{"id":7138,"date":"2020-12-23T11:43:04","date_gmt":"2020-12-23T16:43:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7138"},"modified":"2020-12-23T12:36:08","modified_gmt":"2020-12-23T17:36:08","slug":"iv-autobiografische-texte-lotte-lenya-in-amerika","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/home-2\/glossen-46-2020-current-issue\/iv-autobiografische-texte-lotte-lenya-in-amerika\/","title":{"rendered":"IV. Autobiografische Texte: Lotte Lenya in Amerika"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Lotte Lenya in Amerika:<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Begegnungen in Schulen,<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Universit\u00e4ten und Theatern<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Guy Stern, West Bloomfield, Michigan<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in dieser Woche wandern meine Gedanken nicht zum ersten Mal zu einer lieben Freundin. Am 27. November 1981, also vor 38 Jahren, verstarb die legend\u00e4re Schauspielerin und S\u00e4ngerin, die beispielhafte Interpretin von Kurt Weills Liedern. Einen Tag vorher konnten meine Frau und ich sie noch einmal besuchen. Damit m\u00f6chte ich diese kurze Reminiszenz beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Judy und ich wollten unsere Reise zu einem Universit\u00e4tsfest in Hempstead, Long Island, meiner alma mater, zum Zweck eines Krankenbesuchs in New York zu unterbrechen: Lenya war durch eine Krebserkrankung schon stark geschw\u00e4cht. Es wurde uns gesagt, dass sie im Studio einer mit ihr befreundeten K\u00fcnstlerin, Margo Harris, untergebracht sei. In der Tat fanden wir sie in einem schmucklosen kargen Arbeitszimmer vor. Wir sprachen ihr Mut zu, aber es schien uns, als ob sie zu allem anderen auch in ihrem Aufenthaltsort sehr ungl\u00fccklich war. Uns war aufgefallen, dass die Gastgeberin uns trotz unserer Freundschaft mit Lenya zun\u00e4chst nicht zu ihr vorlassen wollte. Wir verbrachten weniger als eine halbe Stunde mit Lenya, in der wir von einem kurz zuvor besuchten Konzert erz\u00e4hlten und Lenya sich auf einige immer noch witzige Kommentare beschr\u00e4nkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag, nach unserem Besuch am Hofstra College, machten wir wiederum Halt in Manhattan. Es war zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kennengelernt hatte ich Lenya 1956. Ein von meinem Freund Gustave Matthieu, Kollege und hin und wieder Co-Autor, und mir geplantes Lesebuch, <em>Brieflich erz\u00e4hlt<\/em>, sollte auch ein Kapitel \u00fcber den Komponisten Kurt Weill enthalten, wenn wir eine bisher unver\u00f6ffentlichte Episode aus seinem Leben und Werk finden k\u00f6nnten. Es war bekannt, dass seine Witwe in Manhattan und New City, NY lebte. Mit der Unbefangenheit \u2013 besser gesagt, Unverfrorenheit \u2013 eines jugendlichen Neulings in der Germanistik schrieb ich ihr, dass wir ihrem verstorbenen Mann durch unser Kapitel weitere Ber\u00fchmtheit in Amerika verschaffen k\u00f6nnten. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch gar keine Zusage von irgendeinem Verleger, ein gewagtes Versprechen also. Drei Wochen sp\u00e4ter erhielten wir (heute wohl unglaublich) von ihr ein Konvolut von Briefen, das die Entstehungsgeschichte des Musikdramas <em>Der Weg der Verhei\u00dfung<\/em> von Kurt Weill und Franz Werfel fast l\u00fcckenlos vorstellte. Das aus dieser Quelle entstandene Kapitel fand viel Applaus und war der Start verschiedener gemeinschaftlicher Projekte, die fast bis zu Lenyas Tod fortgesetzt wurden. Davon jetzt einige Beispiele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass sie hier in den Vereinigten Staaten Aufnahme und eine neue Karriere fand, hat Lotte Lenya in tiefer Dankbarkeit nie vergessen. Sie stand ihrer Wahlheimat nicht unkritisch gegen\u00fcber \u2013 \u00fcber die Rassendiskriminierung konnte sie sich ereifern \u2013 aber ihr unmissverst\u00e4ndliches Engagement und Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl standen fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben aus dieser Einstellung heraus suchte und fand sie immer wieder Kontakt zur Schul- und Universit\u00e4tsjugend Amerikas. Obwohl ihr Angebote aus Hollywood und vom Broadway zuflogen, zog sie es \u00f6fters vor \u2013 ohne Aufsehen davon zu machen \u2013 auch in ganz kleinen Kreisen aufzutreten, die sie mit jungen Amerikanern in Ber\u00fchrung brachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Cincinnati z.B. kamen sie einmal zu einer FLES-Klasse (Foreign Language in Elementary School), an der vorwiegend afro-amerikanische Kinder teilnahmen, unterhielt sich mit ihnen auf Deutsch und stimmte mit ihrer hinrei\u00dfenden Singstimme in deutsche Lieder an. In Kalifornien wanderte sie mit Gustave Mathieu von Deutschklasse zu Deutschklasse, scherzte mit den Studenten der Universit\u00e4t California Fullerton und verteilte die verlangten Autogramme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder aber sie stellte Sprechschallplatten her \u2013 \u201ezum Unkostenpreis\u201c, wie sie mir einmal l\u00e4chelnd sagte, weil sie zum Unterrichtsgebrauch bestimmt waren, so z.B. eine ganz kurze Geschichte von Franz Kafka. Heute w\u00fcrde man dies \u201eH\u00f6rb\u00fccher\u201c nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie, die ungern und manchmal nur notgedrungen an Diskussionen, Fernsehinterviews, usw. teilnahm, verhielt sie sich bei Unterhaltungen mit Studenten und jungen Menschen v\u00f6llig ungezwungen und ging sehr aus sich heraus. Unvergesslich, wie sie nach einer anstrengenden Vorstellung von \u201eBrecht on Brecht\u201c am John Carroll College in Cleveland, Ohio noch eine gute Stunde lang einer riesigen Studentengruppe Rede und Antwort stand, zum hundertsten Mal als Antwort auf eine Frage erz\u00e4hlte, wie <em>Die Dreigroschenoper<\/em> zustande gekommen war, mit spitzb\u00fcbischen Humor dabei jene Zwanziger Jahre in Berlin noch einmal aufleben lie\u00df, dann Antworten auswich, als ein Student fragte, ob denn Weill und Brecht enge Freunde gewesen seien. Sie beendete die Plauderei damit, dass sie mit einer Studentin zusammen ein Lied von Weill summte, \u00fcber die die Fragestellerin n\u00e4heres wissen wollte. Etwa ein Jahr sp\u00e4ter, am 18. Februar 1982, erhielt ich einen Brief von der Direktorin der \u00d6ffentlichen Informationsabteilung der John Carroll Universit\u00e4t, Mary Ellen Klein. Sie schrieb, \u201cI recall being in the audience as a graduate student in English on the occasion of her [Lenyas] appearance on our campus. The gravelly quality of her voice and her stage presence are images that remain with me.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So oder \u00e4hnlich spielten sich Szenen mit Lenya auch an anderen Colleges und Universit\u00e4ten ab. Ein Bild aber \u2013 ein Happening w\u00fcrde man heute sagen \u2013 hebt sich auch von diesen nicht gerade allt\u00e4glichen Momentaufnahmen ab. Sie war mit einer Studentengruppe der Universit\u00e4t Cincinnati in einer Weill-Brecht Collage drei Abende hintereinander aufgetreten \u2013 f\u00fcr Zuschauer und die angehenden Schauspieler ein unvergessliches Bildungsereignis. Nach der letzten Auff\u00fchrung gab es eine Party f\u00fcr die Darsteller und die Mitglieder der Theater \u2013 und der Deutschabteilung der Uni Cincinnati. Gegen zwei Uhr morgens an jenem Sommerabend wollte Lenya Schluss machen. Die Gastgeber, Professor Jerry Glenn und seine Frau, sowie alle Party-Teilnehmer begleiteten sie zum Auto. Jemand stimmte ein Lied von Weill an, alle fielen ein, Gitarren wurden herbeigeholt, ein paar Studenten hoben Lenya aufs Autodach und sie stand dort und h\u00f6rte die ihr vertrauten Lieder als St\u00e4ndchen und als Huldigung der n\u00e4chsten Generation. Kurz vor ihrem Tode, etwas fr\u00fcher als Judy und mein Besuch an ihrem Krankenbett, sagte sie zu ihrer engen Freundin Lys Simonette, Musikwissenschaftlerin am Curtis Institute of Music in Philadelphia, Pennsylvania: \u201eWei\u00dft du, jetzt fallen mir doch alle m\u00f6glichen sch\u00f6nen Augenblicke aus meinem Leben ein. Aber immer wieder komm\u02bc ich auf diese nebelige Nacht in Cincinnati zur\u00fcck, wo ich im Scheinwerferlicht stand und diese Studenten Kurts Lieder sangen. Lys, da hatte ich das Gef\u00fchl, da bin ich zu Hause.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lotte Lenya in Amerika: &nbsp; Begegnungen in Schulen, &nbsp; Universit\u00e4ten und Theatern &nbsp; Guy Stern, West Bloomfield, Michigan &nbsp; Gerade in dieser Woche wandern meine Gedanken nicht zum ersten Mal zu einer lieben Freundin. Am 27. November 1981, also vor 38 Jahren, verstarb die legend\u00e4re Schauspielerin und S\u00e4ngerin, die beispielhafte Interpretin von Kurt Weills Liedern. 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