{"id":7170,"date":"2020-12-23T13:07:31","date_gmt":"2020-12-23T18:07:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7170"},"modified":"2020-12-23T13:10:35","modified_gmt":"2020-12-23T18:10:35","slug":"v-buchbesprechungen-harald-jahners-wolfszeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/home-2\/glossen-46-2020-current-issue\/v-buchbesprechungen-harald-jahners-wolfszeit\/","title":{"rendered":"V. Buchbesprechungen: Harald J\u00e4hners Wolfszeit"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Harald J\u00e4hners <em>Wolfszeit.<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Deutschland und die Deutschen<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>1945 -1955<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>aus deutsch-amerikanischer<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Perspektive<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschheitsgeschichte ist reich an Beispielen vom Aufstieg und Verfall ihrer Kulturen, doch keine Nation ist in so kurzer Zeit zur Hochkultur aufgestiegen und umgekehrt abgrundtief in die Barbarei gest\u00fcrzt wie Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert. Und in der besten Tradition hat sich das Land der ber\u00fchmten \u201eDichter und Denker\u201c auch noch auf diesen Absturz in das Land der ber\u00fcchtigten \u201eRichter und Henker\u201c einen perfekten Reim gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus deutsch-amerikanischer Perspektive lie\u00dfe sich dieser sprichw\u00f6rtlich gewordene Blickwinkel auch noch entsprechend erweitern. So wie die \u201eStunde Null\u201c zum g\u00e4ngigen Schlagwort f\u00fcr das in Grund und Boden zerbombte Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges werden sollte, so sollte \u00fcber ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter \u201eGround Zero\u201c zur allgemeinen Redewendung f\u00fcr das vollkommen zerst\u00f6rte World Trade Center in Downtown Manhattan werden. Zwischen diesen beiden figurativen Nullpunkten spannt sich eine transatlantische Br\u00fccke vielfacher deutsch-amerikanischer Beziehungen, die sicherlich in der sagenhaften Luftbr\u00fccke mit ihren fabelhaften Rosinenbombern ihren sinnbildlichen H\u00f6hepunkt findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das im Jahr 1997 von den drei deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftlern Christine Cosentino, Wolfgang Ertl und Wolfgang M\u00fcller gegr\u00fcndete Online Journal <em>Glossen<\/em> ist gewisserma\u00dfen das zeitgeschichtliche Spiegelbild dieser transatlantischen Korrespondenz. Explizit als Publikations- und Kommunikationsorgan f\u00fcr deutsche Literatur und deutsch-amerikanische Kulturgeschichte nach 1945 konzipiert, profilierte sich das Journal in den letzten Jahrzehnten zu einem einzigartigen, akademisch-journalistischen Reflexionsmedium, das auch prominente Literaten, renommierte Literaturwissenschaftler und repr\u00e4sentative Vertreter des \u00f6ffentlichen Lebens miteinschloss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Anbetracht der spezifischen Forschungs- und Erkenntnisinteressen dieses Online Journals verspricht Harald J\u00e4hners 475-seitige Nachkriegschronik, die 2019 im Berliner Rowohlt-Verlag erschienen ist, nicht nur als ein deutsches Geschichtsbuch, sondern dar\u00fcber hinaus auch als eine kongeniale Textsammlung deutsch-amerikanischer Beziehungsgeschichten weitere Dienste leisten zu k\u00f6nnen. Der Autor ist von Haus aus Journalist, der jahrelang als freier Mitarbeiter im Literaturressort der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em> sowie als Feuilletonchef der <em>Berliner Zeitung<\/em> t\u00e4tig war und seit 2011 als Honorarprofessor f\u00fcr Kulturjournalismus an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste in Berlin forscht und lehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits ein fl\u00fcchtiger \u00dcberblick \u00fcber die zehn Kapitel dieses Bandes, die jeweils wiederum in mehrere Unterkapitel aufgeteilt sind, gibt einen guten Eindruck von der Vielschichtigkeit und Mannigfaltigkeit dieser Studie. Da die vorliegende Besprechung dieser thematischen Komplexit\u00e4t unm\u00f6glich gerecht werden kann, sollen an dieser Stelle zumindest die einzelnen Kapitel samt ihren Unterkapiteln aufgef\u00fchrt werden, um ein etwas vollst\u00e4ndigeres Bild von ihrer Vielfalt und ihrer Art und Weise der Darstellung zu vermitteln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Erstes Kapitel: Stunde Null? So viel Anfang war nie. So viel Ende auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Zweites Kapitel: In Tr\u00fcmmern. Wer soll das je wieder aufr\u00e4umen? Strategien der Enttr\u00fcmmerung. Ruinensch\u00f6nheit und Tr\u00fcmmertourismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Drittes Kapitel: Das gro\u00dfe Wandern. Befreite Zwangsarbeiter und herumirrende H\u00e4ftlinge \u2013 heimatlos f\u00fcr immer. Die Vertriebenen und die schockierende Begegnung der Deutschen mit sich selbst. Unterwegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Viertes Kapitel: Tanzwut. \u201eHeile, heile, G\u00e4nsje, mein arm\u02bc zertr\u00fcmmert\u02bc Mainz\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">F\u00fcnftes Kapitel: Liebe 47. Heimkehr der ausgebrannten M\u00e4nner. Constanze schlendert durch die Welt. \u201eGierig nach Leben, durstig nach Liebe\u201c. Frauen\u00fcberschuss \u2013 ihre Minderzahl rettet den M\u00e4nnern die Vormachtstellung. Freiwild im Osten, Veronika Dankesch\u00f6n im Westen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Sechstes Kapitel: Rauben, Rationieren, Schwarzhandeln \u2013 Lektionen f\u00fcr die Marktwirtschaft. Erste Umverteilungen \u2013 B\u00fcrger lernen Pl\u00fcndern. Die Logik der Lebensmittelkarten. Ein Volk von Mundr\u00e4ubern \u2013 Eigeninitiative und Kriminalit\u00e4t. Der Schwarzmarkt als Staatsb\u00fcrgerschule.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Siebtes Kapitel: Die Generation K\u00e4fer stellt sich auf. W\u00e4hrungsreform, die zweite Stunde Null. Wolfsburg, die Menschenplantage. Start-up \u2013 Beate Uhse entdeckt beim Hausieren ihr Gesch\u00e4ftsmodell. Versinkt Deutschland im Schmutz? Die Angst vor der Verwahrlosung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Achtes Kapitel: Die Umerzieher. Drei Schriftsteller und Kulturoffiziere arbeiten f\u00fcr die Alliierten am deutschen Geist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Neuntes Kapitel: Der Kalte Krieg der Kunst und das Design der Demokratie. Kulturhunger. Wie die abstrakte Kunst die soziale Marktwirtschaft ausstattete. Wie der Nierentisch das Denken ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Zehntes Kapitel: Der Klang der Verdr\u00e4ngung. Verschweigen, reden, lustlos zusammenr\u00fccken. Ein Wunder, dass das gut gegangen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Nachwort: Das Gl\u00fcck<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zahlreichen Untertitel fungieren immer wieder als Schlaglichter, die nicht nur mehr Licht ins Dunkel dieser Ruinenwelt werfen, sondern zudem auch noch weitere Assoziationen und Implikationen illuminieren, die vom rein Faktischen \u00fcbers Poetisch-\u00c4sthetische bis zum Ironisch-Tragischen reichen. Was das rein Faktische betrifft, so l\u00e4sst der Verfasser immer wieder Zahlen f\u00fcr sich sprechen. Um hier nur einige der bezeichnendsten Statistiken aufzulisten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So arbeiteten allein im Jahre 1943 im Volkswagenwerk 10.000 ausl\u00e4ndische Zwangsarbeiter bis zur Ersch\u00f6pfung am sogenannten Kraft-durch-Freude-Wagen des Dritten Reiches. (266)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den ersten Hungermonaten nach Kriegsende war die allt\u00e4gliche Kalorienration der Deutschen auf 800 Kalorien gesunken. (217) Im Zuge der W\u00e4hrungsreform flogen die Amerikaner die in den USA gedruckten Banknoten der neuen DM in insgesamt 12.000 Holzkisten ein, die allesamt mit dem Decknamen \u201eDoorknobs\u201c gekennzeichnet waren. Diese kostbare Fracht wog insgesamt 500 Tonnen und war in der Tat der T\u00fcr\u00f6ffner, der zauberhafte Sesam-\u00d6ffne-Dich zum Startkapital f\u00fcr das kommende Wirtschaftswunder der Bundesrepublik. (256)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits zwei Jahre nach Kriegsende verkaufte Beate Uhse insgesamt 32.000 Exemplare ihrer ersten Aufkl\u00e4rungsbrosch\u00fcre. Im Laufe ihres Lebens sollte sie sich jedoch auch rund 2.000 Strafverfahren einhandeln, die vor allem von reaktion\u00e4ren Dunkelm\u00e4nnern und konservativen Widersachern der geschlechtlichen Aufkl\u00e4rung und weiblichen Selbstbestimmung angestrengt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von 1945-1988 zogen rund 170.000 deutsche Br\u00e4ute mit ihren amerikanischen Freiern in die Neue Welt \u2013 auch das eine Art Luftbr\u00fccke ins verhei\u00dfungsvolle Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten \u2013 w\u00e4hrend umgekehrt in der Alten Welt allein in der jungen Bundesrepublik 6 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder wieder in die sozialpolitische Realit\u00e4t Deutschlands zu re-integrieren waren. (398)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Anbetracht des geschichtlichen Hintergrunds gibt sich diese omin\u00f6se Sechs-Millionen-Zahl unterm Strich auch als das makabre Plus-Minus in der sogenannten \u201eEndl\u00f6sung\u201c des deutschen Faschismus zu erkennen, denn sie ist in der Tat jene heimlich-unheimliche Zahl, die ihre Opfer und T\u00e4ter gemeinsam haben. Die sogenannte Vergangenheitsbew\u00e4ltigung als nationalmoralische Bankrotterkl\u00e4rung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die gr\u00f6\u00dfte Anzahl von Menschen, die im Schatten der weit \u00fcber 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs \u00fcberlebt haben, jedoch verfolgt, verschleppt und vertrieben wurden, sind die 8-10 Millionen ausl\u00e4ndischen Zwangsarbeiter, die nach dem Krieg in ihre Heimat zur\u00fcckzubringen waren, sowie die \u00fcber 12 Millionen deutschst\u00e4mmigen Fl\u00fcchtlinge und Heimatvertriebenen aus Mittel- und Osteuropa, die in den Ruinen ihrer deutschen Urheimat, aus der sie vor Jahrhunderten ausgewandert waren, eine neue Bleibe zu finden hofften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weit \u00fcber das Objektiv-Demographische, Statistische hinaus versteht es der Autor auch immer wieder das Subjektiv-Atmosph\u00e4rische jener Umbruchszeit durch pr\u00e4gnante Zitate und evokative Passagen dramaturgisch zu inszenieren. Dies soll im Folgenden an vier exemplarischen Beispielen noch etwas genauer illustriert und interpretiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim ersten Beispiel handelt es sich um einen Text von Wolfgang Borchert aus dem Jahre 1947 mit dem Titel \u201eDas ist unser Manifest\u201c, in dem der bald darauf verstorbene Autor die neue Musik seiner Generation beschreibt, unter anderem den Swing und Boogie-Woogie, der seit der Ankunft der amerikanischen Soldaten mit Begeisterung in deutschen Tanzschuppen gespielt und getanzt wurde. Borchert kommt zu dem euphorischen Schluss:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">[D]iese Musik ist der Jazz. Denn unser Herz und unser Hirn haben denselben hei\u00dfkalten Rhythmus: den erregten, verr\u00fcckten und hektischen, den hemmungslosen. Und unsere M\u00e4dchen, die haben denselben hitzigen Puls in den H\u00e4nden und H\u00fcften. Und ihr Lachen ist heiser und br\u00fcchig und klarinettenhart. Und ihr Haar, das knistert wie Phosphor. Das brennt. Und ihr Herz, das geht in Synkopen, wehm\u00fctig wild. Sentimental. So sind unsere M\u00e4dchen: wie Jazz. (127)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings war der betr\u00e4chtliche Mangel an jungen, m\u00e4nnlichen Tanzpartnern, die im Krieg gefallen waren, wie der g\u00e4ngige Euphemismus lautete, ein wesentliches Handicap im ausgelassenen Paarungstanz der jungen, lebens- und liebeshungrigen Generation. \u201eSechs Frauen auf einen Mann\u201c (177), so lautete ein im Tr\u00fcmmerfilm <em>Berliner Balladen<\/em> aus dem Jahr 1947 oft wiederholtes Leidmotiv junger Frauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der beginnende Wiederaufbau der St\u00e4dte Anfang der f\u00fcnfziger Jahre war von einer landesweiten Heiratswelle begleitet, bei der freilich viele jungen Frauen nur das Nachsehen hatten: \u201eWer nun allein war, drohte es f\u00fcr immer zu bleiben\u201c (179) lautet J\u00e4hners R\u00e9sum\u00e9 unz\u00e4hliger Frauenschicksale, das in seinem elegischen Grundton und Wortklang sehr an Rilkes Gedicht \u201eHerbsttag\u201c erinnert, das mit den Zeilen anhebt: \u201eWer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim dritten Textbeispiel handelt es sich um Argumente aus der am Anfang der f\u00fcnfziger Jahre ausbrechenden Diskussion um die angeblich wachsende Welle von \u201eSchmutz und Schund\u201c (298), die Zeitzeugen zufolge \u00fcber die junge Bundesrepublik hereinzubrechen drohe. Inzwischen hatten sich unter die nationalkonservativen Moralh\u00fcter auch wieder so manche, allzu rasch rehabilitierte Parteig\u00e4nger des Nationalsozialismus gemischt und gemeinsam bef\u00fcrchteten sie die zunehmende amerikanische Verwestlichung und kulturelle Verwilderung ihrer deutschen Jugend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem Comic Strips, die in den \u201eBeutetaschen des weiblichen Gefolges\u201c (296) der US-Invasoren Deutschland unterwandern w\u00fcrden, erschienen ihnen besonders jugendgef\u00e4hrdend, drohten sie doch zur schleichenden \u201eSeelenvergiftung\u201c, sowie zum \u201eBildidiotismus\u201c und \u201ewoll\u00fcstigem Analphabetentum\u201c (295) zu f\u00fchren. Es ist schon h\u00f6chst komisch-ironisch, wie sich ausgerechnet abgebr\u00fchte Frontk\u00e4mpfer und hartgesottene Alt-Nazis wenige Jahre nach Kriegsende allein schon von Fix und Foxi \u2013 von Micky Maus und Donald Duck hier einmal ganz zu schweigen \u2013 angeblich psychisch und moralisch so fix und fertig machen lassen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um solch seelischer Zerr\u00fcttung und sittlicher Verderbnis rechtzeitig Einhalt zu gebieten, filzten jedenfalls Lehrer damals regelm\u00e4\u00dfig die Schulranzen ihrer Schulkinder, und wenn sich gen\u00fcgend Exemplare dieser subversiven Kontrabande, sprich \u201eVolksseuche\u201c und \u201eKulturschande\u201c (298) angesammelt hatten, wurden sie \u00f6ffentlich auf dem Schulhof verbrannt. (296)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit war allerdings die bef\u00fcrchtete Gefahr des nationalen und kulturellen Zerfalls noch lange nicht gebannt. So zeigt zum Beispiel eine eindringliche Erbauungsschrift f\u00fcr Halbw\u00fcchsige unter dem Titel \u201eUnzucht zerst\u00f6rt\u201c einen nackten, verzweifelt mit sich selbst ringenden Riesen im Stil von Goyas Grotesken und das p\u00e4dagogische Pamphlet beschw\u00f6rt geradezu sto\u00dfgebetartig seine jungen Leser: \u201eUnzucht behindert. H\u00e4lt auf. Zerbricht. Nimmt alle Freude.\u201c Und der Warnruf steigert sich schnell zu regelrechten Horrorvisionen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du wei\u00dft von jungen Menschen rings um dich, die W\u00fcste geworden sind im Brand der Unzucht, der Gier, der Wollust. [\u2026] Und endlich sp\u00fcrst Du ganz deutlich, dass auch in Dir selbst die Steppe zunimmt, die Bakterien der allgemeinen Pest zu wirken beginnen. [\u2026] Wisse: Auf jeden Rausch folgt ein bitteres Erwachen \u2013 Was dann? Heulen mit den W\u00f6lfen? [\u2026] Eines Tages werden sie Dich zerrei\u00dfen. (437f)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind derartig d\u00fcstere Seher nicht viel mehr selbst verzweifelte Rufer in ihrer eigenen inneren W\u00fcste? Selbst traumatisiert von ihrem einstigen Sturm und Drang nach Osten und zutiefst demoralisiert vom eigenen Blutrausch des V\u00f6lkermordens im fernen Steppenland wilder W\u00f6lfe? Geht hier nicht vielmehr das schlimme Wissen und schlechte Gewissen ehemaliger Frontsoldaten, die allzu viel Schreckliches gesehen und begangen hatten, mit dem H\u00f6llenjammer von Feuer- und Schwefelpredigern mittelalterlicher Schule eine gar unselige, scheinheilig-unheilige Allianz ein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer in jenen Gr\u00fcnderjahren der Bundesrepublik nicht nur als Schulbub die Schulbank dr\u00fcckte, sondern auch noch als Beichtkind im Beichtstuhl kniete \u2013 wie zum Beispiel der Autor dieser Buchbesprechung \u2013, dem klingen jedenfalls derart finstere Warnungen vor solch w\u00fcsten S\u00fcndenpfuhlen aus Schmutz und Schund noch heute in den Ohren. Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter sollten sich freilich die Unkenrufe solch zwielichtiger Nacht- und Tugendw\u00e4chter tats\u00e4chlich als \u201eself-fullfilling prophecies\u201c erweisen, sieht man die heraufziehende sexuelle Revolution der 68er Generation durch ihre weit aufgerissenen Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim letzten Textbeispiel aus J\u00e4hners <em>Wolfszeit<\/em> handelt es sich um einen Briefwechsel Theodor W. Adornos. In einem Brief an Thomas Mann berichtet er vom lebhaften Gedankenaustausch seiner Frankfurter Studenten, der ihn an eine alte Talmudschule erinnert, und er sinniert: \u201eManchmal ist mir zumute, als w\u00e4ren die Geister der ermordeten Juden in die deutschen Intellektuellen gefahren.\u201c (445)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Leo L\u00f6wenthal wiederholt Adorno kurz darauf seine Beobachtung und er kommt angesichts derartiger Geisterstunden und begeisterter Diskussionsrunden zu dem Schluss, das Ganze sei: \u201eLeise unheimlich. Aber eben darum, im echten Freudischen Sinn, auch wiederum unendlich anheimelnd.\u201c (445) Freuds Theorie vom Heimlich-Unheimlichen, hier kehrt sie in der Praxis heimlich, still und leise wieder als die Freud\u2019sche \u201eWiederkehr des Verdr\u00e4ngten\u201c, die bald im ganzen Land Schule machen und Betroffenheit ausl\u00f6sen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits amerikanische Berichterstatter hatten bald nach Kriegsende in Anbetracht der N\u00fcrnberger Prozesse nicht nur von einem modernen \u201eWelttheater\u201c, sondern auch von einem mittelalterlichen <em>morality play<\/em> gesprochen. Entsprechend sollte in Frankfurt die Freud\u2019sche Wiederkehr des Verdr\u00e4ngten nicht nur Adornos individuelles Bewusstsein, sondern wenige Jahre sp\u00e4ter mit dem Beginn der Frankfurter Auschwitz-Prozesse in der Gestalt des Holocaust auch das kollektive Bewusstsein Deutschlands mehr und mehr heimsuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHomo homini lupus est\u201c (225), der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Diese uralte Menschenkenntnis bewahrheitet sich vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten, wenn es ums \u00dcberleben der St\u00e4rksten geht. Diese sozialdarwinistische Maxime zieht sich denn auch wie ein unterschwelliges Leitmotiv durch J\u00e4hners <em>Wolfszeit<\/em> und hat seinem Erz\u00e4hlwerk auch seinen so bezeichnenden Titel gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vorstellung von der Vertierung des Menschen hat im vorliegenden geschichtlichen Zusammenhang seinen ausgesprochenen Ursprung in der Propagandarhetorik des Nationalsozialismus, der zufolge jeder deutsche Soldat einer \u201eblonden Bestie\u201c gleich \u00fcber die L\u00e4nder und V\u00f6lker Europas herfallen wird. Diese fortschreitende Vertierung und findet schlie\u00dflich ihren j\u00e4mmerlichen H\u00f6hepunkt in den Werwolf-Aktionen heulender Halbw\u00fcchsiger und altersschwacher Gro\u00dfv\u00e4ter, die zur letzten verzweifelten Verteidigung Deutschlands zusammengetrommelt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hatte etwa Joseph Goebbels noch zwei Monate vor Kriegsende verk\u00fcndet, dass f\u00fcr den deutschen Werwolf jeder alliierte Soldat Freiwild sei: \u201eHass ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei. Der Werwolf h\u00e4lt selbst Gericht und entscheidet \u00fcber Leben und Tod.\u201c (374) In anderen Worten, das verhetzte, menschliche Raubtier als blindw\u00fctiger Richter und rachs\u00fcchtiger Henker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso \u00fcberraschter waren die Alliierten, als sie schlie\u00dflich deutschen Boden betraten und das besiegte Land zu besetzen begannen: \u201eStatt wilder Bestien standen winkende Leute am Stra\u00dfenrand und fra\u00dfen den Besatzern Schokolade aus der Hand.\u201c (375) Also anstatt weiterer b\u00f6sartiger \u00dcberraschungen vielmehr allerorten erstaunter \u201ecomic relief\u201c. So zumindest in der ironischen Retrospektive des zur\u00fcckblickenden Autors.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch damit war die wilde Wolfszeit mit all ihren tats\u00e4chlichen Schrecken noch lange nicht zu Ende. Nach der Eroberung der deutschen Hauptstadt durch die russische Armee brach eine \u201eVergewaltigungswelle ohnegleichen\u201c (185) \u00fcber die Frauen Berlins herein. Marta Hillers, die Autorin der urspr\u00fcnglich anonym ver\u00f6ffentlichten Erinnerungen <em>Eine Frau in<\/em> <em>Berlin<\/em>, die im Jahr 2003 zu einem internationalen Bestseller wurden, beschreibt darin, wie sie in jener Zeit, in der nun <em>vice versa<\/em> jede deutsche Frau zum Freiwild der Eroberer geworden war, ein Verh\u00e4ltnis mit einem hochrangigen russischen Offizier einging, nur, um in ihm einen Besch\u00fctzer zu haben, \u201eeinen Wolf, der mir die W\u00f6lfe vom Leib h\u00e4lt.\u201c (185)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Verrohung des Menschen zum mehr oder weniger bedrohlichen Raubtier setzte sich unmittelbar nach Kriegsende auf allen sozialen Ebenen fort, wo Menschen versuchten, sich im t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf mehr schlecht als recht durchzuschlagen. J\u00e4hner bringt diese animalische Hackordnung einer hungrigen Nachkriegsgesellschaft auf den anschaulichen Nenner:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Kartoffeln aus dem Acker klaubte, hamsterte; wer sie den Hamstern wieder entriss, war eine Hy\u00e4ne. Und zwischen beiden wanderte der Wolf, \u00fcber dessen Sozialstatus man sich nicht sicher sein konnte, war doch der \u201aeinsame Wolf\u2018 genauso ber\u00fcchtigt wie das ganze Rudel. (235)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nomen est omen: Vom allt\u00e4glichen Mundraub zum jahrelangen Raubbau. Im Dritten Reich fand die menschliche Wolfsnatur ihre geradezu symbolische Emblematisierung in Wolfsburg. Hier im expandierenden Volkswagenwerk erfuhr die r\u00fccksichtslose Ausbeutung der Zwangsarbeiter und ihrer menschlichen Arbeitskraft ihre unmenschliche Realisierung und industrielle Rationalisierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Krieg sollte wiederum das ber\u00fcchtigte Wolfsburg des Dritten Reiches zum ber\u00fchmten Musterbetrieb der deutschen Automobilindustrie mutieren. Wolfsburg wurde \u2013 um J\u00e4hners Wolfs-Metapher noch etwas weiter zu spinnen \u2013 im gewissen Sinne zur sinnbildlichen N\u00e4hrmutter einer arbeitshungrigen Bundesrepublik, geradeso wie es einst bei der Gr\u00fcndung Roms und des R\u00f6mischen Reiches die sagenhafte W\u00f6lfin f\u00fcr Romulus und Remus geworden war. Freilich konnte damals im geteilten Deutschland nur der westliche Bruder von dieser Quelle des wachsenden Wohlstands profitierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein letztes un\u00fcberh\u00f6rbares Echo auf das Wolfsgeheul jener Umbruchszeit stellt sicherlich Hans Magnus Enzensbergers erster Gedichtband <em>Verteidigung der W\u00f6lfe <\/em>aus dem Jahre 1957 dar, ihn schlagartig als \u201eangry young man\u201c Westdeutschlands und f\u00fchrende Stimme einer jungen Generation von engagierten Dichtern und rebellisch-provokativen Denkern bekannt machen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLook Back in Anger\u201c, lautete John Osbornes 1956 erschienenes Theaterst\u00fcck und entsprechend ist auch Enzensbergers Gedichtband eine zornige Abrechnung mit der \u00e4lteren Generation, der er in dem titelgebenden Gedicht \u201eVerteidigung der W\u00f6lfe gegen die L\u00e4mmer\u201c vorwirft, sich als opferf\u00fchlende L\u00e4mmer aufzuf\u00fchren, die im Dritten Reich das Denken und Handeln den W\u00f6lfen \u00fcberlassen h\u00e4tten. Vielen von uns westdeutschen 68ern hatte er damals in unserem Unmut gegen unsere Eltern, beziehungsweise ihre b\u00fcrgerliche Ordnung, die uns ihre schreckliche Geschichte vermacht hatte, mit seinen ironisch-sarkastischen Versen aus Herz und Seele gesprochen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr L\u00e4mmer, Schwestern sind, mit euch verglichen, die Kr\u00e4hen;<br \/>\nihr blendet einer den andern.<br \/>\nBr\u00fcderlichkeit herrscht unter den W\u00f6lfen:<br \/>\nsie gehen in Rudeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[\u2026]\n<p style=\"text-align: justify;\">Winselnd noch<br \/>\nl\u00fcgt ihr. Zerrissen<br \/>\nwollt ihr werden, Ihr<br \/>\n\u00e4ndert die Welt nicht. (433)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein letzter Blick zur\u00fcck im Zorn: Werden hier nicht alle angeblichen \u201eL\u00e4mmer\u201c aus jener so w\u00f6lfischen Schreckenszeit, egal ob Jud oder Christ, ob furchtsamer Opponent oder schamloser Opportunist, \u00fcber ein und denselben Kamm geschoren und allesamt der winselnden Verlogenheit bezichtigt? Zudem hatten aufgebrachte Poeten in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik weitaus leichter reden als verschreckte B\u00fcrger einer heimt\u00fcckischen Gewaltherrschaft, die nicht nur ihre politischen Gegner gnadenlos bestrafte, sondern zudem auch noch ihre Familienangeh\u00f6rigen mit Sippenhaft bedrohte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Test the West? Remember the East! Die deutschen Br\u00fcder und Schwestern in Ostdeutschland mussten erst wenige Jahre vor Enzensberger gro\u00dfspurigen <em>Verteidigung der W\u00f6lfe<\/em> ihren ersten Aufstand in Ostberlin mit blutigen Opfern bezahlen, und wenige Jahre danach sollte ihnen allein schon der heimliche Privatbesitz einer einzigen Rolling-Stones-Platte monatelangen Stasiknast einbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte hier nicht der \u201earme B.B.\u201c, der gro\u00dfe B\u00e4nkels\u00e4nger der Weimarer Republik, die schlichte Wahrheit eher auf seiner Seite als der \u201ejunge, zornige Mann\u201c mit seiner gro\u00dfen Klappe? W\u00e4hrend Enzensbergers Bundesb\u00fcrger zu jener Zeit bereits allesamt wohlgen\u00e4hrt auf ihrer sogenannten \u201eFresswelle\u201c ritten \u2013 ein Bild f\u00fcr George Grosz und andere Sp\u00f6tter \u2013, steuerten umgekehrt Weimars Republikaner vielmehr der gro\u00dfen Wolfs- und Hungerszeit des Dritten Reiches entgegen, die es erst einmal mehr zu \u00fcberleben galt ganz nach der popul\u00e4ren Parole der <em>Dreigroschenoper<\/em>: \u201eZuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Food for thought! Wolf hin und Mensch her, in diesem historischen Kontext entpuppt sich <em>mutatis mutandis<\/em> Hermann Hesses Steppenwolf aus dem gleichnamigen Roman sicherlich noch als das beste Vorbild. Genau betrachtet, ist er das ideale Wappentier des amerikanischen <em>rugged<\/em> <em>individualism,<\/em> dessen Vorstellungswelt dem \u201eAmerican Dream\u201c von Anfang an zu Grunde liegt und die jedem amerikanischen B\u00fcrger die bestm\u00f6gliche Selbstverwirklichung im Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten in Aussicht stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Test the Far West! Der Deutsch-Kanadier John Kay, alias Joachim Fritz Kauledat, sollte wenige Jahre nach Enzensbergers <em>Verteidigung der W\u00f6lfe<\/em> mit seiner frei nach Hesses Romanhelden benannten Rockband Steppenwolf und ihrem Mega-Hit \u201eBorn To Be Wild\u201c (1968) die gro\u00dfe internationale Heavy-Metal-Hymne auf dieses Ideal der grenzenlosen Freiheit und Selbstentfaltung anstimmen. Als <em>sound track<\/em> des Kultfilms <em>Easy Rider<\/em> sollte sie bald weltweit eine wanderlustige Jugendgeneration in ihrem unb\u00e4ndigen Freiheitsdrang weiter begeistern und befl\u00fcgeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWind of Change\u201c lautet der Song der deutschen Rockband Scorpions, der eine Generation sp\u00e4ter erneut den Rausch der Freiheit angesichts des Berliner Mauerfalls einfangen und zu einem internationalen Blockbuster rund um die Welt werden sollte. Nicht zuf\u00e4llig sind die letzten zwei Nummern von <em>Glossen <\/em>unter diesem Titel dem Thema der Musik und seinem transatlantischen, deutsch-amerikanischen Kulturaustausch seit 1945 gewidmet. In keinem anderen kreativen Genre und modernen Kommunikationsmedium kommt dieser wechselseitige Transfer besser zum Ausdruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder wie J\u00e4hner den magischen Moment der Musik in dem bereits zitierten Manifest von Wolfgang Borchert so zutreffend paraphrasiert und charakterisiert:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rhythmus des Textes selbst ist reinster Jazz. Es ist eine swingende Anrufung des Seins. Ein leises Gellen, in dem der Krieg noch nachhallt, w\u00e4hrend er von der Klarinette schon sublimiert wird. \u00dcberall ist der Krieg noch gegenw\u00e4rtig, selbst im Haar der Frauen, das knistert wie Phosphor. (128)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUt pictura poesis\u201c: Wie ein Bild sei das Gedicht. Dieser Horaz\u2019schen Maxime folgend komplementiert der Autor seine epische <em>tour de force<\/em> durch diese so abenteuerlich katastrophale Nachkriegszeit mit einer Reihe evokativ-symbolischer Fotografien. Allein schon das Frontispiz dieses Bandes ist ein \u00fcberaus sprechendes Abbild jener so chaotischen Epoche, in dem sich der Zeitgeist mit seiner zeitgeschichtlichen Wirklichkeit kreativ-kongenial veranschaulicht und versinnbildlicht findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelt sich um eine Luftaufnahme von dem fast vollst\u00e4ndig zerbombten K\u00f6ln, einer der \u00e4ltesten Kulturst\u00e4dte der deutschen Geschichte. Hoch \u00fcber den Ruinen der Stadt ist ein Drahtseil gespannt, auf dem eine junge Seilt\u00e4nzerin \u00fcber die ausgebrannten H\u00e4userskelette balanciert. Spektakul\u00e4rer und nicht zuletzt ironisch-ikonischer l\u00e4sst sich wohl Deutschlands geschichtliches Verh\u00e4ngnis zwischen Abgrund und Hochkultur, die prek\u00e4re H\u00e4ngepartie einer ganzen Gesellschaft sowie ihr mutig-\u00fcberm\u00fctiges \u00dcberleben irgendwo dazwischen kaum darstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus verk\u00f6rpert der akrobatische \u00dcbermut dieser Seilt\u00e4nzerin in gewisser Weise auch den demographischen \u201eFrauen\u00fcberschuss\u201c im Deutschland jener Nachkriegszeit. Das ganze Land erschien damals so manchem deutschen Heimkehrer und amerikanischen Besatzer fest \u201ein Frauenhand\u201c. (170) Doch obwohl Frauen offensichtlich die Oberhand hatten, mussten sie, wollten sie auch noch die Herzen junger M\u00e4nner erobern, mit weiteren, imposanten K\u00fcnsten Eindruck machen, egal ob auf festem Tanzboden mit swingenden H\u00fcften oder hoch droben jonglierend in atemberaubenden L\u00fcften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nicht zuletzt spannt diese waghalsige Seilt\u00e4nzerin, halb deutsche \u201eTr\u00fcmmerfrau\u201c, halb amerikanisches \u201eWunderfr\u00e4ulein\u201c, rein bildlich gesprochen ihren so todesmutigen Spannungsbogen genau \u00fcber jenen abgr\u00fcndigen Augenblick, den Margret Boveri in ihren Tagebuch-Aufzeichnungen aus dieser Zeit so bezeichnend als \u201eungeheure Erh\u00f6hung des Lebensgef\u00fchls durch die dauernde N\u00e4he des Todes\u201c (170) beschrieben hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden Fotos sind denn auch wie weitere Detail-Illustrationen dieses symbolischen Panoramas. Unter den Bildern dieser Nationalgalerie finden sich Schnappsch\u00fcsse von Frauen auf Bergen von Tr\u00fcmmern, Aufnahmen von Kriegsgefangenen und Heimatvertriebenen, von Tanzbegeisterten und Karnevalfeiernden in einer Welt aus Schutt und Asche, von Schwarzmarktszenen und Lebensstil-Illustrierten, die neue Moden, moderne M\u00f6bel und bunte Bilder der abstrakten Malerei zum Besten geben. Den passenden Abschluss dieser Bilderstrecke bilden Portraits repr\u00e4sentativer Remigranten wie Hans Habe, Alfred D\u00f6blin und Rudolf Herrnstadt, allesamt h\u00f6chst motivierte und auch ideologisch inspirierte \u201eUmerzieher\u201c, die zur\u00fcckgekehrt waren in der Zuversicht, Deutschland aus seinem Abgrund zumindest ein St\u00fcck weit wieder auf die vielberufene H\u00f6he seiner einstigen Hochkultur zur\u00fcckf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Es sollte bekanntlich eine m\u00fchselige R\u00fcckkehr und ein langwieriger Aufstieg werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingehende Anmerkungen, ein ausf\u00fchrliches Namensregister sowie ein umfassendes Quellenverzeichnis von rund 200 Titeln aus allen denkbaren Fachbereichen und Forschungsrichtungen beschlie\u00dfen diesen Band und machen ihn zu einem gut recherchierten, eloquent geschriebenen und aufschlussreich bebilderten Erz\u00e4hlwerk, das \u00fcber die Nachkriegszeit Deutschlands vom \u201eground zero\u201c bis zu den ersten \u201estart-ups\u201c so lehrreich wie unterhaltsam Auskunft zu geben vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Moral von diesem modernen, deutschen Welttheater? \u201eAmerika, du hast es besser\u201c! So meinte schon Goethe. Anders gewendet, J\u00e4hners <em>Wolfszeit<\/em> hat Goethes Weltanschauung rund zweihundert Jahre sp\u00e4ter noch einmal \u00fcberzeugend vor Augen gef\u00fchrt und best\u00e4tigt. Das restlos am Boden zerst\u00f6rte Deutschland in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts h\u00e4tte damals in Amerika letztendlich keinen besseren und vor allem hilfreicheren \u201eGro\u00dfen Bruder\u201c finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Summa summarum, J\u00e4hners <em>Wolfszeit<\/em> ist ein popul\u00e4rwissenschaftliches Gesamtkunstwerk im besten Sinne des Wortes, das \u00fcber jene Umbruchszeit nicht nur allgemeinverst\u00e4ndlich informiert und sie auch entsprechend anschaulich illustriert, sondern auch den Zeitgeist jener Jahre vielschichtig durch eine Reihe moderner Medien heraufbeschw\u00f6rt und dergestalt auch immer wieder weitere Gedankenanst\u00f6\u00dfe zu geben vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne m\u00f6chte man J\u00e4hners Geschichtsbuch sowohl in der Alten Welt wie auch in der Neuen Welt eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Leserschaft w\u00fcnschen, auf dass sich solch ein katastrophaler Zivilisationsbruch in unserer Menschheitsgeschichte nie mehr wiederholen m\u00f6ge \u2013 und die R\u00fcckkehr der wilden W\u00f6lfe auf unsere Naturreservate rund um die Welt beschr\u00e4nkt bleibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und letztendlich kann <em>Wolfszeit<\/em> sowohl als transatlantisches wie auch als internationales Geschichtsbuch weitere Dienste leisten, damit letztlich alle Nationen dieser Erde Frieden und Freiheit mehr denn je sch\u00e4tzen lernen und \u2013 last but not least \u2013 auch gegenw\u00e4rtige und zuk\u00fcnftige Fl\u00fcchtlinge in unserem jeweiligen Heimatland, wo immer es auch sein mag, eine sichere Zuflucht und bessere Zukunft finden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald J\u00e4hners Wolfszeit. &nbsp; Deutschland und die Deutschen &nbsp; 1945 -1955 &nbsp; aus deutsch-amerikanischer &nbsp; Perspektive &nbsp; Frederick A. Lubich, Norfolk, Virginia &nbsp; Die Menschheitsgeschichte ist reich an Beispielen vom Aufstieg und Verfall ihrer Kulturen, doch keine Nation ist in so kurzer Zeit zur Hochkultur aufgestiegen und umgekehrt abgrundtief in die Barbarei gest\u00fcrzt wie Deutschland [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"parent":6974,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-7170","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7170"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7170\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6974"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}