{"id":6597,"date":"2020-09-11T02:23:29","date_gmt":"2020-09-11T06:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6597"},"modified":"2020-12-25T06:49:58","modified_gmt":"2020-12-25T11:49:58","slug":"vi-buchbesprechungen-kunert-gunter-die-zweite-frau","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-45-2020\/vi-buchbesprechungen-kunert-gunter-die-zweite-frau\/","title":{"rendered":"VI. Buchbesprechungen: G\u00fcnter Kunert. Die zweite Frau"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>G\u00fcnter <\/strong><strong>Kunert.<\/strong><strong> <em>Die zweite Frau.<\/em><\/strong><\/h1>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Roman. G\u00f6ttingen: Wallstein, 2019. 200 Seiten<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">G\u00fcnter Herrmann, Heilbronn<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das kommt vor: Ein Manuskript liegt 45 Jahre im Archiv seines Autors, wird von ihm vergessen, und kommt eines Tages wieder zum Vorschein, da war G\u00fcnter Kunert bereits 90 Jahre alt. Im September 2019 ist er gestorben. Er hat den Roman noch in der DDR abgeschlossen, aber nicht eingereicht, weil er unm\u00f6glich h\u00e4tte gedruckt werden k\u00f6nnen, so komisch und sarkastisch wird hier mit den Merkw\u00fcrdigkeiten des Lebens in der DDR, die als solche nie genannt wird, umgesprungen. Vom damals geforderten sozialistischen Optimismus ist nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Personal ist leicht \u00fcberschaubar: Barthold, ein Steinzeit-Arch\u00e4ologe Mitte 40, ist gerade krankgeschrieben wegen \u201eVegetativer Dystonie\u201c. Seine Frau Margarete Helene steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag; beide sind innig einander zugetan und pflegen ein reges Sexualleben. Herr Forster, der koboldhafte Nachbar, darf, weil er \u201eInvalide\u201c ist, nach Westberlin reisen, von wo er Pornohefte zu schmuggeln gedenkt. Herr M\u00fcller, eine niedere Charge der Staatssicherheit bleich, jung, mimiklos, vertritt die Staatsgewalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingangsszene: Bartold liegt in seinem Gartenstuhl und hat einen Albtraum, der in London und in Kriegszeiten spielt und in dem der Staatsratsvorsitzende Ulbricht in einer unklaren Beziehung zum Tr\u00e4umer steht. Dieser wacht auf von den Schl\u00e4gen, mit denen Margarete Helene das marode Gartenhaus zum Einsturz bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schutt des Gartenhauses taucht ein alter B\u00fcstenhalter auf. Misstrauisch geworden kramt Margarete Helene in Bartholds Schreibtisch und findet eine Postkarte von einer bisher unerw\u00e4hnten Elfi. Das entz\u00fcndet ihre Phantasie: War ihr Gatte wom\u00f6glich schon einmal verheiratet? Und, als sie bei weiteren Abbrucharbeiten Knochen findet: hat er Elfi vielleicht umgebracht und ihre Leiche im Boden der H\u00fctte versteckt? Bei einer gyn\u00e4kologischen Untersuchung bringt Margarete Helene die Knochen in die Praxis mit, es w\u00fcrde sie interessieren, ob es Menschenknochen seien oder eher vom Schwein. Eine hinrei\u00dfend komische Szene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMontaigne\u201c ist das Leitmotiv des Romans. Die \u201eEssays\u201c des menschenfreundlichen Skeptikers aus dem 16. Jahrhunderts liegen auf Bartholds Nachttisch. Auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk f\u00fcr seine Frau ger\u00e4t er in einen \u201eIntershop\u201c, wo er im Gespr\u00e4ch mit einem Wartenden Sentenzen aus Montaignes Essays zitiert, die als Kommentar zum realen Sozialismus verstanden werden k\u00f6nnen. Das hat ein Nachspiel. Bald darauf steht Herr M\u00fcller vor der T\u00fcr. Es kommt zur komischsten Szene in diesem von Sarkasmen und Ironie spr\u00fchenden Roman:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr M\u00fcller will N\u00e4heres wissen zu Bartholds Kontakten mit dem \u201eAusl\u00e4nder Mohnteine\u201c. Er \u201ef\u00fchrte aus, der Ausl\u00e4nder, wohl Franzose, wie?, habe keine positive Einstellung erkennen lassen, wie aus Bartholds Reden zu entnehmen gewesen sei, doch ginge es in der Hauptsache darum, dass er, Barthold, doch ganz genau wisse, dass jede Bekanntschaft mit Ausl\u00e4ndern f\u00fcr ihn meldepflichtig sei.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Str\u00e4nge des Geschehens sind gl\u00e4nzend miteinander verflochten; jedes Teil greift ins andere wie bei einer kleinen sch\u00f6nen Maschine, nichts ist \u00fcberfl\u00fcssig. Dazwischen gibt es immer wieder philosophisch-reflektierende, von leichter Hand geschriebene Passagen. Mit seinen 200 Seiten hat das Buch eine angenehme L\u00e4nge; man merkt, dass sein Autor vornehmlich ein Meister der Lyrik und der kleinen Prosa ist. Vor allem aber: Der Roman besitzt den unverwechselbaren \u201eKunert-Sound\u201c, eine schwer zu beschreibende, anspielungsreiche Sprache, die h\u00e4ufig zum Lachen reizt. Das war Kunerts sch\u00e4rfste Waffe gegen\u00fcber den Zumutungen des \u201eArbeiter- und Bauernstaates\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnter Kunert. Die zweite Frau. Roman. G\u00f6ttingen: Wallstein, 2019. 200 Seiten &nbsp; G\u00fcnter Herrmann, Heilbronn &nbsp; Auch das kommt vor: Ein Manuskript liegt 45 Jahre im Archiv seines Autors, wird von ihm vergessen, und kommt eines Tages wieder zum Vorschein, da war G\u00fcnter Kunert bereits 90 Jahre alt. Im September 2019 ist er gestorben. 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