{"id":7468,"date":"2021-05-16T15:48:20","date_gmt":"2021-05-16T19:48:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7468"},"modified":"2021-05-17T11:05:00","modified_gmt":"2021-05-17T15:05:00","slug":"v-buchbesprechungen-irmgard-hunt-huben-druben-hin-her","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-47-2021-current-issue\/v-buchbesprechungen-irmgard-hunt-huben-druben-hin-her\/","title":{"rendered":"V. Buchbesprechungen: Irmgard Hunt. h\u00fcben dr\u00fcben hin her"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Irmgard Hunt.<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>h\u00fcben dr\u00fcben hin her<\/em>.<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Gedichte und Kurzprosa<\/em>.<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Leipzig: Engelsdorfer Verlag, 2019. 142 Seiten. ISBN 978-3-96145-795-3<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Edith Borchardt, Kingston, New York<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 19.8907%;\"><\/td>\n<td style=\"width: 60.7103%;\"><a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2021\/05\/Hunt-Buchcover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7469\" src=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2021\/05\/Hunt-Buchcover-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"670\" srcset=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2021\/05\/Hunt-Buchcover-188x300.jpg 188w, https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/files\/2021\/05\/Hunt-Buchcover.jpg 313w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Wir danken Helmut Troendle, dem Witwer der verstorbenen Burga Endhardt und <\/span><span style=\"font-size: 10pt;\">Copyright-Inhaber<\/span><span style=\"font-size: 10pt;\">, f\u00fcr die freundliche Genehmigung zum Wiederabdruck dieses Covers von Burga Endhardt.<\/span><\/p>\n<\/td>\n<td style=\"width: 19.3989%;\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das enigmatische Titelbild von Burga Endhardt auf dem Umschlag von <em>h\u00fcben dr\u00fcben hin her<\/em> deutet auf das R\u00e4tsel des menschlichen Lebens in seiner universalen Symbolik, die individuelles Erleben umh\u00fcllt. Es f\u00fchrt zu ekphrastischen Fragen und \u00dcberlegungen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dunkelverschleierte Menschenfigur<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magische Maske: <em>persona<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schmetterling? \u201chin her\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Transformationen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verh\u00fcllung, Enth\u00fcllung, Entwicklung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwandlung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverwirklichung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Teleologische Zentroversion<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Extrovertiert introvertiert<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reifeproze\u00df in Todesn\u00e4he<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flatternder Trauerflor<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie die Autorin von <em>h\u00fcben dr\u00fcben hin her <\/em>auf der R\u00fcckseite des Umschlags erkl\u00e4rt, geht es in ihrem Buch um \u201eLeben und Lieben auf zwei Kontinenten\u201c, um die \u201eExistenz zwischen den Sprachen, Heimat und Fremde\u201c. Gespaltene Existenz bedeutet gespaltene Identit\u00e4t, die in diesen Gedichten und Geschichten Ausdruck findet. Spaltung hei\u00dft aber auch Verdoppelung des Daseins, Bereicherung der Erfahrung. Gegenwart und Erinnerung im Pendeln zwischen hier und dort, zwischen jetzt und damals ist die Totalsumme ihrer menschlichen Existenz, ihre Identit\u00e4t die Integrierung aller Erfahrungen im Zwischenbereich von h\u00fcben und dr\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Sammelband ist der Entwurf einer kreativen Pers\u00f6nlichkeit, deren Belesenheit (assoziativ f\u00fcr die Leser) in ihre Kurzprosa einflie\u00dft, als Muster f\u00fcr eine Geschichte wie \u201eNachrichten aus dem Kanalland\u201c, als Zuflucht am Ende von \u201eBank, Benzin, Blut, Brot\u201c oder als Ausklang in \u201eWir\u201c. Die Erz\u00e4hlerin im \u201eKanalland\u201c von Ft. Collins, Colorado, gebraucht einen bekannten Kinderstreich aus <em>Max und Moritz<\/em> von Wilhelm Busch als Vorbild f\u00fcr ihre Geschichte, worauf das leicht umgewandelte Zitat am Anfang mit seinem Rhythmus sofort aufmerksam macht. Leider ist in ihrer eigenen Welt dieser Lausbubenstreich \u2013 das Abs\u00e4gen der Br\u00fccke \u00fcber dem Gew\u00e4sser \u2013 f\u00fcr sie nicht nachvollziehbar, weil es meilenweit an ihrem Kanal keine Br\u00fccken gibt. Die Eheprobleme sind nicht mehr zu \u00fcberbr\u00fccken, und somit gibt es keine Br\u00fccke zu zers\u00e4gen, sich selbst abzuspalten, um ihre Identit\u00e4t in einem Fantasiebereich zu bewahren. Mark Twain steht Pate f\u00fcr den imagin\u00e4ren Fluchtversuch auf dem Kanal, der von dem Fluss Cache la Poudre abgeleitet durch Ft. Collins flie\u00dft: \u201eMan k\u00f6nnte Huck Finn spielen\u201c, meint die Erz\u00e4hlerin, \u201eund von hier aus auf einem Flo\u00df zum Mississippi gelangen\u201c (21). Auch in \u201eStr\u00e4ub- und St\u00f6rst\u00fccke aus den Memoiren\u201c geht es um die Flucht aus der beklemmenden Wirklichkeit: \u201eDann gehen Schweben und Schwingen ins Schwimmen \u00fcber Flie\u00dfen im Wasser dahin gleiten eine rettende Art der Fortbewegung. Fort. Eintauchen. Untertauchen und im Ohr\u2026 die Undinenworte <em>Bin unter Wasser<\/em>. Bin weg. Vergesst mich\u201c (93). Mit dem Wasser als Zufluchtsort, als Ausschaltung der Welt, verbindet sich auch das Motiv des Todes: \u201eAls alte Schwimmerin denkt sie \u00fcber das Eintauchen, das Ertrinken als die sch\u00f6nste Art des Sterbens\u2026 nach\u201c (97). Das f\u00fchrt zu Gedanken \u00fcber die entk\u00f6rperte Seele, die f\u00fcr sie \u201eEtwas Flie\u00dfendes wie <em>Wasser und Schleier<\/em>\u201c sein mu\u00df (94).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende von \u201eBank, Benzin, Blut, Brot\u201c bemerkt die Erz\u00e4hlerin, dass sie wieder einmal <em>pane e vino <\/em>lesen m\u00fcsste, einen Band von Ignazio Silone (Pseudonym f\u00fcr Secondino Tranquilli), dessen Roman unter dem deutschen Titel <em>Brot und Wein <\/em>1936 zuerst in der Schweiz erschien. Darin geht es um das falsche Dasein eines Menschen, um ein Rollenspiel hinter der Maske der Religion. Vielleicht h\u00e4tte sie aber auch Giovanni Papini interessiert, weil er seinem Band religi\u00f6ser Gedichte \u201eBrot und Wein\u201c von 1926 einen Monolog \u00fcber die Poesie hinzuf\u00fcgte. Poesie: die Dichtkunst als Verzauberung der Welt, wo sie als Prinzessin auf ihrer Burg hinter dem Kanal als Festungsgraben ungest\u00f6rt allein leben k\u00f6nnte. Im \u201eKanalland\u201c \u00e4u\u00dfert sie sich \u00fcber die Kreativit\u00e4t: \u201eKreatives Schaffen fordert ungeheuer gro\u00dfe Zeitspannen. Es arbeitet im Kopf, ohne dass etwas f\u00fcr andere Sichtbares geschieht. Zeit, Ruhe, Raum, Platz, Freiheit \u2013 absolut. Sich Freiraum schaffen, sagen die K\u00fcnstler. Es tut sich nichts, sagen die anderen. Die Frau kann seit neuestem nicht mehr schreiben; es geht nur noch, wenn sie allein ist\u201c (20). Allein ist sie aber nicht in \u201eBank, Benzin, Blut, Brot\u201c wegen des unliebsamen Gastes, der gegen die Rituale des allt\u00e4glichen Lebens verst\u00f6\u00dft, den Tagesrhythmus seiner Gastgeber st\u00f6rt und deren gewohnte Lebensweise unterminiert. <em>Persona<\/em>, die Maske: gute Miene zum b\u00f6sen Spiel, Unterdr\u00fcckung von Zorn und \u00c4rger. Als humorvolles musikalisches Leitmotiv durchzieht \u201eO du lieber Augustin\u201c aus Boris Tschaikowskis Begleitmusik f\u00fcr eine Radioproduktion des \u201eSchweinehirten\u201c diese Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rollen der Erz\u00e4hlerin sind vielf\u00e4ltig, in \u201eAdvent\u201c aufgez\u00e4hlt: Ehefrau, Mutter, K\u00f6chin, Wirtin, Aufwarteperson (39) im Alltag und Familienleben; im Beruf vermehren sie sich: Akademikerin, Kritikerin, \u00dcbersetzerin von Gedichten, Herausgeberin eines literarischen Journals, Schatzmeisterin f\u00fcr SCALG (Society for Contemporary American Literature in German), worauf in \u201eWir\u201c angespielt wird. Wie findet man da Zeit und Ruhe, Freiraum f\u00fcr die Kreativit\u00e4t, f\u00fcr das eigene Dichten, das ein \u201evertrocknetes Bl\u00fcmchen geworden ist\u201c, ein \u201everschreckter Hase\u201c, der sich vielleicht nicht wieder blicken l\u00e4sst (19)? Wie passt das gesellschaftliche Rollenspiel in ihr Konzept von Identit\u00e4t und sch\u00f6pferischem Dasein? Dazu \u00e4u\u00dfert sie sich in ihrer Erz\u00e4hlung \u201eSo viel bedroht die zarten Pfl\u00e4nzchen\u201c in einem Gespr\u00e4ch mit Imogen, ihrer jugendlichen Besucherin, mit der sie die Initiale ihres Vornamens teilt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">\u201eI,\u201c sagte ich zu Imogen \u2026 steht auch f\u00fcr \u201eI\u201c in Englisch und \u201eich\u201c in Deutsch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Das Selbst. Das Ich-sein. Oder das Ich-werden. Es steht sogar auch f\u00fcr<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Identit\u00e4t. Wei\u00dft du, wer du bist? Suche nach hinter deinem Initial, beginne<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">jetzt, denn es braucht sehr lange, bis man es findet. Was man sucht, hat die<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Neigung, sich immer mehr zu verbergen. Und, glaubt man, es erfa\u00dft zu haben,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00e4ndert es sich gleich wieder (60).<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die uralte Frage: \u201eWer bin ich?\u201c als Ausgangspunkt zur Entwicklung und Transformation des individuellen Potenzials im Leben geh\u00f6rt zum Prozess der Selbstverwirklichung. Nicht immer kann das wahre \u201eIch\u201c beim Rollenspiel zum Ausdruck kommen. Es versteckt sich hinter der gesellschaftlichen Maske, der Pflichterf\u00fcllung und den Problemen des Alltags.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eWir\u201c ist die Mutterrolle zentral. Beim Ausklang sprengt die Erz\u00e4hlerin den Rahmen des Geschehens mit dem letzten Satz, der an das Ende von Kafkas Kurzgeschichte \u201eDas Urteil\u201c erinnert. Dort hei\u00dft es beim Selbstmord Georgs, den der Vater in den Tod trieb: \u201eIn diesem Augenblick ging \u00fcber die Br\u00fccke ein geradezu unendlicher Verkehr.\u201c Statt um das Verh\u00e4ltnis vom Vater zum Sohn geht es in Irmgard Hunts Geschichte um die Beziehung der Mutter zu ihrem Sohn, aber der Wahnsinn ist auch in \u201eWir\u201c thematisch, denn der nun siebzigj\u00e4hrige Sohn musste schon als F\u00fcnfzehnj\u00e4hriger wiederholt in die Psychiatrie. Im Gegensatz zu dem strafenden alten Vater in Kafkas Erz\u00e4hlung ist die neunzigj\u00e4hrige Mutter hier aber um den Sohn besorgt, und sie helfen einander aus. Im hohen Alter f\u00e4hrt sie noch Auto und nimmt ihn mit zum Einkaufen, damit er Lebensmittel zu Hause hat. Er selbst hat kein Auto mehr, weil er \u201emehrere Autos zu Schrott gemacht\u201c hat. Trotzdem \u201epa\u00dft er haarscharf auf\u201c, dass die Mutter beim Fahren keine Fehler macht. Die Mutter denkt, dass sie an ihrem Lebensende dem Sohn ihr Auto hinterlassen wird und hofft, dass er \u00fcberleben wird, falls er einen Unfall damit hat. Wenn er auch \u201eParanoia in dem Wahnsinnsverkehr heutzutage\u201c hat, dirigiert er sie doch sicher aus dem Parkplatz hinaus auf die Fahrstra\u00dfe, und die Mutter stellt fest: \u201eDer Verkehr flutet ungeheuer\u201c (11).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Akustische <em>madeleine<\/em>: momentane Verdoppelung von Zeit und Raum in der \u00dcberlagerung von Gegenwart und Vergangenheit in \u201eKatholisches Geschichtchen\u201c. Als die Erz\u00e4hlerin in Colorado zuf\u00e4llig am Sonntag nach den Novemberwahlen 2016 Schuberts <em>Deutsche Messe<\/em> im Radio h\u00f6rt, ruft dies unerwartet Erinnerungen an die Kindheit in Deutschland hervor, wo sie diese Messe in der Schule sang. Die Worte, ihr von damals noch tief eingepr\u00e4gt, sind ein Echo ihrer eigenen Gedanken zu dem aktuellen politischen Geschehen in Amerika: \u201eWohin soll ich mich wenden, wenn Scham und Schmerz mich dr\u00fccken?\u201c Mehrere Gedichte in diesem Band befassen sich mit den Konsequenzen der damaligen Wahl: \u201eWehret den Anf\u00e4ngen \/ der Wahrheits-w\u00e4sche \/ der Fortdauer \/ des L\u00fcgengew\u00e4schs \/ den Folgen\u201c (79). Die Nachbarin in \u201eWEH\u201c sch\u00fcttelt nur mit dem Kopf, \u201eDa\u00df es so etwas sogar \/ in Amerika geben k\u00f6nnte\u201c (79). In \u201eKleine Gedichte\u201c wird der 8. 11. 16 als \u201eUnsternstunde\u201c bezeichnet (81), der Hitlerzeit \u00e4hnlich, in der die Dichterin geboren wurde, nur um im Alter schicksalshaft \u201eim Trumpamerika \/ zu enden? \/ Verenden\u201c (83). In dem Gedicht \u201e2016\u201c bezeichnet sie die Novemberwahl als \u201eSturz in die Katastrophe\u201c und sieht fast hellseherisch voraus: \u201eDie Notaufnahme \u00fcberlastet\u201c (84).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Positive Erinnerungen an die deutsche Heimat tauchen hin und wieder in den Bildern von Blumen auf, wie dem Strau\u00df auf einem geborgten Cotton T-Shirt in \u201eDie falsche Sprache\u201c, bei dem sie denkt: \u201eSolche Blumen hei\u00dfen im Deutschen Feldblumen, Bergblumen, Wiesenblumen\u201c (34), nicht \u201ewildflowers\u201c, wie im Englischen. Bei einem Besuch im New Yorker Riverside Park st\u00f6\u00dft sie auf Veilchen und Butterblumen, die sie seit 50 Jahren nicht mehr gesehen hat. Als st\u00e4rkeres Motiv tritt der Heimatgedanke in \u201ePelikanreise\u201c hervor, bei der R\u00fcckkehr nach Deutschland, um ihre Schwester Burga Endhardt noch einmal zu sehen und von der Sterbenden Abschied zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner Bedeutung als Psychopomp, als Seelenf\u00fchrer der Verstorbenen in die Nachwelt, ist der Pelikan in den alt\u00e4gyptischen Pyramidentexten zu finden. Zu diesem Aspekt \u00e4u\u00dfert sich die Erz\u00e4hlerin in ihren Memoiren: \u201eMan sagt, der Pelikan gebe den Verstorbenen sicheres Geleit ins Nachleben\u201c (93) und ruft ihm die Namen zu fr\u00fch Verstorbener zu. \u201eVielleicht tr\u00e4gt er ihre Seelen auf seinen Schwingen ins Unbegreifliche\u201c, meint sie da. In mittelalterlichen Bestiarien erscheint der Pelikan aber auch als Symbol f\u00fcr m\u00fctterliche Aufopferung und Selbsthingabe. So sieht sie ihn in dem Gedicht \u201ePelikan\u201c, als Ikone und Mythe, sich in seiner selbstauferlegten Pflicht f\u00fcr andere opfernd (115). Als solcher w\u00e4re er das Totemtier der Erz\u00e4hlerin, die Leitfigur durch ihr Leben, mit dem sie eine seelische Verbindung hat. Es ist gleichzeitig, wie in der Alchemie, ein Transformationssymbol, das sie auf die Deutschlandreise begleitet. Zu dieser R\u00fcckkehr in die Heimat muss sie ihr Pflichtbewusstsein und ihre Selbstaufgabe in der Pflege des neunzigj\u00e4hrigen Gatten \u00fcberwinden, um wieder zu sich selbst zu kommen. In ihrer Zerrissenheit bei der Planung der Reise kommt ihr der h\u00f6lzerne Pelikan, ein Geschenk, zu Hilfe: \u201e\u2026 und wie Imke ihn anschaut, wird der holzgeschnitzte Vogel pl\u00f6tzlich lebendig, hebt machtvoll seine Fl\u00fcgel und breitet sie \u00fcber Imke aus. Sie sp\u00fcrt allen Stress der letzten Wochen pl\u00f6tzlich von sich abfallen\u201c (118) und wei\u00df nun, dass der Vogel sie auf dieser Reise in die Vergangenheit sch\u00fctzt. Sie wird sich auch der christlich-sakralen Ikonographie des Pelikans bewusst, obwohl sie sie nicht mit ihrer eigenen liebevollen Aufopferung verbindet, sondern mit dem Wegweiser der Seele ins Unendliche. Die Fl\u00fcgel des Vogels breiten sich in ihrer Vorstellung \u201e\u00fcber ihr nunmehr beruhigtes Leben\u201c aus (119), und sie staunt \u00fcber die \u201espirituelle Erfahrung, die erste, ein Wunder\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Vogelperspektive im Flugzeug vor der Landung in der Heimat glaubt Imke \u201ezu schweben wie die befl\u00fcgelten Wesen\u201c (120), breitet ihre Fl\u00fcgel aus \u00fcber der bekannten Landschaft und \u201eerlebt den H\u00f6henflug bewu\u00dft und voll von Gef\u00fchl und Genuss und Trauer\u201c (121). Die Pelikanmythe in all ihren Formen hat mit dem Tod zu tun, dem Weg, \u201eden alle einmal gehen und den Burga die Ihren weist\u201c (123). Heimat: Erinnerungen, Zugeh\u00f6rigkeit, Verwandtschaft, Freundschaft, Liebe und die Erkenntnis, dass \u201edie Liebe in ihr wohnt und nicht vergeht\u201c (122), dass Liebe \u2013 wie alles Verg\u00e4ngliche \u2013 in ihr weiterlebt, verinnerlicht und in ihr selbst verewigt. Mit der Pelikanreise in ihre Heimat erf\u00fcllt sich f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin die \u00dcberbr\u00fcckung der inneren Gespaltenheit, der Reifeprozess der Zentroversion, der in Burga Endhardts r\u00e4tselhaftem Titelbild abstrakt verh\u00fcllt angedeutet ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irmgard Hunt. &nbsp; h\u00fcben dr\u00fcben hin her. &nbsp; Gedichte und Kurzprosa. &nbsp; Leipzig: Engelsdorfer Verlag, 2019. 142 Seiten. 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