{"id":7629,"date":"2021-11-12T12:00:57","date_gmt":"2021-11-12T17:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7629"},"modified":"2021-11-12T11:25:01","modified_gmt":"2021-11-12T16:25:01","slug":"kur","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-48\/kur\/","title":{"rendered":"Kur"},"content":{"rendered":"<p>von <strong>Gabriele Eckart<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All die Erinnerungen, seit ich im Ruhestand bin! Wohin damit?, frage ich meinen Mann. If life gives you lemons, make lemonade. Geschichten schreiben? Of course. Dann f\u00fcgt er hinzu: But nobody tells you that sugar is needed! Was w\u00e4re der Zucker in diesem Fall? Die Kunst, eine Geschichte gut zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Herz-Kreislauf-Kur, zweiundachtzig. Aprilwetter, windig, kalt, diesig. Eine bleigraue Ostsee und eine Parole von der Herrschaft der Arbeiterklasse am Eingang der Kurklinik geben den Bildern ihre Grundierung.<\/p>\n<p>In meiner Erinnerung rei\u00dft ein Gewittersturm an den Fensterl\u00e4den. \u201cWie Mehltau liegt mir das auf der Seele\u201d, sagt Evelyns Stimme vom Fenster her, sie und ich teilen ein Zimmer. Nach ein paar Tagen des Schweigens, in denen ihr die Kehle wie zugeschn\u00fcrt schien. \u201cAch Gott\u201d, hatte sie, wenn sie nicht einschlafen konnte, in dieser Zeit ein paar Mal gemurmelt, in einem Ton, der heftige innere Bewegungen verriet, kein Wort mehr. Einmal, mitten in der Nacht, von ihrem Bett her ein herzerbarmendes Wimmern. Und jetzt auf einmal ihr sprudelnder Redefluss, <em>Dammbruch<\/em>, das Wort kommt mir in den Sinn. Ich \u00f6ffne die Augen, war schon eingeduselt. Evelyns Schattenriss. Der Pagenhaarschnitt. Von diesem Haarschnitt abgesehen, sah sie aus, wie ich mir Claudia Chauchat vorstellte; Thomas Manns Roman war gerade meine Lekt\u00fcre. Nur die T\u00fcren schmei\u00dft sie nicht, sagte ein Mann im Speisesaal gestern, als wir an seinem Tisch vor\u00fcbergingen. Nein, schmei\u00dft sie nicht, sagte sein Tischnachbar, mit ihren M\u00e4nnerblicken verschlangen sie sie, bevor sie zu ihrem Gespr\u00e4chsthema zur\u00fcckkehrten, \u201cnicht die Errungenschaften des Sozialismus leichtfertig verspielen\u201d. Im Licht eines Blitzes sehe ich, wie sich Evelyn mit der Hand an den Hals f\u00e4hrt. Atemnot. Deshalb ist sie wohl hier.<\/p>\n<p>An ihren Redestrom erinnere ich mich noch genau. Ihr Mann, ein Westdeutscher, Unternehmersohn aus Baden-W\u00fcrttemberg, Sportwagen, Weltreisen, war ihr zuliebe DDR-B\u00fcrger geworden, aber er kam mit der Unfreiheit und der Misswirtschaft nicht zurecht. Und auch nicht mit der pers\u00f6nlichen Bereicherung der Bonzen. Bis zum Hals stand ihm alles, und er konnte nicht mehr fort. In der Falle sa\u00df er&#8230; Damit ist schon beinahe alles erz\u00e4hlt. Welch eine Wohltat, seinen Kummer mit jemandem teilen zu k\u00f6nnen! Ich stehe auf, gehe nacktf\u00fc\u00dfig zu ihr, lege ihr meine Hand auf die Schulter: Bitte versuch, es nicht so schwer zu nehmen! \u201cJa, aber er raucht sich zu Tode, und ich habe dieses Gef\u00fchl des\u2026 des Erw\u00fcrgtwerdens!\u201d Wieder f\u00e4hrt sie sich mit der Hand an den Hals. Iss eine von den Lik\u00f6rbohnen!, sage ich und wickele eine Praline aus dem Papier, hier&#8230; Das hatte sie gestern Abend gesagt, als ich nicht einschlafen konnte, die Mischung aus Zucker und Alkohol hatte mich von meiner Unrast im Gehirn erl\u00f6st. Wieder im Bett, erinnere ich Evelyn an das autogene Training heute. Sprich mir nach: \u201cIch bin ganz ruhig. Beide Arme sind ganz schwer. Beide Beine sind ganz schwer. Beide Arme sind str\u00f6mend warm. Beide Beine sind str\u00f6mend warm. Es atmet ganz ruhig. Mein Bauchraum ist str\u00f6mend warm. Meine Stirn ist angenehm k\u00fchl.\u201d<\/p>\n<p>Auf unserem Spaziergang am n\u00e4chsten Tag, aufgew\u00fchlt die See, wir stemmen uns gegen den Wind, nasser Sand saugt sich an unseren Schuhen fest, erz\u00e4hlt Evelyn mehr.<\/p>\n<p>Ingenieur in einem gro\u00dfen Industriebetrieb ist ihr Mann. Flei\u00dfig, klug und hilfsbereit, \u201cf\u00fcgt sich gut ins Kollektiv ein\u201d, wie wir damals sagten. Und der beste Mann, den sie h\u00e4tte heiraten k\u00f6nnen. Zw\u00f6lf Jahre Ehe, zwei Kinder, sie liebten sich immer noch leidenschaftlich. Aber sein Vorgesetzter war ein Nichtsk\u00f6nner und Speichellecker. Das Blaue log er vom Himmel herunter: \u201cIm Mittelpunkt steht der Mensch.\u201d Als er sich durch die Partei Zement f\u00fcr sein Gartenh\u00e4uschen besorgen lie\u00df, Nicht-Parteimitglieder hatten dieses Privileg nicht, war Evelyns Mann eine giftige Bemerkung entschl\u00fcpft. Eine Antihaltung zum Sozialismus warf ihm der Vorgesetzte, rachs\u00fcchtig wie er war, daraufhin \u00f6ffentlich vor. Undankbar sei er. Zu den Siegern der Geschichte geh\u00f6re er doch jetzt als DDR-B\u00fcrger. Aber sein Verhalten verrate kein Zeichen der Dankbarkeit. Zum Ersten Mai sei er mit den H\u00e4nden in den Taschen an der Trib\u00fcne vorbeigelaufen. Evelyn, die ihren Mann liebte, wie litt sie mit ihm!<\/p>\n<p>Ihr Seelenschmerz. Neben der Atemnot Stiche im Herzen wie von einer stumpfen Nadel. Von Spaziergang zu Spaziergang, schon nach zehn Minuten dachte ich immer, sie geht nicht, sie schleppt sich hin, wie oft mussten wir Pausen einlegen, erfahre ich mehr \u00fcber ihr Leben. Wie ich war sie in einer Parteifamilie linientreu aufgewachsen, im Scho\u00df des alleinigen Glaubens, wie wir es nannten. Als erfolgreiche Handballerin durfte sie mit ihrer Mannschaft einmal in den Westen reisen. Dort traf sie ihren Mann, der auch Sportler war. Welch eine Liebesgeschichte. Hunderte lange Briefe \u00fcber die Jahre, dann, nachdem alle Versuche, sie in den Westen zu holen, gescheitert waren, wurde er DDR-B\u00fcrger, um sie heiraten zu k\u00f6nnen. Nicht lau wurde die Liebe \u00fcber die Jahre. \u201cSo schwunglos erz\u00e4hlst du das, Evelyn.\u201d \u201cNa ja, darin besteht ja unser Problem. Ohne die Liebe w\u00fcrde er, koste es, was es wolle, in den Westen zur\u00fcckgehen, selbst, wenn er die Grenze durchbrechen m\u00fcsste.\u201d Ihre Schuldgef\u00fchle.<\/p>\n<p>Eiskalte, graue Tage. Evelyns rot angelaufene Augen. Ein Ausdruck der Trostlosigkeit darin. Die See in blaugrau-schwarzen Farbabstufungen, z\u00fcngelnd kriechen Wellen an den Strand und umspielen das Strandgut, alle m\u00f6glichen H\u00f6lzer, dazu Milcht\u00fcten aus D\u00e4nemark. Wegen einer Maul- und Klauenseuche gab es im Heim keine Abendveranstaltungen. Ich las Thomas Mann. Evelyn schrieb ihrer Familie Briefe. Ab und zu begann ihre Hand zu zittern, dann h\u00f6rte sie auf zu schreiben und sah mich wie ein kleines, zu Tode erschrockenes Tier an.<\/p>\n<p>Manchmal redeten wir \u00fcber unsere Kurklinik. Man war hier, um vier Wochen dahinzud\u00e4mmern oder mit einem Kurschatten ins Bett zu springen, kurze Liebschaft, nichts Ernstes. Aber an j\u00fcngeren Frauen gab es nur Evelyn und mich, sie war absolut begehrenswert, nicht unattraktiv war ich. Balzende M\u00e4nner, aber wir waren beide an einem Abenteuer nicht interessiert. Seit wir entdeckt hatten, dass wir politisch auf der gleichen Welle sendeten (jenseits der Gl\u00e4ubigkeit angelangt, verschlissen die Ideale, Zweifel \u00fcber Zweifel), waren wir nur noch mit Reden besch\u00e4ftigt, einen Schwatz machen, nannte es Evelyn. Unsere Erfahrungen verglichen wir. Auch f\u00fcr mich war die Realit\u00e4t br\u00fcchig geworden, Risse, Spr\u00fcnge, beiden tat es uns gut, das Herz einmal aussch\u00fctten zu k\u00f6nnen. Gutgl\u00e4ubige N\u00e4rrinnen, die wir fr\u00fcher gewesen waren! Ich war eine Zeitlang aus politischer Naivit\u00e4t mit der Stasi verstrickt gewesen, sie war in die SED eingetreten, in Selbstvorw\u00fcrfen wanden wir uns. Wie konnte ich nur! Wie konnte ich nur! In der Partei war sie immer noch, ihr Parteisekret\u00e4r bekrittelte ihre \u201cschwankende ideologische Haltung\u201d, aber wie kam man aus der Partei heraus? Tritt aus!, sagte ich forsch. \u201cGeht nicht, ich w\u00fcrde ausgeschlossen werden. Austritte darf es nicht geben. Und bei einem Ausschluss\u2026 unsere Kinder d\u00fcrften sp\u00e4ter nicht studieren! H\u00e4ttest du Kinder, w\u00e4rest du nie von der Stasi weggekommen!\u201d Das gab mir Stoff zum Nachdenken; bis heute bin ich erleichtert, mir in der DDR kein Kind angeschafft zu haben. Lieber kinderlos im Alter, als in dem Spinnennetz h\u00e4ngen geblieben zu sein.<\/p>\n<p>Keine Gebirgs-, aber Seeluft. Gierig saugten wir sie ein. Zauberbergatmosph\u00e4re? Evelyn hatte Thomas Manns Roman auch gelesen, vor l\u00e4ngerer Zeit, die Lekt\u00fcre wirkte in ihr noch nach. Dieses Insel-Gef\u00fchl, ja schon. F\u00fcr Wochen jeder Verantwortung enthoben sein. Aber alles in allem, nein, keine DDR in der Nussschale war das hier. Zu wenige Frauen und von den M\u00e4nnern zu viele in leitender Stellung. Indessen, die Herzkrankheit, an der die meisten litten, schien uns symbolisch, war sie nicht ein Bild dieser bleiernen Zeit?<\/p>\n<p>Auch gr\u00e4ssliche Albtr\u00e4ume hatten viele Patienten, stellte sich in den Gruppengespr\u00e4chen mit dem Therapeuten heraus, der uns das autogene Training beibrachte. Manche waren nach dem Erwachen halbtot vor Grauen. Mord- und Totschlag, Rauchpilze, Nomaden aus dem Osten, Schreckgespenster, makabre Szenerien. Evelyn hatte von einem Amoklauf ihres Mannes getr\u00e4umt. Ich rannte im Schlaf st\u00e4ndig, entkam den Verfolgern im letzten Moment. Letzte Nacht war ich in meiner Not auf einen Zug aufgesprungen, ohne Fahrkarte und ohne zu wissen, wohin der Zug ging&#8230; Das ist normal, sagte uns der Therapeut. Hier haben Sie keinen \u00e4u\u00dferen Druck. Da kommt in Tr\u00e4umen alles hoch, was Sie in sich hineingefressen haben, verdr\u00e4ngt und weggeschoben \u00fcber Monate und Jahre, das arbeitet Ihr K\u00f6rper im Schlaf nun ab. Am h\u00e4ufigsten tr\u00e4umen die Patienten seit Jahren davon, eine Rede halten zu m\u00fcssen, aber pl\u00f6tzlich wissen sie nicht weiter. Wer das tr\u00e4umte, dem sagte er: \u00dcberfordert sind Sie! \u00dcberfordert? Ja, von Ihrer Arbeitsstelle! \u201cLassen Sie uns jetzt die Zusatzformeln \u00fcben, bitte wiederholen Sie: Ich bleibe ruhig und gelassen! Worte wirken weiter. Ich behalte stets Ruhe und \u00dcbersicht. Nur Positives wirkt in mir stark. Mir gelingt alles immer leichter und besser. Es schl\u00e4fert mich ein. Ich werde m\u00fcder und m\u00fcder und gleite in einen tiefen wohltuenden Schlaf. Ich schlafe ruhig tief und fest. Es geht vor\u00fcber. Ganz angenehm k\u00fchl und frei. Ich bleibe ruhig und abgeschirmt.\u201d<\/p>\n<p>Das Wetter blieb scheu\u00dflich, schwache Sicht. Wir froren am Strand. St\u00fcrme. In Wasserpf\u00fctzen standen die Strandk\u00f6rbe. Flucht in das n\u00e4chste Strandcaf\u00e9. Zwei Kurg\u00e4ste an einem Tisch, ein ergrauter und ein kahler Kopf. \u201cApel\u201d, h\u00f6rten wir. Das Gespr\u00e4ch verstummte sofort, als wir an ihnen vorbeigingen. Wir setzten uns drei Tische weiter. Apel?, frage ich Evelyn leise, irgendwie kam mir der Name bekannt vor. \u201cDer sich f\u00fcnfundsechzig erschossen hat\u201d, fl\u00fcsterte sie, \u201cLeiter der staatlichen Plankommission, \u2018Nervenzusammenbruch und Kurzschlussreaktion\u2019 stand in der Zeitung. Was sich wirklich hinter dem Selbstmord \u2013 falls es denn wirklich ein Selbstmord war \u2013 verbarg, ist Staatsgeheimnis.\u201d Sie f\u00fcgte hinzu: \u201cMein Mann denkt, Selbstmord war es schon. Erich Apel erschoss sich mit seiner Dienstpistole, als er begriff, nicht mehr als eine sowjetische Kolonie war die DDR. Aber mein Vater sagt, Schwarzmalerei! Apel erschoss sich, weil es bei ihm im Kopf nicht stimmte, eine Schraube war locker geworden.\u201d Der Kellner kam an den Tisch. Wie gern h\u00e4tten wir einen Grog getrunken. Der Bedienung war nicht verboten, Kurg\u00e4sten Alkohol zu servieren, aber der Chefarzt, hie\u00df es, sprang manchmal aus dem Geb\u00fcsch und befahl Patienten: Hauchen Sie mich mal an! Wer nach Alkohol roch, musste sofort abreisen und die Kur selbst bezahlen, neunhundertsechzig Mark. Tee mit Zitrone bestellten wir.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommt die Sonne heraus. Zur\u00fcck an den Strand! Auf einem Felsbrocken sitzen, die See betrachten, zerw\u00fchlt vom ewigen Warum Wozu. Wir rauchen eine, hoffentlich sieht uns niemand, schnipsen die Asche von den Zigaretten in den Wind. M\u00f6wengekreisch. Schaumflocken und B\u00fcschel von fauligem Tang vor unseren Gummistiefeln. Vor einem Jahr, sagt Evelyn, kam ein Journalist von der Bezirkspresse zu meinem Mann, fragte ihn, warum er damals DDR-B\u00fcrger geworden war. Er sagte: \u201cIch sage es Ihnen gleich, ich bin einzig und allein meiner Verlobten und jetzigen Frau wegen her\u00fcbergekommen!\u201d In der Zeitung stand dann: \u201cNot, Elend und Verderben bringen immer mehr B\u00fcrger der Bundesrepublik dazu, diesen Staat zu verlassen und Zuflucht und Schutz in der DDR\u2026 und so weiter.\u201d Dann der Name ihres Mannes und des Betriebs, in dem er arbeitete. Evelyns Chef hatte den Artikel zuerst entdeckt und ihn ihr, sehr verlegen, gezeigt. Bleich hatte sie nach der Lekt\u00fcre gesagt: Ich beschwere mich, mache eine Eingabe an Honecker, das m\u00fcssen die zur\u00fccknehmen, ich gehe bis sonst wohin\u2026 Ich gebe dir einen guten Rat, hatte ihr Chef geantwortet, unternimm nichts! Du kriegst sowieso kein Recht! Nur Unannehmlichkeiten, und deine Kinder wollen doch mal studieren, nicht? Widerstrebend befolgte sie seinen Rat. \u201cWie reagierte dein Mann auf den Artikel?\u201d, fragte ich Evelyn. \u201cVerr\u00fcckt wurde er, tobte, danach redete er nicht mehr, eine lange Zeit, seither raucht er noch mehr, zu Tode raucht er sich.\u201d Wieder griff sie sich an den Hals.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter Abend, wie oft k\u00f6nnen Evelyn und ich keinen Schlaf finden. Nach meinen Problemen fragt sie. Ein Herzanfall, so jung? Einen Zusammensto\u00df mit der Zensur hatte ich, und was f\u00fcr einen, verbotenes Buch, berichtete ich ihr, danach furchtbarer Druck in der Brust, zusammengeklappt war ich auf offener Stra\u00dfe. \u201cAber Zensur gibt es nicht in der DDR, sagt mein Vater.\u201d Lachen muss ich. Ein Rest von Kindergl\u00e4ubigkeit rumort noch in dir, Evelyn! Doch, Zensur gibt es, man spricht nur das Wort nicht aus, <em>Druckgenehmigungspraxis<\/em> hei\u00dft es stattdessen. Ich erkl\u00e4rte ihr, wie es funktioniert. Zuerst im Verlag, sogenannte Wissenschaftler schreiben in der Rolle von Literaturpolizisten anonyme Gutachten. Dann eine Liste \u00c4nderungsvorschl\u00e4ge. An diesem Punkt musst du zum ersten Mal streichen. Danach wird dein Manuskript an das Kulturministerium weitergereicht. Dort der Rotstift des Zensors&#8230; Wieder streichen. Seit ich diesen Mechanismus begriffen hatte, versuche ich Evelyn zu erkl\u00e4ren, war ich verunsichert, konnte nicht mehr schreiben, jedes Wort, das ich aufs Papier setzte, schien danach zu schreien, gestrichen zu werden. Seufzen h\u00f6rte ich sie. Dann ihre Stimme: \u201cWie unter Metternich\u2026 Eigentlich ist Zensur ja in der DDR verfassungswidrig!\u201d<\/p>\n<p>Im Speisesaal Vierertische. Von unseren Tischnachbarn in meinem Ged\u00e4chtnis nur noch die Andeutung zweier Bilder. Ende f\u00fcnfzig beide. Der eine, erinnerte er mich nicht an Leo Naphta, dunkles Haar, scharf der gebogene Nasenr\u00fccken, hart und blank die Augen, Kiesel. Wieder und wieder erkl\u00e4rte er uns mit rhetorischer Leidenschaft, w\u00e4hrend er mit einem nikotingelben Finger an einem Nasenfl\u00fcgel kratzte, fr\u00fchere \u00dcbergangsperioden von einer Gesellschaftsordnung zur n\u00e4chsth\u00f6heren h\u00e4tten viel l\u00e4nger als vierzig Jahre gedauert, das Entstehen des Kapitalismus in England zum Beispiel, siebzig Jahre mindestens, mehr als fast vierzig hatte die DDR ja noch nicht. Ja, ja, sagte der andere Tischnachbar, ein gutm\u00fctig aussehender Mann mit Geheimratsecken, lichtem Haar am Oberkopf und einer knolligen roten Nase. Betriebsleiter in einem Gummiwerk war er, immer sah er l\u00e4chelnd auf Evelyns sch\u00f6n geformte und gepflegte H\u00e4nde. Den Eindruck hatte ich, dass es ihn Anstrengung kostete, eine gelassene Miene zu bewahren, wenn die Platte von den \u00dcbergangsperioden zum dritten oder vierten Mal aufgelegt wurde. Leicht ironisch klang es, wenn er ab und zu mehr als ja, ja sagte. Evelyn und ich nickten zu allem brav, machten Konversation, \u00fcber das Aprilwetter gibt es ja immer etwas zu sagen, und kratzten die Kurve, sehr h\u00f6flich, sobald eine Mahlzeit vor\u00fcber war.<\/p>\n<p>In seltenen Stunden mit klarem Himmel, ein silberner Schimmer lag dann auf dem Meer, trafen wir manchmal den uns sympathischen Tischnachbarn mit dem ja, ja am Strand, leicht gehbehindert humpelte er dahin, ziegelrote Steppjacke, blaue Wollm\u00fctze, den Arm hob er zum Gru\u00df. Einmal blieb er kurz stehen und sagte, fast entschuldigend klang es, der Anspruch auf Allwissenheit unseres Tischnachbarn provoziere ihn auch, wir sollten das nur wissen, aber ihn mit Fragen in die Enge treiben\u2026 nein. \u201cSie wissen schon, gute Manieren.\u201d Er machte noch eine ironische Bemerkung \u00fcber das Abflussrohr, das nur einige Meter von uns entfernt eine dunkelbraune, stinkende Lauge ausspuckte, sie floss in die Ostsee, dann verabschiedete er sich, bis bald! Naphta trafen wir nie auf Spazierg\u00e4ngen. Dabei sahen wir ihn bei der R\u00fcckkehr, wenn wir die Sandkrusten von den Schuhen kratzten, auch \u00f6fters das Haus verlassen. Eine Baskenm\u00fctze flott aufs Ohr geschoben, sah er eher wie Bulgakows Held Voland aus. Wahrscheinlich rauchte er, Kippen umherstreuend, irgendwo heimlich.<\/p>\n<p>Der Tisch zur Linken war ein sogenannter \u201cReduktionstisch\u201d, \u00fcbergewichtige Kurg\u00e4ste, die auf Schmalkost gesetzt waren und sich meist mit lauten Stimmen unterhielten, am lebhaftesten an ihren <em>Sauermilchtagen<\/em>. \u201cEisbein, nat\u00fcrlich nur ab und zu\u2026\u201d \u201cEine sch\u00f6ne Dicke, sagt man doch. Eine sch\u00f6ne D\u00fcrre, habe ich noch nie geh\u00f6rt.\u201d Viel Gel\u00e4chter. Vom Tisch zur Rechten kam kein Pieps. Vier Tapergreise mit pergamentenen Lippen, ihren fr\u00fcheren Berufen nach bl\u00e4tterten die meisten, wenn sie tr\u00e4umten, in Aktenordnern, oder sie hetzten von Termin zu Termin, jetzt hatte ein Herzinfarkt ihren Lebensabend empfindlich gest\u00f6rt. Der da, fl\u00fcsterte ich Evelyn ins Ohr, immer Ausdruck von kalter Strenge und Argwohn, wie vermisst er seine abgewetzte schweinslederne Aktentasche! Und die anderen drei wirken wie hypnotisiert, antwortete sie im Fl\u00fcsterton.<\/p>\n<p>Nach der t\u00e4glichen Behandlungsroutine \u2013 Fr\u00fchsport, Abgespritztwerden mit einem eiskalten Wasserstrahl (Gro\u00dfer Gott!, dachte ich, wenn ich Evelyn nackt sah, und nach einer Woche trat der Gedanke hinzu, kein Wunder, dass ein westdeutscher Unternehmersohn f\u00fcr sie den Verstand verliert und seine Freiheit aufgibt), autogenes Training \u2013 gingen Evelyn und ich spazieren, oder, wenn es wegen Regen, Schnee, Graupel nicht m\u00f6glich war, in den Aufenthaltsraum. Sie hatte immer eine schicke rote Tasche am Riemen \u00fcber die Schulter geh\u00e4ngt, ich trug einen kleinen Kunstlederrucksack. Wir setzten uns in zwei bequeme Sessel, versuchten zu lesen, aber konnten uns nicht konzentrieren. Evelyn st\u00f6rte das Angestarrtwerden; nicht nur, dass sie sch\u00f6n war, den textilen Bestandteilen und dem Schnitt ihrer Kleidung nach war, was sie auf dem Leib trug, nicht in der DDR hergestellt. Ich, immer neugierig darauf, was die Leute f\u00fchlten, dachten, hofften, horchte auf die Gespr\u00e4che im Raum. Ein Betriebsleiter, Herzinfarkt, hatte zum Beispiel den Anspruch verfolgt, technische Defizite seines Werkes durch mehr Engagement seiner Arbeiter auszugleichen. In der DDR Betriebsleiter sein, sagte sein Gespr\u00e4chspartner, der auch an den Folgen eines Herzinfarkts litt, mit ged\u00e4mpfter Stimme, ist eigentlich ein Sein zum Tode, findest du nicht? Wieder in unserem Zimmer, stellte sich heraus, Evelyn hatte dem Gespr\u00e4ch auch gelauscht. Z\u00f6gernd stellte sie die Frage in den Raum, hat Krankheit nicht mit der Art zu tun, wie man in der Welt ist? Endloses Gespr\u00e4ch, an dessen Details ich mich nicht erinnere.<\/p>\n<p>An die zwei anderen Frauen unter den vierhundert Kurg\u00e4sten erinnere ich mich gut, an der Grenze zum Alter beide. Die eine h\u00e4kelte immer, Filetdecke, und schwelgte in Klatschgeschichten \u00fcber die \u00c4rzte, die sie, je nachdem, was sie am liebsten verschrieben, <em>Wasserarzt<\/em> und <em>Spritzenarzt<\/em> nannte. Wie gern sie den Spritzenarzt nach\u00e4ffte: \u201cWenn Sie ein Sperrschild sehen, das <em>Nicht weitergehen!<\/em> sagt, m\u00fcssen Sie umkehren, dahinter ist ein Armee-Man\u00f6vergel\u00e4nde! Und fallen Sie mir nicht vom Pferdchen\u2026 ha ha, als ob man hier reiten k\u00f6nnte!\u201d Die andere Frau las, w\u00e4hrend sie mit der freien Hand eine graue Haarstr\u00e4hne um den Finger rollte. Einmal h\u00f6rte ich sie einem schnurrb\u00e4rtigen j\u00fcngeren Mann, mit dem sie sich gern unterhielt, etwas aus ihrem Buch vorlesen: \u201cKomm hoch, man kann mal zu Boden gehen, aber man darf sich nicht ausz\u00e4hlen lassen!\u201d \u201cWerde versuchen, das zu beherzigen, meine Liebe!\u201d Zu turteln begannen sie nach einer Woche, vor aller Augen. Der Klatsch!<\/p>\n<p>Kiesbestreute Wege um das Heim herum. Wenn Evelyn sich zu ersch\u00f6pft f\u00fchlte f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Spaziergang, gingen wir hier ein bisschen im Kreis herum. Bl\u00fchende Weidenk\u00e4tzchen. \u201cEinkaufen gehen ist f\u00fcr meinen Mann auch ein Problem, nach so vielen Jahren noch\u201d, sagte sie. Neulich zum Beispiel, sein unbeherrschter Ausbruch in der Kaufhalle. Die Verk\u00e4uferinnen f\u00fcrchten ihn. Aber du sagtest doch, er sei ruhig und freundlich. \u201cJa schon, aber er hat eben immer noch seine Ma\u00dfst\u00e4be von dr\u00fcben!\u201d Nach einer Verschnaufpause f\u00e4hrt sie fort: \u201cVor ein paar Wochen gab es ausnahmsweise Weintrauben. Er entdeckte, dass die Verk\u00e4uferin in jede T\u00fcte auch ein paar faule Trauben warf, los wetterte er\u2026 Sie sagte: Ach, die muss ich auch verkaufen, und es kommen ja in jede T\u00fcte nur ein paar\u2026 Das ist Qualit\u00e4t Eins A dem Preis nach, ich verlange anst\u00e4ndige Ware!, unterbrach er sie tobend. Schlie\u00dflich f\u00fcllte sie f\u00fcr ihn eine neue T\u00fcte, nur mit guten Trauben, langsam beruhigte er sich.\u201d Au\u00dfer Atem und niedergeschlagen geht Evelyn ins Haus zur\u00fcck, ich mache mich auf zum Strand, wenigstens einmal am Tag das Meer anrufen! Unterwegs sto\u00dfe ich an einer Wegbiegung auf unseren Tischnachbarn, den Betriebsleiter, der fast immer nur ja, ja sagt. Mit so einem strengen Gesichtsausdruck hatte ich ihn bisher noch nicht gesehen. Nachdruck in die Stimme legend, sagt er: \u201cH\u00f6ren Sie auf, Ihr Herz auf der Zunge zu tragen, das bringt nichts!\u201d Was habe ich denn gesagt? \u201cIn der <em>Strandperle<\/em> gestern\u2026 Sie sprachen \u00fcber Schriftstellerkollegen, einige nannten Sie namentlich. Sie sagten, deren feiges Sich-Beugen unter die Zensur sei bedr\u00fcckender als die Zensur selbst! Mehrere Personen von den Nachbartischen hatten zugeh\u00f6rt.\u201d Danke, Sie haben Recht, Herr Sielaff!, sage ich reum\u00fctig. Ich versuche mich zu bessern! \u201cSchon gut!\u201d Er stapft weiter. Nichts mit Meer-anrufen an diesem Tag. Kriegsschiffe vor einem aschgrauen Horizont, dicke Brummer.<\/p>\n<p>Nur selten schlenderten Evelyn und ich auf der Strandpromenade, die von manchen Kurg\u00e4sten im Scherz \u201cIdiotenrennweg\u201d genannt wurde. Zu viele Spazierg\u00e4nger, vermummt in Anoraks, M\u00e4ntel, Steppjacken, Schals und M\u00fctzen. Die meisten gingen in Paaren, ein Alter mit Pelzm\u00fctze ging allein, beim Gehen vor sich hinbrabbelnd. Arbeiter strichen das Gel\u00e4nder mit hellblauer Farbe an. Ein Spazierg\u00e4nger, den wir als einen Mitpatienten erkannten, warf schnell eine halbgerauchte Zigarette beiseite, als er uns kommen sah. Immer trug er ein wei\u00dfes Hemd und einen roten Schlips, sogar zum Fr\u00fchsport unter dem moosgr\u00fcnen Trainingsanzug. Rosa Luxemburg habe ihre Behauptung, dass Freiheit stets die Freiheit Andersdenkender sei, widerrufen, sagte er im Vorbeigehn laut zu seinem Begleiter. Der erwiderte: \u201cWoher wei\u00dft du das?\u201d \u201cDie Information bekamen wir zur letzten Parteianleitung.\u201d<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich zogen wir \u00fcber die M\u00e4nner her, die mit uns anbandeln wollten. Schau mal, der da!, sagte Evelyn. Sieht aus wie ein Hollywood-Star, aber ein Tropfen h\u00e4ngt ihm immer an der Nase. Der guckt nach dir, sagte sie. Habs schon bemerkt, sagte ich, wir haben doch zusammen die Moorwanderung gemacht, auf die du nicht mitkommen wolltest. Er ist nett, aber ich habe kein Interesse! Warum nicht? Du bist nicht verheiratet. Ich sagte, er streut zu viele F\u00fcllw\u00f6rter ein, und \u201cja nich\u201d h\u00e4ngt er an jeden Satz an, kann ihm nicht gut zuh\u00f6ren. Und dann immer die Bemerkung: \u201cDer Zahn wurde uns doch gezogen!\u201d Was f\u00fcr ein Zahn?, fragte Evelyn. Na, zum Beispiel erz\u00e4hlte er mir von Problemen auf seiner Arbeitsstelle, und er sagte, aber der Zahn ist uns doch l\u00e4ngst gezogen worden, dass man glaubt, man k\u00f6nne Widerspr\u00fcche benennen und damit etwas ver\u00e4ndern\u2026 Ach so, sagte sie, ja, fr\u00fcher glaubte man das, heute nicht mehr. Was ist er eigentlich von Beruf? Irgendwas mit Bau, industrialisierter Wohnungsbau, er erz\u00e4hlte mir von Taktstra\u00dfen, Umprojektierungen und dergleichen. Und warum ist er hier? Herz-Kreislauf-Probleme. Er h\u00e4tte nicht die richtige Einstellung zu irgendwelchen Planauflagen gehabt, Beschl\u00fcsse missachtet, Aussprachen, dann ein Zusammenbruch. \u201cEntschieden wird auf Bezirksebene, ja nich?\u201d, ist auch so einer seiner S\u00e4tze, die ich nicht mehr h\u00f6ren kann.<\/p>\n<p>Immer (wir haben kein Telefon im Zimmer, und vor dem einzigen \u00f6ffentlichen Apparat in unserem Geb\u00e4ude steht immer eine lange Schlange) erh\u00e4lt Evelyn viel Post. Briefe, Zeichnungen der Kinder. Ab und zu ein P\u00e4ckchen mit westdeutschen Lik\u00f6rbohnen. Die Bl\u00e4tter und Fotos auf dem Tisch zusammenraffend, sagt sie l\u00e4chelnd: \u201cBeide Kinder sind so blond wie mein Mann.\u201d<\/p>\n<p>Einmal ein Toter in einem der Nachbarzimmer. Herzinfarkt. Wei\u00dfe Kittel wieseln hin und her. Der lange Lulatsch mit dem sch\u00fctteren Haar, sagt Evelyn, schon seit Tagen schien er mir jenseits von Gut und B\u00f6se. Danach einige Tage lang ihr Gef\u00fchl der totalen Panik, ihre Bewegungsunf\u00e4higkeit. Sie liegt stundenlang auf dem Bett und schaut an die Decke. Alle Aufregung ist Gift f\u00fcr Sie!, hat ihr der behandelnde Arzt gesagt. Ihr Herz spielt nicht mehr lange mit! Was soll nur werden?, fragt sie mich. Da f\u00e4llt das Wort \u201cAusreiseantrag\u201d. Warum stellt ihr keinen, so was geht doch jetzt, sage ich naiv. Evelyns Vater, stellt sich heraus, ist Kreisparteisekret\u00e4r, keinen Kummer m\u00f6chte sie ihm machen. Habt ihr das Thema Ausreiseantrag gegen\u00fcber deinen Eltern schon einmal erw\u00e4hnt? \u201cJa, ganz vorsichtig. Ihr braucht ideologische Hilfe, hatte mein Vater sofort gesagt.\u201d<\/p>\n<p>Aber es ist nicht nur das. Sie mag ihre Arbeit und ihre Kolleginnen. Und die Kinder h\u00e4ngen an ihren Klassenkameraden. Immer vor sich her schieben sie und ihr Mann das Wort \u201cAusreiseantrag\u201d. Wie ein Haufen Schnee, den du mit der Schneeschaufel vor dir herschiebst, wird es immer gr\u00f6\u00dfer dabei.<\/p>\n<p>Ist eure Gegend wenigstens h\u00fcbsch?, hatte ich Evelyn, sie kam aus der Lausitz, gefragt. \u201cW\u00e4re sie, wenn nicht ein Kohlekraftwerk in der N\u00e4he st\u00fcnde. Wie es stinkt, wenn der Wind aus dieser Richtung kommt. Und kilometerweit f\u00e4rbt sich die W\u00e4sche auf der Leine schwarz. Zum Gl\u00fcck haben wir einen Trockner.\u201d<\/p>\n<p>Am letzten Tag (es ist der drei\u00dfigste April, endlich zeigen sich hellgr\u00fcne Bl\u00e4ttchen an B\u00e4umen und B\u00fcschen, der Ort wird f\u00fcr die Erster-Mai-Feierlichkeiten mit F\u00e4hnchen geschm\u00fcckt, manche Kurg\u00e4ste versuchen in den Strandcaf\u00e9s einander unter den Tisch zu trinken) verabschieden wir uns voneinander, Evelyn und ich. Eine lange Umarmung, gute W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft, Ratschl\u00e4ge. Weggehen, wenn das Ma\u00df voll ist! Aber wie wei\u00df man das?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ging es weiter?, fragt mein Mann. Hat die Familie einen Ausreiseantrag gestellt? Wei\u00df ich nicht, sage ich. Jahre sp\u00e4ter traf ich Evelyn zuf\u00e4llig auf einem Aussichtsturm im Erzgebirge, war es nicht im Sommer sechsundachtzig? Meine Freude dar\u00fcber, dass sie noch lebte! In Begleitung war sie, zwei hochgewachsene blonde Kinder, Junge und M\u00e4dchen, und ein altes Ehepaar, die Frau hatte Evelyns exquisit geformte Nase. Um den Hals flog mir Evelyn, als sie mich erkannte. Schwarz gekleidet?, fragte ich sie; schwarz, daran erinnerte ich mich genau, war ihre Farbe nicht, sie hatte sich w\u00e4hrend unserer Kur dar\u00fcber, dass ich nur schwarz trug, belustigt. \u201cMein Mann!\u201d Sie brach in Tr\u00e4nen aus. Neugierig kamen ihre Eltern n\u00e4her, sie stellte uns einander vor. Auch sie in schwarz. Der Vater ein Parteiabzeichen an der Sportjacke, schwarzer Schlips. Er hatte den Gesichtsausdruck eines Mannes, der die Wahrheit mit L\u00f6ffeln gefressen hat. Vielsagend sah Evelyn mich an. Weil ihre Eltern zuh\u00f6rten, wagte ich nicht zu fragen, was denn um Gotteswillen geschehen war. Wir redeten \u00fcber das Erzgebirge, Waldsterben. Bald verlie\u00df ich die DDR. Nie wieder h\u00f6rten wir voneinander.<\/p>\n<p>Gute Geschichte?, frage ich meinen Mann. Wei\u00df nicht, eigentlich nicht, kein <em>closure<\/em>. Man will doch wissen, was mit Evelyns Mann passiert ist. Denk es dir aus, sage ich, drei M\u00f6glichkeiten liegen nahe\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gabriele Eckart &nbsp; All die Erinnerungen, seit ich im Ruhestand bin! Wohin damit?, frage ich meinen Mann. If life gives you lemons, make lemonade. Geschichten schreiben? Of course. Dann f\u00fcgt er hinzu: But nobody tells you that sugar is needed! Was w\u00e4re der Zucker in diesem Fall? 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