{"id":7176,"date":"2020-12-23T13:11:15","date_gmt":"2020-12-23T18:11:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7176"},"modified":"2020-12-23T13:13:01","modified_gmt":"2020-12-23T18:13:01","slug":"v-buchbesprechungen-peter-wortsman-stimme-und-atem","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/home-2\/glossen-46-2020-current-issue\/v-buchbesprechungen-peter-wortsman-stimme-und-atem\/","title":{"rendered":"V. Buchbesprechungen: Peter Wortsman. Stimme und Atem."},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Peter Wortsman. <em>Stimme und Atem.<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Out of Breath, Out of Mind.<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Zweiz\u00fcngige Erz\u00e4hlungen.<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Two-Tongued Tales<\/em><\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Berlin: PalmArt Press, 2019. ISBN: 978-3-96258-034-6. 332 Seiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Thomas Thornton, Berlin<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Wortsman ist Verfasser von Kurzprosa und Reiseliteratur, aber auch als Theaterautor und Romancier hervorgetreten. Daneben hat Peter Wortsman ein beachtliches Oeuvre an deutschsprachiger Literatur \u00fcbersetzt und herausgegeben. Die deutsche Literatur liegt ihm sozusagen im Blut: geboren und aufgewachsen in New York als Sohn j\u00fcdischer Eltern, die Nazi-\u00d6sterreich entkommen konnten, sprach er nach eigenem Bekenntnis mit seiner Mutter haupts\u00e4chlich Deutsch. Das machte Deutsch, obwohl eine Fremdsprache, in einem sehr intimen Sinn f\u00fcr ihn auch zu einer Mutter-Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Anfang an war diese Ambivalenz zwischen Fremdsein und Intimit\u00e4t ein wesentlicher Teil von Wortsmans Schreibprozess: Schon seine fr\u00fchen Texte schrieb er meist zuerst auf Deutsch, um sie dann selbst ins Englische zu \u00fcbertragen. \u201eStimme und Atem\u201c nun vereinigt beide Versionen \u2013 die deutschen und die englischen \u2013 in einem Band; die auch urspr\u00fcnglich auf Englisch geschriebenen Texte wurden von Werner Rauch ins Deutsche \u00fcbertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Max Frisch war Hochdeutsch eine Fremdsprache, die ihm die Distanz gab, die er zum Schreiben ben\u00f6tigte. Wortsman braucht diese Distanz ebenfalls, allerdings ist sein sch\u00f6pferischer Prozess auch tief im Unbewussten verwurzelt. Die hier versammelten Prosast\u00fccke \u2013 sie reichen von parabel\u00e4hnlichen Texten und Vignetten bis zu Kurzgeschichten und M\u00e4rchen \u2013 leben von der Spannung zwischen Ratio und fantastischen Elementen. Auf der einen Seite genaue Beobachtung und auf der andern Seite Traum, Absurdit\u00e4t und Groteske. Wir beobachten eine Mutter, deren Baby eine Puppe ist, das dann lacht, lieb ist und weint, wann es der Mutter gerade genehm ist. Ein andermal sind ausgediente, kaputte Gegenst\u00e4nde zum Leben erwacht, tanzt der M\u00fcll \u201eeinen Walzer mit dem Wind\u201c. Momentaufnahmen werden mittels poetischer Induktion zu allgemeinen Betrachtungen, die freilich nie auch nur ansatzweise pr\u00e4tenti\u00f6s wirken. \u201eDer gesunde Mensch isst, schei\u00dft und vergisst\u201c etwa ist ein philosophisches Kleinod, geistreich und witzig, eine Meditation \u00fcber den Umgang des Menschen mit der Vergangenheit \u2013 in gerade einmal sechs Zeilen. Oft blitzt hier ein schelmischer Humor durch, der den Leser zuweilen schmunzeln, zuweilen aber auch laut auflachen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor macht dabei vor nichts Halt, bricht Tabus jedoch nicht mit provozierender Geste, sondern wie nebenbei: So ist das Leben eben. In \u201eSchmutz\u201c benutzt der Ich-Erz\u00e4hler eine Kippa als Ersatz f\u00fcr ein Taschentuch, das die Sch\u00fcler f\u00fcr ihre Lehrerin, eine neurotische Sauberkeitsfanatikerin, schwenken m\u00fcssen. \u201eBellende Liebe\u201c handelt von der Freundschaft zwischen dem Ich-Erz\u00e4hler und einer alten Frau, die fr\u00fcher auch eine, sagen wir, extreme Form der Tierliebe gepflegt hat. Die wohl k\u00f6stlichste Geschichte der Sammlung, \u201eCry, Iced Killers!\u201c, ist eine bei allem Witz tiefgr\u00fcndige linguistische Verwechslungskom\u00f6die. Henry, der Ich-Erz\u00e4hler dieser und anderer Geschichten \u2013 wie der Autor das Kind j\u00fcdischer Emigranten aus Europa \u2013 versteht nie, dass er von Spielkameraden als \u201eChrist killer\u201c beschimpft wird und glaubt stattdessen, er werde f\u00fcr das spurlose Verschwinden des Eisverk\u00e4ufers verantwortlich gemacht, und im Beichtstuhl, in den er sich schummelt, weil ihm ein Nachbar eingeredet hat, er habe \u201ehibernisches [also irisches] Blut\u201c in sich, glaubt er, der Priester deute auf ein Loch in seiner Hose hin, w\u00e4hrend der in Wahrheit \u00fcbers Onanieren redet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da das Deutsche f\u00fcr den Autor zwar <em>auch<\/em> Muttersprache, aber dennoch eine Fremdsprache ist, schleichen sich verst\u00e4ndlicherweise auch Fehler ein. Da kann es passieren, dass ein Satz nicht zu Ende gef\u00fchrt wird, man verschrobene Wendungen wie \u201eGalileo verlor fast seinen Kopf wegen seiner Kenntnis\u201c findet oder man in einem Roman \u201eschon 300 Seiten unterwegs\u201c ist. Mehrfach werden Vokabeln auch falsch verwendet. Da ist von \u201eengstirnig\u201c die Rede, wo \u201eeigensinnig\u201c gemeint ist; dass statt \u201eseht\u201c eigentlich \u201es\u00e4t\u201c stehen sollte, versteht man nur, wenn man den englischen Text liest; Henrys Vater wird als \u201egeborener\u201c anstatt als geb\u00fcrtiger Wiener bezeichnet, und in der gro\u00dfartigen Geschichte \u201eDie Heilige des Stiegenhauses\u201c hat die Hauptfigur, eine arm- und kopflose junge Frau, die zum Orakel geworden ist, \u201eAngeh\u00f6rige\u201c, mit denen freilich \u201eAnh\u00e4nger\u201c gemeint sind. Der Hausmeister, der das Kind findet, \u201ebetete die Jungfrau Maria an\u201c, obwohl er in Wahrheit doch wohl zu ihr betet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gr\u00fcndliches Lektorat h\u00e4tte diese und andere Fehler beseitigt. Gerade bei diesem besonders sch\u00f6nen und liebevoll gemachten Buch (es hat sogar ein Leseb\u00e4ndchen!) wundert man sich, dass es das offensichtlich nicht gab. Einem Lektor bzw. einer Lektorin w\u00e4re nicht nur aufgefallen, es nicht Phaeton war, der auf Pegasus ritt, sondern Bellerophon, dass der Besitzer von Excalibur im Deutschen nicht Arthur hei\u00dft, sondern Artus, und auch, dass der englische Text von \u201eDer ein\u00e4ugige Kater\u201c und \u201eDie Liebe im Schrank\u201c gravierend von der deutschen abweicht. Schlimmer sind die unz\u00e4hligen \u00dcbersetzungsfehler. Trotz mancher enormer Schnitzer in der Satzstellung hat Werner Rauch den Ton dieser zwischen der Romantik und Kafka angesiedelten Sprache gut getroffen. Allerdings: Wo dem Autor einige Patzer unterlaufen, da begeht er einen Missgriff nach dem andern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommaregeln sind im ganzen Buch au\u00dfer Kraft gesetzt, so dass man zuweilen aus dem Stolpern kaum herauskommt. Man liest von einem \u201eGeheimnis, das von sich selbst satt geworden ist\u201c. Viele Stellen ergeben keinerlei Sinn, so dass jeder Lektor h\u00e4tte merken m\u00fcssen, dass hier eine Fehl\u00fcbersetzung vorliegen muss. Oft handelt es sich einfach um w\u00f6rtliche \u00dcbersetzungen, die den Sinn v\u00f6llig verfehlen. Eine g\u00e4ngige Wendung wie \u201eIt\u2019s no use crying over spilled milk\u201c (also etwa: Was passiert ist, ist passiert) w\u00f6rtlich zu \u00fcbertragen, ist absurd. \u201eDie Kr\u00e4fte der Traurigkeit hatten den Tag gewonnen\u201c steht hier statt, beispielsweise, \u201ehatten den Sieg davongetragen\u201c. \u201eIn my book\u201c bedeutet keineswegs \u201ein meinem Buch\u201c, sondern \u201emeiner Meinung nach\u201c. In \u201eAbteilung der toten Briefe\u201c \u2013 einer Erz\u00e4hlung, die nicht nur wegen des Epigraphs an Melvilles Bartleby erinnert \u2013 findet man ein verwirrendes \u201eSt\u00fcck 9 x 12\u201c (also in Wahrheit einen gro\u00dfen Briefumschlag), stellt die Firma, in der der Ich-Erz\u00e4hler arbeitet, eine Akte (!) zusammen, obwohl \u201eto get one\u2019s act together\u201c nichts mit Akten zu tun hat, sondern damit, etwas auf die Reihe zu bekommen, der Erz\u00e4hler wird \u201egehen\u201c gelassen, obwohl man im Deutschen \u201eentlassen\u201c sagen w\u00fcrde, und mit den \u201einkonsequenten Details\u201c sind nat\u00fcrlich \u201ebelanglose Details\u201c gemeint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Usw. usf. Es wimmelt nur so von falschen und ungeschickten \u00dcbersetzungen in dieser doch so gelungenen, vielfach sogar gro\u00dfartigen Sammlung. Aber ein gr\u00fcndliches Lektorat l\u00e4sst sich ja vielleicht nachholen. Nicht nur aus diesem Grund w\u00fcnscht man diesem Buch eine 2. Auflage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Wortsman. Stimme und Atem. &nbsp; Out of Breath, Out of Mind. &nbsp; Zweiz\u00fcngige Erz\u00e4hlungen. &nbsp; Two-Tongued Tales &nbsp; Berlin: PalmArt Press, 2019. ISBN: 978-3-96258-034-6. 332 Seiten. &nbsp; Thomas Thornton, Berlin &nbsp; Peter Wortsman ist Verfasser von Kurzprosa und Reiseliteratur, aber auch als Theaterautor und Romancier hervorgetreten. Daneben hat Peter Wortsman ein beachtliches Oeuvre an [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4340,"featured_media":0,"parent":6974,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-7176","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4340"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7176"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7176\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/6974"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}