{"id":7934,"date":"2022-12-06T14:37:28","date_gmt":"2022-12-06T19:37:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7934"},"modified":"2023-02-04T13:44:08","modified_gmt":"2023-02-04T18:44:08","slug":"ich-war-zu-spat-dran","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-49\/ich-war-zu-spat-dran\/","title":{"rendered":"\u201eIch war zu sp\u00e4t dran.\u201c (Nachdruck)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Carsten Gansel im Gespr\u00e4ch mit Bernd Schirmer (<a href=\"#Interview\">reprint<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Carsten Gansel: Herr Schirmer, allem Anschein nach spielen bei Autoren, die aus der DDR stammen, Indianer eine bestimmte Rolle. Joochen Laabs etwa hat in seinem Roman <\/em>Sp\u00e4te Reise<em>, f\u00fcr den er gerade den Uwe-Johnson-Preis bekommen hat, eine Art Sinnbild fixiert, in dem die DDR mit dem Schicksal der Indianer in den USA verglichen wird: Die Ostdeutschen seien eine aussterbende Spezies, wie die Indianer irgendwann ausgestorben sind, weil sie als Gemeinschaft nicht mehr lebensf\u00e4hig waren. Sie haben einen ganzen Roman \u00fcber Indianer spielende DDR-B\u00fcrger geschrieben. Ist das ein Zufall oder ist es so, dass aus einem bestimmten Lebenshintergrund solche Geschichten und solche Bilder wachsen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernd Schirmer: Tja, ich glaube, Zufall ist das nicht. Die Idee meines Romans <em>Der letzte Sommer der Indianer<\/em> h\u00e4ngt, wie Laabs\u02bc Parabel, sicherlich ein bisschen damit zusammen, dass die DDR sich immer als Anwalt der Unterdr\u00fcckten gef\u00fchlt hat. Das schlug sich auch auf die Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die Indianer nieder, wenn es um das Wildwest-Genre ging, w\u00e4hrend in den alten Bundesl\u00e4ndern ja mehr die Cowboyspiele veranstaltet wurden und die Cowboys f\u00fcr die jungen Leute Identifikationsfiguren waren. Im Buch ist es dann auch so, dass es zu einer symbolischen, bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Cowboys und Indianern kommt. Das Land, auf dem die Protagonisten immer ihre Tipis aufgestellt haben, wird von einem ehemaligen Freund zur\u00fcckverlangt, der in den Westen emigrieren musste und nun Restitutionsanspr\u00fcche geltend macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Ihr letzter Roman <\/em>Cahlenberg<em> ist 1994 erschienen. Sie haben aber bereits im Sommer 1989 beim Bachmann-Preis erste Ausz\u00fcge daraus gelesen. In einer Rezension hat Ulrich Weinzierl den Roman als eine Aussteigerparabel voll \u201esubversivem Humor\u201c beschrieben. F\u00fchlen Sie sich mit dieser Einordnung in Bezug auf den Roman richtig eingesch\u00e4tzt? Es ist ja nicht immer so, dass Autoren mit den Rezensionen zufrieden sind.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Ausnahmsweise war ich damit mal zufrieden. Ich glaube, die Einsch\u00e4tzung ist ganz zutreffend, es ist wirklich eine Aussteigerparabel. Der Roman spielt in der letzten dumpfen Zeit der DDR, in der es viele Leute nicht mehr ausgehalten haben und nach dem Westen gegangen sind. Aber es gab eben auch welche, die wollten vom Westen nicht so sehr viel wissen. Der Roman beschreibt solche Leute, die versuchen, innerhalb der DDR kleine Oasen zu gr\u00fcnden, in denen sie ihre eigenen \u00dcberzeugungen leben konnten. Das ist nat\u00fcrlich eine Utopie, von der man nicht genau wei\u00df, ob sie wirklich realisiert wird oder ob sie nur im Kopf des Ich-Erz\u00e4hlers stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Der fiktive Ort Cahlenberg erscheint wie eine \u201eHeterotopie\u201c, wie ein Gegenort zu dem ihn umgebenden Staatssystem mit ganz eigent\u00fcmlichen, aus der Gegenwart des sogenannten real existierenden Sozialismus gefallenen Figuren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Es handelt sich um Aussteigertypen, die sich in einem v\u00f6llig verlassenen Dorf niederlassen und \u00fcberhaupt keine Beziehung mehr zu ihrer Umgebung pflegen. Die Leute, die sich dort hinbegeben haben, ob real oder nur im Kopf des Erz\u00e4hlers, haben alle die unterschiedlichsten Motive. Dass sie nicht mehr mit der Politik zufrieden sind, das eint sie eigentlich. Aber es handelt sich nicht um Dissidenten, die was dagegen machen wollen. Stattdessen versuchen sie, ein Gemeinwesen von Grund auf neu aufzubauen, eine richtige Aussteigerkolonie, wie es sie auch tats\u00e4chlich in der DDR gegeben hat. Naja, aber dann kam ja alles ganz anders \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: K\u00f6nnte es sein, dass die Tatsache, dass in der DDR bestimmte gesellschaftliche Umst\u00e4nde, etwa der Aufstand vom I7. Juni 1953 und damit zusammenh\u00e4ngende pers\u00f6nliche Erinnerungen nicht narrativ gestaltet werden konnten, dazu gef\u00fchrt haben, dass solche Parabeln entstanden sind? Zu denken w\u00e4re ja auch an fr\u00fchere bekannte Texte wie die <\/em>Verlegung eines mittleren Reichs<em> von Pritz Rudolf Fries oder Christa Wolfs Adaption des Kassandra-Mythos.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Das w\u00fcrde ich nicht so einfach sagen. Es konnte teilweise schon \u00fcber kritische Themen geschrieben werden, aber vielleicht nicht mit der notwendigen Konsequenz, die im Nachhinein von den armen Autoren dieses Landstrichs verlangt wurde. Wenn ich mir so die B\u00fccher meiner Kollegen ansehe, auch die B\u00fccher derjenigen, die nicht so im Mittelpunkt standen, dann war in den Texten doch viel mehr kritisches Potential enthalten, als man heute meint. Allerdings wurde es h\u00e4ufig in Sklavensprache ausgedr\u00fcckt, in Anspielungen, die von den Lesern aber durchaus verstanden worden sind. Literatur hat ja in der DDR eine unheimlich wichtige Rolle gespielt als Ersatz f\u00fcr eine nicht stattfindende \u00d6ffentlichkeit und die allzu konforme Publizistik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Hat es ein Autor nicht viel einfacher als ein Publizist? Einerseits kann er sich aufgrund von eingestreuten subversiven Kleinigkeiten in der Rolle des Oppositionellen sehen und andererseits seine potentielle Leserschaft ansprechen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Schon, aber es ist manchmal auch auf Kosten der Literatur gegangen, wenn zu viele Anspielungen und zu viel enthaltene Kritik, also eben das, was eigentlich Sache der Publizistik gewesen w\u00e4re, in die Texte reingepumpt wurden. Im Ganzen hatten es die Autoren aber nat\u00fcrlich einfacher als Publizisten. Sie sind in der DDR sowohl untersch\u00e4tzt als auch ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt worden. Jeder hat seine Erfahrungen mit der Obrigkeit gehabt. Mir haben sie auch Filme verboten und Erz\u00e4hlungen nicht gedruckt. Aber das ist eben nur die eine Seite. Anderes ist gekommen und dann in ungeheuren Auflagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: In <\/em>Cahlenberg<em> werden ja im weiteren Sinne \u00f6kologische Themen angeschnitten, etwa die zunehmende Luftverschmutzung. Schauplatz ist, es wurde bereits angedeutet, eine Art \u00d6kokommune abseits der Zivilisation in der mecklenburgischen Provinz. Sehen Sie den Roman in einer Tradition literarischer Subversion?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Was das \u00f6kologische Moment des Romans betrifft, geh\u00f6rt er schon in eine Reihe relativ vereinzelter literarischer \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Umweltprobleme in der DDR. Die ungez\u00fcgelte Zerst\u00f6rung von Landschaft und Lebensraum war eine der Ursachen, dass sich im Osten ebenfalls eine Umweltbewegung gebildet hat, die sp\u00e4ter auch zunehmend politisiert war. Aber verglichen mit der Bundesrepublik kam das versp\u00e4tet. Und auch der Roman ist ja letztlich versp\u00e4tet erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Wie kam es eigentlich dazu, dass der Roman erst f\u00fcnf Jahre nach Ihrer Lesung beim Bachmann-Preis erschienen ist?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Tja, wenn die Wende damals nicht gekommen w\u00e4re &#8230; Ich hatte in Klagenfurt wirklich ein gutes Echo. Viele Verlagsleute, die dort immer herumwimmeln, wollten den Roman machen. Sieben oder acht Verlage machten mir ernsthafte Offerten, sicherlich immer wegen des DDR-Bonus: Was DDR-Kritisches! Mein Pech war, dass der Roman noch nicht ganz fertig war, das Buch, mit dem ich die Wende hatte vorbereiten wollen! Als es im November fertig wurde, wollte ich nicht wahrhaben, dass ich inzwischen zu sp\u00e4t dran war. Ich schickte das Manuskript an all diese Verlage, aber die haben die H\u00e4nde gehoben: Das war vorbei, erledigt, interessierte sie \u00fcberhaupt nicht mehr. Es ist dann in einem kleinen Leipziger Verlag rausgekommen, verkauft in, glaube ich, 500 Exemplaren. Ich war kein Bestsellerautor der DDR gewesen, aber so um die 20 000 St\u00fcck hatten sich von jedem Text doch immer verkauft. Aber klar, nach 1989 war das ein anderer Markt mit anderen Bedingungen. Und ich war auch kein Skandalliterat gewesen, war nicht bei der Stasi und auch nicht ausreichend von der Stasi beobachtet worden, also eigentlich eine Unperson. Aber so richtig unbekannt geworden als Autor bin ich erst in den letzten f\u00fcnf Jahren\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Spielte f\u00fcr Sie die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Autorengruppe eine Rolle und haben Sie gegebenenfalls gemeinsam \u00fcber verschiedene Ans\u00e4tze bzw. Poetologien diskutiert?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: In Berlin gab es immer auch kleine unabh\u00e4ngige Gruppierungen abseits von PEN und Schriftstellerverband. Ich war zum Beispiel jahrelang zusammen mit Joochen Laabs, Volker Braun, Joachim Walther und anderen. Wir haben uns regelm\u00e4\u00dfig getroffen, uns unsere Texte gegenseitig vorgelesen und uns unserer Arbeit und unserer Ansichten versichert. Das ist schon so gewesen. Aber es war ganz selten, dass die Literaten wirklich literaturtheoretisch debattierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Eine Frage zu Ihrem Schreibkonzept: Von Ulrich Plenzdorf gibt es die Aussage, dass er nur szenisch und filmisch denken und schreiben k\u00f6nne. Wenn man Ihre Texte nicht nur liest, sondern auch h\u00f6rt, dann merkt man, dass dahinter der Filmemacher steckt. Ist das filmische Schreiben bei Ihnen ein bewusst eingesetztes Stilmittel?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Bei <em>Cahlenberg<\/em> absolut nicht. Aber die Indianergeschichte trifft das auf alle F\u00e4lle. Tats\u00e4chlich war das urspr\u00fcnglich ein Filmskript. Ich hatte versucht, das unterzubringen, aber es wollte keiner verfilmen, TV-Sender wie Kinoproduzenten hatten die verschiedensten Vorw\u00e4nde, es passte ihnen nicht in den Kram. Offenbar glaubten die, eine solche Auseinandersetzung mit der DDR und der Nachwendezeit w\u00e4re in den Medien fehl am Platze. Da hab ich, dann in meiner Verzweiflung und Wut aus der Geschichte, weil sie mir weiterhin richtig durchdacht schien, einen Roman gemacht. Ich habe bei der Umsetzung versucht, bestimmte Figurenkonstellationen auch erz\u00e4hlerisch zu retten, deshalb diese Point-of-View-Technik, bei der eigentlich alle sich nochmal die Geschichte erz\u00e4hlen. Die einzige M\u00f6glichkeit mit der alten Zeit fertig zu werden, ist, sich ihr im gemeinsamen Erz\u00e4hlen gegenseitig zu versichern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Hat es Sie nie gereizt, einmal \u00fcber Ihre Zeit beim DDR-Fernsehen zu schreiben?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Das war nett! Ich hatte Gl\u00fcck, ich hatte wirklich eine sehr sch\u00f6ne T\u00e4tigkeit. Ich hab in der Abteilung Weltliteratur gearbeitet und vorwiegend Literaturverfilmungen gemacht, vom <em>Schimmelreiter<\/em> bis zum <em>Bahnw\u00e4rter Thiel<\/em>, auch internationale Sachen. Wir hatten relativ viele Freir\u00e4ume. Aber nat\u00fcrlich war man sich dessen bewusst, dass man innerhalb dieses verlogenen Mediums auch teilweise als Spa\u00dfmacher verwendet wurde, eine Art Alibi darstellte. Aber die damalige Arbeit beim Film ist wirklich sehr differenziert zu betrachten. Sicherlich will ich dar\u00fcber auch noch einmal schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Wenn Sie den Vergleich zu heutigen Produktionsbedingungen in Film und Fernsehen ziehen, wo sehen Sie Unterschiede und wom\u00f6glich Gemeinsamkeiten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Ich kann nur sagen, wenn man zum Beispiel mit der Produktion von Literaturverfilmungen zu tun hat, dann hat die Zensur in der DDR manchmal mehr Spa\u00df gemacht als heute, wo man es nicht Zensur nennt. Es ist ja ganz anders geworden, es geht heutzutage vor allem um Einschaltquoten und um Werbeeinnahmen. Es gibt aber auch \u2013 ich wei\u00df, wovon ich spreche \u2013 die direkte Zensur in dem Sinn, dass ein Sender einer Produktion die Hauptsendezeit verweigert und sie ins Nachtprogramm verbannt. Das bedeutet dann wiederum, dass er nicht so teuer werden darf usw. Insofern war es damals schon ganz interessant, beim Film zu arbeiten und man konnte auch kritisch sein. Aber nat\u00fcrlich war es h\u00e4ufig auch sehr bitter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Bei allen auch negativen Erfahrungen arbeiten Sie aber nach wie vor f\u00fcr das Fernsehen. Und das doch auch mit einigem Erfolg. Sie haben ja zum Beispiel zahlreiche Folgen der bekannten Familienserie <\/em>Der Landarzt<em> geschrieben.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Ja, ja, durchaus. Von meinem Geld, das ich als Prosaautor verdiente, h\u00e4tte ich nat\u00fcrlich nicht leben k\u00f6nnen. Nachdem ich von Herrn M\u00fchlfenzl aus Bayern abgewickelt wurde \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: \u2026 dem Rundfunkbeauftragten f\u00fcr die neuen Bundesl\u00e4nder.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Richtig. Nachdem der mich abgewickelt hatte, begann ich freiberuflich als Drehbuchautor zu arbeiten, habe Kom\u00f6dien gemacht und irgendwann dann auch den <em>Landarzt<\/em>. Eigentlich h\u00e4tte ich lieber so etwas gemacht wie Jurek Becker, der die Drehb\u00fccher zu der Serie <em>Wir sind auch nur ein Volk<\/em> verfasste. Aber das hat sich bei mir halt nicht so gef\u00fcgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Der Begriff Zensur ist schon verschiedentlich angeklungen. Man sagt ja, vollkommen wirkt Zensur eigentlich erst dann, wenn sie verinnerlicht ist, also wenn es gar nicht mehr des Druckes von au\u00dfen bedarf, sondern ein Autor von sich aus meint, mit einer Geschichte nicht durchzukommen und dann beginnt, an der einen und anderen Stelle zu streichen oder die Ausarbeitung einer Idee auf eine sp\u00e4tere Zeit zu verschieben. In Christa Wolf <\/em>Nachdenken \u00fcber Christa T.<em> wird das ja leitmotivisch angesprochen. Haben Erfahrungen mit diesem Thema gemacht oder f\u00fchlten Sie sich nicht wirklich betroffen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Doch, das hat mich schon betroffen. Ich hatte zwar meinen Job und hab die Prosaschreiberei immer als Sahneh\u00e4ubchen gepflegt. Dabei wollte ich versuchen, so wahrhaftig zu sein, wie ich konnte. Gleichzeitig wollte ich meine Existenz nicht gef\u00e4hrden. In dieser Schere war man ja immer. Wenn ich Geschichten geschrieben h\u00e4tte, die sehr ans Grunds\u00e4tzliche gegangen w\u00e4ren, dann w\u00e4re ich aus Fernsehen geflogen, trotz meiner Festanstellung. Das \u00fcberlegt sich dann schon. Und nat\u00fcrlich hat man auch manches f\u00fcr den Papierkorb geschrieben. Die Schere im Kopf hat, das muss ich selbstkritisch sagen, schon ganz gut funktioniert, bei mir und bei vielen anderen auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Also w\u00fcrden Sie sagen, Sie h\u00e4tten noch die ein oder Geschichte mehr geschrieben, wenn diese innere Schere nicht dagewesen w\u00e4re?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Vielleicht. Es gibt bestimmt auch manche verdr\u00e4ngte Erinnerungen, die dann und wann hochkommen und niedergeschrieben werden m\u00f6chten. Insofern will ich auch weiterschreiben, aber k\u00f6nnte das jetzt nicht genau dingfest machen oder Ihnen spontan eine Geschichte erz\u00e4hlen. Aber es ist so, dass manches noch nicht gesagt und vielleicht noch nicht mal richtig zu Ende gedacht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Welchen Zusammenhang w\u00fcrden Sie denn zwischen Erinnern und Schreiben f\u00fcr sich sehen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ergibt sich dieser Zusammenhang dadurch, dass ich mir \u00fcber manche Dinge beim Schreiben erst klar werde. Dar\u00fcber hinaus kann ein literarischer Text auch eine Vergewisserung f\u00fcr diejenigen sein, die die geschilderte Zeit miterlebt haben, indem sie diese Zeit noch mal reflektiert oder widergespiegelt finden. In diesem Sinn ist der Text ein Medium kollektiver Erinnerung. Und f\u00fcr die j\u00fcngere Generation, die gar nicht nachvollziehen kann, was die DDR gewesen ist, f\u00fcr die ist die Literatur ebenfalls unabdingbar, um bestimmte Aspekte verst\u00e4ndlich zu machen. Und dann gibt es auch noch einen ganz aktuellen Aspekt: Uns wird von Leuten, die nicht erlebt haben, wie wir gelebt haben, ja immer wieder aufgedr\u00e4ngt, wie es \u201ewirklich\u201c gewesen sei. Zum Beispiel, wenn Bundespr\u00e4sident K\u00f6hler behauptet, das Leben in der DDR sei so gewesen, wie es im Film <em>Das Leben der Anderen<\/em> dargestellt wird. Da m\u00f6chte ich dann schon immer wieder etwas dagegensetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Aber kann es nicht sein, dass <\/em>Das Leben der Anderen<em> tats\u00e4chlich eine Geschichte \u00fcber die DDR erz\u00e4hlt, die vielleicht nicht in jeder Hinsicht richtig sein mag, aber als M\u00f6glichkeit trotzdem wahr ist, auch wenn der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck die DDR gar nicht kennengelernt hat?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Das mag schon stimmen. Auch in den neuen Bundesl\u00e4ndern lief der Film ja mit unheimlichem Erfolg und viele Leute, die die DDR erlebt haben, sagen, so sei es wirklich gewesen. Aber unter den Intellektuellen, sie werden es vielleicht auch gemerkt haben, ist die Rezeption des Films ein bisschen komplizierter, sicherlich kritischer. Das h\u00e4ngt m\u00f6glicherweise damit zusammen, dass wir manches gerne selber gemacht h\u00e4tten. Aber ich wei\u00df nicht, ob es besser geworden w\u00e4re, wahrscheinlich auch nicht, weil wir wiederum zu nah dran sind. Nat\u00fcrlich ist so ein Blick von Au\u00dfen zu Zeiten gar nicht schlecht. Wir haben fr\u00fcher den Kulturinstitutionen, die \u00fcber unsere Filmvorschl\u00e4ge und Texte befunden haben, ja auch immer gesagt: \u201eSo wie ihr euch das vorstellt, ist das Leben nicht, weder in den Betrieben noch sonstwo.\u201c Heute machen wir eigentlich dasselbe, nur geht die Kritik in die andere Richtung, wenn wir jetzt einem Film vorwerfen, dass etwa die Darstellung der Stasi nicht der Wirklichkeit entspricht. Wir \u00e4rgern uns also immer \u00fcber den gleichen Schwachsinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Sie meinen damit eine Haltung, die dazu tendiert, k\u00fcnstlerische Werke einseitig an ihrem vergangenheitsbezogenen \u201eWahrheitsgehalt\u201c zu beurteilen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Ja, diese kurzschl\u00fcssige Denkweise, die meint, im Bezug der Kunst zur Wirklichkeit m\u00fcsse alles stimmen. Das war eben schon immer eine Keule, mit der man bestimmte Texte oder Filmskripts bek\u00e4mpft hat. Das ist immer noch so und man selbst ist vor so einer Haltung eben auch nicht gefeit. Film oder Literatur als Wiederspieglung von Wirklichkeit, diese Vorstellung als Wertma\u00df ist, glaube ich, weder zutreffend noch f\u00f6rderlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>CG: Wie w\u00fcrde denn Ihres Erachtens ein gangbarer Mittelweg aussehen zwischen Fiktionalisierung von DDR-Geschichte und historiografischer Kontextgebundenheit?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">BS: Ich finde es immer etwas ungeschickt, wenn von einzelnen Werken das Ultimative erwartet wird. Ich war immer skeptisch \u00fcber Floskeln wie: \u201eDas ist der ultimative Stasifilm!\u201c oder \u201eDas der gro\u00dfe Wenderoman!\u201c \u2013 das gibts eben nicht. Ich denke, es notwendig, einen Dialog zwischen den einzelnen Kunstwerken und historiografischen Ergebnissen am Laufen zu halten. Wahrscheinlich wird die Wirkungsstrategie solcher Filme oder B\u00fccher immer schwanken, mal zum Objektiven hin, zu einer m\u00f6glichst gro\u00dfen Gerechtigkeit gegen\u00fcber der Geschichte, mal zur anderen Seite, ins Polemische hinein. Das gilt auch f\u00fcr ihre Rezeption.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gespr\u00e4ch mit Bernd Schirmer wurde gef\u00fchrt am 19. Juni 2007 im Rahmen der internationalen Tagung \u201eRhetorik der Erinnerung \u2013 Ged\u00e4chtnis und Literatur in den \u201ageschlossenen Gesellschaften\u2018 des Real-Sozialismus zwischen 1945 und 1989\u201c auf Schloss Rauischholzhausen bei Gie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"Interview\"><\/a>Das Interview wurde zuerst gedruckt in: Gansel, Carsten. <em>Literatur im Dialog. Gespr\u00e4che mit Autoren und Autorinnen 1989-2014<\/em>. Hg. von Norman \u00c4chtler. Berlin: Verbrecher Verlag, 2015, S. 267-277.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carsten Gansel im Gespr\u00e4ch mit Bernd Schirmer (reprint) &nbsp; Carsten Gansel: Herr Schirmer, allem Anschein nach spielen bei Autoren, die aus der DDR stammen, Indianer eine bestimmte Rolle. 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