{"id":7948,"date":"2022-12-29T14:52:16","date_gmt":"2022-12-29T19:52:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7948"},"modified":"2023-02-04T13:36:40","modified_gmt":"2023-02-04T18:36:40","slug":"auszuge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-49\/auszuge\/","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus der Erz\u00e4hlung mit Diskussionsvorschl\u00e4gen f\u00fcr den Unterricht"},"content":{"rendered":"<h3><strong><a href=\"#Thema1\">Diskussionsthema 1: Sprache \u2013 Sprachwandel<\/a><br \/>\n<a href=\"#Thema2\">Diskussionsthema 2: Diktatur, Mitl\u00e4ufertum, Widerstand<\/a><br \/>\n<a href=\"#Thema3\">Diskussionsthema 3: Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, Abrechnung, Aufarbeitung<\/a><br \/>\n<a href=\"#Thema4\">Diskussionsthema 4: Der Mauerfall<\/a><\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Thema1\"><\/a>Thema 1: Sprache \u2013 Sprachwandel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWende. Ich sammle die neuen W\u00f6rter, die jetzt Konjunktur haben. Wende. Wendehals. Mauerspecht. Wahnsinn. Aber mit dem Wahnsinn ist es vorbei. Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen. Marketing. Holding. Outfit. Stasisyndrom. Wegbrechen. Wohlstandsmauer. Die neuen W\u00f6rter sind ein gefundenes Fressen f\u00fcr ausgeflippte Germanisten.\u201f (S. 22)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber ich habe die W\u00f6rter noch, die ich gesammelt habe. Die W\u00f6rter, die neu entstanden sind. Die W\u00f6rter, die einen neuen Sinn bekommen haben. Und die W\u00f6rter, die jetzt h\u00e4ufig benutzt werden. Blockfl\u00f6te, Begr\u00fc\u00dfungsgeld, Wahlf\u00e4lscher, Mahnwache, Seilschaft, Mauerspecht, Altlast, Devisenbeschaffer, fl\u00e4chendeckend, Talsohle, Warteschleife, plattwalzen, Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahme, Schn\u00e4ppchen, Evaluierung, runder Tisch, unterpfl\u00fcgen, \u00fcberf\u00fchren, \u00fcberst\u00fclpen, Wohngeld, Schnupperpreis, sich rechnen, Superossi, Verbraucherzentrale, abschmelzen, Filetst\u00fcck, Koko-Imperium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe sie gesammelt, und ich habe sie alphabetisch geordnet. Aber ich brauche sie nicht. Ich kann damit nichts anfangen. Da ist mir eine Idee gekommen. Ich k\u00f6nnte sie weggeben, die W\u00f6rter. Ich k\u00f6nnte sie einem Schriftsteller geben. Ich k\u00f6nnte sie Ralph B. Schneiderheinze geben, denn er ist der einzige Schriftsteller, den ich pers\u00f6nlich kenne.\u201f (S. 114)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir hatten uns ein h\u00fcbsches Spiel ausgedacht. Wir setzten W\u00f6rter zusammen, die nicht zusammengeh\u00f6rten. Aus zwei zusammengesetzten W\u00f6rtern mu\u00dfte ein dreifach zusammengesetztes Wort entstehen, wobei das zweite Wort seine Sinnarme nach vorn, zum ersten Wort, und nach hinten, zum zweiten Wort ausstrecken mu\u00dfte, woraus sich dann ein verbl\u00fcffender oder komischer neuer Sinn ergab, kannst du mir folgen? Ich will es dir an Beispielen verdeutlichen. Aus Wendeltreppe und Treppenwitz machten wir Wendeltreppenwitz, aus Zeitungsschau und Schaufenster Zeitungsschaufenster. Und so entstanden L\u00f6wenzahnschmerzen, Mondgesichtswasser; Erbsengerichtsvollzieher, Kaltschalentier, Liebeszauberstab, Geb\u00e4rmuttersprache, Geschlechtsverkehrsregel, Vaterlandsmannschaft, Sch\u00f6nschriftsteller. Manchmal redeten wir tagelang nur in solchen W\u00f6rtern, und wir lachten sehr. Aber das verstanden nur wir, unsere Freunde sch\u00fcttelten bedenklich ihre akademischen H\u00e4upter.\u201c (S. 63)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fragen zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wie verhalten sich hier Sprache und ihre W\u00f6rter auf der einen Seite und die Realit\u00e4t auf der anderen Seite zueinander? Warum sind W\u00f6rter so wichtig?<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wieso haben Kristina und der Erz\u00e4hler in der DDR neue W\u00f6rter erfunden? Was bedeutet dieses Spiel?<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Interpretieren Sie einige der Wortgebilde (zusammengesetzte Substantive oder \u201ecompound nouns\u201c \u2013 eine sehr deutsche Spezialit\u00e4t), indem Sie die Bedeutung des neu geschaffenen Wortes bestimmen!<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Kenne Sie einige der neuen W\u00f6rter, die unser Protagonist sammelt? Warum sammelt er sie? Wof\u00fcr stehen sie?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Thema2\"><\/a>Thema 2: Diktatur, Mitl\u00e4ufertum, Widerstand <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber Kleingrube ist nicht zu bes\u00e4nftigen. Er w\u00fctet weiter. Er w\u00fctet gegen die Mitl\u00e4ufer, die, wann immer sich eine g\u00fcnstige Gelegenheit bot, auch mal voranliefen und sich mit Orden beh\u00e4ngen lie\u00dfen, und nun wollen sie auf einmal alle Widersacher und Systemkritiker und Dissidenten gewesen sein. Doch er wird sie entlarven. Er wird sie alle entlarven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, sage ich, wir sind doch alle mitgelaufen, wir haben alle mitgemacht, mehr oder weniger, die B\u00e4cker haben Br\u00f6tchen gebacken, und die Fleischer haben Schweine geschlachtet und haben das System gest\u00fctzt, denn wenn sie keine Br\u00f6tchen gebacken und keine Schweine geschlachtet h\u00e4tten, dann w\u00e4re das System schon eher zusammengebrochen, ich habe, wenn du so willst, auch das System gest\u00fctzt, indem ich Flaschen zur Wiederverwertung angenommen habe, wir alle, ob bei der Wettervorhersage oder im Recycling, haben das Leben und somit das System in Gang gehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er, Kleingrube, nicht. Er hat gesammelt und archiviert. Seine Wangen, wenn ich mal so sagen darf, sind hektisch ger\u00f6tet. Er nicht. Und Schlehwein nicht.\u201c (S. 40-41)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTelefone hatten wir damals schon, ohne Anrufbeantworter. Wenn es in der Leitung knackte, konnten wir davon ausgehen, da\u00df unsere Gespr\u00e4che abgeh\u00f6rt wurden. Es mu\u00df eine \u00f6de Arbeit gewesen sein, sie m\u00fcssen vor Langeweile geschwitzt haben. In den letzten Monaten knackte es immer \u00f6fter in den Leitungen, es war schon die Agonie. Wir hatten zwei M\u00f6glichkeiten. Wenn wir logen und sagten, was sie gern h\u00f6ren wollten, zementierten wir wom\u00f6glich das System. Also sagten wir die Wahrheit, es war unsere feine, unverf\u00e4ngliche Art des Widerstands, und so wurden wir alle, ohne es zu ahnen, zu informellen Mitarbeitern. Merkst du was, Giraffe? Wir sind wieder beim Thema. Wir sind alle T\u00e4ter gewesen, Kleingrube hat recht. Wir sind alle mitschuldig, ich will es dir leichtmachen, du kannst jetzt reden, du kannst dich erleichtern. Nicht? Du willst nicht? Gut. Dann la\u00df mich meins zu Ende bringen. Es war komisch, sie konnten, das Ohr am Volk, mit der Wahrheit nichts anfangen. Sie konnten nichts mehr \u00e4ndern. Sie waren l\u00e4ngst \u00fcberfl\u00fcssig geworden, da konnten sie horchen, wie sie wollten, es war tragisch. Aber h\u00f6r mal, du kannst schweigen, wie du willst, ich erz\u00e4hle trotzdem weiter. Ob es dir pa\u00dft oder nicht.\u201c (S. 65-66)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fragen zur Diskussion:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wer tr\u00e4gt eigentlich Verantwortung in einer Diktatur \u2013 oder jedem Staat \u2013 f\u00fcr das, was der Staat tut? Nur die F\u00fchrungseliten oder auch die sogenannten Mitl\u00e4ufer? Wom\u00f6glich fast die ganze Bev\u00f6lkerung?<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Vergleichen Sie dies gern mit diversen anderen L\u00e4ndern, besonders jenen, die Kriege gef\u00fchrt haben, historisch oder aktuell!<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Thema3\"><\/a>Thema 3: Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, Abrechnung, Aufarbeitung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWieso verweigert die Giraffe jede Auskunft \u00fcber ihre letzten Lebensjahre? Was hat sie zu verbergen? Hat sie Dreck am Stecken? Hat sie sich schuldig gemacht? Stecken gar Schlehwein und die Giraffe unter einer Decke? Fragen \u00fcber Fragen, und ich ertappe mich dabei, in den neuen W\u00f6rtern zu denken. Ist die Giraffe eine Altlast? Geh\u00f6ren sie und Schlehwein zur gleichen Seilschaft oder gar zu derselben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Giraffe h\u00fcllt sich in Schweigen, ich kann fragen, was ich will. Ich wei\u00df nicht, welche Einstellung die Giraffe hat, zur Wende beispielsweise. Eigentlich m\u00fc\u00dfte sie doch froh sein. Endlich keine Gitter mehr und keine Dressuren. Endlich frei und genug zu fressen. Statt dessen h\u00f6re ich von ihr nur das ewige Gen\u00f6le \u00fcber den Konolialismus. In jedem jungen Mann, der mit dynamisch-federnden Schritten \u00fcber die Stra\u00dfe geht und eine Krawatte tr\u00e4gt und einen vern\u00fcnftigen Haarschnitt mit Scheitel, sieht sie einen Konolialherrn. Und dabei sind es nur Versicherungsbeamte oder Bankangestellte.\u201f (S. 47)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas ist bewiesen, fragte ich noch einmal. Da\u00df die Giraffe sich schuldig gemacht hat, weil sie dem Generalsekret\u00e4r der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzenden des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik W\u00fcrfelzucker aus der Hand gefressen hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrfelzucker? Wieso denn W\u00fcrfelzucker?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrfelzucker, rief ich, und ich wurde immer w\u00fctender. Das ist in jedem Zirkus der Welt so! Nach den Darbietungen gibt es f\u00fcr die Tiere W\u00fcrfelzucker!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf warf mir Kleingrube vor, da\u00df ich die Giraffe in Schutz und \u00fcberhaupt alles auf die leichte Schulter n\u00e4hme. Sie habe keine reine Weste. Ich h\u00e4tte auch keine reine Weste. Niemand habe eine reine Weste. Niemand, h\u00f6rst du, niemand!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dfer dir und Schlehwein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlehwein? Da konnte Kleingrube nur lachen. Schlehwein hat die Giraffe verborgen und gesch\u00fctzt und gedeckt, obwohl er das doch alles hat wissen m\u00fcssen oder zumindest alles hat wissen k\u00f6nnen, hat er sie verborgen und gesch\u00fctzt und gedeckt. Er ist genauso wie alle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, sagte ich, wie die Fleischer und wie die B\u00e4cker, die die Br\u00f6tchen gebacken haben, um das System zu stabilisieren und zu verl\u00e4ngern, und wie die Kinderg\u00e4rtnerinnen, die neue Untertanen herangez\u00fcchtet haben, und wie die Sekund\u00e4rrohstoffh\u00e4ndler. Aber du bist der einzige Gerechte, ja? Du hast nie beim Morgenappell Lieder gesungen, Kleingrube? Du warst nie auf einer Maifeier, Kleingrube, und sei es auch nur, damit deine Vorgesetzten sehen, da\u00df du auf der Maifeier bist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bebte vor Zorn, ich konnte kaum noch an mich halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Begreifst du nicht, rief Kleingrube, ich habe meine Arbeit verloren, ich habe meine Arbeit geliebt, sie haben mich hinausgeworfen, und die mich hinausgeworfen haben, sind die gleichen, die mich vorher gequ\u00e4lt und geschurigelt haben, es sind nicht nur die gleichen, es sind sogar dieselben, und sie sitzen mit ihren fetten \u00c4rschen auf ihren alten St\u00fchlen, und sie machen gemeinsame Sache mit ihren alten Todfeinden, mit dem Klassenfeind, und wenn nicht, dann machen sie wenigstens Gesch\u00e4fte mit ihm, denn sie haben sich noch rechtzeitig Geld aus den Kassen genommen, um ein Gesch\u00e4ft aufzumachen, und ich wei\u00df nicht, wie ich morgen die Miete bezahlen soll, die Miete und die Kohlen, begreifst du das nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was hat die Giraffe damit zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts, sagte Kleingrube, nichts. Er sa\u00df klein und zusammengesunken da, wie ein alter Mann, mir war zum Heulen zumute.\u201c (S. 110-111)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fragen zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wof\u00fcr oder f\u00fcr wen steht eigentlich die Giraffe (als Symbol)? Oder ist sie einfach nur eine Giraffe?<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Welche Einstellung zur Wende d\u00fcrfte sie nach Meinung des Protagonisten haben? (\u201eEigentlich m\u00fc\u00dfte sie doch froh sein.\u201c)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Was ist ihr \u201eGen\u00f6le \u00fcber den Konolialismus\u201c? Ziehen Sie aus der Liste der \u201eproblematischen Begriffe\u201c den Begriff \u201eWiedervereinigung\u201c hinzu und bedenken sie, dass manche behaupteten, die DDR sei von der Bundesrepublik \u201a\u00fcbernommen\u2018 worden.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wen meint Kleingrube mit \u201edie gleichen, die\u201c\u2026?<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Haben Sie Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Kleingrube und f\u00fcr seinen Aufkl\u00e4rungsfuror? Oder eher f\u00fcr den zur\u00fcckhaltenden Erz\u00e4hler?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Thema4\"><\/a>Thema 4: Der Mauerfall<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eW\u00e4hrend die Giraffe vor sich hinkaut, mache ich mich wieder an meine Bl\u00e4tter. Ich mu\u00df die zwei Seiten, die die Giraffe verschlungen hat, noch einmal schreiben. Es war das Beste, was ich je geschrieben habe, alles sehr plastisch und in einem sch\u00f6nen, fl\u00fcssigen Stil. Aber was man einmal geschrieben hat, kann man nicht noch einmal so schreiben. Es sind die Feinheiten, die Nuancen, die nicht zu wiederholen sind. Ich kann mich nur noch schwer daran erinnern, wie ich mich erinnert habe. Die zwei Seiten handelten von Kristina. Wir lagen in einem Bett mitten in Berlin, sie war schon eingeschlafen, ich sah noch ein wenig fern. Ich hatte den Ton abgedreht. Nur die Bilder flimmerten. Ein Mann las etwas von einem Zettel ab. Als ich den Apparat abschalten wollte, war ein gro\u00dfes Get\u00fcmmel auf dem Bildschirm. Es mu\u00dfte an der Grenze sein, an der Mauer. Ich konnte, als ich den Ton wieder laut gedreht hatte, nicht glauben, was ich h\u00f6rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kristina, sagte ich leise, wach auf, Kristina.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie w\u00e4lzte sich auf die andere Seite. Ich streichelte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kristina, du mu\u00dft aufstehen, ein Wunder ist geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sa\u00df im Bett und rieb sich die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kristina, die Mauer ist weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie g\u00e4hnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wo ist sie hin?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weg, sagte ich, die Mauer ist offen, zieh dich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie warf sich den Mantel \u00fcber das Nachthemd und schl\u00fcpfte in die Pantoffeln. Es war nicht weit bis zur Bornholmer Stra\u00dfe. Tausende waren unterwegs, Menschenstr\u00f6me, Autostr\u00f6me. Es war k\u00fchl, aber wir froren nicht. Kristina sch\u00fcttelte, als wir an den Wachposten vorbeidr\u00e4ngten, ungl\u00e4ubig den Kopf. Sie war noch immer schlaftrunken. Dann ging alles sehr schnell. Wir wurden in ein Auto geschoben und in eine helle, laute Stra\u00dfe gefahren. Es war der Kurf\u00fcrstendamm. Wir waren noch nie auf dem Kurf\u00fcrstendamm. \u00dcberall wurde getanzt und gesungen und gehupt. Feuerwerksk\u00f6rper detonierten. Bierb\u00fcchsen wurden uns in die Hand gedr\u00fcckt, Sektkelche. Kristina tanzte im Nachthemd mit einem Afrikaner auf einem Autodach. Wie wir nach Hause gekommen sind, wei\u00df ich nicht. Als Kristina erwachte, sagte sie, sie habe einen sch\u00f6nen Traum gehabt. Sie suchte unter dem Bett nach ihren Pantoffeln. Sie konnte nur einen Pantoffel finden. Schrieb ich wohl. Aber man kann es nicht zweimal schreiben, es ist nicht zur\u00fcckzuholen.\u201f (S. 73-74)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fragen zur Diskussion<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Inwiefern wird die Nacht des 9. November 1989 hier als ein Traum, ein M\u00e4rchen, vorgestellt?<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Vergleichen Sie es mit der sp\u00e4teren M\u00e4rchengeschichte von Schneiderheinze auf S. 115f.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Wie h\u00e4ngen hier Erinnern und Schreiben zusammen? Wenn man nicht zweimal das Gleiche schreiben kann, wird man sich auch nicht an das Gleiche erinnern k\u00f6nnen? Hei\u00dft das, die Erinnerung ver\u00e4ndert sich mit der Zeit? Wenn ja, wie?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Alle Zitatbelege nach der Taschenbuch-Ausgabe des Fischer-Verlags von 1994.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussionsthema 1: Sprache \u2013 Sprachwandel Diskussionsthema 2: Diktatur, Mitl\u00e4ufertum, Widerstand Diskussionsthema 3: Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, Abrechnung, Aufarbeitung Diskussionsthema 4: Der Mauerfall &nbsp; &nbsp; Thema 1: Sprache \u2013 Sprachwandel \u201eWende. Ich sammle die neuen W\u00f6rter, die jetzt Konjunktur haben. Wende. Wendehals. Mauerspecht. Wahnsinn. Aber mit dem Wahnsinn ist es vorbei. Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen. Marketing. Holding. Outfit. Stasisyndrom. Wegbrechen. Wohlstandsmauer. 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