{"id":7142,"date":"2020-12-23T12:38:58","date_gmt":"2020-12-23T17:38:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7142"},"modified":"2020-12-27T13:45:55","modified_gmt":"2020-12-27T18:45:55","slug":"iv-autobiografische-texte-szenen-zu-leonard-cohen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/home-2\/glossen-46-2020-current-issue\/iv-autobiografische-texte-szenen-zu-leonard-cohen\/","title":{"rendered":"IV. Autobiografische Texte: Szenen zu Leonard Cohen"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eBut you don\u2019t really care for music,<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong> do you?\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Szenen zu Leonard Cohen<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Gabrielle Alioth, Thunderhill, Termonfeckin, Irland<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIt\u2019s time that we began to laugh and cry and cry and laugh\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin dreizehn Jahre alt, meine \u00e4ltere Schwester liest <em>Salut les Copains<\/em> und h\u00f6rt Jacques Brel. Wir haben die Maiunruhen, den Prager Fr\u00fchling und den Vietnamkrieg am Fernsehen gesehen. An diesem Morgen stehe ich an der Haltestelle und warte auf den Bus, mit dem ich in die Stadt zur Schule fahren werde. Das rote Beret trage ich nicht mehr, es verrutscht auf meinem glatten braunen Haar. Dolly hat blondes gewelltes Haar, und ich bewundere sie. Sie kennt sich aus, auch mit M\u00e4nnern. An diesem Morgen singt sie den Refrain eines englischen Liedes. Ich verstehe fast alles, obwohl ich in der Schule nicht Englisch, sondern Altgriechisch lerne, und summe mit. Bis sie inne h\u00e4lt: \u201eDu wei\u00dft nat\u00fcrlich, dass es laugh hei\u00dft, lachen und nicht lieben?\u201c \u201eNat\u00fcrlich\u201c, l\u00fcge ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMany loved before us, I know that we are not new\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin f\u00fcnfzehn Jahre alt, und meine \u00e4ltere Schwester hat mir ihr Moped geliehen. Es ist Samstagabend, und ich fahre an das Sommerfest auf dem H\u00fcgel am Stadtrand. Es dauert nicht lange, bis ich ihn finde. Urs hat blaue Augen und gewelltes Haar. Er ist auf dem Weg zu einem Konzert und \u00fcberrascht, als ich frage, ob ich mitkommen d\u00fcrfe. Das Konzert findet in einem Gemeindesaal statt. Die erste Band spielt schon, als wir ankommen, und es ist dunkel, aber ich sehe Dolly in einer Ecke in den Armen ihres Freundes. Wir hocken uns auf den Boden zwischen die anderen. Urs k\u00fcsst mich. Ich \u00fcberlege, was er mit seiner Zunge in meinem Mund sucht, aber ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eI will help you if I must, I will kill you if I can\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin siebzehn Jahre alt, und meine \u00e4ltere Schwester wohnt nicht mehr zu Hause. Es ist Herbst, und ich f\u00fchle mich gut, aber ich kann es nicht l\u00e4nger verbergen. Ich muss etwas tun. Es macht \u00fcberhaupt nicht weh, und als in der Nacht das Wasser bricht, h\u00e4nge ich das nasse Leintuch \u00fcber den Stuhl und lege mich wieder schlafen. Ich schlafe so gut in diesem Jahr. Am \u00fcbern\u00e4chsten Morgen bestellt meine Mutter ein Taxi. Ich schreie w\u00e4hrend der Fahrt und im Treppenhaus vor der Arztpraxis. Ich wei\u00df, dass es Frauen gibt, die ihre Kinder allein im Urwald geb\u00e4ren. Eine Woche sp\u00e4ter gehe ich wieder in die Schule.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJust win me or lose me\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin neunzehn Jahre alt, meine \u00e4ltere Schwester ist nach Salzburg gezogen. Martin hat blaue Augen und blondes gewelltes Haar. Ich \u00f6ffne den Mund, als er mich k\u00fcsst. Martin ist aus gutem Haus und kennt sich aus. Ich erz\u00e4hle ihm von dem Kind, aber er wei\u00df, was er will. Nach dem Studium heiraten wir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWaiting for the miracle to come\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist Sonntagnachmittag, und wir spazieren den Rhein entlang. Martin spricht \u00fcber die Arbeit an seiner Dissertation. Ich denke an die Servietten, die ich noch b\u00fcgeln muss, und die Kurzgeschichte \u00fcber die toten Katzen, die ich gern schreiben w\u00fcrde. Wir setzen uns auf eine Bank. Martin erkl\u00e4rt mir, wer von seinen Verwandten in den Patrizierh\u00e4usern am gegen\u00fcberliegenden Ufer wohnt, und ich wei\u00df, dass ich das nicht ein Leben lang aushalten werde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAnd is this what you wanted, to live in a house that is haunted, by the ghost of you and me\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin neunundzwanzig Jahre alt, und wir haben ein Haus in Irland gekauft. Es hat keine Heizung, kein Bad, die Fenster sind zerbrochen, aber es liegt am Hang eines Tales, durch den ein Bach flie\u00dft. An einem Morgen im ersten Winter stehe ich am Ufer, als die Sonne aufgeht, und sehe den Tau in den Spinnweben zwischen den Schilfhalmen glitzern. Ich wei\u00df, dass ich so lange hierbleiben werde, wie ich kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGive me back the Berlin Wall\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sommer 1987 fahren wir zum ersten Mal nach Berlin. Die Grenzposten sehen so aus wie in Irland, nur dass die Soldaten ihre Gesichter nicht mit Tarnfarbe beschmiert haben. W\u00e4hrend Martin Zeitungsredaktionen besucht, fahre ich mit der U-Bahn in den Osten und kaufe g\u00fcnstige Buchausgaben von Goethe, Fontane, Heinrich Mann. Unter den Linden muss ich an das Lied von Hildegard Knef denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAnd no one knows why the wine is flowing\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben uns in dem Haus \u00fcber dem Tal eingerichtet und mehr Land gekauft, nun geh\u00f6rt uns auch der Bach. Ich habe meinen ersten Roman ver\u00f6ffentlicht und beschlossen, weiterzuschreiben anstatt Kinder zu haben. Martin ist erfolgreich als Journalist; wenn es n\u00f6tig ist, helfe ich ihm. Manchmal gehe ich gegen Abend an den Bach hinunter und schaue dem Wasser zu. In den kleinen Buchten am Ufer dreht es sich in Wirbeln. Das Tal ist ein Teil von mir, aber ich wei\u00df es noch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEverybody knows that the war is over\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 31. August 1994 gehe ich wie jeden Morgen mit den Hunden am Strand spazieren. Am Abend zuvor hat die IRA eine unbefristete Waffenruhe erkl\u00e4rt. Es wird noch vier Jahre dauern, bis das Karfreitagsabkommen unterzeichnet wird. Der Kormoran, der an diesem Morgen in der M\u00fcndung des Flusses sitzt, hat seine Fl\u00fcgel zum Trocknen ausgebreitet. Er sieht aus wie ein Wappentier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDance me to the end of love\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Montagabend fahren wir in die Stadt f\u00fcr die Tanzstunden. Es ist kalt in dem gro\u00dfen Saal, wir sind allein mit der Lehrerin, und sie muss uns die Schritte immer wieder zeigen. Martin wird w\u00fctend, wenn er Fehler macht. Wir wissen beide, dass wir den Tango niemals lernen werden. Ich w\u00fcrde gern Rumba tanzen k\u00f6nnen. Es hei\u00dft, Rumba sei der Tanz der Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eThat\u2019s how the light gets in\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich arbeite an meinem vierten Roman. Es ist der hermetischste, den ich je schreiben werde, und ich wei\u00df, dass ich am Ende eines Weges bin. F\u00fcr drei Monate lebe ich in Santa Monica. Die Jacarandas bl\u00fchen. Gegen Abend spaziere ich manchmal zum Meer hinunter, um den Sonnenuntergang zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIf you want a lover\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, als ich Dich wieder treffe. Ich wei\u00df sofort, dass ich Dich liebe. Du sagst, es ist genauso wie damals. Ich bin gl\u00fccklich, ich sehe es, als ich in den Spiegel schaue. Ich nehme mir vor, die zweite Chance nicht zu vertun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eThere ain\u2019t no cure\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unserer ersten Nacht klingelt Dein Telefon. Ein Notfall, Du musst ins Krankenhaus zur\u00fcck. Vom Fenster des dunklen Zimmers aus sehe ich, wie Du auf dem Hotelparkplatz ins Auto steigst und den Motor startest. Bevor Du losf\u00e4hrst, blendest Du den Schweinwerfer f\u00fcr einen Augenblick auf. Die Z\u00e4rtlichkeit des Lichts schn\u00fcrt mir die Kehle zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIt don\u2019t matter how you worship as long as you\u2019re down on your knees\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen uns heimlich, und oft muss ich auf Dich warten. Aber es ist besser, als nicht zu warten, und wenn Du da bist, ist es nicht mehr wichtig. Es f\u00e4llt mir leicht, ein Doppelleben zu f\u00fchren, und manchmal macht es auch Spa\u00df. Ich schreibe \u00fcber die Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eThe odds are there to beat\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem Abendessen nach einer Lesung in Dhaka liest mir mein Tischnachbar aus der Hand. \u201eThere was an accident in your life\u201c, sagt er. Ich wei\u00df, wovon er spricht. \u201eAnd there is another one to come.\u201c Die Gespr\u00e4che am Tisch verstummen. Als ich am Tag darauf in einer Maschine der Bangla Airlines nach Kalkutta zur\u00fcckfliege, \u00fcberlege ich, ob ein Flugzeugabsturz ein accident ist. Aber nat\u00fcrlich st\u00fcnde der nicht in meiner Hand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIf it be your will\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zehn Jahren erf\u00e4hrt Martin, dass ich ihn betr\u00fcge. Er sagt, er habe immer gewusst, dass ich eine L\u00fcgnerin sei. Der Scheidungstermin ist Ende Dezember. Die Verhandlung dauert nur ein paar Minuten, dann w\u00fcnscht die Richterin uns Gl\u00fcck. Ich sehe Martin in seinem Regenmantel die Stra\u00dfe hinuntergehen und denke, dass er Dir dankbar sein sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAnd thanks, for the trouble you took from her eyes, I thought it was there for good so I never tried\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gew\u00f6hne mich an das Alleinleben; an den Verlust des Tales werde ich mich nie gew\u00f6hnen. Ich richte mich in einem kleinen Haus auf einem H\u00fcgel ein, und jeden Morgen gehe ich mit dem Hund am Strand spazieren. Ich treffe Dich alle paar Wochen f\u00fcr zwei, drei N\u00e4chte, meist in einer fremden Stadt. Es ist nicht wichtig wo.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEverything depends upon, how near you sleep to me\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin dreiundsechzig Jahre alt, Leonard Cohen ist vor zwei Jahren gestorben, meine Schwester lebt immer noch in Salzburg. Ich dachte stets, dass ich lieber ein interessantes als ein gl\u00fcckliches Leben h\u00e4tte; es ist so schwer, \u00fcber Gl\u00fcck zu schreiben. Heute scheint mir, dass wir unsere M\u00f6glichkeiten, \u00fcber unser Leben zu entscheiden, ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzen. Das meiste passiert einfach \u2013 Liebe, Tod \u2013 und wir wissen nicht warum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eThe story\u2019s told, with facts and lies.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 G. Alioth 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBut you don\u2019t really care for music, &nbsp; do you?\u201c &nbsp; Szenen zu Leonard Cohen &nbsp; Gabrielle Alioth, Thunderhill, Termonfeckin, Irland &nbsp; \u201eIt\u2019s time that we began to laugh and cry and cry and laugh\u201c Ich bin dreizehn Jahre alt, meine \u00e4ltere Schwester liest Salut les Copains und h\u00f6rt Jacques Brel. 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