{"id":6654,"date":"2020-09-11T07:35:48","date_gmt":"2020-09-11T11:35:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=6654"},"modified":"2020-09-11T07:37:45","modified_gmt":"2020-09-11T11:37:45","slug":"vii-laudatio-hommage-in-memoriam-laudatio-fur-herta-muller","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-45-2020\/vii-laudatio-hommage-in-memoriam-laudatio-fur-herta-muller\/","title":{"rendered":"VII. Laudatio, Hommage, In Memoriam: Laudatio f\u00fcr Herta M\u00fcller"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Laudatio f\u00fcr Herta M\u00fcller \u2013 <\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Anl\u00e4sslich der Verleihung <\/strong><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>des Ovid-Preises <\/strong><strong>des <\/strong><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>PEN-Zentrums deutschsprachiger <\/strong><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Autoren im Ausland<\/strong><strong> 2018<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Guy Stern, West Bloomfield, Michigan<\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Pr\u00e4sident des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Damen und Herren,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die mir heute vom Vorstand und den Mitgliedern unseres PEN-Zentrum Deutschsprachiger Autoren im Ausland vorgeschlagene Aufgabe, eine Laudatio f\u00fcr Herta M\u00fcller zu halten, ist f\u00fcr mich eine besondere Ehre. Die zentralen zeitgen\u00f6ssischen Themen und deren kreative erz\u00e4hlerische Umsetzung, die ich in meinen Ausf\u00fchrungen andeute, sind zurecht in mehreren Interpretationen Ihrer eindrucksvollen Werke, liebe Frau M\u00fcller, besonders betont worden. F\u00fcr uns, die hier versammelten Mitglieder des PEN Zentrum Deutschsprachiger Autoren im Ausland, war es deshalb auch keine \u00dcberraschung, als Sie eine Reihe der wichtigsten Preise bis hin zu der Verleihung des Nobelpreises der Literatur erhalten haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was k\u00f6nnen wir dem noch hinzuf\u00fcgen? Wohl in erster Linie, dass Sie f\u00fcr uns ganz besonders ein Leitbild und ein Ansporn bedeuten und bleiben werden. Bekanntlich ging unser Kapitel des internationalen PENs aus denselben Motiven hervor, die sich bei Ihnen ebenfalls in Ihrem Leben und Werk abzeichnen. Um diese \u00dcbereinstimmung zu belegen, gen\u00fcgt Ihr Einsatz f\u00fcr ein bisher nicht bestehendes Museum f\u00fcr Exil und Exilanten. Ich darf Sie zitieren: \u201eDas Exil ab 1933, die Vertreibung von hunderttausenden Deutschen ins Ausland ist eine Leerstelle in der Museumslandschaft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich gibt es an mehreren Orten \u2013 ja gerade in der Bibliothek, in der wir uns befinden \u2013 eine Gedenkst\u00e4tte in Form des vorbildlich gef\u00fchrten Archivs, das schlie\u00dflich zur Schaffung der hiesigen Dauerausstellung f\u00fchrte. Aber ich entnehme Ihrem Werk, dass Sie damit auch noch ein anderes Ziel verfolgten. Ich gehe da zum Beispiel von Ihrer unverbl\u00fcmten Darstellung eines Dorfes in der Erz\u00e4hlung <em>Der Mensch ist ein gro\u00dfer Fasan in der Welt <\/em>aus, wo fast alle Bewohner einer Ortschaft das dringende Bed\u00fcrfnis haben, ihren Wohnsitz zu verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Neue an Ihrer Erz\u00e4hlung aber ist, dass bei Ihnen, wie in so vielen Ihrer Prosawerke, sozusagen die ganze Bev\u00f6lkerung zu Wort kommt, nicht nur die Prominenten, wie in so vielen fr\u00fcheren Auswanderergeschichten. Sie lauschen den Leuten auf der Stra\u00dfe ihre einfache Sprache ab. \u201eDort [im Gebirge] m\u00f6chte ich nicht begraben sein\u201c, \u00e4u\u00dfert sich der Protagonist Windisch. An anderer Stelle hofft er, dass er mittels einer Bestechung f\u00fcr sich, seine Frau und Tochter eine Ausreisegenehmigung von der Beh\u00f6rde bekommt, ohne dass seine Tochter sich opfern muss. Er sagt nur wortkarg: \u201eWas n\u00fctzt der Dank des Beamten.\u201c Begleitet wird diese kurze Bemerkung von einem Zusatz: \u201eWindisch l\u00e4sst sich auf den Lippen seine Best\u00fcrzung anmerken&#8230; Seine Mundh\u00f6hle w\u00e4chst ihm ins Gesicht.\u201c Diese Beobachtung, die einem Durchschnittsb\u00fcrger gilt, bleibt ohne ausf\u00fchrliche Erkl\u00e4rung, aber die Besorgnis des Vaters wird offenkundig in der eindrucksvollen Wortwahl der Autorin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Frau M\u00fcller, Sie erinnern uns an die Exilanten vieler Zeiten und verschiedener Herkunft. Thomas Mann nannte einmal sein Jahrhundert \u201eDas Jahrhundert des Exils.\u201c Das trifft sicher zu, aber die Kette vertriebener Menschen ist nie abgerissen. Ihre Texte vermitteln beispielsweise diese Fortsetzung des Exils aus anderen Zeiten. Sie bemerkten dazu in einer Ausf\u00fchrung bei einem Treffen in Boston: \u201eIch m\u00f6chte einen Satz sagen k\u00f6nnen, in dem ich das Schicksal aller Verfolgten bis zum heutigen Tag veranschaulichen kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die besondere Bedeutung dieses Wunsches wurde mir au\u00dferdem vor kurzem weiterhin veranschaulicht durch die Premiere eines Dramas <em>L\u02bcEneide<\/em> von dem frankokanadischen Dichter Oliver Kemeid. Es handelt sich um eine Modernisierung des Dramas von Vergil \u2013 Ovids ungef\u00e4hrem Zeitgenossen. Aber in Kemeids Drama sind der klassische Aeneas und der heutige Aeneas Schicksalsgenossen. Bei Vergil versperren z.B. Bewaffnete Aeneas den Weg, heute gen\u00fcgt eine Gestalt mit einem Clipboard [dt. \u201eKlemmbrett\u201c].<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber da Ihre Arbeiten, liebe Frau M\u00fcller, ausnahmslos Klartext reden, vermitteln Sie diese Exil-Erfahrungen auch in einem anderen, weniger direkten Kontext. In Ihren Untersuchungen von Termini und Begriffen, die meist durch eine Begebenheit veranschaulicht werden, setzen Sie sich z.B. mit dem Begriff \u201eGrenze\u201c auseinander. Sie als Exilantin erfahren selbstverst\u00e4ndlich die Widrigkeiten einer Grenz\u00fcberquerung auf andere Weise. Und so sehen Sie einen Ausflug von Saarbr\u00fccken ins franz\u00f6sische Lothringische viel besorgter als ein einheimischer Bekannter. Oder aber, es steigt im Zusammenhang mit einer anderen Wortergr\u00fcndung, n\u00e4mlich des \u201eMitb\u00fcrgers\u201c auf. Es f\u00e4llt bei einer Befragung durch einen Schergen der Diktatur. Unwillk\u00fcrlich denkt der Leser an das Wort \u201eAusgrenzung\u201c. Der Beamte spricht Ihnen die Staatszugeh\u00f6rigkeit ab, obwohl Ihre Familie seit Generationen in Rum\u00e4nien ans\u00e4ssig war und Ihre Vorfahren zum Wohl des Landes beigetragen hatten. Ein einziges Wort kann in der Tat so viele Konnotationen ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser PEN \u2013 aus dem Exil hervorgegangen \u2013 und der heutige Preis \u2013 abgeleitet von Ovid \u2013 dem ersten Exildichter, ehrt Sie also nachdr\u00fccklich f\u00fcr Ihre Einf\u00fchlung in mannigfaltige Exilschicksale, und zwar aus eigener Perspektive und Erfahrung. Wir sind uns dabei bewusst, dass Sie solchen Schicksalen in einer dichterischen Sprache, vor allem durch eindrucksvolle Metaphern Ausdruck verleihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Bestrebungen, liebe Frau M\u00fcller, eine Definition f\u00fcr den Begriff \u201eHeimat\u201c bei Vertriebenen zu finden, decken sich mit unseren Vorstellungen und Versuchen. Viele Exilanten und Wissenschaftler haben sich bereits mit diesem Thema befasst \u2013 oft unter Berufung auf ein Buch des deutsch-j\u00fcdischen Emigranten Jean Am\u00e9ry. Er und viele andere, unter ihnen die Exildichterin Hilde Domin, sind zu dem Schluss gekommen, dass die Muttersprache auch Heimat ist. Aufgrund dieser \u00dcberzeugung haben es sich auch viele Exilanten zur Aufgabe gemacht, die Sprache von Missbrauch freizuhalten \u2013 sei es von einem Aufguss der Nazisprache oder bestimmter W\u00f6rter aus der DDR-Zeit. Das war auch Ihr Ziel wie das unserer Organisation. Auf der anderen Seite verneinen Sie aber in ihrem Essay <em>Heimat ist das, was gesprochen wird<\/em> diesen Zusammenhang. Eine Identit\u00e4t von Heimat und Sprache entbehrt Ihrer Meinung nach der Logik. Die Frage, die Sie stellen, ist die, ob die Sprache nicht zu individuell f\u00fcr eine solche Identit\u00e4t ist. Nach der Lekt\u00fcre Ihres Essays werde ich nunmehr vorschlagen, dass wir unsere Pr\u00e4misse noch einmal \u00fcberdenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine weitere Komponente unserer gemeinschaftlichen Bestrebungen k\u00f6nnte man mit einem Schillerwort signalisieren: \u201eIn tyrannos\u201c. Sie haben einen mutigen Angriff auf eine Tyrannei dargestellt, die Sie selbst erlebt haben. Das ist f\u00fcr uns ein Vorbild, das uns anregt, es Ihnen gleichzutun. Ein Komitee unseres PEN-Kapitels unter der Leitung von Frau Dr. Freya Klier widmet sich den von diktatorischen Regimen eingesperrten Schriftstellern. Viele von uns beteiligen sich an den Protestbriefen, die wir an die verschiedenen Regierungen schicken. Diese Bestrebungen haben offensichtlich einer ganzen Reihe verhafteter Schriftsteller mit zur Freiheit verholfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem finden wir uns zweifelsohne nochmals zusammen in unserer Abwehr gegen jede Art von Tyrannei und Diktatur. Hier m\u00f6chte ich mich in erster Linie auf Ihre Romane und Erz\u00e4hlungen berufen, was durchaus naheliegt. Sie haben Ihre Leser einmal darauf hingewiesen, dass Ihr Erz\u00e4hltalent nicht zu trennen sei von der Entlarvung der gewissenlosen Machthaber, insbesondere von dem rum\u00e4nischen Diktator Ceau\u015fescu. Es f\u00e4llt leicht, dieser Aufforderung Folge zu leisten, denn Ihre <u>J\u02bcaccuse<\/u> sind unmissverst\u00e4ndlich und durchziehen Ihr Prosawerk. Noch w\u00e4hrend der Herrschaft von Ceau\u015fescu, also Jahre vor dem Ende der Diktatur und vor Ihrer Auswanderung, haben Sie es als Ehrenpflicht verstanden, sich f\u00fcr Schriftsteller und Schriftstellerinnen einzusetzen, die gegen Missst\u00e4nde in den von Diktatoren regierten L\u00e4ndern protestiert haben. Sie sind deshalb, wie alle Ihre Leser wissen, misshandelt und verhaftet worden. Auch Ihre Mutter wurde verhaftet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit sind Sie nicht nur Vorbild als Streiter f\u00fcr die Person, sondern auch f\u00fcr Meinungs- und Redefreiheit. \u00dcber Ihre Satire <em>Die Meinung<\/em> in dem Sammelband <em>Niederungen<\/em> k\u00f6nnte man lachen, wenn das Anliegen nicht so ernst w\u00e4re. Da geht es um einen Frosch, der in einem Betrieb als Ingenieur arbeitet. Wir lesen: \u201eEr war im Betrieb sowohl bei den Chefs als auch bei den Arbeitern nicht gut angesehen. Der Frosch hatte immer und \u00fcberall eine Meinung. Und das Schlimmste an dieser Meinung war, dass es eine eigene Meinung war, die immer anders als die Meinung der anderen war\u201c&#8230; , d.h., die anderen haben sich der Meinung der Vorgesetzten unterworfen. Der mutige Frosch wird vor den Direktor zitiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa sagte der Direktor, dass eigentlich jede eigene Meinung vertretbar sei, wenn man sie f\u00fcr sich behalte.\u201c &#8230; \u201eDa sagte der Frosch, dass eine Meinung keine Meinung sei, wenn sie nicht gesagt sei.\u201c Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, dass es mit dem Frosch kein gutes Ende nimmt. Das hier zitierte Buch ist ein Beispiel f\u00fcr Zensur und Schlimmeres in einer Diktatur. In der neuesten Ausgabe der Sammlung erscheint folgende Notiz: \u201e<em>Niederungen<\/em> erschien zum ersten Mal im Jahre 1982 in dem deutschsprachigen Verlag Kriterion in Bukarest. 1984 folgte die Ausgabe im Rotbuch Verlag Berlin [&#8230;]. Diese Ausgabe war um vier Kapitel gek\u00fcrzt worden.\u201c Meine Damen und Herren, Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, dass die oben zitierte Erz\u00e4hlung <em>Die Meinung<\/em> zu den Auslassungen geh\u00f6rte. Ferner f\u00fchrte schlie\u00dflich gerade dieses Buch zum Schreibverbot der Autorin M\u00fcller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Satire oder Tierfabel ist unmissverst\u00e4ndlich. In anderem Zusammenhang findet sich auch in Ihrem Essay \u201eEinmal anfassen \u2013zweimal loslassen\u201c ein \u00e4hnlich intendierter Satz: \u201eDas Schreiben von B\u00fcchern war gef\u00e4hrlicher als eine Krankheit.\u201c Diese Feststellung wird ja auch in einer weiteren, Sie ehrenden Laudatio, zitiert. Der freiheitsliebende und eloquente Redner war\u00a0ein\u00a0Pr\u00e4sident, auf den alle Schreibenden \u2013 ich spreche als deutschschreibender, liberaler Amerikaner \u2013 stolz sein k\u00f6nnen. Ich meine nicht den amerikanischen Pr\u00e4sidenten. (Nein, dieser Pr\u00e4sident hei\u00dft Joachim Gauck).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind voller Bewunderung f\u00fcr Ihren Wagemut, mit dem Sie sich in Ihren Schriften gegen die Tyrannei in Ihrer rum\u00e4nischen Heimat einsetzten. Sie haben sowohl in Ihren Essays als auch in Ihren Erz\u00e4hlungen und Romanen die Ungeheuerlichkeiten der Ceau\u015fescu-Regierung gegei\u00dfelt. In Ihrer Erz\u00e4hlung <em>Der Mensch ist ein gro\u00dfer Fasan auf der Welt<\/em> hat zum Beispiel die Kinderg\u00e4rtnerin Amalia, die Tochter des Protagonisten, gerade von der intendierten Auswanderung der Familie einer ihrer Sch\u00fclerinnen geh\u00f6rt, doch der Unterricht muss ordnungsgem\u00e4\u00df weitergehen. Sie ist gezwungen, die Parteilinie zu vertreten. Aber es klingt in diesem Kontext, ja \u00fcberhaupt, wie bitterer Hohn, wenn sie verk\u00fcndet: \u201eIn unseren H\u00e4usern wohnen unser Vater und unsere Mutter. Sie sind unsere Eltern. Jedes Kind hat seine Eltern. So wie unser Vater im Haus, in dem wir wohnen, der Vater ist, ist Genosse Nicolae Ceau\u015fescu der Vater unseres Landes. Und so wie unsere Mutter im Haus, in dem wir wohnen, unsere Mutter ist, ist Genossin Elena Ceau\u015fescu die Mutter unseres Landes. Genosse Nicolae Ceau\u015fescu ist der Vater aller Kinder. Und Genossin Nicolae Ceau\u015fescu ist die Mutter aller Kinder. Alle Kinder lieben den Genossen und die Genossin, weil sie ihre Eltern sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Ihren sp\u00e4teren Werken, liebe Frau M\u00fcller, kommen Sie mehrfach auf den rum\u00e4nischen Tyrannen und seine Verb\u00fcndeten zur\u00fcck. Ja, er wird ein Paradigma von allen Diktatoren. In Ihrem autobiographischen Essay <em>Die rote Blume und der Stock<\/em> in dem Band <em>Der K\u00f6nig verneigt sich und t\u00f6tet<\/em> weisen Sie auf die Austauschbarkeit aller Diktatoren hin: \u201eAuf den Sitzungen, in denen die Leute in der Diktatur einen gro\u00dfen Teil ihrer Zeit verbrachten, zeigte sich das klarste Bild des Sprechens in der \u00fcberwachten Gesellschaft Rum\u00e4niens.\u201c Wahrscheinlich aber nicht nur <em>dieser<\/em> Diktatur. Sie kommentieren: \u201eAlles Halbauthentische, jeder pers\u00f6nliche Hauch, jedes individuelle Fingerzucken waren bei den Rednern aus der Welt geschafft. Ich sah und h\u00f6rte austauschbaren Figuren zu, die sich vom einzelnen Menschen weg, in die glatte Mechanik einer politischen Position begeben hatten, um der Karriere zu entsprechen. In Rum\u00e4nien wurde alle Ideologie des Regimes durch den Personenkult Ceau\u015fescus geb\u00fcndelt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferner kommen die ber\u00fcchtigten Namen unserer Zeit \u2013 \u00fcber die des rum\u00e4nischen Diktators hinaus \u2013 immer wieder in Ihren Schriften vor, so da sind Hitler, Stalin, die Regierung der DDR und andere mehr. Wir wissen, welchen Preis an Unterdr\u00fcckung und Angriffen Sie f\u00fcr Ihre aufrichtige Verurteilung der Tyrannei bezahlen mussten. Hervorheben m\u00f6chte ich dabei die psychologischen Repressalien, von denen Ihre Werke ein beredtes Zeugnis ablegen. Ich habe zum Beispiel in Ihrem Roman <em>Der Fuchs war damals schon der J\u00e4ger<\/em> die psychischen Auswirkungen der Diktatur bei meiner Lekt\u00fcre jenes Romans erkannt und erfahren, wie sehr die Angst dominiert, ja zum Leitmotiv und zur Symbolik Ihres Werkes wird. Dieses bedr\u00fcckende Gef\u00fchl wird von Ihnen schon ganz zu Beginn des Romans thematisiert: \u201eDie stillen Stra\u00dfen der Nacht, wo der Wind, wenn er anst\u00f6\u00dft, Angst hat.\u201c Gegen Ende hei\u00dft es bezeichnenderweise: \u201eWenn man in Angst lebt, wachsen die Haare und die N\u00e4gel schneller.\u201c Die Angst k\u00f6nnen viele von uns ebenfalls nachempfinden. Darin, wie in so vielem, liebe Frau Dr. M\u00fcller, sprechen Sie uns \u2013 wie es in einer Ihrer Formulierungen hei\u00dft \u2013 \u201esowohl aus dem Kopf als auch aus dem Herzen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio f\u00fcr Herta M\u00fcller \u2013 &nbsp; Anl\u00e4sslich der Verleihung &nbsp; des Ovid-Preises des &nbsp; PEN-Zentrums deutschsprachiger &nbsp; Autoren im Ausland 2018 &nbsp; Guy Stern, West Bloomfield, Michigan Pr\u00e4sident des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland &nbsp; Meine Damen und Herren, die mir heute vom Vorstand und den Mitgliedern unseres PEN-Zentrum Deutschsprachiger Autoren im Ausland vorgeschlagene [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"parent":6396,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-6654","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6654","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6654"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6654\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6654"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}