{"id":7953,"date":"2022-12-29T14:56:08","date_gmt":"2022-12-29T19:56:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/?page_id=7953"},"modified":"2023-02-04T13:37:25","modified_gmt":"2023-02-04T18:37:25","slug":"umstrittene-begriffe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/archive\/glossen-49\/umstrittene-begriffe\/","title":{"rendered":"Umstrittene Begriffe"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"#Friedlich\">\u201eFriedliche Revolution\u201c<\/a> | <a href=\"#Ossi\">\u201eOssi\u201c\/ \u201eWessi\u201c<\/a> | <\/strong><strong><a href=\"#Ostalgie\">\u201eOstalgie\u201c<\/a> |\u00a0<\/strong><strong><a href=\"#Wende\">\u201eWende\u201c<\/a> | <a href=\"#Wiedervereinigung\">\u201eWiedervereinigung\u201c<\/a> | \u00a0<a href=\"#Zone\">\u201eZone\u201c<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Friedlich\"><\/a>\u201eFriedliche Revolution\u201c <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u201efriedliche Revolution\u201c werden die Prozesse in der Gesellschaft der DDR und die darauf folgenden politischen Ver\u00e4nderungen in Ostdeutschland in den Jahren 1989\/1990 bezeichnet, die letztendlich zum Ende der DDR, zum Fall der Mauer sowie der innerdeutschen Grenze und zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands gef\u00fchrt haben. In Abgrenzung zu anderen Revolutionen in Deutschland, wie der 1848er-Revolution oder der Novemberrevolution 1918\/19, zeichnet sich diese durch ihre Gewaltlosigkeit aus. Ist es denn \u00fcberhaupt korrekt, hier von einer \u201eRevolution\u201c zu sprechen? G\u00fcnter de Bruyn sieht den Revolutionsbegriff aufgrund der historischen Perspektive kritisch:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Auch der Begriff Revolution ist historisch beladen. Benutzt man ihn f\u00fcr die Ereignisse vom Herbst 1989, liegt der Verdacht der Heroisierung nahe, zumindest aber der der Einseitigkeit. Denn der Aufruhr der Stra\u00dfe (nach Feierabend) war nur ein Glied einer l\u00e4ngeren Ursachenkette, die sich durch Stichworte wie Gorbatschow, Massenausreise, Ungarn und Polen grob andeuten l\u00e4\u00dft. Vielleicht sogar waren die Aktionen der Menge nicht Ursache, sondern schon Folge. Da das System bereits \u00f6konomisch und politisch bankrott war, lie\u00df es sie zu.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Historiker Andreas R\u00f6dder hingegen sch\u00e4tzt die Ereignisse als revolution\u00e4r ein, da das Kriterium der fundamentalen Ver\u00e4nderung der politischen und sozialen Ordnung noch zutreffender sei als 1848 oder 1918.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielfach wird gefordert, dass die Bezeichnung \u201efriedliche Revolution\u201c anstelle des Begriffs der \u201eWende\u201c benutzt werde, denn diese Bezeichnung \u201ew\u00fcrdig[e] die Besonnenheit der Revolution\u00e4re, der Menschen auf der Stra\u00dfe.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Trotzdem ist sich die Forschung nicht einig dar\u00fcber, ob die Bezeichnung der \u201eRevolution\u201c letztlich passend ist.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders hervorzuheben ist dennoch der Gewaltverzicht auf Seiten der Demonstranten, die Parolen wie \u201eKeine Gewalt!\u201c skandierten. Aber auch auf Seiten der SED-Regierung wurde unter Egon Krenz auf Gewalt verzichtet, denn Krenz nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, im Vorfeld den Ablauf in Leipzig dahingehend gekl\u00e4rt zu haben, dass es nicht zu einem gewaltt\u00e4tigen Eingreifen kommen konnte, wenn nicht die Sicherheitskr\u00e4fte selbst angegriffen wurden.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Vor allem nach den Ereignissen in China im Juni 1989 auf dem Tian\u2019anmen-Platz bzw. Platz (am Tor) des Himmlischen Friedens, wo eine studentische Demokratiebewegung von der chinesischen Regierung gewaltsam niedergeschlagen wurde, stand eine solche Vorgehensweise der Regierung im Raum und wurde bef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff soll dabei nicht den Eindruck erwecken, als gebe es keine Opfer, denn trotz des friedlichen Demonstrierens auf der Stra\u00dfe wurden im Herbst 1989, vor allem am 7. Oktober 1989 viele Menschen verhaftet, verh\u00f6rt oder bedroht.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was allerdings der Grund daf\u00fcr war, dass diese gewaltfreie Revolution zum Erfolg f\u00fchren konnte, sch\u00e4tzt der Historiker Heinrich August Winkler folgenderma\u00dfen ein:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Ohne die R\u00fcckendeckung der Sowjetunion konnte sich keine der von ihr abh\u00e4ngigen Diktaturen l\u00e4ngerfristig gegen revoltierende Massen behaupten. Weil die sowjetische F\u00fchrung aus politischer Einsicht und wirtschaftlicher Schw\u00e4che nicht mehr zu Interventionen nach dem Muster von 1953, 1956 und 1968 bereit war, konnten sich die Emanzipationsbewegungen von 1989, beginnend mit der polnischen, weitgehend friedlich durchsetzen.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Ossi\"><\/a>\u201eOssi\u201c\/ \u201eWessi\u201c <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umgangssprachliche Bezeichnungen f\u00fcr Personen, die jeweils entweder Staatsb\u00fcrger der ehemaligen DDR oder der BRD waren. Urspr\u00fcnglich war der Begriff des \u201eWessis\u201c eine Bezeichnung der West-Berliner f\u00fcr diejenigen, die aus der damaligen Bundesrepublik (\u201eWessiland\u201c) zu Besuch kamen oder zuzogen. Im Laufe der Jahre 1989\/90 und im Zuge der Wiedervereinigung ver\u00e4nderten sich die Bezeichnungen jedoch: Als \u201eOssis\u201c werden diejenigen bezeichnet, die aus den neuen Bundesl\u00e4ndern stammen, als \u201eWessi\u201c dagegen diejenigen, die aus den alten Bundesl\u00e4ndern kommen. Auch Wessi-Ossi-Witze fingen an, sich zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Literatur fanden die Begriffe bereits vor der Wiedervereinigung Verwendung. Schon in Thomas R. P. Mielkes Polit-Thriller <em>Der Tag an dem die Mauer brach<\/em> aus dem Jahr 1985 oder bei Hans Magnus Enzensbergers <em>Ach Europa <\/em>(1987) wurden die Begriffe \u201eWessi\/Wessie\u201c und \u201eOssi\/Ossie\u201c verwendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Synonyme Bezeichnungen f\u00fcr die \u201eWessis\u201c sind \u201eWestler\u201c oder \u201eBundis\u201c, die vor allem in der (ehemaligen) DDR benutzt wurden. Aus \u201eWessi\u201c entstand auch das 1991 von der Gesellschaft f\u00fcr deutsche Sprache zum Wort des Jahres gew\u00e4hlte Kofferwort \u201eBesserwessi\u201c (aus \u201eBesserwisser\u201c und \u201eWessi\u201c), das eine Person aus den alten Bundesl\u00e4ndern meint, die sich durch ihre \u00dcberheblichkeit und Geringsch\u00e4tzigkeit gegen\u00fcber ehemaligen B\u00fcrgern der DDR auszeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Pendant gab es auch andere (oft geringsch\u00e4tzig gemeinte) Synonyme f\u00fcr den \u201eOssi\u201c, beispielweise \u201eZoni\u201c. Ebenso gab es die Bezeichnung des \u201eJammerossis\u201c bzw. \u201eMeckerossis\u201c \u2013 wie Ostdeutsche von einigen Westdeutschen nach der Wende gesehen wurden: undankbar und jammernd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es entstand auch das Kofferwort \u201eWossi\u201c (aus \u201eWessi\u201c und \u201eOssi\u201c), das zun\u00e4chst eine Person bezeichnete, die nach der Wende aus den alten Bundesl\u00e4ndern in die ehemalige DDR zuzog, mittlerweile aber auch Ostdeutsche meint, die ihre deutsche Identit\u00e4t als gemischte definieren oder nicht mehr als \u201eWessi\u201c oder \u201eOssi\u201c zuzuordnen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprachwissenschaftlerin Doris Steffens vom Mannheimer Institut f\u00fcr Deutsche Sprache (IDS) macht deutlich, dass die Begrifflichkeiten \u201eOssi\u201c\/\u201eWessi\u201c als \u201eInbegriffe f\u00fcr die Schwierigkeiten des Vereinigungsprozesses\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> von Ost und West gesehen werden konnten. Ihre negativen Konnotationen h\u00e4tten sie jedoch mittlerweile abgelegt.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Ostalgie\"><\/a>\u201eOstalgie\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eOstalgie\u201c ist ein Kofferwort aus den W\u00f6rtern \u201eOsten\u201c und \u201eNostalgie\u201c und meint damit die spezifische Sehnsucht nach (bestimmten Lebensformen) der DDR. Diese Sehnsucht entwickelte sich Anfang der 1990 Jahre in Teilen der ostdeutschen Bev\u00f6lkerung im Zusammenhang mit einer gewissen Distanzierung zur Bundesrepublik und einer immer positiveren R\u00fcckbesinnung auf die DDR. Diese DDR-Nostalgie wurde vor allem durch die Auseinandersetzung mit dem schwierigen wirtschaftlichen Transformationsprozess und die Anpassung an das neue Rechtssystem vieler ehemaligen DDR-B\u00fcrger in der neuen Bundesrepublik und somit letztlich durch eine Entt\u00e4uschung \u00fcber die Folgen der Wiedervereinigung ausgel\u00f6st. Ab den sp\u00e4ten 1990er Jahren gab es eine regelrechte Ostalgie-Welle, die um 2000 herum ihren H\u00f6hepunkt fand: Es wurden (und werden bis heute) ehemalige Ost-Produkte in den Superm\u00e4rkten angeboten (beispielsweise die Knusperflocken von <em>Zetti<\/em>, <em>Club-Cola<\/em>, <em>Club<\/em>-\/<em>Juwel<\/em>-\/<em>Karo<\/em>-Zigaretten, <em>Spreew\u00e4lder Gurken<\/em>, <em>Halloren<\/em>-Kugeln oder das Waschmittel <em>Spee<\/em>; es kam zu sogenannten \u201eOstalgie-Partys\u201c, wo die Menschen in DDR-typischen Kleidungsst\u00fccken und mit entsprechenden Requisiten zu DDR-Schlagern oder -Popsongs feierten. Auch die sogenannte \u201eAmpelm\u00e4nnchen-Industrie\u201c verst\u00e4rkte bei vielen \u201eOstalgikern\u201c den Wunsch danach, an Gegenst\u00e4nden und Symbolen der ehemaligen DDR als Identit\u00e4tsanker festzuhalten. Schlie\u00dflich kam die Ostalgie-Welle in den Medien an: Es wurden nicht nur Fernsehsendungen oder Filme gezeigt, die an die DDR erinnerten (etwa <em>Sonnenallee<\/em>, 1999), oder Figuren \u00fcbernommen, wie beispielsweise das DDR-<em>Sandm\u00e4nnchen<\/em>, sondern auch ostalgische Romane verfilmt, wie Jens Sparschuhs <em>Der Zimmerspringbrunnen<\/em>, oder andere ostalgische Filme produziert, wie <em>Good Bye, Lenin!<\/em>, die beide Anfang der 2000er in die Kinos kamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wortsch\u00f6pfung \u201eOstalgie\u201c, geht auf den Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle zur\u00fcck.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Thomas Ahbe macht deutlich, dass der Begriff \u201eOstalgie\u201c sowohl wertneutral als auch negativ konnotiert gemeint sein kann: zum einen als \u201eeine berechtigte Form der Erinnerung oder eine erfolgversprechende Gesch\u00e4ftsidee\u201c<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> oder als Abwertung und R\u00fcckschrittlichkeit entgegen dem Zeitgeist der neuen und \u201ebesseren\u201c Lebensweise der BRD.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Wende\"><\/a>\u201eWende\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eWende\u201c bezeichnet den Prozess des gesellschaftspolitischen Wandels in der DDR 1989\/1990, der schlie\u00dflich zum Ende der SED-Herrschaft sowie zur Wiederherstellung eines gesamtdeutschen Staates 1990 f\u00fchrte. Erstmals trat der Begriff \u201eWende\u201c im politischen Kontext des Machtwechsels in der BRD unter Helmut Kohl auf, der eine \u201egeistig-moralische Wende\u201c verk\u00fcndete. In der DDR wurde dieser Begriff durch Egon Krenz gepr\u00e4gt, der in seiner Antrittsrede im Oktober 1989 von einer \u201eWende\u201c sprach, die die \u201epolitische und ideologische Offensive\u201c zur\u00fcckbringen werde, um die Wogen der Unruhe im Volk etwas zu gl\u00e4tten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Bei der Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 wurde dieser Begriff von der Schriftstellerin Christa Wolf aufgegriffen und ironischerweise mit einer Segel-Metapher in Verbindung gebracht, um ihre Kritik an dem Begriff der \u201eWende\u201c zu verdeutlichen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Daraus entwickelte sich auch die umgangssprachliche Bezeichnung \u201eWendehals\u201c als Bezeichnung f\u00fcr B\u00fcrger der DDR, die sich dem neuen System zuwendeten, um das Beste f\u00fcr sich herauszuholen, obwohl sie zuvor Anh\u00e4nger des DDR-Systems gewesen waren. Lothar de Maizi\u00e8re, der letzte demokratisch gew\u00e4hlte DDR-Ministerpr\u00e4sident, fasst die Kritik am Wendebegriff passend zusammen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">\u201eNoch heute bin ich \u00e4rgerlich, dass die Zeit des Herbstes 1989 als \u201aWende\u2018 bezeichnet wird und damit ein Begriff von Krenz aufgegriffen wird, statt sie als das zu bezeichnen, was sie wirklich war, n\u00e4mlich die Zeit einer friedlichen Revolution.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Einsch\u00e4tzung d\u00fcrften manche ehemalige B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der DDR teilen, da die synonyme Verwendung des Begriffs \u201eWende\u201c f\u00fcr die friedliche Revolution und Wiedervereinigung als \u201esprachliche[r] Vereinnahmungsversuch\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> gesehen werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a id=\"Wiedervereinigung\"><\/a>\u201eWiedervereinigung\u201c <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff der deutschen Wiedervereinigung oder Vereinigung bezeichnet den am 3. Oktober 1990 gesetzlich vollzogenen Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland, aus dem der Nationalfeiertag, der Tag der Deutschen Einheit hervorgegangen ist. Gesetzessprachlich wird hier von der \u201eHerstellung der Einheit Deutschlands\u201c gesprochen. Ma\u00dfgeblich waren dabei die Verhandlungen \u00fcber den Einigungsvertrag und schlussendlich die Abstimmung der Volkskammer am 23. August 1990, die den Termin des Beitritts festlegten. Historisch ist jedoch die Verwendung des Terminus \u201eWiedervereinigung\u201c ungenau. Das liegt darin begr\u00fcndet, dass am 3. Oktober 1990 die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes auf Grundlage des Artikels 23 des Grundgesetzes der BRD beitrat. Diese neu gebildeten Bundesl\u00e4nder besa\u00dfen jedoch noch keine demokratisch legitime(n) Landesregierung(en), da diese erst nach dem Vollzug des Beitritts gew\u00e4hlt wurden. So ist es eigentlich unpr\u00e4zise, von einer Wiedervereinigung zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso stand zur Diskussion, nach Artikel 146 des Grundgesetzes, der besagt, dass das GG seine G\u00fcltigkeit verliere, an dem Tag, da vom deutschen Volk eine neue Verfassung beschlossen worden ist, zusammen mit der Volkskammer der DDR eine komplett neue Verfassung zu gestalten. So h\u00e4tte es sowohl f\u00fcr West als auch Ost einen Neubeginn gegeben. Allerdings hat man sich dagegen entschieden, denn vor allem von Seiten der Bundesregierung wurde deutlich gemacht, dass das Grundgesetz nur an Qualit\u00e4t (vor allem an Freiheiten) verlieren k\u00f6nne.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Das wurde seitens mancher ehemaliger DDR-B\u00fcrger kritisch aufgefasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sahen in dem Begriff \u201eWiedervereinigung\u201c den Beitritt als Unterordnung sprachlich zementiert und bevorzugten den Begriff \u201eVereinigung\u201c, um wenigstens semantisch die Vorstellung einer Vereinigung zweier Staaten auf Augenh\u00f6he zu suggerieren, auch wenn diese so nicht stattgefunden hat. Doch auch im Westen war der Begriff nicht unumstritten, da das \u201eWieder\u201c eine R\u00fcckkehr zu einem vorherigen Zustand Deutschlands, quasi des Deutschen Reiches, sowie die Korrektur der vierzigj\u00e4hrigen deutschen Teilung als eines historischen \u201aIrrwegs\u2018, impliziere, mithin einen revisionistischen Unterton enthalte. Denn nicht nur in der BRD, sondern auch in Frankreich oder Gro\u00dfbritannien herrschte eine erhebliche Sorge vor einer m\u00f6glichen R\u00fcckkehr deutschen Gro\u00dfmachtstrebens und vor einer Wiederkehr des Gespenstes eines deutschen Nationalismus. Besonders die westdeutsche Linke pflegte erhebliche Vorbehalte gegen die deutsche Einheit oder lehnte sie rundweg ab. Stellvertretend f\u00fcr diese Position argumentierte G\u00fcnter Grass, die deutsche Teilung m\u00fcsse bestehen bleiben, da sie die Strafe f\u00fcr Auschwitz sei.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Dies wiederum empfanden viele Ostdeutsche als zynisch, da ihrer Meinung nach sie diese Strafe absitzen mussten, eingesperrt in ihrem Land, w\u00e4hrend die Westdeutschen in Freiheit ihrer Italien-, Frankreich- oder Amerikabegeisterung fr\u00f6nen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong> <a id=\"Zone\"><\/a>\u201eZone\u201c <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht auf die Bezeichnung der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zur\u00fcck, die als eine der vier Besatzungszonen aus der Konferenz von Jalta der alliierten Staatschefs 1945 hervorging. Anders als die Namen f\u00fcr die Besatzungszonen der Westm\u00e4chte, h\u00e4lt sich die Bezeichnung \u201eZone\u201c oder \u201eOstzone\u201c\/\u201eSowjetzone\u201c auch nach der Gr\u00fcndung der DDR 1949 in der Umgangssprache vor allem der B\u00fcrger der Bundesrepublik mit einer abwertenden Konnotation. Diese l\u00e4sst sich darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass die Bundesregierung in den Jahren nach 1949 die Existenz eines ostdeutschen Staates nicht anerkennen wollte und somit weiterhin das K\u00fcrzel SBZ anstelle von DDR verwendete. Bis sich die Ostpolitik der BRD in den 1970er Jahren \u00e4nderte und auch in der Presse der Begriff \u201eDDR\u201c (in Anf\u00fchrungszeichen) Verwendung fand, kann man \u201eZone\u201c auch noch nach Ende der DDR in vielen Kontexten als Bezeichnung ausmachen, wie etwa bei der Bezeichnung des \u201eZonenrandgebiets\u201c in dem damit verbundenen \u201eZonenrandf\u00f6rderungsgesetz\u201c, das noch bis 2006 seine G\u00fcltigkeit behielt, oder der Bezeichnung des Status \u201eSowjetzonenfl\u00fcchtling\u201c im Bundesvertriebenengesetz, die eine Person meint, die vor dem 1. Juli 1990 die DDR verlassen hat. Diese Bezeichnung gilt noch bis heute und zeigt, dass selbst 30 Jahre nach dem Ende der DDR die \u201eZone\u201c noch nicht \u00fcberwunden ist. Auf dem Titelbild der westdeutschen Satirezeitschrift <em>Titanic<\/em> wurde im November 1989 \u201eZonen-Gaby im Gl\u00fcck: Meine erste Banane\u201c abgebildet. Diese Abbildung zeigte eine sehr stereotyp aussehende Ostdeutsche, die anstelle einer Banane eine Gurke in der Hand hielt. Zum einen diente dies als Karikatur der Mangelwirtschaft der DDR, zum anderen wurde die Darstellung jedoch ambivalent aufgenommen \u2013 und so wurde die \u201eZonen-Gaby\u201c so etwas wie Kult- und Reizfigur, im Osten wie im Westen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Im Titel von Jana Hensels Buch <em>Zonenkinder<\/em>, in dem sie ihr Schicksal (und das anderer \u201eZonenkinder\u201c), die in jungen Jahren das Ende der DDR und den darauf folgenden Umbruch miterlebten, beschreibt, findet man dann einen (selbst-)ironischen Bezug zur Verwendung des Begriffs \u201eZone\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Lindner, Bernd (BPB). \u201eBegriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche\u201c, Kapitel \u201eWende.\u201c (3. Juni 2014), <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/185602\/begriffsgeschichte-der-friedlichen-revolution-eine-spurensuche?p=2\">https:\/\/www.bpb.de\/apuz\/185602\/begriffsgeschichte-der-friedlichen-revolution-eine-spurensuche?p=2<\/a> (eingesehen am 22. Nov. 2022).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wolf, Christa. \u201eRede auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989\u201c, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SSk-ytE9c20\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SSk-ytE9c20<\/a> (eingesehen am 20. Mai 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> De Maizi\u00e8re, Lothar. <em>\u201eIch will, dass meine Kinder nicht mehr l\u00fcgen m\u00fcssen\u201c. Meine Geschichte der deutschen Einheit.<\/em> Freiburg: Herder, 2010, S. 52.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u201e\u201aWende\u2018? \u201aFriedliche Revolution\u2018? \u201aMauerfall\u2018?\u201c (Memento vom 23. Juni 2013 im Internet Archive), Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 19. Oktober 2009, <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html\">https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html<\/a> (eingesehen am 20. Mai 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. M\u00fcnch, Ursula. \u201e1990: Grundgesetz oder neue Verfassung?\u201c <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-einheit\/deutsche-teilung-deutsche-einheit\/43813\/die-frage-nach-der-verfassung\">https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-einheit\/deutsche-teilung-deutsche-einheit\/43813\/die-frage-nach-der-verfassung<\/a> (eingesehen am 18. Juni 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0 Vgl. hierzu Winkler, Heinrich August. \u201eLesarten der S\u00fchne.\u201c In: <em>Der Spiegel <\/em>Nr. 35 24. Aug. 1998, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/consent-a-?targetUrl=https%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fspiegel%2Fprint%2Fd-7969480.html&amp;ref=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F\">https:\/\/www.spiegel.de\/consent-a-?targetUrl=https%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fspiegel%2Fprint%2Fd-7969480.html&amp;ref=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F<\/a> (eingesehen am 1. Aug. 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Sticht, Christina. \u201e\u201aZonen-Gaby\u2018 und ihre komische Sucht nach Bananen\u201c. In: <em>Die Welt<\/em> 13. Okt. 2014, <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article133212183\/Zonen-Gaby-und-ihre-komische-Sucht-nach-Bananen.html\">https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article133212183\/Zonen-Gaby-und-ihre-komische-Sucht-nach-Bananen.html<\/a> (eingesehen am 21. Mai 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> De Bruyn, G\u00fcnter. \u201eJubelschreie, Trauerges\u00e4nge\u201c. In: <em>Die Zeit<\/em> 7. Sept. 1990.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. R\u00f6dder, Andreas. <em>Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung.<\/em> M\u00fcnchen: C.H. Beck 2009, S.117.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. \u201e\u201aWende\u2018? \u201aFriedliche Revolution\u2018? \u201aMauerfall\u2018? (Memento vom 23. Juni 2013 im Internet Archive), Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 19. Oktober 2009, <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html\">https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html<\/a> (eingesehen am 20. Mai 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. Grub, Frank Thomas. <em>\u201eWende\u201c und \u201eEinheit\u201c im Spiegel der deutschsprachigen Literatur<\/em>. Berlin \/ New York: de Gruyter, 2003, S. 118-120.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. Krenz, Egon. <em>Herbst \u201989<\/em>. Berlin: Neues Leben, <sup>2<\/sup>1999, S. 90 f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Vgl. \u201e\u201aWende\u2018? \u201eFriedliche Revolution\u201c? \u201eMauerfall\u201c?\u201c (Memento vom 23. Juni 2013 im Internet Archive), Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 19. Oktober 2009, <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html\">https:\/\/web.archive.org\/web\/20130623211005\/http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/20Jahre\/2009-10-20-wende-oder-wie.html<\/a> (eingesehen am 20. Mai 2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Winkler, Heinrich August. <em>Der lange Weg nach Westen<\/em>. Zweiter Band: <em>Deutsche Geschichte vom \u201eDritten Reich\u201c bis zur Wiedervereinigung<\/em>. F\u00fcnfte, durchgesehene Auflage. M\u00fcnchen: C.H. Beck, 2002, S.\u00a0561.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Steffens, Doris. \u201eWer sagt noch Jammerossi und Besserwessi?\u201c In: <em>M\u00e4rkische Allgemeine<\/em> 14. Mai 2014.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Vgl. ebd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Vgl. Ahbe, Thomas. <em>Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren.<\/em> Erfurt: Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung Th\u00fcringen, 2005, S. 7.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Ebd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFriedliche Revolution\u201c | \u201eOssi\u201c\/ \u201eWessi\u201c | \u201eOstalgie\u201c |\u00a0\u201eWende\u201c | \u201eWiedervereinigung\u201c | \u00a0\u201eZone\u201c &nbsp; \u201eFriedliche Revolution\u201c Als \u201efriedliche Revolution\u201c werden die Prozesse in der Gesellschaft der DDR und die darauf folgenden politischen Ver\u00e4nderungen in Ostdeutschland in den Jahren 1989\/1990 bezeichnet, die letztendlich zum Ende der DDR, zum Fall der Mauer sowie der innerdeutschen Grenze und zur [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":282,"featured_media":0,"parent":7909,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-7953","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7953","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/282"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7953"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7953\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7909"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.dickinson.edu\/glossen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}