{"id":7928,"date":"2022-12-29T14:22:18","date_gmt":"2022-12-29T19:22:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7928"},"modified":"2023-02-04T13:49:07","modified_gmt":"2023-02-04T18:49:07","slug":"in-der-letzten-zeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-49\/in-der-letzten-zeit\/","title":{"rendered":"\u201aIn der letzten Zeit ist viel Zeit vergangen.\u2018 Zeitenwende, \u00dcbergangszeit und Umbr\u00fcche in Bernd Schirmers Wenderoman Schlehweins Giraffe. (Nachdruck)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">von Janine Ludwig (<a href=\"#original\">reprint<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herbst 2019 ja\u0308hrte sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal, und im Herbst 2020 wurde das Jubila\u0308um der Deutschen Einheit begangen. Diese Ereignisse liegen nun also bereits eine ganze biologische Generation zuru\u0308ck. Und man erinnerte nicht nur an die Vergangenheit, sondern zog sie auch zur Erkla\u0308rung der Gegenwart heran, um anscheinend noch immer bestehende Unterschiede zwischen Ost und West oder abweichendes Wahlverhalten der Ostdeutschen zu erkla\u0308ren. Auch unscho\u0308ne Narrative wurden wieder ausgegraben, wie die vermaledeite \u201eMauer in den Ko\u0308pfen\u201c, die unterstellten ostdeutschen\u201a \u201aDeformationen durch die Diktaturerfahrung\u2018 oder eine angeblich nicht gelernte Demokratiefa\u0308higkeit. Dafu\u0308r wurde nun ein Argument in den Diskurs eingespeist, das bei a\u0308hnlichen Debatten in den 1990er-Jahren noch nicht auf den Plan getreten war: dass fu\u0308r viele Ostdeutsche, besonders der ju\u0308ngsten Generation, die Erlebnisse der Wende- und Nachwendezeit mindestens genauso pra\u0308gend waren wie das zuvor gelebte Leben in der DDR. So ist denn auch diskutiert worden, ob es damals in Bezug auf die neuen Bundesla\u0308nder Versa\u0308umnisse nicht nur im politisch-wirtschaftlichen Bereich (Treuhand), sondern auch bei der sozio-kulturellen Verarbeitung der sogenannten Wende gegeben habe. Es wurde vorgebracht, dass die spezifischen Umbruchserfahrungen der ehemaligen DDR-Bu\u0308rger nicht genu\u0308gend geho\u0308rt, gewu\u0308rdigt und beru\u0308cksichtigt worden seien, was zu einer bis heute nicht bewa\u0308ltigten und sogar auf die neue Generation u\u0308bertragenen Entfremdung der ostdeutschen Bundesbu\u0308rger von der Politik und der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft gefu\u0308hrt habe<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Will man nun, wenn auch verspa\u0308tet, diese Umbruchserfahrungen untersuchen, bietet sich die Literatur als fiktionale Verarbeitung kultureller Erfahrungen und als Tra\u0308ger von Wissen an. Bereits in den fru\u0308hen 1990er-Jahren rief das deutsche Feuilleton allenthalben nach dem gro\u00dfen, verbindlichen \u201eWenderoman\u201c, der nicht zu erscheinen schien. Schlie\u00dflich wurden nach etlichen Jahren einige Bu\u0308cher als solcher anerkannt und kanonisiert: Thomas Brussigs Satire <em>Helden wie wir <\/em>(1995), Ingo Schulzes Briefroman <em>Neue Leben <\/em>(2005) und schlie\u00dflich Uwe Tellkamps Gro\u00dfroman <em>Der Turm <\/em>(2008).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles tatsa\u0308chlich seinerzeit Publizierte wurde jedoch im Trubel u\u0308bersehen, einige Texte voller Witz und ohne Larmoyanz, aber mit einem genauen Blick, der uns und ju\u0308ngeren Generationen heute die Umbru\u0308che vor Augen fu\u0308hren, erfahrbar machen kann. Beispielhaft wird in diesem Artikel der 1992 erstmals erschienene Roman <em>Schlehweins Giraffe<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> des 1940 in Leipzig geborenen Autors Bernd Schirmer analysiert. Es werden besonders Aspekte von Zeiterfahrung herausgearbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"#Vorher\">Vorher \u2013 Nachher: Zeitenwende und zwei Zeitebenen in Schirmers Roman<\/a><br \/>\n<a href=\"#Beschleunigt\">Beschleunigte und gestaute Zeit, Zeitverwirrung<\/a><br \/>\n<a href=\"#Vergangenheit\">Vergangenheit \u2013 Gegenwart \u2013 Zukunft<\/a><br \/>\n<a href=\"#Alltagszeit\">\u201eAlltagszeit\u201c, \u201ebiografische Zeit\u201c, \u201ehistorische Zeit\u201c<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Vorher\"><\/a>Vorher \u2013 Nachher: Zeitenwende und zwei Zeitebenen in Schirmers Roman<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kurze Roman besteht aus einer Basiserza\u0308hlung, die etwa ein Jahr umfasst (von Ende 1990 oder Anfang 1991 bis wohl Ende 1991), und eingeschobenen chronologischen Analepsen u\u0308ber die DDR-Zeit der 1970er- und 80er-Jahre bis zum Wendeherbst 1989. Dazwischen liegen der Untergang der DDR und der Sowjetunion, die das Leben der Protagonisten wie auch die Weltgeschichte in ein Davor und Danach unterteilen. Insofern wa\u0308re statt des ungeliebten Begriffs \u201e<a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/umstrittene-begriffe\/#Wende\">Wende<\/a>\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> die Bezeichnung \u201eZeitenwende\u201c eine angemessenere Zuschreibung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessanterweise sind beide Seinszusta\u0308nde, das Davor wie das Danach, von einem gewissen Ma\u00df an Vagheit und Unsicherheit gepra\u0308gt: Die Jetztzeit der Basiserza\u0308hlung ist gepra\u0308gt von den Versuchen des Figurenensembles, des arbeitslosen Akademiker-Freundeskreises des Protagonisten, ein neues Leben aufzubauen. Da wa\u0308ren der Meteorologe Rudolf Hasselblatt und seine Frau, eine habilitierte Sinologin, die gemeinsam Do\u0308ner verkaufen; der regimetreue Professor Jens-Peter Bro\u0308ckle und seine ju\u0308ngere Frau Lydia, die einen Gulaschkanonenverleih aufmachen; der Archivar Kleingrube, der sich verbissen auf die \u201aAufarbeitung der Vergangenheit\u2018 fixiert; der Maler Carl-Ernst Schlehwein, der regimekritische Bilder gemalt hatte und nun verschwunden ist; sowie Kristina, Schauspielerin und Ex-Frau des namenlosen Erza\u0308hlers, die ihn vor Einsetzen der Basiserza\u0308hlung zum dritten Mal verlassen hat, um an den Mu\u0308nchner Kammerspielen Karriere zu machen \u2013 ein Verlust, der fu\u0308r den Erza\u0308hler schwerer zu wiegen scheint als der des Landes. Er ist der einzige, der keinerlei Anstalten macht, sein durch eigene Arbeitslosigkeit aus der Bahn geworfenes Leben neu zu gestalten, sondern sich darauf verlegt, neue Wo\u0308rter zu sammeln und seine Gedanken niederzuschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Ansto\u00df hierzu gibt ihm die titelgebende Giraffe, die Schlehwein vor der Schlachtung in einem abgewickelten Zoo gerettet und in der hohen Parterrewohnung seines Freundes im Prenzlauer Berg abgestellt hat. Ihr stumpfer, versta\u0308ndnisloser Blick auf ihre neue Umgebung spiegelt u\u0308berspitzt den ratlosen Blick des Erza\u0308hlers auf die neue Zeit. Sie ist ein fantastisches Element in dem ansonsten realistischen Erza\u0308hlpanorama, Teil der erza\u0308hlten Welt, jedoch kaum Akteur, sondern vielmehr ein Reibungspunkt, an dem sich die Geschichte entwickelt. Da der Protagonist u\u0308berzeugt ist, sie ko\u0308nne sprechen und zuho\u0308ren, versucht er, von ihr ihre Geschichte zu erfahren. Doch da sie eigentlich kaum redet, wird daraus ein Selbstgespra\u0308ch des homodiegetischen Ich-Erza\u0308hlers, das sich in der Niederschrift der hier vorliegenden Geschichte niederschla\u0308gt: \u201eIch mu\u00df einfach erza\u0308hlen\u201c (<em>G<\/em>, 55)<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte besteht einerseits aus seiner Schilderung der aktuellen Ereignisse und Lebensumsta\u0308nde seiner Umgebung sowie andererseits aus eingeschobenen Ru\u0308ckblicken auf die DDR-Zeit bzw. seine mehrfachen vergangenen Beziehungen mit Kristina (die in ihrem Grad an Glu\u0308ck oder Unzufriedenheit stets die Situation des Landes insgesamt widerspiegeln). Das erste Mal waren beide sieben Jahre lang verheiratet, von ca. Mitte der 1970er- bis Anfang der 80er-Jahre<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Nach einer Trennung heirateten sie dann, wahrscheinlich um die Mitte der 1980er-Jahre, nochmals und blieben diesmal drei Jahre lang zusammen. Schlie\u00dflich erlebten sie ihre glu\u0308cklichste Zeit, als sie sich im anarchischen Wendeherbst 1989 wieder trafen und eine Zeit lang in \u201awilder Ehe\u2018 lebten. Als er gegen Ende des Jahres 1990 verlassen wird, zieht sich der Protagonist in seine Wohnung zuru\u0308ck und beginnt schreibend einen Prozess der Erinnerung, Selbstversta\u0308ndigung und Selbstvergewisserung. Das entspricht dem prozessualen Ansatz, den Schirmer selbst in einem Interview formulierte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">\u201eFu\u0308r mich perso\u0308nlich ergibt sich dieser Zusammenhang dadurch, dass ich mir u\u0308ber manche Dinge beim Schreiben erst klar werde. Daru\u0308ber hinaus kann ein literarischer Text auch eine Vergewisserung fu\u0308r diejenigen sein, die die geschilderte Zeit miterlebt haben, indem sie diese Zeit noch mal reflektiert oder widergespiegelt finden. In diesem Sinn ist der Text ein Medium kollektiver Erinnerung.\u201c \u201eDie einzige Mo\u0308glichkeit mit der alten Zeit fertig zu werden, ist, sich ihr im gemeinsamen Erza\u0308hlen gegenseitig zu versichern<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei wird deutlich, dass auch die vergangene, untergegangene Zeit keineswegs eindeutig und klar bestimmt ist, denn sie wird ru\u0308ckblickend von verschiedenen Figuren unterschiedlich gesehen und bewertet. Fu\u0308r den wohlmeinenden, aber etwas besserwisserischen, in Ost-Klischees denkenden bayerischen Onkel Alfred, der die westdeutsche Au\u00dfenperspektive verko\u0308rpert, war die DDR-Vergangenheit nichts als eine \u201eZeit des Leidens und der Knechtschaft\u201c, die jetzt zum Glu\u0308ck zu Ende gegangen sei (<em>G<\/em>, 22). Der Revolutionsexperte Bro\u0308ckle sah in ihr den Versuch einer anderen Gesellschaft, an die er geglaubt hat und deren Untergang er als Niederlage empfindet. Deshalb weigert er sich, die Revolution von 1989 als eine solche zu definieren und stemmt sich als Historiker gegen die Entfernung von Denkma\u0308lern, die er als Ausradierung und Umschreibung der Geschichte empfindet. Der einst bestrafte und tief verletzte Kleingrube hingegen betrachtet die DDR unter dem Prisma der Diktatur und will die Verantwortlichen oder Mitla\u0308ufer des Systems entlarven. Dem ha\u0308lt der Erza\u0308hler entgegen: \u201eAber, sage ich, wir sind doch alle mitgelaufen, wir haben alle mitgemacht, mehr oder weniger, die Ba\u0308cker haben Bro\u0308tchen gebacken, und die Fleischer haben Schweine geschlachtet und haben das System gestu\u0308tzt\u201c (<em>G<\/em>, 40, vgl. 66; 110).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgerechnet der Maler Schlehwein, der als einziger in der DDR wirklich dissidentisch gewirkt und regimekritische Bilder gemalt hatte, ist von den Ereignissen 1989 gar nicht begeistert, sondern u\u0308bt seinen Nonkonformismus gegen die Mehrheitsmeinung mit gleicher Intensita\u0308t wa\u0308hrend der Wende und im vereinten Deutschland aus<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Er, der immer gegen die politische Fu\u0308hrung seines Landes angeka\u0308mpft hatte, setzt sich nun fu\u0308r seine Landsleute ein, indem er die Grundbu\u0308cher eines Dorfes im Brandenburgischen in Brand setzt. Damit will er verhindern, dass die Ostdeutschen ihre Grundstu\u0308cke und Ha\u0308user verlieren, die im Rahmen der Devise \u201eRu\u0308ckgabe vor Entscha\u0308digung\u201c westlichen Vorbesitzern oder deren Nachkommen zuru\u0308ckgegeben werden sollen. Diesen war wa\u0308hrend des Neuaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der Enteignungswelle in der DDR, ihr Besitz weggenommen und spa\u0308ter an Ostdeutsche verkauft worden, was nun einen kaum zufriedenstellend lo\u0308sbaren Konflikt darstellte. <em>En passant <\/em>verweist Schirmer hier auf die gerade 40 Jahre zuru\u0308ckliegende vorherige Zeitenwende, die mit a\u0308hnlich tiefgreifenden (Auf-)\/(Um-) Bru\u0308chen einhergegangen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vielfalt der Perspektiven entsprechend, verwendet Schirmer mehrfach den Plural \u201ealte Zeiten\u201c (<em>G<\/em>, 69; 106)<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>, der sich im Deutschen semantisch kaum vom Singular unterscheidet, au\u00dfer eben, dass er den Begriff noch weitet und Dinge wie Lebenswirklichkeiten und -umsta\u0308nde, Sitten und Gebra\u0308uche usw. umfasst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Beschleunigt\"><\/a>Beschleunigte und gestaute Zeit, Zeitverwirrung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Schlehweins Giraffe <\/em>behandelt den Aspekt der \u201eZeitenwende\u201c in zweierlei Hinsicht: einerseits typischerweise als Pha\u0308nomen der beschleunigten Zeit, eines rasanten U\u0308berbordwerfens aller alten Strukturen, des \u201eAbwickelns\u201c der DDR und ihrer Institutionen, ohne Zeit zum Reflektieren. Somit erscheint die Erza\u0308hlung als eine Erfahrung des ,Einbruchs einer neuen Zeit\u2018. Die Schnelligkeit dieses Umbruchs wird plastisch gemacht am Schicksal des eher gema\u0308\u00dfigten, sich jedoch systemkritisch du\u0308nkenden Schriftstellers Ralph B. Schneiderheinze, der geglaubt hatte, mit seiner Literatur die Revolution vorzubereiten. Dabei ging er jedoch so langsam, behutsam, vorsichtig vor, dass diese ihn letztlich u\u0308berrollte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">[Er] hat dann, als sich alles in rasanter Weise zuspitzte, selber einen Zahn zugelegt. Er schrieb an einem neuen Buch, in dem er wirklich sagen wollte, wie es wirklich ist. Er wurde immer mutiger. [&#8230;] Aber es mu\u00dfte sich etwas a\u0308ndern, es war unausbleiblich, es ging so nicht weiter. Eine Wende mu\u00dfte kommen, und er wollte mit seinem Buch die Wende vorbereiten. Er schrieb und schrieb, atemlos, hektisch. Aber die Wende kam schneller, als er schreiben konnte, um die Wende vorzubereiten. Am liebsten wa\u0308re es ihm gewesen, es wa\u0308re, so sehr er die Wende auch herbeisehnte, langsamer gegangen mit ihr, damit er sie noch gebu\u0308hrend ha\u0308tte vorbereiten ko\u0308nnen mit seinem Buch. [&#8230;] Es ging alles schneller, als es einer wie Ralph B. Schneiderheinze schreiben kann. Wer zu spa\u0308t kommt mit seinem Buch, den bestraft die Zeitung (<em>G<\/em>, 45).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist Schneiderheinze ein Alter Ego des Autors Bernd Schirmer, der selbst ein Buch namens <em>Cahlenberg<\/em>, das die Wende vorbereiten sollte, zu spa\u0308t, na\u0308mlich erst im November \u201989 fertigstellte, wodurch es in der Versenkung verschwand und erst 1994 erscheinen konnte. Daru\u0308ber hinaus steht er pars pro toto fu\u0308r die real existierenden Autoren und Intellektuellen der DDR, die sich zuna\u0308chst noch als Taktgeber und Sprecher der \u201aWende\u2018 verstanden und diese fu\u0308r einen Neuaufbau des Sozialismus nutzen wollten. Doch wurden sie von der Wucht der Ereignisse und der aufkommenden Forderung des Volkes nach der Wiedervereinigung und U\u0308bernahme des kapitalistischen Systems u\u0308berrollt. Ihr Aufruf \u201eFu\u0308r unser Land\u201c vom 26. November 1989 war bereits u\u0308berholt, als er am 28.11. erschien<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Das Pha\u0308nomen der beschleunigten Zeit ist jedoch nur <em>ein <\/em>Element in dieser satirischen Erza\u0308hlung und antagonistisch spiegelbildlich zur Situation des Erza\u0308hlers, der nicht nur a\u0308u\u00dferlich der Doppelga\u0308nger des Autors Schneiderheinze, sondern \u2013 trotz all seiner gegenteiligen Beteuerungen \u2013 selbst ein verhinderter Schriftsteller ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als in manch anderem Wenderoman dominiert seine Perspektive als die eines Menschen, dessen Leben komplett stillzustehen scheint. Nichts passiert; er und seine Freunde hinterlassen einander Nachrichten ohne Neuigkeitswert:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Es fing alles ganz harmlos an. Wir hatten uns alle automatische Anruf- beantworter gekauft, Bro\u0308ckles, Hasselblatts und sogar Schlehwein, obwohl er kein Freund technischer Neuerungen ist. [&#8230;] Die automatischen Anrufbeantworter waren unsere ersten Anschaffungen von dem fremden, neuartigen Geld, denn wir alle hofften, es wu\u0308rde wichtige, existenzsichernde Mitteilungen geben, wenn wir au\u00dfer Haus gingen, u\u0308berraschende Angebote, unaufschiebbare Nachrichten. Es gab sie nicht. Wir fragten immer nur gegenseitig an, wie es geht und steht. Es stand schlecht, erfuhren wir u\u0308ber Band voneinander. Wir sprachen kaum noch miteinander. Nur unsere Stimmen sprachen noch (<em>G<\/em>, 8).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genauer gesagt scheint der Erza\u0308hler \u201aaus der Zeit gefallen\u2018 bzw. sich in einer U\u0308bergangszeit zu befinden \u2013 das Alte ist vorbei, aber ein Neues beginnt (noch) nicht: \u201eDa waren wir schon wie Fremde im eigenen Land und hatten nichts mehr zu melden. Mit einem Bein lebten wir noch im alten Leben und mit dem anderen schon im neuen\u201c (<em>G<\/em>, 100f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fu\u0308r diese beinahe unwirkliche U\u0308bergangszeit steht auch sein neues Haustier. Nicht umsonst erinnert das groteske Bild einer Giraffe in einer Alt- bauwohnung an <em>Alice im Wunderland <\/em>und dessen zeitliche und ra\u0308umliche Verzerrungen in einer Welt aus Tra\u0308umen und Albtra\u0308umen. In dieses Bild passt auch die einzige weitere Stelle des Buches, die ein nicht-realistisches Moment einfu\u0308hrt, na\u0308mlich das einer zeitlichen Verwirrung des Erza\u0308hlers, welches repra\u0308sentativ fu\u0308r diese \u201ewirre Zeit\u201c (<em>G<\/em>, 43) steht:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Ich wei\u00df auf einmal nicht, in welcher Jahreszeit wir sind. Teils blu\u0308hen die Birnba\u0308ume noch, teils tragen sie schwere, gelbe Fru\u0308chte. Von einem Birnbaum hat die Giraffe sa\u0308mtliche Bla\u0308tter abgefressen, die Bro\u0308ckles haben sie gewa\u0308hren lassen, der Baum ist kahl. Es ist auf einmal wie Winter, mich fro\u0308stelt plo\u0308tzlich, aber wir sitzen noch immer im Garten (<em>G<\/em>, 36).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Vergangenheit\"><\/a>Vergangenheit \u2013 Gegenwart \u2013 Zukunft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die relativ ereignislose Gegenwart ist eingeklemmt zwischen den beiden Polen \u201eVergangenheit\u201c und \u201eZukunft\u201c. Erstere erscheint als ein vollsta\u0308ndig abgeschlossenes Pha\u0308nomen, eine unwiederbringlich beendete Zeit, die nur noch begutachtet, bewertet oder, wie ein durchaus problematisches Wort der Zeit verlangte, \u201aaufgearbeitet\u2018 werden kann. Der Erza\u0308hler meint gewiss auch sich selbst, wenn er sinniert:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Ich war wieder fu\u0308r mich allein und dachte u\u0308ber die Schriftsteller nach, deren Bu\u0308cher nicht mehr angeboten wurden, weil sie keiner mehr kaufen und keiner mehr lesen wollte, weil die Zeiten u\u0308ber sie hinweggegangen waren. Ich hatte plo\u0308tzlich eine Vision. Ich sah all die Schriftsteller, [&#8230;] sie schrieben in fieberhafter Eile. Sie arbeiteten die Vergangenheit auf, sie suchten sie hektisch zu bewa\u0308ltigen, die Vergangenheit (<em>G<\/em>, 15f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso fieberhaft arbeitet der bedauernswerte Kleingrube an seiner Sammlung von Beweisen fu\u0308r Schuld und Verstrickung aller und eines jeden (<em>G<\/em>, 39f.), bis er sogar die Giraffe u\u0308berfu\u0308hrt zu haben meint, als er ein Foto findet, auf dem eine Giraffe in einem Zirkuszelt dem Staats- und Parteichef Erich Honecker ein Stu\u0308ck Wu\u0308rfelzucker aus der Hand frisst. Insofern ist das exotische Tier als \u201eAltlast\u201c eine Allegorie auf die Vergangenheit und die Ostdeutschen insgesamt, die \u201aden ganzen Zirkus mitgemacht\u2018 haben, mehr oder weniger begeistert, und die nun nach Jahrzehnten der Ka\u0308fighaltung in eine ungewisse und u\u0308berfordernde Freiheit entlassen worden sind:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Die Verha\u0308ltnisse sind ja meistens schlecht. Aber so eng war unser Intimleben an die Zeitla\u0308ufe nicht gekettet, auch wenn wir, wie alle Welt, immer gehofft hatten, da\u00df sich zu unseren Lebzeiten noch etwas a\u0308ndert, doch das war schon alles, getan dafu\u0308r hatten wir nichts. Wir hatten geno\u0308rgelt auf unseren Nischenparties, aber dennoch, es war nicht unertra\u0308glich, und jeder hatte ja auch etwas zu verlieren, wie sich spa\u0308ter herausgestellt hat, ich darf dich nur an Bro\u0308ckle, Hasselblatt, Kleingrube erinnern. Zwar war es etwas eng und stickig, aber wem sage ich das, du hast ja selber lange genug in Ka\u0308figen zugebracht, doch dafu\u0308r war es nicht allzu stressig, nicht wahr. Natu\u0308rlich hatten wir auch immer unsere Ausflu\u0308chte und Selbstta\u0308uschungen zur Hand. Wir hatten uns immer eingeredet, da\u00df es zwei Sozialismusse gebe. Den Gro\u00dfen Sozialismus, wie er in der Zeitung stand mit zweiundvierzig Honeckerbildern zur Leipziger Messe. Und den kleinen sozialismus, den wir selber praktizierten, indem wir einfach lebten, wie zu leben war, und uns zuho\u0308rten und uns beistanden in unseren No\u0308ten und den gebrechlichen Nachbarn die Kohleneimer in die vierte Etage trugen, wie la\u0308cherlich sich das heute auch anho\u0308ren mag (<em>G<\/em>, 65).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bro\u0308ckle hingegen vermag sich von der Vergangenheit nicht zu trennen und nutzt eine gro\u00dfe Summe Geldes, das er bei der Lotterie gewonnen hat (oder aus dem beiseite geschafften Parteivermo\u0308gen der SED abgezweigt, das bleibt unklar), um eine Kneipe mit dem Namen \u201eZur Alten DDR\u201c zur ero\u0308ffnen. Damit ist er ein fru\u0308her Vertreter des in den spa\u0308ten 1990er-Jahren durchschlagenden Ostalgie-Pha\u0308nomens. Er glaubt sogar ernsthaft, aus dieser Konservierung der Vergangenheit Zukunft gewinnen zu ko\u0308nnen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Und wir wu\u0308rden die Kneipe gemeinsam betreiben, alle. Bro\u0308ckle umarmte mich. Es wa\u0308ren dann wieder alle beisammen, und es wu\u0308rde wie fru\u0308her sein, und wir wu\u0308rden u\u0308ber die alten Zeiten reden. Es wa\u0308re dann Arbeit fu\u0308r alle da, neue, scho\u0308ne Aufgaben, und die armen Hasselblatts ka\u0308men dann endlich aus ihrer armseligen Wu\u0308rstchenbude heraus, und der arme Kleingrube komme vielleicht auch auf andere Gedanken und brauche nicht la\u0308nger in seinen alten Akten zu wu\u0308hlen, der wird sowieso noch verru\u0308ckt, der will uns allen noch was beweisen und anha\u0308ngen, der ko\u0308nne sich dann nach vorn orientieren, auf die Zukunft hin wie wir alle, Sinologen, Geologen, Meteorologen, Archa\u0308ologen, Archivare und Bibliothekare, die jetzt stellungslos sind. Denn so eine Kneipe werfe fu\u0308r alle was ab (<em>G<\/em>, 106).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einer solchen Idee von Zukunftsgewinnung ist der sympathische Onkel Alfred das genaue Gegenteil; fu\u0308r ihn ist vo\u0308llig klar, dass die DDR ein fu\u0308r allemal vorbei ist. Seiner naiv-optimistischen Annahme nach stu\u0308nde seinen ostdeutschen Freunden nun die ganze Welt offen, wenn sie nur die A\u0308rmel hochkrempelten (<em>G<\/em>, 22; 82). Doch sein ambitionsloser Neffe hat keinerlei ernsthafte Zukunftspla\u0308ne, sondern versucht erst einmal, mit der Gegenwart zurechtzukommen und u\u0308ber sie nachzusinnen. \u201eWir alle mu\u0308ssen viel Neues lernen in dieser Zeit. Wir mu\u0308ssen alles neu sehen. Wir mu\u0308ssen umdenken\u201c (<em>G<\/em>, 14), wei\u00df er, und la\u0308sst sich Zeit damit. Durch das Sammeln \u201eneuer Wo\u0308rter\u201c, die nun allenthalben auftauchen, versucht er, die Welt um sich herum beschreibend zu erfassen \u2013 so wie er fru\u0308her mit Kristina durch das <em>Kreieren <\/em>neuer Wo\u0308rter den DDR-Alltag kreativ aufgewertet hatte. Es passt auch zu seiner fru\u0308heren Ta\u0308tigkeit als Lektor bzw. \u201eKommasetzer\u201c, denn wie Jill Twark ausgefu\u0308hrt hat, bedeutet das Setzen von Kommas das Einfu\u0308gen von Pausen, was die Bedeutung von langen Sa\u0308tzen oder Formulierungen lenken, ordnen oder gar a\u0308ndern kann<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>. Er versucht quasi, Lu\u0308cken im unabla\u0308ssigen Ablauf der Ereignisse zu finden und die Welt um sich herum zu ordnen, zu verstehen, Bedeutungen zuzuweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Kristina unverrichteter Dinge aus Mu\u0308nchen zuru\u0308ckkehrt (statt der Kammerspiele hat es nur fu\u0308r einen Werbespot fu\u0308r Joghurt gereicht, aber sie hat es immerhin versucht), du\u0308rfte wohl das Jahr 1991 zu Ende gehen, denn Berlin ist bereits Hauptstadt geworden, und dann schneit es. In der scha\u0308tzungsweise einja\u0308hrigen Abwesenheit Kristinas <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>hat ihr Mann drei Mal erwa\u0308hnt: \u201eIn der letzten Zeit ist viel Zeit vergangen.\u201c, \u201eDa war viel Zeit verstrichen.\u201c, \u201eEs ist viel Zeit vergangen\u201c (<em>G<\/em>, 35; 100; 121). Dies widerspricht der vorherigen Annahme und Selbstdarstellung des Protagonisten, dass in seinem Leben rein gar nichts passiere \u2013 zumindest insofern, als er eine intensive geistige Anstrengung unternommen hat. Denn Zeitforschung und Neurobiologie gehen davon aus, dass Vorga\u0308nge, die mit intensiver geistiger Konzentration einhergehen, als lange andauernd wahrgenommen werden, wa\u0308hrend bei geringer Beanspruchung die Zeit schneller zu vergehen scheint. Auch nimmt der Erza\u0308hler lediglich in seinem eigenen ta\u0308glichen Leben kaum Vera\u0308nderungen wahr, wa\u0308hrend er sehr wohl registriert, dass sich die Welt um ihn herum weiterhin sta\u0308ndig wandelt \u2013 es werden <em>en passant <\/em>immer wieder Anspielungen auf Ereignisse eingestreut wie die wechselnden Regierungen von Herbst 1989 bis 1990, die Wa\u0308hrungsunion, die Einheit usw. Dass all diese Dinge den Protagonisten, auch wenn er sie nur passiv zu erleben glaubt, gleichwohl geistig verarbeitet, eben doch beeinflussen, ist anzunehmen. Schlie\u00dflich geht das Paar in einem offenen Ende (Fu\u00dfspuren im Schnee) der Zukunft entgegen: \u201eMal sehen, wie alles weitergeht\u201c \u2013 wobei ihnen bewusst ist, dass sie die Vergangenheit (repra\u0308sentiert durch die Giraffe) nicht einfach hinter sich lassen ko\u0308nnen, sondern sie in ihr zuku\u0308nftiges Leben integrieren mu\u0308ssen: \u201edie werden wir nie wieder los\u201c (<em>G<\/em>, 123).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Alltagszeit\"><\/a>\u201eAlltagszeit\u201c, \u201ebiografische Zeit\u201c, \u201ehistorische Zeit\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Soziologe Hartmut Rosa hat die These aufgestellt,<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">dass Modernisierung nicht nur ein vielschichtiger Prozess <em>in der Zeit <\/em>ist, sondern zuerst und vor allem auch eine strukturell und kulturell ho\u0308chst bedeutsame Transformation der Temporalstrukturen und -horizonte selbst bezeichnet und dass die <em>Vera\u0308nderungsrichtung <\/em>dabei am angemessensten mit dem Begriff der sozialen <em>Beschleunigung <\/em>zu erfassen ist<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne wurde natu\u0308rlich auch der Osten Deutschlands (bzw. ganz Osteuropas) mit und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs modernisiert und beschleunigt \u2013 wobei das gleiche Schicksal die ganze Welt ab Mitte der 1990er-Jahre ereilen sollte, als die Digitalisierung Einzug halten wu\u0308rde, aber das war zur Entstehungszeit von Schirmers Buch noch nicht absehbar. Diese Beschleunigung seiner Umgebung beschreibt der Erza\u0308hler, wa\u0308hrend er sich zugleich ihrem Vera\u0308nderungsdruck entzieht, indem er sich auf eine der a\u0308ltesten und \u201alangsamsten\u2018 Kulturtechniken u\u0308berhaupt, auf das Schreiben und das Reflektieren zuru\u0308ckzieht. Er tritt sozusagen aus der beschleunigten Zeit heraus in ein Refugium der Introspektion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezug nehmend auf Peter Ahlheit und Anthony Giddens erla\u0308utert Rosa drei Ebenen temporaler Vermittlungsprozesse aus der Akteursperspektive: die \u201eZeitstrukturen ihres Alltagslebens\u201c mit ta\u0308glichen Routinen und Wochenrhythmen, eine zeitlich-biografische Perspektive, auch \u201eLebenszeit\u201c, in der Menschen Lebensabschnitte und -ziele wie Schule, Ausbildung, Kindererziehung, Erwerbsleben, Rente usw. planen, und drittens die \u201eu\u0308bergreifende Zeit ihrer Epoche, ihrer Generation und ihres Zeitalters\u201c, also eine historische Perspektive \u2013 sie alle mu\u0308ssen in Einklang miteinander gebracht werden und sind von den herrschenden Zeitregimes und kollektiven Mustern der Gesellschaft abha\u0308ngig<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\"><em>Ob, wie <\/em>und <em>wie weit <\/em>in die Zukunft geplant wird, ha\u0308ngt in hohem Ma\u00dfe von der Stabilita\u0308t und Vorhersagbarkeit der sozialen und kulturellen Umwelt ab. Die dritte Zeitebene, die historische Zeit oder \u201aEpoche\u2018, schlie\u00dflich entzieht sich fast vo\u0308llig individueller Gestaltungsmo\u0308glichkeit \u2013 hier bleibt den individuellen Akteuren nur die Mo\u0308glichkeit, sich affirmativ oder oppositionell zu den jeweiligen \u201eAnspru\u0308chen ihrer Zeit\u201c zu verhalten<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Gefu\u0308hl, kaum Mo\u0308glichkeiten zu haben, die historische Zeitebene mitgestalten zu ko\u0308nnen, war natu\u0308rlich in der DDR besonders weit verbreitet; der Erza\u0308hler des Romans steht stellvertretend hierfu\u0308r und gibt es auch offen zu, dass man eben einfach mehr oder weniger mitgemacht habe. Kaum jemand, ihn eingeschlossen, hatte ernsthaft geglaubt, jemals diese Regierung, dieses System a\u0308ndern oder gar die Mauer niederrei\u00dfen zu ko\u0308nnen \u2013 bis man es plo\u0308tzlich doch konnte, mit ganz unvorhergesehenen Folgen. Nun ist es unmittelbar einsichtig, dass bei politischen Umbru\u0308chen Lebenszeit und historische Zeit in ein Spannungsfeld geraten, weil die Pla\u0308ne fu\u0308r erstere plo\u0308tzlich umgekrempelt oder nichtig werden. Im Roman findet sich dies anhand der gutgemeinten Forderung von Onkel Alfred, sein Neffe solle doch das abgebrochene Germanistikstudium wieder aufnehmen und sein Leben quasi nochmal von vorn beginnen. Das erscheint dem Anfang-Vierzigja\u0308hrigen absurd \u2013 wenngleich es nicht unmo\u0308glich wa\u0308re. Es verweist aber auf eine ganze Generation von u\u0308ber-50-ja\u0308hrigen Ostdeutschen, von denen viele Arbeit und berufliche Perspektive insgesamt verloren und auch nie wiedererlangt haben. Arbeitslosigkeit, Umschulungen, massenhafte Fru\u0308hverrentung, das vorzeitige Abbrechen des eigenen (und in der DDR einst extrem stabilen) Lebensplans trugen zu Entta\u0308uschungen von gro\u00dfem Ausma\u00df bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt ein weiterer Verunsicherungsfaktor beim Systemwechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus, den selbst Rosa nicht anspricht: dass na\u0308mlich sogar die Zeitstrukturen des Alltagslebens sich a\u0308nderten. Evident ist dies im Falle von (massenhafter) Arbeitslosigkeit, durch welche der geregelte Tagesablauf von Aufstehen, Arbeitszeit und Abend- oder Wochenendgestaltung durcheinandergera\u0308t \u2013 dass ein daraus folgender Verlust von Tagesstruktur fu\u0308r viele Menschen in jeder Gesellschaft problematisch ist, wei\u00df die Soziologie seit Langem. Aber selbst auf noch kleinerer Ebene a\u0308nderten sich Strukturen: in Bezug auf Feiertage, Schulferien, O\u0308ffnungszeiten, kulturelle Veranstaltungen oder Ferienlager, die oft u\u0308ber die Betriebe organisiert waren. Dies mag banal wirken im Lichte des enormen gesellschaftlichen Umbruchs, den die meisten ja begru\u0308\u00dft haben, aber eine gewisse Umstellung und Anpassungsleistung erforderte es allemal. All dies trifft auf den arbeitslosen Erza\u0308hler zu, der schon im zweiten Satz des Buches von der Giraffe gefragt wird, warum er den ganzen Tag zu Hause sitze. Eine weitere Bemerkung von Rosa zielt direkt auf unseren Roman, der leistet, was Rosa beschreibt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Die Verknu\u0308pfung der drei Zeitebenen in der Perspektive der Akteure folgt dabei stets narrativen Mustern. Es sind kulturelle und individuelle Narrationen, in denen Alltagszeit, biografische Zeit und historische Zeit zueinander in Beziehung gesetzt und wechselseitig kritisiert und gerechtfertigt werden. In solchen narrativen Entwu\u0308rfen wird zugleich die Gewichtung und Bedeutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und damit auch die Relevanz und Gewichtung von Tradition und Wandel bestimmt<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Literatur ist in besonderer Weise geeignet, solche Narrationen zu erzeugen sowie individuelle und generationenspezifische Erinnerungen zu tradieren. Sie ist damit zentral an der Herausbildung eines \u201ekulturellen\u201c und \u201ekollektiven Geda\u0308chtnisses\u201c beteiligt und kann gleichzeitig die Erstellung desselben kommentieren und hinterfragen<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>. Ein solches Geda\u0308chtnis wie auch identita\u0308tsstiftende Narrative sind fu\u0308r die Sinnstiftung einer Gesellschaft gerade da von besonderer Wichtigkeit, wo eine vierte Zeit- und Sinnebene, die \u201esakrale\u201c nicht oder kaum existiert:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Wie Philosophen wie Charles Taylor und Alasdair Maclntyre in ju\u0308ngster Zeit betont haben, vollzieht sich die Verknu\u0308pfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der je eigenen Lebensgeschichte stets vor dem Hintergrund der \u201eRahmengeschichte\u201c einer kulturellen Gemeinschaft bzw. einer erza\u0308hlten \u201eWeltgeschichte\u201c. Das Wissen um die Endlichkeit des je individuellen Daseins la\u0308sst dabei die Diskrepanz zwischen der begrenzten Lebenszeit und der perspektivisch unbegrenzten Weltzeit zu einem narrativen und lebenspraktischen Problem werden. Die Verso\u0308hnung dieser Diskrepanz wird in fast allen entwickelten Kulturen durch die Einfu\u0308hrung einer vierten Zeitebene, die Konzeption einer Sakralzeit, gelo\u0308st. Diese \u201eheilige Zeit\u201c u\u0308berwo\u0308lbt die lineare Zeit des Lebens und der Geschichte, begru\u0308ndet ihren Anfang und ihr Ende und hebt Lebens- und Weltgeschichte in einer gemeinsamen ho\u0308heren, gleichsam \u201ezeitlosen Zeit\u201c auf<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sakrale Zeit ist in Europa natu\u0308rlich vom Christentum gepra\u0308gt und bietet mit dessen Ritualen und Festen (von Sonntagen bis Weihnachten) sozusagen \u201aAuszeiten\u2018 vom Alltag und dessen \u201eprofaner Zeit\u201c \u2013 und mit der Vorstellung vom Leben nach dem Tod eine mo\u0308gliche Hilfe zur Bewa\u0308ltigung von Problemen sowie eine sinnstiftende u\u0308berzeitliche Begru\u0308ndung fu\u0308r das diesseitige Dasein. All dies ist jedoch in einer fast vollsta\u0308ndig sa\u0308kularisierten, atheistischen Gesellschaft wie der ostdeutschen nicht gegeben. Das, was die politische Fu\u0308hrung der DDR als Alternative zu etablieren versuchte, na\u0308mlich das Geschichtstelos der kommunistischen Utopie, hatte schon lange an Legitimita\u0308t und U\u0308berzeugungskraft verloren und war ab 1990 vo\u0308llig diskreditiert. So bleibt dem Erza\u0308hler des Romans, zuru\u0308ckgeworfen auf die eigene Lebenszeit, als utopisches Ziel nur das private Glu\u0308ck, na\u0308mlich die erhoffte Wiederkehr Kristinas. Darauf wartet er den ganzen Verlauf der Erza\u0308hlung hindurch, obwohl sie sich seit ihrem Weggang nicht bei ihm gemeldet hat und er auch nicht damit rechnet, dass sie es noch tun wird, aber: \u201eDennoch kann ich nicht aufho\u0308ren zu warten, denn nicht mehr warten, das ist das Ende\u201c (<em>G<\/em>, 28). Sich nicht mehr an die Hoffnung auf das Happy End mit Kristina zu klammern, wa\u0308re fu\u0308r ihn gleichbedeutend damit, jeden Sinn im Leben zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Ende des Kalten Krieges tat sich ein ideologisch luftleerer Raum auf, der das kleine Gebiet im Osten Deutschlands weit u\u0308berstieg. Denn der Zusammenbruch des Sowjetreiches und das Ende der bipolaren Weltordnung des 20. Jahrhunderts erforderte nicht weniger als eine globale Neuordnung mit ungewissem U\u0308bergang in die Zukunft eines neuen Millenniums. Dies konnte Verunsicherung auslo\u0308sen und Orientierungslosigkeit im Sinne von Hamlets Feststellung \u201eDie Zeit ist aus den Fugen\u201c, ein Gefu\u0308hl, das schon immer Epochenumbru\u0308che begleitete. Man konnte dem optimistisch entgegensehen mit Francis Fukuyamas These vom <em>Ende der Geschichte <\/em>und dem Glauben an den endgu\u0308ltigen weltweiten Sieg von Demokratie und Frieden oder pessimistisch mit Samuel Huntingtons Prophezeiung eines zuku\u0308nftigen <em>Clash of Civilizations <\/em>anhand neuer kultureller Bruchlinien. Mit der Idee vom Ende der Geschichte konnte auch eine Vorstellung von \u201aBereinigung\u2018 derselben einhergehen, wie Schirmer anhand der Figur Bro\u0308ckles verdeutlicht, der das damals hei\u00df diskutierte Thema der Umbenennung von Stra\u00dfen und des Abrei\u00dfens von Denkma\u0308lern oder Geba\u0308uden diskutiert. Bro\u0308ckle sieht in solchen Ma\u00dfnahmen den Versuch, die ungeliebten Teile der Vergangenheit auszulo\u0308schen, die Verlierer aus der Erza\u0308hlung zu tilgen, mithin die Geschichte der Sieger zu schreiben (<em>G<\/em>, 33f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rosa arbeitet heraus, wie in diesen Posthistoire-Diskursen \u201ein der nur noch <em>ex negativo <\/em>erfolgenden Bestimmung des eigenen Zeitalters als \u201cNach\u201d- und \u201cEnd\u201d-Epoche, als \u201cpost\u201d-Zeitalter am Ende der Vernunft, des Subjekts, der Werte, der Erziehung, der Erza\u0308hlungen, der Politik, der Geschichte etc.\u201c ein interessantes Paradox auftrat: Wa\u0308hrend einerseits eine \u201eBeschleunigung des sozialen Wandels\u201c und \u201eErho\u0308hung des Lebenstempos\u201c diagnostiziert wurde, sei andererseits zugleich eine \u201eErstarrung der sozialen Entwicklung\u201c, ein Verlust an Sinn und Utopie, mithin \u201edie ereignislose Langeweile modernen Lebens beklagt\u201c worden \u2013 all dies zusammengefasst in Paul Virilios \u201eMetapher des <em>rasenden Stillstande<\/em>\u201c <a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>. Genau diese Metapher charakterisiert auch das Leben des Erza\u0308hlers in diesem ersten Jahr im vereinten Deutschland. Er reagiert darauf so, wie es Schriftsteller tun: mit der Niederschrift dessen, was war, was ist, was werden ko\u0308nnte, im kleinen perso\u0308nlichen Rahmen die Ereignisse der Epoche <em>in nuce <\/em>kondensierend, sie aufzubewahren fu\u0308r eine kommende Zeit und Generationen, die einmal darauf zuru\u0308ckblicken werden als eine vergangene Zeit, eine uralte <em>Geschichte<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: 'times new roman', times, serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><span style=\"font-family: georgia, palatino, serif;\">[1]<\/span><\/a><span style=\"font-family: georgia, palatino, serif;\"> Siehe z. B.: Alexander Clarkson, \u201eDas Problem der Ostdeutschen waren ihre Illusionen\u201c, <em>Die Zeit <\/em>vom 2. Mai 2019, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2019-05\/alexander-clarkson- wende-1990-ost-west\">https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2019-05\/alexander-clarkson- wende-1990-ost-west<\/a> oder Bastian Brandau, \u201eNarben auf der Seele, lebenslang\u201c, <em>DLF Kultur <\/em>vom 29.09.2018,<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/petra-koepping-integriert-doch-erstmal-uns- narben-auf-der.1270.de.html?dram:article_id=429285\"> https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/petra-koepping-integriert-doch-erstmal-uns- narben-auf-der.1270.de.html?dram:article_id=429285<\/a>, Zugriff am 20.9.2019.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Bernd Schirmer, <em>Schlehweins Giraffe. Die Grenze verschwindet, die Giraffe sieht fern<\/em>. Roman, Frankfurt a. M., Fischer Taschenbuch Verlag, 1994. Erstausgabe: Frankfurt a. M., Eichborn Verlag, 1992, neu aufgelegt: Berlin, Edition Schwarzdruck, 2000. Im Folgenden werden die Seitenangaben zu diesem Prima\u0308rtext unter der Sigle <em>G <\/em>direkt im Text, in Klammern, angefu\u0308hrt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Der Begriff \u201eWende\u201c ist schon deshalb problematisch, weil er von Egon Krenz eingefu\u0308hrt wurde, der in seiner Antrittsrede als neuer Staats- und Parteichef im Oktober 1989 von einer \u201eWende\u201c sprach, mit der die Partei die \u201epolitische und ideologische Offensive wieder erlangen\u201c sollte. Bernd Lindner, \u201eBegriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche\u201c, 3.6.2014, <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/185602\/begriffsgeschichte-der-fried-lichen-revolution-eine-spurensuche?p=2\">https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/185602\/begriffsgeschichte-der-fried-lichen-revolution-eine-spurensuche?p=2<\/a>, Zugriff am 10.11.2020. Vgl. \u201e,Wende\u2018? \u201aFriedliche Revolution\u2018? \u201aMauerfall\u2018?\u201c, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 19.10.2009, <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/ Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html\">https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/ Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html<\/a>, Zugriff am 10.11.2020. [Siehe auch \u201e<a href=\"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/umstrittene-begriffe\/\">Umstrittene Begriffe<\/a>\u201d im <em>Glossen<\/em>-Wendereader.]<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Dieses Ausstellen des Erza\u0308hl- bzw. Schreibvorgangs ist typisch fu\u0308r Wenderomane aus dieser Zeit, etwa Jens Wonnebergers <em>Wiesinger <\/em>(1999) oder Kerstin Hensels <em>Tanz am Kanal <\/em>(1994).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Dies ergibt sich aus der Erwa\u0308hnung des staatlichen Wohnungsbauprogramms, das 1973 begann; im Buch wird auch die millionste Neubauwohnung erwa\u0308hnt, die 1978 eingeweiht wurde \u2013 irgendwann in diesem Zeitraum haben sich der Erza\u0308hler und Kristina kennengelernt, als sie in zwei u\u0308bereinanderliegende neue Wohnungen eingezogen sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Carsten Gansel, \u201e\u201cIch war zu spa\u0308t dran.\u201d Gespra\u0308ch mit Bernd Schirmer\u201c, in: Carsten Gansel, <em>Literatur im Dialog. Gespra\u0308che mit Autorinnen und Autoren 1989-2014<\/em>, Berlin, Verbrecher Verlag, 2015, S. 267-278, hier S. 275 und 272.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u201eIhn interessierte nicht, was wir ihm erza\u0308hlten, aufgeregt, manchmal begeistert. Er war schon fertig mit allem. Er wollte gar nichts mehr. Er wollte nur noch seine Ruhe. [&#8230;] Ah ja, na scho\u0308n, aber was habe ich damit zu tun? Er verbrachte, so schien es, die ganze Zeit der Wende auf dem Plumpsklo.\u201c (<em>G<\/em>, 70). Eine a\u0308hnlich \u201abockige\u2018 Figur zeichnet auch Jens Wonneberger mit <em>Wiesinger. Der Mann mit Hacke und Spaten<\/em>, Berlin, Kowalke &amp; Co. Verlag, 1999.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Das Wort \u201eZeit\u201c im Singular, fast ausschlie\u00dflich fu\u0308r die Gegenwart gebraucht, kommt 30 Mal in dem schmalen Bu\u0308chlein vor.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Bro\u0308ckle sammelt ebenfalls Unterschriften fu\u0308r diesen Aufruf (<em>G<\/em>, 77).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Jill Twark, \u201e\u201cKo &#8230; Ko &#8230; Kolonialismus,\u201d said the giraffe: Humorous and Satirical Responses to German Unification\u201c, in: Carol Anne Costabile-Heming, Rachel J. Halvetson, Kristie A. Foel (Hrsg.), <em>Textual Responses to German Unification. Processing Historical and Social Change in Literature and Film<\/em>, Berlin, New York, Walter de Gruyter, 2001, S. 151-169, hier S. 164.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Sie hat ihn verlassen, als sie von seiner Affa\u0308re mit Lydia erfuhr, da \u201ehatten wir schon die deutsche Einheit\u201c (G, 101), also irgendwann nach dem 3.10.1990. Als sie zuru\u0308ckkehrt, sagt sie, es sei gut, dass Mu\u0308nchen nicht Hauptstadt geworden sei (<em>G<\/em>, 121) \u2013 der Hauptstadtbeschluss fiel am 20.6.91 \u2013 und am Ende ist von Frost und Schnee die Rede; sie ist also irgendwann ab dem Herbst 1991 wieder da.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Hartmut Rosa, <em>Beschleunigung. Die Vera\u0308nderung der Zeitstrukturen in der Moderne<\/em>, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2005, S. 24. Kursivschreibung im Original. Vgl. ebd., S. 15: \u201eDie Temporalstrukturen der Moderne, so wird sich ergeben, stehen vor allem im Zeichen der Beschleunigung. Die Beschleunigung von Prozessen und Ereignissen ist ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ebd., S. 30-34. Dies baut auf den fru\u0308heren U\u0308berlegungen Blumenbergs auf: Hans Blumenberg, <em>Lebenszeit und Weltzeit<\/em>, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1986.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ebd., S. 34. Kursivschreibung im Original.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ebd., S. 35.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Carsten Gansel, \u201eVorbemerkung\u201c, in: Carsten Gansel, Pawel Zimniak (Hrsg.), <em>Das \u201ePrinzip Erinnerung\u201c in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach 1989<\/em>, Go\u0308ttingen, V&amp;R unipress., 2010, S. 11-15, hier S. 13.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> H. Rosa, <em>Beschleunigung<\/em>, a.a.O., S. 35f.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt; font-family: georgia, palatino, serif;\"><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Ebd., S. 41. Kursivschreibung im Original.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ludwig, Janine. \u201e\u201aIn der letzten Zeit ist viel Zeit vergangen.\u2018 Zeitenwende, \u00dcbergangszeit und Umbr\u00fcche in Bernd Schirmers Wenderoman Schlehweins Giraffe\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"original\"><\/a>Erstver\u00f6ffentlichung in: <em>Germanica <\/em>68 (2021), S. 17-30. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.4000\/germanica.10528\">https:\/\/doi.org\/10.4000\/germanica.10528<\/a>; <a href=\"https:\/\/journals.openedition.org\/germanica\/10528\">https:\/\/journals.openedition.org\/germanica\/10528<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Janine Ludwig (reprint) &nbsp; Im Herbst 2019 ja\u0308hrte sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal, und im Herbst 2020 wurde das Jubila\u0308um der Deutschen Einheit begangen. Diese Ereignisse liegen nun also bereits eine ganze biologische Generation zuru\u0308ck. 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