{"id":7606,"date":"2021-11-12T12:00:29","date_gmt":"2021-11-12T17:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7606"},"modified":"2021-11-16T05:25:11","modified_gmt":"2021-11-16T10:25:11","slug":"nachruf-auf-john-m-spalek","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-48\/nachruf-auf-john-m-spalek\/","title":{"rendered":"Nachruf auf John M. Spalek"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Konrad Feilchenfeldt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span data-contrast=\"none\">Nicht\u00a0ganz \u00fcberraschend\u00a0kam die Nachricht aus den USA, dass <strong>John M.\u00a0Spalek<\/strong>\u00a0im Alter von 92 Jahren verstorben ist. John\u00a0Spalek\u00a0war einer der fr\u00fchesten Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die interdisziplin\u00e4re Erforschung der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933. Als Sohn eines polnischen Pfarrers und einer deutschen Mutter f\u00fchlte er sich bei diesem Thema nicht nur Deutschland verbunden, sondern zeit seines Lebens auch seiner osteurop\u00e4ischen Heimat. Nachdem er Polen im Alter von etwa zw\u00f6lf Jahren infolge der Weltlage mit seinen Eltern verlassen musste und schlie\u00dflich \u00fcber Belgien in die USA gelangte, kehrte er nach 1989 erstmals als Tourist wieder in seine alte Heimat zur\u00fcck und erz\u00e4hlte hinrei\u00dfend von der Zugsfahrt zwischen Warschau und Krakau, als ihn ein einheimischer Ingenieur ins Gespr\u00e4ch zog und er mit dem Sprachverm\u00f6gen eines Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen immer besser wieder ins Polnische hineinkam und sogar seinen kritischen Mitreisenden damit beeindruckte.\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"none\">Nach einer zwischenzeitlich noch in Europa absolvierten Schreinerlehre konnte er in den USA ein Studium antreten, aber er studierte zun\u00e4chst nicht deutsche, sondern spanische Literatur und fand nach Stationen in Stanford und an der University of Southern California in Los Angeles seinen Weg zur deutschsprachigen Kultur und Literatur in den USA. Das Zentrum seiner akademischen T\u00e4tigkeit wurde die State University of New York in Albany, wo er anf\u00e4nglich zusammen mit Joseph Peter Strelka einen Forschungsschwerpunkt f\u00fcr die deutschsprachige Exilliteratur ins Leben rief und ausbaute. Aus dieser Zusammenarbeit ging ein zuletzt auf dreizehn B\u00e4nde angewachsenes Kompendium hervor, das vom f\u00fcnften Band an in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen weitergef\u00fchrt wurde. Durch das Thema seiner Dissertation \u201eTheological\u00a0Problems on\u00a0the\u00a0Contemporary German Stage\u201c<\/span><i><span data-contrast=\"none\">\u00a0<\/span><\/i><span data-contrast=\"none\">hatte\u00a0Spalek\u00a0w\u00e4hrend seines Fulbright-Stipendienaufenthalts in M\u00fcnchen\u00a0 Kontakt mit dem damals in den Anf\u00e4ngen seiner akademischen Karriere stehenden Germanisten Wolfgang Fr\u00fchwald gefunden und schon damals zusammen mit ihm das gemeinsame Interesse an Ernst Toller entdeckt und soweit gef\u00f6rdert, dass sie sp\u00e4ter gemeinsam die von ihnen beiden schon seit langem erhoffte Werkausgabe dieses f\u00fcr die Geschichte M\u00fcnchens in der\u00a0R\u00e4terepubkik\u00a0so bedeutsamen Autors und Zeitzeugen herausgeben konnten, der nach 1933 auch im deutschsprachigen Exil noch einmal als Autor hervorgetreten ist..<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:720,&quot;335559739&quot;:0}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"none\">Spalek\u00a0geh\u00f6rte in der internationalen Exilforschung zu den M\u00e4nnern der ersten Stunde, die sich bei diesem Programm dem Gebot der sogenannten Grundlagen- oder kurz \u201eGrundforschung\u201c unterwarfen und dazu systematisch an der Suche nach den Hinterlassenschaften emigrierter deutscher Autoren beteiligten. Es ist sein \u00fcberragendes Verdienst, dass es ihm in ganz Amerika immer wieder gelang, die schriftlichen Nachl\u00e4sse einzelner Exilautoren ausfindig zu machen und sicher zu stellen und sie schlie\u00dflich in die einschl\u00e4gige Sammelstelle der seinerzeitigen Deutschen Bibliothek (heute Nationalbibliothek) In Frankfurt am Main zu organisieren. Seine Koffer voller solcher Akten sind Legende und Thema sogar einer Verfilmung geworden, die seine Verdienste um den Erhalt solcher Archivalien dokumentiert. Viele dieser Autoren, deren Nachl\u00e4sse\u00a0Spalek\u00a0auf seine Weise gerettet hat, sind sp\u00e4ter in seinem dreizehnb\u00e4ndigen Handbuch aufgrund dieser Quellenfunde gew\u00fcrdigt worden. Weitere Publikationen, mit denen er sich um die Grundforschung verdient gemacht hat, sind ein mehrb\u00e4ndiges\u00a0<\/span><i><span data-contrast=\"none\">Verzeichnis der Quellen und Materialien der\u00a0deutschspracigen\u00a0Emigration in den USA, seit 1933<\/span><\/i><span data-contrast=\"none\">\u00a0und zwei Personal-Bibliographien\u00a0zu Ernst Toller und Lion Feuchtwanger.\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:720,&quot;335559739&quot;:0}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"none\">Spalek\u00a0war kein Mann, der auf \u00e4u\u00dferen Glanz und Ehrungen wertlegte, obwohl ihm 2010 zu Recht die Goethe-Medaille verliehen wurde. Er war immer bis in die letzte Faser seiner Physis von der Sinnstiftung seines Tuns erf\u00fcllt. Er war fast st\u00e4ndig unterwegs auf\u00a0Reisen und, wo immer er eintraf, begann er zu telefonieren, und, wenn er keine Anschl\u00fcsse mehr zum Weiterreisen hatte, nahm er auch mit einfachster Unterbringung Vorlieb. Was ihn immer bei guter Laune hielt, war ein gutes Essen mit gutem Rotwein, und ein unterhaltsames Gespr\u00e4ch in geselliger Runde. Mit ihm ist einer der\u00a0ganz unkonventionellen\u00a0Gelehrten einer \u00e4lteren Generation aus unserer Berufswelt abgetreten. Wir sollen und werden sein Wirken und seine Gegenwart in unserem eigensten Interesse so lange wie m\u00f6glich in Erinnerung bewahren.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:720,&quot;335559739&quot;:0}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/ssmz55yw\">Der Nachlass von John M. Spalek<\/a> ist bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt\/Main.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Konrad Feilchenfeldt &nbsp; Nicht\u00a0ganz \u00fcberraschend\u00a0kam die Nachricht aus den USA, dass John M.\u00a0Spalek\u00a0im Alter von 92 Jahren verstorben ist. John\u00a0Spalek\u00a0war einer der fr\u00fchesten Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die interdisziplin\u00e4re Erforschung der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933. 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