. Warum? Die Kolonialmacht war furchtbar, aber eure Maschinen laufen noch heute, sagt ein befreundeter Senegalese hier auf der Mierendorff-Insel einmal zu mir. Erinnern wir uns an H\u00f6lderlin. An den vorletzten Brief seines Romans <em>Hyperion<\/em>.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kam ich unter die Deutschen [\u2026] Es ist ein hartes Wort und dennoch sag\u2019 ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerri\u00dfner w\u00e4re, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen \u2013 ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo H\u00e4nde und Arme und alle Glieder zerst\u00fcckelt untereinander liegen, indessen das vergo\u00dfne Lebensblut im Sande zerrinnt?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die West-Alliierten wissen das. Heute stimmt H\u00f6lderlins Verriss nicht mehr. Im richtigen Sinne verstanden, machen die West-Alliierten sozusagen Menschen aus den Deutschen. Und was dudelt 24 Stunden den West-Alliierten im Ohr: Die beste Popul\u00e4rmusik ihrer Zeit. Sogar die Russen machen aus dem Anteil \u201eihrer\u201c Deutschen Menschen. Das wollen wir nicht vergessen. Blicken wir nur nochmal auf die schillernde bundesdeutsche Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> \u201eMusic is your only friend, until the end\u201c, so sangen die Doors in ihrem Song \u201eWhen the Music is Over\u201c auf dem Album <em>Strange Days<\/em> aus dem Jahre 1967, und mit diesem Album wurden sie zu meiner lebenslangen Lieblingsband. Ein ikonisches Foto von Jim Morrison, ihrem charismatischen Frontmann, zierte in meiner Jugendzeit jahrelang den Deckel meines Tonbandger\u00e4ts. Und der Name der Band war vielschichtiges Programm. Sie hatte ihn von Aldous Huxleys Buch <em>The Doors of Perception<\/em> aus dem Jahr 1954 abgeleitet, in dem der Autor ausf\u00fchrlich seinen psychedelischen Meskalin-Trip beschrieben hatte. Der Titel seines Buches ist wiederum ein Zitat aus dem Gedicht \u201eThe Marriage of Heaven and Hell\u201c von William Blake, des gro\u00dfen vision\u00e4ren Dichter-Malers der englischen Romantik. Die ganze Zeile dieses Doors-Zitats lautet: \u201eIf the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, Infinite.\u201c Auf gut Deutsch: \u201eWenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt w\u00e4ren, dann w\u00fcrde dem Menschen alles so erscheinen, wie es tats\u00e4chlich ist, n\u00e4mlich unendlich.\u201c F\u00fcr mich hatte der Song der Doors \u201eBreak on Through to the Other Side\u201c von Anfang diese spirituelle, n\u00e4mlich physisch-metaphysische Bedeutung des geistig-seelischen Durchbruchs vom Diesseits ins Jenseits mit all seinen unergr\u00fcndlichen, immanent-transzendenten Dimensionen. F\u00fcr dich hatte andererseits diese Zeile von Anfang an eine ganz andere, n\u00e4mlich vor allem konkrete, pers\u00f6nlich-politische Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Das stimmt nat\u00fcrlich. Das Durchbrechen zur anderen Seite ist auch das Durchbrechen weg von der L\u00fcge. \u201e&#8230;I found an island in your arms \/ arms that chain \/ eyes that lie [\u2026] \/\u201c, hei\u00dft es im Song. Ganz im Sinne von Albert Camus die <em>Verteidigung der Freiheit<\/em>. Die Freiheit, nicht l\u00fcgen zu m\u00fcssen. Die Diktatur ist eine \u201eLandschaft der L\u00fcge\u201c (J\u00fcrgen Fuchs) Wer sich mit der Diktatur einl\u00e4sst, beispielsweise auf dem Sektor des Journalismus, endet als \u201eparteilicher\u201c Journalist. Blake liebe ich auch sehr. F\u00fcr meine Wohnung, B\u00fclowstra\u00dfe 30, in Berlin-Sch\u00f6neberg, hatte ich mir einen anderen Gedanken ausgesucht und oben \u00fcber Ecke mit roter Farbe visualisiert. \u201eI must create a system or be enslaved by another man\u2019s; I will not reason and compare: my business is to create.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 13.4538%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 70.8835%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Meine-Studentenbude.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6532\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Meine-Studentenbude-300x276.jpg\" alt=\"\" width=\"493\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Meine-Studentenbude-300x276.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Meine-Studentenbude-768x706.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Meine-Studentenbude.jpg 833w\" sizes=\"auto, (max-width: 493px) 100vw, 493px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Meine Studentenbude in der B\u00fclowstra\u00dfe 30 Berlin-Sch\u00f6neberg mit dem Blake Graffiti an der Wand. Foto: Archiv A. Reitel<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 15.6626%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Platte <em>Strange Days<\/em> gef\u00e4llt mir die \u00c4sthetik des Covers. In der Berliner Studentenband \u201eErste Lektion\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref1\">[2<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">] <\/a>spielen wir 1987\/88 \u201ePeople Are Strange\u201c, aber auch \u201eLight My Fire\u201c und \u201eThe End\u201c. Die Live-Aufnahmen kursierten zu der Zeit auf Kassette. Auch im Osten. 1999 packe ich das Material auf die Doppel-CD \u201eBox Stop Yesternight.\u201c \u201eThe End\u201c spielen wir in einer 17 Minuten langen Version unter dem Glockenturm der Stadtkirche in Neckargartach. Bei diesem Auftritt kommen sieben Musizierende zum Tragen: Martin Walter &#8211; Gitarre; Frank Runge &#8211; Keyboard; Axel Reitel &#8211; voc, harp; Stephan Bischof &#8211; Piano; Wolfgang Ernst &#8211; Bass; Theo Walter &#8211; drums; und ein leider nicht mehr ausfindig zu machender Congaspieler&#8230; Dann erweitern Stanley Clark, Keith Jarrett und Joseph Kosma das Repertoire. Wir schreiben aber auch ein knappes Dutzend eigener Songs wie den 13-taktigen Cuss-Blues, in dem es hei\u00dft: \u201eYesternight I\u2019ve dreamed a gentle silver rain falls down \/\u2026 \/ the rain was a girl \/ who is climbing my world all around\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-6518-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/05-Cuss-Blues.mp3?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/05-Cuss-Blues.mp3\">http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/05-Cuss-Blues.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eClimbing\u201c ist v\u00f6llig doorsig, dann stellt der Text die griechische Mythologie auf den Kopf. Alle Welt kennt das Bild: Zeus wabert sich als Nebel in das Verlies der Dana\u00eb, vom K\u00f6nig, ihrem Mann eingebuchtet, da er mit ihr keinen Sohn haben kann, weil der ihn laut dem Orakel umbringt. Also macht sich Zeus an die Vaterschaft des Perseus. Bei mir werden die G\u00f6tter weiblich. Ganz sch\u00f6n fortschrittlich nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.1686%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 68.0723%;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Sonntagskonzert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6534\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Sonntagskonzert-300x234.jpg\" alt=\"\" width=\"522\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Sonntagskonzert-300x234.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Sonntagskonzert-768x600.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Sonntagskonzert.jpg 916w\" sizes=\"auto, (max-width: 522px) 100vw, 522px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Sonntagskonzert im Caf\u00e9 \u201eLimit\u201c Waldstra\u00dfe, Moabit, August 1987, v.l.n.r. Martin Walter,<\/span><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00a0Frank Runge, Axel Reitel<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 14.759%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.269%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 68.0723%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Berliner-Studentenband.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6535\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Berliner-Studentenband-300x230.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"393\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Berliner-Studentenband-300x230.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Berliner-Studentenband-768x588.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Berliner-Studentenband.jpg 898w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Berliner Studentenband \u201eErste Lektion\u201c aka \u201eErste Lektion Berlin\u201c<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 14.6586%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Infolge meiner jugendlichen Faszination f\u00fcr Nietzsches ikonoklastische Philosophie und vor allem f\u00fcr die in seinem Werk <em>Die Geburt der Trag\u00f6die aus dem Geiste der Musik<\/em> entfaltete Kulturtheorie des Apollinisch-Dionysischen wurde Jim Morrison f\u00fcr mich von Anfang an der moderne Protagonist der mythisch-dionysischen Unterwelt par excellence. Sein fr\u00fcher Tod machte ihn nur noch mehr zum mystisch-messianischen M\u00e4rtyrer unserer archaisch-musikalischen Subkultur. Und wann immer ich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mal wieder in Paris war, besuchte ich, wann immer es nur ging, auch das Grab von Jim Morrison im Friedhof P\u00e8re Lachaise\u2026 Doch f\u00fcr dich gewann der Musiker Morrison eine noch viel einflussreichere, n\u00e4mlich praktisch-kreative Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Jim Morrison ist f\u00fcr mich vor allem ein Dichter. Bob Dylan erw\u00e4hnt ihn w\u00e4hrend eines Interviews in einem Atemzug mit Shelley. Und Nietzsche sehr fr\u00fch. Schopenhauer. Kierkegaard. Hegel, den Philosophen der Freiheit, hat mir das Unterrichtsfach \u201eEinf\u00fchrung in den dialektischen Materialismus\u201c verdorben. Das manieristische \u201eDie Partei hat immer recht\u201c kommt f\u00fcr mich klar von Hegel \u201eDer Staat hat immer recht\u201c. Zu der Zeit ist er aber schon Preu\u00dfischer Staatsphilosoph. Ich erinnere mich an mehrere Besuche auf dem Friedhof P\u00e8re Lachaise: Jim Morrison, Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, Oscar Wilde, \u00c9dith Piaf. Dabei ergaben sich einpr\u00e4gsame Begegnungen wie mit der blinden Franz\u00f6sin, die eine Sonnenbrille trug und Liebesgedichte und Tagebuch schrieb. Oder meine Begegnung mit Heinz Gerstenmeyer, heute ein weltweit anerkannter Doors-Experte. Was den Dichter Jim Morrison betrifft, so gibt es einige Hasser, die ihn einen Blender nennen, dass er sich in seinem Nachlass als kein zweiter William Blake erweist. Abgesehen von den unterschiedlichen Tropen klingt Blake wie Blake. Morrison klingt wie Morrison. Das Durchbrechen zum eigenen Klang erweist sich f\u00fcr jeden ernstzunehmenden K\u00fcnstler als Herausforderung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 17.9719%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 62.0481%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Saarbr\u00fccken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6536\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Saarbr\u00fccken-300x295.jpg\" alt=\"\" width=\"491\" height=\"483\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Saarbr\u00fccken-300x295.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Saarbr\u00fccken.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 491px) 100vw, 491px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Saarbr\u00fccken 1983. Zur\u00fcck vom Besuch der toten Dichter in Paris. Foto: Archiv A. Reitel<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 19.9799%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Welche Bedeutung hatten britische und amerikanische Rock-Bands und Singer-Songwriter-Traditionen in deiner Jugend und im weiteren Sinne f\u00fcr deine Generation w\u00e4hrend der Zeit des Kalten Krieges?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel<\/strong>: Diese Musik wollen alle m\u00f6glichst komplett im Plattenschrank. R\u00fcckblickend reise ich oft nach Prag und kaufe meine Platten auf dem ber\u00fchmten Schwarzmarkt in der N\u00e4he des Pulverturms. Vis-\u00e0-vis der Moldau. Gut verborgen hinter den dicken Str\u00e4uchern einer h\u00e4ngenden Stufenterrasse. Star Collection The Doors. The Soft Parade. Morrison Hotel. Sitar wird auch viel geh\u00f6rt wie gelesen die Bhagawadgita, die Upanischaden, die Gro\u00dfen Reden Buddhas, Joan Baez\u2019 politische Engelsstimme, Leonhard Cohens worttitanische Seetang-Melodien. Die Helden im Seetang im Lied \u201eSuzanne\u201c recherchiere ich schlie\u00dflich in einem Brief von Sartre an die Beauvoir als getarnte Marines. Fast alle dieser Bands und Songwriters schaffen wirkliche Poesie. Die hat einer ganzen Genration geholfen, weder zu verbl\u00f6den noch in der Welt der Politik abzustumpfen. Der gro\u00dfe Warlam Schalamow schreibt: \u201eDas, was die Kunst nicht ber\u00fchrt hat, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter sterben.\u201c Die gro\u00dfe Anna Seghers schreibt: \u201eWarum verwelkt nur alles, wohin wir unseren Fu\u00df setzen?\u201c Scharlamow steckte als Str\u00e4fling in dem schlimmsten Winkel des Archipel Gulag. Anna Seghers war die strahlende Pr\u00e4sidentin des Schriftstellerverbandes der SED. Das ist der entscheidende Unterschied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Als ich 1972\/73 f\u00fcr ein Jahr in Newcastle im Norden Englands studierte, war David Bowie gerade in seiner Ziggy-Stardust-Phase, und ich habe ihn dort bei einem Konzert hautnah erlebt und wurde vor Ort zu einem lebenslangen Bowie-Fan. Im Laufe der Jahre drohte er mit seinen sich st\u00e4ndig wandelnden modischen und musikalischen Maskeraden mein erstes gro\u00dfes Idol von Los Angeles mehr und mehr zu \u00fcberfl\u00fcgeln. Und Bowie sollte in genau demselben Jahr von Los Angeles nach West-Berlin ziehen, in dem ich umgekehrt von Deutschland nach Amerika zog, um bald danach mit meiner kalifornischen Freundin von der Ostk\u00fcste \u00fcber den weiten Kontinent bis in ihre herrliche Heimat an der K\u00fcste des Pazifischen Ozeans weiterzuziehen. Erst viele Jahre sp\u00e4ter sollte ich erkennen, dass der Song der Doors \u201eBreak On Through to the Other Side\u201c auch sprechende Verse enthielt, die meine urspr\u00fcnglich ganz und gar nicht geplante Auswanderung auf die Gro\u00dfe Insel auf der anderen Seite des Atlantiks bis ins poetische Detail genau beschrieben: \u201eI found an island in your arms \/ a country in your eyes \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zur\u00fcck zu David Bowie und mit ihm ins einstige West-Berlin zur Zeit des Kalten Krieges, als er mit seiner wunderbaren Ballade \u201eHeroes\u201c deiner damals so zerrissenen Wahlheimat eine so herrliche Hymne schenkte. Welche Rolle spielte eigentlich seine so flamboyante Persona und seine so experimentell avantgardistische Musik f\u00fcr euch im Ostdeutschland?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Ich liebe Bowie. \u201eHeroes\u201c ist unschlagbar. Es kommt direkt von Rimbaud, aus den <em>Illuminations<\/em>. Das allegorische K\u00f6nigspaar f\u00fcr einen Tag, das sich bei Bowie ins Schussfeld der Berliner Mauer begibt, weil Musik und Liebe st\u00e4rker sind. Wirklich unschlagbar. Es ist ein gro\u00dfes Geschenk an Berlin und die Berliner. Ich h\u00f6rte das Lied erstmals in Berlin-West. Ausgerechnet im \u201eSound\u201c. Die H\u00e4lfte der Rockmusik dieser Zeit ist experimentell. Man blickt auf eine gro\u00dfe Mike Oldfield-Gemeinde, eine Emerson-Lake-and-Palmer-Fusion-Gemeinde. Und auch den Free-Jazz d\u00fcrfen wir nicht vergessen. Ostdeutschland war ein bunter experimenteller Teppich. Jedenfalls wenn man in die Plattenschr\u00e4nke schaut. Die sind voll auf dem Laufenden. Nat\u00fcrlich nicht der Teil der Jugend, der best\u00e4ndig in Richtung Ideologie schaut. Das Pr\u00e4senile kommt dann schnell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Was bedeuteten deutschsprachige S\u00e4nger und Rockbands aus der BRD und DDR f\u00fcr deine Generation?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>In meiner ersten angemieteten Wohnung, in der Gontermannstra\u00dfe 54, in Berlin Tempelhof, laufen alternierend The Doors und Wolf Biermann. \u00dcber Biermann braucht man gar nichts sagen, au\u00dfer gebt ihm den Nobelpreis, der ist ein Titan der Worte wie Leonard Cohen. Bettina Wegner hilft uns nach der Ausb\u00fcrgerung Biermanns ungemein mit ihren Liedern, den Weg nicht zu verlieren. Die Klaus-Renft-Combo singt bis zum Verbot auch f\u00fcr uns. Dann Konstantin Wecker. Wecker wird von allen Liedermachern aus dem Westen am meisten verehrt. Hannes Wader auch, seine DKP-Geschichte ist dagegen kaum zu schlucken. Amon D\u00fc\u00fcl, Ihre Kinder, Das Dritte Ohr, doch allen meilenweit voraus Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben. Die Rockbands und S\u00e4nger aus der Bundesrepublik wirken als Best\u00e4tigung des gesuchten Lebensgef\u00fchls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Mitte der Achtziger Jahre entwickelte sich in der DDR eine respektable Punkszene und Grufti-Kultur, die f\u00fcr aufm\u00fcpfige Jugendliche eine subversive Bedeutung gewann. Hast Du diese Bewegung in Ost- und Westdeutschland weiterverfolgt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Auch im Westen habe ich noch Freunde dr\u00fcben. An Platten schicke ich Dead Kennedys, Blag Flag, The Clash. Um die Ecke von meiner Wohnung, B\u00fclow 30, gibt es das K.O.B., den ber\u00fchmten Punk-Laden an der Potsdamer Stra\u00dfe. Wieder ein paar Meter weiter, an der Pallasstra\u00dfe, die \u201eRuine\u201c mit der ber\u00fchmten Ratten-Jenny, der Punk-Veteranin aus West-Berlin vor dem Mauerfall. Ich war da \u00fcberall. Allerdings in Jeans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Nina Hagen, das gr\u00f6\u00dfte Punk-Talent, das aus der K\u00e4lte des Kalten Krieges ausgebrochen war, hatte ja auch in Westdeutschland und sp\u00e4ter in den USA eine beachtliche Karriere gemacht. Ich habe sie Mitte der Achtziger Jahre, als wir f\u00fcr mehrere Jahre in New York lebten, dort in einem gutbesuchten Konzert erlebt. Welche Bedeutung hatte ihre Kunst f\u00fcr dich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Wir sitzen einmal sogar im selben Lokal. Sie macht sich Notizen aus einem dicken Buch und gabelt \u00fcber Stunden hier und da von ihrer Portion Spaghetti Carbonara. Ihr Deb\u00fct mit Lokomotive Kreuzberg fehlt auch heute fast nirgendwo. Den Sommer 1983 h\u00f6re ich sie rauf und runter. In meinem sechseinhalbmin\u00fctigen Lied \u201eBerlin\u201c steht sie unter der Dusche und singt \u201eC\u2019est la vie\u201c. Das sagt alles, wie? Und Nina Hagen halte ich f\u00fcr einen Ausnahmek\u00fcnstler wie ihren Ziehvater Wolf Biermann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick<\/strong>: Die Sehnsucht nach bleibendem Frieden und grenzenloser Freiheit war f\u00fcr unsere Generation aus geschichtlichen Gr\u00fcnden von weltweiter Bedeutung und dies galt f\u00fcr uns junge Deutsche in unserer geteilten und schlie\u00dflich friedlich wiedervereinten Nation ganz besonders. Wir kannten die Abgr\u00fcnde der Alternative zu Frieden und Freiheit, die Schauergeschichten aus dem Dritten Reich bereits von Kindesbeinen an aus den halb verdr\u00e4ngten Erinnerungen und entsetzten Erz\u00e4hlungen unserer Elternh\u00e4user. \u201eRiders on the storm, into this house we\u2019re born\u201c, so beginnt eines der ber\u00fchmtesten Lieder der Doors. Dieser wildromantische Sturm und Drang nach dem Traumreich von Frieden und Freiheit wurde zur wesentlichen Inspirationsquellen der Popmusik unserer Jugendzeit diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Wie siehst du heute ihre weiteren Trends und musikalischen Tendenzen nach der Jahrtausendwende, oder anders gewendet, den Zeitgeist und seine kreative Energie frei nach Francis Fukuyamas <em>End of History<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Das Vorbild f\u00fcr \u201eRiders On the Storm\u201c ist der Song \u201eGhost Riders in the Sky\u201c von Johnny Cash. Das wei\u00df man nun wirklich, wer das ist. Ich habe das Lied der Doors immer als Warnung gesehen vor herumstreunenden Menschen, die mit der Freiheit, mit ihrer Freiheit nichts anfangen k\u00f6nnen. Die Geschichte des Kiesels im All, der immer mehr anh\u00e4uft, ist eine gewaltige Geschichte. Sie verl\u00e4uft nach Gesetzen. Diese Gesetze bringen die Entstehung eines Kunstwerkes voran. Die Geschichte der Freiheitshasser bringt nichts hervor. Es gibt kein wesentliches Kunstwerk, das die Hitlerherrschaft willentlich hervorgebracht h\u00e4tte. Es gibt kein wesentliches Kunstwerk, dass die Stalinherrschaft willentlich hervorgebracht h\u00e4tte. Der bereits erw\u00e4hnte Scharlamow schreibt: \u201eNehru schrieb die Geschichte Indiens im Gef\u00e4ngnis&#8230; O. Henry wurde im Gef\u00e4ngnis zum Schriftsteller. Dostojewskij schrieb die <em>Aufzeichnungen aus dem Totenhaus<\/em> im Gef\u00e4ngnis. Nur in sowjetischen Gef\u00e4ngnissen werden keine k\u00fcnstlerischen, literarischen Werke geschrieben.\u201c \u201eRiders on the Storm\u201c ist einer der gro\u00dfartigen Songs, die dazu aufrufen, die Freiheit zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Cover-von-Axel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6537\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Cover-von-Axel.jpg\" alt=\"\" width=\"307\" height=\"303\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Cover von Axel Reitels CD <em>ohne anzuklopfen<br \/>\n<\/em>aus dem Jahr 2000<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> Nomen est omen: Dieses Bild von deinem Platten-Cover <em>ohne anzuklopfen<\/em> scheint mir voller unterschwelliger Anspielungen an verschiedene Titel der amerikanischen Rockgeschichte zu sein, angefangen vom Band-Namen der Doors bis zu Bob Dylans Rock-Ballade \u201eKnocking on Heaven\u2019s\u2018 Door\u201c \u2013 von eurem st\u00fcrmischen Einrennen der Mauern rund ums Brandenburger Tor im Herbst 1989 einmal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Da gebe ich Dir vollkommen Recht, lieber Frederick. Der Moment dieser Aufnahme hielt vieles auf einmal fest. Zun\u00e4chst eine gut vorangehende Probe. Das Musizieren miteinander macht Spa\u00df, weil es funktioniert. Als Helmut Kohl uns aus dem Osten im Laufe des Jahres 1990 via TV dazu aufruft, in unsere angestammten St\u00e4dte zur\u00fcckzugehen und beim Aufbau der Demokratie und so weiter zu helfen, schaltete ich kurz die Gr\u00fcbelmaschine an (Studium klar, D\u00f6blin-Stipendium, Senatsstipendium, eigentlich wie\u2019n Doppeldoktor), rei\u00dfe den Kopf wieder, sehe dem Bundeskanzler ins Gesicht und sage \u201eO.k., Helmut!\u201c. So eine R\u00fcckkehr kann sich keiner vorstellen. Die alten Freundschaften nahtlos neue. Und die alten Feinde nahtlos die alten. Zu Rosenmontag im Stadttheater Plauen Lesung mit J\u00fcrgen Fuchs und Utz Rachowski. Volles Haus. Diesmal rei\u00dft der Intendant Radestock ein paar Mal den Kopf hoch. \u201eHat er nicht gedacht, dass bei Knastgeschichten wirklich Literatur rauskommt\u201c, sagte J\u00fcrgen ein paar Stunden sp\u00e4ter bei Utz in Reichenbach. Aber die alten Feinde waren nicht dumm. Sie warfen Steine in den Weg. Zu dieser CD kam es auf dem gleichen Weg wie in Berlin-West zur \u201eErsten Lektion\u201c. Ich wollte ein Buch schreiben und h\u00f6rte im Kopf lauter Musik. Das ist die Musik, die auf dieser CD zu h\u00f6ren ist. Viele Instrumente: gestrichener Kontrabass, Fretless-Bass, Cachon, Bachtrompete, Akkordeon, Klavier, Mundharmonika, Gitarren, Saxofon u.a. Im Grunde ist das meine dankbare Verbeugung vor allen musikalischen Einfl\u00fcssen und den Leuten, die das verbrecherische System der Betonkommunisten zu beseitigen halfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick: <\/strong>Erz\u00e4hl von deinen weiteren Musikprojekten und musikalischen Weggef\u00e4hrten, wie zum Beispiel Reinhard Fi\u00dfler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong><em>ohne anklopfen<\/em> ist deklariert als Akt I des Musicals <em>Jodie<\/em>.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftn1\">[3]<\/a> Die Nachfolgerin <em>Ghettos in petto<\/em> ist schon Akt II. Akt III ist in progress. Einige rough mixes gibt es schon. Das Abstrakt ist: Eine Familie verliert durch rassistische Willk\u00fcr in Ostdeutschland ihr Haus, erbt aber eins im Westen. Die junge Jodie streunt durch die Gro\u00dfstadt und ruft in morphologische Felder tappend eine geschehene Geschichte auf. Hi Broadway. I\u2019m ready! Nat\u00fcrlich w\u00e4chst dabei immer das Rettende. Am Ende kann man sich freuen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-6518-2\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/02-Jodie.mp3?_=2\" \/><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/02-Jodie.mp3\">http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/10\/02-Jodie.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich freue mich noch immer dar\u00fcber, dass Rod Davis von John Lennons \u201eThe Quarryman\u201c, die es ja immer noch gibt, mein Buch \u00fcber und mit Reinhard Fi\u00dfler seinerzeit auf die Internetseite der Band gestellt hat. \u201cA fascinating reading, of course it is in German\u201c, meinte Rod Davis damals. Rod und Reinhard waren befreundet. Reinhard lebt leider nicht mehr. Vor wenigen Jahren verlor er seinen wirklich Bewunderung abringenden Kampf gegen die t\u00fcckische Krankheit ALS. Ich freue mich auch \u00fcber die Freundschaft mit Reinhard. Dass er zweimal auf <em>ohne anzuklopfen<\/em> mit mir singt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 22.6907%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 53.3132%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Reitels.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6538\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Reitels.jpg\" alt=\"\" width=\"335\" height=\"469\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Axel Reitels K\u00fcnstlerbiografie \u00fcber Reinhard Fi\u00dfler, 3D -Verlag, 190 Seiten, 2007<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 23.996%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick: <\/strong>Spielt die Musik auch eine zentrale Rolle in deinem Roman, an dem Du bereits seit l\u00e4ngerer Zeit arbeitest?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel: <\/strong>Nein, hier geht es um einen gro\u00dfen Kreis von M\u00e4chtigen, die um eine Anzahl von Menschen pokern, aber nur um ihr eigenes Leben abzusichern. Das muss nat\u00fcrlich knallen wie ein physikalisches Experiment, wenn es in Erinnerung bleiben soll. Ein Knall ist aber keine Musik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.4337%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.233%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Berlin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-6539\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Berlin-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"298\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Berlin-224x300.jpg 224w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Axel-Berlin.jpg 241w\" sizes=\"auto, (max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Axel, Berlin Hauptbahnhof, 2011: \u201eThe times, they are a changin&#8217;\u201c<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%; text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Frederick.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-6540\" src=\"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Frederick-300x231.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Frederick-300x231.jpg 300w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Frederick-768x591.jpg 768w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2020\/09\/Frederick.jpg 792w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\">Frederick, ca. 2005, Norfolk, Virginia. Foto: Katina Dell\u2019Acqua-Lubich<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">The times, they are a changin\u2019. Indeed!<\/span><\/td>\n<td style=\"width: 33.3333%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Frederick:<\/strong> \u201eNur wer sich \u00e4ndert, bleibt sich treu\u201c, so lautet eines der popul\u00e4rsten Lieder Wolf Biermanns. Wir beide haben uns im Fr\u00fchjahr 2018 f\u00fcr die R\u00fcckkehr Biermanns in unser PEN-Zentrum engagiert und wir beide haben in diesem Zusammenhang auch das Projekt seiner Nominierung zum Nobelpreis f\u00fcr Literatur lanciert. Wir meinen, nach der jahrhundertalten Nobilitierung unserer besten Dichter und Denker wird es h\u00f6chste Zeit f\u00fcr eine entsprechende Kanonisierung unserer besten S\u00e4nger und Seher, die mit ihren Liedern ein Leben lang f\u00fcr eine bessere Zukunft gesungen und geworben haben. Unter Deutschlands lebenden Liedermachern hat das sicher keiner besser in Wort und Tat getan als Wolf Biermann. Und er beschr\u00e4nkt sein soziales und politisches Engagement nicht nur auf seine Kunst und ihre unterhaltsame Veranstaltung, er setzt auch alle m\u00f6glichen publizistischen Hebel in Bewegung. So hat er zum Beispiel in einem langen Artikel in der <em>New York Times<\/em> vom 29. Juni 2018 f\u00fcr die so umstrittene Fl\u00fcchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin eine gro\u00dfe Lanze gebrochen. Indem er in diesem Essay seinen Blick bis ins fr\u00fchmittelalterliche Vielv\u00f6lkerreich Kaiser Karls des Gro\u00dfen zur\u00fcckschweifen l\u00e4sst, pl\u00e4diert er ganz in dessen Sinn f\u00fcr ein postmodernes, liberal multikulturelles Europa, das gleichzeitig auch als demokratisches Vorbild f\u00fcr eine weltoffene Europapolitik und \u2013 last but not least \u2013 als transatlantische Gegenvision zu Donald Trumps gegenw\u00e4rtiger Fl\u00fcchtlingspolitik figurieren kann. Wie siehst du als ehemaliger Rocks\u00e4nger und Liedertexter und somit als erfahrener Mitstreiter einer uralten und altehrw\u00fcrdigen Zunft, die bis in die antike Tradition des homerischen Heldengesangs zur\u00fcckreicht, in diesem zeitgeschichtlichen Zusammenhang Biermanns konkrete Verdienste als politischer S\u00e4nger und Seher und nicht zuletzt seine reellen Aussichten auf den Nobelpreis f\u00fcr Literatur?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Axel Reitel:<\/strong> Das wiederhole ich gern noch mal. Ich w\u00fcnsche mir, dass ich im Abonnement der <em>New York Times<\/em> in ein oder zwei Jahren lesen kann: Wolf Biermann, the German songwriter, poet and author, who was awarded this year\u2019s Nobel Prize in Literature&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Footnotes:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Mein Radiofeature \u201eDer Tod meines Bruders \u2013 Rekonstruktion eines vermeintlichen Unfalls\u201c <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wmHs2BFrvkc&amp;t=205s\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wmHs2BFrvkc&amp;t=205s<\/a> (eingesehen am 15. Dez. 2019).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn1\">[2]<\/a> Die Band Erste Lektion war eine studentische Dreierbesetzung: Martin Walter (UdK) Gitarre; Frank Runge (TU-Berlin) Keyboards; Axel Reitel (TU-Berlin) Vokal, Harmonika. Die folgende Aufnahme von Radio 100 stammt vom Sommer 1987, live auf dem Linsenfest Neckargartach mit musikalischen Freunden und dem Bruder des Gitarristen am Schlagzeug gespielt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn1\">[3]<\/a><span style=\"color: black;\"> Die konzeptionelle Band Axel Reitel &amp; collegium novum wurde im Jahr 2000 in Plauen\/Vogtland gegr\u00fcndet. Zielstellung war die stoffliche und musikalische Entwicklung von <i>Jodie &#8211; das Musical<\/i> (siehe oben, Titel <i>Jodie<\/i>). 20 Jahre sp\u00e4ter sollte es in die entscheidende Phase des Orchesterarrangements treten (unter dem Titel <i>Jodie-Midi<\/i>, Arrangement PhD Davide Rossini, Komponist\/Dirigent (M.A.)\/Orchesterdirektor). Auch inhaltlich ist der Stoff ausgearbeitet als Expos\u00e9. Libretto in progress.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eBreak on Through to the Other Side\u201c &nbsp; Ein Gedankenaustausch mit Axel Reitel, politischem H\u00e4ftling in der DDR, experimentellem Rockmusiker in der alten BRD und engagiertem Literaten im wiedervereinigten Deutschland. \u00a0 Frederick Lubich, Norfolk, Virginia &amp; Axel Reitel, Berlin &nbsp; Axel Reitels Warming Up mit dem Beatles Songbook, West-Berlin 1986. Foto: Frank Runge &nbsp; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"parent":6396,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-6518","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6518","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6518"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6518\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}