{"id":7478,"date":"2021-05-16T15:57:35","date_gmt":"2021-05-16T19:57:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7478"},"modified":"2021-06-06T07:40:31","modified_gmt":"2021-06-06T11:40:31","slug":"v-buchbesprechungen-gabriele-eckart-vogtlandstimmen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-47-2021-current-issue\/v-buchbesprechungen-gabriele-eckart-vogtlandstimmen\/","title":{"rendered":"V. Buchbesprechungen: Gabriele Eckart. Vogtlandstimmen"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><strong>Gabriele Eckart.<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><\/h1>\n<h1 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Vogtlandstimmen. Roman<\/em>.<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021, 285 S.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Albrecht Classen, University of Arizona<strong><br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst vor kurzem ver\u00f6ffentlichte Peter Pabisch seine gro\u00dfe Untersuchung und Textsammlung von Dialektliteratur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute (<em>Geschichte der deutschsprachigen Dialektliteratur<\/em>, 2019). Nun, da Gabriele Eckarts \u201aRoman\u2018 <em>Vogtlandstimmen<\/em> im Druck vorliegt, h\u00e4tte er sehr gut in diese Arbeit hineingepasst. Das Vogtland ist die Region zwischen Bayreuth und Hof im S\u00fcdwesten (also nord\u00f6stliches Bayern bzw. Franken) und Zwickau im Nordosten und grenzt im S\u00fcdosten genau an Tschechien. Man spricht dort bis heute noch deutlich einen Dialekt, und diesem wird hier in Eckarts Text ein literarisches Zeugnis gewidmet. Daher also der Titel, aber ob es sich um einen Roman handelt, l\u00e4sst sich nicht so eindeutig bestimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin betont gleich auf der Widmungsseite, dass es sich um Fiktion handle, dass es also keine Autobiographie sei, die sie hier entworfen habe. Dennoch merkt man sehr deutlich, dass Eckart \u00fcber ihr eigenes Leben, fiktional gebrochen, berichtet. Aber worum handelt es sich eigentlich? Wir werden eingeladen, einem sehr langen Gespr\u00e4ch oder Gespr\u00e4chen zu lauschen, die zwischen verschiedenen Personen gef\u00fchrt werden, von denen so manche explizit auf den vogtl\u00e4ndischen Dialekt zur\u00fcckgreifen, was manchmal gar nicht so einfach zu verstehen ist, weswegen es verschiedentlich Erkl\u00e4rungen gibt, und am Ende findet sich sogar ein einseitiges Glossar zur Unterst\u00fctzung des Lesers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Werk selbst befinden wir uns sozusagen in einer sich stets ausweitenden und weiterwandernden Gespr\u00e4chsrunde, und wir erfahren dabei sehr viel \u00fcber die Geschichte der sp\u00e4ten DDR, die Wiedervereinigung und ihre manchmal verheerenden Folgen f\u00fcr die Menschen, die sich nicht so einfach anpassen konnten. Dann spielt die sp\u00e4tmittelalterliche Geschichte, wie sie sich im Vogtland entfaltet hatte, eine gewisse Rolle, weil eine Figur dar\u00fcber einen Vortrag halten m\u00f6chte. So erfahren wir vom Schwarzen Tod, den Hussiten, den Flagellanten, Kaiser Karl IV. (nicht Ludwig, S. 13), dem Raubrittertum usw., ohne dass diese Angaben Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit erheben. Vielmehr wird all dies eindringlich in die Auseinandersetzungen der einzelnen Figuren integriert, wirkt also unmittelbar eing\u00e4ngig, vor allem, da von hier sehr schnell der Sprung zur Zeit der DDR gemacht wird, wie sie von den hier vertretenen Figuren erfahren wurde. Sowohl die individuellen Personen als auch die Autorin selbst lassen unmissverst\u00e4ndlich ihre starke Kritik an dem sozialistischen System zum Ausdruck kommen, ohne dass dies aber extrem im Vordergrund stehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird hier aber nicht nur geredet, sondern wir folgen auch den Figuren auf ihren Wanderungen im Wald, wo sie Pilze sammeln (daher das Titelbild von einem Perlpilz oder R\u00f6tenden Wulstling, lat. Amanita rubescens, der durchaus essbar und unter Pilzfreunden recht gefragt ist) und sich \u00fcber verschiedenste Dinge unterhalten. Eigenartig, wieso der Verlag eine giftig wirkende Farbe f\u00fcr das Bild gew\u00e4hlt hat, ist ja weder der Pilz noch sind die Personen als giftig anzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte fast meinen, der gesamte Text ist dem Dialekt gewidmet, und die Gespr\u00e4che \u00fcber verschiedenste Themen dienten blo\u00df dazu, das erw\u00fcnschte Sprachmaterial entfalten zu k\u00f6nnen. Aber dies stimmt nicht wirklich, denn Eckart hat es sich vorgenommen, immer wieder die j\u00fcngere Vergangenheit in der DDR hier auftreten zu lassen, ohne ein festes Ziel vor Augen zu haben. Durch den m\u00fcndlichen Austausch der Personen entsteht eine Art von Kaleidoskop von vielen verschiedenen Anliegen, Sorgen, Interessen u. dgl. mehr, wor\u00fcber sich Menschen in einer kleineren Gemeinschaft eben so unterhalten. Wir werden also sozusagen als Zeugen eingeladen, zuzuh\u00f6ren und den Gedanken zu folgen, wobei gerade der vogtl\u00e4ndische Dialekt immer wieder eine leichte Hemmschwelle einbaut, die es unter einer gewissen Anstrengung zu nehmen gilt. Ein Zitat vermag all dies gut zu illustrieren: \u201eZeiten und Orte &#8230; verwirren sich in der Erinnerung\u201c (S. 77). Diese Erinnerung aber nimmt uns regelm\u00e4\u00dfig mit zur\u00fcck in die Zeit der DDR mit all ihren schlechten und guten Seiten, weswegen der Satz: \u201eWie ein Film flimmert das Leben vorbei\u201c (S. 96) die Sachlage recht gut trifft. Es endet damit, dass hier die DDR-Realit\u00e4t eindringlich vor Augen gef\u00fchrt wird, ohne dass Eckart eine systematische politische Analyse vorlegte. Es ist also kein Roman, keine Autobiographie, aber vielleicht so etwas wie biographische Memoria. Zugleich dominieren sehr konkrete Impressionen aus dem Alltag, immer wieder spezifisch kleine normale Momente, womit uns die Autorin sehr genau beobachtend in normale Situationen versetzt, in denen sich Gespr\u00e4che ergeben, Situationen durchdiskutiert, Sachverhalte behandelt werden, was alles dann wiederum dazu dient, das Vogtl\u00e4ndische zur Geltung zu bringen. Aber es sind nicht immer harmlose Dinge, die hier zur Sprache kommen; auch grauenhafte Massaker an Juden w\u00e4hrend der Nazizeit, schlimme Unterdr\u00fcckung seitens der DDR-Regierung, dann aber auch Spannungen unter den Menschen im engeren Umkreis. Man liest sich schnell ein und kommt nicht mehr los, und auf einmal versteht man auch fast alle dialektalen Ausdr\u00fccke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat Eckart hier vielleicht eine neue literarische Gattung geschaffen? Ein Roman ist es jedenfalls nicht, aber es handelt sich um einen faszinierenden Text.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriele Eckart. &nbsp; Vogtlandstimmen. Roman. &nbsp; W\u00fcrzburg: K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021, 285 S. &nbsp; Albrecht Classen, University of Arizona &nbsp; &nbsp; Erst vor kurzem ver\u00f6ffentlichte Peter Pabisch seine gro\u00dfe Untersuchung und Textsammlung von Dialektliteratur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute (Geschichte der deutschsprachigen Dialektliteratur, 2019). 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