{"id":7387,"date":"2021-05-16T13:24:47","date_gmt":"2021-05-16T17:24:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7387"},"modified":"2021-05-17T10:59:03","modified_gmt":"2021-05-17T14:59:03","slug":"iii-kulturgeschichtliche-analysen-feridun-zaimoglus-roman-liebesmale-scharlachrot","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-47-2021-current-issue\/iii-kulturgeschichtliche-analysen-feridun-zaimoglus-roman-liebesmale-scharlachrot\/","title":{"rendered":"III. Kulturgeschichtliche Analysen: Feridun Zaimoglus Roman &#8220;Liebesmale, scharlachrot&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eGew\u00f6hn dir mal langsam<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Kanakenmanieren an, Alter\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">Die Inszenierung von Identit\u00e4t in<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\">Feridun Zaimoglus<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\">Roman <em>Liebesmale, scharlachrot<\/em><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Ricardo Rudas Meo, Freiburg<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kanak Sprak \u2013 24 Mi\u00dft\u00f6ne vom Rande der Gesellschaft<\/em> hei\u00dft das Werk, mit dem der deutsche Autor t\u00fcrkischer Herkunft Feridun Zaimoglu 1995 deb\u00fctierte. Im Vergleich zu den darauffolgenden Erscheinungen erhielt Zaimoglus Erstlingswerk seitens der Literaturkritik und Literaturwissenschaft das breiteste Echo<em>.<\/em> Der Grund liegt wohl im Faszinosum des \u201aKanaken\u2018, als dessen Sprachrohr Zaimoglu seither gilt,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> doch als dessen Erfinder er vielmehr gelten sollte, wie Tom Cheesman erkennt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Zaimoglu definiert in <em>Kanak Sprak <\/em>den Begriff des \u201aKanaken\u2018 als \u201eein Etikett, das [\u2026] nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den \u201aGastarbeiterkinder\u2018 der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz f\u00fchren.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> In der \u00d6ffentlichkeit war Zaimoglu \u201ezum \u201aMalcolm X der T\u00fcrken\u2018 avanciert, als er mit seinem Buch \u201aKanak Sprak\u2018 und sp\u00e4ter in dem verfilmten \u201aAbschaum\u2018 und in \u201aKoppstoff\u2018 den prallen, bilderspr\u00fchenden Slang der Migrantens\u00f6hne und -t\u00f6chter in die Literatur trug.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Liebesmale, scharlachrot <\/em>(2000) schl\u00e4gt \u2013 obgleich dem ,Kanaken\u2018 als literarische Figur immer noch verpflichtet \u2013 einen viel k\u00fcnstlerischeren, um nicht zu sagen k\u00fcnstlichen, Ton an, womit Zaimoglu nicht mehr als dokumentarischer Gesellschaftskartograph angeblich realgef\u00fchrte Interviews verarbeitet, sondern als Verfasser eines eindeutig fiktionalen Werks auftritt. Nicht nur die Form des Briefromans und die Anspielungen auf Hoch- und Popul\u00e4rkultur, sondern auch die geradezu manierierte Sprache der Hauptfiguren stellt einen Bruch in der literarischen Darstellung von Gastarbeiterkindern dar. Wie Volker D\u00f6rr feststellt, ist der Roman nicht, wie der Klappentext verspricht, \u201ein lupenreiner \u201aKanak Sprak\u2018\u201c geschrieben,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> sondern in ihm \u201etreffen sich Goethe und die Popkultur \u2013 und verstehen sich pr\u00e4chtig.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Der aus <em>Kanak Sprak <\/em>bekannte Postmigrant schimmert bei den Protagonisten des Briefromans <em>Liebesmale, scharlachrot <\/em>zwar durch. Sie reflektieren ihre Rolle jedoch, indem sie sich in ironischer Brechung orientalisieren und als \u201aKanaken\u2018 \u201elupenrein\u201c sein wollend stilisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Serdar an der t\u00fcrkischen \u00c4g\u00e4isk\u00fcste strandet, beschreibt er in einem Brief an seinen Freund Hakan seine Flucht aus der \u201ekalten Heimat\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Kiel, wo er Freunde, Familie und die au\u00dfer Kontrolle geratenen Liebesbeziehungen zur\u00fcckgelassen hat. In der anatolischen Hitze sucht er poetische Inspiration und neue Liebschaften zu erlangen \u2013 und eine Erektion, die seit seiner Ankunft in der T\u00fcrkei ausgeblieben ist. F\u00fcr den \u201aT\u00fcrken\u2018 in Deutschland und den \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018 in der T\u00fcrkei beginnt eine Suche nach Identit\u00e4t und Heimat, auf die er sich mit seinem Briefpartner Hakan begibt, der in Deutschland seine Zeit als \u201aKanake\u2018 fristet und sich im Gegensatz zu Serdar keine Identit\u00e4tskrise eingesteht, jedoch an seine Grenzen st\u00f6\u00dft, als er auf die deutsche Jacqueline trifft, sich verliebt und an ihren Wertvorstellungen Ansto\u00df nimmt. Die beiden vermeintlich gegens\u00e4tzlichen und zugleich \u201aseelenverwandten\u2018 Hauptfiguren des Romans, zwei gebildete Deutsche mit t\u00fcrkischem Migrationshintergrund, entwerfen die Kunstidentit\u00e4t des \u201aKanaken\u2018 von sich und erproben, erschreiben und reflektieren ihre Performanz in ihrem Briefwechsel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Untersuchung soll zeigen, wie sich die Hauptfiguren selbst und gegenseitig sehen, inszenieren und stilisieren und wie sie die teils fremdzugeschriebene, teils angenommene und selbsterschaffene Identit\u00e4t des \u201aKanaken\u2018 reflektieren. Dazu wird zun\u00e4chst ermittelt, wie die Form des Briefromans als sprachlicher Raum f\u00fcr diese Identit\u00e4tsverhandlung fungiert. Sodann werden drei Kernaspekte betrachtet: (1) die Eigen- und Fremdidentit\u00e4t, die durch Selbst- und Fremdzuschreibungen das Gegensatzpaar des \u201eKanaksta\u201c-T\u00fcrken und \u201eAssimil-Ali\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> zur Festigung des gesuchten Selbstbildes durch Abgrenzung generiert; (2) die <em>gender-<\/em>Rollen, die die M\u00e4nnlichkeit und Sexualit\u00e4t der Protagonisten im Kontext ihres Migrationshintergrundes definieren, indem die Frauenfiguren stets zur deutschen oder t\u00fcrkischen Mehrheitsgesellschaft geh\u00f6ren und (3) die Translokalit\u00e4t, die \u2013 Migration und Tourismus reflektierend \u2013 andeutet, dass die Protagonisten nirgends zur Mehrheitsgesellschaft geh\u00f6ren k\u00f6nnen. Dies f\u00fchrt schlie\u00dflich zum Projekt, den \u201aKanaken\u2018 als hybride Widerstandsidentit\u00e4t zu konstruieren. Diese bedient sich bestehender Stereotypen und gibt damit den Grundton des Romans an, der ein ironisch-pikaresker ist. Doch da sich, wie das politische Manifest von <em>Kanak Attak<\/em> preisgibt, die \u201ebestehende Hierarchie von gesellschaftlichen Existenzen und Subjektpositionen [\u2026] nicht einfach ausblenden oder gar spielerisch \u00fcberspringen\u201c l\u00e4sst \u2013 denn es \u201esind eben nicht alle Konstruktionen gleich\u201c \u2013 m\u00fcndet \u201edas Projekt in einem Strudel von nicht aufl\u00f6sbaren Widerspr\u00fcchen\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Der \u201aKanake\u2018 wird somit im Roman zu einer tragisch-pikaresken Figur auf der Suche nach gesellschaftlicher Verortung stilisiert, um Diskurse rund um Migration und Identit\u00e4t zu reflektieren. Der Beitrag schlie\u00dft damit ab, dass Serdars und Hakans Stereotypisierung als vermeintlich identit\u00e4tsstiftende Ma\u00dfnahme entlarvt wird, was das Ende des Romans zu einem <em>desenga\u00f1o <\/em>der Pikaros macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Briefroman als Raum f\u00fcr die Inszenierung von Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">[I]ch bin gesund und versp\u00fcre allerlei Munterkeiten, und ich bin heil und ohne Gram, ohne ein Gramm Verlust jener Transzendenz, die mein hoch k\u00f6rperliches Wesen in meiner kalten Heimat ausstrahlte, an der Westk\u00fcste des t\u00fcrkischen Festlandsockels angekommen. Und nicht eine Z\u00e4hre wischte ich vom tr\u00e4n\u2019gen Auge, nicht einen Freudenstich versetzte mir meine Ankunft hier [\u2026] Du wei\u00dft, ich musste fliehen aus Kiel, weil mir die Frauen im Nacken sa\u00dfen. (9)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schreibt Serdar in seinem ersten Brief an seinen Kumpel Hakan. Nicht nur beim Leser m\u00f6gen diese ersten S\u00e4tze des Buches gewisse intertextuelle Assoziationen hervorrufen, sondern auch bei ihrem Empf\u00e4nger Hakan. Er reagiert im Antwortbrief mit den Worten: \u201eH\u00f6r auf mit der Goethe-Nummer\u201c (18). Schon allein die Dialogizit\u00e4t, die durch Hakans Antwortbrief entsteht, beendet die persiflierte Imitation Goethes, da Serdars Briefe nicht wie beim <em>Werther<\/em> unbeantwortet bleiben.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Briefwechsel in <em>Liebesmale, scharlachrot<\/em> er\u00f6ffnet neue M\u00f6glichkeiten der Figurencharakterisierung, da der Wechsel der Sichtweisen auf die Figur ber\u00fccksichtigt werden muss. Diese \u201eDoppelte Optik\u201c, eine \u201ewechselseitige Spiegelung der Perspektiven (d. h. Mehrperspektivit\u00e4t)\u201c <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, ist Karl Esselborn zufolge ein Analysekriterium f\u00fcr die Interkulturalit\u00e4t von Migrationsliteratur. Die wechselseitige Spiegelung der Perspektiven vermag es n\u00e4mlich, die Identit\u00e4t der Figur in wechselseitiger Kommunikation zu formen. Mirjam Gebauer weist darauf hin, dass mit der Form des Briefromans \u2013 anders als beispielsweise mit Tageb\u00fcchern \u2013 ein \u00f6ffentlicher Raum etabliert wird,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> in dem eine bestimmte Meinung \u00fcber den Adressaten und \u00fcber sich selber an einen Adressaten vermittelt werden kann. Man kann also den Empf\u00e4nger als etwas benennen und sich selber dem Empf\u00e4nger gegen\u00fcber als etwas inszenieren. Diese Art der Kommunikation bietet die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine \u201eperformative Struktur von Identit\u00e4t\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>. Nach Judith Butler kann eine Benennung (z.B. \u201aKanake\u2018) als performativer Akt aufgefasst werden, da die Benennung in der Lage ist, den Benannten als Subjekt sprachlich zu konstituieren.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> \u201e[D]er Name erscheint als <em>Anrede, die dem Anderen eine Pr\u00e4gung zuspricht und diese zugleich f\u00fcr \u201apassend\u2018 oder \u201ageeignet\u2018 erkl\u00e4rt.<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Die Benennungen \u201eKanaksta-K\u00fcmmel\u201c (48), \u201eAbiturk\u00fcmmel\u201c (67) usw. sind also durchaus keine leeren Worte, sondern sie tendieren dazu, \u201edas Benannte festzuschreiben, es erstarren zu lassen, zu umgrenzen und als substantiell darzustellen.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Solche Benennungen, verbunden mit ihren dazugeh\u00f6renden Charakterisierungen, erzeugen also Identit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem ist der dialogische Briefroman das nat\u00fcrliche Genre des Austausches \u00fcber raumzeitliche Grenzen hinweg. Ein Format also, das sich besonders gut eignet, um translokale Aspekte der Identit\u00e4t aufzuzeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Gegensatzpaar Hakan und Serdar: \u201eKanaksta-K\u00fcmmel\u201c versus \u201eAssimil-Ali<\/strong><strong>\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Identit\u00e4ten Hakans und Serdars werden durch drei Prozesse einer epistolaren Identit\u00e4tshermeneutik geformt: Erstens durch Selbstbeschreibung, zweitens durch Abgrenzung voneinander und von anderen Personen und Personengruppen und drittens durch Aussagen Dritter \u00fcber Hakan und Serdar, welche die beiden in ihren Briefen wiedergeben, teilweise annehmen und reproduzieren, was zum ersten Schritt zur\u00fcckf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Korrespondenz der beiden Protagonisten \u00e4hnelt einem verbalen Duell, in das sie sich immer weiter hineinsteigern und sich in \u00dcbertreibungen zu \u00fcberbieten suchen. Das ist bereits an den \u00e4u\u00dferst fantasievoll gestalteten, mit Anspielungen gespickten und vor Neologismen strotzenden Anrede- und Abschiedsformeln der Briefe zu erkennen, die nicht nur von einem hohen Bildungsgrad der Absender zeugen, sondern auch von ihrer Begeisterung am virtuosen Umgang mit Sprache. Vor allem aber enthalten sie Fremd- und Eigenattribuierungen, die \u201evon den beiden Protagonisten nicht willk\u00fcrlich gew\u00e4hlt werden, sondern vielmehr einem konkreten Wunsch nach Abgrenzung geschuldet sind.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Zaimoglu gestaltet diesen Text \u00e4hnlich wie <em>Kanak Sprak <\/em>mit dem h\u00e4ufigen und spontanen Wechsel von ironisch-grotesken und ernsthaften Passagen,<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> aber selbst wenn viele \u00c4u\u00dferungen von den Protagonisten mit Augenzwinkern und Ironie get\u00e4tigt werden und von \u201eaufrichtiger Kommunikation\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> nicht immer die Rede sein kann, erkennt man dennoch den \u201eWunsch, die eigene Position und das Verh\u00e4ltnis zum Gegen\u00fcber auszuloten.\u201c<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Die Briefe zwischen Serdar und Hakan sind handlungsarm, manifestieren daf\u00fcr umso mehr das Bestreben der zwei Figuren, sich kulturell, sexuell und intellektuell voneinander abzusetzen und zu definieren.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Dabei wird ihre stilisierte Identit\u00e4t als \u201aauthentisch\u2018 und \u201aessentialistisch\u2018 inszeniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unschwer zu erkennen, dass Hakan seinen Freund als den gebildeteren und erfolgreicheren von beiden darstellt, um sich von ihm abzugrenzen und sich als echter \u201eStreetlife-K\u00fcmmel\u201c (186) in Opposition zum \u201eAbiturk\u00fcmmel\u201c (67) zu inszenieren. Hakan m\u00f6chte als \u201eKanaksta-K\u00fcmmel\u201c (48) in Erscheinung treten und sorgt sich sogar, durch den Briefwechsel mit Serdar seinen Ruf als solchen zu gef\u00e4hrden: \u201eVerdammt, was werden die Ghettokollegas \u00fcber mich denken, wenn ich ihnen beichte, dass ich Seiten \u00fcber Seiten vollgepinselt habe\u201c (27). Indem er seine F\u00e4higkeit, deutschsprachige Briefe zu schreiben, bewusst untertreibt, manifestiert er seinen Wunsch, sich von einer sozialen Klasse mit gutem deutschen Bildungshintergrund abzugrenzen: \u201eMann, bin ich n Romanmaler oder was, und ich glaubte schon, dass ich h\u00f6chstens so viel draufhabe wie n Typ im Blaumann, der mit der Zange am langen Stiel die Kippen vom Bahnhofsparkett klaubt.\u201c (27) Jedoch d\u00fcrfte dem selbsternannten \u201eRomanmaler\u201c ein Begriff wie \u201eRomancier\u201c bekannt sein, ber\u00fccksichtigt man seine Goethe-Kenntnisse (ganz abgesehen davon, dass \u201eRomanmaler\u201c als Neologismus das poetischere Wort ist). Es wird also deutlich, dass Hakan, der sich jede h\u00f6here literarische F\u00e4higkeit abzusprechen vorgibt, Serdar, der tats\u00e4chlich einer schriftstellerischen T\u00e4tigkeit nachgeht, mit der er sich sogar finanziell \u00fcber Wasser halten kann (vgl. 12), als sein Gegenst\u00fcck, als einen \u201eSchlau-Ali\u201c (91) entwirft. W\u00e4hrend er Serdar als den Studierten (vgl. 69) inszeniert, der \u201eweder Fisch noch Fleisch\u201c (69) ist, z\u00e4hlt er sich zu den \u201ewahren Kanak-Paten\u201c (37). Um Serdar als den geistig T\u00e4tigen und sich selber als den simpel gestrickten Menschen darzustellen, kontrastiert er ihren Filmgeschmack. W\u00e4hrend Hakan Mafiafilme schaut, traut er seinem Freund nicht die Kenntnis dieser Filme zu, weil er glaubt, dass er \u201eeher experimentellen Dreck [schaut], wo n Typ ne halbe Stunde n regungslosen Pfosten abgibt und wie bl\u00f6de ne rot anlaufende Sonnenscheibe beglotzt\u201c (119). Damit reproduziert er den Habitus einer Gesellschaftsgruppe, mit der er sich assoziieren m\u00f6chte und schreibt seinem Freund einen entsprechend kontrastiven zu. Als Serdar ihn dazu auffordert, \u201edie Metaebene, den Bedeutungsreichtum, die losen Enden, das schwarzgallige Element und die vielen Ungeheuerlichkeiten\u201c (32) des geplanten Titels f\u00fcr seine Haiku-Sammlung zu bedenken, bezeichnet Hakan ihn als \u201eSchei\u00dfhausphilosophen\u201c (37), der sich von \u201ewirkliche[n] Sorgenhaber[n]\u201c (37) unterscheidet, und zeigt damit geringes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Serdars intellektuelle Probleme. Hakan sieht in ihm \u201enur Kopf\u201c, \u00fcber dessen \u201eKnochen sich die Pelle wie ne Mumienmembran [spannt]\u201c (27), womit er seine Intellektualit\u00e4t antithetisch zu einer tauglichen Physis sieht. Hakan hofft, aus Serdar \u201ein ferner Zukunft n gef\u00e4lligen Kanaksta zu formen, der sich Wind und Wetter, guter und schlechter Presse stellen kann und nicht umkippt\u201c (37), wie es sich seiner Meinung nach f\u00fcr die S\u00f6hne von Migranten geh\u00f6rt. Serdar denkt jedoch nicht daran, sich zu einem \u201egef\u00e4lligen Kanaksta\u201c formen zu lassen, sondern wirft ihm in einem Charakterprofil Oberfl\u00e4chlichkeit vor:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du bist ja nicht essentiell veranlagt und gibst dich mit Kleinkram ab [\u2026] Du bist schnell zufrieden, du streckst dich nicht nach der verbotenen Frucht aus, du bleibst morgens lieber liegen, als dass du dich unm\u00f6glichen Abl\u00e4ufen stelltest [\u2026] Du stellst vielleicht Pl\u00e4ne und Berechnungen an, wie du die laufenden Kosten decken kannst, und dein einziger Alptraum ist das Monatsende. (78 f.)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Profilierung stellt er sein Selbstbild als schwerm\u00fctiger und tiefgr\u00fcndiger Dichter zum Kontrast entgegen: \u201eIch hingegen h\u00f6re das Surren der Telegraphendr\u00e4hte und das Kummerknurren der Elektroger\u00e4te in der Nacht, ich sehe das Wiegen der Halme und tote Zikaden am Wegesrand.\u201c (79)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Konflikt, der zwischen den Identit\u00e4ten besteht, die Serdar und Hakan von sich entwerfen, tr\u00e4gt Z\u00fcge von Klassenkampf. Indem Hakan absichtlich den Habitus einer bildungsfernen Schicht reproduziert, um sich eine Arbeitsmigrantenidentit\u00e4t zuzuschreiben, stellt er Serdar als privilegierten Intellektuellen dar und spricht ihm in seiner Weltfremdheit jegliches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Probleme des kleinen Mannes ab. Serdar wiederum portr\u00e4tiert seinen Freund als Materialisten, um sich selbst als reflektiertes Individuum zu sehen, das die Welt verbessern k\u00f6nnte. Allein, dass sie zu einer solchen Kommunikation f\u00e4hig sind, entlarvt ihre Korrespondenz jedoch als intellektuelles Rollenspiel zwischen zwei Menschen desselben Hintergrundes, um tats\u00e4chliche gesellschaftliche Missst\u00e4nde zu diskutieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neubauer vergleicht die gegenseitigen Beschimpfungen, die diese Konfliktinszenierung als Kampf glaubhaft machen sollen, mit der Strategie des Dissens im Rap. Die Schm\u00e4hungen sind nicht beleidigend gemeint, weshalb sie auch keine beleidigende Wirkung haben.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Er beschreibt sie als \u201eRitual zwischen zwei Freunden\u201c<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a>. Obgleich nicht beleidigend, festigen die Beleidigungen in ihrer Gegenseitigkeit jedoch Fremd- und Selbstidentit\u00e4t, wie beispielsweise in einem Schlagabtausch, angeleitet in einem Brief Serdars an Hakan:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du bist Abschaum, ein K\u00f6ter ohne Stammbaum, ein Bauernboy aus dem Bilderbuch der T\u00fcrkenfresser [\u2026], weil du schwach bist im Hirne und in den Charakteranlagen, und [\u2026] weil du als eine selbst verr\u00fchrte Mischung aus Negerkalle und Banlieue-Bandit jedem aufrechten T\u00fcrken Schande machst. (187 f.)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei spielt Serdar auf Hakans Selbstinszenierung als Kriminellen \u2013 oder besser gesagt, die Karikatur eines solchen (vgl. 97) \u2013 an und wirft ihm vor, er festige das Bild des kriminellen Ausl\u00e4nders. Hakan entgegnet dem, indem er ihm Assimilation an die Deutschen vorwirft:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">[D]u hast dich also voll inne Rolle des Drillpreu\u00dfen eingelebt und dir zwei Dauerbesch\u00e4ftigungen ausgesucht inner Langeweile [\u2026] erstens, wir begeben uns auf ne Anh\u00f6he, von der wir auf sterbliche W\u00fcstenfellachen runterglotzen und keinen St\u00e4nder und kein Schei\u00df-Gedicht hinkriegen; zweitens, wir sind wirklich bitterb\u00f6se, wenn nicht alle hergemachten Alis zu Karamellbimbos mutieren [\u2026] Alles, was aus der Reihe tanzt, wird von solchen Onkel Toms wie dir angemotzt, weil sie sich ja so schlecht benehmen und wir uns blo\u00df nicht vor den Alemannen blamieren d\u00fcrfen. (225)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem er ihm die Rolle des \u201eDrillpreu\u00dfen\u201c zuteilt, kategorisiert er Serdar in die Gruppe der \u201eAssimil-Alis\u201c (24), die sich darum bem\u00fcht, sich integriert und vornehm zu geben (vgl. ebd.). In der Wendung \u201eweil sie sich ja so schlecht benehmen und wir uns blo\u00df nicht vor den Alemannen blamieren d\u00fcrfen\u201c (225) wechselt er vom Pronomen \u201esie\u201c zum \u201ewir\u201c. Damit schlie\u00dft er ihn zwar aus der Gruppe der sich schlecht benehmenden \u201eAlis\u201c (225) aus, jedoch ist Serdar mit einbegriffen, den schlechten Ruf mit ihnen zu teilen. Mit der Assimilation impliziert er also den Vorwurf, sich gegen seine eigenen Leute, die \u201eMigrantenkinder\u201c, zu wenden und das Eigentliche zu vergessen, n\u00e4mlich dass die undifferenzierte Anfeindung als Krimineller von den Deutschen ausgeht und dass tadellose F\u00fchrung seinen Ruf auch nicht retten k\u00f6nne. Er solle lieber die ihm zugeteilte Rolle annehmen. Die Gegen\u00fcberstellung von \u201ePreu\u00dfendegen\u201c (27) und \u201eSarazenens\u00e4bel\u201c (185) polarisiert Hakan und Serdar im Punkt der Assimilierung und inszeniert die Polarisierung als Kampf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Punkt, in dem sie sich durch Entgegensetzung definieren, findet sich im Bereich der Sexualit\u00e4t wieder. Hakan konfrontiert seinen Freund immer wieder mit Schwachheit und Unm\u00e4nnlichkeit. Weiblichkeit wird wahrer M\u00e4nnlichkeit gegen\u00fcbergestellt, nicht nur, wie Neubauer feststellt, in Verbindung mit dem \u201eTopos des verweichlichten Intellektuellen\u201c<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a>, sondern auch in Verbindung mit der bereits erw\u00e4hnten Assimiliertheit:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Problem ist, du kuckst von oben nach unten, anstatt dass er von unten nach oben lugt, und das, du Arsch is n Problem mit euch Assimil-Alis. Ihr seid so schei\u00dfvornehm, dass ihr vergessen habt, wie man mit Karacho fickt oder, damit du\u2019s raffst, Liebe macht. Ihr seid Dudenschw\u00e4tzer, also geht ihr nach Definitionen, nur, Pint und Muschi sind einfach da und warten, dass die S\u00e4fte quirlen. (24)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier bringt Hakan Serdars vor\u00fcbergehende erektile Dysfunktion in Verbindung mit seiner Assimiliertheit. Nicht nur in der Liebe, sondern auch im Umgang mit sonstigen Problemen attestiert er seinem Freund eine passiv-weibliche Haltung:<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> \u201e[D]u aber l\u00e4sst sie an deinen \u00d6strogentitten saugn, bietest dich an als ne ideale Zapfanlage, und nennst dein \u00dcbelzustand n Dichterleiden.\u201c (185 f.) Hakan ordnet ihn der Gruppe der \u201eKn\u00fclche mit Himbeerfruchtherzen\u201c (62) zu und distanziert ihn somit vom Kollektiv der \u201aKanaken\u2018.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Serdar hingegen beleidigt ihn, indem er ihm jegliche Kontrolle \u00fcber seine Triebe abspricht: Er sei ein \u201eHormonzombie\u201c (35) und ein \u201eschmieriger Kabinenonanist\u201c (187). Diese Beleidigungen weist Hakan nicht zur\u00fcck, sondern nimmt sie als Ehrentitel auf, indem er beispielsweise als \u201epotenter Hakan-er-selbst\u201c (73) und \u201eBoss aller Hormone\u201c (186) signiert. Hakan baut seine Identit\u00e4t auf dem generalisiert westlichen Bild des l\u00fcsternen Orientalen auf. Ohne w\u00e4hrend der erz\u00e4hlten Zeit direkt mit orientalisierenden Anfeindungen seitens der deutschen Gesellschaft konfrontiert zu werden, konfrontiert er jedoch die Gesellschaft (durch seine Briefe an Serdar) mit selbst-orientalisierenden Anekdoten wie beispielsweise mit dem Bericht seiner pl\u00f6tzlichen Erektion am FKK-Strand (vgl. 26) oder der Fleischbeschaffung durch Jagd auf Schw\u00e4ne im Park (vgl. 41-47).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Serdar erkennt in der Inszenierung seines Freundes als \u201eKanakster\u201c nichts als eine kindische Pose und r\u00e4t ihm, in sich zu gehen und sich zu fragen, \u201eob es nicht an der Zeit ist, abzulassen von Spielotheken-Tricks und dem Kanakentick, st\u00e4ndig und zur Selbstvergewisserung am Penis rumzunesteln.\u201c (36) Hakan hingegen sieht in Serdar einen Blinden, der seine wahre Identit\u00e4t nicht annehmen m\u00f6chte und r\u00e4t ihm: \u201eGew\u00f6hn dir mal langsam Kanakenmanieren an, Alter\u201c (186).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl \u2013 oder gerade weil \u2013 sich die zwei Freunde so gegens\u00e4tzlich in Szene setzen, kann der Leser den Eindruck erhalten, dass sie sich im Wesentlichen kaum unterscheiden, \u00fcberspitzt ausgedr\u00fcckt, eine Person sind. Auch eine Rezension merkt an, dass \u201edie angeblich gegens\u00e4tzlichen Charaktere Hakan, Stra\u00dfen-Lan, und Serdar, Abiturt\u00fcrke, bis auf kurze Passagen wie aus einem Guss: Gro\u00dfmaul-Alemannisch\u201c<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> reden. Die Figuren scheinen sich ihrer \u00c4hnlichkeit bewusst zu sein: \u201eDiese Zettel sind dir geschrieben\u201c, schreibt Hakan, \u201edamit es nicht sp\u00e4ter wieder hei\u00dft, du und ich sind Seelenverwandte\u201c (185). Tats\u00e4chlich kann Hakan sogar als \u201ealter ego\u201c<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> Serdars eingestuft werden.<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a> Auch Serdar ist \u00e4hnlich darauf bedacht, seine M\u00e4nnlichkeit unter Beweis zu stellen und wei\u00df dieses maskuline <em>self-fashioning <\/em>mit seiner Bildungshuberei zu verbinden, indem er sich als Reinkarnation des europ\u00e4ischen Potenzheros schlechthin imaginiert:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gedenke, mein Haar mit Haarwachs streng auf die Kopfhaut zu k\u00e4mmen, mein ganzer Habitus muss m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt und frei von Zwittrigkeiten sein. Es bedarf in dieser Hinsicht eigentlich keiner \u00e4u\u00dferen Eingriffe [\u2026]. Dein Don Serdar Giovanni (216).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Vorbereitung auf ein Treffen mit der angebeteten Rena weist starke Parallelen zu Hakans Styling f\u00fcr das Abendessen mit Jacqueline auf, wof\u00fcr er sich \u201emit Haarwachs die M\u00e4hne von der Stirn weg innen Nacken gestrichen\u201c (114) hat. Hinzu impliziert Hakan, dass er Serdar gegen\u00fcber zwar ein \u201eKanakster\u201c, aber verglichen mit den anderen Personen mit Migrationsintergrund der gebildetere und deutsch habituiertere ist. Beispielsweise macht der den D\u00f6nerbudeninhaber Tamer auf einen Rechtschreibfehler auf dessen Schaufensterschild aufmerksam (vgl. 112). Ebenso beklagt er sich \u00fcber Mohis Umgangsform, sich bei ihm anzuk\u00fcndigen: \u201eWei\u00dft du Kumpel, du kannst n Kanaken nicht zivilisieren, der Arsch klebt unten vor der Haust\u00fcr und br\u00fcllt, als st\u00fcnde er in Augenh\u00f6he mit ner Lehmh\u00fctte [\u2026] ne Klingelleiste is f\u00fcr so ne Kanaken so was wie ne moderne Kunst am Bau.\u201c (179) An dieser Selbstironie wird besonders deutlich, dass der \u201aKanake\u2018 insgesamt nur eine eingenommene Pose ist. Seinen Migrantenfreunden gegen\u00fcber scheint Hakan weniger \u201eKanakenmanieren\u201c (186) an den Tag zu legen als bei Serdar, w\u00e4hrend dieser Nachsicht f\u00fcr Hakans \u201eEthnoallergie gegen zivilisierte Formen des Umgangs\u201c (241) ausdr\u00fcckt, weil er sich selbst in ihm wiederzuerkennen scheint: \u201e[I]ch beruhigte mich jedoch mit kleinen R\u00fcckblenden auf meine eigene Vergangenheit, die auch manch eine archaische Strecke aufweist\u201c (241). Insofern ist Serdar nicht minder \u201aKanake\u2018, sondern ein sogenannter \u201eeducated kanakster\u201c<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a>, der seine Suche nach Identit\u00e4t aufgegeben hat und sich den Status eines Zwischenweltlers eingesteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kulturkonflikt in der <\/strong><strong>Liebe oder Liebesmale \u2013 von der Liebe gezeichnet<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe und Sexualit\u00e4t spielen wohl die Hauptrolle in der Identit\u00e4tsschaffung der Romanfiguren, denn die Rolle des Geschlechts \u00f6ffnet neue Fronten in der Verhandlung kultureller Identit\u00e4t. Deutlich liest man das aus Hakans Reaktion auf Jacquelines Einladung zum Abendessen, die ihr und Serdar gegen\u00fcber ganz unterschiedlich ausf\u00e4llt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagte: \u201eHast du Lust, heut abend bei mir vorbeizuschauen? Ich mach uns beiden n Salat. Oder stehst du eher auf Fleisch?\u201c Ich hab erst mal um ne klare Ansage gek\u00e4mpft, Alter, sie lud mich doch tats\u00e4chlich zum Essen ein, und weil sie so nen pr\u00fcfenden Blick draufhatte, hab ich verschwiegen, dass wir Kaukasierhunnen alles Fleisch in der Steppe erlegen und annem Spie\u00df \u00fcbers Feuer h\u00e4ngen, dass wir Darmschlingen von Rind und Schaf r\u00f6sten und wegfuttern, ganz zu schweigen von dem Rest der Innereien, die so n Tier im Bauch aufweist, und nicht zu vergessen gekochte Schafshirnlappen, auf die man ne halbe Zitrone presst. Ich sagte: \u201eSalat kommt echt gut!\u201c (114)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ausl\u00f6ser f\u00fcr Hakans grotesk \u00fcbertriebene Schilderung der fleischgepr\u00e4gten K\u00fcche des Orients ist Jacquelines Frage: \u201e[S]tehst du eher auf Fleisch?\u201c \u2013 Anlass, das Klischeebild des antivegetarischen t\u00fcrkischen Mannes zu perpetuieren, um sich und Serdar (\u201ewir Kaukasierhunnen\u201c) der deutschen Frau gegen\u00fcberzustellen. Diesmal treten n\u00e4mlich nicht Hakan und Serdar als Gegensatzpaar auf, sondern Jacqueline dient als Gegenpol. Diese Polarit\u00e4t vermittelt Hakan jedoch nur dem Briefempf\u00e4nger, da er Jacqueline seine vermeintlichen Essgewohnheiten verschwiegen hat, womit ein Widerspruch zwischen Aussage und Handlung, Subtext und Text offensichtlich wird. Der unzuverl\u00e4ssige Erz\u00e4hler Hakan erf\u00fcllt die Funktion, Jacqueline als die eigentlich orientalisierende und identit\u00e4tszuweisende Person zu entlarven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der performative Widerspruch findet sich wieder, als sich Serdars niedliche Erscheinung als \u201eTeddyb\u00e4r mitn Knopfaugen\u201c (171), die laut Hakan f\u00fcr seinen Erfolg bei den Frauen verantwortlich ist (vgl. 171), auch in Hakans Unbeholfenheit mit Jacqueline manifestiert: \u201eIch kam mir so schei\u00dfzivilisiert vor wie n Aleman-Bub, ich mein, wir gelten doch als Macho-Stecher, als richtige Raubacken inner Liebe, und im Endeffekt haben wir nicht mehr zu bieten als ne Hauspapi-Nummer.\u201c (118) Hier erscheinen Hakan und Serdar erneut als Einheit und scheinen sich diesmal sogar gar nicht mehr von ihren deutschen Nebenbuhlern zu unterscheiden. Nicht nur wird hier der Widerspruch zwischen Hakans epistolaren Inszenierung und tats\u00e4chlichen Performanz deutlich gemacht, sondern auch dass seine \u201aKanaken\u2018-Inszenierung etwas gesellschaftlich Erwartetes ist, denn sie \u201egelten doch als Macho-Stecher\u201c. Damit wird die Konstruktion jeglicher Alterit\u00e4t mit einem Hauch aufrichtiger Verzweiflung und dem Wunsch nach \u201aNormalit\u00e4t\u2018 f\u00fcr einen Moment fallen gelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201adeutsche\u2018 und die \u201as\u00fcdl\u00e4ndische\u2018 Art der Sexualpraktik wird immer wieder durch Aussagen der Frauenfiguren definiert. Jacqueline beispielsweise konfrontiert Hakan mit dem Klischee des t\u00fcrkischen Patriarchen durch die Frage: \u201eBist du besitzergreifend?\u201c (232) Das Motiv erscheint wieder, als Hakan erf\u00e4hrt, dass Jacqueline bei ihrem Masseurinnenjob ihre Kunden gegen Geld sexuell befriedigt, und davon verletzt ist. Jacquelines Erwiderung, dass er \u201en typischer T\u00fcrkenmacker w\u00e4r, nur darauf aus, ne Frau unterm Schleier zu verstecken und zu Hause anzuketten\u201c (264) zeigt, von wem die \u201aKanaken\u2018-Charakterisierungen urspr\u00fcnglich ausgehen \u2013 zumal Hakan sich gerade ihr gegen\u00fcber nicht als \u201eMacho-Stecher\u201c (118) inszeniert hat. Ein letzter Versuch, sich hinter seiner \u201aKanaken\u2018-Identit\u00e4t zu sch\u00fctzen, m\u00fcndet im Zur\u00fcckgreifen auf seinen deutschen Gegenspieler Domi, Jacquelines Ex-Freund, den er zu Beginn des Romans als verweichlichte \u201eSchei\u00dfschwuchtel\u201c (93) eingef\u00fchrt hatte. Nun vermutet er, dass Jacqueline nach dem Streit \u201ezu ihrem Schei\u00df-Domi abgezwitschert\u201c sei und schw\u00f6re, \u201enie wieder ihrn Kulturkreis zu verlassen\u201c (265). Doch ein letztes \u201eich bin doch hier keine schei\u00df-liberale Kuschelmuschel\u201c bringt ihn auch nicht zur\u00fcck zu seinem einstigen \u201aKanaken\u2018-Stolz, da er die \u201aKanaken\u2018-Identit\u00e4t Jacqueline gegen\u00fcber bereits hat aufgeben m\u00fcssen. Somit wird der \u201aKanake\u2018 zu einer Figur, die nur in literarisch sublimierter Briefform ausagiert wird und nur Serdar richtig rezipieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Serdars Inszenierung in seinen Liebesbeziehungen weist einen h\u00f6heren Komplexit\u00e4tsgrad auf, indem auch Frauen in Korrespondenz mit ihm treten. Diese Briefe zweier Frauen sind ein Bruch im Roman: Zum einen geht der Briefwechsel mit den Frauen mit einem sprachlichen Stilbruch einher. Die \u201eKanak-Sprak\u201c, gepr\u00e4gt von gegenseitigen Beleidigungen, von f\u00e4kaler und ironischer Sprache, setzt im Briefwechsel mit den Frauen zugunsten eines kontemplativeren Tons aus. Selbstreflexionen gelangen, ohne durch die unterschiedlichen Ebenen der ironischen \u201aKanaken\u2018-Pose gefiltert worden zu sein, zum Leser. Indem Dina und Anke als die einzigen Frauen zu Wort kommen, wird das Zwiegespr\u00e4ch zwischen Serdar und Hakan und damit die performative Erzeugung von Identit\u00e4t aufgebrochen, da die Sichtweisen weiterer Personen \u2013 sowohl des anderen Geschlechts als auch eines anderen kulturellen Hintergrunds \u2013 auf die Protagonisten unverf\u00e4lscht, also nicht durch die Protagonisten wiedergegeben, an den Leser gelangen. Die Protagonisten werden endg\u00fcltig als unzuverl\u00e4ssige Erz\u00e4hler entlarvt. Beispielsweise erw\u00e4hnt Anke ihrem Exfreund Serdar gegen\u00fcber, sich h\u00e4ufiger mit Hakan zu treffen und sich mit ihm \u00fcber intellektuelle Themen wie \u201eden Werdegang dieses Landes\u201c (124) zu unterhalten. Diese Treffen werden von Hakan niemals erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild Serdars, das von Anke entworfen wird, basiert auf ihrer Pr\u00e4supposition, dass Serdar stark in der Kultur seiner Eltern verwurzelt sei. \u00c4hnlich wie Jacqueline bei Hakan hat Anke bei Serdar das Bild eines t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Mannes vor Augen. So vermutet Anke in Serdars fluchtartigen Aufbruch in die T\u00fcrkei die Suche nach eigenen Wurzeln: \u201eVielleicht schreibst du Gedichte im Geiste deiner V\u00e4ter.\u201c (127) Serdar, der eigentlich Haikus schreibt, reagiert darauf w\u00fctend: \u201ewas bitte sch\u00f6n soll das hei\u00dfen: \u201ader Geist meiner V\u00e4ter\u2018?\u201c (140). In seinem Widerspruch manifestiert sich Serdars Wunsch, nicht auf ein Kollektiv \u2013 schon gar nicht einem durch Herkunft definierten \u2013 reduziert zu werden. Vor allem in Ankes Charakterisierung von Serdars sexueller Aktivit\u00e4t, die durch \u201eGrobheit\u201c (127) gekennzeichnet zu sein scheint, schimmert ein orientalisiertes Bild Serdars durch. Denn die vermisste \u201eharte Hand, die [\u2026] anpackt, die [\u2026] Haare nach hinten rei\u00dft\u201c (127) wird der Schlichtheit Thorstens \u2013 der Mann, mit dem sie Serdar betrogen hat \u2013 gegen\u00fcbergestellt. Thorsten sei ein \u201eMensch von schlichtem Gem\u00fct, der sich nicht verkramt in irgendeine H\u00f6flichkeit\u201c (127). Serdar hingegen handele nach der \u201eklassischen Liebesschule\u201c (168), die etwa darin best\u00fcnde, \u201eder Frau beim \u00d6ffnen der Restaurantt\u00fcr den Vortritt zu lassen\u201c (168). Die \u201eklassische Liebesschule\u201c wird der deutschen Schlichtheit und Stumpfheit gegen\u00fcbergestellt, besteht jedoch, wie Serdar durchschaut, in \u201eorientalische[r] Schmalzheuchelei\u201c (168). Anke stelle sie der deutschen Art gegen\u00fcber, Dinge direkt anzusprechen, was zwar nicht feinf\u00fchlig, aber zumindest aufrichtig sei (vgl. 168), womit Serdar den Orientalismus, der sich hinter diesen Charakterisierungen verbirgt, als Machtinstrument reflektiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ankes Empathie f\u00fcr Serdar geht nicht weit genug, um seinen Wunsch zu verstehen, frei von jeglicher kulturellen Zuordnung zu sein: \u201eSerdar, das ist ein Missverst\u00e4ndnis [\u2026] Mit dem \u201aGeist deiner V\u00e4ter\u2018 habe ich nichts Bestimmtes gemeint, und sei nicht immer eingeschnappt.\u201c (168) Der Kulturkonflikt beginnt bei Ankes Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr Serdars fast schon \u00fcberkompensatorische Versuche, durch seine Distanzierung vom Bild des ausl\u00e4ndischen \u201aMacho-Proleten\u2018 sowohl seinen Migrations- als auch seinen Klassenhintergrund abzuwerfen, was so weit geht, dass Anke ihn aufgrund seines makellosen Verhaltens zun\u00e4chst f\u00fcr homosexuell h\u00e4lt (vgl. 168).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dina, Serdars Liebhaberin, hingegen rechnet sich als J\u00fcdin selbst einer gesellschaftlichen Minderheit zu und tituliert ihn mit der Anrede \u201elieber Kanak in Mission\u201c (80) als \u201aKanake\u2018. \u00c4hnlich wie Anke interpretiert sie Serdars Flucht als R\u00fcckkehr in die urspr\u00fcngliche Heimat: \u201eDu schreibst im Herzland deiner V\u00e4ter strenge Haikus, und ich verweile weiterhin in Alemanistan\u201c (80). Der Unterschied ist der, dass sie \u2013 wie das Wort \u201eAlemanistan\u201c suggeriert \u2013 in die Rolle der Kanaka schl\u00fcpft. Sie scheint sogar, ihren \u201eStamm\u201c (200) in Serdars Gedichten wiederzufinden (vgl. 200). Auch wenn man feststellen mag, dass interkulturelle Differenzen zwischen Dina und Serdar nicht weiter ausgef\u00fchrt werden,<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a> zeigt ihre Beziehung doch, dass Serdar keinen \u00e4sthetischen Reiz darin findet, sich einer Minderheit zuordnend selbst zu exotisieren, wie Dina es mit sich von ihrem ersten Brief an tut (vgl. 83 f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst junge, gebildete Frauen assoziieren die Migranten der zweiten Generation Hakan und Serdar noch stark mit dem Herkunftsland ihrer Eltern. Anke und Dina bemerken nicht, wie Serdar seine Handlungen und Entscheidungen nicht auf seine t\u00fcrkische Herkunft reduziert wissen m\u00f6chte. Selbst Hakan \u00e4u\u00dfert, dass Anke sowohl ihm als auch Serdar mit ihrer \u201eFremde-L\u00e4nder-fremde-Schw\u00e4nze-Klatsche auf n Sack geht.\u201c (280) Damit manifestiert auch Hakan den unm\u00f6glichen Wunsch, in der Gesellschaft unabh\u00e4ngig von seinem kulturellen Hintergrund zu sein. Besonders deutlich wird das bei seinem Umgang mit Jacqueline, denn zwei Seelen wohnen hier in seiner Brust. Die eine h\u00e4lt fest an seiner neugewonnenen Identit\u00e4t als \u201eKanaksta-K\u00fcmmel\u201c (48), die als Subtext immer an Serdar weitergeleitet wird, die dazu dient, sich Serdar gegen\u00fcber als unverletzlicher Mann zu geben. Die andere hebt sich \u00fcber diese und zeigt sich in Hakans tats\u00e4chlichem Umgang mit seiner Geliebten, die jedoch verletzt wird, wenn Jacqueline ihn mit Stereotypen seiner Herkunft konfrontiert. Gegen Ende kann man herauslesen, wie sehr er die \u201eSchnauze gestrichen voll\u201c (265) hat von Anschuldigungen, \u201en typischer T\u00fcrkenmacker\u201c (264) zu sein, die jegliche seiner Gef\u00fchle auf seinen Migrationshintergrund reduzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Liebesbeziehungen konstituieren im Roman den sozialen Raum f\u00fcr kulturelle Zuweisung. Die Relation der zwei Romanhelden zu den Frauen scheint stellvertretend f\u00fcr ihr Verh\u00e4ltnis zur Mehrheitsgesellschaft zu stehen. Die Frauenfiguren verk\u00f6rpern demnach verschiedene gesellschaftliche Diskurse und Subjektpositionen, die stets eine Stimme des Fortschritts f\u00fcr sich in Anspruch nehmen. Aus diesen Beziehungen dann gehen die Protagonisten gestempelt hervor. Als Anspielung auf das Kainsmal als gesellschaftliches Stigma gibt der Romantitel einen Hinweis darauf, dass auch im Bereich der Liebe, das intuitiv mit Geborgenheit assoziiert wird, die Protagonisten dem Bild, das sich die Gesellschaft von ihnen gemacht hat, nicht entkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In <em>Almanya<\/em> \u201aKanake\u2018 und in der T\u00fcrkei \u201aDeutschl\u00e4nder<\/strong><strong>\u2018<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Allgemeinen dienen Hakan und Serdar dem jeweils anderen als Selbstbildnis. Hakan \u201ewill hier nicht n Muttibub abgeben, sondern n harten Kerl vonnem Ghetto\u201c (146) und Serdar m\u00f6chte als \u201e\u201aautonome Einheit\u2018 oder \u201aindividueller Partikel\u2018\u201c (140) gesehen werden und bem\u00fcht sich, als gut integrierter Migrantensohn nicht auf die T\u00fcrkei reduziert zu werden. Das liegt daran, dass sich Hakan in <em>Almanya<\/em> als \u201aKanake\u2018 und Serdar in der T\u00fcrkei als \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a> befinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Serdars Ankunft in der T\u00fcrkei setzt die Funktionst\u00fcchtigkeit seines Geschlechtsorgans aus. Er, den man \u201en\u00f6rdlich der Elbe \u201aden L\u00f6wen von Istanbul\u2018 nannte\u201c (12), der in Deutschland mit zwei laufenden Beziehungen sexuell sehr aktiv gewesen ist, der dort als s\u00fcdl\u00e4ndischer \u201eMacho-Stecher\u201c hat gelten k\u00f6nnen, ist nun in s\u00fcdlicheren Gefilden lahmgelegt. In der T\u00fcrkei stellt sich das Gef\u00fchl ein, fehl am Platz zu sein, er f\u00fchlt sich wie ein \u201eLuxusk\u00fcmmel in einer Hartschalenwelt\u201c (13). Serdar sieht seinen Aufenthalt in der T\u00fcrkei nicht als eine R\u00fcckkehr in die urspr\u00fcngliche Heimat (vgl. 9). Im Gegenteil, die pathetisch emotional geladene Beschreibung seiner Emotionslosigkeit bei der Ankunft ist als ironische Parodie des Topos des heimkehrenden Migranten zu verstehen.<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a> Aus seiner \u201ekalten Heimat\u201c (9) Kiel in die T\u00fcrkei fliegend, geh\u00f6rt er nicht zu den \u201ebrave[n] Gastarbeiter[n] auf Heimreise\u201c (9). Trotzdem ist er an dem Badeort an der \u00e4g\u00e4ischen K\u00fcste der T\u00fcrkei kein Tourist. Die durch das Elternhaus vermittelte t\u00fcrkische Sprache und die Kenntnis der t\u00fcrkischen Kultur machen ihn in der T\u00fcrkei zum sogenannten \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018. Erstmals nennt ihn der Vater so (vgl. 16); sp\u00e4ter auch Baba (vgl. 104), mit dem Serdar in der T\u00fcrkei Bekanntschaft macht. Neubauer interpretiert Serdars erektile Dysfunktion als Manifestation seiner Degradierung zum \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018 in der T\u00fcrkei.<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a> Babas Feindschaft Serdar gegen\u00fcber steigert sich, als er von dessen Ann\u00e4herungsversuchen an die T\u00fcrkin Rena erf\u00e4hrt, und findet ihren H\u00f6hepunkt im Warnbrief an diese:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann, der dich erfolgreich umgarnte und dem du dich hinzugeben bereit bist, brachte aus dem fremden Almanya seinen toten Schwanz mit! Sein Schwanz ist so tot wie die dorren Algen unter der Sonne. [\u2026] Der Deutschl\u00e4nder ist unseren Sitten entfremdet, er befolgt andere Regeln der K\u00f6rpermotorik! Er ist nicht Manns genug, dich gl\u00fccklich zu stimmen, so wie du es verdienst. (270 f.)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erektile Dysfunktion bringt Baba in Verbindung mit Serdars Herkunft. Dem vom Wohlstand verweichlichten \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018 wird Unm\u00e4nnlichkeit zugesprochen. Tats\u00e4chlich nimmt Serdar gerade in der T\u00fcrkei \u201adeutsche\u2018 Sichtweisen ein.<a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a> Seine Beobachtungen zur Begr\u00fc\u00dfung der Einheimischen sind die eines Au\u00dfenseiters. Hier wird Serdar zum Orientalisten:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man stelle sich zwei hochseri\u00f6se Truth\u00e4hne vor, die \u2013 von W\u00fcrde behaucht \u2013 beim Anblick des bekannten Gattungskumpels nicht etwa mit den Schnabellappen schlackern oder sonstige grundlose Heiterkeiten an den Tag legen, wie sie dauererregten S\u00fcdl\u00e4ndern sonst zu Eigen ist. (49)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Beschreibung impliziert die eigene Abgrenzung von den dauererregten S\u00fcdl\u00e4ndern und entwirft dabei das Bild des beherrschten Deutschen. Auch durch andere herabw\u00fcrdigende Bezeichnungen f\u00fcr die Einheimischen wie \u201eZiegentreiber\u201c (13) und \u201elausiges Bauernvolk\u201c (13), die die Fortschrittlichkeit Deutschlands betonen, wird Serdars Entfremdung deutlich. Diese schl\u00e4gt sich besonders in der Reflexion nieder, dass er das Schicksal der dortigen Einheimischen h\u00e4tte teilen k\u00f6nnen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mich also, was ich Bauernl\u00fcmmel mit der Gnade der sp\u00e4ten Bildung eigentlich hier zu suchen habe, ob ich, wenn nicht meine Klasse, die auf der Strecke zwischen Ackerland und Fabrikhalle krepierte, so doch irgendeine marginale Zugeh\u00f6rigkeit verrate. (13)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch als ehemaliger Student geh\u00f6rt er nicht mehr der Klasse der Gastarbeiter an. Mit der Reflexion, dass er durch \u201edie Gnade der sp\u00e4ten Bildung\u201c dem Schicksal eines Spr\u00f6sslings seiner Klasse hat entkommen k\u00f6nnen, stellt er sich die \u201eklassische Identit\u00e4tsfrage: Wer bin ich?\u201c<a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a> Ist er nun \u201edas Bl\u00fcmchen im Topf, oder [\u2026] die Humuserde, [\u2026] die kalte Kippe oder der Prinz aus dem Morgenland\u201c (12)?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lange wei\u00df er keine Antwort darauf und fragt sich, was \u201ef\u00fcr ein seltsamer T\u00fcrkenmann\u201c (28) er doch sei. Einerseits beobachtet er den patriarchalisch gepr\u00e4gten Haushalt seines Gro\u00dfvaters in der T\u00fcrkei, in welchem M\u00e4nner keinen Fu\u00df in die K\u00fcche setzen (vgl. 10, 28) und r\u00fchmt sich in fortschrittlichem Stolz, sich sein Spiegelei selbst zu braten (vgl. 28), w\u00e4hrend er auf die Frauen unterdr\u00fcckenden T\u00fcrken herabschaut. Andererseits l\u00e4sst er sich in Deutschland selbst von seiner Mutter verw\u00f6hnen.<a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend ist festzustellen, dass Serdar in Deutschland Orientklischees eher reproduziert und sein T\u00fcrkischsein nicht hinterfragt hat. In der T\u00fcrkei hingegen, wo er f\u00fcr seine Umgebung das Klischee des verweichlichten Deutschen erf\u00fcllt, durchschaut er die patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen der T\u00fcrkei und identifiziert sich mit einem fortschrittlich denkenden Westeurop\u00e4er. Am Beispiel Serdars wird exerziert, wie je nach Aufenthaltsort die von der Mehrheitsgesellschaft erwartete Identit\u00e4t reproduziert wird. Sie befindet sich immer zwischen zwei Kulturr\u00e4umen: In Deutschland liegt sie zwischen Migrant und Einheimischer, in der T\u00fcrkei zwischen Tourist und R\u00fcckkehrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Serdars Identit\u00e4t stets in einem Zwischen(kultur)raum zu verorten, er physisch jedoch nur in einem Kulturraum pr\u00e4sent ist, f\u00fchrt zu einer Identit\u00e4tskrise, die am Ende des Romans wohl teilweise l\u00f6sbar scheint. Denn auf seinem R\u00fcckflug nach Deutschland findet er im grotesk-feierlichen Akt einer pl\u00f6tzlichen unkontrollierten Erektion wieder zu sich. Das Flugzeug konstituiert somit das Interspatium, in welchem seine Identit\u00e4t zu verorten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letzten Endes ist Serdar weder Deutscher noch T\u00fcrke, sondern er ist in Deutschland \u201aKanake\u2018 wie Hakan und in der T\u00fcrkei ein \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018. Zum Schluss findet er zu seiner \u201aKanaken\u2018-Identit\u00e4t zur\u00fcck, als er Hakan bittet, in die T\u00fcrkei zu fliegen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">[I]ch m\u00f6chte noch einmal an deinen Kampfgeist appellieren: Baba agiert \u00fcber dem Eichstrich und glaubt, Leute meines Schlages seien weiche Deutschl\u00e4nderw\u00fcrstchen und w\u00fcrfen bei der ersten Androhung von Kopfn\u00fcssen den Bettel hin. Es liegt an uns, verehrter Kicker von Dynamo Aleman-Kanak, ihn eines Besseren zu belehren. (273)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Betonung liegt auf dem \u201euns\u201c. Er z\u00e4hlt sich und Hakan sowohl zu den \u201aKanaken\u2018 als auch zu den \u201eDeutschl\u00e4nderw\u00fcrstchen\u201c, womit der \u201aKanake\u2018 als eine aus Stereotypen konstruierte Widerstandsidentit\u00e4t offenbar wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch begeht man hier nicht den Fehler, die Protagonisten einer Geschichte in eine duale Welt zu zwingen? Sicher w\u00e4re es m\u00f6glich \u201ea story alone\u201c<a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a> zu erz\u00e4hlen und manchmal schimmert Serdars Versuch durch, dies als \u201eautonome Einheit\u201c (140) auch zu tun. Doch die dominante Denkfigur der Dualit\u00e4t im Migrations-Diskurs, \u201ewhich situates migrants \u201abetween two worlds\u2018\u201c<a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a>, die ihnen der mehrheitsgesellschaftliche Diskurs, in dem sie sich befinden, aufzwingt, bringt Hakan und schlie\u00dflich auch Serdar dazu, sich infolge ihrer Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft in die Widerstandsidentit\u00e4t der Kanaken zu begeben. Das Flugzeug \u2013 ein Raum, wo verschwimmende Grenzen \u201anormal\u2018 sind \u2013 zeigt jedoch, dass eine Welt ohne Identit\u00e4tspolitik m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der \u201aKanake\u2018 \u2013 eine transkulturelle Figur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Serdar bemerkt bereits bei der Begr\u00fc\u00dfungsweise der Einheimischen, die er mit einem Vergleich aus dem Tierreich belegt (vgl. S. 49), dass er kein T\u00fcrke ist. Er beschreibt, wie sich die t\u00fcrkische Begr\u00fc\u00dfung vom Gru\u00df der t\u00fcrkischen Gastarbeiterkinder in Deutschland unterscheidet.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wei\u00dft du [Hakan], wie sich die schicken Prolls hier gr\u00fc\u00dfen? Nicht etwa mit Handschlag und nassem Kuss auf die Backen, wie wir\u2019s in Almanya kultivieren, um nebenbei den Alemanbengeln anzuzeigen, was f\u00fcr ausgemachte K\u00f6rperfeinde sie doch sind. (49)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig charakterisiert sich Serdars und Hakans Gru\u00df durch dessen Funktion, den Gr\u00fc\u00dfenden von seinen deutschen Mitmenschen abzugrenzen. Der Gru\u00df veranschaulicht erneut den Widerstandscharakter, den ihre konstruierte \u201aKanaken\u2018-Identit\u00e4t in Abgrenzung zu zwei abgeschlossen gedachten kulturellen Entit\u00e4ten definiert. Diese liegt kulturell in einem Zwischenraum inmitten von Deutschland und T\u00fcrkei, Okzident und Orient, \u201edem Normalen\u201c und \u201edem Anderen\u201c. Wohlgemerkt beschreibt eine Koexistenz dieser zwei Entit\u00e4ten nicht diese Widerstandsidentit\u00e4t. Die Hauptfiguren k\u00f6nnen n\u00e4mlich zu keinem Zeitpunkt Teil einer der beiden Entit\u00e4ten werden. Sie sind \u201eweder Fisch noch Fleisch\u201c (69). Diesen Zwischenraum kulturell zu definieren, vermag das Konzept der Transkulturalit\u00e4t, das Wolfgang Welsch in Abgrenzung zum traditionellen Konzept der Einzelkulturen und zum Begriff der Multikulturalit\u00e4t pr\u00e4gte.<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a> Im Gegensatz zu diesen sei Kultur generell von Hybridisierung gekennzeichnet. Besonders Migration f\u00fchre zur Verflechtung von Lebensformen und m\u00fcnde in der transkulturellen Pr\u00e4gung von Individuen.<a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\">[41]<\/a> Dies ist zentral f\u00fcr die Beschreibung der zwei Romanhelden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Liebesmale, scharlachrot<\/em> kann in seiner ganzen Konzeption als hybrid bezeichnet werden: Angefangen bei der polylogischen Erz\u00e4hlweise des Briefromans, die in der Vielseitigkeit von Sichtweisen und Ambivalenzen als hybrid ausgemacht werden kann,<a href=\"#_ftn42\" name=\"_ftnref42\">[42]<\/a> bis hin zur Sprache, die vor Anspielungen auf das Alte und Neue Testament, auf Orientbilder und auf westliche Hoch- und Popul\u00e4rkultur, vor Neologismen, archaischen Ausdr\u00fccken, Mehrsprachigkeit, Lehnw\u00f6rtern, konstantem Wechsel zwischen konzeptionell schriftlichem und kolloquialem Stil und Vergleichen mit verschiedensten Bereichen strotzt.<a href=\"#_ftn43\" name=\"_ftnref43\">[43]<\/a> Schlie\u00dflich ist auch die Identit\u00e4t der Protagonisten hybrid. Sie teilen das Umfeld der \u201aGastarbeiterkinder\u2018, das Zaimoglu in seinem Deb\u00fctwerk <em>Kanak Sprak <\/em>beschreibt.<a href=\"#_ftn44\" name=\"_ftnref44\">[44]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl Zaimoglu beteuert, dass diese zweite Generation der Migranten keine kulturelle Verankerung sucht,<a href=\"#_ftn45\" name=\"_ftnref45\">[45]<\/a> muss doch f\u00fcr den Roman das Gegenteil festgestellt werden. Sowohl Serdar als auch Hakan suchen nach einer spezifischen Identit\u00e4t. Als S\u00f6hne t\u00fcrkischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, geh\u00f6ren sie einer ganz eigenen Kultur an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman reflektiert damit Edward Saids Untersuchungen, wie der Orient als europ\u00e4ische Erfindung zur Definierung Europas als Gegenidee und Gegenidentit\u00e4t beigetragen hat,<a href=\"#_ftn46\" name=\"_ftnref46\">[46]<\/a> auf vielseitige Weise. Der Text zeigt vor allem aber, wie die Hauptfiguren den Orientalismus, mit dem sie konfrontiert werden, produktiv aufnehmen und daraus ihre Identit\u00e4t schmieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in den vorangehenden Abschnitten gezeigt, lebt die Inszenierung dieser Identit\u00e4t von der Reproduktion und Aufnahme von Stereotypen. Wie Selbststereotypisierung in der Gesellschaft zur Selbstkategorisierung in eine bestimmte Gruppe f\u00fchrt, das Gruppenzugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl st\u00e4rkt und somit eine bestimmte gesellschaftliche Identit\u00e4t erzeugt,<a href=\"#_ftn47\" name=\"_ftnref47\">[47]<\/a> zeigt der Roman anhand des Identit\u00e4tserschaffungsexperiments der stilisiert hybriden \u201aKanaken\u2018-Identit\u00e4t. Der kurzlebige Erfolg dieses Experiments manifestiert sich im identit\u00e4tsstiftenden Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zwischen Serdar und Hakan zum H\u00f6hepunkt des Romans, als Serdar Hakan in die T\u00fcrkei bittet, um den T\u00fcrken Baba und die Deutsche Anke von ihm fernzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hybridit\u00e4t der daraus entstandenen \u201aKanaken\u2018-Identit\u00e4t findet symbolisch ihr Zuhause im Zwischen(kultur)raum zwischen der T\u00fcrkei und Deutschland, n\u00e4mlich im Flugzeug, wo Serdar wieder zu sich findet. Karina Becker nennt diesen einen \u201etransitorischen Raum\u201c. \u201eTransitorische Orte\u201c definiert sie als \u201eOrte des \u00dcbergangs, des Neuanfangs oder, wie Foucault (1980) es nennen w\u00fcrde, \u201aHeterotopien\u2018, die als Gegenr\u00e4ume einen Gegenentwurf zur Realit\u00e4t schaffen.\u201c<a href=\"#_ftn48\" name=\"_ftnref48\">[48]<\/a> Dieser im Roman \u201etransitorisch\u201c und k\u00fcnstlich f\u00fcr die Dauer eines Fluges geschaffene Raum kann als Visualisierung des von Homi K. Bhabha im Rahmen seiner Hybridit\u00e4tstheorie gepr\u00e4gten Konzeptes vom \u201eDritten Raum\u201c gelten. Der \u201eDritte Raum\u201c stellt eine Situation dar, in der zwei (oder mehr) Individuen\/Kulturen aufeinander Einfluss aus\u00fcben und (aus stets bereits Hybridem) eine \u201edritte\u201c hybride Kultur hervorbringen. Das Konzept des \u201eDritten Raumes\u201c kritisiert damit die Vorstellung einer Originalkultur.<a href=\"#_ftn49\" name=\"_ftnref49\">[49]<\/a> Somit ist Hybridit\u00e4t das Element, das den in Kategorien von Einzelkultur und Multikulturalit\u00e4t so schwer fassbaren Roman erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit: <em>desenga\u00f1o<\/em> des Pikaro<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Suche der beiden \u201aKanaken\u2018 nach einem kulturellen Bestimmungsort scheitert. Der Boden der Tatsachen findet sich zum Schluss des Romans nicht in der Metapher eines Flugs, sondern entweder an der \u00c4g\u00e4is oder in Kiel. Denn die gescheiterte Flucht Serdars in die scheinbare Heimat bringt ihn seiner \u201ekalten Heimat\u201c (9) zur\u00fcck. Genauso kehrt Hakan, nachdem er Serdars Hilferuf gefolgt ist, zur\u00fcck nach <em>Almanya.<\/em> Was wird also aus der Widerstandsidentit\u00e4t?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Konzept der Widerstandsidentit\u00e4t vermag wohl zu erkl\u00e4ren, worin die Funktion der Selbstverortung in eine negativ stereotypisierte \u201aKanaken\u2018-Kultur liegt.<a href=\"#_ftn50\" name=\"_ftnref50\">[50]<\/a> Betrachtet man Zaimoglus eingangs zitierte Definition von \u201eKanake\u201c<a href=\"#_ftn51\" name=\"_ftnref51\">[51]<\/a>, leuchtet es ein, dass die negativen Stereotypen, die mit diesem Schimpfwort verbunden sind, umfunktioniert und ins Positive gekehrt werden, sobald der Begriff zum Namen wird, der mit \u201estolzem Trotz\u201c gef\u00fchrt wird. Wie das geschieht, erkl\u00e4rt Judith Butlers Ansatz der Rekontextualisierung verletzender Worte.<a href=\"#_ftn52\" name=\"_ftnref52\">[52]<\/a> Die Beleidigung \u201eKanake\u201c wird zur \u201eEhrenbezeichnung\u201c, wenn die diskriminierende Bedeutung den hegemonialen Kontext der Unterwerfung verl\u00e4sst und der Begriff nicht mehr zur Verletzung des Benannten dient, sondern als Inszenierung rassistischer Rede, die die verletzende \u00c4u\u00dferung reinszeniert und resignifiziert.<a href=\"#_ftn53\" name=\"_ftnref53\">[53]<\/a> Die Beleidigungen und Stereotypisierungen der beiden Protagonisten sind ein Konglomerat verschiedenster Rekontextualisierungen, um rassistische Rede zu inszenieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Kati R\u00f6ttger produziert die Selbstidentifizierung als \u201aKanake\u2018 eine Maske, die Widerstand leisten und Identit\u00e4t vermitteln solle, hinter der es jedoch \u201ekein Selbst\u201c<a href=\"#_ftn54\" name=\"_ftnref54\">[54]<\/a> gebe. Dieses tritt in Zaimoglus <em>Kanak Sprak <\/em>in einer emotional geladenen Passage zutage:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frag mich, wie nur k\u00f6nnt ich erl\u00f6sung finden und wie gottgef\u00fcllte nische beziehen, ich frag mich, wie k\u00f6nnt ich mich retten vor dem angriff des widersachers, der dich heimsucht in der nacht und an den scheiben kratzt, ich frag mich wie kann ich mich hochhangeln an nen ort, wo\u2019s nicht so messerscharf zugeht, ich frag mich, wo ist die milde hand, die sich in meine hand vergr\u00e4bt, ich frag mich, wo ist die frau, mit der gut kirschen essen ist, an deren weiche haut sich schmiegen l\u00e4\u00dft, ich frag mich, wann ich das olle z\u00e4hnefletschen endlich lassen kann, weil ich doch nicht aus\u2019m tierreich bin, und meine ruhe haben will im menschenreich. Und, bruder, ich glaube, wer antwort wei\u00df auf all die fragen, der ist wahrlich ein gottverdammter weiser.<a href=\"#_ftn55\" name=\"_ftnref55\">[55]<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Passage erkennt man die wahre Suche nach Identit\u00e4t, die \u201eso etwas wie Heimat sein k\u00f6nnte\u201c.<a href=\"#_ftn56\" name=\"_ftnref56\">[56]<\/a> Georg Mein sieht darin die Frage gestellt, \u201ewo die \u201aKanaken\u2018 am Ende ankommen wollen\u201c mit ihrer Selbstinszenierung, die auf die kulturelle Zur\u00fcckweisung der Deutschen und T\u00fcrken reagiert.<a href=\"#_ftn57\" name=\"_ftnref57\">[57]<\/a> Eine \u00e4hnliche Desillusionierung erfahren die beiden Helden aus <em>Liebesmale, scharlachrot. <\/em>Hakan l\u00e4sst sich nahezu im ganzen Roman keine Skepsis anmerken, was seine Inszenierung als \u201eKanaksta-\u201c und \u201eStreetlife-K\u00fcmmel\u201c (vgl. 48, 186) betrifft, obgleich viele seiner Vorhaben entt\u00e4uschend enden, z.B. die gescheiterte Schwanenjagd (vgl. 41-47) und der unrentable Kauf geklauter Handys (vgl. 96 f.). Stets h\u00e4lt er daran fest, zu \u201eden heftigsten Kriegsk\u00fcmmeln\u201c (97) zu z\u00e4hlen. Hakans Neigung, sich mit kriminellen Mitteln von Episode zu Episode zu hangeln, ohne jedoch ein erfolgreicher Krimineller zu werden, und sein unzuverl\u00e4ssiges Erz\u00e4hlen, das von linguistischen Spielereien jeglicher Art durchzogen ist, verleihen der Figur etwas Pikareskes. Um den Schelm als Pseudo-Kriminellen zu entlarven, muss man die Briefe der anderen Figuren als \u201eKomplement\u00e4rlekt\u00fcre\u201c<a href=\"#_ftn58\" name=\"_ftnref58\">[58]<\/a> heranziehen. Das \u201eagonale Spiel von einander zum Teil erg\u00e4nzenden, zum Teil widersprechenden Weltbildern und Erz\u00e4hlformen\u201c<a href=\"#_ftn59\" name=\"_ftnref59\">[59]<\/a> macht den Briefroman <em>Liebesmale scharlachrot <\/em>zu einem Schelmenroman und den \u201aKanaken\u2018 zu einem modernen Pikaro, der gegen die etablierte Gesellschaft auf der Heimatsuche durch die Landschaft zieht. Schlie\u00dflich zeigt sich das pikareske Prinzip vom <em>bellum omnia contra omnes<\/em> auch in der Widerstandsidentit\u00e4t des \u201aKanaken\u2018: Seine Umgebung und das Problem der Translokalit\u00e4t sind eine Variante des Topos der \u201averkehrten Welt\u2018, die in der Tradition der Menippeischen Satire als Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft fungiert. So nimmt ausgerechnet Anke aus der T\u00fcrkei \u2013 nun selber eine Fremde \u2013 an Hakan schreibend wahr: \u201e[I]ch schicke dir diesen Brief nach Deutschland, obwohl du mit deinem Namen viel mehr hierher geh\u00f6rst und ich mit meinem Namen dort besser aufgehoben bin.\u201c (274) Damit beugt sie sich schlie\u00dflich dem mehrheitsgesellschaftlichen Konstrukt von Kulturkreisen und zw\u00e4ngt Hakan (und sich) in das dualistische Paradigma, das diese \u201averkehrte Welt\u2018 \u00fcberhaupt zustande kommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der briefliterarischen, erotischen und touristischen Erkundungsreisen in der Hoffnung, eine Identit\u00e4t jenseits der alten Paradigmata zu finden, scheint also ein ern\u00fcchternder Essenzialismus zu stehen, den man nur akzeptieren, nicht aber produktiv machen kann. Dieses desillusionierende Moment, der <em>desenga\u00f1o<\/em> des Pikaro, tritt bei Hakan sobald nicht auf. Als es schlie\u00dflich der sich als Eroberer inszenierende Hakan ist, der von Jacqueline erobert und dann wieder verlassen wird, klingt er ernsthaft verzweifelt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin am Ende meiner Kr\u00e4fte, Schei\u00dfe, ich frag mich, was soll ich inner Zukunft, in der ich weniger wert bin als ne kaputte Ampulle.<br \/>\nHakan, ohne Rang und Namen (265)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte schlagen einen \u00e4hnlichen Ton an wie der obige Ausschnitt aus <em>Kanak Sprak. <\/em>Hakan, der sich nach all der \u201eKanaksta-\u201c und \u201eStreetlife-K\u00fcmmel\u201c-Inszenierung (48, 186) nach aufrichtiger Liebe sehnt, manifestiert ganz im Sinne des pikaresken Romanendes den Wunsch nach Teilhabe an der normalb\u00fcrgerlichen Welt. Serdar hingegen scheint schon von Beginn an die \u201aKanaken\u2018-Pose als vermeintlich identit\u00e4tsstiftendende Ma\u00dfnahme erkannt zu haben, was sich an seinem Bestreben zeigt, eine \u201e\u201aautonome Einheit\u2018\u201c (140) zu sein. Die fluchtartige R\u00fcckkehr der beiden nach Deutschland verr\u00e4t, dass es der Ort ist, den sie als Heimat beanspruchen wollen. Eine Erweiterung von dem, was als t\u00fcrkisch oder deutsch gilt, wird von den Bio-Deutschen und von jenen, die sich als T\u00fcrken identifizieren, abgelehnt. So bleiben sie weiter zwischen zwei St\u00fchlen, wo ihnen vorgeworfen wird, keiner \u201aeindeutigen\u2018 Kultur anzugeh\u00f6ren und gelangen so \u2013 um mit Hakans Worten zu enden \u2013 zum Schluss, dass sie \u201eHeld[en] ohne Heldentum\u201c (88) sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Footnotes:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Spiegel, Hubert. \u201eFeridun Zaimoglu: Ru\u00df: Und hinterm Wasserh\u00e4uschen eine Welt\u201c. In: <em>Frankfurter <\/em><em>Allgemeine Zeitung,<\/em> 5. Okt. 2011, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/belletristik\/feridun-zaimoglu-russ-und-hinterm-wasserhaeuschen-eine-welt-11483764.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/belletristik\/feridun-zaimoglu-russ-und-hinterm-wasserhaeuschen-eine-welt-11483764.html<\/a> (eingesehen am 15. August 2016); Kahle, Christine. \u201eFeridun Zaimoglu: \u201aDer Islam ist eine Modewelle\u2018\u201c. In: <em>tagesschau.de,<\/em> 28. August 2007, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/meldung203352.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/meldung203352.html<\/a> (eingesehen am 15. August 2016); R\u00fcdenauer, Ulrich. \u201eEtwas weniger zerebralminimal vor sich hin d\u00e4mmern: Feridun Zaimoglus Romane \u201aLiebesmal, scharlachrot\u2018 und \u201aGerman Amok\u2018\u201c. In: <em>literaturkritik.de,<\/em> Januar 2003, <a href=\"http:\/\/literaturkritik.de\/public\/rezension.php?rez_id=5584\">http:\/\/literaturkritik.de\/public\/rezension.php?rez_id=5584<\/a> (eingesehen am 15. August 2016).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Cheesman, Tom. \u201eTalking \u201aKanak\u2018: Zaimo\u011flu contra Leitkultur\u201c. In: <em>New German Critique<\/em>, 92 (2004), S.\u00a082-99, hier S.\u00a083.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zaimoglu, Feridun. <em>Kanak Sprak: 24 Mi\u00dft\u00f6ne vom Rande der Gesellschaft<\/em>, Berlin: Rotbuch-Verlag, 1995, S.\u00a09.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> R\u00fcdenauer, \u201eEtwas weniger zerebralminimal vor sich hin d\u00e4mmern\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. D\u00f6rr, Volker C. \u201e\u201aN gef\u00e4lliger Kanaksta\u2018: Feridun Zaimoglus \u201aLiebesmale, scharlachrot\u2018: Migrantenliteratur im \u201atranskulturellen\u2018 Kontext?\u201c. In: <em>Zeitschrift f\u00fcr Germanistik<\/em> <em>15<\/em>\/<em>3<\/em> (2005), S.\u00a0610-628, hier S.\u00a0616.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> R\u00fcdenauer, \u201eEtwas weniger zerebralminimal vor sich hin d\u00e4mmern\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zaimoglu, Feridun. <em>Liebesmale, scharlachrot, <\/em>3. Auflage, K\u00f6ln: Kiepenheuer und Witsch 2009, S. 9. Im Folgenden zitiere ich aus diesem Buch durch Angabe der Seitenzahl im laufenden Text.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Ein Begriff, den Hakan verwendet, um seinem Freund Serdar Assimilation an die Deutschen vorzuwerfen (vgl. 24).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u201eKanak Attak und Basta!\u201c. In: <em>Kanak Attak, <\/em>November 1998, <a href=\"https:\/\/www.kanak-attak.de\/ka\/about\/manif_deu.html\">https:\/\/www.kanak-attak.de\/ka\/about\/manif_deu.html<\/a> (eingesehen am 27. M\u00e4rz 2021).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. D\u00f6rr, \u201eN gef\u00e4lliger Kanaksta\u201c, S.\u00a0624.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Esselborn, Karl. \u201eUnterschiedliche Erscheinungsformen der Interkulturalit\u00e4t\/Transkulturalit\u00e4t deutschsprachiger Literatur am Beispiel von Horst Bienek, Feridun Zaimoglu und Yoko Tawada\u201c. In: Hess-L\u00fcttich, Ernest W. B. (Hg.). <em>Kommunikation und Konflikt: Kulturkonzepte in der interkulturellen Germanistik<\/em>, Frankfurt am Main u.a.: Lang, 2009, S.\u00a0321-347, hier S.\u00a0328.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Gebauer, Mirjam. \u201eDer Barbar in der Wagenburg: Feridun Zaimoglus Ich-Entw\u00fcrfe\u201c. In: Breuer, Ulrich u.\u00a0a. (Hg.): <em>Autobiographisches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur<\/em>, M\u00fcnchen: Iudicium, 2006, S.\u00a0126-139, hier S.\u00a0132. f.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> G\u00fcnter, Manuela. \u201e\u201aWir sind bastarde, freund &#8230;\u2018: Feridun Zaimoglus Kanak Sprak und die performative Struktur von Identit\u00e4t\u201c. In: <em>Sprache und Literatur.<\/em> <em>30<\/em>\/<em>1<\/em> (1999), S.\u00a015-28, hier S.\u00a015.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Vgl. Butler, Judith. <em>Ha\u00df spricht: Zur Politik des Performativen<\/em>, Berlin: Berlin-Verl., 1998, S.\u00a010.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ebd., S.\u00a048. Kursivschreibung im Original.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Ebd., S.\u00a056.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Neubauer, Jochen. <em>T\u00fcrkische Deutsche, Kanakster und Deutschl\u00e4nder: Identit\u00e4t und Fremdwahrnehmung in Film und Literatur: Fatih Ak\u0131n, Thomas Arslan, Emine Sevgi \u00d6zdamar, Zafer \u015eenocak und Feridun Zaimo\u011flu<\/em>, W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2011, S.\u00a0488.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a0482.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> D\u00f6rr, \u201eN gef\u00e4lliger Kanaksta\u201c, S.\u00a0624.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Neubauer, <em>T\u00fcrkische Deutsche, Kanakster und Deutschl\u00e4nder<\/em>, S.\u00a0482.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Vgl. Schmidt, Gary. \u201eFeridun Zaimoglu\u2019s Performance of Gender and Authorship\u201c. In: Gerstenberger, Katharina und Patricia Herminghouse (Hg.). <em>German Literature in a New Century: Trends, Traditions, Transitions, Transformations<\/em>, New York u.a.: Berghahn, 2008. S.\u00a0196-213, hier S.\u00a0202.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Vgl. Neubauer, <em>T\u00fcrkische Deutsche, Kanakster und Deutschl\u00e4nder<\/em>, S. 488.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Ebd., S.\u00a0487.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a0488.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Zelik, Raul. \u201eWenn M\u00e4nner Briefe schreiben \u2013 Feridun Zaimoglus \u201aLiebesmale, scharlachrot\u2018 (Originalfassung Jungle World Januar 2001)\u201c. In: <em>raulzelik.net,<\/em> Januar 2001, <a href=\"http:\/\/www.raulzelik.net\/kritik-literatur-alltag-theorie\/143-wenn-maenner-briefe-schreiben-feridun-zaimoglu-liebesmale-scharlachrot\">http:\/\/www.raulzelik.net\/kritik-literatur-alltag-theorie\/143-wenn-maenner-briefe-schreiben-feridun-zaimoglu-liebesmale-scharlachrot<\/a> (eingesehen am 21. August 2016).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Schmidt, \u201eFeridun Zaimoglu\u2019s Performance of Gender and Authorship\u201c, S.\u00a0202.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> In vielerlei Hinsicht sind Hakan und Serdar nicht gegens\u00e4tzlich \u2013 wie sie es gern inszenieren \u2013 sondern auch auf groteske Weise erg\u00e4nzend. W\u00e4hrend Serdar bis in die T\u00fcrkei von Frauen verfolgt wird, aber gerade dort Erektionsst\u00f6rungen hat, hat Hakan in Deutschland nicht sonderlich viel Erfolg bei Frauen, strotzt daf\u00fcr vor Potenz (vgl. 25 f., 202-207). Ebenso kann man sagen, dass Hakan entgegen seinem gew\u00fcnschten Selbstbild als \u201eMacho-Stecher\u201c (118), sehr naiv und kindlich in Jacqueline verliebt ist und sich ihr unterwirft in seinem \u201eMinnedienst\u201c, w\u00e4hrend Serdar, der sich oft als romantischer \u201eMinnes\u00e4nger\u201c in Szene setzt, eigentlich recht kalt und berechnend mit seinen vielen Geliebten umgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> Gebauer, \u201eDer Barbar in der Wagenburg\u201c, S.\u00a0132.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Vgl. Neubauer, <em>T\u00fcrkische Deutsche, Kanakster und Deutschl\u00e4nder<\/em>, S.\u00a0509.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> <em>Almanc\u0131,<\/em> h\u00e4ufig \u00fcbersetzt als \u201aDeutschl\u00e4nder\u2018 (sinngem\u00e4\u00df: \u201aDeutsch-artiger\u2018), ist in der T\u00fcrkei eine abwertende Bezeichnung f\u00fcr in Deutschland lebende T\u00fcrken. Das Bild des \u201aDeutschl\u00e4nders\u2018 ist verbunden mit der Vorstellung eines wohlhabenden, Schweinefleisch konsumierenden und in Bequemlichkeit lebenden T\u00fcrken in Deutschland. Im deutschen Diskurs erscheinen sie als \u201eGastarbeiter\u201c oder \u201eAusl\u00e4nder\u201c (Kaya, Ayhan und Ferhat Kentel. <em>Euro-Turks: A Bridge or a Breach between Turkey and the European Union? A Comparative Study of French-Turks and German-Turks.<\/em> 2005 [CEPS EU-Turkey Working Paper 14], S.\u00a08, 36). Ein Satz, mit dem sich deshalb die deutsch-t\u00fcrkische Jugend h\u00e4ufig identifiziert, lautet: \u201cHere we are called <em>yabanc\u0131<\/em> (foreigner) and there in Turkey they call us <em>Almanc\u0131<\/em>\u201d (ebd., S.\u00a08).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> Vgl. Neubauer, <em>T\u00fcrkische Deutsche, Kanakster und Deutschl\u00e4nder<\/em>, S.\u00a0489.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a0491.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a0489.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> Ebd., S.\u00a0491.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a0494 f.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> Adelson, Leslie A. <em>The Turkish Turn in Contemporary German Literature: Toward a New Critical Grammar of Migration.<\/em> New York: Palgrave Macmillan, 2005, S.\u00a03.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> Vgl. Welsch, Wolfgang. \u201eTranskulturalit\u00e4t: Zur ver\u00e4nderten Verfassung heutiger Kulturen\u201c. In: Schneider, Irmela (Hg.): <em>Hybridkultur: Medien, Netze, K\u00fcnste<\/em>. K\u00f6ln: Wienand, 1997, S.\u00a067-90, hier S.\u00a067-72.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref41\" name=\"_ftn41\">[41]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a069-72.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref42\" name=\"_ftn42\">[42]<\/a> Vgl. Becker, Karina. \u201e\u201aMann, bin ich n Romanmaler oder was\u2018? Identit\u00e4tsprobleme eines \u201aDeutschl\u00e4nders\u2018 in Feridun Zaimo\u011flus Briefroman Liebesmale, scharlachrot.\u201c. In: <em>German as a Foreign Language <\/em>3 (2016), S.\u00a07-26, hier S.\u00a017-18.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref43\" name=\"_ftn43\">[43]<\/a> Ebd., S.\u00a010-12.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref44\" name=\"_ftn44\">[44]<\/a> Vgl. Zaimoglu, <em>Kanak Sprak<\/em>, S.\u00a09-18.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref45\" name=\"_ftn45\">[45]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a012.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref46\" name=\"_ftn46\">[46]<\/a> Said, Edward W. <em>Orientalism<\/em>, London: Penguin Books, 2003, S.\u00a01-9.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref47\" name=\"_ftn47\">[47]<\/a> Vgl. Hogg, Michael A. und Dominic Abrams. <em>Social Identifications: A Social Psychology of Intergroup Relations and Group Processes<\/em>, London [u.a.]: Routledge, 1988, S.\u00a073.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref48\" name=\"_ftn48\">[48]<\/a> Becker, \u201e\u201aMann, bin ich n Romanmaler oder was\u2018?\u201c, S.\u00a018.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref49\" name=\"_ftn49\">[49]<\/a> Bhabha, Homi K. <em>The Location of Culture<\/em>, London: Routledge, 1994, S.\u00a036-38.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref50\" name=\"_ftn50\">[50]<\/a> Vgl. Neubauer, <em>T\u00fcrkische Deutsche, Kanakster und Deutschl\u00e4nder<\/em>, S.\u00a0453-477.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref51\" name=\"_ftn51\">[51]<\/a> Zaimoglu, <em>Kanak Sprak<\/em>, S.\u00a09.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref52\" name=\"_ftn52\">[52]<\/a> Vgl. R\u00f6ttger, Kati. \u201eKanake sein oder Kanake sagen? Die Entscheidungs-Gewalt von Sprache in der Inszenierung des Anderen und des Selbst\u201c, In: Balme, Christopher (Hg.). <em>Theater als Paradigma der Moderne? Positionen zwischen historischer Avantgarde und Medienzeitalter<\/em>, T\u00fcbingen, Basel: Francke, 2003, S.\u00a0289-299, hier S.\u00a0296 f.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref53\" name=\"_ftn53\">[53]<\/a> Vgl. ebd., S.\u00a0297.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref54\" name=\"_ftn54\">[54]<\/a> Ebd., S.\u00a0298.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref55\" name=\"_ftn55\">[55]<\/a> Zaimoglu, <em>Kanak Sprak<\/em>, S.\u00a077.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref56\" name=\"_ftn56\">[56]<\/a> Mein, Georg. \u201eDie Migration entl\u00e4sst ihre Kinder: Sprachliche Entgrenzungen als Identit\u00e4tskonzept\u201c. In: Kammler, Clemens (Hg.). <em>Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1989: Zwischenbilanzen \u2013 Analysen \u2013 Vermittlungsperspektiven<\/em>. Heidelberg: Synchron, 2004,\u00a0201-217, hier S.\u00a0213.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref57\" name=\"_ftn57\">[57]<\/a> Vgl. Mein, \u201eDie Migration entl\u00e4sst ihre Kinder\u201c, S.\u00a0213.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref58\" name=\"_ftn58\">[58]<\/a> Bauer, Matthias. <em>Der Schelmenroman<\/em>. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994, S.\u00a02.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref59\" name=\"_ftn59\">[59]<\/a> Ebd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u201eGew\u00f6hn dir mal langsam &nbsp; Kanakenmanieren an, Alter\u201c &nbsp; Die Inszenierung von Identit\u00e4t in &nbsp; Feridun Zaimoglus &nbsp; Roman Liebesmale, scharlachrot &nbsp; &nbsp; Ricardo Rudas Meo, Freiburg &nbsp; &nbsp; Einleitung Kanak Sprak \u2013 24 Mi\u00dft\u00f6ne vom Rande der Gesellschaft hei\u00dft das Werk, mit dem der deutsche Autor t\u00fcrkischer Herkunft Feridun Zaimoglu 1995 deb\u00fctierte. 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